Der Sinn fürs Praktische

Ich bin leicht zu irritieren,
und am meisten irrtiert mich
der Sinn fürs Praktische, den
die Menschen in meiner Umgebung
besitzen.
Alles scheint einfach zu sein; für sie.
Vor allem das Einfache, das für mich
so schwierig ist. Das Alltägliche.
Es ist schwierig für mich, weil es
mich nicht interessiert; es sei
denn, ich lese darüber. Aber dann
muss es interessant geschrieben sein.
(Stil über Inhalt.)
Was soll ich mit dem Alltag?
Ich will die Allnacht!
Ruhe.
Und keine Eindringlinge in meinem Kopf.
»Wie kann man nur so lebensfremd sein?«
Ein Satz, den ich des öfteren höre.
Fremd war ich immer –
mir ….
den anderen …..
dem Leben.

Und überhaupt:
Das Leben –

Es kommt mir nicht zu nah, aber
es geht mir zu nah.

Ich besitze keinen
Sinn fürs Praktische.

Vielleicht einen anderen –
aber den hat
das Leben
nicht.


Der Kontrabass

Und dann verlangt jemand von dir, dass du
einen Kontrabass wie eine Geige unter dein Kinn klemmst
& seine Melodie spielst.

Dabei kannst du nicht mal Geige spielen,
und die Melodie kennst du nicht.

Und überhaupt sind deine Arme zu kurz,
um das Instrument zu stimmen.

Es stimmt einfach nichts.

Und vielleicht ist dieser Jemand
einfach
das Leben.


Ein bisschen Leben

Ein bisschen schon
Ein bisschen noch
Ein bisschen zu viel
Ein bisschen zu wenig
Ein bisschen zu früh
Ein bisschen zu spät
Ein bisschen von allem

Zu viel vom Nichts


Der Schweiß in der Matratze

Die Albträume, die mich die größte Menge
an Schweiß kosten, sind diejenigen,
in denen ich jünger bin als in der
Schlaflosigkeit.

Denn
die Hölle habe ich
hinter mir.

Vielleicht habe ich
eine noch schlimmere Hölle
vor mir.

Wahrscheinlich sogar.

Aber von ihr
träume ich nicht.

Gegenwart findet nicht statt
in meinem Schlaf.

Die Matratze ist vollgesogen
vom AngstSchweiß
der Erinnerungen.


Manchmal, wenn es ganz still ist

Manchmal, wenn es ganz still ist,
hört man einen Ton, der von einer Gitarre kommt, die
seit Jahren nicht bespielt wurde.

Vielleicht war nur
ein Temperaturwechsel daran schuld.

Dieser Ton klingt nicht wie
gewollt;
nicht sauber.

Nur ein
Pling!

Es hat etwas mit
Spannung zu tun.

Vielleicht auch mit
der Langeweile
einer bestimmten Saite.

Wenn man zufällig vorübergeht
an dieser Gitarre,
könnte diese Saite einem
ins Gesicht springen.

Eine Wunde schlagen.
Eine Narbe hinterlassen.

Manchmal, wenn es ganz still ist,
fühle ich mich
wie eine Gitarre, die
zu lange nicht bespielt wurde.


Ein Regenbogen in mondlosen Nächten

Und dann ist das volle Glas
das Prisma, durch das
die Welt betrachtet wird,
und das weiße Licht
wird bunt im klaren Schnaps, wenn
der Winkel stimmt.
Die Eintönigkeit wird zum Akkord;
das Spektrum splittert.
Licht wird gebrochen.
Schatten brechen.
Ein Regenbogen, der sich
über mondlose Nächte
spannt.


Die Sängerin in der Bar

Es war Zufall.
Da saß diese schwarze Sängerin
aus Chicago in der Hotelbar;
an der Theke. In diesem
deutschen Kaff.
Trank. Und trank.
Im Saal nebenan: eine Betriebsfeier.
Langweilige Menschen.
Live-Musik.
Schrecklich Musik. Wie ich fand.
Die Sängerin nahm ihr Glas &
ging in den Saal, betrat
die geschlossene Gesellschaft.
Ich machte meinen Job,
oder das, was ich
& andere dafür hielten; an
der Rezeption.
Hin & wieder kamen Kollegen, die im
Saal bedienten, bei mir vorbei.
„Die ist komisch“, sagte einer. „Und
die macht eine der Backroundsängerinnen an.
Fällt allmählich auf.“
Ich sagte nichts.
Sie kam wieder zurück.
Setzte sich wieder an die Theke.
Trank weiter.
Redete mit dem Barkeeper.
Ich hörte ihre tiefe Stimme,
die Stimme, für die sie berühmt war.
Hin & wieder sprach sie auch
mit sich selbst.
Sie ging wieder in den Saal.
Kam wieder zurück.
Trank.
Irgendwann
kam sie zu mir.
Lächelte.
Sagte mir ihre Zimmernummer.
(Als ob ich die nicht gewusst hätte.)
Sagte: “If the girl from the band asks
for me, give her my room-number, please.

Sie lächelte. Ihre Augen ….
ein wenig glasig, ein wenig traurig.
Oder nein – sehr glasig, sehr traurig.
Ich lächelte zurück. Und das nicht, weil es
mein Job war, oder das, was ich & andere
dafür hielten.
Sie kam noch einige Male zu mir, um
sich zu vergewissern, dass ich ihre Bitte
nicht vergessen hatte.
Dann betrat sie den Aufzug. Die Türen
schlossen sich.
Irgendwann verstummte die schreckliche
Musik im Saal.
Die Gäste gingen.
Die Band baute das Equipment ab.
Schaffte es Stück für Stück, an der Rezeption
vorbei, nach draußen.
Ich hörte die Backroundsängerinnen, wie
sie sich unterhielten; mit ihren Durchschnitts-
stimmen. Die nicht immer den Ton getroffen hatten.
Sie machten sich lustig.
Lustig über die kleine Schwäche der
Betrunkenen.
Es war nicht mal Boshaftigkeit, was aus ihnen
sprach. Es war
etwas Schlimmeres.
Es war die Leere in ihnen; das,
was sie von der anderen
unterschied.
Ich stellte mir vor, wie sie da oben in
ihrem Zimmer saß
& wartete.
Aber vielleicht war sie ja auch schon
eingeschlafen.
Betrunken & einsam.
Das ist Jahre her; und es ist
immer noch seltsam, ihre Stimme zu hören,
oder sie im Fernsehen zu sehen – &
sich vorzustellen, dass diese
Backroundsängerin
sie vielleicht auch hört & sieht.
Und noch immer nichts
begriffen hat.


Ich habe keinen Charakter

Im Übrigen habe ich
keinen Charakter.

Jedesmal wenn ich höre oder lese,
was andere über ihren Literatur-, Musik-,
Film- oder Kunstgeschmack sagen,
denke ich mir:
DAS ist Charakter.

Dezidierte Ansichten.
Ein dezidiertes Ausschluss-
verfahren.

Ich:
schätze zu
Vieles.

Zu vieles, das nicht
zueinander
passt.

Literaten, Musiker,
Filmschaffende, Künstler, die sich
untereinander
gehasst haben.

Verschiedene Begriffe,
verschiedene Ansichten.
sich widersprechende &
einander ausschließende
Weltbilder.

Richtungen ohne gemeinsames
Zentrum.

Ich:
habe keinen Charakter.

Vielleicht sollte mein Schädel
enger sein,
um Platz zu haben

für einen Charakter.

Aber wahrscheinlich
würde ich mich dann
schrecklich langweilen.


Das wunderbare Chaos

Wann hörte ich eigentlich auf,
unordentlich & chaotisch zu sein in
allem Äußeren?

Wenn ich genau darüber nachdenke,
war es – als
meine innere Ordnung zusammenbrach &
das Chaos in mir zu wohnen begann.

Das wunderbare Chaos.

Fortan wurde ich so
ordentlich, dass ich jeden Gegenstand,
den ein Besucher in meiner Abwesenheit
in die Hand genommen & ein wenig anders
wieder zurückgelegt (verrückt) hatte, sofort
bei Betreten des Raums
bemerkte – erfühlte.

Eine Art von Austausch
zwischen Innen & Außen
hatte stattgefunden.

Ein Ausgleich, der
ein Gleichgewicht herstellen sollte.

Ab & an
wünsche ich mir die äußere Unordnung zurück,
als könnte diese mein (verrücktes) Inneres wieder
ordnen ….
Dann beginne ich, wie ein Set-Designer
eine Unordnung herzustellen ….

Aber sie ist künstlich –
vielleicht sogar kunstvoll,
eine Kulisse für meinen inneren Film.

Ich belächle meine Versuche,
denn letztlich ist dieser Film doch nur
eine Komödie,

& das innere Chaos
bleibt
wunderbar.


Lebensgestolper statt Lebenslauf

Karriere
bekanntlich bedeutet dieses Wort auch: Galopp.
Meine Schulkarriere bewegte sich eher wie ein
Gaul, der beim Militaryreiten ernsthaft verletzt worden ist.
Nach den Grundschulen (2 Stück) kam das
Neusprachliche Gymnasium. Ein paar Jahre, und man
hielt es für besser, mich da wieder runterzunehmen
(„In Anbetracht der Umstände, Tod des Vaters etc., wären
wir bereit, die Fünfen in Vieren umzuwandeln, sofern
er die Schule verlässt.“)

Ok. Es folgte die Realschule. Und ungefähr 200
Fehlstunden. Ich schlief meist tagsüber, schon damals.
Die Erziehungsversuche meiner Mutter liefen ins Nichts.
Nach einem Jahr kam der gloriose Abgang wegen
eines weiteren Umzugs – mit dem schlechtesten Zeugnis,
das es an dieser Schule je gegeben hatte (2 Sechsen, 4
Fünfen & ein paar Vieren). Und bei Sport stand grundsätzlich
in allen Zeugnissen:
Nicht erteilt.
Nach dem Umzug hatte ich gar keine Lust mehr. Ich
unterlag aber noch 1 Jahr lang der Schulpflicht. Was tun?
Ich ging einmal pro Woche zur Berufsschule – ohne Lehre,
ohne Berufswunsch. Die übrige Zeit lag ich im Bett &
las. Oder machte Musik. Keine Ahnung, was für Ausbildungen
die anderen machten.
Ich war ohne Abschluss.
Nächster Umzug. Jobs drohten. ‚Dann doch lieber Schule’,
dachte ich.
Also, ab auf die Hauptschulen (2 Stück). Mit einer kleinen
Pause zwischen den beiden, versteht sich. Oder auch nicht so
klein; immerhin standen eines Tages, als ich von einem
nächtlichen Spaziergang zurückkam, Direktor & Hausmeister
der neuen Schule vor der Wohnungstür, um mich herzlich ein-
zuladen, am Unterricht teilzunehmen. „Und übrigens“, sagte
der Direktor zum Schluss, „Rauchen ist auf dem Schulgelände
nicht erlaubt.
“ Ich nahm noch einen Zug. Er grinste.
Diesmal gab es keine Fünfen oder Sechsen. Aber es gab ja auch
nach wie vor keinen Sport (da ich den Direktor, der mich
irgendwie mochte, davon überzeugen konnte, dass das nichts für mich sei).
Unmittelbar vor dem 4. Umzug innerhalb eines Jahres hatte ich nun
also den Hauptschulabschluss. Einen mittelprächtigen. Und noch
immer keine Lust auf einen Job. Eine weitere Schule musste her,
für den nächsten Abschluss.
Handelsschule. – Die einzige Schule, auf der ich etwas lernte, das
wirklich nützlich war: nämlich mit 10 Fingern zu tippen.
Niemals meldete ich mich, und fast niemals machte ich Haus-
aufgaben; es wurde toleriert, weil meine schriftlichen Leistungen
gut genug waren. Nebenher schrieb ich schmutzige Spottgedichte
auf die Lehrerschaft, die bei den Mitschülern sehr beliebt waren.
Schließlich hatte ich einen Abschluss. Einen Abschluss, der
dem Realschulabschluss entsprach, den ich vor Jahren ….
na egal, Schwamm drüber.
Der Direktor überreichte mir ein Buch mit persönlicher Widmung,
da ich der Jahrgangsbeste war. Sogar in Mathematik. Guter Witz.
Punkt. Absatz.
Ich liebe die Bequemlichkeit. Und das Bequemste war,
einfach weiterzumachen. Das bedeutete:
Wirtschaftsgymnasium.
Das Thema interessierte mich nicht, aber dies Gymnasium befand
sich im selben Gebäude wie die Handelsschule. Und ich liebe ja –
aber das sagte ich schon. Außerdem hielt sich die Zahl der neuen
Gesichter in Grenzen, da die Lehrer größtenteils dieselben waren.
Das bedeutete, ich musste kaum weitere Spottgedichte schreiben.
Die Zeit dümpelte so dahin.
Am Ende stand das Abi. Nicht das beste, aber ich hatte ohnehin
nichts damit vor.
Ich war 21 Jahre alt.
Danach –
kam erstmal eine Pause.
Aber das ist
ein anderes Thema.
Ich stolperte weiter.


Kein Mitleid

Ich tue so
als würde ich kein Mitleid kennen
mit denen, die sich
das Mitleid
redlich verdient haben

Denn »Mitleid« ist
vermute ich
das Letzte
was sie
wollen


Von Ende bis Anfang (& darüber hinaus)

Es sollte, wenigstens einmal, mit dem Ende beginnen,
mit den Vorwürfen, den bitteren Worten, den
Enttäuschungen, dem Hass.
Und dann sollte man sich langsam
auf den Anfang zubewegen, auf das
Verzeihen, die süßen Worte, die angenehmen
Überraschungen, das Verliebtsein.
Wie entspannend wäre das – zur Abwechslung.
Und dann ginge man über den Anfang
hinaus – & würde sich nicht kennen.
Noch nicht – oder nicht mehr; wie auch immer.
Und wie entspannend & angenehm wäre das erst!


Revision eines Textes

Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!

(Oder war man es schon damals?)

Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:

Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.

Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….

Flucht –
wie immer.

Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.

Ihre Gedanken.

Man ist ja oft
so lächerlich.


Wände

Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu

Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden

& wäre mir wieder
zugewandt

Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend


Im Auge der Fliege

Ich möchte wohnen im
Auge der Fliege –
im
Facettenreich

Die Fliege, die
in meinem Auge landet,
hatte wahrscheinlich
andere Wünsche

In meinem Auge
gibt es keine Facetten

Wenn die Fliege Glück hat
ertrinkt sie nicht

Wenn ich Glück habe
trinke ich


Das Haar am Ohrläppchen

Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.


Wesenheiten

Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend

Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend

Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.

Man müsste sich nur
daran erinnern.

Ab & zu.

So oft
wie möglich.

Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.

Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?


Das Fingerschnippen

Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.

(siehe auch: Die Klapsmühle)


Und für jeden Text …..

Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.

(So ungefair jedenfalls)


Allein & Abgeschnitten

Das Nichts kann man sich nicht
vorstellen – man kann nur glauben, es
sich vorstellen zu können.

Aber
es gibt Nächte
(die Mondsichel erinnert an
einen abgeschnittenen Fußnagel in einem
schwarzen Abfluss)
da denkt man, es sei
leichter
sich das Nichts vorzustellen
als
das
Alleine &
Abgeschnitten
Sein
zwischen den
Menschen.


Die Leertaste

Die Leertaste auf meiner Tastatur scheint mir
abgenutzter zu sein als alle anderen Tasten …
Es muss sich um eine Täuschung handeln, rein
rechnerisch; natürlich.
Sie sieht versiffter aus als die anderen Tasten –
das könnte immerhin sein (Daumen sind breiter als
Fingerkuppen, und sie sind zu zweit).
Ergibt das einen Sinn?
Wahrscheinlich nicht.
Das ist mir egal.
Wie so vieles.
Ich taste im Leeren.
Ich rechne.
Mit nichts.
Irgendwann wird es so weit sein, dass ich
meine Memoiren schreiben werde – & ich werde dazu
ausschließlich diese versiffte Leertaste benutzen.
Entweder weil ich nicht anders kann,
nicht mehr anders kann,
oder
weil es letztendlich keinen
Unterschied macht.


Es ist schon seltsam

Es ist schon seltsam –
All diese jungen Frauen, die mir
im Laufe der Jahre in meinem Job begegnet sind,
Auszubildende, Kolleginnen – immer
kamen & kommen sie mit ihren Problemen
zu mir.
Ausgerechnet.
Zu mir, um sich auszuweinen.
Zu mir, mit ihren Geheimnissen.
Zu mir, um sich Rat zu holen.
Zu mir, der nur 2 Nächte pro Woche dort auftaucht.
Zu mir, der von Nichts eine Ahnung hat.
Wie kann man nur zu mir kommen?
Ich komme ja selber nicht zu mir.
Ich höre, was sie sagen;
ich sage etwas;
ich betrachte sie; und
ich bin weit weg …..
Zu weit weg
von allem.
Von ihrer Jugend,
von ihren Problemen,
von ihren Körpern.
Selbst in meiner Jugend war ich
zu weit weg
von allem.
Und jetzt?
Fast nicht mehr existent. –
Aber sie kommen immer wieder,
all diese jungen Frauen, die
nichts wissen von
meinen Problemen,
meinen Geheimnissen,
meiner Ratlosigkeit,
meiner Sehnsucht ….
Sie kommen wieder, als hätte ich
beim letzten Mal
etwas Richtiges
gesagt.
Es ist schon seltsam.


Der verpasste Film

Und vielleicht ist das Leben der Film, den man
verpasst hat, weil man glaubte,
einen Termin wahrnehmen zu müssen.
Einen Termin, der
zu
Nichts
führte ……

Der Film wird
nicht wieder gezeigt.
Nur dieses eine Mal war er zu sehen.

Doch was soll’s!
Er
unterscheidet sich von dem Nichts
nur bei
oberflächlicher Betrachtung.


Ein allzu einfacher Traum

Im Nachhinein kam der Schlaf mir vor wie eine Vollnarkose; irgend
etwas traumlos-Schwarzes aus Alkohol, Nikotin, Kopfschmerz & As-
pirin. Und als ich aufwachte, konnte & wollte ich nicht aufstehen.
Noch mehr Kopfschmerz.
Ich blieb liegen, schlief wieder ein. Wieder erschien alles
traumlos-schwarz.
Gegen 1 Uhr Nachts machte ich mir schließlich Frühstück; Spiegel-
ei auf Toast, Grüner Tee & Aspirin.
Es gab keinen Grund, aufzustehen (wie fast immer), ich tat es
trotzdem. Fühlte mich wie ein stolpernder Schwindel.
Als erstes checkte ich, was für einen Mist ich mal wieder im Voll-
rausch geschrieben hatte. Es war wie immer: Manches ging so,
anderes war mehr als überflüssig. Egal. Den Kopf konnte ich nicht
schütteln – wegen der Schmerzen & des Schwindels; obwohl ich ihn
gerne geschüttelt hätte.
Und irgendwann war sie da – die Erinnerung an einen Traum.
Ich hatte mich geirrt. So traumlos-schwarz war mein Schlaf nicht ge-
wesen. Natürlich nicht.
Schwarz waren die Vogelspinnen meines Traums. Und sie waren überall.
Überall in meinem Haus, in dem die Möbel fehlten. Und sie huschten
über den nackten Boden, diese Spinnen. Und mit einer Schnapsflasche
ging ich umher; und immer, wenn mir eine Spinne zu nahe kam, erschlug ich sie
mit dem Boden der Flasche. Zurück blieben die zerstörten schwarzen
Körper.

Dieser Traum war so simpel,
seine Deutung ist so naheliegend,
dass ich glaube,
hinter seiner Einfachheit
muss
etwas
Anderes
verborgen
sein.

Irgend etwas
Anderes,
das ich
nicht
wissen
will.


Mir fehlt einfach Alles

Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein;
Alles, was man braucht, um
veröffentlicht
zu werden;
Alles, was man braucht, um
irgendwo
dazu
zu
gehören.

Formulare, die
innerhalb gewisser Fristen ausgefüllt werden
müssen,
lasse ich so lange liegen, bis
Strafen
angedroht werden;
& dann
lasse ich sie noch länger liegen;
Anrufe
nehme ich nicht entgegen.

Sprechen
tue ich ungern.

Vorlesen
tue ich nie.

Ich möchte nicht
gesehen werden,

nicht einmal in einem
Seitenweg.

Nicht einmal in
der Nacht.

Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein.

Alles, was ich habe, sind
ein paar Bleistifte,
ein paar Schreibmaschinen,
ein Computer
& Papier –

& ein paar
blöde Ideen, die
in der Schlaflosigkeit
des Besoffenseins
geboren werden.


Die Süßigkeit der Rache

„Solange du Texte wie den da schreibst“, sagte sie,
„will ich mit dir nichts mehr zu tun haben. Das
war zuviel.“

Vielleicht hatte sie recht.
Wahrscheinlich sogar.

Aber manchmal,
wenn nur noch Bitteres im Hause ist
& ich einen übermächtigen Appetit auf
Süßes habe,
gönne ich mir

die Süßigkeit der Rache.


Kein Grund, der Held zu sein

Ich habe doch nun wirklich
keinen Grund, der Held zu sein
in meinem Geschreibsel.

Ich schreibe für mich.
Zuallererst für mich.
Nur, um rauszulassen, was
raus muss; Ballast abzuwerfen,
damit ich nicht abstürze.

Und all das
Jämmerliche
Erbärmliche
Weinerliche
Lebensuntüchtige
Rachsüchtige
Sadistische
Masochistische
Stinkende
Faule
Gedankenlose
Grausame
in mir
kenne ich doch zu Genüge.

Kein Grund, etwas zu verbergen.
Kein Grund, etwas zu beschönigen.
Kein Grund, der Held sein zu wollen.
Für was denn?
Für wen denn?

Wenn es mir aber doch passiert,
hin & wieder (viel zu oft),
das Beschönigen,
das Verbergen,
das Heldseinwollen,
so ist auch das
nur ein Zeichen für
die ein oder andere
meiner Schwächen.


Brillenwahl

Der Optiker präsentiert sein Sortiment
Man soll sich ein Gestell aussuchen
Ein neues Gestell
für neue Gläser

Aber die alten Gläser
sind so alt
dass man die neuen Gestelle
nicht mehr erkennen kann

Vielleicht gibt es nur
1 Lösung :
Die neuen Gläser in
das alte Gestell
einpassen


In die Ecke geschmissen

Und dann schmeisst man seinen alten Seneca in die Ecke
& Epiktet hinterher, hämmert mit der Stirn seinen Schmerz
in die Wände um einen herum – & fühlt wieder irgend etwas
sterben.
Der Stoizismus ist mal wieder beim Teufel gelandet, und
der Teufel sieht jedes Mal anders aus.
All das, was man in
in Ruhe
gelesen hat,
bedeutet nichts, wenn
die Ruhe fort ist.
Man hatte das alles schon selber gewusst, noch bevor
man es las.
Und man wusste, dass es einem
nicht helfen würde, wenn es mal wieder so weit war.
Immer &
immer
wieder
ist es
dasselbe!
Ohne Dazulernen.
Gefühle –
Hormone –
chemische Abläufe –
was auch immer.
Mächte, die noch stärker sind als
die Worte;
noch stärker als
die Gedanken, die
klug sein sollen.
Die Bücher landen in der Ecke
wie ungezogene Kinder, die nicht getan haben,
was sie hätten tun sollen.
Man straft sie mit Mißachtung.
Besorgt sich eine Flasche Gin &
trinkt in Gegenwart der Bücher, die
versagt haben, als wollte man ihnen stumm zu verstehen geben:
‚Schaut her, darauf ist Verlass. Hey Seneca, hey Epiktet,
schaut her – Mr. Alexander Gordon hatte mehr drauf als Ihr!
Zum Teufel mit Euch!’

Aber natürlich –
irgendwann
irgendwann
geht man wieder in diese Ecke;
hebt die Bücher auf,
pustet den Staub von ihnen
& bettet sie dort, wo sie sich
geborgen fühlen.
Wieder ist etwas gestorben in einem.
Wieder sind frische Blutflecken an den Wänden um einen herum.
An den Wänden, die
Ecken bilden.
Aber man lässt die Kinder nicht
für immer
in der Ecke.


Tage wie runtergerutschte Hosen

Es gibt Tage
aber wem sage ich das
die fühlen sich an wie
runtergerutschte Hosen in einem
Traum
Tage
da fühlt man sich
als würde
die runtergerutschte Hose
einen beim Gehen behindern
& zu allem Überfluss
trägt man
aber wem sage ich das
keine
Unterwäsche –
& alle schauen zu
wie man
letztlich
untenrum nackt
auf die Schnauze fällt


Kolbenfresser

Die subjektive Zeit :
ein festgefressener Kolben in einer toten Maschine.
Eine Maschine mit einem Zähler, der
stehengeblieben ist –
Zahlen, die sich nicht mehr verändern ….
Daten, die
für immer bleiben.
Man verrottet immer weiter, aber
das Gefühl
bleibt an diesem einen Punkt stehen –
an diesem einen Zeitpunkt,
als der Kolben sich festfraß &
das Leben ins Stocken geriet ….
Und alles, was man sucht,
sind nur noch diese Zahlen & ihre
Entsprechungen.
Längst passen sie nicht mehr
zu einem,
längst hat man sie
sterbend überholt, aber
obwohl man sie überholt hat,
sieht man sie
vor sich – &
man wird sie vor sich sehen
bis
zum
Ende.


Meine Geheimnisse

Mein bester Freund geht
nach meinem Tod
durch mein Haus, in dem ich
fehle …..
Und er entdeckt
meine Geheimnisse …..
Eines nach dem anderen.
Und er ist
erschüttert
über all das, von dem er
keine Ahnung hatte …..
Damals, als ich
lebte.
Er ist
erschüttert, aber
irgendwann –
irgend
wann
lächelt er.


Der Finger

Er trank einen Scotch nach dem andern,
ich trank nur Kaffee – der nicht schmeckte.
Die Kneipe war ungemütlich & nicht besonders
sauber. Aber sie war die erste, an der wir vorbeigekommen
waren. Und sie war leer.
„Ich werde mir einen Finger abschneiden“, sagte er, „ich
weiß nur noch nicht, welchen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
„Nein. Wirklich. Ich werd’s tun.“
„Was soll der Scheiß?“
„Erst wollte ich mich ja umbringen“, sagte er, „aber
dann hätte ich ja nicht mehr mitbekommen, wie sie sich
Vorwürfe macht. Und ich will das mitbekommen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
Er schwitzte, und seine Augen glänzten.
„Du wirst es ja sehen. Ich glaub, der Kleine Finger der
linken Hand wäre ok, meinst du nicht?“
„Warum so halbherzig?“ sagte ich. „Wenn sie sich richtig
Vorwürfe machen soll, muss da schon ein bisschen mehr kommen.
Beziehungsweise gehen.
Ein Mittelfinger zum Beispiel, oder ein Daumen.“
„Mach dich nur lustig“, sagte er. „Das wird dir schon noch
vergehen.“
Er trank das Glas leer; bestellte das nächste.
Die weibliche Bedienung lächelte nett, als sie es vor ihn
hinstellte & das leere mitnahm. Wahrscheinlich hörte sie zu.
„Ich bin so blöd“, sagte er. „So blöd. – Eigentlich hat sie doch
von Anfang an die Wahrheit gesagt. Ich hab’s nur nicht geglaubt.
Sie hat gesagt, dass sie scheiße ist, und ich hab gesagt „Aber nein,
das bist du nicht“; wenn ich gesagt hab „Ach, wie süß“, hat sie
gesagt „Ich bin nicht süß“; sie hat gesagt, dass sie aus gutem Grund
keine Freunde hat; dass sie immer alles kaputt macht; dass sie
mich nicht so gern hat, wie ich sie, und und und …. Und das war
mir alles scheißegal, und ich hab’s nicht geglaubt. Ich bin so blöd.“
„Tja“, sagte ich. „Mag sein.“
„Und dabei hatten wir praktisch keine Gemeinsamkeiten; die meisten
Sachen, über die sie redete, interessierten mich gar nicht; alles so
Kleinmädchenkram, das muss man sich mal vorstellen.“
Er kippte den Scotch.
„Scheißgefühle. Verdammte Scheißgefühle. Allein ihr Anblick, ihre
Stimme…. Oh verdammt, ich will, dass sie leidet …. Ich werde mir
den Finger abschneiden.“
„Wie wär’s mit dem Schwanz?“ sagte ich.
„Und du bist auch ein Arschloch“, sagte er.
„Wenn sie so ist, wie du sagst, ist es ihr vielleich sogar egal, was du
dir abschneidest.“
„Nein“, sagte er. „Das glaube ich nicht. So ist sie nun auch
wieder nicht.“
„Auf jeden Fall wirst du länger etwas davon haben als sie. Nur gut,
dass du kein Instrument spielst.“
„Arschloch“, sagte er. Aber
grinsen musste er doch; auch wenn es
etwas verkniffen rüberkam.
„Weißt du, diese verdammte Einsamkeit“, sagte er. „Ich
meine, ich war ja vorher auch einsam, aber jetzt ist es halt
schlimmer. Noch schlimmer.“
„Das ist doch immer so“, sagte ich. „Das gibt sich auch wieder.“
„Ich weiß, aber vielleicht will ich das ja gar nicht.“
„Oh Mann, geht’s noch komplizierter?“
Er bestellte & bekam noch einen Scotch; einen 3fachen.
„Es ist einfach alles beschissen“, sagte er. „Ich
hol mir jetzt noch öfter einen runter als vor der ganzen Sache,
aber … das Dumme ist, dass sie dabei jedesmal in meiner
Fantasie auftaucht … als verdammter Überraschungsgast.“
Die Bedienung hinter dem Tresen tat zumindest so, als
würde sie nicht zuhören.
„Ich sag doch: du solltest dir den Schwanz abschneiden.“
„Ja“, sagte er, „sollte ich. Das sollten überhaupt alle. Wenn’s
nur so einfach wär.“
„Allzu einfach wird das mit dem Finger auch nicht“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er.
„Und? Willst du ihn ihr dann per Post zuschicken?“
Er grinste. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“
„Dafür bin ich ja da“, sagte ich, „für die guten Einfälle.“
Seine Rechnung war hoch.
Das Trinkgeld, das er gab, war übertrieben.
Der Kaffee war kalt.
Ich hatte noch mehr gute Einfälle, aber darüber schwieg ich.
Als wir nach Hause gingen, schwankte er ein wenig.
Ich ging zu mir nach Hause, er zu sich nach Hause.
Ich hatte keine Bedenken, ihn
allein zu lassen.