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Die Stimmung

Die Saiten wurden gestimmt
in der Wärme.

Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
richtig.

Dann wurde es kalt.
Sie verzogen sich.

Niemand stimmte
die Saiten erneut.

Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
falsch.

Unser Lied.


Ich bin Derselbe – & der Andere

1.

»Wenn er besoffen ist, schreibt er mir«, sagte sie.
»Immer wieder«, sagte sie.
Sie strich über das Handy, las die Nachricht.
Ich sah ein kleines Foto auf dem spiegelnden Display.
Irgendein Typ eben.

Mir ging es gut. Das Bett war warm. Ihre Nähe weich.
Ihr Duft mein neuer Lieblingsduft. Und ich dachte
weniger nach als früher.
»Traumfrau«, sagte sie – »kotz, das kann ich ja ab.«

Er würde keine Antwort bekommen.
Soviel war klar.
Mir war das recht. Und doch klang es hart
in meinen Ohren.

 

2.

Ein Telefonat.
»Weißt du, was die Kinder heute meinten?« sagte sie.
(Ich glaube, es handelte sich um denselben Typen. Es könnte aber auch
ein Anderer gewesen sein. Letztlich ist das egal.)
»Sie meinten zu mir: ‚Du hast ihm voll das Herz gebrochen‘

Ich hörte ein Lächeln in ihrer Stimme.
Mir ging es gut. Selbst die Entfernung zwischen uns
schien erträglich. Wir lachten viel, und der Sessel vor meinem Schreibtisch
war weich. Ich liebte ihre Stimme – an die ich mich erst
hatte gewöhnen müssen. Ich dachte weniger nach als früher – doch
ich hatte eine dunkle Ahnung davon, wie
der Andere sich fühlen musste.

Eine dunkle Ahnung von Finsternis.
Die mir gar nicht gefiel.
Sie klang hart.

 

3.

Ich bin Derselbe. Nur dass ich nicht mehr saufe. Also
bin ich auch ein Anderer. Ich bin Der Andere.
Ich schreibe, ohne besoffen zu sein. Doch
auch nicht nüchtern.
Und bekomme keine Antwort.

Es sind nur Worte
auf einem spiegelnden Display.
Irgendwo.

Ich denke wieder mehr nach – aber letztlich
ist das egal.


Die fehlende Handschrift

Dieser Augenblick
als mir bewusst wurde, dass ich
niemals
ihre Handschrift gesehen hatte…..

Alle Wörter
kamen aus Maschinen –
elektronischen Geräten.

Genormte Typen
vor virtuellem Hintergrund.

Nie hatte ich gesehen
wie sie schrieb
ohne Tasten.

Diese Linkshänderin.

Ich hatte beobachtet
wie ihre Hand
meinen Schwanz hielt –

doch niemals einen Stift.

Das muss nichts zu bedeuten haben –
& scheint mir doch symbolisch…..

vielleicht für die Beziehung,
vielleicht bloß – für diese Zeit.

Wie auch immer –
ich finde es schade.

Ich hätte sie gerne
(wenigstens einmal)
gesehen.

 
Die fehlende Handschrift


Ballast über Bord

Wie oft man doch seinen Stolz
über Bord wirft – wenn
das Schiff sinkt.

Als würde es dadurch leichter.

Würde!
Guter Witz.
Auch so’n Ballast.

In mancher Beziehung.

Wie oft –
wusste ich nicht.
Es war mir auch
egal, dass ich mir selber
peinlich wurde.

Ich warf einfach –
mit leeren Händen.

Aus vollem Herzen.

Auf Rettung
bedacht.

In den Sturm
fluten.

Sicher war ich
der Schwächere.

Auch das
war mir egal.

Da ich es für meine Stärke hielt.

Ich konnte nicht schweigen –
wie die Frau es konnte.
(Die Umkehrung aller Klischees.)
Und obwohl ich wusste, dass genau dies
der falsche Weg war, irgend etwas zu retten, ver
mochte ich keinen anderen Weg zu
gehen. Worte.

Nichts
als
Worte.

Unbeantwortet.

Rettungsringe ohne Luft.
Schutzschilde aus Glas.
Abgestumpfte Waffen.

Der Stolz der Geliebten war wie ein Diamant.

Denn der Stolz des verletzten Kindes
wird oftmals zur Härte. Später.

Aus demselben Grunde schreibe ich

Verletzendes. Oftmals.

Das Bild, das man gerne vermitteln möchte, hängt
dort – wo es niemand sehen kann.
Außer
man selbst.
Im wurmstichigen Rahmen
des Stolzes.

Und man hätte es auch gerne
von sich selber.

»Diejenigen, die betonten, dass ich sie
unbedingt hatte haben wollen,
hatten mich nicht lange.«

Ich verstand diesen Satz
sehr gut. Er fiel
in der Anfangszeit.

Er hatte seinen Ursprung dort –
wo sie & ich uns ähnlich waren.
Was ihn provoziert hatte, stammte
aus derselben Quelle.
(Und dass ich ihn hier zitiere – leider auch.)

All diese Bilder
& Metaphern, die mir ein
fallen:

das Schiff
die diamantene See
die Sturmflut
& der heulende Wind
das Abtauchen
& Ertrinken …..

Das Selbst
Bild …..

Worte.
Nichts als
Worte.

Worte, die einen Grund haben.
Einen Abgrund sogar.

Wie die Worte
auf dem Bild, das in ihrer Küche hängt –
die ich nur von einem Foto kenne.

Das Bild kann man überall kaufen.
Als Poster. Mit verschiedenen Motiven
als Hintergrund. Doch diese Motive, diese
Hintergründe sind immer
Frauen. Aufreizend.
Und begehrenswert.

Die Worte
sind stets gleich:

»Mich zu lieben ist eine Strafe,
mich zu kriegen ist ein Kampf,
mich zu haben ist eine Ehre,
mich zu verlieren ist

DEIN UNTERGANG!!!«

Nein,
ich hatte nicht
kämpfen müssen.

Und – nein,
es wird nicht leichter.
Egal,
was über Bord
geht.


Dieses Loch

Dieses Loch

winzig
kaum zu sehen

Ein kleines Bisschen
Glut
war mir in den Schoß gefallen

zusammen
mit der Asche

als die Frau
rauchend gelacht hatte

Dieses Loch
im Stoff

Eine Erinnerung

im Schritt

im Weiter
gehen

Gemeinsames Gelächter

Nur
ein Loch


Die Sehhilfe der Toten

….. & unversehens
konnte ich sie erkennen – sie
wieder erkennen:

die Zeichen
& Buchstaben

die so verschwommen
gewesen waren;

die mir Kopfschmerzen bereitet hatten
durch die Anstrengung, meinen fehlsichtigen Blick
einzustellen

auf sie.

Ich hatte eine vergessene
Brille gefunden
in meinem Haus.

In einem alten Schrank, der
verschlossen gewesen war.

Die Brille
einer Toten.

Sie hatte sie liegengelassen.
Vor langer Zeit.

Als wäre diese Tote
der Zufall gewesen, der
die Dinge irgendwo versteckt,
wo man sie findet,
wenn man sie braucht.

Wie im Spaß
setzte ich sie auf –
diese Sehhilfe.

Und plötzlich wurde
Alles

deutlich;
die Zeichen

größer.

Alles
rückte näher,

& die Kopfschmerzen
vergingen.

Ich musste lachen.

Denn im Leben
hatte sie,
die schon so lange verbrannt & begraben war,
Alles
anders gesehen

als

ich.

 

Brille


Der Klingelton

In der Vergangenheit war ich
der Klingelton einer Frau.
Eine alte Aufnahme
meines Gitarrengeklimpers
auf ihrem Handy. Aus
einer noch ferneren Vergangenheit –
als meine Fingerkuppen noch
eine Hornhaut hatten.
Sie liebte das Geräusch
des Umgreifens – das Quietschen
zwischen den Akkorden. Und mich. Und je
neuer die Saiten, desto besser
& lauter.
Manchmal hörte ich mich spielen,
während ich auf ihr herumspielte; oder
ihre Zunge dort war, wo sie immer hätte sein sollen.
Dann war ich mir selbst
eine ärgerliche Unterbrechung; und sie
sprach mit Anderen.
Doch wenn sie fort war
– egal wo –
wusste ich, ich war
so etwas wie
die Hintergrundmusik ihres Tages.
Immer da – mit meinem amateurhaften Begreifen
der Saiten.
Heute
hat sie ein anderes Handy
& einen anderen Klingelton.
Irgendeine Konserve. Von Fremden.
Es hätte keinen Sinn
sie anzurufen.
Entweder wäre besetzt, oder
sie ginge nicht ran. Kein
Klingelton erinnerte sie
an mich. Keine Harmonie.
Und außerdem
habe ich schon lange keine
Hornhaut mehr. Und
keine Lust mehr
zu spielen.

 

(Das Klingeltongeklimper:)


Wolle. Foto machen.

»Oh, eine Strickjacke«, sagte ich.
»Na ja«, sagte sie (also: die Frau sagte es),
»`s is kalt draußen. Außerdem ist die bequem.«
Fast klang es wie eine Entschuldigung.
»Also – ich finde die geil«, sagte ich. »Genau
die richtige Länge. Und fühlt sich gut an. Und
dieser reizende Reißverschluss…..«
Zzzzziiippppp!

Dann, nackt im Bett, sagte sie:
»Ich hol mir noch’n Bier.«
»Ich komm mit«, sagte ich. »Fotos machen.
Für einsame Stunden.«
Sie grinste. »Soll ich die Strickjacke anziehen?«
»Ach – du liest in mir wie in einem Buch.«
»Ja. Wie in einem Schmuddelroman.«

Und dann stand sie da. In der Küche. Vorm Kühlschrank.
Dem Kühlschrank zugewandt. Und die Strickjacke
bedeckte ihren Arsch ungefähr zur Hälfte. Und
die Kamera machte Klick! & Klick! & KlickKlickKlick!
Ohne Blitz. Ich hasse Blitzlicht. Die kleinen bunten Lampen
zwischen den Schnapsflaschen waren eine so viel schönere
Lichtquelle. Ich verwackelte etwas. Doch dadurch wurden
die Fotos nicht unscharf. Das Wortspiel mit der Lust
erspare ich mir. Und noch ein paar andere.
Ich mag die langen Ärmel. Sie unterstreichen
die Nacktheit der Beine.

Die Erotik der Strickjacke wird unterschätzt.

Die einsamen Stunden – sie kamen.
Viele davon. Eigentlich
brauche ich die Fotos nicht.

Wofür auch immer.

Doch es ist schön
sie zu haben.

Sie zu haben
war schön.


Nichts. Passt.


Kitsch, Kälte, Notwehr, Zote,
Selbstmitleid & Sex & Gier…..

Chaos.

Nichts passt zusammen;
so scheint es
mir
oftmals –

wenn ich überfliege,
was ich in kürzester Zeit zusammengeschrieben habe.

Vor allem
wenn es um Liebe geht.

Geht es um Tod,
so ist doch wenigstens noch
eine gewisse Einheitlichkeit vorhanden.

Beinahe Ruhe.

Aber Liebe? –
pfui Deibel!
Als ob es ums Leben ginge.

Über
all
Wider
sprüche.

Sehnsucht & Schmalz in der einen Minute.
Zurückweisung & Beleidigung in der nächsten.

Ein einziges wütend peinvolles Durch
einander.

Ach ja – Leben.

Chaos.

Passt.

Irgendwie.

Mit-, Gegen- & Durcheinander.

Nichts
passt zusammen.
Oder Alles.

Scheinbar oder anscheinend.

Nichts? –

Passt!


Die trockene Romantikerin

Der Satz ist
auf ihrem Mist gewachsen.
Sie hat
das Urheberrecht.

„Ich bin trockene Romantikerin.“

Andere
mochten den Satz.
Fanden ihn
lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ich hasste ihn.
Fand ihn
zum Kotzen.

Diesen Satz & fast
Alles,
was er implizierte –

den Entzug
die Nüchternheit
das Rauschlose

& den kalten Blick.

Nun gut,
im Moment war auch ich
trocken.

Hatte mit dem Saufen aufgehört.
Das war keine große Sache. Eigentlich.
Denn es gab keinen Entzug. Im
eigentlichen Sinne. Ich war
nicht körperlich
abhängig gewesen.

Zumindest nicht
vom Alkohol.

Meine Sucht war leichter
& komplizierter
zugleich

gewesen.

Lustig, geistreich – oder
was auch immer.

Ja, ich bin nüchtern
in diesem Augenblick.

Aber nicht
rauschlos; nicht
kalt.

Und es besteht immer die Möglichkeit
des Rückfalls.

Die Gefahr
oder
die Hoffnung.

Und dann werde ich wieder
trinken.

Im besten Fall:

Den Saft der
rückfälligen Romantikerin.


5 Flaschen

Ich öffnete den Kühlschrank.
Da lagen sie – die letzten 5 Flaschen
Bier. Im untersten Fach.
Ich nahm sie heraus.
Hielt sie gegen das Licht.
Trübe Aussichten. Einsichten.
Schleier schwammen in den Flaschen.
Ich las das Datum. Abgelaufen vor Monaten.
Ich öffnete eine Flasche nach der anderen.
Kippte alles in den Ausguss.
Biergestank. Der verflog.
Verschwendung, dachte ich. Ach,
was soll’s!

Das Bier war ohnehin nur
für Besuch.
Die letzten 5 Flaschen aus einem Kasten,
der im Keller stand. 5 Flaschen
für den Ausguss. Die anderen
waren ausgetrunken worden.
Immerhin. Auch sie
nicht von mir.


Gründe

Ihren Hinter
grund
sah er genau

Jeden Quadratmillimeter

er
kannte
er

deutete er

Sie
war sein Vorder
grund

Zwischen ihnen
ein Ab
grund

für Alles
was fallen konnte

Gefallen
war

Gefallen existierte
zwischen ihnen

weiter
hin

Ihren Hinter
grund
sah er genau

versuchte er
zu deuten

Sie war

durchschaubar


Der zweite Sommer

Der zweite Sommer war heißer
als der erste.

Im ersten Sommer
sagte die Frau, es sei
ihre Gewohnheit, nichts drunter
zu tragen. Unter

dem Rock
dem Kleid
der Hose.

Und ich hatte keinen Grund
zu zweifeln.

Im zweiten Sommer
trug sie jedes Mal, wenn wir uns sahen,
etwas drunter.

Und ich wunderte mich.

Erklärungen fielen mir einige ein.
Sie gefielen mir alle nicht.

Der zweite Sommer war heißer
als der erste. In
vielerlei Hinsicht.

Dann wurde es kühler.

Wie immer.


In den Bruchstücken meines Lebens

Das große Ganze
erkenne ich
in den kleinen Bruchstücken
meines Lebens

manchmal
vielleicht.

Dort
wo sich mein Leben
an Leben & Tod
von Anderen
bricht

wie Licht.

Alles
eine Frage
der Optik.

Und
des Blickwinkels.

Aber vielleicht
ist da auch
gar nichts.

Aus
der Nähe betrachtet.

Und alle Anderen
zu weit weg.

Alles nur
zerbrochen &
eine optische Täuschung.


Unter der Erde

Eine Nacht
erfüllt von schweigenden Geräuschen
verstummten Stimmen
dem Schlaf von Fremden.

Was von mir übrig geblieben war
wachwandelte durch die Kälte.
Nachthimmellicht fiel
als Blässe in den Nebel über dem Feld.

Der Mond nahm.
Ob ab oder zu war mir gleich
gültig.

Hartgefroren war die Erde.
Der Boden unter meinen Füssen
den ich noch immer nicht verloren hatte
wie so vieles Andere.

Durchschleierte Weite.
Der Geruch von feuchter Luft.

Kein Mensch war. Unter
wegs.

Nur: ich.

Ich hatte vergessen
wo er begraben lag –
der kleine hölzerne Kasten.

Ich hatte keine Karte
für meinen Schatz
& Alles
sah verändert aus.

(Als ob
Einöde & Leere
sich verändern
könnten.)

Ich würde ihn nicht finden.
Nicht wiederfinden. Das
wusste ich.

Wusste es in mir.
Das immer weiß, was ich nicht wahr
haben will.

Ab & zu
schloss ich die Augen
um mich zu erinnern.

Versuchte
zu hören
was ich
begraben hatte.

Doch ich war taub
vom Schweigen
das ich vernahm.

Das Holz war schon faul gewesen
als ich es begrub.
Es musste längst verrottet sein.

Stille. Stille. Stille.

Sie hatte in diesen Kasten gesprochen.
Seinerzeit. Unsererzeit.

Worte
im Schleier ihres warmen feuchten Atems.

Hart
gefroren
war
die Erde.

Ich war zu faul
um weiter
zu suchen.

Fast schon
verrottet.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Schattengrenze

Zwischen Deinen Grenzen
& meinen
liegt unsere gemeinsame
grenzenlose Freiheit.

Eine Freiheit

die
nichts
mit freiem Willen
zu tun hat.

Dort
möchte ich Dich
treffen.

Komm!

Diese Grenzen
sind nur
unsere Schatten.


Die kleinen Unperfektheiten

Wie grausam es wäre
wenn Du perfekt wärst!
Dein Körper perfekt wäre…..

Wie wenig würde mich dann
an Dich erinnern

im Alltag.

Beim Anblick der Anderen.

All dies Unperfekte um mich herum.

Und jeder kleine Makel, der
einer Deiner kleinen Unperfektheiten ähnlich sieht,
erinnert mich an Dich.

Das ist schön.

Wie unschön wäre es,
wenn die Makellosigkeit bearbeiteter Fotokörper
mich an Dich erinnerte –

wie langweilig!


Die zerstörte Fixierung

Ich war stehengeblieben
an einem bestimmten Punkt
der Zeit.

Zeit
des Zusammenbruchs
Zeit
der Depression
Zeit
der Einsamkeit.

Stehengeblieben
wie eine zerstörte Uhr
im Augenblick
eines Unfalls.

Eine Zeit danach
kannte ich nicht mehr.

Die Zeiger deuteten immer wieder
auf das Gleiche.
Auf das Verlorene.
Auf Alles
was ihm ähnlich war.

Ihr
ähnlich sah.

Ich blieb stehen
in einem Alter der Vergangenheit.

Einer Jugend
die verflogen war.

(Ein bekanntes
psychologisches Phänomen –
simpel & gewöhnlich.)

Was weiterging
war das Leben.
Nicht ich.

Lebensfern fixiert
fiel mein Blick
auf Frauen jenes Alters,
in dem Sie gewesen war,

als ich stehenblieb.

Zurück
blieb.

In der Lächerlichkeit
fantastischer Sehnsüchte.

Nichts passte zusammen –
& je weiter sich Alles entfernte,
desto kurzsichtiger wurde ich.

Enge machte sich breit.

Das Mögliche versank
im Erträumten, das
niemals sein konnte.

Es blieb: Allein
sein

& Vorüber
gehen
lassen.

Für lange Zeit.

Lange Zeit.

Als es an der Haustür klingelte
& ich öffnete,
änderte sich mein Blick.

Nicht sofort.

Die Frau war jünger als ich,
doch älter als die Andere (die älter ist
als ich) gewesen war – als ich

still
stand.

(Und es ist kein Zufall, dass
dieser Satz so verwirrend klingt….
& sie nicht an Zufälle glaubt.)

Nein,
nicht sofort änderte sich alles.
Es wäre gelogen, dies zu behaupten;
so wie ich – aus Höflichkeit log, als sie,
die von meiner Fixierung wusste, fragte, ob es mir
nichts ausmache, dass sie älter sei….. (Und mit den
Fingerkuppen zog sie ihre Augen zu Schlitzen.)
»Wenn es dir nichts ausmacht, dass ich noch älter bin….«

 

Es dauerte

seine Zeit
meine Zeit

bis die zerstörte Uhr

tick tack

wieder
zu gehen begann

ohne Zaubertrick
zu laufen

ticktack

zu rennen

um die Gegenwart einzuholen.

 

Zeitverschiebung
Blickverschiebung

 

Ich
holte mich ein
in der Gegenwart.

Aus dem Erträumten erhob sich
das Mögliche, das
immer sein konnte

& wurde seinerseits
zum Erträumten.

Geahnte Weiten, die
verschlossen gewesen waren,
taten sich auf.

So viele
weitere Frauen,
die mein Blick
übersehen hatte.

Was für eine
Wendung!


Licht & Schatten

Da war Licht.
Und da waren unsere Schatten.
Sie berührten sich,
bevor wir es taten.

Dann
schwand das Licht.
Und da waren nur noch
wir

in unserer
schattengleichen Dunkelheit.


Eine Fee vorm Gefrierfach

Auch eine Fee
erfüllt bloß Wünsche
& keine Erwartungen.

Und manchmal
nur Wünsche, die nicht ausgesprochen werden.

So war das –
als sie sich hinkniete
vor der Tür meines Gefrierfachs,
um meine Hose zu öffnen.


Das Bild ihrer inneren Kindheit

All
mählich
baut es sich auf

vor meinem inneren Auge

: Das Bild ihrer Kindheit

Eine Collage eigentlich
aus inneren Verletzungen

Splitterbilder
eines zertrümmerten Spiegels
in dem ich Teile von mir sehe

& in den fehlenden Teilen des Bildes
spiegelt sich die Finsternis
in unsichtbaren Schattierungen

Reine Ein
bildung natürlich

Vermutungen meiner
seits

da ich sie damals nicht kannte

& sie heute auf andere Weise
nicht kenne

Mein Blick fällt

auf schein
bares Erwachsen
sein

auf Ver
halten

Verhaltungen

& das Gewölk
das aus ihrem Mund schleiert

hinter der Kälte
front ihres Schweigens

 

Und nun –

genug der Poesie!

Klartext.

Wir konnten nicht anders.
Wir können nicht anders.

Niemals!

Sie bemerkte mich zuerst, und
ich weiß,
warum.

Sie wollte mich, und
ich weiß,
warum.

Wir wollten uns, und
konnten nicht
anders.

»Ich warne dich«, sagte sie,
»ich bin nicht kompatibel.«

»Ich warne dich«, sagte ich,
»ich werde über alles schreiben.«

»Das kannst du. Damit
komme ich klar.«

»Ok, ich
vielleicht auch.«

Aber nein.
Ich schrieb nicht über
Alles.

Zumindest
veröffentlichte ich nicht
Alles.

Notwehr ist oftmals zu einfach.

Und Erwachsentun
ist die Notwehr des Kindes.

Die Antwort
auf das, was ich zu erkennen glaube,
kann manchmal nur mein Schweigen sein.

Tipp Tipp Tipp Tipp Tipp
das einzige Geräusch in
Nächten des verstummten Gelächters.

Nächten wie dieser.

3 Monate sind vergangen…..
Monate voller Fantasien &
lächerlicher Selbstbefriedigung.

Erinnerungen.

Telefonate & Textnachrichten.

»Würde es dir etwas ausmachen«, schrieb ich,
»wenn ich nebenher noch etwas anderes laufen hätte?«

»Nein. Würde es nicht. Vermute ich. –
Ich hoffe, du tauscht dich aus mit ihr; das
würde mich beruhigen.«

Und sie nannte sie:
»deine andere Option«.

Als ob es die gäbe!


Nein,
ich kann Dich nicht beruhigen.
Und warum sollten wir uns auch
beruhigen?
Einander beruhigen?
Wo wir sind –
soll Aufregung, Erregung, Ruhelosigkeit sein!

Für manche Menschen
ist Liebe einfach
keine Beruhigung.

Ich kann Dich lesen hören….
Fühlen….
Denken: ‚Schon wieder Interna!’

Ja,
ich hatte Dich gewarnt.

Und muss ein bisschen lächeln
über uns.

Ich sehe Dein Bild.
Vor mir.

Und wenn mein Spiegelbild Dich umarmt,
schlagen unsere Herzen

Dichter
bei
ein
ander

Vielleicht auch
auf
ein
ander
ein

aber immer

mit
ein
ander

im
selben
Takt.


Abgründe

Es gibt viele
gute Ab
gründe

Dich
zu lieben.

In Manchen
höre ich
mein Echo

In Anderen
nur Dich

In Einem
schweigen wir

gem
einsam.


Hungeratem

Ihr Atem roch nach Hunger
in der letzten Nacht
die wir hatten

Ich schwieg

Mein Schweigen schmeckte
nach ihr

Ein weiterer Kuss
der vielleicht der letzte war

Gesättigt
von heruntergeschluckten Worten

Mein Hunger war
ein anderer

Atem
wurde angehalten

Anders als
die Zeit


»So ist das im Leben.«

Immer
wenn mein Vater zu mir sagte:
»So ist das im Leben.«,

hatte ich das Gefühl,
er sagte es ebensosehr
zu sich selber.

Immer
war es die Begründung

für einen
Verzicht

für die
Unerfüllbarkeit eines Wunsches

für ein
schmerzliches Vermissen

oder die
Notwendigkeit einer Pflichterfüllung.

Die Antwort auf die Frage eines Kindes,
das von Anderem träumte.

Es war eine Begründung
ohne Grund, ohne Erklärung;
ein Schweigegebot, das allen
Diskussionen ein Ende bereiten sollte.

Ich hasse es noch heute,
wenn jemand diesen Satz sagt.

Hasste es aber ganz besonders,
wenn ER ihn sagte.

Dass es dunkel wird,
wenn das Licht ausgeht –
ist so im Leben.

Dass kein Feuer ewig brennt –
ist so im Leben.

Aber
was mein Vater mich glauben machen wollte,
war niemals zwangsläufig so im Leben.

Was er da sagte, war
nichts als eine Phrase –
eine bequeme Lüge.

Etwas,
das er selber gerne geglaubt hätte.

Das Kind, das ich war, meinte,
eine gewisse Traurigkeit & Resignation
im Tonfall der väterlichen Stimme zu erkennen.

Weil es den Mann, der mein Vater war,
für zu klug hielt, um zu glauben,
was er da sagte.

Und später dachte ich oft, dass
sein ungeheurer Jähzorn
in erster Linie
vielleicht genau daher kam.

Verzicht
Unerfüllte Wünsche
Vermissen
& alberne Pflichterfüllung

Er hatte diese Familie am Hals
– & im Kopf wohl oft
anderes.

Erinnerungen an das Kind,
das er gewesen war –
& das von Anderem geträumt hatte.

Ich wollte es
anders machen
in meinem Leben.

Ich habe es anders gemacht.
Doch gebracht – hat’s nicht viel.

Auch ich
habe diesen Jähzorn.

Seinen Jähzorn.
Vielleicht.

Tja,
so ist das …..


Blau im Stummfilm

Blau ist die Nacht
im Stummfilm

Schweigen
aus bewegten Mündern

Gesten
Gesichter
& eine Geschichte

von Musik untermalt

Hin & wieder
geschriebene Worte

Blau ist
so manche Nacht

in der
Wir

uns
treffen


Auf kurze Sicht

»Ich kann keine Straßenschilder mehr richtig erkennen«,
sagte mein Bruder. Damals, nachdem er
aus dem Knast gekommen war.
Er führte das zurück
auf die Enge der Zelle; auf das lange
Vorsichhinstarren – den Blick auf die Wände gerichtet.
Wände mit Bildern fremder Frauen. Frauen, die
nackt waren. In der Einsamkeit. Eingeschlossenheit.
Er besorgte sich eine Brille. Um die Schilder
wieder lesen zu können. Die Schilder mit den Regeln.
Meine Kurzsichtigkeit hat andere Gründe.
Und ich war ja auch weniger lange eingesperrt gewesen.
Damals – in der Klapsmühle.
Gebrochenes Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Auch ich besorgte mir eine Brille. Um die Ferne
wieder erkennen zu können. Die Ferne, in die ich
niemals wollte. In der Wirklichkeit. (Und
scheiß auf die Regeln, die dort herrschen!)
Nein, sie ist nicht zwangsläufig angeboren – die Kurzsichtigkeit.
Früher hatte ich das immer geglaubt. Man glaubt eben schnell –
bevor man eigene Erfahrungen macht. (Und dass diese Erfahrung
mich & meinen Bruder nichts Falsches gelehrt hatte, bestätigten mir
die medizinischen Fachbücher.)
Oftmals nehme ich sie ab – die Brille.
Ich brauche sie nicht, um zu lesen. Oder zu schreiben. Sie stört
beim Küssen. Sie stört beim Sex (zumindest beim Sex mit Anderen).
Und was weit weg ist, gefällt mir
verschwommen
oft besser.
Ich sperre mich selber ein.
Mein Haus ist ein Gefängnis & eine Klapsmühle
zugleich.
Glaubte ich an den Freien Willen, würde ich sagen:
ich sperre mich freiwillig ein.
Aber so naiv bin ich nicht. War ich nie.
Ich mag das lange Vormichhinstarren. Den Blick
auf die Wände gerichtet. Wände mit Bildern.
Fotos von Fremden. Da ich Familienfotos hasse. Nacktfotos
der Geliebten (ein Plural, der zum Singular wurde….)
Manche der Fotos selber geschossen, manche
geschossen von Geliebten der Geliebten – die man
niemals kennenlernen wird….. Die Frau
meines Bruders….. (Oh, diese
Mehrdeutigkeiten!) Gebrochenes
Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Und noch mehr sehe ich
in den Zwischenräumen.
Wo man ohne Brille schärfer sieht. Mehr er
kennt.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich
in meinen Träumen eine Brille trage. Wahr
scheinlich. Doch sie spielt keine Rolle. Dort.

Es dauerte nicht lange –
bis mein Bruder keine Brille mehr brauchte.
Die zurückgenommene Anpassung war eine neue Anpassung.
Ich hatte immer meine Schwierigkeiten
mit der Anpassung.
Meine Brille ist alt. Zu alt. Sie stammt aus einer Zeit
als ich Alles anders sah. Doch nur
die Oberflächen sah ich anders. Damals.
Die Unschärfe ist mein Zeitmesser.
Auf lange Sicht bräuchte ich
eine neue Brille.
Aber nein.
Nichts, was wirklich wichtig ist, sähe damit
anders

aus.

 

 

 

Kreuz- & Querverweise:

Die Klapsmühle
Das Fingerschnippen
Rosinen im Kopf
Das Chaos spritzt Wassertropfen


Das vermisste Ich

Wenn Du mich besuchst
komm nicht
allein.

Bringe
Uns
mit.

Denn
ich vermisse

neben Dir
das Ich

das nur im
Wir
existiert.


Der neutrale Ort

Sie wollten sich treffen
an einem neutralen Ort

Doch kein Ort
hätte neutral bleiben können

angesichts
ihres Treffens

Und so trafen sie sich
im Nirgendwo


Die romantische Sau

Eigentlich
wollte ich es nicht wissen.
Wie lange war es jetzt her?
Das letzte Treffen…..

Aber
ich bin gierig –
in mancherlei Hinsicht.
Das ist mein Naturell.

Und vor allem bin ich
neugierig.

Es war so einfach.
Ich wusste, was ich in jener Nacht
geschrieben hatte. Nachdem sie
eingeschlafen war.

Nebenan.

Ich brauchte nur
den Text zu suchen…..

Das Datum erschreckte mich.
9. Oktober!
Jetzt hatten wir den
21. Dezember.

So lange
war es mir gar nicht vorgekommen.
Und es erschreckte mich,
dass es mir gar nicht so lange vorgekommen war.

Oftmals hatte ich an diese Nacht gedacht
in der Zwischenzeit. Die wie eine
Zwischenwelt war, in der wir nicht
gemeinsam existierten.

Nach dem Schreiben
hatte ich mich wieder zu ihr gelegt.
Nach dem Erwachen
las sie das Geschriebene.

Sie lächelte.
»Du hättest nicht
ins Waschbecken pinkeln müssen.
Ich wäre ohnehin nicht
aufgewacht.«

Eigentlich
war mir das klar gewesen.
Ihr Schlaf war
beneidenswert.

Meiner war eher
wie ein Gemälde
von Goya.

Egal.

Das mit dem Waschbecken
machte sich ganz gut in dem Text.
Fand ich. Und das war
die Hauptsache.

In der Zwischenzeit
wichste ich in dieses Waschbecken.
Das macht sich weniger gut
in diesem Text.
(Oder sollte ich sagen: Das
kommt weniger gut
?

Auch egal.)

9. Oktober!

So lange also
hatte ich
das Bett nicht frisch bezogen!

Was bin ich doch für eine Sau.

Man konnte es nicht riechen.
Ich jedenfalls nicht.
Und sonst war ja niemand da.

Aber sie
konnte ich auch nicht mehr riechen.
Alles verflogen…..

Hie & da
noch ein Haar.

Herausgerissen
in der Hitze des Gefechts.
Verloren
im Schlaf.

Blonde Saiten.

Ja – eine Sau.
Schlimmer – eine romantische Sau!

 

 

Der Text vom 09. Oktober


Hau mir ab mit Connie Francis!

Der Fusel verzog sein Gesicht.
Soll heißen: Der Mann verzog sein Gesicht, als
er den Fusel in sich hineinschüttete.
(Immer diese Mehrdeutigkeit
der Sprache! Immer diese Mißverständnisse.)
Eigentlich hätte ich
dieser Mann sein sollen.
Billigen Liebeskummer ersäuft man am besten
mit billigem Schnaps.
Grüner Tee ist da eher nutzlos
& uncool – aber
wäre ich dieser Mann gewesen,
hätte ich keinen Liebeskummer gehabt; dann
wäre der Grüne Tee angemessen gewesen, aber
ich hätte ihn nicht getrunken….
Ach, was weiß denn ich. Es ist kompliziert.
Ich war schon bei der zweiten Kanne; draußen
war es längst dunkel, und jedes Möbelstück in meinem Haus
sah aus, als sei es von IHR berührt worden. Wie ich.
Die leise Rieselmusik aus dem Radio barg die Gefahr in sich,
dass jederzeit das falsche Lied gespielt werden konnte; in
Phasen wie diesen ist es daher gut, wenn Unser Lied
niemals ein Hit war. Das erhöht die Chancen
davonzukommen.
Die Konversation stockte.
Ich hatte ohnehin schon genug gesagt. Eigentlich
habe ich immer das Gefühl, genug gesagt zu haben –
selbst wenn ich schweige. Und da ich
mir ständig widerspreche, sagte ich nun wieder etwas:
»Verdammt, ich möchte auch mal Glück haben. Und
ich meine nicht: im Spiel. Ich hasse Spiele!«
»Du redest wie ein Besoffener«, sagte er.
»Das ist das Gute«, sagte ich, »nach Jahrzehnten
der Sauferei braucht man keinen Alkohol mehr, um
zu denken, zu fühlen & zu reden wie ein Besoffener.
Man hat alle Zustände in sich gespeichert.«
»Na, Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke.« Ich stellte die Tasse ab
als sei sie ein leeres Whiskyglas. Das erschien mir
lächerlich. Und daher
passend.
In dem Spiegel, der neben dem Bücherregal hing,
konnte ich nur mich sehen. Ich war allein
in seinem Bild. Und natürlich
kam mir der Gedanke:
Dieses Spiegelbild entspricht der Wahrheit mehr
als die Wirklichkeit.

Alles
eine Sache des
Blickwinkels.
Die Stimme des Mannes, der
ich hätte sein sollen, klang
unsicher.
»Und überhaupt«, sagte er, »das ist doch
alles Quatsch – Glück, Pech, Liebe, Spiel.
Dieses alberne Sprichwort. Glück & Pech kann man
zur Not ja noch auseinanderhalten, aber Liebe
& Spiel

»Du meinst Liebesspiel
»Ich meine gar nichts.«
»Jetzt redest du wie ein Besoffener.«
»Das ist korrekt«, sagte er. Und stellte das Whiskyglas ab
wie ein Whiskyglas. Daraufhin
fing er zu singen an – über das Radiogeriesel hinweg:
»Die Liiieebe ist ein sääältsames Spiieel….«
»Aufhören!«
Er sang noch: »Sie kommt…« Dann verstummte er.
»Oh verdammt«, sagte ich, »hau mir bloß ab mit Connie Francis.
Dies ist nicht der Augenblick für Schlager.«
Er grinste.
Eigentlich fand ich
es auch ganz amüsant. Und in meiner Kindheit
hatte ich dieses Lied durchaus gemocht.
Wahrscheinlich war es für manche Paare
Unser Lied gewesen. Arme Schweine. Auch sie.
»Wart’s ab«, sagte er – plötzlich ganz ernst, »sie
wird zurückkommen.«
»Na sicher.«
»Ja, Mann. Echt, Mann. Denk nur an all die Zufälle, die
keine waren. Ihr gehört zusammen…. selbst wenn ihr
nicht zusammen passt…. Da beisst kein Faden…. also, die Maus….
Ach, du weißt schon, was ich meine.«
»Na sicher.«
»Wahrscheinlich…. wahrscheinlich hat das Ganze sie
unbewusst ein bisschen erschreckt…. & deshalb isse auf
Distanz gegangen…. Wart’s nur ab.«
»Westentaschenpsychologie«, sagte ich, »sehr gut.«
»Na immerhin«, sagte er, »besser als nix. Besser als
Selbstmitleid. Besser als irgendwelche Scheißgedichte, die
alles nur schlimmer machen.«
»Du hast zuviel getrunken«, sagte ich.
»Du auch. Immer schon.«
Grün ist ihre Lieblingsfarbe – fiel mir ein.
Ich schaute in den Spiegel. Ohne mich anzusehen.
Wie oft war Sie an ihm vorübergegangen…..
Lachend. Nackt. Selbstbewusst.
Vielleicht hatte sie ihn berührt. Wie mich.
Ihr Bild hätte darin
gefangen sein sollen. Doch da war
nichts.
Womöglich hatte er recht.
Nicht der Spiegel.
(Immer diese Mehrdeutigkeit der Sprache! Immer
diese Mißverständnisse.)
Nein, nicht der Spiegel –
der Mann, der im Spiegel
nicht zu sehen war.
So wie Sie.

Connie bw


Das Klopfen

Etwas klopfte
irgendwo

gedämpft

& man wusste nicht:

leise in der Nähe

oder

laut in der Ferne

 

laut im Innern

oder

leise im Freien

 

Es klopfte
im Rhythmus des Lebens

im Rhythmus des Vergehens

im Rhythmus des Sterbens

 

Man hätte es auch
Schlagen nennen können

Es klang
wie Dein Herz

die Blutpumpe
im begehrten Körper

& es erinnerte mich

an meine Kreuzigung


Rückkehr

Ich wollte zurückkehren
in die Geliebte

Ich kehrte zurück
in die Einsamkeit

Auch sie –
eine Geliebte

Eine Art
Geliebte

Nur diese
war eifersüchtig

& somit
die einzig wahre

immerdar

immer da


Der Bogen

Etwas
zerschnitt die Luft

krach
end

Es schlug
in ein Gesicht

das anfing
zu bluten

Ein Pfeil
fiel kraftlos zu Boden

Ein Ziel
wurde nicht getroffen

Sehnen
Spannung
Riss
Verfehlung
Verletzung

Etwas
zerbrach

Krach
End