Sie saß mit dem Rücken zur Wand.
In einem fremden Zimmer.
In einer Stadt, in der sie sich
nicht aus
kannte.
An der Wand: eine Fototapete.
Sie zeigte einen Ort,
wo die Frau noch nie gewesen war
in einer Zeit vor ihrer Geburt.
Sie saß am Boden.
Unter dem Boden
hätte Vieles
sein können; aber nicht
Nichts.
Vielleicht war nur ein weiterer
Boden darunter. Der
Alles
hielt.
Sie war sich
unsicher –
& All
em/en Anderen
auch.
Die Fototapete
Wie 1 Schlechtes + 1 Schlechtes ein Gutes ergibt
Ein Pickel an der Oberlippe
ist besonders
schmerzhaft.
Aber dann
ist es ein Glück
einsam zu sein.
So hat
Alles
sein Gutes.
Ganz Ohr
Eine Zungenspitze
am Eingang zum Gehör
feucht & warm
Altbekannte Worte
in schwerem Atem
scharf & weich
zugleich
kitzelnder Flüsterhauch
Irgend
was
von Liebe & Begehren
Man muss es glauben.
Daran glauben.
Ich bin
Ganz Ohr
Stankstellen
Am liebsten spielte ich
drinnen – immer schon.
Und noch weiter
drinnen – in meinem Kopf
mit Wörtern & Worten.
Ein kleiner Junge
der am liebsten
im Bett lag.
Es war gar nicht so lange her
dass ich die Wörter gelernt hatte
– & doch:
halb bewusst, halb unbewusst
erschienen sie mir oft
unzureichend – schon damals.
Eigentlich mochte ich den Benzingeruch
der Tankstellen. Als man noch nicht
selber tanken musste & der Liter
ein paar Groschen kostete –
in meinem Kopf aber
wurden Tankstellen zu Stankstellen,
und in dem Tante-Emma-Laden an der Ecke
hieß auch Alles anders, als ich es für richtig hielt.
Meine Eltern hörten irgendwann auf
mich zu verbessern
& lachten schließlich.
Dann
kam die Schule
mit ihren Regeln…..
Die Schule war
draußen.
ICH
HASSTE
SIE.
Eine Illusion von vielen
Nie wieder
wirst du jemanden kennenlernen
wie mich.
Nimmermehr
werde ich jemanden kennenlernen
wie dich.
Denn die Vorstellung
jemand Anderes könnte
Uns
ähnlich
sein
im Innersten
ist nur eine Illusion
von vielen.
Eine Illusion
wie die Liebe –
falls Die eine ist.
Pazuzu
In dem Haus, in dem ich wohne,
lebe ich sogar. Es ist
nicht das stabilste. Bloß
ein Fertighaus.
Wenn der Wind
ungünstig steht
& er besonders heftig weht,
knackt es über
all.
An einer rotgestrichenen Wand
hängt ein kleiner Spiegel.
Bei Sturm zittert er.
Und mit ihm
mein Spiegelbild.
Das Glitzern der Bruchstücke
Die Bruchstücke, die hinter mir liegen –
sind nicht ich. Ergeben
zusammen
gelegt
nicht
mich. Ich bin
nicht
zerbrochen
an dem, was
zerbrach.
Was
in Teile zersprang
war nur ein kleiner
Teil von mir
der ein Anderer war
als es geschah.
Bruch
Stücke
Ich schaue zurück,
und sie
glitzern
wie Splitter
in buntem Licht.
Manchmal
überrascht es mich, dass ich
stärker bin als ich
mich fühle.
Der Ausgangspunkt
Die Zeile,
die der eigentliche Anlass gewesen war
für das Gedicht, kam
am Ende
gar nicht vor
in ihm.
Wie schade!
Alles war so schön
geplant
gewesen.
Und dann das!
Das Gedicht
wollte die Zeile nicht;
es hatte
seinen eigenen Willen.
Es war unverschämt.
Die arme Zeile!
Ungenutzt. Und nutz
los. Aber nicht
ohne Sinn.
War sie doch
ein Ausgangs
punkt.
Eine Frage der Augenblicke
Dieser Moment
im 17. Jahrhundert
als Gryphius über den Augenblick schrieb
Betrachtung der Zeit
Was hatte er im Auge?
Die Ewigkeit.
So weit
wird’s nicht reichen –
aber immer
hin: ich
lese seine Zeilen
mehr als 300
Jahre später
& weiß
was er meint.
Ich suche
dasselbe.
Jeden Moment.
Alles eine Frage
der Augen
Blicke.
So funktioniert’s – oder auch nicht
Ein Mädchen spielt
Saxophon
irgend
wo
wann
wie
Ich kann es sehen & hören
obwohl mir
Hören & Sehen
längst vergangen sind
& ich das Mädchen nicht kenne
Ein Kater namens Leo
den ich Adolf nenne
öffnet eine Kühlschranktür
& hört das Spiel
Nicht jeder muss das verstehen.
Ich weiß, es gibt
mindestens 1 Menschen,
der es könnte.
Vielleicht niemand sonst.
Doch das ist bedeutungslos.
Selbst
wenn dieser 1 Mensch
Es niemals lesen sollte –
Es steht
geschrieben
& nur das
zählt
1
2
3
Der Sinn liegt
wo
anders.
Der Unsinn
löffelt
Ihn
So funktioniert
Poe
Sie.
Der Blick über die Schulter
»Wer ist das?« fragte sie.
Sie schaute über meine Schulter.
Wir teilten uns einen Sessel
in meinem Keller. Sie
saß rittlings auf meinem Schoß.
»Poe«, sagte ich.
»Nein«, sagte sie, »das ist doch nicht Poe;
der sah doch ganz anders aus.«
»Da dies die Reproduktion einer Daguerreotypie, und die
Daguerreotypie ein Vorläufer der Photographie ist,
sah er in jenem Moment wohl genau so aus – & da
diese Reproduktion seitenverkehrt ist &
Daguerreotypien ihrerseits seitenverkehrt sind, ist er
auf diesem Bild sogar richtigherum zu sehen.«
»Nein«, sagte sie, »auf meiner Poe-Ausgabe zuhause
ist auch ein Bild. Da sieht er ganz anders aus.«
Ich sagte: »Keine Ahnung, was du da zuhause hast, aber
auf allen Daguerreotypien, die ich von ihm kenne, sieht er
ungefähr gleich aus. Also – wie er selbst.«
»Ich mail dir mal ein Foto.«
»Ja, tu das. Bin gespannt.«
Nun gut, ich weiß bis heute nicht, wie ihre Poe-Ausgabe aussieht.
Es ist ja auch egal. Rückblickend betrachtet. Es war
unser erstes Treffen. Sie kletterte
von mir herunter. Auf den Boden. Zwischen meine Beine.
Poe schaute zu. Über meine Schulter
hinweg.
Vorbilder
Ich habe keine Vorbilder.
(Ein weiterer Satz, der
mit Ich beginnt.)
Vielleicht hatte ich früher welche.
(Ein weiterer Satz, der
mit Vielleicht beginnt.)
Eine Frage der Definition.
Was immer
einem Vorbild nahekam,
habe ich verbannt aus meinem Denken.
Ich will
Nichts
nach
bilden.
Niemandem!
Nicht einmal
die Wirklichkeit.
Und schon gar nicht
was Andere
mir vorgemacht haben.
Ich habe keine Vorbilder.
Bilde ich mir ein.
Wildwechsel
Ich bewege mich
langsamer
vorwärts
seit dem Zusammenprall
mit fremdem Leben
Leben
das ich beendet habe
Ich bewege mich
vorsichtiger
vorwärts
den Blick
auf die Dunkelheit gerichtet
das Dunkel jenseits
der Straßen
wo
vielleicht
Etwas atmet & wartet
meinen Weg zu
kreuzen
Jeder Schatten lebt
jenseits der Bahnen
Ich bewege mich langsam
um nicht zu
töten
um nicht zu
verun
glücken
Doch es wird
Uns
nichts nützen
am Ende
Ohne Musik-Begleitung
Bei der Beerdigung
deiner Träume
gibt es nicht einmal mehr
Musik
Keine Begleitung
von Harmonien
frisst die
Stille
Lebendig begraben
in derselben Mördergrube
schweigen die
Hoffnungen.
Der Idiot in der Irre
Der Mond scheint ohren
betäubend wie eine nächtliche Schnulze aus dem Radio
mit dem Lautstärkeregler am
Anschlag.
Grell
leuchtet die Einsamkeit
im Gesicht des Idioten,
der durch die verlassenen Gassen
irrt.
Seine Absätze ticken auf dem Pflaster –
unregelmäßig wie eine Uhr mit Herzproblemen.
In lichtlosen Fenstern spiegelt sich seine verlorene Orientierung.
Man wird mich vermissen …. Man vermisst mich bestimmt schon ….
Verdammt, wo? …. Wie komme ich …. ich habe mich ver
laufen …. Bin ich nicht gerade erst los
gegangen? …. Das kann doch nicht
Sein ….
Fremde Namen auf fremden Schildern an fremden Häusern;
Klingelknopfleisten, mit deren Hilfe er die Fremden rufen könnte.
Doch er erwartet
keine Hilfe
von irgend
Jemandem.
Er
wartet
Hilfe von
Nie
man
dem.
Heim …. lautet der Kehrreim seiner Verzweiflung …. Heim!
kehr heim …. zurück …. zurück ins …. wo man mich vermisst …. weil
man mich kennt …. dort …. wo ….
Es ist
als ob
kein Leben mehr wäre
um
ihn
her
um –
die Welt: ein Leichenkeller.
Der Idiot ruft nicht. Schreit nicht. Der Mond ist zu laut.
Alle Ohren verfault. Seine Suche:
ein Widerspruch
in sich.
In ihm.
Denn auch am Ziel wartet
Nichts & Niemand
auf ihn.
Dass diese Nacht vergehen werde,
hat er vergessen. Nicht einmal
sein Tod könnte sie beenden
in seinem Schädel,
durch den er
irrt.
Tick Tick Tick.
Er erinnert sich nicht
an andere
Nächte.
Die Vergangenheit – gelöscht.
Ein Leben – gelöscht.
Eine Welt – gelöscht.
Und doch: Vermissen.
Und Sehnsucht.
Eine absurde Ahnung von
Etwas
Besessenem.
Könnte jemand in meinen Kopf schauen,
sein Blick würde nicht mehr her
aus finden ….
Er lacht. Stumm.
Strom fließt durch Laternendrähte.
Licht, das nichts beweist
als die Existenz von Maschinen –
& den Geist, der sie erschaffen hat
in der Vergangenheit.
Warum bin ich
bloß
los
gegangen?
Ich wäre jetzt dort, wo ich hin will, wenn ich
geblieben wäre ….
Er hätte es nur nicht gewusst.
Nicht gewusst,
dass er dort
hin
wollen
würde
wo er war
falls er ginge.
Der Mond
schein:
eine Heim
Weh
Schnulze
Lauter
& immer
lauter
Alle
Regler
am
An
schlag.
Der Idiot irrt
weit
er.
Durch
mein Ich.
Das falsche Licht
Wir trafen uns in der Schönheit
des falschen Lichtes
dem künstlichen Licht
vergangener Enttäuschungen
gegenwärtiger Hoffnungen
zukünftiger Möglichkeiten
Wir sahen uns in dem Licht
aus unserem Innern
das nichts
mit Realität zu tun hat
Das richtige Licht
war lange erloschen
Es war die Dunkelheit
um uns herum
in der wir uns niemals
gesehen hätten
So war das Falsche
in
unserem
Fall
das Richtige
& das Dunkel in uns
die Schönheit
die uns anzog
Cushings Treppe
Eine weitere Nacht alt
bekannter Gedanken
Ich denke an
Peter Cushing
kurz nach dem Tod seiner Frau
Verzweiflung
Raserei
Schmerz
Selbstmord
kam nicht in Betracht
Und so rannte er
wie vom Wahnsinn getrieben
eine Treppe auf & ab
in seinem Haus
das größer & enger geworden war
immer wieder
auf & ab
auf & ab
auf
der Suche nach dem Herzschlag…..
dem verlorenen Herzschlag der Geliebten
dem eigenen Herzschlag des Todes
Ich kann sie hören
seine verzweifelten Schritte
auf den Stufen
Und die Stille
um ihn herum
Helen & Peter Cushing –
eine der großen Liebesgeschichten.
Ich kann sie sehen
meine alte düstere Kellertreppe
Sehen
wie die abwesende Geliebte
die Stufen auf & ab geht
lautlos & barfuß
auf dem Teppich
der Falten wirft
Sehen
wie sie aufwärts stolperte
bei ihrem ersten Besuch
Fühlen
wie warm & feucht es unter ihrem Rock war
als ich unter ihr auf der Treppe stand
& meine Hand verschwand
Und einsam stolperte ich
abwärts
im Suff
auf dieser Treppe
Verzweiflung
Raserei
Schmerz
Blutergüsse & Prellungen
Auf & Ab
Er überlebte sie lange
Lebte weiter
mit seinem Prostatakrebs
& alterte
schneller als je zuvor
als hätte er es eilig –
Er glaubte
an ein Wiedersehen.
Ich glaube
an Nichts.
Die verlorene Allee
In Allem, was ich finde, ist nicht Das, was ich hatte –
als ich nicht suchte.
Dieses Gefühl meiner Kindheit
als ich durch eine Allee spazierte
& in die Baumkronen schaute…..
Nein, kein Gefühl.
Jedes Wort ist zu eng
in Anbetracht der Weite
dieses Blickes.
Die gegenwärtige Straße mag schöner sein
als es diese Allee jemals war – aber
sie führt zu nichts,
diese Schönheit.
Und sie ist
Nichts
im Vergleich
zu dem Verlorenen,
das kein Wort benennen kann.
Sie liegt noch da –
diese Allee
in der Stadt meiner Kindheit.
Ich sitze noch hier
in einer anderen Stadt –
in dem Haus meiner Gegenwart.
Irgendwo
im All.
Aber
es gibt uns beide nicht mehr.
Nicht
in einer einzigen Wirklichkeit.
Weder die Allee,
die ich nicht suchte ….
…. noch mich,
der ich nicht zu finden bin.
Wir sind verloren.
Alle.
Eine lange Geschichte
»Und?«
»Nichts und.
Es hielt nur kurz.
Aber das ist eine lange Geschichte.
Wie immer.
Sie beginnt in der Kindheit.«
»Und?«
»Endet mit dem Tod.
Jedes Mal.«
Die Stimmung
Die Saiten wurden gestimmt
in der Wärme.
Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
richtig.
Dann wurde es kalt.
Sie verzogen sich.
Niemand stimmte
die Saiten erneut.
Was immer auch gespielt wurde
auf ihnen – klang
falsch.
Unser Lied.
Ich bin Derselbe – & der Andere
1.
»Wenn er besoffen ist, schreibt er mir«, sagte sie.
»Immer wieder«, sagte sie.
Sie strich über das Handy, las die Nachricht.
Ich sah ein kleines Foto auf dem spiegelnden Display.
Irgendein Typ eben.
Mir ging es gut. Das Bett war warm. Ihre Nähe weich.
Ihr Duft mein neuer Lieblingsduft. Und ich dachte
weniger nach als früher.
»Traumfrau«, sagte sie – »kotz, das kann ich ja ab.«
Er würde keine Antwort bekommen.
Soviel war klar.
Mir war das recht. Und doch klang es hart
in meinen Ohren.
2.
Ein Telefonat.
»Weißt du, was die Kinder heute meinten?« sagte sie.
(Ich glaube, es handelte sich um denselben Typen. Es könnte aber auch
ein Anderer gewesen sein. Letztlich ist das egal.)
»Sie meinten zu mir: ‚Du hast ihm voll das Herz gebrochen‘.«
Ich hörte ein Lächeln in ihrer Stimme.
Mir ging es gut. Selbst die Entfernung zwischen uns
schien erträglich. Wir lachten viel, und der Sessel vor meinem Schreibtisch
war weich. Ich liebte ihre Stimme – an die ich mich erst
hatte gewöhnen müssen. Ich dachte weniger nach als früher – doch
ich hatte eine dunkle Ahnung davon, wie
der Andere sich fühlen musste.
Eine dunkle Ahnung von Finsternis.
Die mir gar nicht gefiel.
Sie klang hart.
3.
Ich bin Derselbe. Nur dass ich nicht mehr saufe. Also
bin ich auch ein Anderer. Ich bin Der Andere.
Ich schreibe, ohne besoffen zu sein. Doch
auch nicht nüchtern.
Und bekomme keine Antwort.
Es sind nur Worte
auf einem spiegelnden Display.
Irgendwo.
Ich denke wieder mehr nach – aber letztlich
ist das egal.
Wer bin ich schon?
Wer bin ich schon?
Manchmal
in seltenen Momenten
glaube ich:
die Hoffnung.
Denn:
würde ich sie aufgeben –
gäbe ich
mich
auf.
Die fehlende Handschrift
Dieser Augenblick
als mir bewusst wurde, dass ich
niemals
ihre Handschrift gesehen hatte…..
Alle Wörter
kamen aus Maschinen –
elektronischen Geräten.
Genormte Typen
vor virtuellem Hintergrund.
Nie hatte ich gesehen
wie sie schrieb
ohne Tasten.
Diese Linkshänderin.
Ich hatte beobachtet
wie ihre Hand
meinen Schwanz hielt –
doch niemals einen Stift.
Das muss nichts zu bedeuten haben –
& scheint mir doch symbolisch…..
vielleicht für die Beziehung,
vielleicht bloß – für diese Zeit.
Wie auch immer –
ich finde es schade.
Ich hätte sie gerne
(wenigstens einmal)
gesehen.
Das Klopfen in der Wand
Lautlos lief das Wasser
durch das alte Rohr in der Wand
Lautlos
weil es kalt war
Kalt
wie das Rohr
Kalt
wie die Wand
Kaum kälter
als das Haus im Winter
Als das Wasser wärmer wurde
fing es an zu klopfen
in der Wand
Unregelmäßig
wie der panische Herzschlag
eines Eingemauerten
Es war wie
unbekanntes Leben
in meiner Einsiedelei
Wer weiß schon
was in den Wänden seines Hauses haust
Schnell
drehte ich den Wasserhahn wieder zu
Ruhe
Die rote Nacht
Rot war die Nacht
wie die Vorstellung der Hölle
wie das Blut, das man erahnt
unter der Oberfläche
Eiskristalle krachten wie spröde Rasierklingen
Und verdunkelte Fenster
waren die geweiteten Pupillen der Schlaflosen
In den Verließen der ungeträumten Träume schmachteten
die von allen guten Geistern Verlassenen
Und gebrochene Blicke aus lidlosen Augen sahen das Nichts
Gedankenkreise, eingesperrt in Quadrate
Schnittstellen vergangener Berührungen
Wahn & Sinn & Losigkeit tanzten spinnenbeinig miteinander
Musik existierte nicht mehr
Und kein Rausch konnte die Leere füllen
In den Handgelenken pochten die Endlosschleifen
Und Alles, was jemals vergessen worden war,
sammelte sich in einem berstenden Totenschädel
Ein Hilferuf passte nahtlos in ein Schweigen &
verschwand darin
ohne Wider
hall
Rot war die Nacht
& dann
ganz
Stille
Die Flaschenpost
Man stelle sich
eine Flasche vor.
Eine Flasche, die
schreiben kann.
Sie schreibt sich
einen Abschiedsbrief &
steckt ihn sich
in den Hals.
Dann
verschließt sie sich
& stürzt sich
in den Ozean.
Es ist unfassbar,
was man sich
alles vorstellen kann.
Sogar das
un
sinnig Sinnlose & Un
mögliche kann man sich
aus
malen.
Es ist ab
surd.
Die Nuancen des Nichts
Da war Nichts.
Dann kam Etwas.
Etwas verschwand
wieder.
Da war Nichts
erneut.
Doch
das neue Nichts war anders
als das alte.
Das alte Nichts hatte nur von
Etwas geträumt.
Das neue Nichts hatte es erfahren
& verloren.
Die Erinnerung an Etwas
war Etwas
& doch
Nichts.
Es gibt
so viele Nuancen des
Nichts.
Schattierungen
des sinnlosen Schmerzes.
Grade
der schmerzvollen
Sinnlosigkeit.
Ballast über Bord
Wie oft man doch seinen Stolz
über Bord wirft – wenn
das Schiff sinkt.
Als würde es dadurch leichter.
Würde!
Guter Witz.
Auch so’n Ballast.
In mancher Beziehung.
Wie oft –
wusste ich nicht.
Es war mir auch
egal, dass ich mir selber
peinlich wurde.
Ich warf einfach –
mit leeren Händen.
Aus vollem Herzen.
Auf Rettung
bedacht.
In den Sturm
fluten.
Sicher war ich
der Schwächere.
Auch das
war mir egal.
Da ich es für meine Stärke hielt.
Ich konnte nicht schweigen –
wie die Frau es konnte.
(Die Umkehrung aller Klischees.)
Und obwohl ich wusste, dass genau dies
der falsche Weg war, irgend etwas zu retten, ver
mochte ich keinen anderen Weg zu
gehen. Worte.
Nichts
als
Worte.
Unbeantwortet.
Rettungsringe ohne Luft.
Schutzschilde aus Glas.
Abgestumpfte Waffen.
Der Stolz der Geliebten war wie ein Diamant.
Denn der Stolz des verletzten Kindes
wird oftmals zur Härte. Später.
Aus demselben Grunde schreibe ich
Verletzendes. Oftmals.
Das Bild, das man gerne vermitteln möchte, hängt
dort – wo es niemand sehen kann.
Außer
man selbst.
Im wurmstichigen Rahmen
des Stolzes.
Und man hätte es auch gerne
von sich selber.
»Diejenigen, die betonten, dass ich sie
unbedingt hatte haben wollen,
hatten mich nicht lange.«
Ich verstand diesen Satz
sehr gut. Er fiel
in der Anfangszeit.
Er hatte seinen Ursprung dort –
wo sie & ich uns ähnlich waren.
Was ihn provoziert hatte, stammte
aus derselben Quelle.
(Und dass ich ihn hier zitiere – leider auch.)
All diese Bilder
& Metaphern, die mir ein
fallen:
das Schiff
die diamantene See
die Sturmflut
& der heulende Wind
das Abtauchen
& Ertrinken …..
Das Selbst
Bild …..
Worte.
Nichts als
Worte.
Worte, die einen Grund haben.
Einen Abgrund sogar.
Wie die Worte
auf dem Bild, das in ihrer Küche hängt –
die ich nur von einem Foto kenne.
Das Bild kann man überall kaufen.
Als Poster. Mit verschiedenen Motiven
als Hintergrund. Doch diese Motive, diese
Hintergründe sind immer
Frauen. Aufreizend.
Und begehrenswert.
Die Worte
sind stets gleich:
»Mich zu lieben ist eine Strafe,
mich zu kriegen ist ein Kampf,
mich zu haben ist eine Ehre,
mich zu verlieren ist
DEIN UNTERGANG!!!«
Nein,
ich hatte nicht
kämpfen müssen.
Und – nein,
es wird nicht leichter.
Egal,
was über Bord
geht.
Dieses Loch
Dieses Loch
winzig
kaum zu sehen
Ein kleines Bisschen
Glut
war mir in den Schoß gefallen
zusammen
mit der Asche
als die Frau
rauchend gelacht hatte
Dieses Loch
im Stoff
Eine Erinnerung
im Schritt
im Weiter
gehen
Gemeinsames Gelächter
Nur
ein Loch
Die Sehhilfe der Toten
….. & unversehens
konnte ich sie erkennen – sie
wieder erkennen:
die Zeichen
& Buchstaben
die so verschwommen
gewesen waren;
die mir Kopfschmerzen bereitet hatten
durch die Anstrengung, meinen fehlsichtigen Blick
einzustellen
auf sie.
Ich hatte eine vergessene
Brille gefunden
in meinem Haus.
In einem alten Schrank, der
verschlossen gewesen war.
Die Brille
einer Toten.
Sie hatte sie liegengelassen.
Vor langer Zeit.
Als wäre diese Tote
der Zufall gewesen, der
die Dinge irgendwo versteckt,
wo man sie findet,
wenn man sie braucht.
Wie im Spaß
setzte ich sie auf –
diese Sehhilfe.
Und plötzlich wurde
Alles
deutlich;
die Zeichen
größer.
Alles
rückte näher,
& die Kopfschmerzen
vergingen.
Ich musste lachen.
Denn im Leben
hatte sie,
die schon so lange verbrannt & begraben war,
Alles
anders gesehen
als
ich.
Der Klingelton
In der Vergangenheit war ich
der Klingelton einer Frau.
Eine alte Aufnahme
meines Gitarrengeklimpers
auf ihrem Handy. Aus
einer noch ferneren Vergangenheit –
als meine Fingerkuppen noch
eine Hornhaut hatten.
Sie liebte das Geräusch
des Umgreifens – das Quietschen
zwischen den Akkorden. Und mich. Und je
neuer die Saiten, desto besser
& lauter.
Manchmal hörte ich mich spielen,
während ich auf ihr herumspielte; oder
ihre Zunge dort war, wo sie immer hätte sein sollen.
Dann war ich mir selbst
eine ärgerliche Unterbrechung; und sie
sprach mit Anderen.
Doch wenn sie fort war
– egal wo –
wusste ich, ich war
so etwas wie
die Hintergrundmusik ihres Tages.
Immer da – mit meinem amateurhaften Begreifen
der Saiten.
Heute
hat sie ein anderes Handy
& einen anderen Klingelton.
Irgendeine Konserve. Von Fremden.
Es hätte keinen Sinn
sie anzurufen.
Entweder wäre besetzt, oder
sie ginge nicht ran. Kein
Klingelton erinnerte sie
an mich. Keine Harmonie.
Und außerdem
habe ich schon lange keine
Hornhaut mehr. Und
keine Lust mehr
zu spielen.
(Das Klingeltongeklimper:)
Eine Art Schlaganfall
….. als wäre die Liebe nur eine Sonderform
des Schlaganfalls – der irgendwelche
Hirnregionen lähmt ….
So kommt’s mir manchmal vor.
Man liegt da.
Mit Taubheitsgefühlen.
Kann sich kaum artikulieren.
Funktionen eingeschränkt.
Blitz & Donner im Schädel,
Blutungen in unsichtbaren Zentren –
& wenn’s schlecht läuft,
endet es
tödlich.
Und schlecht läuft es immer dann –
wenn man lange genug wartet.
Was nicht lange sein muss.
Wolle. Foto machen.
»Oh, eine Strickjacke«, sagte ich.
»Na ja«, sagte sie (also: die Frau sagte es),
»`s is kalt draußen. Außerdem ist die bequem.«
Fast klang es wie eine Entschuldigung.
»Also – ich finde die geil«, sagte ich. »Genau
die richtige Länge. Und fühlt sich gut an. Und
dieser reizende Reißverschluss…..«
Zzzzziiippppp!
Dann, nackt im Bett, sagte sie:
»Ich hol mir noch’n Bier.«
»Ich komm mit«, sagte ich. »Fotos machen.
Für einsame Stunden.«
Sie grinste. »Soll ich die Strickjacke anziehen?«
»Ach – du liest in mir wie in einem Buch.«
»Ja. Wie in einem Schmuddelroman.«
Und dann stand sie da. In der Küche. Vorm Kühlschrank.
Dem Kühlschrank zugewandt. Und die Strickjacke
bedeckte ihren Arsch ungefähr zur Hälfte. Und
die Kamera machte Klick! & Klick! & KlickKlickKlick!
Ohne Blitz. Ich hasse Blitzlicht. Die kleinen bunten Lampen
zwischen den Schnapsflaschen waren eine so viel schönere
Lichtquelle. Ich verwackelte etwas. Doch dadurch wurden
die Fotos nicht unscharf. Das Wortspiel mit der Lust
erspare ich mir. Und noch ein paar andere.
Ich mag die langen Ärmel. Sie unterstreichen
die Nacktheit der Beine.
Die Erotik der Strickjacke wird unterschätzt.
Die einsamen Stunden – sie kamen.
Viele davon. Eigentlich
brauche ich die Fotos nicht.
Wofür auch immer.
Doch es ist schön
sie zu haben.
Sie zu haben
war schön.







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