Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu
Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden
& wäre mir wieder
zugewandt
Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend
Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu
Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden
& wäre mir wieder
zugewandt
Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend
Ich möchte wohnen im
Auge der Fliege –
im
Facettenreich
Die Fliege, die
in meinem Auge landet,
hatte wahrscheinlich
andere Wünsche
In meinem Auge
gibt es keine Facetten
Wenn die Fliege Glück hat
ertrinkt sie nicht
Wenn ich Glück habe
trinke ich
Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.
Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend
Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend
Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.
Man müsste sich nur
daran erinnern.
Ab & zu.
So oft
wie möglich.
Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.
Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?
Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.
Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.
(So ungefair jedenfalls)
Das Nichts kann man sich nicht
vorstellen – man kann nur glauben, es
sich vorstellen zu können.
Aber
es gibt Nächte
(die Mondsichel erinnert an
einen abgeschnittenen Fußnagel in einem
schwarzen Abfluss)
da denkt man, es sei
leichter
sich das Nichts vorzustellen
als
das
Alleine &
Abgeschnitten
Sein
zwischen den
Menschen.
Die Leertaste auf meiner Tastatur scheint mir
abgenutzter zu sein als alle anderen Tasten …
Es muss sich um eine Täuschung handeln, rein
rechnerisch; natürlich.
Sie sieht versiffter aus als die anderen Tasten –
das könnte immerhin sein (Daumen sind breiter als
Fingerkuppen, und sie sind zu zweit).
Ergibt das einen Sinn?
Wahrscheinlich nicht.
Das ist mir egal.
Wie so vieles.
Ich taste im Leeren.
Ich rechne.
Mit nichts.
Irgendwann wird es so weit sein, dass ich
meine Memoiren schreiben werde – & ich werde dazu
ausschließlich diese versiffte Leertaste benutzen.
Entweder weil ich nicht anders kann,
nicht mehr anders kann,
oder
weil es letztendlich keinen
Unterschied macht.
Es ist schon seltsam –
All diese jungen Frauen, die mir
im Laufe der Jahre in meinem Job begegnet sind,
Auszubildende, Kolleginnen – immer
kamen & kommen sie mit ihren Problemen
zu mir.
Ausgerechnet.
Zu mir, um sich auszuweinen.
Zu mir, mit ihren Geheimnissen.
Zu mir, um sich Rat zu holen.
Zu mir, der nur 2 Nächte pro Woche dort auftaucht.
Zu mir, der von Nichts eine Ahnung hat.
Wie kann man nur zu mir kommen?
Ich komme ja selber nicht zu mir.
Ich höre, was sie sagen;
ich sage etwas;
ich betrachte sie; und
ich bin weit weg …..
Zu weit weg
von allem.
Von ihrer Jugend,
von ihren Problemen,
von ihren Körpern.
Selbst in meiner Jugend war ich
zu weit weg
von allem.
Und jetzt?
Fast nicht mehr existent. –
Aber sie kommen immer wieder,
all diese jungen Frauen, die
nichts wissen von
meinen Problemen,
meinen Geheimnissen,
meiner Ratlosigkeit,
meiner Sehnsucht ….
Sie kommen wieder, als hätte ich
beim letzten Mal
etwas Richtiges
gesagt.
Es ist schon seltsam.
Und vielleicht ist das Leben der Film, den man
verpasst hat, weil man glaubte,
einen Termin wahrnehmen zu müssen.
Einen Termin, der
zu
Nichts
führte ……
Der Film wird
nicht wieder gezeigt.
Nur dieses eine Mal war er zu sehen.
Doch was soll’s!
Er
unterscheidet sich von dem Nichts
nur bei
oberflächlicher Betrachtung.
Im Nachhinein kam der Schlaf mir vor wie eine Vollnarkose; irgend
etwas traumlos-Schwarzes aus Alkohol, Nikotin, Kopfschmerz & As-
pirin. Und als ich aufwachte, konnte & wollte ich nicht aufstehen.
Noch mehr Kopfschmerz.
Ich blieb liegen, schlief wieder ein. Wieder erschien alles
traumlos-schwarz.
Gegen 1 Uhr Nachts machte ich mir schließlich Frühstück; Spiegel-
ei auf Toast, Grüner Tee & Aspirin.
Es gab keinen Grund, aufzustehen (wie fast immer), ich tat es
trotzdem. Fühlte mich wie ein stolpernder Schwindel.
Als erstes checkte ich, was für einen Mist ich mal wieder im Voll-
rausch geschrieben hatte. Es war wie immer: Manches ging so,
anderes war mehr als überflüssig. Egal. Den Kopf konnte ich nicht
schütteln – wegen der Schmerzen & des Schwindels; obwohl ich ihn
gerne geschüttelt hätte.
Und irgendwann war sie da – die Erinnerung an einen Traum.
Ich hatte mich geirrt. So traumlos-schwarz war mein Schlaf nicht ge-
wesen. Natürlich nicht.
Schwarz waren die Vogelspinnen meines Traums. Und sie waren überall.
Überall in meinem Haus, in dem die Möbel fehlten. Und sie huschten
über den nackten Boden, diese Spinnen. Und mit einer Schnapsflasche
ging ich umher; und immer, wenn mir eine Spinne zu nahe kam, erschlug ich sie
mit dem Boden der Flasche. Zurück blieben die zerstörten schwarzen
Körper.
Dieser Traum war so simpel,
seine Deutung ist so naheliegend,
dass ich glaube,
hinter seiner Einfachheit
muss
etwas
Anderes
verborgen
sein.
Irgend etwas
Anderes,
das ich
nicht
wissen
will.
Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein;
Alles, was man braucht, um
veröffentlicht
zu werden;
Alles, was man braucht, um
irgendwo
dazu
zu
gehören.
Formulare, die
innerhalb gewisser Fristen ausgefüllt werden
müssen,
lasse ich so lange liegen, bis
Strafen
angedroht werden;
& dann
lasse ich sie noch länger liegen;
Anrufe
nehme ich nicht entgegen.
Sprechen
tue ich ungern.
Vorlesen
tue ich nie.
Ich möchte nicht
gesehen werden,
nicht einmal in einem
Seitenweg.
Nicht einmal in
der Nacht.
Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein.
Alles, was ich habe, sind
ein paar Bleistifte,
ein paar Schreibmaschinen,
ein Computer
& Papier –
& ein paar
blöde Ideen, die
in der Schlaflosigkeit
des Besoffenseins
geboren werden.
„Solange du Texte wie den da schreibst“, sagte sie,
„will ich mit dir nichts mehr zu tun haben. Das
war zuviel.“
Vielleicht hatte sie recht.
Wahrscheinlich sogar.
Aber manchmal,
wenn nur noch Bitteres im Hause ist
& ich einen übermächtigen Appetit auf
Süßes habe,
gönne ich mir
die Süßigkeit der Rache.
Ich habe doch nun wirklich
keinen Grund, der Held zu sein
in meinem Geschreibsel.
Ich schreibe für mich.
Zuallererst für mich.
Nur, um rauszulassen, was
raus muss; Ballast abzuwerfen,
damit ich nicht abstürze.
Und all das
Jämmerliche
Erbärmliche
Weinerliche
Lebensuntüchtige
Rachsüchtige
Sadistische
Masochistische
Stinkende
Faule
Gedankenlose
Grausame
in mir
kenne ich doch zu Genüge.
Kein Grund, etwas zu verbergen.
Kein Grund, etwas zu beschönigen.
Kein Grund, der Held sein zu wollen.
Für was denn?
Für wen denn?
Wenn es mir aber doch passiert,
hin & wieder (viel zu oft),
das Beschönigen,
das Verbergen,
das Heldseinwollen,
so ist auch das
nur ein Zeichen für
die ein oder andere
meiner Schwächen.
Der Optiker präsentiert sein Sortiment
Man soll sich ein Gestell aussuchen
Ein neues Gestell
für neue Gläser
Aber die alten Gläser
sind so alt
dass man die neuen Gestelle
nicht mehr erkennen kann
Vielleicht gibt es nur
1 Lösung :
Die neuen Gläser in
das alte Gestell
einpassen
Und dann schmeisst man seinen alten Seneca in die Ecke
& Epiktet hinterher, hämmert mit der Stirn seinen Schmerz
in die Wände um einen herum – & fühlt wieder irgend etwas
sterben.
Der Stoizismus ist mal wieder beim Teufel gelandet, und
der Teufel sieht jedes Mal anders aus.
All das, was man in
in Ruhe
gelesen hat,
bedeutet nichts, wenn
die Ruhe fort ist.
Man hatte das alles schon selber gewusst, noch bevor
man es las.
Und man wusste, dass es einem
nicht helfen würde, wenn es mal wieder so weit war.
Immer &
immer
wieder
ist es
dasselbe!
Ohne Dazulernen.
Gefühle –
Hormone –
chemische Abläufe –
was auch immer.
Mächte, die noch stärker sind als
die Worte;
noch stärker als
die Gedanken, die
klug sein sollen.
Die Bücher landen in der Ecke
wie ungezogene Kinder, die nicht getan haben,
was sie hätten tun sollen.
Man straft sie mit Mißachtung.
Besorgt sich eine Flasche Gin &
trinkt in Gegenwart der Bücher, die
versagt haben, als wollte man ihnen stumm zu verstehen geben:
‚Schaut her, darauf ist Verlass. Hey Seneca, hey Epiktet,
schaut her – Mr. Alexander Gordon hatte mehr drauf als Ihr!
Zum Teufel mit Euch!’
Aber natürlich –
irgendwann
irgendwann
geht man wieder in diese Ecke;
hebt die Bücher auf,
pustet den Staub von ihnen
& bettet sie dort, wo sie sich
geborgen fühlen.
Wieder ist etwas gestorben in einem.
Wieder sind frische Blutflecken an den Wänden um einen herum.
An den Wänden, die
Ecken bilden.
Aber man lässt die Kinder nicht
für immer
in der Ecke.
Es gibt Tage
aber wem sage ich das
die fühlen sich an wie
runtergerutschte Hosen in einem
Traum
Tage
da fühlt man sich
als würde
die runtergerutschte Hose
einen beim Gehen behindern
& zu allem Überfluss
trägt man
aber wem sage ich das
keine
Unterwäsche –
& alle schauen zu
wie man
letztlich
untenrum nackt
auf die Schnauze fällt
Die subjektive Zeit :
ein festgefressener Kolben in einer toten Maschine.
Eine Maschine mit einem Zähler, der
stehengeblieben ist –
Zahlen, die sich nicht mehr verändern ….
Daten, die
für immer bleiben.
Man verrottet immer weiter, aber
das Gefühl
bleibt an diesem einen Punkt stehen –
an diesem einen Zeitpunkt,
als der Kolben sich festfraß &
das Leben ins Stocken geriet ….
Und alles, was man sucht,
sind nur noch diese Zahlen & ihre
Entsprechungen.
Längst passen sie nicht mehr
zu einem,
längst hat man sie
sterbend überholt, aber
obwohl man sie überholt hat,
sieht man sie
vor sich – &
man wird sie vor sich sehen
bis
zum
Ende.
Mein bester Freund geht
nach meinem Tod
durch mein Haus, in dem ich
fehle …..
Und er entdeckt
meine Geheimnisse …..
Eines nach dem anderen.
Und er ist
erschüttert
über all das, von dem er
keine Ahnung hatte …..
Damals, als ich
lebte.
Er ist
erschüttert, aber
irgendwann –
irgend
wann
lächelt er.
Er trank einen Scotch nach dem andern,
ich trank nur Kaffee – der nicht schmeckte.
Die Kneipe war ungemütlich & nicht besonders
sauber. Aber sie war die erste, an der wir vorbeigekommen
waren. Und sie war leer.
„Ich werde mir einen Finger abschneiden“, sagte er, „ich
weiß nur noch nicht, welchen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
„Nein. Wirklich. Ich werd’s tun.“
„Was soll der Scheiß?“
„Erst wollte ich mich ja umbringen“, sagte er, „aber
dann hätte ich ja nicht mehr mitbekommen, wie sie sich
Vorwürfe macht. Und ich will das mitbekommen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
Er schwitzte, und seine Augen glänzten.
„Du wirst es ja sehen. Ich glaub, der Kleine Finger der
linken Hand wäre ok, meinst du nicht?“
„Warum so halbherzig?“ sagte ich. „Wenn sie sich richtig
Vorwürfe machen soll, muss da schon ein bisschen mehr kommen.
Beziehungsweise gehen.
Ein Mittelfinger zum Beispiel, oder ein Daumen.“
„Mach dich nur lustig“, sagte er. „Das wird dir schon noch
vergehen.“
Er trank das Glas leer; bestellte das nächste.
Die weibliche Bedienung lächelte nett, als sie es vor ihn
hinstellte & das leere mitnahm. Wahrscheinlich hörte sie zu.
„Ich bin so blöd“, sagte er. „So blöd. – Eigentlich hat sie doch
von Anfang an die Wahrheit gesagt. Ich hab’s nur nicht geglaubt.
Sie hat gesagt, dass sie scheiße ist, und ich hab gesagt „Aber nein,
das bist du nicht“; wenn ich gesagt hab „Ach, wie süß“, hat sie
gesagt „Ich bin nicht süß“; sie hat gesagt, dass sie aus gutem Grund
keine Freunde hat; dass sie immer alles kaputt macht; dass sie
mich nicht so gern hat, wie ich sie, und und und …. Und das war
mir alles scheißegal, und ich hab’s nicht geglaubt. Ich bin so blöd.“
„Tja“, sagte ich. „Mag sein.“
„Und dabei hatten wir praktisch keine Gemeinsamkeiten; die meisten
Sachen, über die sie redete, interessierten mich gar nicht; alles so
Kleinmädchenkram, das muss man sich mal vorstellen.“
Er kippte den Scotch.
„Scheißgefühle. Verdammte Scheißgefühle. Allein ihr Anblick, ihre
Stimme…. Oh verdammt, ich will, dass sie leidet …. Ich werde mir
den Finger abschneiden.“
„Wie wär’s mit dem Schwanz?“ sagte ich.
„Und du bist auch ein Arschloch“, sagte er.
„Wenn sie so ist, wie du sagst, ist es ihr vielleich sogar egal, was du
dir abschneidest.“
„Nein“, sagte er. „Das glaube ich nicht. So ist sie nun auch
wieder nicht.“
„Auf jeden Fall wirst du länger etwas davon haben als sie. Nur gut,
dass du kein Instrument spielst.“
„Arschloch“, sagte er. Aber
grinsen musste er doch; auch wenn es
etwas verkniffen rüberkam.
„Weißt du, diese verdammte Einsamkeit“, sagte er. „Ich
meine, ich war ja vorher auch einsam, aber jetzt ist es halt
schlimmer. Noch schlimmer.“
„Das ist doch immer so“, sagte ich. „Das gibt sich auch wieder.“
„Ich weiß, aber vielleicht will ich das ja gar nicht.“
„Oh Mann, geht’s noch komplizierter?“
Er bestellte & bekam noch einen Scotch; einen 3fachen.
„Es ist einfach alles beschissen“, sagte er. „Ich
hol mir jetzt noch öfter einen runter als vor der ganzen Sache,
aber … das Dumme ist, dass sie dabei jedesmal in meiner
Fantasie auftaucht … als verdammter Überraschungsgast.“
Die Bedienung hinter dem Tresen tat zumindest so, als
würde sie nicht zuhören.
„Ich sag doch: du solltest dir den Schwanz abschneiden.“
„Ja“, sagte er, „sollte ich. Das sollten überhaupt alle. Wenn’s
nur so einfach wär.“
„Allzu einfach wird das mit dem Finger auch nicht“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er.
„Und? Willst du ihn ihr dann per Post zuschicken?“
Er grinste. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“
„Dafür bin ich ja da“, sagte ich, „für die guten Einfälle.“
Seine Rechnung war hoch.
Das Trinkgeld, das er gab, war übertrieben.
Der Kaffee war kalt.
Ich hatte noch mehr gute Einfälle, aber darüber schwieg ich.
Als wir nach Hause gingen, schwankte er ein wenig.
Ich ging zu mir nach Hause, er zu sich nach Hause.
Ich hatte keine Bedenken, ihn
allein zu lassen.
Tust Du etwas – dann tut es mir weh.
Tust Du nichts – dann tut es mir weh.
Sagst Du etwas – dann tut es mir weh.
Schweigst Du – dann tut es mir weh.
Bist Du da – dann tut es mir weh.
Bist Du fort – dann tut es mir weh.
Weinst Du – dann tut es mir weh.
Lachst Du – dann tut es mir weh.
Du kannst tun & lassen, was Du willst …..
Es tut mir weh.
Und es tut mir weh,
dass niemand
die Schuld daran trägt.
Wo ist mein Schatten,
wenn ich in der Finsternis bin?
Existiert er nicht, oder ist er nur
untergegangen in der Lichtlosigkeit, die
ein Meer aus Schatten ist?
Wenn es Nacht ist, und ich befinde mich
in einem finstren Raum, so ist
die Finsternis darin kein Schatten.
Wenn es aber Tag ist, so ist
die Finsternis in demselben Raum
der Schatten, den die Wände werfen.
Was ist mit meinem Schatten
in dem einen,
was in dem andern
Fall?
Existent?
Nicht existent?
Fragen, die in den Wahnsinn treiben –
vielleicht.
Vielleicht aber auch
Fragen, die
aus dem Wahnsinn kommen.
Manchmal denke ich, in jeder Schulklasse
seit Menschengedenken
gab & gibt es diesen einen Jungen
– immer ist es ein Junge
niemals ein Mädchen –
der
selbstvergessen
in seiner Nase popelt & dann
seinen Popelfinger betrachtet
bevor er ihn
selbstvergessen
in seinen Mund steckt
Und ich denke :
Gut, dass ich nie dieser Junge war.
Gut, dass ich
immer
der Beobachter war.
Der Beobachter, der sich
beobachtet fühlte.
Aber manchmal
beneide ich ihn auch
diesen Jungen.
Beneide ihn
weil
er sich unbeobachtet fühlte
weil
er sich selbst
vergessen
konnte
& weil er sich
vielleicht
auch heute noch
vergessen
kann
Jemand schneidet sich am Deckel einer Sardinenbüchse,
schreit Aua!, schreit Scheiße! & blutet ….
Das ist nicht originell, aber ich verstehe es, weil es
verständlich ist.
Aber warum,
zur Hölle,
ist das menschliche Handeln
immer
so vorhersehbar –
warum ist es
immer
so unoriginell ?
Warum habe ich es
alles
schon erlebt?
Wo
bleiben die Überraschungen?
Wo
ist die Originalität?
Liebe
Trennung
Gleichgültigkeit
Hass
Ignoranz
Immer & immer wieder
das
Gleiche ….
Einige wenige Facetten mehr als
im Tierreich –
vielleicht ….
Aber nicht allzu viele.
Wo
zur Hölle
ist das Lachen über die Wunden,
wo ist die Gleichgültigkeit gegenüber
dem Blut, das aus den Schnitten fließt?
Wo ist die Originalität?
Wo ist das Besondere
in dem Augenblick, wenn
der Deckel der Sardinenbüchse
in das Fleisch
schneidet?
Da spricht der Serienkiller zu der Leiche:
„Hey, du Arschloch, ich habe dir bloß
die Kehle durchgeschnitten.
Und was machst du?
Du stirbst einfach.
Ich find das
GANZ
SCHÖN
UNFAIR
VON
DIR !
So wie mein Auto mittlerweile aussah,
wurden nicht mal mehr auf dem Supermarktparkplatz
Karten von osteuropäischen Händlern drangesteckt.
Das gefiel mir.
Ich schob meinen Einkaufswagen über den Parkplatz,
packte die Lebensmittel (Gordon’s Gin, Chips, Nudeln, Wein & Bier)
in den Kofferraum, brachte den Wagen zurück &
stieg in das rostige, vollgeschissene Etwas, das mein Auto war.
Der Auspuff hatte seinen eigenen Sound, ich mochte ihn.
Auf dem Weg nach Hause hörte ich eine Dichterlesung im Radio.
Langweilige Bilder, gesuchte Gesellschaftskritik,
ausgetrocknete Sprache…..
Meine Scheiße klingt besser, wenn sie in die Schüssel klatscht,
dachte ich.
Und dann lag auch noch eine fette weiße Katze
aufgerissen mitten auf der Straße; die nassen Gedärme über
beide Fahrstreifen verteilt. Es war nicht ihr Tag gewesen.
Meiner eigentlich auch nicht.
Aber ich hatte mein altes Auto, den Gin, und ich konnte
das Radio ausschalten.
Also ging es mir vermutlich doch besser
als der Katze.
….. als würde einem kurz nach der Geburt
eine große, schwergliedrige Kette um den Körper gelegt …..
….. man gewöhnt sich schnell an sie; sie
behindert einen kaum; man vergißt sie oft …..
….. & dann kommen die schlechten Erfahrungen,
eine nach der anderen; jede einzelne von ihnen:
1 Vorhängeschloss; ein Schloss das 2 der Glieder miteinander verbindet …..
….. & irgendwann sind es so viele Schlösser, dass die
Kette zur Fessel wird; kaum noch kann man sich bewegen …..
….. jeder Mensch fügt anderen Menschen diese Schlösser zu …..
….. & jeder wartet auf die Befreiung ….. auf die
Befreiung durch einen Menschen, der mit einem Dietrich oder
einer Haarklammer die Vorhängeschlösser öffnet …..
….. aber die Befreiung kommt nur für wenige …..
….. & die Schlösser sind überall …..
Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Also fasse ich die unklaren Gedanken.
Die trüben Gedanken.
Greife nach der Flasche mit dem klaren Getränk.
Vielleicht werden die Gedanken klarer –
es wäre unfassbar;
vielleicht werden sie noch trüber –
es wäre bedenklich.
Vielleicht sind die klaren Gedanken zu
durchschaubar;
vielleicht führt die Durchschaubarkeit der Gedanken
zu Trübsinn.
Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.
Ich betrachte sie von ferne –
& proste ihnen zu.
Vertreibung & Totschlag
der Zeit – – –
ein kapitales Verbrechen.
Spiele
Gameshows
Zerstreuung
Job
Das einzige was zählt
die Voraussetzung für alles
ist Zeit
Was die meisten Menschen langweilt
ist für mich
die Erfahrung der Zeit
Das Fühlen der Zeit
Das Begreifen der Zeit
Unausgefüllt
Sie soll hierbleiben
Ich will sie nicht vertreiben
Sie soll leben
Ich will sie nicht totschlagen
Sie soll lang sein
Eine lange lange
lange Weile
Zuweilen, wenn ich in der Nacht
mit aufgeblendeten Scheinwerfern
an einem dunklen Haus vorüberfahre –
Fenster unerleuchtet,
Jalousien nicht heruntergelassen –
male ich mir aus, dass hinter einem dieser Fenster
jemand im Bett liegt …..
schlaflos
allein
mit offenen Augen in die Fastdunkelheit starrend.
In Gedanken & Wachträumen gefangen. – –
Und plötzlich
gleitet mein Fernlicht als geometrische Figur
über die Wände des Zimmers ….
über die Tapete
über die Bilder
über die Zwischenräume
über die Leere ….
Eine geometrische Figur, die
womöglich
Assoziationen weckt
andere Gedanken
andere Träume –
Erinnerungen …..
Bevor sie das Zimmer wieder verlässt.
Vielleicht hätte ich langsamer fahren sollen.
Vielleicht hätte ich anhalten sollen.
Meist fahre ich zu schnell.
Und die Fastdunkelheit, die nach dem
Fernlicht kommt, erscheint dem starrenden Auge
wie Finsternis.
In keinem Auto habe ich so oft gekotzt
wie in dem beigefarbenen Peugeot 404
aus den 60er Jahren
Ein Kind mit Kotztüte
schwachem Kreislauf
& häufigen Kopfschmerzen –
Kein Auto ist mir so ans Herz gewachsen
Nichts hat sich mir so eingeprägt wie
seine Armaturen
sein Lenkrad
die Türöffner
die Scheinwerfer vorne & hinten
das Vieh auf dem Kühlergrill
das Handschuhfach mit den Tüten für meine Kotze
das Handschuhfach mit den Butterkeksen
Manchmal
in alten Filmen
sieht man noch seinesgleichen
& manchmal
ganz selten
sieht man seinesgleichen noch auf der Straße
oder geparkt vor dem Haus eines Narren
Dann zerfließt mein altes dummes Herz
in Erinnerungen
Du hast mir Übelkeit bereitet
Du hast mich kotzen lassen
Mehr als andere –
Aber ich liebe Dich, Baby!
Man ist über den Berg
Hat ihn überwunden
Schmerz
Sehnsucht
Erinnerungen
liegen hinter einem
Man geht weiter
Doch man bewegt sich
……. im Kreis ……
& plötzlich steht man wieder
vor demselben Berg
Der alte Schmerz
Die alte Sehnsucht
Die alten Erinnerungen
liegen vor einem
Und irgendwann ist man
zu müde
Einfach zu müde
um den Berg noch einmal zu
bezwingen
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