Wenn ich
Ketten säge,
die meinen Hals einschnüren &
mich zu ersticken drohen,
fallen
manchmal
Perlen auf den Boden.
Und auf denen
rutsche ich dann
Aus.
Wenn ich
Ketten säge,
die meinen Hals einschnüren &
mich zu ersticken drohen,
fallen
manchmal
Perlen auf den Boden.
Und auf denen
rutsche ich dann
Aus.
Damals als
man als Kind noch hinter der Sofalehne
lächelnd eine
imaginierte Treppe hinunterstieg
& sich über das Lächeln der Zuschauer freute
Damals
hatte man vielleicht bereits
die Richtung im Blut
die das Leben einmal nehmen würde
Und vielleicht ahnte man schon
ohne es zu wissen
dass das Lächeln
irgendwann
zu einem Grinsen
werden würde
Da ist dieser Eintopf in der
Gemeinschaftsküche
Wenn man Glück hat
ist man die eine
einsame
Bohne
die den
lautesten
Furz
verursacht.
Es gibt Menschen, die sind
schön,
sogar in hässlicher Unterwäsche.
Aber die Voraussetzung dafür ist,
dass
sie es nicht wissen.
Immer wieder traurig, wenn
ein Busfahrer einem die Helden der
eigenen Jugend madig macht &
sie von dem Thron stößt, auf dem diese
jahrzehntelang gesessen hatten.
Besonders traurig, wenn diese Helden
den Soundtrack für die wichtigsten Momente
deines Lebens geliefert haben.
Da stand also dieser Fahrer des Tourbusses
vor mir an der Hotelrezeption & machte
mir, dem Nachtportier, gegenüber seinem
Herzen Luft.
»Der Typ ist echt ein Psychopath. Der
nervt alle. Sitzt während der ganzen Zeit
immer vorne neben mir & klugscheißt
ohne Ende. Hat natürlich immer schon
alles gelesen über die Orte, durch die wir
kommen. Und er weiß immer alles besser;
wo man langfahren muss und so. Zum
Kotzen. Und dann dieses bescheuerte
Toupet, dass der trägt. Ein einziges Mal
während der Tour hat er’s abgenommen;
da sah er zwar halbwegs vernünftig aus,
aber man konnte sehen, dass er Hautkrebs hat.
Glaub ich zumindest. Ich hab ja schon
viele Amis gefahren, aber der ist echt der
Gipfel.«
In dem Ton ging es ungefähr eine halbe Stunde.
Ich fühlte mich wirklich mies.
Ich hatte sämtliche Platten von dem Menschen zuhause.
Sämtliche Filme, in denen er mitgespielt hatte;
neben Leuten wie Jack Nicholson, Orson Welles
& Anthony Perkins.
Die Liebe meines Lebens war untrennbar mit
dieser Musik verbunden.
Es ist nicht immer ein Busfahrer, der
einem zeigt, wo auch nur mit Wasser gekocht wird.
Aber irgend jemand findet sich fast immer.
Ich versuchte, das Gerede
nicht überzubewerten.
Und doch –
ich konnte es auch nicht vergessen, als ich
im Konzertsaal saß
& applaudierte.
Aber immerhin –
ich hatte eine
Freikarte.
Wenn ich ein Musikstück, das ich mag,
zu oft höre,
kann es passieren, dass ich anfange,
es zu analysieren.
Und wenn ich Pech habe,
finde ich heraus,
wie dieses Stück funktioniert,
und welche kompositorischen Tricks
mein Unterbewußtsein besonders
angesprochen haben.
Und schon schwindet der Zauber;
schon wird die Gänsehaut geglättet.
Zumindest ein wenig.
Und es gibt keinen Weg zurück in
den unbewußten Zustand des Hörens.
(Allenfalls im Vollrausch.)
Tragisch, wenn es ein Lieblingslied war.
Noch tragischer, wenn es einem
mit Menschen ähnlich geht.
Man wird geboren als
Nacherzählung
einer uralten Geschichte.
Unzählige Male
wurde sie erzählt.
An das Original kann sich
niemand mehr
erinnern.
In diese Nacherzählung
muss man
Ein Zeichen setzen.
Vielleicht nur
ein Komma.
Nur dann ist man
vielleicht
selber
so etwas wie
ein
Original.
An manchen Tagen wäre ich gerne
der Herr der Fliegen.
Aber ich bin nur
ein Fliegenfänger.
Ein klebriges Stück Papier,
das irgendwo herumhängt.
Und irgendwann ist das Papier selber
nicht mehr zu erkennen.
Versteckt hinter schwarzen Leibern.
Belebt vom Sterben.
Ein Tonträger.
Hintergrundmusik.
Der Soundtrack des Lebens.
Eine dunkle
summende
Agonie.
Nichts
ist mir originell genug.
Ich
bin mir nicht originell genug.
Der Serienkiller
ist mir nicht originell genug.
Der Dichter
ist mir nicht originell genug.
Alles
erinnert mich an etwas.
Alles
ist schon dagewesen.
Alles
ist Nachahmung.
Alles
hat Bezug auf Vergangenheit.
Alles
ist Nichts.
Und Nichts
ist mir originell genug.
Und der Tod
ist ein einfallsloser Langweiler.
Ich esse Negerküsse, weil
sie mich an meine Kindheit erinnern.
Ich höre Zigeunermusik, weil
ich sie liebe –
Django Reinhardt
vor allem.
Ich will keine Schaumküsse der Langeweile.
Es ist immer dasselbe mit den Menschen:
Sie suchen nicht den Kern,
sie kratzen an der Schale.
Und die Mordlust kommt von
Filmen & Videospielen?
Natürlich,
Ihr Langweiler.
Was denn sonst?
Ich habe in meiner Kindheit noch mit
Ausländern gespielt.
Diskriminierung ist
meinem Denken & Fühlen so fremd,
dass ich sie in
einzelnen Worten
meist
nicht erkennen kann.
Ich sehe Splatterfilme &
fühle mich schlecht, wenn ich
versehentlich
jemandem auf den Fuß trete.
ICH SEHE MENSCHEN!
NICHT DIE WORTE,
DIE SIE ZU BESCHREIBEN VERSUCHEN!
Ich mache Witze über
Krankheiten & Tod.
Auch das tut man nicht.
Die Witze sprießen aus dem Boden
der Angst & des Entsetzens –
gedüngt mit Erfahrung.
Nehmt endlich Eure
Politische Korrektheit
– sie ist rein äußerlich,
oberflächlich wie Euer Denken
(wenn man’s »Denken« nennen mag) –
& schiebt sie Euch in den Arsch,
auf dass Ihr sie Euch
verinnerlichen möget.
In der Zwischenzeit wische ich mir den Mund ab,
zufrieden & satt von
Negerküssen,
& rufe:
»PLAY IT AGAIN, DJANGO!
ALTER ZIGEUNER ….«
Das Zimmer kostete 99,– D-Mark damals.
Ohne Frühstück. Er wollte kein Frühstück.
Er bezahlte im voraus & fuhr mit dem Aufzug in den
obersten Stock (er hatte um ein Zimmer im obersten Stock
gebeten; die Nummer habe ich vergessen).
Es war später Abend.
Er schloss die Tür hinter sich ab,
warf die Reisetasche aufs Bett &
öffnete das Fenster; weit.
Milder Sommerabend.
Die Tasche packte er nicht aus.
Er entnahm ihr lediglich
das Rasiermesser.
Ohne sich auszuziehen setzte er sich in die Badewanne;
kein Wasser darin.
Er schnitt sich die Pulsadern an beiden Handgelenken
längs auf.
Ließ das Messer in die Wanne fallen ….
Nach wenigen Sekunden kletterte er wieder aus der Wanne &
wankte – blutpumpend – zum Fenster.
Er sprang nicht; er ließ sich einfach fallen.
Es dauerte ziemlich lange, bis er bemerkt wurde.
Er war an einer Stelle aufgeschlagen, wo des öfteren
Obdachlose schliefen.
Nicht an diesem Abend.
Der Teppichboden musste ausgewechselt werden.
Und der Blutgeruch war hartnäckig.
Trotz des geöffneten Fensters;
dessen es nicht bedurft hätte,
um zu sterben.
Das Zimmermädchen kotzte in die Badewanne.
Niemals gelingt es,
einen Traum fortzusetzen, wenn man einmal
aus ihm erwacht ist.
Selbst wenn man sofort
wieder einschläft, findet man nicht mehr
in ihn zurück.
Man findet sich wieder in
einem neuen Traum.
Zumindest mir
geht es so – mit jeder Art von Traum.
Egal, ob ich schlafe
oder wache.
Und jedes Mal
tut es mir leid.
Jedes Mal.
Selbst wenn es sich
um einen
Albtraum handelte.
Als Kind wollte ich
in einer Schneekugel wohnen.
Geschlossene Räume mochte ich
schon immer.
Von geschlossenen Träumen
ganz zu schweigen.
Den Kleiderschrank in unserem Kinderzimmer –
ich räumte ihn aus;
stellte 2 Stühle & einen kleinen Tisch
hinein, auf den Tisch
meine Lieblingslampe.
Mein Bruder & ich, wir
setzten uns in diesen Schrank, und
er las mir vor.
Denn ich konnte noch nicht
lesen.
Nur träumen & mir ALLES vorstellen.
Der Kleiderschrank – es
gibt ihn noch; er steht schimmelnd
in einem feuchten Keller.
Er ist eng. Zu eng für mich
& meine Träume.
Mein Bruder – es
gibt ihn noch; er sitzt
mir nicht mehr gegenüber.
Der Kontakt ist abgebrochen.
Die Lampe wurde
weggeworfen.
Geschlossenen Räume –
ich mag sie noch immer.
Ich kann mir nicht mehr
ALLES
vorstellen.
Aber ich kann lesen.
Und der Schnee, den ich
durch geschlossene Fenster betrachte:
er erinnert mich.
Ich bin leicht zu irritieren,
und am meisten irrtiert mich
der Sinn fürs Praktische, den
die Menschen in meiner Umgebung
besitzen.
Alles scheint einfach zu sein; für sie.
Vor allem das Einfache, das für mich
so schwierig ist. Das Alltägliche.
Es ist schwierig für mich, weil es
mich nicht interessiert; es sei
denn, ich lese darüber. Aber dann
muss es interessant geschrieben sein.
(Stil über Inhalt.)
Was soll ich mit dem Alltag?
Ich will die Allnacht!
Ruhe.
Und keine Eindringlinge in meinem Kopf.
»Wie kann man nur so lebensfremd sein?«
Ein Satz, den ich des öfteren höre.
Fremd war ich immer –
mir ….
den anderen …..
dem Leben.
Und überhaupt:
Das Leben –
Es kommt mir nicht zu nah, aber
es geht mir zu nah.
Ich besitze keinen
Sinn fürs Praktische.
Vielleicht einen anderen –
aber den hat
das Leben
nicht.
Und dann verlangt jemand von dir, dass du
einen Kontrabass wie eine Geige unter dein Kinn klemmst
& seine Melodie spielst.
Dabei kannst du nicht mal Geige spielen,
und die Melodie kennst du nicht.
Und überhaupt sind deine Arme zu kurz,
um das Instrument zu stimmen.
Es stimmt einfach nichts.
Und vielleicht ist dieser Jemand
einfach
das Leben.
Ein bisschen schon
Ein bisschen noch
Ein bisschen zu viel
Ein bisschen zu wenig
Ein bisschen zu früh
Ein bisschen zu spät
Ein bisschen von allem
Zu viel vom Nichts
Die Albträume, die mich die größte Menge
an Schweiß kosten, sind diejenigen,
in denen ich jünger bin als in der
Schlaflosigkeit.
Denn
die Hölle habe ich
hinter mir.
Vielleicht habe ich
eine noch schlimmere Hölle
vor mir.
Wahrscheinlich sogar.
Aber von ihr
träume ich nicht.
Gegenwart findet nicht statt
in meinem Schlaf.
Die Matratze ist vollgesogen
vom AngstSchweiß
der Erinnerungen.
Manchmal, wenn es ganz still ist,
hört man einen Ton, der von einer Gitarre kommt, die
seit Jahren nicht bespielt wurde.
Vielleicht war nur
ein Temperaturwechsel daran schuld.
Dieser Ton klingt nicht wie
gewollt;
nicht sauber.
Nur ein
Pling!
Es hat etwas mit
Spannung zu tun.
Vielleicht auch mit
der Langeweile
einer bestimmten Saite.
Wenn man zufällig vorübergeht
an dieser Gitarre,
könnte diese Saite einem
ins Gesicht springen.
Eine Wunde schlagen.
Eine Narbe hinterlassen.
Manchmal, wenn es ganz still ist,
fühle ich mich
wie eine Gitarre, die
zu lange nicht bespielt wurde.
Und dann ist das volle Glas
das Prisma, durch das
die Welt betrachtet wird,
und das weiße Licht
wird bunt im klaren Schnaps, wenn
der Winkel stimmt.
Die Eintönigkeit wird zum Akkord;
das Spektrum splittert.
Licht wird gebrochen.
Schatten brechen.
Ein Regenbogen, der sich
über mondlose Nächte
spannt.
Es war Zufall.
Da saß diese schwarze Sängerin
aus Chicago in der Hotelbar;
an der Theke. In diesem
deutschen Kaff.
Trank. Und trank.
Im Saal nebenan: eine Betriebsfeier.
Langweilige Menschen.
Live-Musik.
Schrecklich Musik. Wie ich fand.
Die Sängerin nahm ihr Glas &
ging in den Saal, betrat
die geschlossene Gesellschaft.
Ich machte meinen Job,
oder das, was ich
& andere dafür hielten; an
der Rezeption.
Hin & wieder kamen Kollegen, die im
Saal bedienten, bei mir vorbei.
„Die ist komisch“, sagte einer. „Und
die macht eine der Backroundsängerinnen an.
Fällt allmählich auf.“
Ich sagte nichts.
Sie kam wieder zurück.
Setzte sich wieder an die Theke.
Trank weiter.
Redete mit dem Barkeeper.
Ich hörte ihre tiefe Stimme,
die Stimme, für die sie berühmt war.
Hin & wieder sprach sie auch
mit sich selbst.
Sie ging wieder in den Saal.
Kam wieder zurück.
Trank.
Irgendwann
kam sie zu mir.
Lächelte.
Sagte mir ihre Zimmernummer.
(Als ob ich die nicht gewusst hätte.)
Sagte: “If the girl from the band asks
for me, give her my room-number, please.”
Sie lächelte. Ihre Augen ….
ein wenig glasig, ein wenig traurig.
Oder nein – sehr glasig, sehr traurig.
Ich lächelte zurück. Und das nicht, weil es
mein Job war, oder das, was ich & andere
dafür hielten.
Sie kam noch einige Male zu mir, um
sich zu vergewissern, dass ich ihre Bitte
nicht vergessen hatte.
Dann betrat sie den Aufzug. Die Türen
schlossen sich.
Irgendwann verstummte die schreckliche
Musik im Saal.
Die Gäste gingen.
Die Band baute das Equipment ab.
Schaffte es Stück für Stück, an der Rezeption
vorbei, nach draußen.
Ich hörte die Backroundsängerinnen, wie
sie sich unterhielten; mit ihren Durchschnitts-
stimmen. Die nicht immer den Ton getroffen hatten.
Sie machten sich lustig.
Lustig über die kleine Schwäche der
Betrunkenen.
Es war nicht mal Boshaftigkeit, was aus ihnen
sprach. Es war
etwas Schlimmeres.
Es war die Leere in ihnen; das,
was sie von der anderen
unterschied.
Ich stellte mir vor, wie sie da oben in
ihrem Zimmer saß
& wartete.
Aber vielleicht war sie ja auch schon
eingeschlafen.
Betrunken & einsam.
Das ist Jahre her; und es ist
immer noch seltsam, ihre Stimme zu hören,
oder sie im Fernsehen zu sehen – &
sich vorzustellen, dass diese
Backroundsängerin
sie vielleicht auch hört & sieht.
Und noch immer nichts
begriffen hat.
Im Übrigen habe ich
keinen Charakter.
Jedesmal wenn ich höre oder lese,
was andere über ihren Literatur-, Musik-,
Film- oder Kunstgeschmack sagen,
denke ich mir:
DAS ist Charakter.
Dezidierte Ansichten.
Ein dezidiertes Ausschluss-
verfahren.
Ich:
schätze zu
Vieles.
Zu vieles, das nicht
zueinander
passt.
Literaten, Musiker,
Filmschaffende, Künstler, die sich
untereinander
gehasst haben.
Verschiedene Begriffe,
verschiedene Ansichten.
sich widersprechende &
einander ausschließende
Weltbilder.
Richtungen ohne gemeinsames
Zentrum.
Ich:
habe keinen Charakter.
Vielleicht sollte mein Schädel
enger sein,
um Platz zu haben
für einen Charakter.
Aber wahrscheinlich
würde ich mich dann
schrecklich langweilen.
Wann hörte ich eigentlich auf,
unordentlich & chaotisch zu sein in
allem Äußeren?
Wenn ich genau darüber nachdenke,
war es – als
meine innere Ordnung zusammenbrach &
das Chaos in mir zu wohnen begann.
Das wunderbare Chaos.
Fortan wurde ich so
ordentlich, dass ich jeden Gegenstand,
den ein Besucher in meiner Abwesenheit
in die Hand genommen & ein wenig anders
wieder zurückgelegt (verrückt) hatte, sofort
bei Betreten des Raums
bemerkte – erfühlte.
Eine Art von Austausch
zwischen Innen & Außen
hatte stattgefunden.
Ein Ausgleich, der
ein Gleichgewicht herstellen sollte.
Ab & an
wünsche ich mir die äußere Unordnung zurück,
als könnte diese mein (verrücktes) Inneres wieder
ordnen ….
Dann beginne ich, wie ein Set-Designer
eine Unordnung herzustellen ….
Aber sie ist künstlich –
vielleicht sogar kunstvoll,
eine Kulisse für meinen inneren Film.
Ich belächle meine Versuche,
denn letztlich ist dieser Film doch nur
eine Komödie,
& das innere Chaos
bleibt
wunderbar.
Ich tue so
als würde ich kein Mitleid kennen
mit denen, die sich
das Mitleid
redlich verdient haben
Denn »Mitleid« ist
vermute ich
das Letzte
was sie
wollen
Es sollte, wenigstens einmal, mit dem Ende beginnen,
mit den Vorwürfen, den bitteren Worten, den
Enttäuschungen, dem Hass.
Und dann sollte man sich langsam
auf den Anfang zubewegen, auf das
Verzeihen, die süßen Worte, die angenehmen
Überraschungen, das Verliebtsein.
Wie entspannend wäre das – zur Abwechslung.
Und dann ginge man über den Anfang
hinaus – & würde sich nicht kennen.
Noch nicht – oder nicht mehr; wie auch immer.
Und wie entspannend & angenehm wäre das erst!
Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!
(Oder war man es schon damals?)
Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:
Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.
Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….
Flucht –
wie immer.
Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.
Ihre Gedanken.
Man ist ja oft
so lächerlich.
Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu
Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden
& wäre mir wieder
zugewandt
Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend
Ich möchte wohnen im
Auge der Fliege –
im
Facettenreich
Die Fliege, die
in meinem Auge landet,
hatte wahrscheinlich
andere Wünsche
In meinem Auge
gibt es keine Facetten
Wenn die Fliege Glück hat
ertrinkt sie nicht
Wenn ich Glück habe
trinke ich
Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.
Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend
Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend
Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.
Man müsste sich nur
daran erinnern.
Ab & zu.
So oft
wie möglich.
Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.
Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?
Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.
Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.
(So ungefair jedenfalls)
Das Nichts kann man sich nicht
vorstellen – man kann nur glauben, es
sich vorstellen zu können.
Aber
es gibt Nächte
(die Mondsichel erinnert an
einen abgeschnittenen Fußnagel in einem
schwarzen Abfluss)
da denkt man, es sei
leichter
sich das Nichts vorzustellen
als
das
Alleine &
Abgeschnitten
Sein
zwischen den
Menschen.
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