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Gerissen

Zack! Da lag der BH im Müll.
Weiß, mit feinen roten Linien.
Zwischen Küchenpapier &

zerbrochenem Porzellan.
Nur weil ein Träger gerissen war.
Als wäre es schlimm, gerissen zu sein.

Ich überlegte,
ihn herauszuangeln.
Und aufzuhängen.

Ihn an die Wand zu nageln,
weil er so schön war.
Und weil er stets

gehalten hatte,
was schön ist.
Ich überlege noch

immer.


Zu lang

»Komisch«, (wer spricht? ich nicht),
»die letzte Strophe legt den Eindruck
nahe, es müsse ihr ein langes Gedicht
vorausgegangen sein. Dabei
ist es so kurz. Das wirkt
unharmonisch.
Überstürzt.«

»Ja«, (ich spreche).
»Das stimmt. Aber nur,
wenn man nicht liest,
was nicht dort steht.

Mir ist es viel
zu lang.«


Das Tagebuch

Ich versenkte mich
in das Tagebuch eines Verstorbenen.
Saß mit ihm am Tisch, lauschte
seinen Gedanken, sah
ihm beim Baden zu,
traf die Menschen, die er kannte,
ertrug seine Krankheiten,
ging mit ihm spazieren.

Dann verließ ich das Haus,
um allein zu gehen.
Schon bald bemerkte ich, daß
niemand mich sah.
Niemand mich sehen konnte,
niemand mir auswich.
Ich war es, der zur Seite treten musste,
sonst wären die Menschen

durch mich hindurch
gegangen wie uninteressante Gespräche.
Wenn niemand dich sieht, bist du
dort wo du sein solltest,
dachte ich.
Wo immer du bist.
Ich kehrte zurück
zu meinen Regalen. Zurück
zu den vergangenen Tagen des Toten.

Dort ist das Leben.


Der lächelnde Elefant

Leben
Im Stoßzahn eines Elefanten
Scheinbar lächelnd
Mein gekrümmter Elfenbeinturm
Auf der Flucht
Vor Wilderern vor Jägern vor
Menschen im All
Gemeinen
Dünnhäutig – mein graues Ich
Gerunzelt
Wer schmunzelt?
All
Es nur Schein

Leben im Stoß
Steiler Zahn
Wildes Jagen von Häuten
Alles Leben ist

Widerspruch


Echo

In einem Hohlkopf
muss ein einsamer Gedanke
ein fürchterliches Echo haben.

Er hat sich verirrt,
weiß nicht, wie er dort hingekommen ist.
Hat Angst vor der Leere.

Fühlt sich fremd.
Wird immer lauter.
Schreit.

Er will raus.
Muss raus.
Mit Gewalt.


Nein !

Einige Menschen glauben,
ich schriebe über sie
& über mich.

Ich schreibe aber
über das Menschliche
in meiner Gegenwart.

Wir Einzelwesen sind unwichtig,
nur Statisten in der ernsten Komödie,
ich ich nachzuzeichnen suche.

Wir stehen bloß im Vordergrund,
um den Hintergrund
zu verdecken.

Nein, glaubt nicht,
es ginge um mich,
es ginge um Euch.

Glaubt nicht,
weitet Eure Gedanken!
Denkt!


Das Mädchen mit dem Krokodil

[ Für meine Augenblickssammlung ]

 

Es ist doch nur Luft.
Oder ist es der Atem
eines geliebten Menschen?

Ein Mädchen im roten Sommerkleid
überquert die Straße. Auf seinem Kopf,
durch seine Hände gesichert,

balanciert es ein Krokodil, das etwa
zwei Meter lang ist. Beide lächeln,
leuchtend grün das Krokodil,

leicht gerötet das Mädchen,
das sich beobachtet fühlt.
Es ist nicht mehr klein

& noch nicht groß. (das Mädchen).
Wer hat es wohl aufgeblasen?
(das Krokodil)

Ich bin ein Schauer,
und wo mein Blick sich niederschlägt,
da blitzt & donnert Phantasie.

jemand bläst
bis ihm die Puste ausgeht
spricht ins Krokodil
lacht ins Ventil
tritt einen Balg mit nacktem Fuß
man hört es kichern, ganz hell, ganz froh
Schallwellen, die man ins Wasser wirft
um nicht unterzugehen
»Vergiß deinen Bikini nicht!«
»Den hab ich schon drunter.«
»Und creme dich gut ein.«
»Ja-ha.«
flüchtige, sonnendurchschossene Sekunden
ein weißgepunktetes schwarzes Tuch fällt zu Boden
Wo geht es hier zum Pool?
»Hast du auch alles?«
»Ja!«
»Dann grüß schön!«
»Mach ich! Tschühüüs!«

Es könnte auch alles ganz traurig sein:
der Vater gestorben, sein letztes Röcheln
im Krokodil gefangen, die Mutter schickt das Kind,
um es abzulenken, zur Freundin mit dem Planschbecken –

aber ich will es nicht glauben.
Lebensfreude überquert die Straße.
Rot & grün im Sonnenhonig.
Ein bewegtes Bild im Fenster.

Ich hänge es auf
in meinem Gedächtnispalast.
Wenn es dunkel wird, kann ich es betrachten.
Es heißt: Das Mädchen mit dem Krokodil.


Ein Stück Erinnerung

Seit sie mir die Pistole weggenommen haben,
besitze ich nichts mehr, um
mir bei Kopfschmerz die Schläfen zu kühlen.

Sie war ein Erinnerungsstück.
Aus der Sammlung meines Vaters.
Alle Erinnerungen

hätte man damit beenden können.
Man hat sie mir nicht weggenommen –
die Erinnerungen. Doch

der Kopfschmerz wurde schwächer,
als mein Vater starb. Ganz
verschwinden wird er nie.


Auf irgendwas wartet man ja immer

Daß ich ein Genie bin,
fällt zu Hause niemandem auf.

Nur mir natürlich. Zuweilen.
Ich sitze da so rum,
meine Freundin fragt: »Was

machst du heute?«, und
meine Antwort lautet:
»Aufs Kacken warten.«
Dieses Gedicht wiederholt sich

alle 2 Tage. Ich lege großen Wert
auf geregelten Stuhlgang. (Aber
bitte nicht jeden Tag; es
täte mir um die Zeit zu leid
& würde mich emotional

zu sehr mitnehmen.)
Man muß warten können, bis
einem etwas auffällt – einfällt –
rausfällt – da fällt mir ein,
daß Adorno einmal in einem Gespräch sagte,
Beckett habe der Begriff des Fallens in

der deutschen Redewendung der Fall sein, so sehr
gefallen. Als dies Gespräch vor etwa 40 Jahren
von meinem Rundfunkempfänger empfangen wurde,
war es schon 15 Jahre alt & Adorno so tot wie
Tilla Durieux. Alle, die da fallen. Was uns zu Effi Briest führt…..
Oder führen könnte. Doch lassen wir die weiten, von schwarzen Mönchen
bevölkerten Felder der Assoziation ruhen im milden Glanz der Abendsonne.

Immer wenn niemandem etwas auffällt, herrscht
Ruhe. Ich betrachte die
Ordnung der Gedanken
Nicht (als) zufällig.
Im Augenblick der Entspannung könnte ein
Sonett entstehen.
Crazy door of the jakes!
Heute geht irgendwie alles durcheinander…..

Verdammt & aufgetrennt! (Schnell ein Gedicht
von Günter Grass lesen; dann weiß ich wieder, wie gut
ich bin.) Worauf ich eigentlich hinauswollte,
war ja ich. »Wie immer«, würde meine Freundin sagen.
Wir lieben unsere Rituale. Und übermorgen
wird sie mich wieder fragen: »Was machst du
heute?« Und vielleicht werde ich dann antworten:
»DEATH HAS TWELVE WINGS LIKE THE ANGEL OF HELL!«
Aber wahrscheinlich

ist das nicht.


Das schwebende Buch

Nachts trage ich meine Tarnkappe,
damit, falls niemand herein kommt,
er denkt, auch ich sei nicht da.

Es schwebt ein Buch
über dem Kanapee,
und niemand fragt sich,

warum das so ist.
Hätte er mich gefragt,
würde ich ihm geantwortet haben.

Vielleicht wäre ein Gespräch entstanden.
So haben wir alle
noch mal Glück gehabt.


Mond mit eigenem Licht

Sie scheint
Wenn alles dunkel ist
Wie ein Mond
Mit eigenem Licht

Und niemals gewöhnt man sich
So sehr an den Mond
Dass man seine Schönheit nicht
Mehr wahrnähme

Schon gar nicht an diesen
Der nicht nur reflektiert
& der die Sonne nicht braucht
Um zu leuchten

Es klingt wie ein Rätsel
Ist aber keins

Sie scheint
Mich zu lieben


Meine kleine Sanduhr

Meine kleine Sanduhr steht
in meinen Armen.
Sie spiegelt sich nackt
im Fenster, weil

der Rolladen geschlossen ist.
Im Tageslicht wäre ihr Abbild
geisterhaft – so als hielte ich
ein Wunschbild

fest. Ganz fest.
Rücken, Taille, Hüfte –
die Zeit vergeht,
während sie steht.

Jedes Korn ein Bruchteil
eines Augenblicks.
Ich fasse, begreife, halte ihn
fest, fest. Fest.


Niemals

Ich kenne niemanden,
Der so lebt wie ich.
Aber wie sollte ich auch
Jemanden meiner Art kennen,

Da es zu meinem Leben gehört,
Niemanden kennenzulernen,
Und er, wäre er wie ich,
Mich nicht kennenlernen könnte?

Wo ist er?
Es ist mir egal.
Wo bin ich?
Es interessiert ihn kein bißchen.

So gingen wir unserer Wege,
würden wir nicht lieber
zu Hause bleiben & auf
Der Chaiselongue liegen –

Lesend, allein & niemanden
Hereinlassend, nicht einmal
Ihn & mich, die wir niemals
vor unseren Türen stehen werden.


Virus

Man liegt vor dem Fernseher
(nur im Schlafzimmer hat er eine Daseinsberechtigung),
und schaut kurz nach, ob
die Menschheit sich endlich ausgerottet hat
und man nun doch noch ein bisschen Ruhe bekommt,
bevor einem das Klopapier ausgeht
und einen der Hunger in fremde Häuser treibt.

Nein. Sie machen immer noch Lärm.
Sind immer noch blöd,
werden immer ungebildeter,
proletenhafter, hassenswerter.

Es ist mal wieder ein Virus unterwegs.
Der kann einem leidtun, wenn man sich vorstellt,
wen der so alles bewohnen muss.
Seine auffälligste Nebenwirkung ist,
dass er die Geistlosigkeit der Nicht-Infizierten hervorhebt.

Es wird gestorben, der Planet atmet durch,
aber alles in Maßen. Die menschliche Maßlosigkeit
ist nicht gefährdet. Die Dummheit erfährt
keine nennenswerten Einbußen.

Man liegt vor dem Fernseher
und schaltet ab.
Na ja –
vielleicht beim nächsten Mal.


Ruhig, ganz ruhig

Als ich geboren wurde, waren alle schon tot.
Alle, die tot sein durften, weil sie gestorben waren,
bevor ich geboren wurde. Vielleicht waren sie auch
immer schon tot gewesen. Wie kann es sein,
dass diejenigen sterben, die zu meiner Zeit lebten,
und an die ich mich erinnere? Da ist etwas
falsch. Grundlegend falsch. Der Mensch auf dem Foto
soll nicht mehr existieren? Wie kann das sein?
Nur noch vergrabener Dreck? Für immer
verschwunden. Stimmlos. Atemlos.
Er hatte doch so jung ausgesehen,
bevor er alt wurde – wie ist das möglich?
Ich habe noch seine Stimme im Ohr.
Neben all den anderen Stimmen.

Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. Nur sie sind es nicht.
Auf diesem Foto packt er seinen Koffer.
Er will verreisen. Dann kann er doch nicht tot sein.
Man kann nicht verreisen, wenn man tot ist. Oder?
Er ist noch nicht da gewesen, wo er hin wollte,
also muss er doch da sein. Der Koffer ist ja auch
noch gar nicht geschlossen.

Wo wollte er denn hin?

Ich weiß es nicht.

Dann war er vielleicht doch schon da.

Wieso DANN ? Was hat das mit mir zu tun?
Nur weil ich etwas nicht weiß, soll es stattgefunden haben?
Wo ist denn da die Logik?

Wie tot er ist, seit er nicht mehr lebt.
Man kann nicht so tot sein;
also müsste man doch leben.

Ruhig, ganz ruhig. Mit manchem muss man sich abfinden.

Abfinden! Das ist auch so ein Wort.
Die Abfindung. Mir hat noch keiner etwas dafür gegeben,
dass einer nicht mehr da ist. Und wenn, würde ich es
nicht annehmen. Ich würde es nicht haben wollen.
Hoffentlich hat er sein Nackenkissen nicht vergessen.
Ich sehe es gar nicht in dem Koffer. Er bekommt
doch so schnell Nackenschmerzen. Einmal
konnte er kaum aufstehen vor lauter Schmerz.
Aber das ist lange her.
Er ist noch oft aufgestanden danach.
Wahrscheinlich steht er morgen auch wieder auf.
Wir können ja gar nicht anders. Wir müssen
aufstehen. Weil wir nicht immer liegenbleiben können.
So ist es doch. Oder?

Ja.

Wenn er nur nicht seinen Zug verpasst.
Er hält so lange inne. Er sollte endlich
weiter packen. Hoffentlich ist er nicht zu erschöpft.
Dann müsste er sich ausruhen. Vielleicht
wartet der Zug ja auch auf ihn. Er hat so oft
den Zug genommen, dass der auch mal auf ihn
warten könnte. Er hat so oft den Zug genommen,
dass ich manchmal dachte, ohne ihn kann
ein Zug gar nicht fahren. Er hatte ja
Flugangst. Er konnte nicht fliegen. Er meinte,
er würde abstürzen. Dabei sind doch immer nur
Flugzeuge abgestürzt, in denen er NICHT war.
Wenn er sich das klargemacht hätte, hätte er
fliegen können. Aber Logik war seine
schwache Seite. Da konnte man reden,
wie man wollte. Er verstand einen einfach
nicht. Na ja. Egal.

Haben Sie nur dieses eine Foto?

Sehen Sie bloß – wie ruhig er atmet. Man sieht es
kaum. Nur wenn man ganz genau hinschaut, kann man es
sehen. Man muss immer ganz genau hinschauen.
Sonst verpasst man, worauf es ankommt.
Wenn man natürlich nicht weiß, worauf es ankommt,
kann man es auch nicht sehen; da kann man
schauen, so lange man will, man sieht es nicht.

Das stimmt.

Als ich geboren wurde, gab es nur Lebendiges
um mich herum. Das war schön.

Das ist doch immer noch so.
Oder sehen Sie die Toten?

Woher soll ich das wissen?
Ich weiß es nicht.
Vielleicht sehe ich sie.
Sind Sie tot?

Nein. Ruhig, ganz ruhig.

Ich BIN ruhig. So wie er.
Ich will nicht unruhiger sein
als er. Es ist schön,
wie ruhig er ist.

Ja.

Danke. Es war nett mit Ihnen zu plaudern,
aber ich muss jetzt auch meinen Koffer packen,
sonst verpassen wir doch noch den Zug.
Der wartet nämlich nicht auf uns.

Sie haben recht.
Ich werde Sie begleiten.


Unsichtbar

Der Nichtschwimmer blickt auf das Meer,
beobachtet die Wellen,
lauscht dem Rauschen.
Riecht das Salz.

Er weiß nicht, ob
er die Berührung des Wassers vermisst.
Er denkt an den Untergang und manchmal
an seine Rettung.

Dann fragt er sich, wie
ein Nichtschwimmer ihn sollte retten können.
Die Hilfe eines Schwimmers
würde er ablehnen.

Der Nichtschwimmer blickt auf
das Meer und lächelt.
Das Meer ist voll von Seinesgleichen –
aber niemand kann sie sehen.

Das macht ihn froh.


Ausstellung

An manchen Tagen
Rinnt das Sonnenlicht in
Sämtliche Ritzen, und die Möwen lärmen im
Chor, während der Sand
Heiß in Zwischenräume dringt
Zehen graben sich ein
Es rauscht in den Ohren, rauscht
In brunstprallen Schwellkörpern
Geblendet sind die Augenblicke, und die
Einsamkeit steigert die Triebe in Todesnähe
Ruhelos zählt man die Tropfen auf fremder Haut
Immer wieder, immer wieder
Nur selten geht die Rechnung auf, und
Nachts leuchten die Monde in der Erinnerung
Es scheint kein Ende zu nehmen
Nie nie niemals


Nicht nur ein Name

Tod, Zeit, Vergänglichkeit
Haben keine Macht
Ohne das Vergessen
Manchmal kehre ich zurück
Aus der Gegenwart und
Suche mich in der Erinnerung

Mit dem Vertrauten meiner Jugend
Alte Geschichten bewohnend
Nähere ich mich den Anfängen
Nicht zum letzen Mal


Still & weich

»Ihr Gedicht ist recht ansprechend«,
sagte Einer.

Ich sagte: »Es tut mir leid,
wenn es Sie belästigt hat.

Ich schärfe meinen Texten regelmäßig ein:
›Haltet die Schnauze! Keiner

interessiert sich für Euch. Sprecht
Niemanden an; das gehört sich nicht.‹«

Wenn Blicke einen einliefern könnten,
wäre es jetzt sehr still um mich herum,

und die Wände wären wunderbar weich.


Die Schwalbe

Mitten auf der Autobahn: ein toter
Vogel: eine Schwalbe, glaube ich.
Ich kann mich aber auch irren
bei 130 km/h. Sonst nicht

natürlich. Ich rase
vorbei. Die macht
nie wieder keinen Sommer,
denke ich. Und setze

die dunkle Brille auf.


Falls Sie sich wundern

Nein, nicht nur junge Frauen
gehen an meinen Fenstern vorüber.

Aber was da sonst so läuft
ist der schriftlichen Rede weniger wehrt.

Da kriegt man keine Lust
die Feder zu ergreifen

& in Diminutiven zu schwelgen
wie in einer Schublade voll duftender Höschen.

Da fährt der Bauer auf dem Trecker,
dass es stinkt & kracht,

tumbe Visagen
spotten jeglicher Beschreibung,

der Nachbar sägt
in seinem Spießergarten,

und die Mutter schiebt ihr drittes Kind
auf quietschenden Rädern vor sich her.

Nee nee, ich schau auch gar nicht
oft ausm Fenster, aber wenn –

dann lasst mich bitte
(einen Augenblick lang) glücklich sein.

Ein kurzes Röckchen
in goldenem Licht,
mit Grazie getragen,
mehr brauch ich nicht.


Sklaven

Man bedient das Smartphone.
Wie ein Sklave.
Als wäre es smarter als man selbst.
Was man im Griff hat – buchstäblich -,
hat einen im Griff – figürlich.

Ich war mal wieder beim Abwasch
(bekanntlich spüle ich gerne Geschirr).
Und wieder ging eine junge Frau am Fenster vorüber
(das macht diese Tätigkeit beinahe regelmäßig
noch attraktiver). Ihr Blick:
ins Display gesaugt (ein Brontosaurus auf einem Elektroroller
hätte an ihr vorbeifahren können, sie
würde ihn wohl kaum bemerkt haben).
Plötzlich hielt sie
inne. Stoppte, stand, starrte.
Halt, Sklavin! Beachte mich!
[War sie auf meine Seite gestoßen, las sie
meine Texte? Nagelte mein Esprit
sie aufs Trottoir? hahaha!]
Es hat doch Vieles sein Gutes –
mir blieb Zeit, zu betrachten.
Die schlanke Silhouette, die enge enge Hose (keine kurze
diesmal), der brünette Pferdeschwanz, in sanft nachschwingender
Bewegung…… (Eine Vogelspinne
hätte auf dem Teller in der Spüle tanzen können,
ich würde sie wohl kaum bemerkt haben.)
Was ich sah, gefiel mir
buchstäblich figürlich.
Halt, Sklave! Beachte mich!
Als wären ihr halbierte Globen ins Beinkleid gerutscht.
Hemisphären, Welten, Halbwelten.
Wenn man sie doch begreifen könnte!

Die Triebe.
Ja, die Triebe.
Gefesselte Aufmerksamkeit.
Ablenkung vom Wesentlichen –

Wo war ich stehengeblieben?
Ach ja, sie ging weiter.
Da war wohl was zu Ende gegangen.
Und man kann sich auch gar nicht mehr so lange
konzentrieren heutzutage.

Schau an! Da
war noch ein Fettspritzer
auf dem Pfannenwender, den
hatte ich übersehen.


Die Differenz

Wie oft ich schon gestorben bin
in ihren Träumen, weiß ich nicht.
Auch nicht woran & wie.
Ich frage nicht,
wenn meine Schulter nass wird
und sie mich so sehr drückt,
als wolle sie das Leben
in mir festhalten
& versiegeln
für immer.

Ich mag mein Alter,
ich mag ihr Alter –
und die Differenz dazwischen.
Aber die Wahrscheinlichkeit,
von der sie träumt, würde ich
ihr gern ersparen.
»Ich kann hier nicht bleiben – «
sagt sie. » – dann.« Mehr
sagt sie nicht.
Ich versuche, mir vorzustellen,
wie es wäre,
hier ohne mich zu leben.
Ich kann es nicht.

Ich bliebe gerne da,
wenn ihre Träume wahr werden.
Unsichtbar, nur um zu sehen,
dass es ihr gut geht. Doch
auch das kann ich nicht.

So lange
halten wir uns fest –
als hätten wir die Hoffnung,
dass so – und nur so –
niemand zurückbleibt.


Es ist wohl nicht zu ändern

Man könnte auch mal beachtet
werden, solange man da ist.

Doch erst wenn man geht,
kommt die Aufmerksamkeit.

Wo ist er hin,
warum ist sie nicht hier?

Man hatte sich gewöhnt
& wird sich wieder gewöhnen.

Es ist wohl traurig,
aber nur für kurze Zeit

zu ändern.


Das merkt man

Manche Menschen schreiben gern.
Und dann schreiben sie,
weil sie gerne schreiben.

Das merkt man.
Nichts treibt sie, als sie selbst.
Manche werden berühmt damit.

Dann reden sie
im Fernsehen, weil sie gern
im Fernsehen reden.

Das merkt man.
Manchmal bekommen sie einen Preis.
Dann halten sie eine Rede,

die sie vorher geschrieben haben.
Sie schreiben gern,
sie reden gern —

Das merkt man.
Was sagt uns das Alles?
Nichts.


Abgründe

Abgründe tun sich auf,
in denen man verschwindet.
Fort für alle andren,
mit sich allein – zusammen.

 

 

 

Abgründe tun sich auf
und schließen sich wie Wunden.
Narben in der Erinnerung,
die man manchmal vergisst.


Eisberg

Na, Ihr Eisbergspitzenlutscher!
Wieder was gelesen, was Ihr glaubt,
sofort verstanden zu haben?

Ohne Mühe, stimmt’s?
Wie ist die Luft da oben?
Schmeckt’s? Wenn

Euch die Zunge einfröre,
sie am Eise kleben bliebe,
müsstet Ihr schweigen –

das wäre schön.


Der seltene Name

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen in meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
drum hatt ich’s – zu erschaffen.

Das Mädchen mit den Narben
Gedanken Strich Gedanken Strich
Wie kam ich auf den Namen?

Ich weiß es, doch
ich sag es nicht. Nein,
kein Zufall. Natürlich nicht.

Jahre vergingen, andre Namen
zogen vorüber. Novembernächte,
Gewitter & gelbliches Mondlicht.

Dann klingelte es
an meiner Tür – – Ich stolperte wie’n freier
Vers. Ding Pause Dong! — »Na.«

Sie hieß wie das Mädchen
In der Erzählung, die sie nicht kannte.
Narben hatte sie auch.
Aber einen Anorak trug sie nicht.

Ich gab dem Mädchen
einen seltenen Namen.
Dem Wesen meiner Geschichte.

Ich kannte keines,
das so hieß,
darum musste es erst klingeln.

Das Ding – 1 Dong! (= 10.000 Hot)
Die Klinke ergriffen
und alles offen

Ein zaudernder Blick
Das Beste hoffen —

Anis mag sie nicht riechen.
Nachts sehen wir Schwarzweißes im Farbfernseher.
In manchen Gedichten kann man sie sichten.
Spiegelbildlich. Seitenrichtig.

Und alle Uhren zeigen EINE Zeit.
Ninna Nanna in Blu –

 

– – – – – – – – – – –

 

Das Mädchen mit den Gedankenstrichen


Teilweise witzig

Jemand fragte: »Wie alt sind Sie?«
»Etwa 30«, sagte ich.
Verdutzung, Zweifel, Mitleid, Hohn –
ein bissl von Allem im fremden Gesicht.
»Ich weiß, ich sehe älter aus.«
»Äh – ja – und genau wissen Sie’s nicht?«
»Mir ist es genau genug. Ich vermute,
Sie hätten mich auf 60 geschätzt?«
»Nicht ganz, vielleicht. Ich weiß,
es gibt da so Krankheiten…..«
»Genau!« erwiderte ich,
»Kopfschmerzen zum Beispiel.«
Ihm quoll das Questionmark aus den Augen;
sollte ich ihn unwissend sterben lassen?
Ich sagte: »Es ist doch ganz
einfach. Nur die Tage
ohne Kopfschmerz zählen.
Ich hab’s mal grob überschlagen.«
»Oh, ich verstehe.«
»Bloß nicht zu sehr mitfühlen, sonst
müssen Sie ne Tablette einnehmen.«
Er grinste.
Ich schaute ins Apothekenfenster.
Da stand mein Spiegelbild zwischen Medikamenten.
Wie ein Geist. Ich wusste es ja eigentlich:
Alle Tage zählen gleich.
Aber dass man das so sehen muss!
Es sollte Spiegel geben,
in denen der Schmerz zurückbleibt
wenn man daran vorübergeht.
Ach, was soll’s!
Nietzsche hatte auch oft Kopfschmerzen,
und es gibt hübsche Apothekerinnen.
»Ich muss gehen«, sagte ich.
»Müssen wir das nicht alle?« sprach er.
Teilweise weise, teilweise witzig.


Die kleine rote Plastik-Kasse

Ich hatte kein Geld
aber die leere Schublade machte
wenn sie aufsprang

ein Geräusch, das mich entzückte.
Die kleine rote Plastik-Kasse
aus meinem Kaufmannsladen

Man liebt
nie wieder
auf diese Weise

im späteren Leben.


Beweise

Wer meine Worte liest
glaubt an meine Existenz

So wie ich
der ich an keinen Gott glaube
vom Dagewesensein

des James Joyce überzeugt bin
der von den Genannten
der Bedeutendste ist

Für meine Existenz scheint es
Beweise zu geben

Vielleicht deuten diese
aber auf jemand ganz
anderen hin

Wer hat noch
gleich Shakespeares Werke
geschrieben?

Wer meine Worte liest
glaubt bestenfalls an gar nichts mehr


Das Haus

So einfach & unscheinbar
ist das Haus – keiner
der Vorübergehenden, Vorüberlebenden
vorübergehend Lebenden ahnt
dass es voller Rätsel & Geheimnisse ist.
Zu viele Häuser haben sie schon gesehen,
zu viele Häuser gibt es.
Nur der Architekt kennt seinen wahren Wert,
den Wert, den niemand bezahlen würde, weil er nicht
dem Warenwert, genauer: dem Materialwert entspricht; nur er kennt
alle Bedeutungen, von deren Existenz keiner
sich etwas träumen lässt.
Die Anzahl der Steine ist kein Zufall,
sie bezieht sich auf das Innere des Hauses, auf
das Innere seiner Bewohner;
die Quersumme aller addierten Türen & Wände
erzählen eine exakt berechnete Geschichte.
Alles geht auf. Der Rest ist Gedanke.
Im Mauerwerk: seltenste Perlen.
Der Dachboden spielt
auf den Keller an; der Keller
existiert nur in der Phantasie des Architekten,
die seine Persönlichkeit ist.
Was die Maserung des Parketts zu sein scheint,
ist in Wirklichkeit Schnitzerei: winzige Gesichter,
die man nur erkennt, wenn man sie kennt
und am Boden liegt.

Zuweilen sticht den Architekten
die Eitelkeit fast mückengleich. Dann
würde er am liebsten erklären, um
den Nichtsahnenden die Augen und,
falls möglich, den Verstand zu öffnen.
Doch dieser Juckreiz geht rasch vorüber.
Das Verständnis der Anderen
würde dem Wert des Werkes nichts hinzufügen.
Alles ist da. Ob es gesehen wird oder nicht.
Es wird noch da sein, wenn
sich an die Passanten längst schon
niemand mehr erinnert.
Denn das ist ein weiteres Geheimnis dieses Hauses:
Es ist unvergänglich.

Ich stehe da.
Auf der anderen Seite der Straße.
Ich betrachte es.
So einfach & unscheinbar.
Wohnt überhaupt jemand darin?
Da stehe ich.
Verstehe ich.
Passanten passieren.
Fassadenbeschauer.
Wer hat es gebaut?
War ich es?

Es ist gleich
gültig. Denn so
viel steht fest:

Dieses Haus ist ein Gedicht.


Fremde Vögel

Sonne wirft ihren Schein auf den Rasen
Ein fremder Garten mit fremden Vögeln
Ich sitze auf einer Bank
Ruhe
Ein Unbekannter spricht
In unhörbarer Ferne
Mit meiner Geliebten
Wie freundlich sie lächelt
Während Wasser auf sie fällt
Es kommt nicht viel aus dieser Brause
Die über ihr hängt
Verbunden mit einem Schlauch
Der zittert
Der Mann trägt Freizeitkleidung
Sie ist nackt
Geliebte Kontraste
Wie freundlich sie lächelt
Während sein Blick auf sie fällt
Sie ist nass
Er steht
Außerhalb des Niederschlags
Tastende Augen
Glitzernde Sonne zwitschernde Zweige
Selbstzufriedene Ruhe
Der Mann der eifersüchtig sein konnte –
War das wirklich ich
Gewesen

Älter werden
: die langsame Lösung

Von der Welt

Fremden Vögeln lauschen
Sie nicht verstehen
Trotzdem lieben
Da sind noch mehr
Menschen in diesem Garten
Manche suchen den Schatten
Wie ich

Sie stellt das Wasser ab
Sie reflektiert – ich denke
Das Kleingeld der Sonne
Beperlter Popo
Perlen vor die Säue
Aha schau an soso

Der Unbekannte
Könnte ihr ein Handtuch reichen
Aber da ist keins
Vielleicht hätte sie’s genommen

Doch jetzt kommt sie
Quer durch den Garten
Durch Licht durch Blicke
Auf mich zu

Tropfend & lächelnd
Nackt jung & langsam
Angekommen beugt sie sich
auf Kusshöhe

(was alle hinter ihr
freuen muss)

»Wie war das Wasser?« frage ich
Sie sagt »Ich hasse Smalltalk«
Das verstehe ich
Und liebe