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Hypochondrische Vergesslichkeit

Eine harmlose Krankheit
klingelt Sturm. Du öffnest die
Tür. Die Krankheit sagt:
„Da bin ich wieder.“
& lächelt.

Du wirst bleich.
„Wer sind Sie? Ich kenne
Sie nicht.“

Ihr Lächeln ist
bedrohlich. Für Dich.

„Was soll das heißen?“,
sagt sie. „Wir hatten doch
schon viel Spaß miteinander.
Ich schaue nur kurz vorbei,
und dann bin ich auch schon
wieder weg.“

Aber nein.
Du hast sie vergessen, und
sie sieht aus, als wolle sie
bleiben.
Bleiben bis zum Ende;
bleiben, um Dich in den
Tod zu wiegen.

Du beginnst zu schwitzen,
eiskalt. Sie lächelt, eiskalt,
schiebt Dich sanft zur Seite
& betritt Deine Wohnung.

„Komm schon“, sagt sie,
„wir werden wieder Spaß haben;
zier Dich nicht so.“
Und
sie setzt sich aufs Sofa &
öffnet ihre Beine.

Und Du erkennst sie
noch immer nicht.

Und das Unbekannte heißt
Angst.

Die Unbekannte heißt
Angst.

In einer Gleichung, die Du
nicht lösen kannst.

Du weißt nur:
Du musst auf das Sofa,
musst zu ihr. Nichts
hilft.

Es geht
schnell vorbei.

Sie geht
schnell.

Und kaum hast Du
die Tür hinter ihr
zugeworfen,

hast Du sie wieder
vergessen.

Hast vergessen, was sie
war:

harmlos.


Havarie

Ein Meer
das riecht wie
meine Kindheit

Wacholder

37 % Alkohol
manchmal auch 47

Heiligabend
der erste nach dem Tod
meines Vaters
ich war 13

Mein ältester Bruder
gerade aus dem Knast entlassen
gab mir Gin mit O-Saft

Liebe auf den Ersten Ruch

Ein Duft wie der
Nagellackentferner meiner
Mutter

Wiedergefundene
Zeit


Das Ende

Ich finde kein Ende
in dem was ich tue
oder lasse –
niemals.
Und das :
ist ungesund.

Aber :
das Ende wird mich finden
– egal, wie gut ich mich verstecke –
& es braucht mich nur ein
einziges Mal zu finden.
Und das :
wird tödlich sein.


Wischblätter

Die Wischblätter meines
alten, alten verrosteten
Autos waren so abgenutzt &
kaputt, dass ich keinen
Durchblick mehr hatte, sobald
der sanfteste Regen einsetzte.
Der Wagen klapperte;
Schleifgeräusche überall,
der Auspuff probte den langen
Abschied ….
Und ich dachte: Es lohnt sich
nicht mehr, neue Wischblätter
zu kaufen …. Am Ende bricht
die Karre zusammen & das
einzig Intakte – wie zum
Hohn – wären die
Wischblätter
….
Ich gab dem Auto noch ein
paar Monate, höchstens ½ Jahr …
Also fuhr ich weiter
mit verschwimmendem Blick;
sparte mir irgendwann auch die
Waschstraße – Vogelscheisse fraß
sich in die Karosserie – –

Ein Jahr später:
Ich fahre ihn noch immer;
Einzelteile des Auspuffs liegen auf
dem Rücksitz. Beim Anfahren
kracht er manchmal wie meine
Gelenke, wenn ich aufstehe; als
habe sich etwas festgefressen.
Festgefressen wie die Vogel-
scheisse. Hin & wieder kann er
sich nicht mehr an den Zünd-
schlüssel erinnern; dann aktiviert
er seine Wegfahrsperre – ein
paar kräftige Schläge aufs Lenk-
rad – und sein Erinnerungsvermögen
kehrt zurück. Der Wagen ist
1 Jahr älter geworden. Doch noch.
Ich auch. Der Wagen säuft mehr
als er sollte. Ich auch. Der Wagen
passt zu mir. Und die Wischblätter
sind immer noch dieselben.

Ich vermute, das Ganze ist
bezeichnend – für mich & mein Leben.
Ich vermute, man könnte irgend etwas
Tiefsinniges darin finden – wenn
man Lust & Zeit hätte, danach zu
suchen.

Aber ich habe keine Lust. Und
keine Zeit. Und in Kürze wird
ohnehin der TÜV abgelaufen sein.

Für das Auto.


Die Tote neben mir

Neben mir liegt eine Tote.
Sie verlor ein Bein, als ich sie
erschlug.

Ich bin traurig & erschüttert.

Ich bin ihr Mörder; auf der
Suche nach mildernden Umständen

Ich wurde geprägt

mit dem Brandzeichen der Angst

Angst ohne Grund
grundlose Angst,
abgründige Angst, die
ich nicht verstehe

eine dumme
Furcht
aus
Kindertagen

wo alles so viel größer erscheint
als es ist

Sie ist klein,
die Tote,
so klein, sie war mir ausgeliefert

Mir
& meiner Angst.

Nun hat sie noch
7 Beine, gekrümmt
in letztem Schmerz
& Tod

Und
7 war nicht
ihre Glückszahl


Ungeschrieben

Ein Schild:
‚Wegen Selbstzerstörung geschlossen!’

An wievielen Türen es doch
gehangen hatte. Türen zu kleinen
kahlen Zimmern. Zimmern voll
von Papier; von Stiften & Gänsekielen;
Eine einsame Schreibmaschine. Voll von
Staub.

Die Zimmer meiner toten Helden.
Die jünger starben als ich heute bin.
Sie hatten keine Wahl. Die
Selbstzerstörung wählte sie,
erwählte sie. Um ihnen den Ausweg
zu weisen …. den letzten, den
einzigen Ausweg aus dem,
was ihnen zugeteilt worden war ….

Manchmal versuche ich sie zu
träumen: die Geschichten, die
Poe nicht mehr schreiben konnte;
die Gedichte, die Dylan Thomas
mit ins Grab nahm; die Romane, die
Malcolm Lowry ermordet hat ….
Die Liste führt ins Unendliche.
In die Unendlichkeit des
Menschseins, das die Besten
oftmals nicht ertragen können.

Ich erwache.
Wieder ist mir ein Traum
nicht gelungen.

Ich erwache.
Wahrscheinlich wird mir auch das Leben
nicht gelingen.

Ich erwache.
Und erhebe mein Glas

Auf
Euch

Ihr toten
Helden!


Die Zigarre

Der Mann war seltsam, keine Frage.
Er stand vor mir, an der Hotelrezeption & textete mich zu mit Banalitäten. Ich war das gewohnt. Die seltsamsten Menschen kamen Nacht für Nacht vom Hauptbahnhof herüber, nur um zu quatschen. Für sie ist der Nachtportier ein Psychiater oder Beichtvater. Sie laden ab, was sie abzuladen haben. Meistens Müll. Müll, der sie belastet. Und wehe, sie merken, dass sie ein Ohr vor sich haben. Dann finden sie kaum ein Ende. Und ich bin ganz Ohr.
Was dieser Mann erzählte, es war unwichtig. Für mich. Für ihn war es: die Welt. Er hielt mich von der Arbeit ab. Und ich mag es, von der Arbeit abgehalten zu werden. Ich hörte ihm zu, und als er alles abgeladen hatte, was er hatte abladen wollen, fragte er:
„Rauchen Sie Zigarren?“
„Ja“, sagte ich.
„Gut“, sagte er, „ich habe gerade eine geschenkt bekommen. Von einem Freund, der Vater geworden ist. Aber ich rauche nicht. Dafür, dass sie so nett zugehört haben, werde ich sie Ihnen geben.“
Ich habe keine Skrupel, ich nehme an, was ich kriegen kann; und ich sah es auch so: er hatte mir eine Menge Dreck erzählt – ich verdiente es, dafür belohnt zu werden.
Er reichte mir das Metallröhrchen. Tiefschwarz mit goldener Schrift. Ich nahm es an. Grinste. Freundlich.
„Danke.“ (Nein, ‚Das wäre doch nicht nötig gewesen’, sagte ich nicht, denn es war nötig gewesen.)
Er ging. Und als er auf der anderen Seite der Straße angekommen war, konnte ich mich schon nicht mehr an sein Gesicht erinnern.
Ich brachte den Rest der Nachtschicht herum.
Fuhr nach Hause, aß Kuchen, trank Milch & legte mich schlafen. Verschlief den Tag. Wie immer.

Das schwarze Röhrchen mit goldener Schrift lag im Wohnzimmer.

Endlich. 4 Tage später hatte ich frei. Die Arbeitsnächte hatten mich abgefüllt mit Sinnlosigkeit, Dummheit & einer weiteren Schicht Routine.
Frei! Frei!
Im Bett liegen. Gin trinken. Lesen. Träumen. Dunkelheit genießen. Fantasie trinken. Und den Sinn des Nichtstuns erneut entdecken.
Irgendwann stand ich auf; in der Nacht. Hungrig. Gierig nach Olivenöl, Knoblauch & Zwiebeln. Zwiebeln finden meine Freudentränen & locken sie hervor. Ich kochte Spiralnudeln. Ließ sie im Sieb abtropfen. Warf sie in die Pfanne, in den aufzischenden Olivenölsee. Bewarf sie mit Knoblauch & Zwiebeln, Oregano obendrauf & Pfeffer in allen Farben. Roch, was zu riechen war. Zusammengebrutzeltes Glücksempfinden.
Ich aß. Aß. Aß. Roter Wein als kurzes Intervall. Spiralen. Ölig glänzend. Die 3 Kerzen auf dem Eßtisch.
Satt. Dann war ich satt. Was fehlte? Eine Zigarre. Die Zigarre zum Rotwein, zum Cognac, zur Sättigung.
Das schwarze Röhrchen.
Die goldene Schrift.
Ich dreht den Verschluss ab. Die Zigarre war in Zellufan eingeschweißt. Ich befreite sie. Schob sie unter meiner Nase vorbei. Sie roch GUT. Wie irgendein (fast) vergessenes SpeiseEis meiner Kindheit.
Sie war zu schön & zu gut für ein Feuerzeug. Also nahm ich ein Streichholz. Goldblaues Geflacker. Glut. Rauch. Graue Schlieren.
RAUCHEN!
Das Rauchen malt den Atem. Ein graues Gemälde.

Ich trank. Ich rauchte. Blies den Rauch in die Kerzenflammen. Beleuchteter Qualm.
Anheimelnd & gemütlich.

RAUCHEN!

Dann: wurde der Rauch – plötzlich – ungemütlich. Und unheimlich.
Über den goldblauen Flammen nahm er Formen an. Formen…… Ein Gesicht…. Ein graues, breites Gesicht, mit Augen. Augen, die sich vor Bosheit schlitzten. Vor Hinterhältigkeit. Und Gemeinheit. Darunter: eine wabernde Nase. Ein dunstiger Mund.
Und der Mund sprach. Im Licht der Kerzen.
Er sprach Worte, die ich vergaß. Ich weiß nur noch: sie waren boshaft; sie waren niederschlagend; sie waren düster; sie waren schwarz. Sie waren häßlich; so schauderhaft, dass ich fror.

Ich rauchte weiter. Weiter, während das Gesicht seine Form verlor & sich im Raum verteilte. Bei jedem Zug fragte ich mich, welches Grauen ich diesmal ausatmen würde. Ich zitterte & konnte es doch nicht lassen; ich musste sie aufrauchen. Nichts passierte. Ihren winzigglühenden Rest warf ich in den Aschenbecher. Aus der letzten, sterbenden Glut stieg der letzte Qualm, dünn wie ein Faden. Aber dieser Faden wurde das dicke Seil, das sich um meinen Hals legte. Um meinen Hals, der verstummte. Und keine Luft mehr bekam. Zu wenig Atem für einen Schrei.

Die Zigarre war seltsam. Keine Frage.


24

Er lag bäuchlings auf dem Teppichboden,
trug nur Boxershorts. Bunt gestreift; ein
wenig lächerlich. Ich musste ihn nicht berühren.
Er lag so still. So still. Als würde er auf etwas warten.
Ich wußte, ohne erst die Kälte ertasten zu müssen,
dass er tot war. Ich sah die Leichenflecken.
Er lag so still. So still. Die letzte Stille.

Seine Eltern hatten am Hotelempfang
angerufen; hatten versucht, ihn telefonisch
zu erreichen & sich Sorgen gemacht.
Eine Auszubildende war nach
oben geschickt worden, um das Zimmer zu
checken. Mit blutarmem Gesicht war
sie zurückgekehrt. Die erste Menschenleiche
ihres Lebens.

Er war 24 Jahre alt geworden.
Mehr Leben wurde ihm nicht zugeteilt.
Ende. Stillstand des Herzens.
Ein Kripobeamter rief die Eltern an;
ich belauschte das Gespräch. Was für
ein Scheissjob
, dachte ich.
Ich fühlte mich alt &
überlebend ….. Ausgerechnet ich
war noch da; ich, der ich meine
Gesundheit mit Füßen trat.

Gerechtigkeit? Für die Natur ein
Witz, über den sie herzhaft lacht.

Die Auszubildende weinte.

Manchmal höre ich noch heute
den dumpfen Aufprall seines Körpers,
den ich nicht gehört hatte; den
vielleicht niemand gehört hatte.
In der Stille. So still. So still.
Gedämpft durch den Teppichboden.

Sie sagten, er sei schon tot gewesen,
bevor er aufschlug. Ein Herzfehler.

Immerhin: so möchte auch ich
sterben. Es wird mir
nicht gelingen;
befürchte ich.

Obgleich mein Herz fehlt
so oft.

Aber eines werde ich, sterbend,
mit ihm gemeinsam haben:

die Einsamkeit.


Das Leuchten

Der Letzte machte das Licht aus.
Der letzte Schlag des Schicksals
löschte das Licht in den Augen.

Wo ist es hin, das Leuchten
der alten Kinderfotos?
Dahin.

Es ist dahingegangen.

Es ist aus.
Für immer.


Empfindliches Gewebe

Nicht alle Narben sind
totes Gewebe

Manche Narben sind
lebendiger als
man sich selber manchmal
fühlt

Jemand tippt darauf
versehentlich &
in bester Absicht

streichelnd
vielleicht

& man krümmt sich
vor Schmerz & wird
vielleicht
ungerecht


Die 5beinige Spinne

Bei einer 5beinigen Spinne frage ich mich immer,
was ihr unterwegs passiert sein mag. Das Leben ist hart.
Mit Verlusten ist zu rechnen. Hungrige Katzen
lauern überall. Wie ängstliche Menschen.
Wehe, man verlässt sein Netz. Aber
nicht mal dort ist man sicher.
Die Spinne geht auf 5 Beinen, und ich
bemerke ihr Hinken nicht. Sie ist schnell,
noch immer. Vielleicht haben wir etwas
gemeinsam. Vielleicht nur das Erschrecken der
anderen, vielleicht die Hässlichkeit in den
Augen der Betrachter – denn auch ich
erschrecke, wie bei dem Blick in den Spiegel.
Ich stehe bereit –
mit dem Schuh; oder mit der Flasche,
um uns zu erlösen ….
sie von ihrem reduzierten Dasein,
mich vom Schrecken & der grundlos-abgründigen
Angst.
Aber vielleicht
werde ich es mir noch
anders überlegen.


Der Nachtfalter

Der Nachtfalter wollte zum Mond fliegen.
Der Mond spiegelte sich in einer Pfütze.
Der Nachtfalter ertrank.
Mond & Pfütze waren schuldlos.
Und auch der Nachtfalter
konnte nichts dafür.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Süßstoff

Mit Verbitterung kann ich nicht dienen,
egal wieviele Kübel an Galle & Kacke
über mir ausgekippt wurden.

Mit Versüßung kann ich dienen,
der Süßstoff mag noch so
fadenscheinig sein.

Wortspielereien,
Mukkefukk aus dünnen Witzen,
Pirouetten auf Rasierklingen.

Nehmt Euch nicht so ernst.
Nehmt Euch nicht so ernst.
Nehmt Euch nicht so ernst.

Steht nicht drunter
Steht nicht mittendrin

Steht drüber!

Denn dort lacht auch er :
der Tod.


Der Galgen & Du

Der Galgen hat eine schöne Geometrie &
er wirft einen schönen Schatten

Aber er ist doch ein Galgen.

Du hast eine schöne Symmetrie &
Du wirfst einen schönen Schatten

Aber vielleicht bist Du

mein Tod


Gerümpel

Gerümpel liegt auf dem Weg –
sperrig & unnütz, manchmal schön,
angesammelt in den Zeiten des
wachsenden Bewußtseins,
Zeiten des Erkennens, was
am Ende des Weges wartet …..
Der Blick auf dieses Ende
soll verstellt werden.
Die Gedanken sollen sich ver-
fangen in Nichtigkeiten, in
Tand, in Blendwerk.
Den meisten Menschen gelingt
es meistens. Manchen Menschen
gelingt es manchmal. Wenigen
Menschen gelingt es nie.

Manchmal bin ich versucht,
das Gerümpel mit reinem Alkohol
zu übergießen & meine glühende
Zigarre daran zu halten …..
Aber wozu? Was
würde es ändern?
In der Summe:
Nichts.

Jedem seine Blindheit!
Vielleicht saufe ich mich blind
mit reinem Alkohol – &
zur Sicherheit staple ich die
leeren Flaschen auf den
Weg, denn

das Glas
bricht auch meinen
Blick.


Der Hubschrauber des Damokles

„Darüber darfst du auf keinen Fall schreiben“, sagte sie.
„Natürlich nicht, was denkst du denn…“, sagte ich.

Natürlich schrieb ich darüber.
Ich muss über alles schreiben, was mir
den Kopf wegpustet. Und mich
als Leiche zurücklässt.

Aber ich legte es in die Schublade.
Dort liegt es, das Damoklesschwert,
das über den Köpfen der anderen
kreist. Wie das Rotorblatt
eines Hubschraubers.


Schädelhaare

Ich fuhr mit der Hand durch die
Haare auf meiner Schädeldecke
Ich fühlte sie zwischen meinen Fingern
dünner & lichter als früher
& dachte:

Nimm Alles
bewusst wahr &
begreife mit Freude
was Du verlieren
wirst
doch in diesem Augenblick
noch

besitzt!


Die Vermisstenanzeige

Die Vermisstenanzeige spare ich mir;
die Suchtrupps sollen zuhause bleiben &
es sich gemütlich machen;
es gibt keine Spürhunde für das, was
mir längst nicht mehr fehlt.
Abgesoffen in einem umgekippten Tümpel;
versunken in Moor oder Treibsand;
verbuddelt in gefrorener Erde.
Entlaufen, entführt, verirrt? Egal.
Eine Suche, die nicht begonnen wird,
kann nicht eingestellt werden.
Das gefällt mir.
Glück, Liebe, Erfolg, Ruhm….
Ich bin zufrieden.
Friede meiner Asche.
In allem kann ich sehen, was
eigentlich nicht da ist. Das Gesicht
in der Maserung; die Tiere am
Abendhimmel; die Augen im
Schaum.
In der Wasserflasche könnte Gin
sein. Also macht mich ihr Anblick
zufrieden.
Die Vermisstenanzeige spare ich mir.
Nichts wird eingestellt.
Nichts wird aufgegeben.


Der gefrorene Schrei

Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Phantomschmerz

Ihm fehlten die Unterschenkel.
Er saß auf einem kleinen Kissen
vor dem Schaufenster mit
Geschenkartikeln. Die Sonne schien.
Ich las nicht, was auf der Pappe stand, die
er sich vor die Brust hielt. Ich
ging vorüber. Nur wenige Münzen
lagen in der Schachtel, die er
neben sich hatte. Ich ging weiter. Weiter.
Grübelte, wie er dort hingekommen sein mochte.
Es gab nur ihn, das Kissen, das Schild &
die Schachtel. Kein Fortbewegungsmittel.
Ich ging weiter.
Plötzlich, sehr plötzlich taten mir die
Füße weh. Meine Waden schmerzten.
Wie ein inneres Brennen, das von
unten her bis zu den Knien loderte.
Ich ging weiter.
Schwerer & schwerer wurden die
Schritte. Das Brennen heftiger.
Die Gefäße pochten. Pochten.
Pochten. Tritte von innen. Ich
blieb stehen. Bückte mich; hob
ein Hosenbein etwas an ……
Schwarz pulsierte das Fleisch;
eine stinkende Masse. Panik. Ich
schrie auf. Hob das andere Hosenbein
an …. Schwarz pulsierte das stinkende
Fleisch auch dort.
Ich schrie um Hilfe. Niemand beachtete
mich. Niemand schaute in meine Richtung.
Passanten passierten. Ich stand dort,
sekundenlang, minutenlang …..
In der kreischenden Einsamkeit.
Zurück! riefen meine Gedanken.
Zurück zu der Stelle, wo er ……
Schwer & langsam ging ich; setzte
einen Schmerz vor den andern. Stützte
mich an Fassaden ab. Zurück.
Zurück. Ich fühlte meine Unterschenkel
schmelzen; glaubte, kleiner zu
werden. Weiter weiter. Zurück.
Stinkende Schritte, pulsierende Panik.
Schon aus der Entfernung sah ich – dass
er fort war. Er war fort. Das Kissen
war noch da. Die Schachtel war noch
da. Die Pappe war noch da. Die Sonne
war noch da. Ich näherte mich.
So langsam. So schmelzend. So schrumpfend.
Ich verlor meine Schuhe. Achtete nicht darauf.
Weiter. Endlich kam ich an, ließ mich auf das
Kissen nieder. Streckte die Beine aus.
Der Schmerz wurde unerträglich. Ich
wußte, was passieren würde.
Noch einmal schrie ich um Hilfe.
Alle gingen vorüber. Alle gingen weiter.
Ich las, was auf der Pappe stand, die neben
mir am Boden lag. – – –
-SCHULDIG IN NOT GERATEN –
Ich nahm es & hielt es mir vor die Brust.
Warum ich? – Alle waren vorüber gegangen.
Kaum jemand hatte sich um ihn gekümmert,
nur die wenigen, deren Münzen noch immer in
der Schachtel lagen.
Warum ich? Warum ich?
Ich starrte auf meine Hosenbeine.
Da lag die Logik. Verwesend.
Ich wußte, ich würde viel Zeit haben,
darüber nachzudenken – – –


Der Leichenkeller

Und irgendwann trägt man seinen eigenen
Keller mit sich herum
Einen Keller voller Leichen
mumifizierte Gefühle
skelettierte Lieben
unkenntlich
oder längst zu fast Nichts
zerfallen
Schritte werden schwerer
klingen unterhöhlt
Man jongliert mit Knochen
würzt die Gegenwart mit Leichenstaub
& hofft auf die
Auferstehung
der
Vergangenheit

oder auf die
Geburt
der
Zukunft


Höllenbeben

Zerstossene Erdensplitter
Dasein aus Unglück & Verzweiflung
zerrieben & gesiebt in den lavaspuckenden
Vulkan

ausgespuckt &
aufgefangen als
Talent

manchmal als
Genie

im Netz der
Hölle

Glut & Lava

& dann

das Höllenbeben

das alles wieder zusammenfügt
in seiner Erschütterung

zu bekannten Mustern

zu dem Ursprung
des gewöhnlichen Lebens

zu dem Ursprung
der Langeweile

zu dem Ursprung
der Talentarmut

Schade um die Toten

Schade um die Verschütteten

um die Versteinerten

Schade um die
die in Langeweile &
Glücklichsein

überleben


Der verkaufte Tod

Schon als Kind bist Du
vom Tod umgeben
Aber man verkauft ihn Dir
als Freiheit

„Dein Hamster? Er ist
entlaufen; die Wohnung war ihm
zu eng. Jetzt läuft er durch die
Welt & er freut sich.“

„Dein Fisch?
Das Aquarium war so klein….
Wir haben ihn im See
ausgesetzt. Er schwamm so
glücklich davon.“

„Dein Vogel?
Ach, sieh Dir doch den Käfig an.
Wärst Du froh, hinter Gitterstäben zu leben?
Der Piepmatz flog durch Türchen & Fenster
in den blauen Himmel.“

Ahhhh!
Alles atmet tief die Freiheit

Und dann –
Du bist immer noch Kind &
wirst es vielleicht immer bleiben –
Siehst Du das
was einst geliebter Mensch war

Du riechst die Chemie des Todes
Du siehst die Enge
die übrig bleibt
Den zugebundenen Kiefer

Das Nichts ist kein Aquarium
Das Aquarium ist ein Universum verglichen
mit dem Nichts

(hattest Du eines Morgens Blutschleier hinter dem Glas
entdeckt?)

Gitterstäbe
sind der Schmuck
den man dem Leben anlegt
solange es lebt

Wohnungen
sind so eng oder weit
wie Dein Geist ist

Dein Geist

solange

er

lebt


Lump & Altes Eisen

Ich hatte eine Kindheit
& in der gab es diesen Pferdewagen
der sich in regelmäßigen Abständen durch
die Straßen bewegte

Ein betagter Gaul & ein Wagen voller Gerümpel
Auf dem Bock saß ein Mann mit Baskenmütze
Er schwang eine große Glocke &
rief immer wieder:
„LUMPEN …. ALTES EISEN !!!“

Ich lief auf den Balkon & beobachtete das Gespann
Beobachtete wie Menschen aus den Häusern kamen &
Ausgemustertes auf die Ladefläche warfen
hörte das Scheppern, hörte die Hufe, die
wie ausgehölte Kokosnusshälften klangen

Manchmal ging ich auch runter &
folgte ihnen für eine Kinderweile
Da war der Geruch des Pferdes
Der Geruch von Rost & altem Stoff

Ich wohnte in einer Großstadt
aber dies war ein Stück Dörflichkeit

Heute lebe ich in einem kleinen Ort
Lebe in einer anderen Zeit
einem anderen Ich
Lebe in einem anderen Leben

Ich bin ein Lump
(manchmal)
& fast schon bin ich
Altes Eisen
Ausgemustert bin ich noch nicht
aber manchmal wie ausgehölt

Da ist kein Pferdegespann
das Kindheitserinnerungen hinter sich herzieht
Niemand schwingt rufend die Glocke

& doch weiß ich
was die Stunde geschlagen hat
& ich weiß
wem sie schlagen wird
endgültig
in nicht allzu ferner Zeit


Die Todesspinne

Die Todesspinne setzte sich auf mein Gehirn
& begann zu weben
Gedanken verwoben sich in ihren Fäden
wurden unbeweglich & ausgesaugt
wie blauschimmernde Fliegen
Die Beine der Spinne waren 8 & schnell
Benetzt & gefangen war mein Geist
Schwarz zuckend saß sie auf grauem Grund
Ihre Gründe ergründete ich nicht
Sie grinste wie die Spinne von Redon
die über dem LeseSessel von Huysmans hing
Tief unten & Gegen den Strich
war sie mir
sympathisch wie
der kühne Schwung der
Sense
über dem gelben Feld der
Eintönigkeit
wo unter dem kalten Blick der
Raben
der Maler sich
erschoss


Das Mehr

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …
Ein Meer aus Alkohol …
Ein Mehr an Betäubung …
Ein Meer der Zerstörung …
Ein Meer aus Worten …
Das Mehr des Meeres …
Ein Meer aus Scheisse &
vielleicht
Liebe

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …

Ein Meer aus Schmerz &

vielleicht

Das Tote Meer


Die Brücke

Du gehst vorüber an der Brücke, die
ich Dir gebaut hatte. Du wirst niemals
wieder jemanden kennen lernen wie
mich.

Wenn ich tot bin,
wirst Du Dich vielleicht erinnern.
Unter der Brücke stehen &
Rotwein trinken.

Zukunft.
Vielleicht auch nicht.

Die Brücke,
war sie brüchig?
Vielleicht.
Der Abgrund, über den sie führte:
zu tief?

Vielleicht.

Gründe:
hattest Du.
Waren sie gut?
Wahrscheinlich.

Geh vorüber an der Brücke,
wenn ich tot bin. Sie
ist kein Ort für
Dich.


Schwarzes Papier

Die schwärzeste unter den Nächten
verschluckte die Mondscheibe &
fraß Laternenlicht. Schwarze
Perlenketten wurden aufgeschnitten.

Die Nacht schrieb ein Gedicht
mit schwarzer Tinte auf schwarzes
Papier; & nannte es Tod der
Erinnerung
.

Ich wankte durch Dunkelheiten &
spuckte in den Rinnstein: Schwarzes
Blut. Schwarze Tiere mit schwarzen
Zungen leckten es auf.

Das Etikett der Flasche war schwarz.
Ich trank die Nacht. In meinem Kopf war
schwarzes Papier. Ich schrieb ein Gedicht
darauf; & nannte es Egal.

Die schwärzeste unter den Nächten
konnte es entziffern; sie hatte den
schwarzen Schlüssel zur Geheimschrift
meiner Gedanken.

Ich schluckte, was sie schluckte;
ich schrieb, was sie schrieb;
Pulsadern wurden aufgeschnitten &
aus schwarzem Blut formten sich Worte.

Die schwärzeste unter den Nächten
war stumm wie eine Perle, & sie
erkannte mich; denn
sie hatte mich geboren.


Der Schnellzug

Und wiedermal bist Du drüber hinweggekommen
Wie der Schnellzug über den Kopf des Selbstmörders
Ein bisschen was von Dir ist auf der Strecke geblieben
Aber das ist nicht wichtig

Wichtig ist
dass Du etwas hattest, worüber Du
hinwegkommen musstest
Und dass Du es geschafft hast

Die Veränderung, die es bewirkt hat, ist gut
Der Schmerz ist gut
Die Traurigkeit ist gut
Denn das ist die Lebendigkeit in Dir

Du kannst großzügig sein
mit Dir
& mit Anderen
Keine Rechtfertigungen
Keine Vorwürfe
Es ist keine Zeit dafür

Zu schnell wird der Zug sein Ziel erreichen
Den Kopfbahnhof, wo Du aussteigen musst
Schau aus dem Fenster
solange er unterwegs ist

Sieh was auf der Strecke liegt
Es ist nicht so wichtig
Wie Du manchmal denkst


Der hohle Baum

Nacht. Wald. Windstille. Mondlicht, das durch Baumkronen splitterte. Meine Schritte, mal knisternd, mal dumpf. In der einen Hand hielt ich eine Taschenlampe, in der anderen einen Zettel. Ich hatte diesen Zettel gestohlen, aber der, dem er gehörte, vermisste ihn wahrscheinlich gar nicht; wusste vielleicht nicht einmal etwas von dessen Existenz. Egal. Die Wegbeschreibung hatte mich fasziniert. Kritzelei. Geheimnis. Vielleicht etwas Unbekanntes, das man finden konnte. Irgendwo am Ende. Endlich etwas suchen. Das man nicht verloren hatte.
Es war noch angenehm warm. Waldluft, Geraschel von Tieren … Was hätte ich Besseres tun können, als mitten in der Nacht hier umher zu laufen? Das Taschenlicht auf den Zettel gerichtet, kam ich nur langsam voran; die Zeichnung & die dazugehörigen Worte waren alles andere als eindeutig. Mögliche Mißverständnisse schienen absichtlich eingebaut, sollten in die Irre führen. Das reizte meine Neugier nur noch mehr. Wie lange ich schon unterwegs war, keine Ahnung; ich habe nie eine Uhr bei mir. Dort, wo man manchmal wissen muss, wie spät es ist, gibt es immer jemanden, der es einem sagen kann; an allen anderen Orten muss man es nicht wissen.
Irgendwann also. Irgendwann stand ich vor dem gewaltigen Baum. Das musste er sein. Dicker als alle andern. Im Lichtfleck der Taschenlampe wirkte seine Oberfläche krank. Pilze umstanden ihn wie kleine Schachfiguren. Den Mond wehrte er ab. Man musste etwas Bestimmtes tun; es stand auf dem Zettel.
[…]
Warmes Licht strahlte blaß durch die schmale mannshohe Öffnung des Baumes. Es kam von unten. Rötlich-orange, ein Rechteck, schwach auf den Waldboden reflektiert. Fast blendend nach all der Dunkelheit. Ich trat näher. Schaute durch die Öffnung. Eine steile Treppe mit Geländer führte hinab zu einem Holzfußboden. Essensduft stieg nach oben. Wie eine Kindheitserinnerung.
Ich bin recht dünn. Zwängte mich seitlich durch den Spalt. Leicht nach hinten geneigt, Hand am Geländer, Stufe um Stufe hinab. Viele Stufen, viele Meter. Hinter mir schloss sich der Baum, knarrend. Der beengte Abstieg endete …..
….. endete in einem großen Gewölbe voll feurigem Licht; Kerzen & Kamine leuchteten. Alles war mit dunklem Holz ausgeschlagen. Möbel aus dunklem Holz. Asymetrisch angeordnet; keine rechten Winkel. Wärme, Hitze. Schatten wie Scherenschnitte. Leuchtende Schleier aus Tabakqualm. Und überall Bücher & Zettel. Papierene Welten. Bleistifte. Staub & Spinnennetze.
Die junge Frau stand mit dem Rücken zu mir an einem altertümlichen Herd. Rührte. Lange schwarze Haare. Schlank. Sie trug einen dunklen Pullover, der ihre Oberschenkel zu einem Drittel bedeckte. Sonst nichts. Barfuß. Ich blieb an der Treppe stehen.
Sie wandte ihren Kopf, blickte mich über die Schulter hinweg an. Zögerliches Lächeln.
„Hey“, sagte sie.
„Hey“, sagte ich.
„Wieder mal einer, der den Weg gefunden hat.“
Traurige Augen. Die sie dann wieder auf den Topf richtete.
„Ja, ich habe die Karte gefunden“, sagte ich.
„Gefunden?“ (Ihre Stimme!)
„Mehr oder weniger.“
„Wenn du sie gefunden hättest, wärst du nicht hier.“
Weg von der Treppe, ein paar Schritte wenigstens. Ich sah, was die Flammen mit ihren Schenkeln machten.
„Wieso?“ fragte ich ihren Hinterkopf.
„Nur wer sie stiehlt, findet hierher. Und das waren bisher nicht viele.“
„Tja, Scheisse, ich bin ein verfickter Dieb, ich gebe es zu.“
Genet“, sagte sie.
„Genau. Genet.“
„Setz dich.“
Sitzgelegenheiten noch & noch. Ich legte Lampe & Zettel auf den nächstbesten Tisch & wählte ein Sofa, zu dem ein Grammophon gepasst hätte; eine Kissen-Oase.
Sie drehte sich herum. „So, Köcheln ist angesagt.“ Es war ein Rollkragenpullover. Grobe Maschen. „Was zu trinken?“
„Alles, was die 40%-Hürde schafft, ist willkommen.“
„Absinth“, sagte sie.
„Grün wie die Hoffnung“, sagte ich.
Verdammt, da stand ja tatsächlich ein Grammophon. Vor einem Regal mit ausgestopften Vögeln; ganz oben ein starrender Uhu.
Sie tappste zu einer Kommode voller Flaschen & Gläser.. Reflexionen. Zuckerwürfel, die sie in Brand setzte; Zischen & Rühren & Löschen mit Wasser.
Dann trat sie mir nah. Beine, Pullover, Schatten unter den Augen. Sie reichte mir das Glas. Fingerspitzen, die sich berührten.
Sie setzte sich zu mir.
„Was gibt’s zu essen?“ fragte ich.
„Hackbraten mit Pilzen. Als Nachtisch Feigenkompott.“
Falscher Hase, dachte ich, Alice im Wunderland …. Wo ist der echte Hase? Wo die Uhr?
Es gab eine Standuhr, aber die zeigte eine Zeit an, die nicht stimmen konnte. Das Pendel bewegte sich; lautlos. Lautlos?
Ihre Schenkel so nah. Angewinkelt. Haut, so blass. So glatt. Duft.
Wir nippten gleichzeitig getrübten Anis.
„Verrückt“, sagte ich.
Verrückt“, sagte sie. Bei ihr klang es so anders. Ein Wort, das man streicheln musste. Ihre Nase war eine Sprungschanze, ihr Mund das Kissen für die Landung. Sommersprossen. Kerzenflämmchen tanzten in ihren Pupillen.
„Was mach ich hier eigentlich?“ sagte ich.
„Tja, was? Vielleicht – mich retten?“
„Wovor?“
„Vor all dem.“ Eine ausladende Geste.
„Ich finde es sehr schön hier.“
„Nur wenn man es zum ersten Mal sieht. Für mich ist es der Schädel eines Wahnsinnigen, in dem ich lebe.“
„Wieso lebst Du dann hier?“
Sie nahm einen großen Schluck.
„Lass uns über was anderes reden“, sagte sie.
„Wie du willst.“
Ich stellte mein Glas auf einen Tisch voller Bücher. Zwischen Joyce, Proust & Huysmans.
„Du hast ein Grammophon.“
Sie lächelte. Eine winzige Zahnlücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen.
„Ja, manchmal lege ich eine uralte Platte auf & tanze dazu. Nachts. Allein.“
„Das würde ich gerne sehen.“
„Du spinnst.“
„Nur manchmal“, sagte ich. „Bist du denn immer allein?“
„Ja, immer. Ich weiß nicht mal, wo das Essen herkommt. Oder alles andere, was man so braucht. Es ist einfach da.“
Sie kippte den milchigen Rest & stellte das Glas neben meins.
„Ich habe längst aufgehört, mir Fragen zu stellen“, sagte sie, „oder nach der Realität in all dem hier zu suchen. Logik ist mir scheissegal inzwischen. Es gibt sie nicht. Nicht hier. Die meiste Zeit bin ich ohnehin verwirrt.“
„Aber du schreibst.“
„Ja, ich schreibe. Was soll ich auch sonst tun?“
Sie rückte etwas näher. Ihr Knie berührte mich. Leicht.
(Schwere in meinem Schwanz.
Schnell, so schnell. Vielleicht. Aber auch die Zeit hatte hier etwas Seltsames, Unbekanntes. Eine Mixtur aus -Raffer & -Lupe.)
„Ich bin so einsam“, flüsterte sie.
„Ich auch“, flüsterte ich.
„Aber nicht so.“
Die Flämmchen glitzerten näher.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Das ist unwichtig“, atmete sie in mein Gesicht. „Und du?“
„Das ist noch unwichtiger.“
Sie legte ihr Bein über meine Oberschenkel. Weich.
Dann: Hände … Haut … Lippen … Zungen … Gerüche … Nässe zwischen ihren Beinen … Glitschige Finger …
Sie erhob sich vom Sofa. Durchquerte den Raum. Hinüber zu dem großen schweren Bett zwischen roten Lampenschirmen. Im Gehen zog sie den Pullover über ihren Kopf. Mein Schwanz beobachtete sie. Die schwarzen Haare, die über den hellen Rücken fielen. Ihren Arsch, wie sie ins Bett kletterte. Jede Schwingung. Ihre Fußsohlen. Feuerlicht auf ihrer Haut. Sie legte sich auf die Decke, bäuchlings, mir zugewandt. Augen. Blick. Blick. Augen. Ich ging zu ihr.

Die Zeit …. Seltsam … Unbekannt … 2 Einsamkeiten, die sich ficken … Sehnsüchte … Etwas Vergessenes, das wieder einfällt & in ein anderes Vergessen führt … Saufen, was aus Körpern dringt … Schläge in & außer Takt … Schreie … Worte … peitschende Beschimpfungen … Atem & Atemlosigkeit … schwitzende Fantasien … Schmerzen … Tränen Sperma Fotzensaft … zitternde Suche … ziellose Gier …

Schwitzend auf dem Bett. Sie drehte sich eine Zigarette; schnell, geschickt. Spitzzunge. Das Zipp-Clock! eines Zippos. Sie inhalierte tief.
„Das Essen kannste wohl wegschmeissen“, sagte ich.
„Nö, das geht schon noch, irgendwie. Ausserdem hab ich einen Mordshunger.“
Die meisten Kerzen waren erloschen. Kamingeflacker. Sie blies Rauchringe ins Licht der Nachttischlampen. Wir drückten unsere nassen Häute aneinander.
„Wie bist du hierher gekommen?“ fragte ich.
„Genauso wie du. Ich hab einen Zettel geklaut. Ist Jahre her.“
„Wieviele von diesen Zetteln mag es wohl geben? Oder ist es immer derselbe?“
„Nein“, sagte sie, „allein hier unten liegen bereits 16 Stück.“
„Hmm. – Und, lebte damals jemand hier?“
„Ja, es lebt immer jemand hier. Damals war’s ein etwas seltsamer älterer Mann. Ich glaube, die meisten Bücher hier sind von ihm. Bin mir aber nicht sicher.“
„Hast du ihn auch gefickt?“
„Ja.“
„Und er hat dich allein gelassen?“
„Auf Dauer kann immer nur einer hier leben“ sagte sie. „Das ist einfach so.“
Ich streichelte ihren Oberschenkel.
„Wieso, was passiert denn sonst?“
„Einer von beiden verändert sich. Nach einiger Zeit. Es ist wie eine Art Krankheit.“
„Krankheit?“
„Ja. Einfach widerlich. Ich will da nicht drüber reden.“
„Okay“, sagte ich, „aber warum ist dann er gegangen, und nicht du, wo du’s doch hier so grauenhaft findest?“
„Anfangs fand ich’s ja nicht grauenhaft. Außerdem war er schneller.“
„Versteh ich nicht.“
Sie lächelte. „Du musst ja auch nicht alles auf einmal verstehen. Das ist ein bisschen viel fürs erste.“
Fuck“, sagte ich.
„Ja, genau, Fuck. Ich kümmer mich mal ums Essen.“
Mit der Zigarette im Mundwinkel stand sie auf. Ging zum Herd. Po-Swing! Blaßrötliche Landkarte meiner Schläge. Um die sie gebettelt hatte.
„Tja“, sagte sie, „Pilze zerkocht, Kartoffeln püreeähnlich, und das Gehackte ist sicher furztrocken.“
„Egal“, sagte ich.
„Genau, egal, der Hunger treibts rein. Kannst schon mal den Tisch decken; da drüben ist alles.“
Vorher ging sie noch pissen. Auch das Klo stand offen; es gab einfach keine Wände. Sie saß da & plätscherte, lächelte mich an, warf den Zigarettenstummel zwischen ihre Beine; Zisch. Sie wusch sich nicht die Hände anschließend; das gefiel mir.
Dann saßen wir nackt am Tisch. Teller & Töpfe zwischen Büchern; frische Kerzen. Die die Schatten unter ihren Augen beleuchteten.
„Wußt ich’s doch, dass es trotzdem super schmeckt“, sagte ich. „Eine Zauberkünstlerin der Gewürze.“
„Ich bins gar nicht mehr gewohnt, nicht allein zu essen. Irgendwie seltsam. Aber irgendwie auch schön.“
Titten sind mir nicht besonders wichtig, aber ihre gefielen mir. So als Garnierung des Essens.
Eine Spinne huschte über den Boden, als hätte sie eilige Geschäfte.

Sie finden nicht hierher. Sie finden nicht den Zettel. Sie würden den Zettel niemals stehlen, wenn sie ihn fänden. Sie hätten kein Interesse. Menschen, die funktionieren. Menschen, die mitten im Leben stehen; in einem Leben, das als normal bezeichnet wird. Menschen wie Zahnräder in einer Uhr. Ihre Zacken greifen ineinander, treiben die Zeit voran; sinnlos, leer. Zeitvertreib folgt auf Zeitvertreib. Bis dass der Tod sie scheidet ….. Sie ist kaputt, ich bin kaputt. Vergangenheiten, die uns die Zacken abgeschlagen haben. Fremdkörper in der Uhr. Schmerz, Neugier, Selbstzerstörung. Absonderung. Selbsthass & Egozentrik. Hungrig auf Alles & doch oft unfähig zu schlucken.

Tage? Oder Wochen?
Keine Ahnung. Ich verstand die Zeit nicht mehr. Und sie konnte mir die Zeit auch nicht erklären; sie wusste noch weniger darüber als ich. Und ihre Standuhr war verrückt.
Es lohnte sich nicht, Klamotten anzuziehen. Bett, Essen, Trinken; Trinken, Essen, Bett & Badewanne. Schaumblasen, die zwischen uns platzten. Nur hin & wieder zog sie etwas an, das mir besonders gefiel; etwas, das ihre Beine betonte. Ich lernte die kleine Narbe auf ihrer Zungenspitze kennen. Gespräche & Gespräche & Gespräche. Gegen das, was sie erlebt hatte, kam mir mein Leben nahezu geschmeidig vor. Es erklärte ihre Augen; es erklärte ihre Schatten. Es erklärte ihre Ängste. Ich las vieles von dem, was sie geschrieben hatte. In all diesen unterirdischen Jahren. Wenn es Jahre gewesen waren. Worte, die einen eigenen Ton hatten, einen eigenen Geruch, einen eigenen Puls. Und sie war so jung. Ich: 30 Jahre älter.
Wir tanzten zum Grammophon. Knisternde Orchestermusik; eine unbekannte Melodie. Die Hände auf dem Arsch des andern. Ab & zu gab die aufgezogene Feder einen aufschreckenden Knall von sich; manchmal zuckten wir leicht zusammen. Gekicher. Grinsen.
„Du machst mich so glücklich“, flüsterte sie.
Schweigen.
Tanzen.
Schweigen.
„Was meinst du, wann die Veränderungen einsetzen werden“, sagte ich.
„Ich weiss es nicht. Vielleicht schon bald. Und ich weiss auch nicht, wen es treffen wird.“
„Sieht man es?“
„Oh ja, man sieht es. Aber ich vermute, es verschwindet wieder, sobald man sich trennt.“
„Du bist nicht sicher?“
„Wie kann ich das?“, sagte sie. „Man sieht sich ja nicht mehr wieder.“
Wir tanzten. Die Nadel kratzte über die Schellackplatte. Mein Schwanz klemmte zwischen unseren Bäuchen.
„Ich fühle mich wie eine Irre“, sagte sie.
„Wie die Irre, in die ich geführt werden sollte“, sagte ich.
Wie oft wir diese Platte hörten …. Und immer kamen neue Kratzer hinzu.
Leben. Zeit. Abnutzung.

Schatten werden größer.
Spinnen werden schneller.
Essen wird nicht mehr zerkocht.
Wörter wechseln die Temperatur.

Und dann kauerte sie unter dem Bett. Nackt wie ein Tier. Geduckt wie ein Tier. Umschattet. Ich zitterte. Sie zitterte. Ihre Augen: Angst, die Angst machte. Verzweiflung, die verzweifeln ließ. Schmerz der Einsamkeit. (Mordgier im Hintergrund? Möglich.) Die Pupillen so weit, dass die Iris verschwunden war. Ihre Haut war zu einer Landkarte geworden; schwarze Linien, schwarze Flecken überall. Ihr Gesicht: eingefallen bis zur Hässlichkeit. Haare waren ihr büschelweise ausgefallen. Gesprungene Lippen.
Ich saß am Tisch & beobachtete sie. Nur wenige Kerzen brannten. Ich hatte mich angezogen. Es war alles schnell gegangen. Glaube ich. Die ersten Veränderungen noch beinahe unmerklich, zunächst in ihrem Wesen, dann auf ihrer Haut. Ich wußte, was es bedeutete; sie wußte es schon nicht mehr. Anfangs fickten wir noch, aber es war anders. Etwas seltsam Verbissenes war dabei. Andere Flammen tanzten in ihrem Blick …..
Wir starrten uns an. Hielten uns in Schach. So lange. So lange. Vielleicht. Schließlich schaute ich woanders hin. Sie sollte sich beruhigen. Schau ihr nicht in die Augen; sie ist Tier, sie ist Furcht.
Irgendwann. Sie kroch unter dem Bett hervor. Leise. Zaghaft. Ich schaute nicht hin; sah es nur am Rande. Sie lief zur Treppe, dumpf das Geräusch ihrer Füße. Vor der untersten Stufe blieb sie stehen, drehte sich zu mir herum. Sie atmete schwer. Grauen in der Schwärze ihres Blicks. Nackt, so nackt … und doch, ihre Haut tätowiert vom Schrecken. Kahle Stellen auf ihrem Schädel. Ich wandte mich von ihr ab, stand ganz langsam auf & ging hinüber zu dem Stuhl, auf dem ihr Pullover lag. Ich nahm ihn, er roch nach kaltem Rauch, drehte mich, noch langsamer, in ihre Richtung, und warf ihn ihr zu. Sie fing ihn; es war nur ein Reflex.
Dann rannte sie die Treppe hinauf, den Pullover in der einen, das Geländer in der andern Hand, ich hörte das Knarren des Baumes, rannte selber zur Treppe, schaute nach oben, sie zwängte sich durch die Öffnung, ihre Titten machten es ihr schwer, sie schaffte es, war draußen, blickte noch einmal durch die Öffnung, hinunter zu mir, es war Nacht, ihr Gesicht so dunkel.
Dann ….
Schloss sich der Baum.

Schreiben & Lesen. Lesen, was sie geschrieben hat. Schreiben, was sie niemals lesen wird. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie lebt. Dort oben. Jetzt. Ich esse, trinke, existiere, schlafe, wichse, träume. Begreife nichts. Keine Verbindung zur Außenwelt. Innen. Welt. Ich langweile mich nicht, weil ich mich nicht langweilen kann. Sie lebt & erinnert sich an nichts. Vermute ich. Sie wird wieder schön sein, inzwischen. Ich hoffe es. Für sie.
Es ist merkwürdig mit dieser Treppe. Ich stehe manchmal vor der untersten Stufe, und ich kann meinen Fuß nicht darauf setzen; mein Bein bleibt unbeweglich, in dieser Richtung, wenn ich dort stehe. Fast noch merkwürdiger ist es, dass ich als junger Mensch – vielleicht so jung, wie sie es gerade ist – einmal eine Story geschrieben habe, die von einer Treppe handelte, die lediglich abwärts führte, von einer Treppe, die niemand hinaufgehen konnte. Als hätte ich es schon damals geahnt. Als hätte ich mein Leben schon im vorhinein überblickt.
Hin & wieder lasse ich das Grammophon laufen. Und wenn genug Absinth in mir ist, tanze ich dazu. Es gibt noch weitere Platten, aber ich höre immer nur die eine. Die kaum noch zu hören ist. Oftmals bleibt die Nadel hängen. Und ich tanze dennoch weiter.
Ich fühle mich nicht wie im Schädel eines Wahnsinnigen. Ich fühle mich wie in meinem eigenen Schädel. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche.
Gibt es noch weitere Zettel? Irgendwo? Gibt es noch jemanden, der sie stehlen würde? Fast ist es mir egal. Nur zum Spaß mache ich gelegentlich den Stufentest. Im Grunde habe ich dort oben nichts zu suchen. Nicht mehr.

Ich habe dort oben nichts mehr zu suchen, weil ich dort oben nichts mehr verloren habe.


Die Schlangenfarm

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Die Schlangen haben Beine
lang & schön
Die Schlangen haben Haare
lang & schön

Die Schlangen hängen sich
an meinen Hals
Sie zischeln mir ins Ohr
bis ich grinse

Ihre Bewegungen sind geschmeidig
wie ihre Worte

Ich liebe ihre Haut
Ihre Zungen & ihre Zähne

Ich liebe ihren Biss

Ihr Gift ist
ein künstliches Paradies
Ein schmerzendes Vergessen
Ein schmerzendes Erinnern
Fantasie vielleicht
Sonst nichts

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Wo sonst könnte ich leben ?


Glückliche Momente

Manchmal möchte ich sie auslöschen
Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Sie haben eine Farbe, die sich
beisst mit der Grundfarbe meines Lebens
Sie sind getaucht in eine Helligkeit
die einen zu starken Kontrast bildet
Farbe & Helligkeit & Kontrast schmerzen
Sie brennen in den Augen
Sie trüben den Blick
Sie verändern die Sicht auf das Leben

Die glücklichen Momente der Gegenwart
Auch ich bin schwach
Auch ich möchte sie bewahren
Die Augen schließen &
ihre Helligkeit dennoch sehen
durch Lider, die zu dünn &
voller Blut sind

Aber Gegenwart ist nicht greifbar
Nur die Vergangenheit bleibt einem
Nur die Vergangenheit ist immer präsent
Eine stetig wachsende Fläche
mit einer bestimmten Grundfarbe

Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Ich möchte sie auslöschen

Manchmal
Manchmal

oft


Die Schmeißfliege

Ich würde sie küssen
die Schmeißfliege, die
auf Deinem Scheisshaufen saß

Sie ist blau
schimmernd

Blau wie ich
der ich nicht schimmern kann

Sie kann fliegen
Sie kann summen

Fliegen kann ich nicht
Vielleicht in Träumen

Summen kann ich
Wenn wir miteinander sprechen

Aber wir sprechen nicht mehr
miteinander

Die Klatsche

Ich habe einen an der Klatsche

Die Schmeißfliege
Ich träume von ihr

Ich werde sie nicht verletzen
Ich kann ihr nicht weh tun

Sie soll fliegen

fliegen

summend

blau

schillernd

dorthin

wo Dein Duft wohnt

Vielleicht
kommt sie von meiner
Leiche
an der sie saugte

Vielleicht
lächelte sie dabei

Ihre Flügel
zittern

Ich zittere
mit ihr

Und ich
küsse sie