Schlagwort-Archive: Literatur

So geht das nicht weiter

»So geht das nicht weiter«, sagte sie. »Ich
werde dich unglücklich machen müssen, damit
du wieder schreiben kannst.«

»Ja«, sagte ich, »ich find’s auch scheiße. Mir
fällt nichts mehr ein. – Aber keine Sorge,
das wirst du. Da bin ich mir sicher.«

Sie blies Zigarettenrauch in die
warme Nachtluft. Und sie sagte:
»Ja. Ich auch.«


Die aufmerksame Leserin

Es war offensichtlich:
Sie war eine
aufmerksame Leserin
meiner Texte.

Denn als sie
an meiner Tür klingelte,
trug sie einen dünnen Rock, der
oberhalb der Kniee endete.

Sie zog ihre Schuhe aus.

Sie schnupperte an meinem
Cocktail.

Ich fragte sie, was sie
trinken wolle.

Sie sagte:
»Ein Bier.«

Ich hielt ihr
(Test) die Flasche &
ein Glas hin.

Sie nahm
nur
die Flasche;

öffnete sie
mit einem Feuerzeug.

Sie kannte meine Unsicherheiten &
setzte sich rittlings auf
meinen Schoß.

Und unter dem dünnen Rock
trug sie
nichts als ihre
feuchtfröhliche Sehnsucht, die

auf meine Hose tropfte.

Bild2


Zeit versetzt

Die wirkliche Wahrnehmung
kommt nicht selten zu
spät, wenn mich
der Augenblick, den man
Jetzt
nennt,
über-
wältigt.
Meine Wirklichkeit ist
später.
Meine Wahrnehmung
versetzt mich;
versetzt meine Wirklichkeit,
mein Leben.
Dann
schreibe ich über das
Jetzt.
Das ist mein
Leben.
Eine Art von Pfandhaus, in dem
Alles
versetzt wird, was einmal
teuer war – & man bekommt nur
wenig dafür
zurück.
Und man verliert wahrscheinlich noch
den Pfand-
schein.
Ich weiß, wie die
Psychologen das nennen – & es
ist mir egal.


Das vergessene Gedicht

Nun ist es mir also zum ersten Mal passiert:
Nach dem Erwachen konnte ich mich
nicht mehr an das Gedicht erinnern, das ich
vor dem Einschlafen in meinem Kopf
geschrieben hatte.
Nicht einmal eine Ahnung davon,
um was es ging, ist zurück geblieben.
Ich notiere mir nie etwas.
In meiner finsteren Schlaflosigkeit fallen
mir 2 oder 3 Texte ein – dann
schlafe ich, träume ich – &
am Abend, nach dem Frühstück,
brauche ich sie nur noch von meiner
Erinnerung abzuschreiben.
So war es bisher.
Nun gut, ich hatte zu viel getrunken,
aber das habe ich meistens. Für mich
ist das keine Erklärung.
Und es war doch nur 1 einziges Gedicht;
keine 2 oder 3.
Irgend etwas Besonderes muss es
auf sich gehabt haben mit diesem Gedicht;
etwas, das eine Verdrängung
in Gang gesetzt hat.
Vielleicht war es das beste Gedicht, das
mir jemals eingefallen ist (was nicht
viel heißen will).
Vielleicht kommt es irgendwann zurück?
Vielleicht tarnt es sich dann als
neuer Einfall ….
Werde ich es wiedererkennen?

Wahrscheinlich
interpretiere ich in das alles
mal wieder
zu viel hinein.
Wahrscheinlich war es nur ein
Scheißgedicht – wie
so viele andere.


Kunst

Wenn man von
einem Toten
berührt
wird

& sich
plötzlich
lebendig
fühlt

könnte
es

Kunst

sein


Stiel & Stil

»Und das Glas immer
am Stiel anfassen. Damit
die Temperatur des Getränks
nicht von der Körpertemperatur
beeinflusst wird.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Der Stiel ist
wichtig. Sehr wichtig sogar. Andererseits
sieht es irgendwie blöd aus. Ich mag es
mehr, wenn jemand das Glas richtig
anpackt. Das hat mehr
Stil.«


Noch’n sinnloses Gedicht

& ich sitze nackt
am Schreibtisch
& der Deckenventilator dreht sich
über mir
Er bewegt die warme Luft
& der eiskalte Martini fließt
in meinen Magen
& ich will etwas schreiben
das von all dem beeinflusst ist
& ich frage mich
ob man es den Worten anmerken würde
& ich sage mir
Nein, vermutlich nicht
Ich könnte die Leertaste mit meinem
Schwanz betätigen
& der Leere Raum zwischen den Buchstaben
sähe aus wie immer
Die trunkensten Sätze fallen mir oftmals ein
wenn ich stocknüchtern bin
& besoffen sehe ich manchmal allzu klar
Vielleicht trage ich gerade
dicke Winterkleidung
Vielleicht trinke ich gerade
Grünen Tee
Macht das einen Unterschied?
Nur ich könnte das wissen
Doch
ich weiß es nicht.


Mein Schlafzimmer

Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
fremden Gedanken
fremden Gefühlen

Bücher
in Regalen
Bücherstapel
auf dem Nachttisch
Büchertürme
auf dem Boden

Träume &
Phantasien

die in meiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden

Phantasien &
Träume

die
meinen Schlaf
bewohnen

Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
eigenen Gedanken
eigenen Gefühlen
eigenen Träumen
eigenen Phantasien
eigenen Sehnsüchten
eigener Schlaflosigkeit

die in Deiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden

könnten


Maultiere mit Papierflügeln

Die Epigonen erheben ihre Häupter ….
Gorgonenhäupter, hässlich & erschreckend ….
Es ist alles schon dagewesen.
Und es ist alles schon besser dagewesen.
Ihr Haar ist nicht aus Schlangen –
es ist aus Würmern gemacht,
die von den Toten leben.
Wo bleibt das Eigene?
Wo das Originelle?
Schlägt man den Epigonen die Köpfe ab,
entspringt kein Pegasus aus ihnen.
Nur Maultiere mit angeklebten Papierflügeln.
Sie können nicht fliegen.
Sie bewegen sich nicht von der Stelle.
Sie bewegen nichts &
niemanden.
Sie sind
grau.

Ich fühle mich wie
einer von ihnen.

Was für eine Papierverschwendung!


Hoch oben ein toter Vogel

Es herrschte
eine außer-
gewöhnliche Atmosphäre
als ich
von der Arbeit nach Hause fuhr
in der grautrüben Morgendämmerung.
Ich sah einen toten Vogel
quer über 2 Stromleitungen liegend.
Ein weiterer Vogel
krachte gegen meine Windschutzscheibe,
als ich über die Autobahn jagte; ich
duckte mich, als könnte er mir ins Gesicht fliegen.
Im Rückspiegel war er nicht mehr zu sehen ….
Zurück blieb
ein schleimiger Fleck auf dem Glas, der
im Fahrtwind trocknete.
Andere Vögel
wichen mir aus –
& ich wich ihnen aus
in diversen letzten Momenten.
Kröten klebten auf der Landstraße, als ich
eine huschende Maus
zwischen die Räder nahm;
sie überlebte.
Im Radio lief irgend etwas von Vivaldi.
In dem Dorf, wo ich immer am
Friedhof vorüber fahre,
sprang ein Eichhörnchen über die Straße.
Ich bremste, ich lenkte, das
Eichhörnchen beschleunigte ….
Es verschwand gegenüber vom Friedhof.
Nur einen einzigen Menschen sah ich
an diesem Morgen –
eine alte dicke Frau, die sich auf einen
roten Stock stützte; vor einem
Tante-Emma-Laden, der geschlossen war.
All dies ….
wirkte wie arrangiert.
Unecht.
Zu viel.
Künstlich.
Damit
irgend jemand
es wahrnimmt.
Filmt.
Beschreibt.
Das Alles hatte
Nichts
zu bedeuten.
Aber das Nichts
bedeutet mir oft
Alles.
Das Alles hatte
Nichts
zu sagen.
Und doch
konnte ich es
hören.
Alles
oder
Nichts.


Andernach

Vielleicht wird es mir
Niemand
glauben

So wenig glauben
wie ich manchmal
dem Schicksal
glaube

Aber:

Meine
Große zerstörerische Liebe
wurde in
Andernach
geboren

Und ich war
oft
oft
oftmals
dort

in den 70ern

& besuchte mit ihr
ihre Eltern

Die die
Schwiegereltern
meines großen Bruders
waren

Seltsamerweise
mochten sie mich mehr
als ihn

Vielleicht weil
sie
mich
mehr liebte
als ihn

& sie
es spürten

Vielleicht.

Einige Jahre nach
meinem ersten Besuch in
Andernach
stieß ich im Kellergeschoss
eines Kaufhauses
auf dieses Taschenbuch:
Aufzeichnungen eines Außenseiters

Las die ersten Zeilen
Fand mich
wieder darin
in Teilen &

war gefangen
im Ganzen.

Ich kaufte das Buch.

Und dann
las ich
wo Er

geboren worden war.

Unter den Zufällen
meines Lebens
ist dieser
mir
der liebste.

 

 

Buk Aufzeichnungen


Das hellgrüne Minikleid

Ein hellgrünes Minikleid kam
aus dem Aufzug

Eine junge Frau
lebte
darin

Mit nackten Schenkeln
die
in High-Heels
endeten

Sie verließ das Hotel

Blieb stehen
draußen vor der
Fensterfront

Früher Morgen
Dämmerung
Der Hintergrund schraffiert vom Regen
Lautes Geprassel

Sie hockte sich hin
unter dem Vordach
Der Saum rutschte höher

& sie wühlte
in ihrer Handtasche

Waden
Knie
Oberschenkel

so nackt
so nackt

& in
einem so schönen
Winkel !

Sie fand
was sie suchte

& bestrich
ihre Lippen
damit

Dann erhob sie sich
wieder

& sie schaute durch das Fenster
herein

zu
mir

Der nur seinen Job tat

Und sie
öffnete
meinen Blick

den ich ihr
zurück
warf

So dass sie wusste
was wir

miteinander

hätten
tun können

Sie las ihn
& lächelte

Dann
fuhr ein Auto vor

Sie ging zu ihm
& wurde nass

So nass

Sie
stieg ein

So schön
wie nur Frauen einsteigen können

& ich dachte
mal wieder
an

Baudelaire


Hellwach

Nichts sonst
ist so leicht
wie

der Schlaf der
falschen Vorstellungen.

Du brauchst nicht
zu pfeifen

Du brauchst nichts
zu sagen

Du musst nicht
berühren.

Es genügt
dass jemand
Deine Gedanken

liest.

Und schon
sind sie

hellwach


Wörter davor, Wörter danach, Wörter während

Man atmet
bevor man das Wort kennt
Man weint
bevor man das Wort kennt
Man trinkt
bevor man das Wort kennt
Man isst
bevor man das Wort kennt
Man pisst
bevor man das Wort kennt
Man träumt
bevor man das Wort kennt
Man fühlt
bevor man das Wort kennt
Man vertraut
bevor man das Wort kennt
Man liebt
bevor man das Wort kennt

Dann
erlernt man die Wörter

& so Manches
erscheint
weniger
unmittelbar
durch sie

Wörter kommen hinzu
zu dem WortSchatz

Wörter die man kennt
bevor man tut
wofür sie stehen

Und Vieles
wofür es Worte gibt
wird man niemals tun

Vieles
wofür es Worte gibt
kann
niemand
jemals

tun

Dann
vergisst man Wörter
& das
wofür sie stehen

Oftmals
ohne es zu bemerken

Und man
vermisst sie nicht

Andere möchte man
verdrängen

aber sie sind zu aufdringlich
Immer wieder aufs
Neue

Und dann
kommt der letzte
Atemzug – – –

Welches Wort
wird man denken?

Wenn überhaupt ….

Es ist
gleichgültig.

Man tut
das Letzte
was einem zu tun bleibt

Das was man am längsten
vor sich her geschoben hat

obwohl man das Wort dafür
schon so lange
kannte
gekannt hat
kennt

Die Unmittelbarkeit
kehrt zurück

Für einen Moment
Ohne Worte

Doch die Wörter

überleben


Tippfehler

In einer dummen, schwachen Nacht
las ich in alten Texten
von mir, um
zu suchen, was andere
offenbar
daran fanden.

Ich fand es nicht.

Was ich aber fand,
waren
Tippfehler.

Wenige,
aber
zu viele.

Manchmal kann ich
schon beim Tippen
meine eigenen Worte
nicht mehr sehen.

Und dann
bemerke ich
diese Fehler
nicht.

Aber
die Tippfehler
sind
wohl
die geringsten Fehler
in meinen
Texten.


So lächerlich!

So lächerlich
finde ich
oft &
oft &
oft
meine
verdammte
Schreiberei!

Peinlich
darüber
zu
reden.

Lächerlich
es
ernst
zu
nehmen.

Man sollte
nur
schweigen
darüber.

So
wie
Millionen andere
es
auch
sollten.

All dies
papierene Gequatsche.

All dies
Versagen.

All diese
Selbstbefriedigung.

Nie werden wir
etwas
Großes
schaffen.

Denn
das Große
war
schon
da!

Die kleinen
Zettel, die ich
als Kind
bekritzelte
waren
mir wichtiger
als mein
heutiges
Geschwurbel.

Und die
Zettelchen, die ich
später
ihr
schrieb
& an Orten versteckte
wo
er
nicht suchte
waren wohl
das
Einzige
von Wert
dass ich
überhaupt
jemals
geschrieben
habe.

Aber
ich
kann
einfach
nicht
aufhören


Meine schwächsten Momente

In meinen schwächsten Momenten
hoffe ich,
dass
meine Worte
mich
überleben

in dem ein oder anderen
(fremden)
Kopf

in dem ein oder anderen
(fremden)
Herz.

Wahrlich!
Es
sind
meine
schwächsten Momente.


Sie hat keine Ahnung

Sie
hat keine Ahnung.

Keine Ahnung
dass ich
irgendwann
nach langer Zeit
wieder
mit dem Schreiben anfing.

Sie – die
häufiger
in meinem
Ge
schreibsel
auftaucht
als irgend jemand sonst ….

Sie – die
sogar dort
präsent
ist
wo sie nicht
auftaucht ….

Vielleicht sogar
dort
wo es
um Andere geht
…..

Dabei mochte sie
meine Worte

in graubunter Vorzeit.

Damals
als sie
neben mir lag & ich ihr
wenige Seiten
zeigte.

Doch die Worte
die ich ihr zuletzt schrieb
vor Jahren
mochte sie
nicht.

– – – – –

Sie lebt noch
das weiß ich.

Aber das ist auch alles
was ich noch weiß.

Einmal
im Suff
wollte ich ihr
den Link zu meinen Texten
schicken

Ihre Email-Adresse
existierte nicht mehr

als ich wieder nüchtern war
war ich froh darüber.

Zu wissen
dass sie mitliest
könnte mich
beeinflussen –

Zu wissen
dass sie mitliest
könnte mich
verstummen lassen …..

Und doch –

Was – wenn
sie sterben würde
ohne gelesen zu haben?

Was – wenn
sie erst
nach meinem Tode lesen würde?

Wir sind dem Tod
beide
so viel näher
als damals.

Sie war dem Tod schon
zwei Mal so nahe gewesen

so nahe – – –

näher als ich
jemals

(fast so nah
wie wir uns gewesen waren)

ohne
dass ich es wusste …..

Ich
hatte keine Ahnung.

Und sie rief meinen Namen
auf der Intensivstation
ohne dass ich es wusste …..

Sie rief ihn
ohne Bewußtsein

innerlich blutend
betäubt
kämpfend

& Der
der bei ihr war
hörte es.

Er sagte es ihr –
später

Sie sagte es mir –
noch später …..

– – – – –

Und

irgendwann
könnte
Alles
zu spät
sein


Kein Papier

Die Nacht war
wie ein fremdes Klo
ohne Papier
wenn bereits
der Dünnschiss
in den eigenen Eingeweiden
brodelt

Zu viele Worte
hatte ich gehört
Zu viele Worte
hatte ich gelesen

Worte
die über den Boden krochen
Worte
die winselten
Worte
die witzig
die beliebt
sein wollten
Worte
die
völlig
leer
waren

Die Worte
der
Anderen

Mir war schlecht

Ich ging zum Kühlschrank
Der Kühlschrank war leer
bis auf 1 Zwiebel
& 1 Flasche Bier

Ich nahm die Flasche
öffnete sie
& ging mit ihr
ins Bett

Und
nach ein paar Schlucken
dachte ich:

Nein,
nicht die Worte
der Anderen
regen dich so auf

Es sind
deine eigenen Worte
die dich aufregen

Denn auch sie
kriechen nur über den Boden
winseln
wollen witzig & beliebt sein
& sind dabei
doch auch nur
leer

Dünnschiss
nichts als
Dünnschiss

Gut
wenn
kein
Papier
da ist


Peter Altenberg

Man sollte
nicht
zu viele Worte
verlieren

Niemals

Nur ein paar
treffende

& vielleicht
kann man diese
wenigen Worte
noch abkürzen

durch
einen
Namen :

Peter Altenberg

JD500018


Das Verschwiegene

Noch immer gibt es
so viel
Verschwiegenes
in Dem
was ich schreibe

Noch immer
traue ich mich wohl
nicht
Alles

zuzugeben

obwohl ich
(nur für mich)
angetreten bin
bedingungslos
offen
zu
sein.

Manches aber
verschweige
nicht
ich

Es
verschweigt
sich

Sogar
vor
mir

Letzteres
können vielleicht
nur
Fremde
lesen

An Ersterem
muss
ich
noch
arbeiten.


Die Insekten

Durch die Finsternis des Raums,
durch die Weite meines Schädels
rast die Schlaflosigkeit
mit dem Fernlicht der Gedanken.
Wie Insekten
in der sommerlichen Abenddämmerung
flattern die Ideen darin,
bevor sie
gegen die Schutzscheibe klatschen – –
Doch
sie sterben
nicht.
Nicht alle.
Irgendwann ….
Irgendwann
nach all der
Raserei
kommt er dann doch:
Der Regen des Schlafes …..
Und auch sie kommen:
Die Scheibenwischer der Träume …..
Nach dem Erwachen
haben nur die hartnäckigsten
Ideen
ihre Spuren hinterlassen
auf der Scheibe.
Ich versuche,
sie wiederzuerkennen;
versuche,
in ihnen zu lesen,
versuche,
sie abzukratzen,
bevor ich abkratze;
ganz schwach
bewegen sie sich noch;
summen sie noch ….
Ich werde sie
auf Papier legen, sie
aufpäppeln
& versuchen,
sie
am Leben
zu erhalten.
Doch
es wird
nicht
leicht
werden.


Der letzte Strich

Es ist immer wieder
das gleiche

Man zeichnet etwas

Es erscheint einem
perfekt

Man möchte es
noch
perfekter
machen

& fügt
einen
letzten
Strich
hinzu

Und mit diesem
letzten Strich
hat man
die Zeichnung
ins Mittelmaß
gerückt

Denn der eigentliche
letzte Strich
war
der Strich davor

Es gibt
keine Steigerung
der Perfektion

In keinem Bereich

Perfektion
oder ihr Anschein
kann nur stattfinden
wenn man weiß
wann
Schluß
ist.


Der Kern

Ich schreibe
um mich
langsam
heranzutasten
an den
peinlichen
Kern
meines
Daseins.

Den Kern
den
jeder
kennt
aus
seinem eigenen Leben;
den Kern, den
eigentlich
niemand
kennen
oder
lesen
will.


Der Andere

Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.

Ich
glaube
ihn zu kennen

unbewußt.

Du
glaubst
mich zu kennen

weil Du
meine Worte liest

Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.

Er
schreibt meine Worte.

Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.

Du
kennst mich nicht

denn Du siehst nur
die Worte

& nicht
den Anderen.


Osram

Sie saß immer ganz vorne im Klassenraum.
Sie war hässlich.
Das war die einhellige Meinung aller.
Sie hatte sehr männliche Gesichtszüge,
eine tiefe Stimme,
kurze rostrote Haare, viele Sommersprossen,
und sie war sehr dick.
Ihre Kleidung war geschmacklos.
Auch das war die einhellige Meinung aller.
Immer saß sie allein, und wenn der Lehrer
sie aufrief, wurde sie
feuerrot in ihrem hässlichen Gesicht.
Deshalb nannten alle sie
Osram.

Ich saß immer ganz hinten.
Ich war weniger hässlich & sehr dünn,
und ich trug fast immer dieselben Klamotten;
aus Bequemlichkeit. Ich
meldete mich niemals & schaute oft
aus dem Fenster.
Es war das vorletzte Jahr vorm Abi.
Eines Tages verteilte der Lehrer Blätter, auf denen
verschiedene Themen gelistet waren.
Jeweils 2 aus diesem Kurs sollten sich
zusammentun & eines der Themen in den
kommenden Wochen bearbeiten.
Das einzige Thema auf der Liste, das mich
einigermaßen interessierte, hatte etwas mit
Psychologie zu tun. Und außer mir
interessierte sich für dieses Thema nur noch
Osram.
Na, herzlichen Glückwunsch! dachte ich.
Die anderen grinsten, während ich
nach vorne umzog & mich
zu Osram setzte.
Sie wurde rot.

Wir besprachen das Thema.
Die Röte wich aus ihrem Gesicht.
Wir schweiften ab vom Thema.
Sie lachte.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
Sie war verrückt nach Literatur.
Wir sprachen über Wilhelm Raabe.
Sie liebte Wilhelm Raabe.
Wer Wilhelm Raabe liebt, hat
zumindest
einen Teil
meines Herzens
gewonnen.

Sie lachte immer häufiger,
wir schweiften immer häufiger
vom Thema ab.
Sie hatte einen sehr makabren Humor.
Auch ich lachte immer häufiger.

Die anderen machten
dumme Bemerkungen.

Als die Arbeit fertig war,
trug Osram sie vor.
Sie saß am Lehrerpult & las.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
In ihren geschmacklosen Klamotten.
Sie hatte nicht vorlesen wollen; aber
sie tat es, weil sie wusste, dass ich
es auch nicht wollte.
Sie wurde kaum rot.
Und die Arbeit wurde gut benotet.

Einmal wurde Osram nach der Schule
von ihrer Mutter abgeholt,
ich von einer Freundin.
»Wer issn die Dicke da drüben« fragte sie.
»Eine aus meinem Deutschkurs. Wieso?«
»Sie hat gerade auf dich gezeigt & etwas zu
der Frau gesagt.«
»Ach ja? Seltsam.«
»Und gegrinst hatse.«
»Hmm.«
»Gott, ist die hässlich«, sagte die Freundin.
»Na ja«, sagte ich, »können ja nicht alle
so toll aussehen wie du.«
Sie lächelte.
»Trotzdem, was hat die über dich zu reden?«
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.


Wiederkehrende Frage

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
frage ich mich:

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben, wenn
ich mich
gesund fühlen würde?

Körperlich.

Ohne Schwindelanfälle ….
Ohne Benommenheit ….
Ohne Konzentrationsschwäche ….
Ohne chronische Müdigkeit ….
Ohne tanzende Flecken vor den Augen?
Ohne Kopfschmerzen ….

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben?

Große Romane?
Philosophische Werke?
Ausgefeiltes, zu Ende Gedachtes?
Alles, was
einen langen Atem erfordert?

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
stelle ich mir diese Frage.

Und wahrscheinlich
ist es gut, dass ich
die Antwort
aller Voraussicht nach
niemals
bekommen werde.


Inspiration

Sie las ein Gedicht
von mir.
Lächelte.
Sagte:
»Das gefällt mir. Ein
bisschen verrückt –
aber schön. Und
gefühlvoll.
Wie kommst Du nur immer
auf solche Sachen?«
»Ganz unterschiedlich«,
sagte ich.
»Eine Frage der
Inspiration. – Das da ist mir
zum Beispiel
eingefallen, als ich mir
gerade
den Sack rasierte.«


Ich habe keine Zeit

Die meisten Menschen haben wenig
Verständnis dafür, wenn man zu ihnen sagt:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
herumsitzen.«

Wenn man zu ihnen sagte:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
Musik hören.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
betrachten.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
schreiben.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
lesen.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
denken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
trinken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
leben.«,
hätten sie kaum
weniger wenig Verständnis.

Deshalb sage ich meist:
»Ich habe keine Zeit.« –
ohne Angabe von Gründen.


Der Blick der Eule

So monströs groß erschien mir
das Bücherregal
im Angesicht meiner Winzigkeit

Davor stand
eine Art Ottomane
Oft wurde ich dort
hingelegt
von meiner Mutter

Ich war fasziniert von
den Bücherrücken
obwohl ich noch nicht lesen konnte

Ich kannte sie alle
in- & auswendig
die Rücken mit den seltsamen Zeichen
wusste genau
wo welches Buch stand

Einige
mochte ich lieber als
andere

Und je älter sie aussahen
desto schöner
fand ich sie

Im obersten Regalfach
ganz rechts nahe der Wand
stand
eine ausgestopfte Eule

Der Blick
aus ihren Glasaugen
ruhte auf mir

Ein bisschen
böse
& sehr
starr

Sie hatte dort schon gestanden
bevor
ich geboren wurde

Sie hatte immer schon
auf die Ottomane gestarrt

Und dann war plötzlich
ich da
& sie zeigte
keine Überraschung

Oder doch?

Vielleicht in meiner
Kleinkindphantasie

Ich fühlte mich
beobachtet

Von
so weit oben

Die Eule stand
über & neben
den Büchern

Tot
verstaubt
doch anscheinend oder scheinbar
unvergänglich

Und der Mann
der all diese Bücher gelesen
& der diese Eule
ausgestopft hatte
war

Mein Vater

Die Eule begleitet mich
durch mein Leben
doch ihr Blick
ruht jetzt
woanders


Nun ja, so war das damals

Mit 17 schrieb ich eine Story
über jemanden, der vergaß,
das Fernlicht abzublenden & dadurch
den Tod eines Entgegenkommenden
verursachte.
Denn ich war begeistert von der Tatsache,
dass die Meisten es nicht vergaßen –
& beängstigt von der Möglichkeit,
es könnte jemand vergessen.

Nun ja,
so war das

damals.


Der Lehrer

Sogar ich Schulhasser hatte mal
einen Lehrer, den ich
wirklich mochte.
Ich besuchte ihn zu Hause, und
wir sprachen über Bücher & Musik & Filme.
Und dann, im Gespräch, wurde mir klar,
weshalb ich ihn mögen musste
(& was ich wohl gespürt hatte):
Er hatte die Lust an seinem Job
verloren.
Deshalb
war er
der beste Lehrer.


Die Lieblingsbücher meiner Jugend

Ich widerstehe
dem Drang,
die Lieblingsbücher meiner Jugend
wiederzulesen.

Denn ich kenne
meine Erinnerung &
ihre Kraft.

Und ich weiß,
was die Zeit
anrichtet.

Ich möchte sterben
mit Illusionen,
die nicht
zerstört wurden.