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Der dünne Katalog

Der alte Mann hörte wie
die Klappe vom Briefschlitz
in seiner Haustür
zuschlug

Post!
Nachricht von draußen!

Langsam
erhob er sich vom Sofa &
langweilte sich
durch den kurzen Flur

Die Post
lag auf dem Boden
auf der Fußmatte

Der alte Mann
bückte sich

langsam

beschwerlich

hob die Post auf

Nur eine
als Brief verkleidete Werbung
&
ein dünner Katalog

Als der alte Mann sich
aufrichtete
schmerzte
sein Rücken

Den Brief
der keiner war
warf er sofort
in den Müll

Den Katalog
nahm der mit auf
das Sofa

Denn auf der Titelseite
war
eine junge Frau

Eine junge Frau
in einem kurzen Sommerkleid

Die Frau
lächelte
wie
eine Erinnerung
an schöne Zeiten

Sie war
perfekt
die junge Frau

Denn
ihr Abbild war
retuschiert
wie
die Erinnerung
an schöne Zeiten

Ihr Lächeln
Ihre Schultern
Ihr Dekolleté
Ihre Beine
Ihre Füße

Der alte Mann
betrachtete sie
lange

Dann schlug er
den Katalog
auf

&
blätterte
darin

Seite
für
Seite

Viele Bilder waren
darin
doch er
verfolgte nur

die junge Frau
von der Titelseite

Das Geräusch
des Blätterns
hatte er ausgeblendet
(oder war er schon zu alt
es zu hören?)

Er fror

Auf den ersten Seiten
trug sie
Kleider
Röcke
Hosen
(lange Hosen
Shorts
Hotpants)

Der alte Mann
blätterte
langsam

sehr langsam

Befeuchte
ab & an
seine Finger
mit der Zunge

Einige Seiten weiter
trug sie
Bademode

Der alte Mann
roch
das Meer
fühlte
den Sand
schmeckte
Salz
&
Haut

Bunt waren
die Seiten
Bunt wie
seine Jugend

Das Licht war
künstlich
in der Wohnung
des alten Mannes
denn draußen
war es
düster & grau

Dann kam
die
Unterwäsche

Der alte Mann
suchte

suchte
nach der jungen Frau

Er sah nur
fremde Gesichter
fremde Körper
war
verstört
war
enttäuscht

blätterte um

& –
da war sie

Der alte Mann war
beruhigt

So schön war sie
in
Dessous

So
perfekt
wie seine
Einsamkeit

Die Zeit
verging
seitenlangsam

Die Seiten
färbten ab
& er
schmeckte sie
die Seiten
die Farben
das Künstliche

Ist diese Sehnsucht
dieselbe
wie
früher
dieselbe
wie
damals? –
Das
kann
nicht
sein
Das
kann
nicht
sein

Schließlich
kam
die
Nachtwäsche

Die junge Frau
in
Schlafanzüglichkeiten

Wovon würde sie
träumen
in diesen
Pyjamas
diesen
Shorties?

Nicht
von dem alten Mann
auf dem Sofa
der in diesen Seiten
blätterte

Nicht
von seiner
Sehnsucht

Nicht
von der
Vergänglichkeit

Vielleicht
von
ihrer
Perfektion

Von der Perfektion
die sie nur
in diesem
Katalog
haben konnte

retuschiert
&
gebannt

für
die Zukunft

Eine Zukunft
die
begrenzt war
wie
die Hoffnung
des alten Mannes

Der alte Mann
schlug den Katalog
zu
& legte ihn
mit der Rückseite nach oben
neben sich

Auf der Rückseite
war
eine Waschmaschine
abgebildet

Der alte Mann
legte
die Hände
in den Schoß

In den Schoß

der

tot

war


Der Gutschein

Und wieder betrat jemand
mit einem Gutschein in der Hand
das Hotel.
Kam an die Rezeption; fragte
mich nach einem Zimmer.
Es war ein Gutschein der
Deutschen Bahn,
ein Gutschein für
Übernachtung + Frühstück.
Er, der Inhaber des Gutscheins,
hatte seinen Anschluss
verpasst.
Unverschuldet.
Nach dem Grund brauchte ich
nicht zu fragen.
Nach dem Grund brauche ich
niemals zu fragen …..
Er wird mir
immer
einfach so
mitgeteilt.
Und oft,
sehr sehr oft,
ist es
ein & derselbe Grund :
Jemand
hat sich
vor den Zug
geworfen.
Irgend
Jemand.

So auch diesmal.
Der Mann mit dem Gutschein
war verärgert; er hatte
einen wichtigen Termin
versäumt.
Vielleicht
ein Rendezvous,
ein GeschäftsEssen,
einen Fick,
irgend etwas, das ihm
wichtig war.
Irgend etwas
Banales.
Warum nur war er verärgert?
Er hatte doch
einen Gutschein
gewonnen.
Jemand hatte ihm,
ohne darüber nachzudenken,
zu einem Gutschein
verholfen.
Jemand
der vielleicht auch
irgend etwas
verpasst
hatte.
Irgend etwas, das
ihm
wichtig war.
Irgend etwas
Banales.


Die Verschüttgötter

Man ärgert sich
maßlos
wenn
man etwas
verschüttet
vom Cocktail
der einen
Geld
gekostet hat

Vom Cocktail
der einem
helfen sollte
sich
besser
zu
fühlen

Doch
vielleicht
meinten es
die
Verschüttgötter
ja nur
gut
mit einem

Sie sahen
vielleicht
den kommenden
Kopfschmerz

&
vielleicht sogar
den
vorzeitigen
Tod


Falls ein Reifen platzt

Das ist kein Scherz –
manchmal, auf der Autobahn,
auf gerader, leerer Strecke
dirigiere ich die Musik
mit beiden Händen
& das Auto
dirigiert sich selbst

Es könnte
die Fledermaus-Ouvertüre sein
oder
etwas aus Carmen

Am liebsten
ein
Crescendo
ein
Accelerando

Sollte jemals
in so einem Moment
ein Reifen platzen,
werde ich es
vermutlich
nicht
überleben

Aber wenigstens
sterbe ich
für die Musik
mit Musik
&
in Extase


DER Moment

Dieser Moment
schien mir
unbedeutend wie
so
viele
in meinem Leben

Er war es
wohl auch

Wahr
scheinlich

ÜBERGROSS
doch
LEER

So dass
die Zeit
in ihm
verschwinden konnte

Ich aber wollte ihn
bedeutend
&
erfüllt
so dass
Nichts
in ihm
verschwinden konnte

JEDEN MOMENT
will ich
BEDEUTEND

Das wurde mir
irgendwann
klar

Denn je mehr
Momente
einem
ETWAS
bedeuten,
desto

LÄNGER
&
ERFÜLLTER
erscheint einem
das LEBEN

am
ENDE

Zumindest
hoffe ich
DAS

Deshalb
betrachte ich das
UNBEDEUTENDE
als wäre es
BEDEUTEND.


Meine Asche

Staub tanzt
Asche tanzt
im Sonnenlicht

Solange ich lebe
tanze ich
im Mondlicht

Aber
vielleicht
wenn ich tot bin

wird dereinst
auch meine Asche
im Sonnenlicht tanzen


Der Waschlappen

Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Für meinen Kreislauf.
Dampf stieg auf,
mein Gesicht war tiefrot.
Dahinter: Schwindel.
Wie lange hatte ich schon
in der Badewanne gelegen?
Ich wusste es nicht.
Ich hatte geträumt.
Ich richtete mich auf, nahm
den bereitgelegten Waschlappen,
drehte das kalte Wasser auf,
ließ den Waschlappen sich damit
vollsaugen ….
Dann drehte ich das Wasser wieder ab,
lehnte mich zurück
& legte den eiskalten Lappen auf mein
Gesicht.
Die Kälte tat mir gut.
Ich atmete sie ein.
Doch sie hielt nicht lange vor
auf meinem heissen Gesicht.
Der Waschlappen hatte
eine Vergangenheit.
Seine Farben
waren blass geworden;
er war
dünn geworden.
Seit damals …..
Damals als er
meine Lieblingsorte bereiste –
unter meiner Führung ….
Warme Orte.
Weiche Orte.
Zärtliche Orte.
Orte, die
es nicht mehr gibt.
Orte, die
verfault sind.
Seit damals.
Mir wurde kalt,
ganz plötzlich ….
In all dieser Hitze um mich herum.
Dampf stieg auf.
Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Und mir war kalt.


Die richtige Art zu sterben

Wie kümmerlich
& unspektakulär
ist doch
der Tod der politisch korrekten Energiesparlampe ….
Vielleicht ein bisschen nerviges Geflacker,
ein leises Geräusch – dann das
Erlöschen.

Die altmodische Glühbirne –
sie knallt,
sie blitzt
(ein Blitz, der heller scheint als
das Licht, das sie während ihres
ganzen kurzen Lebens
ausstrahlte).
Vielleicht zerspringt ihr Glas dabei,
und der gerissene Draht
zittert & raucht sichtbar.
Sie erschreckt einen ….
& manchmal schafft sie es sogar,
dass eine Sicherung rausspringt –
& alles um sie herum wird
finster & still.

Das
ist die richtige Art
zu sterben.


Die letzten Worte

Ich lag am Boden,
umringt
von den nebelhaften Fratzen
der Schaulustigen.
Und die letzten Worte,
die ich wie aus der Ferne hörte,
bevor ich starb,
lauteten:
»Lassen Sie mich
bloß nicht durch; ich
bin Arzt!«


Der Showmaster

Keine Fluchtmöglichkeit.
Kein Entkommen
vor dem Bild des Toten
in meinem Kopf.
Durch meine Augen wurde es
nach außen projiziert; ich
sah es
überall
vervielfacht –
wie ein Tapetenmuster auf den Wänden,
wie ein Teppichmuster auf dem Boden –
& ich sah es
in den Gesichtern aller Menschen.

Ich war dem Bestatter &
meiner Mutter in die winzige Kapelle gefolgt ….
Draußen war es längst dunkel.
Der offene Sarg stand zwischen hohen
Kerzenleuchtern.
Auf den ersten Blick
fing ich an zu
zittern.
Ein Gemisch aus Rotz & Tränen
tropfte auf den Boden.
Ich blieb nahe bei der Tür stehen,
keinen weiteren Schritt hätte ich
in Richtung Sarg machen können.
Die Augen des Toten schienen mir
nicht ganz geschlossen zu sein; sie
beobachteten mich.
Der Mund war nicht ganz geschlossen;
das Gebiss wirkte monströs
zwischen den zurückgezogenen Lippen.
Schmerz war der alte Meister, der die
vergilbte Haut gezeichnet hatte.
Die Frisur des Toten war
irgendwie seltsam – ähnlich wie er sie
im Leben getragen hatte, aber eben doch
nicht exakt so …. Der Bestatter hatte
die kaum ergrauten Haare gekämmt.
Als die Mutter an den Sarg herantrat &
das Gesicht berührte, das vom Krebs
leergefressen worden war, wurde
das Grauen für mich
unerträglich.
Und sie schaute zu mir herüber & fragte:
»Willst Du nicht näher kommen & Dich
verabschieden?«
Als ich den Kopf schüttelte, tropften noch mehr
Tränen & Rotz auf den Boden.
»Wir müssen gehen«, sagte meine Mutter
zu dem Bestatter. Der Bestatter war
der Vater eines Schulfreundes.
Sie nahmen mich zwischen sich, hielten mich
unter den Armen, da ich
kaum laufen konnte.
Und sie brachten mich zum Auto.
»Das war ein Fehler gewesen«, sagte sie.

Zuhause
ging ich in mein Zimmer.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Überall.
Ich schaltete den kleinen Schwarzweiß-
fernseher ein, den der Tote mir
knapp 1 Jahr zuvor
zu Weihnachten geschenkt hatte.
Es lief eine Spielshow, die
ich immer gerne sah.
Alle Beteiligten hatten
das Gesicht des Toten ….
Aber der Showmaster hatte auch
die Statur des Toten. Und
seine Frisur sah exakt so aus wie
die Frisur, die ich kurz zuvor gesehen hatte;
sie war
wie von einem Bestatter kreiert ….
Der Showmaster war
das Erschreckendste von all diesen
kleinen, schwarzweißen Wesen.

Und ich verstand nicht,
was sie sagten.
Und ich begriff nicht,
was sie taten.

Und die Träume, die folgten, waren
widerwärtig.

Und die Zeit, die folgte, ließ
das Bild des Toten
verblassen.

13 Jahre später
erhielt der Showmaster
einen Preis.
Er hielt eine Dankesrede.
Sein Gesicht
war leergefressen vom Krebs,
der Hemdkragen zu weit
für seinen Hals.
Schmerz war der alte Meister, der
unter der Schminke
sein Gesicht gezeichnet hatte.
Sein kaum ergrautes Haar
(im Farbfernseher)
schien mir ein wenig anders als sonst
gekämmt worden zu sein – –
aber ich mochte mich irren.

Kurz darauf
war der Showmaster tot.

Ich
schaute immer weniger
Fernsehen.

Der Bestatter hatte
meinen Vater fotografiert;
es war der Wunsch meiner Mutter gewesen.
Die Fotos tat sie in einen
altertümlichen Stahlsafe im Keller, den
mein Vater noch selber gekauft hatte.
Niemals wurden diese Fotos
betrachtet …..

Der Stahlsafe –
es gibt ihn noch.
Er steht noch immer in einem Keller.
Immer noch liegen die Fotos darin.
Noch immer
unbetrachtet ….

Manchmal
in durchzechten Nächten, wenn
die Musik
sehr laut ist,
zieht es mich in den Keller
wie an den Rand eines Abgrundes.
Schon als Kind glaubte ich oft,
in die Tiefe springen zu müssen ….
Doch etwas anderes in mir
hielt mich jedes Mal
zurück.
Und auch jetzt noch
ist es so.
Der Safe bleibt verschlossen;
die Fotos unbetrachtet

bis
(vielleicht)
kurz vor
dem
end-
gültigen
Sprung.


Die zerkratzte Rückenlehne

Irgendwann ist dann nur noch
die Rückenlehne
zerkratzt

Die Rückenlehne
des Sessels
auf dem man
fast bewegungslos
sitzt

Katzen
die längst verstorben sind
haben
ihre Krallen daran
geschärft

Und man
erinnert sich

Es gab mal eine Zeit
da war
der eigene Rücken
zerkratzt

Zerkratzt
von
Leidenschaft

die scharf war

Zerkratzt
von der
Leidenschaft

verschwundener
oder
verstorbener Frauen


Der Friedhof der Hände

Als ich ein Kind war, erzählte man mir:
Wenn ein Toter begraben wird, der in seiner
Kindheit böse war – vor allem zu seinen Eltern -,
dann wächst nach einiger Zeit
eine seiner Hände
aus dem Grab heraus …..

Als Mahnmal
für alle Nachkommenden.

Und in der Finsternis meines Zimmers,
in meinem Bett liegend,
stellte ich mir vor, wie ich
in einer Mondnacht
über einen Friedhof ging ….
Und aus fast allen Gräbern
ragten diese Hände –
in unterschiedlichen Stadien der
Verwesung.
Faulig glitzernd im fahlen Licht.

Viele
viele
Hände

Und es war nicht so sehr Furcht,
was ich fühlte. Denn
ich wusste, ich
gehörte zu ihnen.
Und ich wusste, dass sie es wussten.
Auch meine Hand würde
aus dem Grab wachsen;
auch ich würde
bewegungslos winken.
Und es hatte etwas
Beruhigendes,
nicht allein zu sein.

Es hatte etwas Beruhigendes,
zu den Bösen zu gehören.


Die Unvollendeten

Ich höre den Tod, wenn
die Musik verstummt

Wenn die Symphonie
nur einen Satz hat

Ich lese den Tod, wenn
der Text unvermittelt abbricht

vielleicht mitten im Satz

Ich sehe den Tod, wenn
das Gemälde unvollendet ist

sehe ihn in den nackten
Flächen der Leinwand

Fragmente
die mehr über das Leben sagen
als das Vollendete

es
jemals
kön


Rollen

Jeden Morgen wurde ich
in das Wohnzimmer gefahren, in
meinem weißen Bett auf Rollen

Ich schaute durch die hölzernen Gitterstäbe
& wunderte mich
über Alles

Das Licht der Welt

Ich konnte
noch nicht sprechen

aber leben

ein weiterer Neuling
auf diesem Planeten

ein Bewußtsein, das
sich seiner selbst nicht bewußt war

Das war
Glück

Bevor das
Selbstbewußtsein erwachte

&
die Rollen
&
die Gitterstäbe

eine andere Gestalt
annahmen

Als ich sprechen konnte
aber es nicht wollte

Zuletzt wird man mich
in ein anderes Zimmer fahren
in einem fremden Bett auf Rollen

hinein in die Finsternis

& es wird mich
nichts mehr wundern.


Die posthume Entdeckung

Wir werden alle
nach unserem Tode
entdeckt werden

Sofern
jemand rechtzeitig
eine Decke
über unsere Leichen wirft


Der Kreis

Ich wurde nachts
gegen 3 Uhr
geboren

Die meisten wachen Momente
in meinem Leben
hatte ich nachts

Die meisten Tage
habe ich
verschlafen

Ich hoffe
ich werde
nachts sterben


Das letzte Winken

Es sah aus als würde sie winken.
Winken aus dem Maul der Katze.
Die Katze kaute.
Es sah aus als wäre
die Spinne ein Kaugummi.
Die Spinne war groß.
Die Katze spuckte sie aus.
Die Spinne bewegte sich sehr langsam.
Sie schien sich nicht gut zu fühlen.
Auf ihren verbliebenen 6 Beinen.
Beobachtet von der Katze.
Die Katze richtete ihre Ohren auf die Spinne.
Als würde die Spinne Geräusche machen.
Die Katze tätschelte die Spinne mit der Pfote.
Die Spinne konnte diesem Körperkontakt
nichts abgewinnen.
Mühsam schleppte sie sich vorwärts.
Nur um wieder im Maul der Katze zu landen.
Der Gesichtsausdruck der Katze war komisch.
Ein Auge leicht verkniffen beim zähen Kauen.
Popeye.
Sie schluckte die Spinne.
Irgendwann.
Von der Spinne blieb 1 Bein zurück.
Auf dem Fußboden.
Die Katze beachtete es nicht.

Ich wäre nicht gerne
die Spinne gewesen.

Aber
die Katze auch nicht.

Aber was weiß ich schon.
Vielleicht wären beide
auch nicht gerne
ich gewesen.


Sonnenfinsternis

Die alte Frau lag auf dem Sofa,
die wassergeschwollenen Füße
auf der Armlehne ….
Der Fernseher lief. Werbung. Laut,
denn die Frau hörte schlecht.
Die Sonne schob einen Lichtbalken
durchs Südfenster, Staub flitterte darin.
Es war der Frau zu sommerheiß; sie
zitterte, als sie mühsam das Wasserglas
mit dem Strohhalm vom Tisch nahm, um
einen Schluck zu trinken.
Sie zitterte, als sie das Glas zurückstellte,
doch sie verschüttete nichts.
Manchmal blendete sie ein Lichtreflex, der
ihr, vom Metall des Rollators ausgehend,
direkt ins Auge stach.
Eine junge Frau in Unterwäsche saß auf dem Rand
einer Badewanne & rasierte sich die Beine.
Die alte Frau beobachtete sie dabei. Sie
betrachtete die glatte Haut durch die
dünne Staubschicht, die auf der Bildröhre lag.
Die Helligkeit im Zimmer ließ das Bild verblassen.
Eine Fliege verließ die Wohung durch die
geöffnete Balkontür, und als die Werbung
zu Ende war, begann die
Direktübertragung.
Die gefilmte Sonne …. Menschen, die sich
dunkle Filter vor die Augen hielten ….
Langsam näherte sich der Mond ….
Die Frau war sich sicher,
Finsternisse schon erlebt zu haben, aber
sie konnte sich nicht erinnern,
wann ….
Die Frau war sich sicher,
dass dies die letzte Finsternis ihres Lebens
sein würde.
Die letzte Finsternis, die nichts mit ihrem
Dasein zu tun hatte.
Durch das Fenster konnte sie die Sonne nicht sehen;
die Sonne stand zu hoch.
Sie schaute auf das Abbild im Fernsehen ….
Angespannt & maskenhaft war das
Gesicht der Frau; sie atmete
durch den geöffneten Mund.
Der Mond schien die Sonne zu berühren ….
Die Frau griff nach der Fernbedienung, die neben ihr
auf dem Sofa lag, und schaltete
den Ton aus – zu viel wurde
geredet – zu viel
kommentiert.
Sie verspürte nicht den Drang,
aufzustehen.
Langsam wie der Mond hätte sie sich
dem Balkon & der Sonne nähern können ….
– – Doch wozu?
Auf dem Bildschirm würde die Finsternis
total sein – hier, wo die Frau wohnte,
nur partiell.
Und während sich hinter der dünnen Staubsicht
der dunkle Kreis vor den hellen schob,
erloschen in dem Zimmer die Reflexe des Metalls,
und der fliegende Staub wurde unsichtbar ….
Ein scheinbar düsterer Tag lag jenseits des Südfensters,
und das Abbild im stummgeschalteten Fernsehen
wurde kräftiger ………….
Das Abbild
ihrer
letzten
Finsternis.


Das Niesen & der Tod

Ich kenne den Mann nicht, der soeben
niest.
Aber ich weiß, wie es sich anfühlt,
zu niesen.
Ich kenne die Frau nicht, die sich krümmt
vor Schmerz.
Aber auch ich habe schon aus dem
Arsch geblutet & mich gekrümmt
vor Schmerz.
Ich kenne denn Mann nicht, dessen
Schwester soeben
gestorben ist.
Aber ich kenne den Tod.
Ich habe keine Schwester, und
ich weiß nicht, was der Mann
für seine Schwester empfindet
& empfunden hat.

Vielleicht fühle ich das Niesen
ein wenig anders als
der Mann, der
soeben niest.

Vielleicht empfinde ich
den Schmerz ein wenig anders als
die Frau, die
sich krümmt.

Vielleicht sehe ich
den Tod ganz anders als
der Mann, dessen
Schwester soeben gestorben ist.

Aber nirgendwo sonst
sind die
Unterschiede
zwischen uns
so gering

& nichtig.


Das Feuer

Die Worte & Bilder, die sich
mir ins Gedächtnis gebrannt haben –
sie werden
wieder brennen,
im Tod,
wenn Asche
aus meiner Leiche wird.
Die die Worte sprachen,
werden sich vielleicht
nicht mehr erinnern;
die Bilder …..
längst verflogen
werden sie
sein;
wie der Rauch verfliegen wird, in den ich
aufgehen werde, ohne es zu wissen.
Manchmal spüre & sehe ich es bereits –
das Feuer.
Wenn Worte & Bilder schmerzen.
Gerade jetzt.
Es wärmt in der Kälte
& leuchtet in der Dunkelheit
der Gegenwart.


Ascheregen oder das Niesen der schwarzen Katze

Nach all dem
was war
All dem
was ist
All dem
was sein wird
hoffe ich
dass ich
in meiner billigen Urne
so sehr
lachen werde
dass
ein chaotischer
Ascheregen auf die
Erde
in der die Urne
vergraben wurde
niedergehen wird

Und vielleicht
niest
dann
wenigstens
an dieser Stelle
eine
Schwarze Katze
die dort
etwas ganz anderes
suchte


Sie oder Du

Und dann liegst Du auf Deinem
Sterbebett,
und der letzte Mensch, den Du
siehst,
siezt Dich –
& es bleibt keine Zeit,
ihm das
Du
anzubieten.


Anleitung zum Selbstmord

Ich möchte
die Anleitung zum Selbstmord
in so
humorvolle Worte
fassen
dass man
vergisst
warum man sich eigentlich
umbringen
wollte.

(Tun kann man’s dann
ja immer noch.)


Summende Agonie

An manchen Tagen wäre ich gerne
der Herr der Fliegen.

Aber ich bin nur
ein Fliegenfänger.

Ein klebriges Stück Papier,
das irgendwo herumhängt.

Und irgendwann ist das Papier selber
nicht mehr zu erkennen.

Versteckt hinter schwarzen Leibern.
Belebt vom Sterben.

Ein Tonträger.
Hintergrundmusik.
Der Soundtrack des Lebens.

Eine dunkle
summende
Agonie.


Nichts ist mir originell genug

Nichts
ist mir originell genug.

Ich
bin mir nicht originell genug.

Der Serienkiller
ist mir nicht originell genug.

Der Dichter
ist mir nicht originell genug.

Alles
erinnert mich an etwas.

Alles
ist schon dagewesen.

Alles
ist Nachahmung.

Alles
hat Bezug auf Vergangenheit.

Alles
ist Nichts.

Und Nichts
ist mir originell genug.

Und der Tod
ist ein einfallsloser Langweiler.


Auf Nummer sicher

Das Zimmer kostete 99,– D-Mark damals.
Ohne Frühstück. Er wollte kein Frühstück.
Er bezahlte im voraus & fuhr mit dem Aufzug in den
obersten Stock (er hatte um ein Zimmer im obersten Stock
gebeten; die Nummer habe ich vergessen).
Es war später Abend.
Er schloss die Tür hinter sich ab,
warf die Reisetasche aufs Bett &
öffnete das Fenster; weit.
Milder Sommerabend.
Die Tasche packte er nicht aus.
Er entnahm ihr lediglich
das Rasiermesser.
Ohne sich auszuziehen setzte er sich in die Badewanne;
kein Wasser darin.
Er schnitt sich die Pulsadern an beiden Handgelenken
längs auf.
Ließ das Messer in die Wanne fallen ….
Nach wenigen Sekunden kletterte er wieder aus der Wanne &
wankte – blutpumpend – zum Fenster.
Er sprang nicht; er ließ sich einfach fallen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er bemerkt wurde.
Er war an einer Stelle aufgeschlagen, wo des öfteren
Obdachlose schliefen.
Nicht an diesem Abend.

Der Teppichboden musste ausgewechselt werden.
Und der Blutgeruch war hartnäckig.
Trotz des geöffneten Fensters;
dessen es nicht bedurft hätte,
um zu sterben.

Das Zimmermädchen kotzte in die Badewanne.


Wesenheiten

Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend

Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend

Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.

Man müsste sich nur
daran erinnern.

Ab & zu.

So oft
wie möglich.

Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.

Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?


Das Mädchen mit den Gedankenstrichen

Schneelose Winternacht. Dunkel wie das Innere einer leeren Mülltonne. Verhaltene Kälte. Trockene Straßen. Ein dünner Mann in langem, schwarzem Mantel humpelt durch eine enge Gasse. Er spricht zu sich – leise, unverständlich. Der Mond ist verschwunden. Wolken wie finstere Gedankenblasen aus einem Comic. Ein Comic, der auf einem Friedhof gezeichnet wurde. Der Mann trägt seinen Kopf voller Erinnerungen wie eine Bürde & eine Cognacflasche in der Manteltasche; es ist immer dieselbe, seit Jahren; niemals trinkt er aus ihr; sie ist seine Beruhigung – sonst nichts. Die Erinnerungen in seinem Kopf – sie sind keine Beruhigung; zu zahlreich sind sie, zertrümmert in viel zu viele winzige Splitter; ein Puzzle, das er nicht mehr zusammensetzen kann. Der Mann ist auf dem Weg nach Hause. Zählt die kaputten Laternen. Zählt die Finsternisse. Und spricht.
Und verstummt.
Plötzlich.
Und er horcht.
Hört ein Weinen.
Ein Weinen, das nach kleinem Mädchen klingt.
Er wendet den Kopf. Versucht, das Weinen zu orten. Düstere Häuserfronten. Mauern wie schmutzige Gedanken.
Das Weinen – es dringt durch ein verrostetes Geländer. Durch das Geländer einer Treppe, die zu einer Kellertür führt. Der Mann nähert sich dem Rost …..
Und er erblickt das Mädchen. Sitzend.
Auf der Treppe, die zu einer Kellertür führt.
Auf einer Treppe, die zu der Kellertür führt.
Er sieht den Rücken des Mädchens, zierlich, in einem dreieckigen Lichtfleck; ein Anorak aus Rot & Schwarz, eine Kapuze wie ein Zuckerhut. Leicht erschüttert vom Weinen.
„So schlimm?“ sagt der Mann.
Rotz, der hochgezogen wird.
„Mh“, ist die Antwort.
Ein Schütteln der Kapuze, wie das Schütteln eines Cocktailshakers.
„Hast du dich verlaufen?“ Fragende Linien auf der Stirn des Mannes.
„Nein.“
„Soll ich dich nach Hause bringen, oder wohnst du hier?“
„Ich will nicht nach Hause“, sagt das Mädchen.
„Aber hier kannst du doch auch nicht bleiben.“
„Egal.“ Das Mädchen nimmt ein Päckchen Papiertaschentücher aus der Anoraktasche, putzt sich die Nase, steckt das benutzte Tuch in die andere Tasche.
„Willst du erstmal mit zu mir kommen?“ sagt der Mann. „Dann können wir immer noch weitersehen.“
„Okay.“
Das Mädchen steht auf, dreht sich herum, faßt nach dem Geländer & steigt weiter ins Laternenlicht. Eine ernste, traurige Miene.
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben“, sagte der Mann.
„Hab ich nicht“, sagt das Mädchen.
„Gut. Es ist nicht weit, nur bis zur nächsten Querstraße.“
Das Mädchen geht, der Mann humpelt. Zieht das linke Bein nach. Keine Verbindung, kein Anderhandhalten. Die Straßen sind menschenleer.
„Was ist mit Ihrem Bein“, fragt das Mädchen.
„Ich weiß nicht. Ich gehe nie zum Arzt. Es schmerzt einfach.“
„Dann sollten Sie zum Arzt gehen.“
„Ja, sollte ich wohl.“
„Und warum gehen Sie nicht?“
„Aus Gewohnheit.“
„Versteh ich nicht.“
„Egal“, sagt der Mann. „Wie heißt du eigentlich?“
„Sina.“
„Schöner Name. Ich heiße Edward, und das ist ein blöder Name.“
„Find ich nicht.“
„Hmm, danke. Und wie alt bist Du?“
„11 ½.“
„Du wirst bestimmt längst vermisst. Deine Eltern werden sich Sorgen machen.“
„Nein. Die sind tot. Schon lange.“
„Tut mir leid. Aber irgend jemand wird sich Sorgen machen. Bei wem wohnst du denn?“
„Ich möchte nicht darüber sprechen. Nicht jetzt.“
„Okay“, sagt der Mann, „nicht jetzt. Aber später müssen wir darüber sprechen. Du kannst übrigens ruhig du zu mir sagen.“
Das Mädchen schweigt.

Die Wohnung lag im 2. Stock. Sie war klein, 2 Zimmer, Küche, Bad. Sie war unordentlich, voller Bücher & Staub. Bücher von toten Autoren; ausschließlich. Voll von Flaschen, die Wohnung. Viele alte Erinnerungen, wenig neue. Der Mann drehte die Heizung etwas höher & räumte Bücher & Zeitschriften von einem Sessel, damit das Mädchen sich setzen konnte. Anorak & Mantel lagen auf dem Sofa. Das Mädchen trug rote Jeans & ein schwarzes Sweatshirt. Es sah sich schweigend um, während der Mann damit beschäftigt war, Tee zuzubereiten. Seltsam & ungewohnt war es für ihn, jemanden in seiner Wohnung zu haben. Er hatte keine Tiere – abgesehen von denen, die vielleicht hinter den Bücherstapeln leben mochten. Seine Einsamkeit – er hätte sie als selbstgewählt bezeichnet, wenn er an den Freien Willen geglaubt hätte.
„Hast du Hunger?“ fragte er das Mädchen. „Ich hab hier noch Milchreis von heute Nachmittag.“
„Nein“, sagte das Mädchen. „Hab keinen Hunger.“
„Okay.“
Schließlich saßen sie sich gegenüber. Die Teekanne auf einem Stövchen zwischen sich. Das Mädchen nahm viel Zucker. Der Mann keinen. Das Mädchen pustete in die Tasse.
„Du hast viele Uhren“, sagte es.
„Ein kleiner Tick von mir“, sagte der Mann.
„Aber alle gehen falsch, oder?“
„Nein, eine geht richtig.“
„Warum?“
„Warum was? Warum geht eine richtig, oder warum gehen alle anderen falsch?“
„Warum gehen alle anderen falsch?“ sagte das Mädchen.
„Einfach so. Es reicht doch, wenn eine richtig geht.“
„Du bist komisch“, sagte das Mädchen – ernst.
„Manchmal“, sagte der Mann.
„Was arbeitest du?“ fragte das Mädchen.
„Ich bin arbeitslos“, sagte er.
„Und vorher?“
„Gelegenheitsjobs. Mal dies, mal das. Zuletzt in einer Tankstelle.“
Unter dem Tisch stand eine Rumflasche. Er kippte einen Schluck daraus in seinen Tee.
„Und warum arbeitest du da jetzt nicht mehr?“ fragte das Mädchen.
„Ich hab Schnaps geklaut“, sagte der Mann.
Pädagogischer Fehler, dachte er. Und grinste.
„Richtig geklaut?“
„Ja.“
„Dafür kommt man doch ins Gefängnis.“
Bin ich doch. Immer & immer & immer.
Er sagte: „Nicht für so ne Kleinigkeit. Eine Strafe gibt’s schon, aber kein Gefängnis.“
„Hmm.“ Das Mädchen schien zu grübeln.
Irgend etwas an ihm fand der Mann zutiefst merkwürdig. Befremdlich. Die Augen. Der Blick. Nichts in diesem Blick schien naiv oder kleinmädchenhaft zu sein. Und die Art, wie es sprach, passte nicht dazu; es war, als wollte es mit seiner Stimme & seinen Worten bewußt diese Befremdlichkeit ausgleichen -, und dadurch bewirkte es das genaue Gegenteil.- Dies waren nur verschwommene Gedanken, verschwommene Gefühle in ihm. Struppig wie die schulterlangen Haare des Mädchens. Beinahe verfilzt. Es war ihm egal.
Nicht kindlich, nicht kindisch, sondern – kinderesk.
Er trank die Tasse halb leer & füllte sie mit Rum auf. Er begann, sich gut zu fühlen. Die Gesellschaft gefiel ihm. Seltsam & ungewohnt, zu jemandem zu sprechen. Zu jemandem, der nicht er selber war.
„Du bist sehr alt“, sagte das Mädchen.
„Ja“, sagte er. „51.“
„Das ist wirklich sehr alt“, sagte das Mädchen.
Er lächelte.
Und immer wieder schaute Sina sich in dem Zimmer um, das nach Bücherstaub roch.
„Hast du keinen Fernseher?“ fragte sie.
„Nein“, sagte Edward.
„Echt nicht?“
„Echt nicht.“
„Und keinen Computer?“
„Nein. – Ich habe ein Radio, einen Plattenspieler & ein altes Tonbandgerät.“
Sie schaute sich um nach den Geräten.
„Sowas hast du wahrscheinlich noch nie gesehen“, sagte Edward.
„Doch, hab ich.“
Kurze Pause.
Dann fragte sie: „Und was machst du dann den ganzen Tag?“
„Entweder nichts – oder lesen & trinken & Musik hören.“
„Das könnte ich nicht“, sagte sie ernst.
Edward lachte. Sein linkes Auge juckte; er rieb über das Lid.
„Ist auch besser so“, sagte er.
Sina lächelte nicht.

Er fragt sie nicht.
Er fragt sie nicht.
Er fragt sie nicht.
Nicht jetzt.
Neugierig ist er. Ja. Aber er will nicht wissen, wo sie wohnt. Bei wem sie wohnt. Warum sie geweint. Warum sie auf der Treppe gesessen hat. Sobald er es erfahren würde, müsste er handeln.
Tätig werden.
Agieren.
Zuviel.
Es wäre zuviel für ihn.
Jetzt. In diesem Moment.
Und in dem nächsten wohl auch.
Einen weiteren Rum für ihn. Einen weiteren Tee für sie.
Und Sina niest. Es ist der Bücherstaub. Und sie verschüttet ein bisschen Tee dabei. Und es ist Edward egal.
Und zum ersten Mal lächelt sie.
Ein wenig.

Und wenn eines nie stimmt, ist es das Gefühl für die Zeit. Mein Gefühl für die Zeit. Wie in einer Kurzgeschichte, die nur als Roman funktionieren würde. Wie in einem Roman, der nur ein 2strophiges Gedicht sein dürfte. – Als würde ich mein Leben schreiben, und die Diskrepanz zwischen der Dauer des Schreibens & der Dauer des Lesens führte zu Verzerrungen …..

Edwards Wahrnehmung war verzerrt. Oder er nahm die verzerrte Wirklichkeit korrekt wahr. Er war sich nicht sicher. – Die Wirklichkeit war sich Edwards nicht sicher.

Sina schlief in Edwards Bett. In dem kleinen Schlafzimmer mit den gestapelten Büchern ringsum. Edward hatte das Bett frisch bezogen. Er selbst schlief auf dem freigeschaufelten Sofa. Halbnacht für Halbnacht. Und zu dem Schmerz im Bein gesellte der Schmerz im Rücken.

„Aber sag mal, was ist eigentlich mit der Schule? Dort wirst du doch bestimmt vermisst.“
„Vielleicht“, sagte sie. „Aber egal.“

Edward fühlte Vertrautheit mit Sinas Befremdlichkeit. Sina – ein Rätsel. Edward war an Lösungen nicht interessiert. Rätsel fand er schön, solange sie nicht gelöst waren.

Wurde sie vermisst? Irgendwo? Keine Meldung in den Radionachrichten. Er kaufte ihr eine Zahnbürste, hinkend, kaufte ihr etwas zum Anziehen – in Geschäften, wo man ihn nicht kannte (sie bestand auf rot & schwarz, auch bei Socken & Unterwäsche); er kaufte Tageszeitungen. Nichts. Nichts deutete auf ein Vermissen, nichts auf einen Verlust. Kein Zettel an der Korkwand im Supermarkt, wo er ihre Lieblingsschokolade kaufte. Außerdem kaufte er, zum ersten Mal seit vielen vielen Jahren, ein Frischluftspray fürs Klo – & war fast stolz auf sich, weil er daran gedacht hatte. Der Einkaufswagen war voller Schnapsflaschen & Dosenfutter & Tiefkühlkost.
Das Geld wurde knapp. Er schränkte sich ein. Noch mehr. Sina zuliebe.
Der Fernseher fehlte ihr nicht wirklich. Was fehlte ihr überhaupt? Edward wusste es nicht. Edward ahnte es nicht. Sie las in seinen verstaubten Büchern. In den Gedanken der Toten. In den Gedanken, die Edward vielleicht schon wieder vergessen hatte. Die meiste Zeit des Tages verbrachte sie so. Sie konnte es eben doch; so leben wie er. Mit Ausnahme des Trinkens. Aber sie sprachen niemals miteinander über die Bücher.

Tage vergehen wie Zeilen.
Zeilen vergehen wie Wochen.
Und längst wusste Sina, welche Uhr die richtige Zeit zeigte.

Meist gingen sie erst spät in der Nacht schlafen. Edward schlief schlecht. Er hatte immer schlecht geschlafen, aber auf dem Sofa noch schlechter. Und auch Sina sah manchmal, wenn sie gegen Mittag aufstanden, übernächtigt aus. Und blass. So blass manchmal. Blasser als er, wenn er verkatert war. Und das war er meistens.
Aus Gewöhnung wurde Gewohnheit, aus Gewohnheit Abhängigkeit, aus Abhängigkeit Verlustangst. Edward hing an Sina. Er bezweifelte, dass sie an ihm hing. Niemals berührten sie sich; eine Art schamhafte Zurückhaltung bestand zwischen ihnen. Sie sprachen sich niemals mit Namen an. Das einzige, was so etwas wie Nähe darstellte, war die Tatsache, dass Edward Sinas Anziehsachen in die Waschmaschine tat & anschließend aufhängte; auch ihre Höschen & Unterhemden. – Sina blieb immer in der Wohnung. Wenn er einkaufen ging oder sonst etwas zu erledigen hatte, tat er es allein. Und nie war er sich sicher, ob sie noch da sein würde, wenn er zurückkam.

Später Abend. Leise Musik. Mahlers Zehnte. Sina blättert in Zeitschriften. Im Schneidersitz auf dem Sessel. Ohne Schuhe, wie immer; und immer trägt sie eine rote & eine schwarze Socke. Edward trinkt Absinth, den er sich eigentlich nicht leisten kann. Lauscht der Musik. Betrachtet Sina.
Sie blickt auf.
„Warst du immer schon allein?“
„Nicht immer, aber meistens.“
„Und seit wann bist du’s diesmal?“
„Lange. Sehr lange. – So lange, dass ich es fast nicht mehr weiß.“
„Aber das musst du doch wissen“, sagt sie.
„Na ja, ich weiß es natürlich schon; aber ich möchte es lieber nicht sagen.“
„Hmm. Verstehe.“
Versteht sie? Versteht sie wirklich? Noch bevor sie geboren wurde, war ich wieder allein. – Wie soll sie das verstehen.
„Der schreckliche Mann, bei dem ich wohne, ist auch allein.“
Endlich. Endlich spricht sie.
„Du wohnst bei einem Mann? Wer ist er, und warum ist er schrecklich?“
„Der Bruder meines Vaters“, sagt Sina. „Er ist alt, sehr alt, und er trinkt viel, und dann wird er manchmal böse, und er vergisst alles; er weiß dann gar nicht mehr, was er gemacht hat & dass er böse gewesen ist.“
„Was tut er denn?“
Sie zögert.
„Ach, alles möglich halt.“
„Sag doch.“
„Nein, ich möchte nicht.“
„Okay“, sagt Edward. „Wenn du nicht möchtest.“
Er trinkt einen großen Schluck Absinth.
Dann sagt er: „Er trinkt also. Und er ist alt. Das heißt also, er ist wie ich.“
Sinas Mund lächelt leicht, ihre Augen lächeln nicht.
„Ja, fast wie du“, sagt sie. „Aber nur fast. Du bist ja nicht böse.“
„Stimmt, normalerweise nicht.“
„Bist du’s manchmal?“
„Manchmal. Ja.“
Sie sieht ihn forschend an.
„Und was passiert dann?“
„Was soll schon passieren? Ich trinke einfach etwas mehr, und dann beruhige ich mich wieder.“
Immer noch liegt die aufgeschlagene Zeitschrift auf Sinas Schoß. Eine Filmzeitschrift aus einer Zeit, als es Sina noch nicht gab.
„Und vergisst du dann auch, was du gemacht hast?“
Edward lächelt. „Ich glaube nicht.“
„Du weißt es nicht?“
„Es könnte doch sein, dass ich etwas so sehr vergesse, dass ich nicht mal weiß, dass ich es vergessen habe.“
„Das ist doch Quatsch“, sagt Sina, „das gibt’s doch nicht.“
„Na ja“, sagt Edward, „ein bisschen Quatsch ist es schon. – Aber wer weiß….“
„Hmm… Ich vergesse nie was. Glaub ich.“
„Manchmal isses ganz gut, wenn man was vergisst.“
Sina schaut wieder in die Zeitschrift, blättert weiter.
Mahler klingt aus, Absinth wird nachgegossen.
Ist Selbstzerstörung unvernünftig, oder ist sie nicht vielmehr ein Akt der Vernunft? – Oder ist sie ein Akt des Verstandes?
Der Tonarm des Plattenspielers bewegt sich zurück in die Ausgangsposition.
Und jetzt? Faurés Requiem oder Coltrane?
Er entscheidet sich für Coltrane, steht auf, humpelt, wechselt die Platte. Humpelt zurück. Lässt sich wieder aufs Sofa plumpsen. Sina blättert um & sagt, ohne aufzublicken:
„Trane.“
„Ich fass es nicht“, sagt Edward.
„Der schreckliche Mann hört das auch oft“, sagt Sina.
„Ich sollte ihn mal kennenlernen“, sagt Edward.
Sie schaut auf, schaut in seine Augen. „Lieber nicht“, sagt sie.
„Na gut. Ich lerne sowieso nicht gerne neue Leute kennen.“
„Wieso?“
„Weiß nicht. Vielleicht weil sie mich irritieren, irgendwie.“
„Wieso?“
„Keine Ahnung.“
„Irritiere ich dich?“
Edward grinst. „Irgendwie schon. Aber anders.“
„Wieso anders?“
„Einfach so.“
Pause. Sina scheint über Edwards Worte nachzudenken. Zumindest kommt es Edward so vor.
„Übrigens“, sagt sie, „ich würde morgen gerne mal baden statt zu duschen.“
Netter Themenwechsel.
„Okay. Kein Problem.“
„Aber erst abends“, sagt Sina.
„Gut. Aber nicht zu spät, wegen der Nachbarn.“

Nacht. Stille. Der Mann wälzt sich auf dem Sofa. Hin. Und. Her. Schmerz im Rücken. Absinth im Kopf. Bewusstsein & Halbträume enden in Albträumen. Das Mädchen schläft in seinem Bett. Im Bett des Mannes mit den Schmerzen. Der schreckliche Mann – wer ist der schreckliche Mann? Wo ist er? Was tut er? Was vergisst er? Der Raum ist finster. Der Mund des Mannes ausgetrocknet vom Absinth. Die Kehle brennt. Der Mann hustet. Halbwach. Sinkt zurück in den Schlaf. Wacht wieder auf.
Was für ein seltsames Mädchen …. Was für ein seltsames Kind …. Kein Kind könnte so seine Tage verbringen, herumsitzen in einer engen Wohnung, in der Wohnung eines Fremden …. Bücher lesen …. & was für Bücher, was für Bücher …. Musik hören … & was für Musik …. & vor sich hin starren ….. Vor sich hin starren wie ich …. wie ein alter Mann …. Was hat sie erlebt? Was zur Hölle hat sie erlebt? …..

Der nächste Tag brachte den ersten Schnee. Sina interessierte sich nicht für Schnee. Sie warf einen kurzen Blick aus dem Fenster; das war alles. Dann machte sie das Frühstück, weil Edward zu verkatert war. Als sie am Tisch saßen, sagte sie:
„Und, erinnerst du dich an alles?“
Edward konnte nichts essen.
„Was meinst du?“
„Du hast doch so viel getrunken. Wenn du dich jetzt noch an alles erinnern kannst, dann war das doch wirklich Quatsch, was du gestern gesagt hast.“
Er grinste. Mühsam. „Ja. Ich glaub schon, dass ich mich an alles erinnern kann.“
Sina biss in ihr Marmeladenbrot.
„Siehste.“
Edward trank Grünen Tee.
Der Tag rieselte so dahin. Schneeschieber kratzten über die Gehwege. Edward erholte sich. Wie immer. Gemeinsam bezogen sie das Bett neu, damit Sina es nach dem Bad besonders angenehm haben würde.
Am Abend dann Faurés Requiem.
„Soll ich jetzt das Badewasser einlassen?“ fragte Edward.
„Ja bitte“, sagte Sina.
„Viel Schaum?“
Sie lächelte. Auch ihre Augen lächelten. „Ja.“
Er humpelte ins Bad, drehte den Warmwasserhahn auf, wartete, bis das Wasser richtig heiß war, und tat den Stöpsel in den Abfluss. Dann kippte er eine ordentliche Menge Badezusatz in die Wanne. Der Schaum dämpfte das Rauschen.
„Wie heiß magst du’s?“ rief er.
„Ziemlich heiß.“
Er nahm ein Badetuch & einen Waschlappen aus dem Schränkchen neben der Wanne. Legte beides oben darauf. Er zündete einige Kerzen & Teelichte an, die daneben standen, schaltete die Deckenbeleuchtung aus & eine kleine bunte Lampe ein, eine Art Laterne, die durch verschiedenfarbige Glasfensterchen das Zimmer in verschiedenfarbige Abschnitte unterteilte. Kitschiger Idiot, dachte er & ging zurück.
„Dauert ne Weile“, sagte er. „Der Wasserdruck ist hier manchmal ein bisschen schwach. Und ausgerechnet heute isses so.“
„Okay“, sagte sie, „macht ja nichts.“
Sie las in einer Anthologie expressionistischer Gedichte. Einleitung von Gottfried Benn.
Allmählich breitete sich der Geruch des Schaumbades in der Wohnung aus. – –
Schließlich tat Sina das Buch beiseite; aufgeschlagen.
„Hast du ein Gummiband für meine Haare?“ fragte sie.
„In der Küche; in der Schublade mit dem Besteck.“
Sina stand auf, holte sich ein Gummiband aus der Küche & verschwand dann im Bad. Die Tür ließ sie ein Stückchen offen, da es dort kein Fenster gab & die Lüftung für den Dampf nicht ausreichte.
Edward trank Rotwein, gemischt mit Weinbrand, Wodka & einem Spritzer Angostura. Er hörte Fauré, hörte, wie das Wasser abgedreht wurde. Hörte schließlich, wie Sina „Heiß heiß“ sagte & wieder Wasser zu rauschen begann. Er lächelte. Betrachtete den Dampf, der aus dem Türspalt direkt gegenüber dem Sofa schlierte. Er liebte diese Musik, liebte dieses Getränk, liebte diesen Geruch, liebte diese seltsame Zweisamkeit. Diese Zweisamkeit auf Distanz.
Als die Musik zuende war, lauschte er nur noch dem Plätschern, das aus der Wanne kam. In Intervallen. Er mixte sich einen weiteren Drink.
Vergessen Vergessen Ja wenn ich vergessen könnte Verdrängen Das Ende Das Nichtandauern Das Immergleiche Einfach mal geniessen könnte wie es ist Jetzt Jetzt gerade Ohne zu denken Ohne zu wissen Wer ist sie Was bin ich für sie Sie will doch gar nicht gehen Sie will doch hierbleiben Adoption Ach Quatsch Ich und Adoption Mir würde man jemanden anvertrauen Ja klar Ausgerechnet Arbeitsloser Säufer Dieb und wer weiß was noch alles Träumereien Immer diese Träumereien Aber sie sind das einzige Das einzige was ich immer habe Egal Seltsames Kind Seltsames Kind Seltsames Mädchen Und nirgends vermisst Ich hatte sie vermisst Wahrscheinlich Na klar Kitschiger Idiot Kitschiger alter Idiot Kitschiger sehr alter Idiot Das Buch Ha aufgeschlagen bei August Stramm ‚Welten schweigen aus mir raus’ Seltsames Kind Die Eltern tot Ich sollte sie danach fragen Endlich mal danach fragen Aber wenn sie nicht von sich aus Dann hats ja wohl keinen Sinn Sie wirds schon erzählen irgendwann Nicht mehr viel Wodka Verdammt Müsste einkaufen morgen Macht sie irgend etwas anderes wenn ich nicht da bin Liest sie wirklich nur Ich will nicht einkaufen Dieses verdammte Rausgehen Unter Menschen Und dann komm ich zurück und sie ist vielleicht wirklich nicht mehr da Das würde ich nicht Wie sollte ich das ertragen Aber wo sollte sie hin Zu dem schrecklichen Mann Schrecklicher Mann Wer weiß ob das alles stimmt Sie hat Fantasie Viel Fantasie Das Plätschern Wie süß Das kleine Mädchen in der Wanne Spielt mit dem Schaum wahrscheinlich Kleines zierliches Wesen Im warmen Wasser Ich könnte ihr den Rücken schrubben Na klar alter Idiot Sonst nochwas Ich sollte auch mal wieder baden Heiss ganz heiss Und mir dabei einen runterholen Und vergessen Das war doch ein guter Satz den ich ihr gesagt habe Mit dem Vergessen Nonsense Aber nicht nur Wie lang isses denn nun wirklich Das Alleinsein Egal Wenn ich nachrechnen würde wüßt ichs Aber warum sollte ich Es ist egal Egal
Er schloss die Augen. Ein rotes Karussell. Ein leichtes Schwindelgefühl war die Folge. Er öffnete sie wieder.
„Alles okay bei dir?“ fragte er.
„Yep“, kam die Antwort durch den Dampf.
Er lächelte. Wunderte sich, wie oft er doch lächeln musste. Überlegte kurz, ob er eine andere Platte auflegen sollte – verwarf den Gedanken, weil Musik das Plätschern übertönt hätte. Er fragte sich, ob die Nachbarn Sinas Stimme hörten. Wenn ja, was würden sie denken? Was vermuten? Er, der menschenscheue Sonderling – & aus seiner Wohnung dringt eine Kinderstimme…… Die Stimme eines kleinen Mädchens….. Sie waren nur Selbstgespräche gewohnt. Falls sie überhaupt etwas hörten. Er selber hörte fast nie etwas von ihnen.
„Du?“ rief Sina.
„Ja?“
„Kannst du mir ne Cola bringen?“
„Kommt sofort.“
Sein Herz pochte ein wenig schneller. Sein seltsames Herz. Er stand auf, etwas wacklig, und humpelte in die Küche. Füllte ein großes Glas. Humpelte zur Badezimmertür. Schob die Tür in den Dampf. Die Flämmchen tanzten. – Der kleine Kopf, gerötet & nass, ragte aus dem buntbeleuchteten Schaumpanzer. Kleine ….. Schildkröte. Die Gummibandfrisur stand ihr gut, halb Zöpfchen, halb Dutt. Sina lächelte. Zufrieden.
„Gemütlich, was?“ sagte Edward.
„Oh ja.“
Er trat an die Wanne & reichte ihr das Glas in die beschäumte Hand.
„Danke“, sagte Sina.
„Bitte. Aber trink nicht zu schnell; die ist sehr kalt.“
„Und ich bin heiss, ich weiss“, sagte sie & kicherte.
Edward grinste & wandte sich wieder um. Vor einem dunstblinden Spiegel. Hitze & Feuchtigkeit auf seiner Haut. Der Spiegel hing über dem Waschbecken, in das er so lange seine einsame Geilheit gewichst hatte. Er hob Sinas Klamotten auf, die sie auf den Boden geworfen hatte, und tat alles bis auf die Jeans in den Korb mit der Schmutzwäsche.
„Kannst die Tür offen lassen“, sagte sie, „ich ersticke sonst noch.“
„Okay. Bleib nicht zu lange drin. Nicht, dass du total verschrumpelst.“
„Ich verschrumpel gern“, sagte sie.
Er hinkte ins Schlafzimmer, legte die Hose ordentlich zusammen & ging zurück zum Sofa. Ließ sich fallen, trank einen kräftigen Schluck. Dann dachte er:
Jetzt, wo ich sie sehen kann, ist das Plätschern nicht mehr so wichtig. Also -: Musik.
Die Frage war, welche. Was passte zu dem Anblick, was zu der Stimmung? Einzelne Sätze hätten gepasst: der 4. aus Mahlers Fünfter Symphonie; das Air aus Bachs Suite Nr. 3 …. Aber die anderen Sätze hätten nicht gepasst. So ist es ja immer. – Er erinnerte sich an ein Tonband, das er vor Jahren, vor wievielen Jahren?, zusammengestellt hatte …. ‚Kerzenmusik’ hatte er es genannt & die Hülle so beschriftet. ‚Bademusik’ hätte er es ebenso gut nennen können. Er hatte vergessen, was alles darauf war, aber er wußte, alles war beruhigend & entspannend. Er hatte nicht allzuviele Bänder, also musste er auch nicht lange suchen. Er fädelte es ein, drückte auf die Starttaste & setze sich wieder.
Erik Satie, Gymnopedie No. 1 …. Als die Musik einsetzte, schaute Sina über den Wannenrand herüber. Nur ganz kurz. Dann spielte sie wieder mit dem Schaum. Kurz. Und schloss die Augen. Entspannt.
Kitschiger alter Idiot, dachte Edward.
Und trank.
Und trank.
Wenn ich jetzt pissen müsste ….. ungünstig ….. Müsste die Spüle benutzen …..
Grinsen.
Aber er musste nicht.

Die Mutter ruft:
„Eddie, Robert, Hände waschen! Essen ist soweit!“
„Wer zuerst fertig ist“, sagt Robert & springt vom Boden auf, wo das große Puzzle liegt; halbfertig. Ein Comic-Motiv. Donald Duck. Und seine Neffen. Wieviele Teile? Eddie glaubt, 1000. Robert glaubt, 500. Es gibt keine Verpackung mehr, wo man nachsehen könnte. Und sie wissen nicht, ob es noch vollständig ist.
„Hey, warte“, ruft Eddie, „das ist unfair!“
Er braucht etwas länger, um aufzustehen; läuft Robert hinterher. Ins Bad.
Wo das Wasser schon rauscht.
„Erster“, sagt Robert.
„Du hast geschummelt. Du schummelst ja immer. Wir hätten gleichzeitig starten müssen.“
„Du bist halt ne lahme Schildkröte. Du hättest sowieso nicht gewonnen.“
„Stimmt ja gar nicht.“
„Wohl.“
Die Mutter ruft:
„Wird’s bald?!“
Die beiden rufen, fast unisono:
„Wir kommen schon!“
Eddie ist 11, Robert 13.
Es gibt Reisbrei mit Zimt & Zucker. Ein Essen, das Eddie hasst. Und das er lieben wird, wenn er erwachsen ist.
„Robert“, sagt die Mutter, „nach dem Essen bringst du den Müll runter.“
Robert zieht eine Fresse. Eddie grinst.

Ninna Nanna in Blu, Ennio Morricone.
Wie seltsam …. Ich war immer derjenige, der gesagt hat, dass er heiraten will, viele Kinder will …. und er …. ‚Niemals’ hat er gesagt …. Und dann …. Aber so isses ja immer …. Oder war’s umgekehrt? …. Gott, bin ich besoffen …. Soviel Dampf, schlecht für die Bücher … Na und? Scheiß drauf! ….
Der Dampf hatte sich verteilt. Die Sicht im Badezimmer war wieder klar. Der Blick auf das genießende Köpfchen am Wannenrand. Und der Schaum wurde weniger. Nur Edwards Blick war verschwommen.
Und die Zeit verging in Musik.
Schließlich schaute Sina zu ihm herüber.
„Machst du bitte mal die Tür zu? Ich will jetzt raus.“
„Na klar.“
Er stand auf, ging zur Tür. (Irgend etwas von Angelo Badalamenti.) Er sah, dass der Schaum weg war, sah Sinas Schultern ….. Schwarze Striche darauf, auch unterhalb des Halses ….
„Was zur Hölle ist das?“
Sie sah ihn ernst an. Die überhitzte Röte war aus ihrem Gesicht gewichen.
Edward sagte: „Das da, an deinen Schultern – was ist das? Sieht aus wie Schnitte.“
Er wollte nähertreten.
„Nicht!“ sagt Sina & versucht, sich hinter ihren dünnen Ärmchen zu verstecken.
Er hält inne.
„Okay okay. Ich komm nicht näher. Aber nun sag schon, verdammt noch mal.“
„Ja. – Ja, es sind Schnitte.“ Ihre Stimme zittertert ein wenig.
„Oh mein Gott“, sagt Edward. „Wie …. Wer …. War das der Mann? Der schreckliche Mann?“
„Ja.“
Er hält sich an der Türklinke fest. Etwas in ihm krampft sich zusammen.
„Arme Kleine“, sagt er. „Du musst mir jetzt seinen Namen sagen & seine Adresse, unbedingt, ich geh zur Polizei, ich zeig das Schwein an.“
„Kommt er dann ins Gefängnis?“
„Mit Sicherheit. Dafür gehört er in den Knast.“
„Und er kriegt nicht nur so ne andere Strafe? So wie du?“
„Aber nein. Natürlich nicht. Oh mein Gott, sieh dich doch an. Dieses Schwein. Dieses verdammte Schwein. – Wo hast du noch überall… ich meine, wie weit runter gehen die Schnitte?“
„Ein bisschen am Bauch. Und ein bisschen an den Beinen.“
Edward ist kurz davor zu weinen; er hält sich zurück.
„Brennt das nicht im Badewasser?“
„Nein.“
„Also, sag schon, wer ist er?“
„Ich möchte nicht.“
„Sina bitte.“ Zum ersten mal spricht er sie mit Namen an. „Du musst es mir sagen. So jemand darf doch nicht frei rumlaufen.“
„Nein bitte“, sagt sie. „Vielleicht später. Aber nicht jetzt.“
„Immer später später später, und immer vielleicht. Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Ich hab keine Angst. Und jetzt bin ich ja bei dir. Es ist doch alles okay so.“
Ein Grund. Dies ist ein Grund, sie erst recht hier zu behalten. Sie nicht mehr zurück zu lassen. Zurück zu diesem schrecklichen Mann.
Jetzt oder nie.
„Wie sind deine Eltern gestorben?“
Die Frage scheint ihr nichts auszumachen.
„Autounfall.“
„Wann?“
„Da war ich 2.“
„Und du bist sofort zu diesem … diesem Onkel gekommen?“
„Ja. – Bitte“, sagt sie, „ich möchte jetzt raus. Ich friere.“
„Ja. Ja natürlich. Sorry. Ich geh schon.“
Er macht die Tür zu.
Herzrasen & Schwindel. Gedankenchaos. Widerstreitende Gefühle. Und immer wieder Dieses Schwein! Dieses Schwein! Dieses Schwein! Diese Bestie! – Bilder von einem Besoffenen, der nicht mehr weiß, was er tut, der das kleine, hilflose, nackte Mädchen mit einem Messer… oder womit auch immer …..
Edward setzt sich. Nimmt einen tiefen Schluck. Steht wieder auf, humpelt zum Tonbandgerät, schaltet es aus. Setzt sich wieder.
Wahnsinn …. Alles Wahnsinn …. Aber ich darf sie nicht drängen …. Wenn ich sie dränge, sagt sie gar nichts …. Geduld, ich brauche Geduld ….. Und sie muss hier bleiben, sie muss hier bleiben …. Sie kann nicht zurück …. Aber ich würde zur Polizei gehen …. Ich würde mich überwinden, ich würde zur Polizei gehen …. Bestimmt …. Auch wenn ich nicht wüsste, wie ich alles erklären sollte, wie sie zu mir gekommen ist, und wann sie zu mir gekommen ist, und alles andere …. Ich würde gehen …. Warum zur Hölle ….
Die Badezimmertür geht auf. Sina kommt heraus, eingehüllt in das große weiße Badetuch, das ihr so bis unter die Knie reicht. Hinter ihr rauscht das Wasser in den Abfluss. Die Schnitte an den Schultern & unter dem Hals. Unwillkürlich schaut Edward auf ihre Schienbeine, auf ihre Füße, um nach weiteren Spuren zu suchen – nichts.
„Rubbelst du mir ein bisschen den Rücken?“ sagt Sina. Zurückhaltend.
„Äh ja, klar, komm her.“
Sie tapst heran. Dreht sich vor ihm herum. Sie riecht gut.
Edward sagt: „Auf dem Rücken hast du nichts? Irgendwas, wo ich dir weh tun könnte?“
„Nein“, sagt sie, „da ist nichts.“
„Okay.“
Er beginnt, vorsichtig mit beiden Händen über den Frotteestoff zu streichen. Kommt sich ungeschickt vor. Unbeholfen.
„Fester“, sagt Sina.
Er gehorcht. Sie fängt an zu kichern.
„Ja, so is gut. Weiter.“
Ungewohnte Nähe. Kontakt. Etwas, das aus seiner Erinnerung fast schon verschwunden gewesen war. Fast. Und der kleine Hinterkopf, und das Haar halb Zopf, halb Dutt; der Haaransatz, der schmale Nacken; die Waden (ohne Schnitte), die kleinen nackten Füße …..
Es könnte ewig so weitergehen …. Ewig, haha, ich werde nicht schlau aus ihr … Egal, warum auch …. Ewig ….
„So“, sagt Sina, „reicht. Danke.“
Sie geht zum Sessel, setzt sich, zieht die Beine auf die Sitzfläche.
„Nicht dass du dich erkältest“, sagt Edward, „du solltest dir wenigstens Socken anziehen.“
„Jetzt nicht“, sagt sie.
„Wir müssten mit den Schnitten etwas machen.“
„Nein, die sind schon fast abgeheilt. Sind ja älter.“
„Wie lange ist….“
„Ich möchte nicht darüber reden, okay?“
„Okay. Sorry.“
„Warum hast du die Musik ausgemacht?“
„Sie hat mich gestört plötzlich.“
„Hmm. Mach sie doch wieder an, oder warte, ich mach das.“
Sie steht auf, geht zum Tonbandgerät, drückt auf die Starttaste.
Badalamenti geht zu Ende; das Ave Maria folgt.
„Das ist schön“, sagt Sina & setzt sich wieder.
Das letzte Wasser vergluckert im Abfluss.

Und in der Nacht wälzt sich der Mann in Schmerz & Traum …. Messer Messer Messer …. zarte Haut …. eine Kindheit aus Gedankenstrichen, geritzt in einen kleinen Körper …. Schreie & Hilflosigkeit …. Das Ausgeliefertsein …. Die Tränen …. Das Blut …. Blut, das dunkel trocknet …. Ein Friedhof im schneeigen Licht des Mondes …. Das Doppelgrab der Eltern …. Die Einsamkeit des Hinterbleibens …..

Weitere Tage kamen. Weiterer Schnee. Weitere Beseitigung des Schnees.
Die Tage nach dem Badetag waren wie die Tage vor dem Badetag. Die Distanz dieselbe. Das Thema Tabu.
Und sein Bein schmerzte ihn immer mehr.
„Du solltest mal an die frische Luft“, sagte Edward.
Sina blickte nicht auf von dem Buch, von welchem auch immer.
„Ich brauch keine frische Luft“, sagte sie.
Edward schwieg.
Und immer, wenn er von Einkäufen & Erledigungen zurückkam, war sie noch da – hatte sie kaum ihre Position verändert. Er hatte ihr ein rotschwarz-gestreiftes Gummi für ihre Haare gekauft, weil er das halbe Zöpfchen, den halben Dutt so mochte; und ihr gefiel dieses Gummi, und es störte sie nicht, ihm eine Freude zu machen.
Einmal, als er nach Hause kam, lag ein altes Fotoalbum auf ihrem Schoß.
„Bist du das“, fragte sie & deutete auf einen kleinen Jungen.
Er stellte sich neben ihren Sessel – mittlerweile war es ihr Sessel.
„Nein. Das ist mein Bruder.“
„Du hast einen Bruder?“
„Ich hatte einen. Er ist tot. Lange her.“
„Verstehe.“
Versteht sie? Versteht sie wirklich?
„Ich dachte, das bist du“, sagte sie. „Sieht aus wie du. Ich meine, sieht so aus wie du als kleiner Junge, irgendwie.“
„Wir waren uns sehr ähnlich“, sagte Edward.
„Hmm. War er jünger oder älter.“
„Älter. 2 Jahre.“

„ROBERT!!!“
„Ja?“
„KOMM HER, SOFORT!“
Die Mutter steht da – mit ihrem schweren stabilen Holzlineal. 1 Meter.
Robert zittert. Eddie zittert mit ihm.
„Was habe ich gesagt?“ fragt die Mutter.
„Ich sollte…“
„Ja, genau, du solltest! – Los, komm her! Dahin!“
Und das Holzlineal …..

Sina lächelte.
„Dann bist du also der da.“
„Ja. Sorry.“ Edward lächelte auch.
„Süß“, sagte Sina. Sie trug schwarze Jeans & ein rotes Sweatshirt. Eine rote & eine schwarze Socke.
„Süß ist gut“, sagte Edward, „so hat mich damals, glaub ich, niemand genannt.“
„Ist das da deine Mutter?“
„Ja. – Was willst du heute essen?“
Sina sagte: „Pizza.“

Der Schnee verschwand.

Und dann –
irgendwann –
war sie da –
diese
Nacht …… :

Der Mann erwacht. Er weiß nicht, aus welchem Traum. Aber er glaubt, ein geträumtes Geräusch habe ihn geweckt. Dunkelheit & Rückenschmerz. Er greift nach dem Lichtschalter einer kleinen Lampe neben dem Sofa. Klick. 15 Watt in einem roten Schirm. Vorsichtig richtet er sich auf. Da ist noch ein Rest Wodka in der Flasche auf dem Tisch. Er schüttet diesen Rest in die leergetrunkene Teetasse des Mädchens. Trinkt, indem er seine Lippen dort ansetzt, wo die Lippen des Mädchens gewesen sein müssen. Fast kann er sie fühlen. Es ist ein billiger Wodka. Der Mann blickt auf die Uhr, die richtig geht. 3:53 Uhr. Und er sieht, dass die Schlafzimmertür einen schwarzen Spaltbreit geöffnet ist. Zum ersten Mal. Er befürchtet, sein Licht könnte das Mädchen wecken. Doch er hört ein Geräusch. Hört verschiedene Geräusche. Rascheln von Bettzeug …. Etwas wie ein Zischen, das aus einem kleinen Mund kommt …. Dann leises, ganz leises Kichern …. Und die Geräusche wiederholen sich; nur das Bettzeug raschelt nicht mehr …. Er steht auf, in T-Shirt & Shorts. Humpelt zum Türspalt. Horcht. Zischen. Kichern. Dann tippt er die Tür an ……
Langsam schwingt sie ins Innere des Zimmers. Der schwache rote Schein der Lampe reicht nicht weit. Und doch…..
Das Mädchen sitzt aufgerichtet im Bett, kaum mehr als eine Silhouette im fernen Licht … Die Decke zurückgeschlagen … Helle Haut des Oberkörpers, helle Haut der Beine, die dunkle Stelle, wo das Höschen ist … Das Mädchen hält etwas in der Hand … Ein dreieckiger Lichtreflex blitzt kurz auf, als es sich damit kurz über den Bauch fährt … Wieder das Zischen, das aus dem Mund des Mädchens kommt … Dann Kichern … Der Mann tastet nach dem Lichtschalter neben dem Türrahmen … Blendung …
„Sina!“ ruft er. Oder schreit er es?
Das Mädchen beachtet ihn kaum. Er ist wie ein kleines Nebengeräusch, das man überhört. Nur kurz blinzelt es in seine Richtung. Lächelnd. Das Messer ist ein langgezogenes Dreieck; zweischneidig, mit winzigen Flecken, die an Rost erinnern; der Mann hat es noch nie zuvor gesehen. Frische kleine Schnitte auf Bauch, Brust & Oberschenkeln des Mädchens. Rote Striche. Kleine Blutpunkte. Feine Rinnsale. Zwischen den schwarzen Strichen der Vergangenheit. Das Kichern ist beängstigender als das Zischen. Der Mann hinkt so schnell, so schnell zum Bett.
„Sina, nicht, komm, gib mir das Messer, bitte.“
Das Mädchen schaut ihm in die Augen, schneidet sich dabei, kurz oberhalb des Bauchnabels; zarte Haut wird zerteilt. Der Mann beugt sich über das Bett, streckt dem Mädchen die Hand entgegen ….
„Komm, gib es mir.“
Und so schnell, so schnell bewegt sich der dünne Arm des Mädchens. Und das Messer fährt in den Hals des Mannes. Ein verhaltener Schrei – mehr der Überraschung als des Schmerzes. Er greift nach der Stelle, aus der das Blut fließt. Die Schlagader. Er richtet sich kurz auf, stolpert dann vorwärts, fällt halb auf das Bett; das Mädchen zieht schnell die Beine weg, damit er nicht darauf fällt. Sein Blut trifft das Mädchen. Es nimmt den Griff des Messers in beide Hände. Dann sticht es in das linke Bein des Mannes. Mehrmals. Es ist anstrengend, es kostet Kraft. Der Mann zuckt. Der Mann windet sich. Tastet umher mit blutigen Händen. Berührt die Füße des Mädchens. Nur kurz. Hinterlässt Spuren. Aus zerfetzten Gefäßen pumpt es. Blut auf dem Laken, Blut auf dem Boden. Alkoholisiertes Blut. Das Mädchen kichert leise. Die Augen unbeteiligt. Noch einmal sticht es in das Bein. Lässt das Messer stecken. Bewegung fließt aus dem Mann. So lange, bis nur noch Ruhe zurückbleibt. Die Erinnerungen – enden.
Das Mädchen lehnt sich an das Kopfteil des Bettes, betrachtet den Rücken der Leiche. Das Gesicht der Leiche ist abgewandt. Das Mädchen ist ruhig. Es spürt die eigenen Schnitte nicht. Blutrot ist das Höschen, das es trägt.

Schneelose Winternacht. Dunkel wie das Innere eines Menschen. Verhaltene Kälte. Trockene Straßen. Ein Mädchen, zierlich, in rotschwarzem Anorak geht durch enge Gassen. Ganz still. Es sucht nach einer Treppe. Nach irgendeiner Treppe, die vor irgendeinem Haus zu irgendeinem Keller hinabführt.
Und es findet eine solche Treppe. Das Mädchen geht ein paar Stufen hinab. Es setzt sich.
Und S fängt an zu weinen.


Manchmal ist es ja so:

Da spricht der Serienkiller zu der Leiche:
„Hey, du Arschloch, ich habe dir bloß
die Kehle durchgeschnitten.
Und was machst du?
Du stirbst einfach.
Ich find das
GANZ
SCHÖN
UNFAIR
VON
DIR !


Noch eine tote Katze auf der Straße

So wie mein Auto mittlerweile aussah,
wurden nicht mal mehr auf dem Supermarktparkplatz
Karten von osteuropäischen Händlern drangesteckt.
Das gefiel mir.
Ich schob meinen Einkaufswagen über den Parkplatz,
packte die Lebensmittel (Gordon’s Gin, Chips, Nudeln, Wein & Bier)
in den Kofferraum, brachte den Wagen zurück &
stieg in das rostige, vollgeschissene Etwas, das mein Auto war.
Der Auspuff hatte seinen eigenen Sound, ich mochte ihn.
Auf dem Weg nach Hause hörte ich eine Dichterlesung im Radio.
Langweilige Bilder, gesuchte Gesellschaftskritik,
ausgetrocknete Sprache…..
Meine Scheiße klingt besser, wenn sie in die Schüssel klatscht,
dachte ich.
Und dann lag auch noch eine fette weiße Katze
aufgerissen mitten auf der Straße; die nassen Gedärme über
beide Fahrstreifen verteilt. Es war nicht ihr Tag gewesen.
Meiner eigentlich auch nicht.
Aber ich hatte mein altes Auto, den Gin, und ich konnte
das Radio ausschalten.
Also ging es mir vermutlich doch besser
als der Katze.


Lächel doch

„Lächel doch“, sagte sie.
„Lächeln?“ sagte er. „Was ist das?“

Er starb.
Sein Gesicht verfaulte.
Seine Lippen verwesten.

Seine Zähne
wurden entblößt.
Fast war es

wie ein Lächeln.


Aus dem Kopf

Schlag mir dein Lachen
aus dem Kopf
Schlag mir das Muttermal an deiner Titte
aus dem Kopf
Schlag mir deine Worte
aus dem Kopf
Schlag mir das Geräusch deiner nassen Fotze
aus dem Kopf
Schlag mir deinen Arsch
aus dem Kopf
Schlag mir dein Weinen
aus dem Kopf
Schlag mir deine Augen
aus dem Kopf
Schlag mir dein Lächeln
aus dem Kopf
Schlag mir deine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir meine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir
den Kopf ab
damit er
voll von Erinnerungen
vor deine Füsse rollt
Vor deine Füsse
an die ich mich
erinnere


Meine Handgelenke

Meine Handgelenke
sind so schmal, dass
Armbanduhren zu groß wirken
Schmuck übertrieben wäre

Bandagen vielleicht würden sie
schmücken

geschriebene Hilfeschreie könnten
sie schmücken …..

oder
die Schnitte von
Rasierklingen

Rasierklingen

noch schmaler
als meine Handgelenke