Schlagwort-Archive: Einsamkeit

Der Fingerabdruck

Wo
auf dem Spiegel
ein Staubkorn gewesen war
befand sich nun ein
Finger
ab
druck

Lange
war der Spiegel nicht abgewischt worden
Lange
hatte das Staubkorn seinen festen Platz gehabt
auffällig & größer als alle anderen

Ein Partikel
der Vergangenheit
Vielleicht nur ein Stück
der eigenen Hautoberfläche

Die Linien des Abdrucks waren nicht
meine
Ich wusste es
ohne sie je zuvor betrachtet zu haben

& doch
waren sie
nicht
fremd

Linien
die mich berührt hatten

über
all

Mein gespiegeltes Auge
war trübe
denn der Abdruck lag
wie ein Schleier
auf ihm

Und wieder
würde der Spiegel
lange Zeit
nicht

abgewischt werden

Zeit
den Verlauf der Linien
auswendig zu lernen


Das verlorene Bein

Ein lichtloses Schaufenster in einer Nacht ohne Menschen
Ein vereinzelter Laternenreflex auf spiegelndem Glas
Da-
hinter
wie eine Ahnung in der Dunkelheit:
Das Bein einer Puppenfrau
Getrennt vom Rumpf
Verloren
Einsam
Ein Netzstrumpf zeichnet schwarze Adern
auf das Abbild der Natur

Ich halte inne
in meiner Ziellosigkeit
Werfe Blicke durch die trennende Scheibe
Sehe nichts als den Schenkel
Fühle die perfekte Form
Erkenne den Oberflächenglanz der Künstlichkeit
Bin gefangen
im Netz der alten Besessenheiten

Die Dunkelheit hinter dem Glas
zeigt mir mein Gesicht darauf
Seitenverkehrt
& beschattet

Ich gehe weiter

Verloren
in Träumen & Gedanken

& werde
mich
lange

an das Bein

er-
innern


Am Strand der Zeit

Und dann spürst du
den Sand der Todes-Uhr zwischen deinen Zehen
Am Strand der Zeit
die du verloren hast

Du schaust auf das Meer
das immer weniger wird
& immer schneller
folgt Ebbe auf Ebbe

Verlassene Schiffe liegen auf Grund
Ein Wrack neben dem andern
ohne Ziel, ohne Hafen
unter einem grauen Himmel

Es ist kalt
& ein schneidender Wind schlägt Wellen
Du kannst nicht schwimmen
& das Fernweh schmerzt in der Brust

Es riecht nach Salz
das aus Wunden rieselt
& die Flaschen, die an Land gespült werden
sind leer

Doch
Etwas
träumt in dir
noch immer

Jemand schwimmt
in deine Richtung
nackt & schön
wie eine letzte Hoffnung

Warm & lebendig
in all der Kälte

Vielleicht
zu spät

Doch wer weiß schon
was zu spät bedeutet
wenn die Uhr
zerbrochen ist


Gefrorene Blumen

Da draußen gingen Menschen.
Ihre Worte waren nicht zu hören,
aber sichtbar
in der Kälte.

Nebelhafte Sprechblasen waberten
aus frierenden Mündern;
kalte Lippen
bewegten sich.

Da drinnen stand ein Mensch.
Und zitterte
vor dem Heizkörper, der
untem Fenster hing.

Der Körper war
kalt.
Der Blick des Menschen fiel
durch einen Rahmen aus Eisblumen.

Sein Schweigen
beschlug die Scheibe.
Die Wortwolken
lösten sich auf.

Nebel
Haft.
Nichts hören.
Nicht dazugehören.

Draußen.
Drinnen.
Frost.
Taubheit.

Und
das ewiggleiche Muster
der gefrorenen
Blumen.


Ratten, von der Mitte bis zum Rand

»Vielleicht….« Er hielt inne.
Sie schauten sich an.
Die Pause nagte an ihnen
wie eine ausgehungerte Ratte.
»Vielleicht was?« sagte sie.
»Vielleicht hättest Du Dir nicht
jemanden aussuchen sollen, der
so einsam ist.«
»Ich habe Dich nicht ausgesucht.
Denn ich hatte keine Wahl.«
Die Worte gefielen ihm.
Manche Worte, die gefallen waren, gefielen ihm;
andere nicht. Manche Worte waren
so hart gefallen, dass sie sich nicht mehr erheben konnten,
um ihnen aus dem Kopf zu gehen.
»Aber vielleicht…..« Sie hielt inne.
Sie schauten sich noch immer an.
Eine weitere Ratte.
Oder noch immer dieselbe.
»Vielleicht was?« sagte er.
»Vielleicht hast Du recht. – Denn ich bin
nicht einsam.«
Schlechte Voraussetzungen, dachte er.
Sie
stand mitten im Leben.
Er
am Rande.
Weit war der Weg
von der Mitte zum Rand
& zurück.
Eine weite Strecke
voller Ratten.
Aber vielleicht….
gab es kein
Zurück.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Kurven im Nebel

Die Kurven hatte ich
in meiner Erinnerung;
das Lenkrad fest im Griff.
Nebel fiel in die Nacht
& wurde zu einem Spiegel
auf dem gefrorenen Asphalt.
Waberndes Weiß im Scheinwerferlicht.
Die Sicht unfrei & abgeschnitten.
Erzwungene Langsamkeit, die
das Ende der Strecke in zeitliche Ferne rückte.
So oft war ich diese Route gefahren,
dass sie mich langweilte bis zum Ekel;
und auch das Ziel war nur
eine üble Angewohnheit.
Der Vorhang,
der Spiegel,
das Fremde
forderten meine Aufmerksamkeit;
kaum nahm ich die Musik wahr, die
aus dem Radio kam.
Ein dunkles Tier kreuzte meinen Weg;
so schnell, dass ich nicht erkennen konnte,
was es war …..
Es verschwand unversehrt im Nebel –
ohne dass ich das Bremspedal berührt hatte.
Da war kein Licht
außer meinem.
Im Glanz des Spiegels war nichts zu sehen;
nichts – außer der Gefahr …..
die Möglichkeit des Abkommens,
die Möglichkeit der Verletzung,
die Möglichkeit des Todes.
Ich fühlte die nächste Kurve,
fühlte sie näher kommen, obgleich doch
ich es war, der sich ihr näherte.
Links, dachte ich, leicht links, sanft links ….
Ein ununterbrochener Mittelstreifen,
ein Seitenstreifen, jenseits dessen ein Graben lag.
Ich musste nur vorsichtig, ganz wenig
einlenken …..
Eine unfassbare Traurigkeit kam aus dem Nebel
auf mich zu; ungreifbar wie dieser,
wabernd & undurchschaubar.
Die Kurven
ich hatte
sie
in meiner Erinnerung.
Vielleicht auch nur
im Gefühl.
Doch es bestand die Möglichkeit, dass
meine Erinnerung, dass
mein Gefühl
mich täuschte.
Die Gefahr der Täuschung war überall.
Auch in mir.
»Gib Gas«, sagte die Traurigkeit.
Und die Musik schien lauter zu werden.


Pfandflaschen

Es ist nicht besonders warm
an meinem Arbeitsplatz
im Winter.
Aber es ist
erträglich.
Und hinter mir steht
ein Heizlüfter.
Durch die Fensterfront blicke ich auf
den Bahnhof gegenüber,
erleuchtet in der Nacht.
Mehrspurige Straßen ….
Ampeln ….
Laternen ….
Mülleimer ….
Am Wochenende werden die Mülleimer
immer wieder
aus ihren Halterungen gerissen
von besoffenen Jugendlichen –
ein Geräusch, das ich sehr gut kenne.
Und immer wieder sehe ich
den alten Mann mit seinen Plastiktüten,
der in den Mülleimern nach Pfandflaschen sucht.
Auch ihn kenne ich sehr gut –
vom Sehen.
Das Klirrgeräusch in seinen Tüten eilt ihm voraus.
Doch manchmal sind die Tüten auch leer.
Nie schaut er durch die Fenster herein zu mir.
In den Fenstern sehe ich mein Spiegelbild
vor der künstlich beleuchteten Dunkelheit
da draußen.
Es ist kalt da draußen.
Sehr kalt.
Ich werde mich warm anziehen müssen.
So wie er.


Eine Handbreit über dem Eis

Es war so still,
dass ein schmelzender Eiswürfel einen erschrecken konnte.
Ein ausgebuchtes Hotel des Schlafes; aber vielleicht
waren die Gäste auch nur
tot.
Die Zeit verstrich
auf stehengebliebenen Uhren.
Nichts passierte.
Niemand ging vorüber.
Das Ich: ein unterbezahlter Nachtportier.
Immer wieder
nickte ich meiner Müdigkeit zu.
Nickte ich ein.
Die Tagträume der Schlaflosigkeit verwandelten sich
in traumlosen Schlaf.
Staub war von fremder Haut
gefallen
auf die Teppiche am Boden.
Totes Gewebe
das ich einatmete.
So gleichmäßig
wie man niemals atmet, wenn man
wach ist.
Endlos
hätte ich schlafen können.
Andere hätten es meinen Tod genannt.
Und ich wäre kalt gewesen.
So kalt & still.
Doch
Alles
vergeht.
Alles endet.
Auch solche Nächte.
Und jemand betrat meine Ruhe.
Das schwarze Kleid der Putzfrau endete
eine Handbreit über ihren Knien.
Die Hand
hätte meine sein können.


Zielsicher

Zielsicher
fanden sie
die Nächte,
in denen sie
sich
nicht
hätten
allein
lassen
dürfen,
um sich darin
allein zu lassen.

Zielsicher
fanden die Nächte
sie,
um ihr menschliches Unvermögen
auszukosten.

Wind
gebärdet sich
wie Sturm

die Sucht
nach Nähe
wie Liebe.

Der Schlaf des Einen
ist die Hölle
des Anderen

in Nächten
wie diesen.

Er ging in die Küche.
Um die Zeit abzulesen.
Von den Flaschen.
Die Zeit,
die langsamer
verging
als
er.

Die Flaschen hatten zugesehen,
damals, als
sie
vor ihm kniete
in der Küche,
seinen Schwanz im Mund.
Und sie hatten
reflektiert.
Vielleicht nicht diese
Flaschen, aber
Flaschen wie diese.

Er konnte sie schlafen hören.
In einer Ferne, die er
nicht kannte.

Sie war so müde gewesen.
Müde
wie der Tod im Stummfilm.

(Eine seiner Kindheitserinnerungen
aus der Zeit, da er
noch
nicht
unterscheiden konnte
zwischen dem,
was er sah
&
der Wirklichkeit.
Damals hatte er den Tod gesehen.
Weil er es
glaubte.

Damals
hatte er
Vieles
nicht
auseinander-
halten
können.

Doch
Alles
geht
auseinander

irgendwann.)

Er
war nicht müde.

Er ging im Haus umher,
ziellos
durch die Wellen
der Musik.

Verwirrt
wie seine Gedanken
Verwirrt
wie seine Gefühle

Zusammen
hang
los!

Die Gelassenheit von einst
war fort.

Er wusste nicht,
worauf seine Gedanken hinaus wollten …..
Und wohin
hinaus?

Vielleicht
in die Raserei
Vielleicht
in den Wahnsinn

Zielsicher


Kein Wunder

Kein Wunder, dass
Wir
Allein
waren

als
Wir
Uns
trafen

Kein Wunder, dass
Wir
am Ende
Wieder
Allein

Sein
Werden.


Das Beziehungslos

Schlimmer als
die Einsamkeit
im Alleinsein
ist
die Einsamkeit
in einer Beziehung.


Die erwachsene Einsamkeit

Meine Einsamkeit wuchs
heran

Die Jahre
vergingen

gleich
förmig

im
Allein

Sein

Schließlich
überholte sie
mich

Schien älter als
ich selbst

wissender
weiser

Erwachsener als
ich

Sie wurde
meine Lehrmeisterin

Lehrte mich
zu verlernen

lehrte mich
zu vergessen

Zu vergessen
zu verlernen

was
»selbst
verständlich«

bedeutet.

Es ist
nicht
selbstverständlich

dass
Du

schweigend
oder summend
durch meine Räume gehst

Weißt
wo Alles liegt

Weißt wo
Ich
liege

& Dich
zu mir legst.

Es ist
nicht
selbstverständlich

dass
Du

für mich
kochst

dass
Du

für mich
brennst.

Und meine alte Lehrmeisterin
aus meinem Haus
gejagt hast.


Ein erfülltes Leben

Essen
Trinken
Rauchen
Wichsen

Ein erfülltes Leben

Leere
kann
Fülle
sein

Sobald man
vergisst

was
fehlt.


Die geteilte Geliebte

Wir teilen uns
die Einsamkeit

Wie eine Geliebte
die genug
Sehnsüchte
genug
Verständnis
genug
Zärtlichkeit hat
für Alle

& sie fragt nicht
nach dem Geschlecht

da sie
Alle
liebt

Alle

die
da
oder
fort
sind

Vielleicht
ist sie auch nur
eine Nutte

Eine Nutte

mit
zu
viel
Gefühl

Zuviel Gefühl

für Alle
die
irgendwo
sind

oder waren

oder sein könnten

Und vielleicht
leidet
sie selber

am meisten –

Am meisten

darunter


Die Stärke der Einsamkeit

Die Gelassenheit hört auf
wenn man sich
alleingelassen
fühlt

& die Einsamkeit
macht
einen
schwach

Doch wenn man
allein
gelassen
bleibt

beginnt
die Stärke
der
Einsamkeit


Ganz – zerbrochen

»Ich muss mir Deine zerbrochene Frau ansehen«,
sagte sie. »Die – von der Du geschrieben hast.«

Und sie ging aufs Klo.

Betrachtete die verbliebenen Teile
der Figur auf dem Heizkörper
gegenüber.

Der Figur, die ich
im Suff der Einsamkeit
zerbrochen hatte.

Und während sie die Figur betrachtete,
betrachtete ich sie,
hörte
ihr Müssen
dahinplätschern ……

& fühlte
mich
ganz.


Zerstückelt

Der Arsch war noch ganz.
Kopf & Hände intakt.
Aber nur 1 Titte war heil geblieben.

Ich weiß nicht mehr, wo ich sie her,
weiß nicht mehr, wie lange sie
dort gestanden hatte ….

Auf der Heizung
im Bad,
der Kloschüssel gegenüber.

Sie fiel
meinem berauschten Gang
zum Opfer,

fiel
auf die Fliesen;
brach

meinetwegen
in unzählige Stücke,
groß & klein.

Flüche
Ärger
Trauer

Sie war hohl
innen. Das hatte ich
nicht sehen wollen.

Was noch kenntlich war,
hob ich auf; der Rest
kam in den Eimer.

Ich fiel nicht.
Ich brach nicht.
Doch ich fühlte mich

im Eimer ….
hohl ….
& kaputt ….

noch einsamer
vielleicht,
was unsinnig war.

Ihre Überreste
tat ich zurück
auf die Heizung;

ordnete
sie
neu.

Eine
zerstückelte
Erinnerung.

Mir
fiel
ein:

Aus allem, was zerbricht,
kann man
sich etwas Neues zusammensetzen.

Ein wirklicher Trost
war das
keineswegs.

Aber
besser als
gar nichts.

JD500163


Die letzte Fliege

Alle Fenster waren zu,
(wie immer)
die Türen, die in die Außenwelt führten,
geschlossen
(wie meistens)
seit Wochen ….
Es war Mitte Dezember ….
Wo war sie hergekommen?
Ich konnte es mir nicht erklären.
Ein beinahe hysterisches Summen;
ein hektisch-verschwirrter Punkt
in meiner Einsamkeit.
Eine Störung im Alleinsein.
Vielleicht war sie
die letzte Fliege des Jahres –
sehr wahrscheinlich aber
die letzte, die ich sehen würde …..
Zumindest in diesem Jahr.
Immer wieder
kreiste sie
um meinen Kopf,
berührte mich.
Sie machte mich
nervös.
Es dauerte nicht lange
bis
ich
sie
hasste.
Und sie wollte einfach nicht landen.
Nirgends sich niederlassen, wo ich
sie hätte erschlagen können.
Irgendwann sah ich sie nicht mehr,
doch hörte sie weiterhin pausenlos.
Sie war lauter als die Musik.
Lauter als mein Tippen.
Lauter als der Regen,
der nach dem Schnee gekommen war.
Sie wollte sich nicht beruhigen –
sie konnte sich nicht beruhigen;
während ich
immer unruhiger wurde.
Hass & Mordlust
gegenüber einer Störung
ohne böse Absicht …..
Schließlich verließ ich den Raum, den
sie nicht verlassen wollte,
obwohl ihr die Tür offen stand.
Ich hoffte, dass sie mir nicht folgen würde
ins Schlafzimmer …..
Ich legte mich in das Bett, das
nur noch
nach mir
roch
& träumte mich fort.

Als ich wieder zu mir kam –
oder wohin auch immer -,
ging ich in das Fliegenzimmer.

Sie hätte ein Fussel sein können.
Von oben betrachtet sah sie aus wie der Fussel
eines schwarzen Wollkleides; oder
einer Socke.
Sie lag
vor meinem Schreibtischsessel.
Auf dem Rücken.
Ich tippte
sie an.
Berührte sie.

Kein Summen,
keine Hektik,
keine Hysterie,
keine Störung,
keine Mordlust,
kein Hass …..

Nur eine Ahnung davon
wie
verzweifelt
sich
ALLE
gegen den Tod
zu wehren
ver-
suchen.


Vereiste Reifenspuren

Vereiste Reifenspuren
auf dem Parkplatz meines Grund-
stücks
den Du
inzwischen
»Mein Parkplatz«
nennst ….

Es lag Schnee
als Du zuletzt
darauf
hieltest ….

Der Schnee taut.
Noch ist eine Eisschicht da.

Ich könnte
das Salz aus meinen Wunden
darauf streuen,

damit Du
beim nächsten Mal
nicht rutscht

& nicht
Deinen Halt
verlierst.

Meinen habe ich verloren
als es
zu heiss wurde.

Doch ich werde warten
bis
der letzte Rest
von Eis
auf
Deinem
Parkplatz
geschmolzen ist.

Von
allein.

Wie immer –
allein.


Das Träumfahrzeug

Mitten in der Nacht
räumte
das Räumfahrzeug
den Schnee
von einsamen Straßen

Die Frau
war
auf dem Weg
ins Bett

nackt

Das Zimmer
erleuchtet

Das Fenster

nackt

Sie erzählte mir davon
am Telefon ……

»Selber schuld«, sagte sie,
»wer hat mich denn
so lange
wach
gehalten?«

»Egal«, sagte ich,
»dem Mann wird kalt sein –
da draußen
im Schnee.

Ich gönne ihm
Deinen Anblick
& die warmen Gedanken,
die er sich machen wird.«

Ich stellte mir sie vor.

Das war einfach.

Ich stellte mir ihn vor.

Das war
kaum weniger einfach.

Denn er hätte ich sein können.

Bevor ich
sie
kannte.

Und ich war oftmals
nachts
unterwegs
gewesen

in der Kälte
im Schnee
in der Einsamkeit

in meinem
Träumfahrzeug.


Die Vernunft

Wie ein Toter
der bloß
in fremden Träumen auferstehen kann
lag er begraben
in seiner Einsamkeit

Die festgetretene Erde des Vergangenen
lastete auf ihm

Niemand träumte
in seiner Umgebung

Da war kein Raum
durch den er sich
hätte bewegen können

nichts als
leere Wirklichkeit

über ihm

Dann betrat
die Vernunft
sein Grab

legte sich
nackt
darauf nieder
& schlief ein

Er
erstand auf
nackt & bloß
& bewegte sich
durch die Räume ihrer Träume

die
wie gemalt aussahen

erfüllt von
Musik

Dort fand er
was er
längst
nicht
mehr
gesucht hatte

Und er wurde
süchtig
nach
ihrem
Schlaf

ihrer
Ruhe

nach
ihren
Träumen

in denen er
leben
konnte

end
lich


Der Bruch des LieblingsTellers

Die leeren Bierflaschen in der Küche
hatte nicht
ich
leergetrunken.
Sondern die Frau, von der
ich
besoffen war –
Die Frau, die ich
leergetrunken hätte,
wäre es nur möglich gewesen.

Nachdem sie gegangen war,
räumte ich die Flaschen weg …..
Eine von ihnen kippte um dabei,
traf den kleinen, zerbrechlich-dünnen Teller,
der mein LieblingsTeller war,
der mich durch meine Einsamkeit begleitet hatte …..
Die fallende Flasche
brach 2 Stücke heraus, die
zusammen
einen Halbkreis ergaben …..

Für einen Augenblick
dachte ich,
ich sei
untröstlich …..

Dann
wurde mir klar:
Der Teller hatte an Wert gewonnen.

Das nun fehlende Stück
wurde zum
Denkmal
Fühlmal

einer Erinnerung, die
kostbarer war als
der intakte Kreis des Tellers …..
kostbarer
als
alles
Ungebrochene …..

Der fehlende Halbkreis
aus 2 Splittern
waren
wir.

Wir
waren
intakt.

Sind
im
Takt
mit
einander.

Musik.

Das Ende
der Einsamkeit
war
ein Bruch.

Der Teller wurde
zum Begleiter
unserer
Zweisamkeit.

Mein Lieblings
Teller.


In uns

In uns träumen
die Möglichkeiten
davon
Tatsachen zu werden

In uns träumen
die Sehnsüchte
davon
Erfüllung zu werden

In uns träumt
der Schlaf
davon
Leben zu werden

In uns träumt
die Einsamkeit
davon
Liebe zu werden

In uns träumen
die Ängste
davon
Schrecken zu werden

In uns träumt
der Hass
davon
Tod zu werden

Wunsch
Träume
Alb
Träume

Und
Irgend etwas
erwacht
als
Verwirklichung

Irgend etwas
schläft
für immer
traumlos

Irgend etwas
träumt
für immer
schlaflos

Irgend etwas
erwacht
wie immer

Und
Irgend etwas
stirbt
im Schlaf

in
Uns


Die Stimme der Entfremdung

Die Türglocke
dingte
Die Türglocke
dongte

Der Mann
zögerte
Der Mann
öffnete

Öffnete die Tür
die aufgequollen war
in ihrem Rahmen
& kaum noch
aufgehen
wollte

Es war
spät

Fast schon
zu spät
für Besuch

Die Frau
dort draußen
lächelte

Der Mann sagte:
»Ja bitte?«

»Ich bin’s«, sagte die Frau

»Wer ‚ich’

Die Frau nahm ihr Telefon
aus der Handtasche
Wählte eine Nummer

Im Wohnzimmer des Mannes
klingelte das Telefon

»Moment«, sagte der Mann
zu der Frau, »ich bin gleich wieder
da.«

Er ließ
sie
stehen
dort draußen

Er ging ins Haus
ging ins Wohnzimmer
ging ans Telefon

»Ja bitte?«

Eine Frauenstimme sagte:
»Ich bin’s.«

Der Mann sagte:
»Oh Schatz, wie schön, dass Du
anrufst. – Wann kommst Du
endlich
mal wieder
vorbei?«

Die Frauenstimme sagte:
»Ich stehe vor Deiner Tür.«

»Das kann nicht sein.«

»Schau nach.«

»Moment«, sagte der Mann

Er ging zurück
zu der Haustür
mit dem Telefon am Ohr

Betrachtete die Frau
die draußen stand
mit dem Telefon am Ohr

Rauschen
ohne
Meer

in beider Ohren

Er fragte:
»Wer sind Sie nochmal?«

Sie sagte:
»Ich bin’s.«

Stimmen mischten sich
Überlagerten sich
Schluckten sich

Unterschiedliche
Klangfarben

Die Farbe der Sehnsucht
Die Farbe der Gegenwart
Die Farbe der Träume
Die Farbe der Wirklichkeit

Die Frau
stand
im Rahmen

Es war
spät

Sehr spät

Der Mann
sah
aufgequollen

Aus


Die Sonnenuhr bei Nacht

Es scheint
immer
Nacht
zu sein
wenn
wir
uns
treffen

Nacht
in
mir

Denn
in mir
gibt es nur
eine Sonnenuhr

Die Einsamkeit
war allzu
grell &
schmerzhaft blendend

Die Sonnenuhr deutete an
es könnte zu spät sein
immer wieder

Doch wenn wir uns
treffen
im Jetzt
wirfst Du
Deinen warmen Schatten
in mein Inneres

Dann träumt
die Dunkelheit
in mir

& die Sonnenuhr
hat
nichts mehr
anzuzeigen

Sie weiß nicht mehr
wie spät es ist

Wie spät
in mir

Wie spät
in Dir

Wie spät
in uns

Sie weiß nicht mehr
wie spät es ist

in

unseren

gemeinsamen
Nächten

wenn unsere Dunkelheiten
miteinander
träumen


Verläufe

Das Leben
verläuft
so
oder
so

ob
in geregelten Bahnen
oder
auf überwachsenen Pfaden
in Unordnung
oder
Ordnungszwang
in Unterordnung
oder
Auflehnung
ob
in Gesellschaft
oder
Einsamkeit

Es verläuft
im Unbewußten
in Erkenntnis
im Gefühl
im Kalkül
im Nichtstun
in Betriebsamkeit

Es verläuft
vergeht
verschwindet
kehrt wieder woanders

Das Leben
verläuft

Sich

Dich

Mich

Ich irrte umher
im Verlaufe meines Lebens

breite Straßen
verwinkelte Seitenwege
Trampelpfade
unwegsames Gelände
offene Plätze
geschlossene Räume

Sackgassen

Ich suchte
nichts

Ziellosigkeit
war mein
Ziel

Zeit verging
wie sie es
immer
tut –
unbarmherzig
gleichförmig
uninteressiert

in Falten & Verfall

Und weil ich nichts suchte
verlief ich mich

Verlief ich mich
in Dich

Du lagst auf
dem Weg
der
der meine war.

Und

ES
nahm seinen Lauf.


AlleinGelassenheit

Allein
Gelassenheit
hilft

manchmal

Die Gelassenheit
– mühsam erarbeitet –
– mühsam errichtet –
– mühsam erhalten –
in Einsamkeit & Alleinsein

Ein instabiles Konstrukt aus
Routine
Verdrängung
Betäubung
& Verzicht

Doch sie
bricht
in sich
zusammen

wenn die Einsamkeit
sich maskiert als
Gemeinsamkeit

& das Alleinsein
zur AlleinGelassenheit wird.


Schwarze Schmetterlinge

Es gibt sie. Natürlich.
Sie sind da draußen …..
In Neumondnächten
wenn die Wolkendecke unter den Sternen liegt
wenn alle Lampen durchgebrannt
wenn alle Flammen erloschen sind

Schwarze Schmetterlinge
Sie flattern um das Haus
fliegen durch den farblosen Garten
schlagen die Schatten mit ihren schwarzen Flügeln
& landen auf Pflanzen
die von der Finsternis leben

Schwarze Schmetterlinge
Sie sind lautlos
Doch ich höre ihren Flügelschlag
Hinter der Musik
In der Musik
Über der Musik

Sie ernähren sich von der Leere
ohne sie zu verringern
Sie ernähren sich von der Einsamkeit
ohne sie zu verringern
Sie ernähren sich von unerfüllten Wünschen
ohne sie zu verringern

Schwarze Schmetterlinge
Es gibt sie. Natürlich.
Sie sind da draußen ….. Es sind meine …..
Nur ich kann sie sehen
& durch die Mauern des Hauses spüre ich
den Luftzug ihrer Flügel

Ihre Flügel sind schön
doch
der Luftzug ist
eisig


Die eifersüchtige Einsamkeit

Sobald die Frau zum ersten Mal
die Zuflucht des Mannes betrat
(es könnte auch umgekehrt gewesen sein),
eilte die Einsamkeit hinaus &
warf die Tür hinter sich zu wie eine
eifersüchtige Geliebte.
Zu zweit lachten sie
sie aus,
umarmten sich, redeten, tranken &
legten sich hin.
Die Einsamkeit schlich um das Haus,
lauschte an den geschlossenen Rolläden,
bewegte sich durchs Unkraut
der vergangenen Zeit,
fühlte sich verlassen
& wurde böse.
Böse
nur für kurze Zeit.
Sie hörte
in ihrer Ausgeschlossenheit
das Atmen, das Küssen, das Stöhnen,
die Musik
im Inneren des Hauses –
& wusste
beinahe
augenblicklich,
dass sie
eine neue Verbündete
bekommen würde.
Fast hätte sie
boshaft gelacht
in dem Moment dieser Erkenntnis.
Doch sie befürchtete,
gehört zu werden.
Niemand
hätte sie gehört.
Nicht einmal der Mann, der
in der Zuflucht lebte.
Zu laut
war seine Zufriedenheit,
zu verschlossen
seine Ohren von den Schenkeln der
Leidenschaft;
zu verschlossen
von der Musik.

Als die Frau das Haus verließ,
schlüpften sie
zu zweit
hinein:

Die Einsamkeit
&
Die Sehnsucht.

Die Sehnsucht
hatte den Geist,
das Gesicht
& den Körper
der Frau,
die gegangen war.

Die Einsamkeit
flüsterte ihr ins Ohr.

Dann

lachten sie
gemeinsam

zu zweit.

Hinter verschlossenen Türen.


Zigarettenkippen in Zigarrenasche

Dann kam der Zeitpunkt, als ich
in den Aschenbecher blickte ….
um in der Asche & zwischen den
Stummeln meiner Zigarren
ihre Zigarettenkippen zu betrachten.
Aus all dem Grau meiner Asche
stachen sie hell hervor &
erinnerten an
Leben.


Die langen blonden Haare

Die Einsamkeit war lang gewesen
So lang
So viel länger als
die blonden Haare, die plötzlich überall
in meinem Haus zu finden waren

ohne dass ich sie suchen musste

Die Einsamkeit war lang gewesen
Zu lang
& ich bekam
einen Krampf im rechten Fuß:
im 2. Zeh von rechts –

als gewisse Punkte meines Körpers
ungewohnt berührt wurden

Ich sprang nackt aus dem Bett
um den Krampf zu lösen

Es war zum Lachen
Also lachten wir

Vieles
löste sich

Ich schmeckte mein Bier
auf fremder Zunge

& die langen blonden Haare
fielen überall
auf meine ramponierte Haut

bevor
der Besuch zu Ende war.

Und irgendwann werde ich anfangen
die langen blonden Haare
zu suchen.

Sie
zu suchen
um sie zu betrachten &
SIE
zu riechen.


Spannweite

Der Hammer liegt manchmal
3 Meter weit entfernt
während ich die Spitze des Nagels
bereits angesetzt habe
an einer unmarkierten Stelle.

Ich hatte ihn näher vermutet.

Wenn ich den Hammer hole
muss ich die Stelle für den Nagel
erst erneut suchen
denn auf der Oberfläche dieser Wand wäre
eine Markierung mit der Nagelspitze
nicht sichtbar.

Manchmal habe ich die Befürchtung
die optimale Stelle nicht mehr
wiederzufinden.

Und da ist niemand
der mir den Hammer reichen könnte.

3 Meter.

Das ist einfach
nicht
meine
Spannweite.


Schmutzige Füße

Deine Fußsohlen sind schmutzig
Der Schmutz stammt von
mir

Barfuß bist Du
durch mein Haus gegangen

Auf dem Boden lag
der Staub meiner schmutzigen Gedanken
der Staub meiner Einsamkeit

Ich lecke ihn von Deinen Füßen

& fühle mich
weniger
allein