Grillen

Ich hasse Grillen!
Nicht das Gezirpe. Das gesellige.
Nicht die Tiere (obwohl auch die nerven können), sondern
die Versammlung von Menschen ums atavistische Feuer.
Und eine Versammlung beginnt bei 3.
Gestank, Gerede – nicht einmal
den kanzerogenen Fraß (sinnigerweise Grillgut genannt) kann ich leiden.
Miefige Gartenzwergidylle.
In der »freien« Natur.
Die Pappteller & das Plastikbesteck sind noch
das Beste daran.
Ich hasse den Rauch –
& den Brauch
auch.
Lasst uns uns treffen, schmatzen & smalltalken!
Wenn die paar Menschen, die mich kennen, einen Witz machen wollen,
sagen sie: »Wir kommen dann mal zum Grillen bei dir vorbei.«
Und ich muss wirklich – jedes Mal – lachen. Mir gefällt die Doppelpointe:
Grillen & Vorbeikommen!
Ich mag kaum darüber nachdenken, was die Meute da
zusammen treibt. Um die Kohle herum.

Zuweilen höre ich sie.
Eine einzelne Grille.
Oder eine andere.
Oder mehrere.
Manchmal ist es beruhigend –
kleine Wesen in der Nähe zu wissen;
manchmal störend.
Wenn sie mich stören, können sie nichts dafür.
Es ist ihre Natur.
Das macht mich nicht traurig.

Nun gut, vielleicht liegt es auch in der Natur
des Menschen –
zu grillen…..

Noch immer.

Das allerdings
wäre
traurig. –

Wie dem auch sei –
am sympathischsten sind mir
nach wie vor
die Grillen

in meinem Kopf.

Eine wimmelnde Versammlung, die
gar nicht groß genug sein kann.


Nichts. Passt.


Kitsch, Kälte, Notwehr, Zote,
Selbstmitleid & Sex & Gier…..

Chaos.

Nichts passt zusammen;
so scheint es
mir
oftmals –

wenn ich überfliege,
was ich in kürzester Zeit zusammengeschrieben habe.

Vor allem
wenn es um Liebe geht.

Geht es um Tod,
so ist doch wenigstens noch
eine gewisse Einheitlichkeit vorhanden.

Beinahe Ruhe.

Aber Liebe? –
pfui Deibel!
Als ob es ums Leben ginge.

Über
all
Wider
sprüche.

Sehnsucht & Schmalz in der einen Minute.
Zurückweisung & Beleidigung in der nächsten.

Ein einziges wütend peinvolles Durch
einander.

Ach ja – Leben.

Chaos.

Passt.

Irgendwie.

Mit-, Gegen- & Durcheinander.

Nichts
passt zusammen.
Oder Alles.

Scheinbar oder anscheinend.

Nichts? –

Passt!


Fantastische Phantasie

Man braucht schon Phantasie,
um sich vorstellen zu können –
keine zu haben.

Ich zum Beispiel
habe manchmal das Gefühl,
die biochemischen Prozesse
in meinem Gehirn
spüren zu können.

Dann
kann ich meine Gefühle
kaum noch ernst nehmen.

Das ist fantastisch!


Zu spät geboren – oder: Irgendwas ist ja immer

Manche Frauen sollte man kennenlernen
bevor sie zur Mutter werden.

Bevor
– aus nahezu krankhafter Überkompensation
irgendwelcher Defizite & schlechter Erinnerungen
an die eigene Kindheit –
das Gluckenhafte & Kittelschürzige in ihnen
ausbricht.

Wie bei meiner Mutter.

Nun ja, es gestaltete sich schwierig
für mich
meine Mutter kennenzulernen –
bevor sie Mutter wurde.

Es war wohl zu spät
als ich zur Welt kam.


Die trockene Romantikerin

Der Satz ist
auf ihrem Mist gewachsen.
Sie hat
das Urheberrecht.

„Ich bin trockene Romantikerin.“

Andere
mochten den Satz.
Fanden ihn
lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ich hasste ihn.
Fand ihn
zum Kotzen.

Diesen Satz & fast
Alles,
was er implizierte –

den Entzug
die Nüchternheit
das Rauschlose

& den kalten Blick.

Nun gut,
im Moment war auch ich
trocken.

Hatte mit dem Saufen aufgehört.
Das war keine große Sache. Eigentlich.
Denn es gab keinen Entzug. Im
eigentlichen Sinne. Ich war
nicht körperlich
abhängig gewesen.

Zumindest nicht
vom Alkohol.

Meine Sucht war leichter
& komplizierter
zugleich

gewesen.

Lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ja, ich bin nüchtern
in diesem Augenblick.

Aber nicht
rauschlos; nicht
kalt.

Und es besteht immer die Möglichkeit
des Rückfalls.

Die Gefahr
oder
die Hoffnung.

Und dann werde ich wieder
trinken.

Im besten Fall:

Den Saft der
rückfälligen Romantikerin.


Der verschwundene Weg

Der verschwundene Weg


Traumblöd & realitätsnah

Ich war so blöd
in meinem Traum.

So fantasielos
& realitätsnah.

Ich war unterwegs
in meinem Auto

zu einem
bekannten Ziel.

Dabei standen mir doch

Fliegende Teppiche

zur Verfügung.

Raumschiffe
& Flügel.

Und es gab
so viele
unbekannte Ziele.


5 Flaschen

Ich öffnete den Kühlschrank.
Da lagen sie – die letzten 5 Flaschen
Bier. Im untersten Fach.
Ich nahm sie heraus.
Hielt sie gegen das Licht.
Trübe Aussichten. Einsichten.
Schleier schwammen in den Flaschen.
Ich las das Datum. Abgelaufen vor Monaten.
Ich öffnete eine Flasche nach der anderen.
Kippte alles in den Ausguss.
Biergestank. Der verflog.
Verschwendung, dachte ich. Ach,
was soll’s!

Das Bier war ohnehin nur
für Besuch.
Die letzten 5 Flaschen aus einem Kasten,
der im Keller stand. 5 Flaschen
für den Ausguss. Die anderen
waren ausgetrunken worden.
Immerhin. Auch sie
nicht von mir.


Gründe

Ihren Hinter
grund
sah er genau

Jeden Quadratmillimeter

er
kannte
er

deutete er

Sie
war sein Vorder
grund

Zwischen ihnen
ein Ab
grund

für Alles
was fallen konnte

Gefallen
war

Gefallen existierte
zwischen ihnen

weiter
hin

Ihren Hinter
grund
sah er genau

versuchte er
zu deuten

Sie war

durchschaubar


Das Frühstücksei-Einerlei

»Das Frühstücksei schmeckt immer
gleich.«

»Das ist nicht wahr. Eine Täuschung.
Es liegt nur an dir.«

»Natürlich ist es wahr.«

»Du tust doch Salz auf dein Ei.«

»Ja.«

»Wie wahrscheinlich ist es, dass
auch nur 2 Mal dieselbe Menge
an Salzkörnern auf dem Ei landet?«

»Du spinnst ja.«

»Nein. Es liegt nur an
den Sinnen.«

»Du sprichst vom Salz.
Ich: vom Ei.«

»Das ist mir wahrlich
einerlei.«


Der zweite Sommer

Der zweite Sommer war heißer
als der erste.

Im ersten Sommer
sagte die Frau, es sei
ihre Gewohnheit, nichts drunter
zu tragen. Unter

dem Rock
dem Kleid
der Hose.

Und ich hatte keinen Grund
zu zweifeln.

Im zweiten Sommer
trug sie jedes Mal, wenn wir uns sahen,
etwas drunter.

Und ich wunderte mich.

Erklärungen fielen mir einige ein.
Sie gefielen mir alle nicht.

Der zweite Sommer war heißer
als der erste. In
vielerlei Hinsicht.

Dann wurde es kühler.

Wie immer.


In den Bruchstücken meines Lebens

Das große Ganze
erkenne ich
in den kleinen Bruchstücken
meines Lebens

manchmal
vielleicht.

Dort
wo sich mein Leben
an Leben & Tod
von Anderen
bricht

wie Licht.

Alles
eine Frage
der Optik.

Und
des Blickwinkels.

Aber vielleicht
ist da auch
gar nichts.

Aus
der Nähe betrachtet.

Und alle Anderen
zu weit weg.

Alles nur
zerbrochen &
eine optische Täuschung.


Unter der Erde

Eine Nacht
erfüllt von schweigenden Geräuschen
verstummten Stimmen
dem Schlaf von Fremden.

Was von mir übrig geblieben war
wachwandelte durch die Kälte.
Nachthimmellicht fiel
als Blässe in den Nebel über dem Feld.

Der Mond nahm.
Ob ab oder zu war mir gleich
gültig.

Hartgefroren war die Erde.
Der Boden unter meinen Füssen
den ich noch immer nicht verloren hatte
wie so vieles Andere.

Durchschleierte Weite.
Der Geruch von feuchter Luft.

Kein Mensch war. Unter
wegs.

Nur: ich.

Ich hatte vergessen
wo er begraben lag –
der kleine hölzerne Kasten.

Ich hatte keine Karte
für meinen Schatz
& Alles
sah verändert aus.

(Als ob
Einöde & Leere
sich verändern
könnten.)

Ich würde ihn nicht finden.
Nicht wiederfinden. Das
wusste ich.

Wusste es in mir.
Das immer weiß, was ich nicht wahr
haben will.

Ab & zu
schloss ich die Augen
um mich zu erinnern.

Versuchte
zu hören
was ich
begraben hatte.

Doch ich war taub
vom Schweigen
das ich vernahm.

Das Holz war schon faul gewesen
als ich es begrub.
Es musste längst verrottet sein.

Stille. Stille. Stille.

Sie hatte in diesen Kasten gesprochen.
Seinerzeit. Unsererzeit.

Worte
im Schleier ihres warmen feuchten Atems.

Hart
gefroren
war
die Erde.

Ich war zu faul
um weiter
zu suchen.

Fast schon
verrottet.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Schattengrenze

Zwischen Deinen Grenzen
& meinen
liegt unsere gemeinsame
grenzenlose Freiheit.

Eine Freiheit

die
nichts
mit freiem Willen
zu tun hat.

Dort
möchte ich Dich
treffen.

Komm!

Diese Grenzen
sind nur
unsere Schatten.


Verdiente Mittelmäßigkeit

Ich glaube, der Typ ist der beliebteste
Fernsehmensch der Deutschen –
zumindest glaube ich, etwas Derartiges irgendwann
gelesen zu haben (man liest ja auch eine Menge
Dreck im Laufe des Lebens).
Ich erinnere mich, wie ich ihn das erste Mal
wahrnahm. Vor Jahrzehnten.
Ich: knapp über 20 & gerade damit beschäftigt, das
Gesamtwerk Arno Schmidts in meinen Schädel zu saugen; d. h.
ich war besonders sensibilisiert gegenüber der
Dumm- & Plattheit um mich herum. (Und natürlich auch
dementsprechend überheblich – in meinem tiefsten Innern; ein
klein wenig zumindest….)
Und da war nun also dieser Mensch. Im Fernsehen. Nur
ein paar Jahre älter als ich. Ich war irgendwo zu Besuch, und
es musste TV geglotzt werden. Eine Unter-
haltungssendung auf einem der 5 Sender, die man damals
hier empfangen konnte. (5 Sender inklusive DDR-Fernsehen I & II –
in Schwarzweiß; da die meisten Geräte hierzulande für
die Farbnorm Secam nicht eingerichtet waren.)
Die Details dieser Sendung sind der mildtätigen Verdrängung
anheim gefallen, aber ich weiß noch, dass alberne Rätsel
gelöst werden mussten, um die Kanditaten in den
Besitz eines Schatzes zu bringen. Der besagte Mensch
bezeichnete sich als „Außenreporter“ & war mit dem Hub-
schrauber unterwegs, um im Auftrag der Kandidaten…..
Ich merke gerade, dass ich mich selber langweile – daher
keine weitere Beschreibung.
Ich saß also vor dem Fernseher – & konnte es nicht fassen.
Mit was für einem Enthusiasmus dieser Mensch unterwegs war!
Wie wichtig er offenbar das nahm, was er da tat!
Als wäre es darum gegangen, die Menschheit vor dem
Untergang zu bewahren. (Vom Abendland ganz zu schweigen.)
Der Typ ist in meinem Alter! ….konnte ich nur immer wieder denken….
Nein, er ist älter als ich!
Warum saß er nicht zu Hause & las Bücher?
Den Begriff des Fremdschämens kannte ich damals noch nicht – das
Gefühl allerdings schon. Seitdem.
Es gab meines Wissens nicht allzuviele Sendungen dieses Formats (so
nennt man doch inzwischen das meist Formatlose, wenn ich nicht irre…) –
allerdings war bereits Eine zu viel.
Und heute?
Ist er omnipräsent. So scheint es zumindest. Und nicht nur auf
einem Sender. Die Masse hält ihn für
gebildet. („Weh mir, daß ich ein Deutscher bin…..“ – Warum mir ausge-
rechnet dieses Zitat wohl gerade einfällt?)
Liebling. Showmaster. Moderator. Sportkommentator. Quotenrenner.
Werbeträger. Und –
Journalist? Politischer Journalist gar? – Zumindest
hat er eine Sendung, wo er in launiger Runde
Politikern flachköpfige Fragen stellt. Den
Volksvertretern. Dabei ist im Grunde
er eine Art Volksvertreter.
In all seiner Mittelmäßigkeit. Halbbildung. Bürgernähe. Und
Baumarktskonformität.
Der beliebeste Fernsehmensch der Deutschen. Wenn das so ist,
dann: verdientermaßen.
Ja, ich erinnere mich. Manchmal ist so ein Gedächtnis auch
eine Last. Und manchmal
denke ich: Es muss schrecklich sein,
Er zu sein. Aber nein. Wenn ich er wäre, wüsste ich nicht,
wie schrecklich es ist, er zu sein.
Das wäre wohltuend.


Die kleinen Unperfektheiten

Wie grausam es wäre
wenn Du perfekt wärst!
Dein Körper perfekt wäre…..

Wie wenig würde mich dann
an Dich erinnern

im Alltag.

Beim Anblick der Anderen.

All dies Unperfekte um mich herum.

Und jeder kleine Makel, der
einer Deiner kleinen Unperfektheiten ähnlich sieht,
erinnert mich an Dich.

Das ist schön.

Wie unschön wäre es,
wenn die Makellosigkeit bearbeiteter Fotokörper
mich an Dich erinnerte –

wie langweilig!


Die zerstörte Fixierung

Ich war stehengeblieben
an einem bestimmten Punkt
der Zeit.

Zeit
des Zusammenbruchs
Zeit
der Depression
Zeit
der Einsamkeit.

Stehengeblieben
wie eine zerstörte Uhr
im Augenblick
eines Unfalls.

Eine Zeit danach
kannte ich nicht mehr.

Die Zeiger deuteten immer wieder
auf das Gleiche.
Auf das Verlorene.
Auf Alles
was ihm ähnlich war.

Ihr
ähnlich sah.

Ich blieb stehen
in einem Alter der Vergangenheit.

Einer Jugend
die verflogen war.

(Ein bekanntes
psychologisches Phänomen –
simpel & gewöhnlich.)

Was weiterging
war das Leben.
Nicht ich.

Lebensfern fixiert
fiel mein Blick
auf Frauen jenes Alters,
in dem Sie gewesen war,

als ich stehenblieb.

Zurück
blieb.

In der Lächerlichkeit
fantastischer Sehnsüchte.

Nichts passte zusammen –
& je weiter sich Alles entfernte,
desto kurzsichtiger wurde ich.

Enge machte sich breit.

Das Mögliche versank
im Erträumten, das
niemals sein konnte.

Es blieb: Allein
sein

& Vorüber
gehen
lassen.

Für lange Zeit.

Lange Zeit.

Als es an der Haustür klingelte
& ich öffnete,
änderte sich mein Blick.

Nicht sofort.

Die Frau war jünger als ich,
doch älter als die Andere (die älter ist
als ich) gewesen war – als ich

still
stand.

(Und es ist kein Zufall, dass
dieser Satz so verwirrend klingt….
& sie nicht an Zufälle glaubt.)

Nein,
nicht sofort änderte sich alles.
Es wäre gelogen, dies zu behaupten;
so wie ich – aus Höflichkeit log, als sie,
die von meiner Fixierung wusste, fragte, ob es mir
nichts ausmache, dass sie älter sei….. (Und mit den
Fingerkuppen zog sie ihre Augen zu Schlitzen.)
»Wenn es dir nichts ausmacht, dass ich noch älter bin….«

 

Es dauerte

seine Zeit
meine Zeit

bis die zerstörte Uhr

tick tack

wieder
zu gehen begann

ohne Zaubertrick
zu laufen

ticktack

zu rennen

um die Gegenwart einzuholen.

 

Zeitverschiebung
Blickverschiebung

 

Ich
holte mich ein
in der Gegenwart.

Aus dem Erträumten erhob sich
das Mögliche, das
immer sein konnte

& wurde seinerseits
zum Erträumten.

Geahnte Weiten, die
verschlossen gewesen waren,
taten sich auf.

So viele
weitere Frauen,
die mein Blick
übersehen hatte.

Was für eine
Wendung!


Licht & Schatten

Da war Licht.
Und da waren unsere Schatten.
Sie berührten sich,
bevor wir es taten.

Dann
schwand das Licht.
Und da waren nur noch
wir

in unserer
schattengleichen Dunkelheit.


Eine Fee vorm Gefrierfach

Auch eine Fee
erfüllt bloß Wünsche
& keine Erwartungen.

Und manchmal
nur Wünsche, die nicht ausgesprochen werden.

So war das –
als sie sich hinkniete
vor der Tür meines Gefrierfachs,
um meine Hose zu öffnen.


Das Bild ihrer inneren Kindheit

All
mählich
baut es sich auf

vor meinem inneren Auge

: Das Bild ihrer Kindheit

Eine Collage eigentlich
aus inneren Verletzungen

Splitterbilder
eines zertrümmerten Spiegels
in dem ich Teile von mir sehe

& in den fehlenden Teilen des Bildes
spiegelt sich die Finsternis
in unsichtbaren Schattierungen

Reine Ein
bildung natürlich

Vermutungen meiner
seits

da ich sie damals nicht kannte

& sie heute auf andere Weise
nicht kenne

Mein Blick fällt

auf schein
bares Erwachsen
sein

auf Ver
halten

Verhaltungen

& das Gewölk
das aus ihrem Mund schleiert

hinter der Kälte
front ihres Schweigens

 

Und nun –

genug der Poesie!

Klartext.

Wir konnten nicht anders.
Wir können nicht anders.

Niemals!

Sie bemerkte mich zuerst, und
ich weiß,
warum.

Sie wollte mich, und
ich weiß,
warum.

Wir wollten uns, und
konnten nicht
anders.

»Ich warne dich«, sagte sie,
»ich bin nicht kompatibel.«

»Ich warne dich«, sagte ich,
»ich werde über alles schreiben.«

»Das kannst du. Damit
komme ich klar.«

»Ok, ich
vielleicht auch.«

Aber nein.
Ich schrieb nicht über
Alles.

Zumindest
veröffentlichte ich nicht
Alles.

Notwehr ist oftmals zu einfach.

Und Erwachsentun
ist die Notwehr des Kindes.

Die Antwort
auf das, was ich zu erkennen glaube,
kann manchmal nur mein Schweigen sein.

Tipp Tipp Tipp Tipp Tipp
das einzige Geräusch in
Nächten des verstummten Gelächters.

Nächten wie dieser.

3 Monate sind vergangen…..
Monate voller Fantasien &
lächerlicher Selbstbefriedigung.

Erinnerungen.

Telefonate & Textnachrichten.

»Würde es dir etwas ausmachen«, schrieb ich,
»wenn ich nebenher noch etwas anderes laufen hätte?«

»Nein. Würde es nicht. Vermute ich. –
Ich hoffe, du tauscht dich aus mit ihr; das
würde mich beruhigen.«

Und sie nannte sie:
»deine andere Option«.

Als ob es die gäbe!


Nein,
ich kann Dich nicht beruhigen.
Und warum sollten wir uns auch
beruhigen?
Einander beruhigen?
Wo wir sind –
soll Aufregung, Erregung, Ruhelosigkeit sein!

Für manche Menschen
ist Liebe einfach
keine Beruhigung.

Ich kann Dich lesen hören….
Fühlen….
Denken: ‚Schon wieder Interna!’

Ja,
ich hatte Dich gewarnt.

Und muss ein bisschen lächeln
über uns.

Ich sehe Dein Bild.
Vor mir.

Und wenn mein Spiegelbild Dich umarmt,
schlagen unsere Herzen

Dichter
bei
ein
ander

Vielleicht auch
auf
ein
ander
ein

aber immer

mit
ein
ander

im
selben
Takt.


Science Fiction

Staubbedeckte Tonbandspulen kreisten
auf einem alten Gerät. Hergestellt von
Toten. Für eine Firma, die längst nicht mehr
existierte.
Magnetisierte Vergangenheit. Schallwellen in Form.
Ein 5jähriger Junge quasselt. Verstorbene sprechen
mit ihm. Es wird gelacht & gesungen. Ein Radio spielt
im Hintergrund. Vergessene Melodien.
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Hörte hinein
in einen Raum der Vergangenheit. Damals
hatten die Spulen sich ebenso gedreht. Kreislauf.
Wenn der Junge sprechen soll,
verstummt er.
»Erzähl mal die Geschichte mit dem Kronleuchter«,
sagt ein Mann.
Schweigen.
»Als ob Fremde da wären«, sagt eine Frau. »Dann
isser genauso.«
Irgendwann fängt ein 15Jähriger an zu singen:
»Stellt den Teller untern Tisch,
Nikolaus bricht sich das Genick –
lustig lustig, trallerallalla,
bald ist Niklas-Abend da….«

Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Die längst
vergangen ist. Lauschte
einem Wir, das es nicht mehr gab.
Ich hörte mich lachen.
Wunder der Technik! Das Neueste vom Neuen!
In Mono. Ton für Ton bewahrt. Für die
Zukunft.
Ich erinnere mich, wie
ich damals hörte, was
damals schon lange her gewesen war.
Aber toter sind die Toten heute auch nicht – als damals.
Heute sitze ich in einem Raum der Gegenwart, die
Gegenwart ist. Der Motor ist kaputt.
Das alte Gerät macht seltsame Geräusche.
Alles vermischt sich, verwischt sich – die Schichten
der Zeit.
Die Spulen sind von neuem Staub bedeckt. Ich betrachte sie
wie einen Raum, in dem eine andere Zeit herrscht.
Ich will sie nicht hören.

All diese Science-Fiction-Filme meiner Kindheit…..
Die überholten Vorstellungen der Zukunft.
Wie charmant sie oftmals wirken.
Wie naiv.
Manchmal denke ich.
Denke: auch ich
bin so ein altes Röhrengerät
im Science-Fiction-Film der Vergangenheit,
der in einer Zukunft spielt,
die längst vorbei ist –

vorbei

ohne
vielleicht
jemals
Gegenwart
geworden –

Gegenwart
gewesen

zu
sein.

Von der Zukunft
ganz zu

schweigen.


Entblößt im Jenseits

Ich stelle mich.

Bloß.

Bloß

in nackten Worten.

Rücksichts
los.

Es sind bloß

Worte.

Folgen von
Wörtern.

Doch

wer sie nicht kennt –
mich nur kennt –

aus dem Leben –

aus dem

Jenseits

des Geschriebenen –

kennt mich
nicht.

Wer
bloß sie kennt

kennt mich

ebenso
wenig.

Und überhaupt
kennt mich

Niemand.

Im

Dies-

oder

Jenseits.


Abgründe

Es gibt viele
gute Ab
gründe

Dich
zu lieben.

In Manchen
höre ich
mein Echo

In Anderen
nur Dich

In Einem
schweigen wir

gem
einsam.


Hungeratem

Ihr Atem roch nach Hunger
in der letzten Nacht
die wir hatten

Ich schwieg

Mein Schweigen schmeckte
nach ihr

Ein weiterer Kuss
der vielleicht der letzte war

Gesättigt
von heruntergeschluckten Worten

Mein Hunger war
ein anderer

Atem
wurde angehalten

Anders als
die Zeit


»So ist das im Leben.«

Immer
wenn mein Vater zu mir sagte:
»So ist das im Leben.«,

hatte ich das Gefühl,
er sagte es ebensosehr
zu sich selber.

Immer
war es die Begründung

für einen
Verzicht

für die
Unerfüllbarkeit eines Wunsches

für ein
schmerzliches Vermissen

oder die
Notwendigkeit einer Pflichterfüllung.

Die Antwort auf die Frage eines Kindes,
das von Anderem träumte.

Es war eine Begründung
ohne Grund, ohne Erklärung;
ein Schweigegebot, das allen
Diskussionen ein Ende bereiten sollte.

Ich hasse es noch heute,
wenn jemand diesen Satz sagt.

Hasste es aber ganz besonders,
wenn ER ihn sagte.

Dass es dunkel wird,
wenn das Licht ausgeht –
ist so im Leben.

Dass kein Feuer ewig brennt –
ist so im Leben.

Aber
was mein Vater mich glauben machen wollte,
war niemals zwangsläufig so im Leben.

Was er da sagte, war
nichts als eine Phrase –
eine bequeme Lüge.

Etwas,
das er selber gerne geglaubt hätte.

Das Kind, das ich war, meinte,
eine gewisse Traurigkeit & Resignation
im Tonfall der väterlichen Stimme zu erkennen.

Weil es den Mann, der mein Vater war,
für zu klug hielt, um zu glauben,
was er da sagte.

Und später dachte ich oft, dass
sein ungeheurer Jähzorn
in erster Linie
vielleicht genau daher kam.

Verzicht
Unerfüllte Wünsche
Vermissen
& alberne Pflichterfüllung

Er hatte diese Familie am Hals
– & im Kopf wohl oft
anderes.

Erinnerungen an das Kind,
das er gewesen war –
& das von Anderem geträumt hatte.

Ich wollte es
anders machen
in meinem Leben.

Ich habe es anders gemacht.
Doch gebracht – hat’s nicht viel.

Auch ich
habe diesen Jähzorn.

Seinen Jähzorn.
Vielleicht.

Tja,
so ist das …..


Die Frage

Jemand stellte mir eine Frage.
»Muss es denn immer so düster sein
in deinen Texten? Überall
Tod & Einsamkeit & Verlust.«

Ich blieb stumm.
Ließ den Fragenden
allein.

Auf einem Teppich
aus schwarzem Schimmel
stieg ich die Kellertreppe hinab.
Mein schattenfarbener Mantel
fegte das Ungeziefer von den Stufen;
in seinen Taschen spielten meine dürren Finger
mit den verlorenen Zähnen der Geliebten.

Was ich dort unten in Gläsern sammelte,
war in Schweigen gehüllt & roch
grauenvoll.

Am Ende des Flures, der nahezu
lichtlos war, lachte
ein Wahnsinniger

in einem Spiegel.

Ich

verstand die Frage nicht.


Blau im Stummfilm

Blau ist die Nacht
im Stummfilm

Schweigen
aus bewegten Mündern

Gesten
Gesichter
& eine Geschichte

von Musik untermalt

Hin & wieder
geschriebene Worte

Blau ist
so manche Nacht

in der
Wir

uns
treffen


Der Gang der jungen Frau

Man sah ihm nichts Außergewöhnliches an –
dem Gang der jungen Frau, die nachts
die Hotelhalle betrat.
Kurzer Rock, flache Schuhe, schöne Beine.
»Darf ich hier auf meinen Zug warten?«, sagte sie.
»Im Bahnhof laufen so komische Typen rum.«
Als wäre ich kein komischer Typ….
»Gern«, sagte ich. Und das sage ich
durchaus nicht immer. Meist
will ich meine Ruhe haben. Bei der Nachtschicht.
Allein. Am Empfang. Aber
gegen einen netten Anblick habe ich nichts
in manchen Nächten.
»Danke.« Sie setzte sich & fing an
auf ihr Handy zu starren.
Ab & zu ein Signalton, den ich kannte.
Wenn man schon sonst nichts gemeinsam hat, so
doch wenigstens den ein- oder anderen Signalton.
Ich starrte auf den Monitor. Mit der Arbeit
hatte das nichts zu tun. Das ist das Angenehme
an dem Job – man hat Aufgaben zu erledigen, und
nur das Ergebnis zählt; wie man ans Ziel gelangt
& was man zwischendurch so treibt, bekommt
niemand mit.
Irgendwann kamen wir
ins Gespräch. Über
die Distanz hinweg.
Nichts Wichtiges. Das Übliche. Sprechen, um zu sprechen.
Sie stellte Fragen, die mir schon unzählige Male
gestellt worden waren; zuletzt 2 Nächte zuvor –
von einem holländischen Transvestiten, der
sich verlaufen hatte…..
Ist das nicht langweilig, so ganz allein hier?
Und was machen Sie die ganze Zeit?
Passiert hier auch mal was des Nachts?

Und so weiter. Und so weiter.
Ich lieferte die gewohnten Antworten.
Und irgendwann kam dieser Moment –
da stand sie auf &
winkelte das rechte Bein leicht an; balancierte
auf dem linken.
»So bin 1,68«, sagte sie.
Dann wechselte sie aufs rechte Bein, das linke
leicht angewinkelt.
»Und so 1,70.«
Schließlich streckte sie das linke & ließ es sodann locker
vorwärts & rückwärts
über den Boden schwingen.
Sie grinste. »Cool, was?«

Nein,
ich langweile mich nicht.
Ich sammle Momente.
Momente wie diesen.
Ja, es passiert etwas. Des Nachts.
Manchmal sogar etwas
Besonderes.

Und ja – sie hatte wirklich schöne Beine.


Bumerang & Kleiderbügel

In dieser Fernsehserie, die
aus dem Schwarzweißgerät meiner Kindheit kam
& die ich niemals versäumte,
gab es einen Jungen mit einem Bumerang.
Immer wenn er ihn warf,
hielt
für die Dauer des Fluges
Alles
um ihn herum
an –
Bewegungen gefroren,
Menschen standen erstarrt (& wussten nichts davon),
die Zeit gerann, und
die Umgebung wurde zum
leblosen Bild.
Nur der Junge & sein Bumerang
bewegten sich
in diesem allgemeinen Stillstand.
Bis der Bumerang seine Kreisbahn beendet hatte
& der Junge ihn wieder auffing.
Für mich
waren die Abenteuer, um die es eigentlich ging,
nebensächlich.
Ich holte einen hölzernen Kleiderbügel aus dem Schrank,
drehte den Haken heraus –
& warf den Bügel quer durch mein Zimmer.
Nichts bewegte sich in diesem Zimmer; nur
ich & der Kleiderbügel.
Der Flug des Bumerangs war mir immer
zu kurz gewesen.
Der Flug des Kleiderbügels war noch kürzer.
Er krachte gegen die Wand &
fiel aufs Bett.
»Was machst du da?« rief die Mutter.
»Nichts«, rief ich.
Was sie mir nicht glaubte.
Und ich glaubte nicht,
dass sie erstarrt in der Küche gestanden hatte,
während der Kleiderbügel durch mein Zimmer geflogen war.
Aber ich hätte es gerne geglaubt.
Hätte gerne
Alles
angehalten.
Immer wieder.
Die Menschen.
Die Bewegung.
Und die Zeit.


Auf kurze Sicht

»Ich kann keine Straßenschilder mehr richtig erkennen«,
sagte mein Bruder. Damals, nachdem er
aus dem Knast gekommen war.
Er führte das zurück
auf die Enge der Zelle; auf das lange
Vorsichhinstarren – den Blick auf die Wände gerichtet.
Wände mit Bildern fremder Frauen. Frauen, die
nackt waren. In der Einsamkeit. Eingeschlossenheit.
Er besorgte sich eine Brille. Um die Schilder
wieder lesen zu können. Die Schilder mit den Regeln.
Meine Kurzsichtigkeit hat andere Gründe.
Und ich war ja auch weniger lange eingesperrt gewesen.
Damals – in der Klapsmühle.
Gebrochenes Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Auch ich besorgte mir eine Brille. Um die Ferne
wieder erkennen zu können. Die Ferne, in die ich
niemals wollte. In der Wirklichkeit. (Und
scheiß auf die Regeln, die dort herrschen!)
Nein, sie ist nicht zwangsläufig angeboren – die Kurzsichtigkeit.
Früher hatte ich das immer geglaubt. Man glaubt eben schnell –
bevor man eigene Erfahrungen macht. (Und dass diese Erfahrung
mich & meinen Bruder nichts Falsches gelehrt hatte, bestätigten mir
die medizinischen Fachbücher.)
Oftmals nehme ich sie ab – die Brille.
Ich brauche sie nicht, um zu lesen. Oder zu schreiben. Sie stört
beim Küssen. Sie stört beim Sex (zumindest beim Sex mit Anderen).
Und was weit weg ist, gefällt mir
verschwommen
oft besser.
Ich sperre mich selber ein.
Mein Haus ist ein Gefängnis & eine Klapsmühle
zugleich.
Glaubte ich an den Freien Willen, würde ich sagen:
ich sperre mich freiwillig ein.
Aber so naiv bin ich nicht. War ich nie.
Ich mag das lange Vormichhinstarren. Den Blick
auf die Wände gerichtet. Wände mit Bildern.
Fotos von Fremden. Da ich Familienfotos hasse. Nacktfotos
der Geliebten (ein Plural, der zum Singular wurde….)
Manche der Fotos selber geschossen, manche
geschossen von Geliebten der Geliebten – die man
niemals kennenlernen wird….. Die Frau
meines Bruders….. (Oh, diese
Mehrdeutigkeiten!) Gebrochenes
Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Und noch mehr sehe ich
in den Zwischenräumen.
Wo man ohne Brille schärfer sieht. Mehr er
kennt.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich
in meinen Träumen eine Brille trage. Wahr
scheinlich. Doch sie spielt keine Rolle. Dort.

Es dauerte nicht lange –
bis mein Bruder keine Brille mehr brauchte.
Die zurückgenommene Anpassung war eine neue Anpassung.
Ich hatte immer meine Schwierigkeiten
mit der Anpassung.
Meine Brille ist alt. Zu alt. Sie stammt aus einer Zeit
als ich Alles anders sah. Doch nur
die Oberflächen sah ich anders. Damals.
Die Unschärfe ist mein Zeitmesser.
Auf lange Sicht bräuchte ich
eine neue Brille.
Aber nein.
Nichts, was wirklich wichtig ist, sähe damit
anders

aus.

 

 

 

Kreuz- & Querverweise:

Die Klapsmühle
Das Fingerschnippen
Rosinen im Kopf
Das Chaos spritzt Wassertropfen


Der Abwasch & das Zwiebelschneiden

Ich
wiederhole
mich

wie ein Ritual
wie ein Leitmotiv

in meinem Leben.

Die Themen wiederholen sich
in meinem Leben

wiederholen sich
in meinem Geschreibsel –

was beinahe Dasselbe ist.

Und ich langweile mich

nicht

einmal dabei.

Ich
wiederhole
mich

wie ein Ritual
wie ein Leitmotiv

in meinem Leben.

Leben
Liebe
Tod

der Abwasch & das Zwiebelschneiden.

Mag es
Andere langweilen.

Ich wiederhole mich.

Ich wiederhole mich gern.

Es bleibt
mir auch
nichts Anderes übrig.

Es ist
mein Halt.

Ein Halt ohne Einhalt.

Das Bekannte im Unbekannten.

Das Alte im Neuen
das erschrecken könnte.

Leben –

ich wiederhole mich.

Wiederhole mich
bis in den

Tod.

Tod

der mich holt
& sich auch nur

wiederholt.


Das vermisste Ich

Wenn Du mich besuchst
komm nicht
allein.

Bringe
Uns
mit.

Denn
ich vermisse

neben Dir
das Ich

das nur im
Wir
existiert.


Der neutrale Ort

Sie wollten sich treffen
an einem neutralen Ort

Doch kein Ort
hätte neutral bleiben können

angesichts
ihres Treffens

Und so trafen sie sich
im Nirgendwo