Der Blick der Eule

So monströs groß erschien mir
das Bücherregal
im Angesicht meiner Winzigkeit

Davor stand
eine Art Ottomane
Oft wurde ich dort
hingelegt
von meiner Mutter

Ich war fasziniert von
den Bücherrücken
obwohl ich noch nicht lesen konnte

Ich kannte sie alle
in- & auswendig
die Rücken mit den seltsamen Zeichen
wusste genau
wo welches Buch stand

Einige
mochte ich lieber als
andere

Und je älter sie aussahen
desto schöner
fand ich sie

Im obersten Regalfach
ganz rechts nahe der Wand
stand
eine ausgestopfte Eule

Der Blick
aus ihren Glasaugen
ruhte auf mir

Ein bisschen
böse
& sehr
starr

Sie hatte dort schon gestanden
bevor
ich geboren wurde

Sie hatte immer schon
auf die Ottomane gestarrt

Und dann war plötzlich
ich da
& sie zeigte
keine Überraschung

Oder doch?

Vielleicht in meiner
Kleinkindphantasie

Ich fühlte mich
beobachtet

Von
so weit oben

Die Eule stand
über & neben
den Büchern

Tot
verstaubt
doch anscheinend oder scheinbar
unvergänglich

Und der Mann
der all diese Bücher gelesen
& der diese Eule
ausgestopft hatte
war

Mein Vater

Die Eule begleitet mich
durch mein Leben
doch ihr Blick
ruht jetzt
woanders


One response to “Der Blick der Eule

  • WhoEver7up

    Erstaunlich. Ganz viele Ihrer Kindheitsbeschreibungen oder -Erinnerungen stimmen überein mit den meinen. Nur habe ich sie nie in Worte fassen wollen, weil ich sie vergessen hatte oder tot schweigen wollte. Und Sie kramen nun das eine oder andere hervor. Das zwingt mich um die Ecke herum, darüber nachzudenken. Das ist jetzt nicht nur auf den aktuellen Text bezogen. Viele andere zuvor auch.

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