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Der 31. Februar

Wo eigentlich die 3
hätte sein sollen, gab es
ein Quadrat….
Ein kleines Fenster
der wechselnden Zahlen;
jeden Tag eine andere.
Und das Glas über diesem Fenster
war konvex – weil die Zahlen
so winzig waren.
Die Ziffern, mit denen die
Stunden, Minuten & Sekunden
benannt wurden, waren dennoch größer als die
Zahlen im Fenster.
Man konnte etwas lernen daraus.
Und wenn man vergesslich war,
hatte der Februar 31 Tage.


In der Zwischenzeit

Nichts brauche ich
zu suchen. Alles
ist da. Nur
sehen muss ich
es.

Bilder
Metaphern
Symbole

Sie liegen
auf meinem Weg.
Wie Sperrmüll.
Den man als Kunst verkaufen könnte.

Eine Binsenweisheit.

An jedem Tag.
In jeder Nacht.
An den ödesten Orten
liegen sie – bereit
gesehen zu werden.
Sogar am Arbeitsplatz –
dem Reich von Zwang & Fremd
bestimmung.

Auf meinem Rundgang durch die Nacht
(ich werde bezahlt dafür, dass ich Rundgänge durch die Nacht mache;
Nachtwache an Orten, wo Andere schlafen)…..
Auf einem meiner Rundgänge durch die Nacht also
war mir der Weg verstellt.
Auf dem Gang standen:
ein Kinderwagen & ein Rollator.
So dicht nebeneinander, dass
ich nicht dazwischen
passte. Dichter
neben
einander
hätten sie nicht stehen können. Platter
hätte es nicht erfunden werden können.
In meinem Kopf grinste es
während ich einen anderen Weg nahm. Um
an mein bedeutungsloses Ziel zu gelangen. Mir fehlte
ein Sarg. In dem Bild. Doch den
konnte ich mir denken. Ich bilde mir
ein, dass die Zeit
ein klein wenig weniger
vergeudet ist – wenn ich mit diesem
Blick
meiner Wege gehe…..
Durch Zwang & Fremdbestimmung.
Durch den Sperrmüll
meiner Tage. Tage, die
Nächte sind.
Durch die kurze Zeit da
zwischen.


Eine Frage der Augenblicke

Dieser Moment
im 17. Jahrhundert
als Gryphius über den Augenblick schrieb

Betrachtung der Zeit

Was hatte er im Auge?
Die Ewigkeit.

So weit
wird’s nicht reichen –

aber immer
hin: ich
lese seine Zeilen

mehr als 300
Jahre später

& weiß
was er meint.

Ich suche
dasselbe.

Jeden Moment.

Alles eine Frage
der Augen
Blicke.

 

 

Gryphius


Science Fiction

Staubbedeckte Tonbandspulen kreisten
auf einem alten Gerät. Hergestellt von
Toten. Für eine Firma, die längst nicht mehr
existierte.
Magnetisierte Vergangenheit. Schallwellen in Form.
Ein 5jähriger Junge quasselt. Verstorbene sprechen
mit ihm. Es wird gelacht & gesungen. Ein Radio spielt
im Hintergrund. Vergessene Melodien.
Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Hörte hinein
in einen Raum der Vergangenheit. Damals
hatten die Spulen sich ebenso gedreht. Kreislauf.
Wenn der Junge sprechen soll,
verstummt er.
»Erzähl mal die Geschichte mit dem Kronleuchter«,
sagt ein Mann.
Schweigen.
»Als ob Fremde da wären«, sagt eine Frau. »Dann
isser genauso.«
Irgendwann fängt ein 15Jähriger an zu singen:
»Stellt den Teller untern Tisch,
Nikolaus bricht sich das Genick –
lustig lustig, trallerallalla,
bald ist Niklas-Abend da….«

Ich saß in einem Raum der Gegenwart. Die längst
vergangen ist. Lauschte
einem Wir, das es nicht mehr gab.
Ich hörte mich lachen.
Wunder der Technik! Das Neueste vom Neuen!
In Mono. Ton für Ton bewahrt. Für die
Zukunft.
Ich erinnere mich, wie
ich damals hörte, was
damals schon lange her gewesen war.
Aber toter sind die Toten heute auch nicht – als damals.
Heute sitze ich in einem Raum der Gegenwart, die
Gegenwart ist. Der Motor ist kaputt.
Das alte Gerät macht seltsame Geräusche.
Alles vermischt sich, verwischt sich – die Schichten
der Zeit.
Die Spulen sind von neuem Staub bedeckt. Ich betrachte sie
wie einen Raum, in dem eine andere Zeit herrscht.
Ich will sie nicht hören.

All diese Science-Fiction-Filme meiner Kindheit…..
Die überholten Vorstellungen der Zukunft.
Wie charmant sie oftmals wirken.
Wie naiv.
Manchmal denke ich.
Denke: auch ich
bin so ein altes Röhrengerät
im Science-Fiction-Film der Vergangenheit,
der in einer Zukunft spielt,
die längst vorbei ist –

vorbei

ohne
vielleicht
jemals
Gegenwart
geworden –

Gegenwart
gewesen

zu
sein.

Von der Zukunft
ganz zu

schweigen.


Bumerang & Kleiderbügel

In dieser Fernsehserie, die
aus dem Schwarzweißgerät meiner Kindheit kam
& die ich niemals versäumte,
gab es einen Jungen mit einem Bumerang.
Immer wenn er ihn warf,
hielt
für die Dauer des Fluges
Alles
um ihn herum
an –
Bewegungen gefroren,
Menschen standen erstarrt (& wussten nichts davon),
die Zeit gerann, und
die Umgebung wurde zum
leblosen Bild.
Nur der Junge & sein Bumerang
bewegten sich
in diesem allgemeinen Stillstand.
Bis der Bumerang seine Kreisbahn beendet hatte
& der Junge ihn wieder auffing.
Für mich
waren die Abenteuer, um die es eigentlich ging,
nebensächlich.
Ich holte einen hölzernen Kleiderbügel aus dem Schrank,
drehte den Haken heraus –
& warf den Bügel quer durch mein Zimmer.
Nichts bewegte sich in diesem Zimmer; nur
ich & der Kleiderbügel.
Der Flug des Bumerangs war mir immer
zu kurz gewesen.
Der Flug des Kleiderbügels war noch kürzer.
Er krachte gegen die Wand &
fiel aufs Bett.
»Was machst du da?« rief die Mutter.
»Nichts«, rief ich.
Was sie mir nicht glaubte.
Und ich glaubte nicht,
dass sie erstarrt in der Küche gestanden hatte,
während der Kleiderbügel durch mein Zimmer geflogen war.
Aber ich hätte es gerne geglaubt.
Hätte gerne
Alles
angehalten.
Immer wieder.
Die Menschen.
Die Bewegung.
Und die Zeit.


Auf kurze Sicht

»Ich kann keine Straßenschilder mehr richtig erkennen«,
sagte mein Bruder. Damals, nachdem er
aus dem Knast gekommen war.
Er führte das zurück
auf die Enge der Zelle; auf das lange
Vorsichhinstarren – den Blick auf die Wände gerichtet.
Wände mit Bildern fremder Frauen. Frauen, die
nackt waren. In der Einsamkeit. Eingeschlossenheit.
Er besorgte sich eine Brille. Um die Schilder
wieder lesen zu können. Die Schilder mit den Regeln.
Meine Kurzsichtigkeit hat andere Gründe.
Und ich war ja auch weniger lange eingesperrt gewesen.
Damals – in der Klapsmühle.
Gebrochenes Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Auch ich besorgte mir eine Brille. Um die Ferne
wieder erkennen zu können. Die Ferne, in die ich
niemals wollte. In der Wirklichkeit. (Und
scheiß auf die Regeln, die dort herrschen!)
Nein, sie ist nicht zwangsläufig angeboren – die Kurzsichtigkeit.
Früher hatte ich das immer geglaubt. Man glaubt eben schnell –
bevor man eigene Erfahrungen macht. (Und dass diese Erfahrung
mich & meinen Bruder nichts Falsches gelehrt hatte, bestätigten mir
die medizinischen Fachbücher.)
Oftmals nehme ich sie ab – die Brille.
Ich brauche sie nicht, um zu lesen. Oder zu schreiben. Sie stört
beim Küssen. Sie stört beim Sex (zumindest beim Sex mit Anderen).
Und was weit weg ist, gefällt mir
verschwommen
oft besser.
Ich sperre mich selber ein.
Mein Haus ist ein Gefängnis & eine Klapsmühle
zugleich.
Glaubte ich an den Freien Willen, würde ich sagen:
ich sperre mich freiwillig ein.
Aber so naiv bin ich nicht. War ich nie.
Ich mag das lange Vormichhinstarren. Den Blick
auf die Wände gerichtet. Wände mit Bildern.
Fotos von Fremden. Da ich Familienfotos hasse. Nacktfotos
der Geliebten (ein Plural, der zum Singular wurde….)
Manche der Fotos selber geschossen, manche
geschossen von Geliebten der Geliebten – die man
niemals kennenlernen wird….. Die Frau
meines Bruders….. (Oh, diese
Mehrdeutigkeiten!) Gebrochenes
Herz, gebrochener Kopf, gebrochener Blick.
Und noch mehr sehe ich
in den Zwischenräumen.
Wo man ohne Brille schärfer sieht. Mehr er
kennt.
Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich
in meinen Träumen eine Brille trage. Wahr
scheinlich. Doch sie spielt keine Rolle. Dort.

Es dauerte nicht lange –
bis mein Bruder keine Brille mehr brauchte.
Die zurückgenommene Anpassung war eine neue Anpassung.
Ich hatte immer meine Schwierigkeiten
mit der Anpassung.
Meine Brille ist alt. Zu alt. Sie stammt aus einer Zeit
als ich Alles anders sah. Doch nur
die Oberflächen sah ich anders. Damals.
Die Unschärfe ist mein Zeitmesser.
Auf lange Sicht bräuchte ich
eine neue Brille.
Aber nein.
Nichts, was wirklich wichtig ist, sähe damit
anders

aus.

 

 

 

Kreuz- & Querverweise:

Die Klapsmühle
Das Fingerschnippen
Rosinen im Kopf
Das Chaos spritzt Wassertropfen


Wie eine Uhr

Ich gehe
nach

wie eine Uhr

die auf
zu
ziehen

Jemand

Vergessen

hat

 

Der Zeit

gehe ich nach

Hinterher
gehe ich
ihr

wie einer Geliebten
die flieht

vor
mir

 

Sie geht
weiter

ist immer

weiter
als ich

Ich bin

ihr

gleich
gültig


gleich zeit ich

Ich will leben
& sterben

gleich
zeit
ich

Oh, Moment –
das tue ich
ja

wie
Alles
Andere
auch

Nichts
hat eine

Wahl


Gedächtnislos

Gedächtnislos
möchte ich sein
in Nächten wie diesen

da nur die schönen Erinnerungen
zu existieren scheinen

Ein schmerzvoller Kontrast

Bilder
die nicht
in den hässlichen Rahmen der Gegenwart passen

Bilder
die aus dem Zeitrahmen gefallen sind

Gedächtnis
Los

Aber nein

Nichts ist verloren
in mir

Nichts ist verloren
außer mir


Tropfen in der Finsternis

Etwas
tropfte auf den Boden
in der Finsternis

,,,,,,,,,,

In welcher Entfernung
konnte man nur schätzen

,,,,,,,,,

Die Richtung
glaubte man zu erkennen
durch konzentriertes Lauschen

,,,,,,,,

Was
war es?

,,,,,,,

Ein Sekret
vielleicht

Eine Flüssigkeit
auf jeden
Fall

Blut
Schweiß
Pisse
Sperma
Eiter?

,,,,,,

Zu viele
Gerüche vermischten sich
in der Finsternis

,,,,,

Verletzungen
Lust
Tod

,,,,

Eine nicht sichtbare Lache

Vielleicht nur Wasser

,,,

»Koste doch«, flüsterte eine un
vertraute Stimme – im Takt
der Tropfen

Die tickenden Tropfen
der verfließenden Zeit

,,

Die Orientierung ging
verloren

im Raum

,

Ein weiterer Ver
lust

ohne
Be
deutung

.


Schwarzlicht

Es ist
manchmal
als änderte die Zeit
die Wellenlänge
des Lichtes

Das Licht der Lieblingslampen
anheimelnd
warm
& vertraut

wird zu

Schwarzlicht

Fremd
erscheint einem

Alles

& kalt

was man in
anderem Licht
kannte

Man sieht
die Flecken
die unsichtbar gewesen waren

Sieht
den Dreck
dessen Existenz man
in manchen Augenblicken
nur befürchtet hatte

Er leuchtet
hell

Doch
nichts
Wesentliches
hat sich verändert.

Nur
eine Wellenlänge

 

Man könnte
einfach
die Augen
schließen

wenn
es
einfach
wäre


Der Schmutzfilm

Am Ende
auf der Windschutzscheibe
macht es
keinen
Unterschied
mehr
ob
das Insekt
schön war
oder nicht

Es ist
vergangen
verflogen
tot

So oder so
ein hässlicher Fleck
der die klare Sicht
behindert

Der anmutigste Schmetterling
ist nur noch
ein Dreck

am Ende.

Ein bunter Dreck.
Ein Schmutzfilm.

Insektengleich
fliegen die Erlebnisse dahin

Erinnerungen
behindern die klare Sicht
auf die Gegenwart

Zeit verfliegt

Leben vergeht.

Und doch –
das Gedächtnis
ist
keine Scheibe

Es ist
nicht
aus Glas

obwohl es
zerbrechlich ist.

Und was den Schmetterling
& all die anderen Insekten
– hässlich oder nicht –

aus-
macht

ist
nicht

ihr Ende.

Ist nicht
der Film
der von ihnen
übrig
bleibt

in der
Erinnerung.


Im Abseits

Unverstanden
stand das Kind
im Abseits

& Abseits
war überall
wo es stand

im Leben

Der Unverstand
der Anderen
führte zu ihrem

Unverständnis

Die Anderen
standen
Abseits vom Abseits

in der Mitte
des
Lebens

wo es lärmt
& kracht
& schreit

Das Kind
liebte
die Ruhe

die Stille
der Ausgrenzung

die Mauern
des Schweigens

& sogar
ein wenig
den Schmerz der Isolation

Das Kind
verstand
im Abseits

die Anderen

& mehr
als die Anderen.

Und die Klangfarbe
auf den Mauern des Schweigens
ist ein beruhigendes

Schwarz

Und eine Uhr
geht
ganz leise

im Abseits

Unaufhaltsam
bewegt sie sich
zu

auf
die Stunde
des Kindes

im Abseits.


Traum ohne Wecker

1 Wecker
klingelte
& riss
mich
gleich
zeit
ich
aus
1 Traum
+
1 Traum im Traum

2 Ebenen
zer
stört
auf
1
mal

zeit
=
verloren

Ich hatte vergessen
einen Wecker zu
träumen

gestellt
auf eine
unbewusste
Stunde

Was ich geträumt hatte
im Traum
war

Vergessen

Was bleibt
ist
die Unsicherheit

ob
ich
wach
bin


Jetzt

Ich lebe
in der zukünftigen
Vergangenheit
erinnere mich
an die vergangene
Gegenwart
als ich an die
Zukunft
dachte
die
Jetzt
ist


Hatten wir sie wirklich?

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit
wie wir
verloren haben?

Haben wir sie überhaupt
verloren?
Haben wir sie nicht
eher
weggeworfen
liegengelassen
vergessen
?

Weggeworfen in Menschenmengen …..
wo sie zu Tode getrampelt wurde.

Liegengelassen an Orten …..
wo wir
nichts
zu suchen & daher
nichts
zu finden hatten.

Vergessen
weil unsere Sinne abgelenkt waren
durch Alles
Laute
Grelle
Aufdringliche

durch Alles
was trotz seiner offenkundigen Schwäche
stärker war als unsere Erkenntnisfähigkeit.

Vergessen
weil unser Empfinden gefesselt war
durch alberne Ziele
in einer lächerlichen Welt.

Diese unfassbare Dummheit –
sich der eigenen Sterblichkeit bewusst
& dennoch so verschwenderisch zu sein!

Hatten wir wirklich
irgendwann einmal
so
viel
Zeit?

Ja, wir hatten sie.

Und
noch
ist
Zeit
übrig.

Eine andere Zeit.

Noch
ist
Zeit

zu lernen

es
anders
zu machen.

Zeit
zu gewinnen.

Durch
Bewahren.


Am Strand der Zeit

Und dann spürst du
den Sand der Todes-Uhr zwischen deinen Zehen
Am Strand der Zeit
die du verloren hast

Du schaust auf das Meer
das immer weniger wird
& immer schneller
folgt Ebbe auf Ebbe

Verlassene Schiffe liegen auf Grund
Ein Wrack neben dem andern
ohne Ziel, ohne Hafen
unter einem grauen Himmel

Es ist kalt
& ein schneidender Wind schlägt Wellen
Du kannst nicht schwimmen
& das Fernweh schmerzt in der Brust

Es riecht nach Salz
das aus Wunden rieselt
& die Flaschen, die an Land gespült werden
sind leer

Doch
Etwas
träumt in dir
noch immer

Jemand schwimmt
in deine Richtung
nackt & schön
wie eine letzte Hoffnung

Warm & lebendig
in all der Kälte

Vielleicht
zu spät

Doch wer weiß schon
was zu spät bedeutet
wenn die Uhr
zerbrochen ist


Der Ausfall

Der Strom
war ausgefallen

Für
nur 1 Sekunde

Die elektrische Uhr
die stets
vorgegeben hatte
richtig zu gehen

fing wieder bei 0 an

& sie blinkte
als wolle sie
darauf aufmerksam machen

Darauf aufmerksam machen

dass sie
erst jetzt

richtig ging

Egal
was alle anderen Uhren sagten

Es war
höchste Zeit
gewesen

vom Strom getrennt zu werden

Es war
die richtige Zeit
für eine

Mitternacht

& ihre
Geister


Das Foto im Schnee

Schnee fiel auf das Foto, auf dem Schnee fiel.
Viel Schnee fiel
in der Gegenwart –
war gefallen
in der Vergangenheit.
Viel Schnee fiel
in Gegenwart der Vergangenheit.
In der Gegenwart, die vergehen würde …..
Wie der Schnee, der gefallen war,
wie der Schnee, der fiel.

Ich hatte das Foto verloren.
Das Foto, das mir so gefallen hatte.
Ein gefrorener Augenblick kalter Kindheit.
In Schwarzweiß, das beinahe niemals schwarzweiß ist.
Weiß war der Schnee, doch grau
der Anorak, der eigentlich rot gewesen war.
Ein Rot, das ich seither an seinem Grauton erkenne.
Ich lachte aus der Kapuze,
winkte mit dem Fausthandschuh
in die Spiegelreflexkamera.
Glücklich frierend.
Glücklich, weil es so schnell
bergab gegangen war
mit mir –
& dem Schlitten.
Glücklich, weil ich in diesem kurzen Moment
nicht an den Aufstieg dachte, nicht an
die Anstrengung.
Nicht an mich,
wie ich Jahrzehnte später
das Foto betrachten,
nicht daran, wie mein zukünftiges Ich
in das Foto & diesen Augenblick
hineinschauen, hineinfallen würde.

Das Foto, auf dem Schnee fiel,
war in den Schnee gefallen, auf den
immer mehr
Schnee fiel.
Schauer folgte auf Schauer.
Ich wußte nicht, wo ich
es, das mir so gefiel, verloren hatte.
Konnte mich nicht erinnern, wo
die Erinnerung mir aus der Hand geglitten war;
weich fallend in die Kälte.

Doch ich hatte Zeit. Vermutlich.
Ich würde warten. Wahrscheinlich.
Einfach warten
bis der Schnee, der fiel,
Vergangenheit war.


90 Jahre

Jemand hatte ein Glas zerbrochen;
die Scherben langen vor der Rezeption,
hinter der ich meinem Job nachging.
Ich wusste, wo Handfeger & Kehrblech lagen –
in dem Kabuff hinter der Hotelbar.
»Kein Problem«, sagte ich zu dem Jemand.
Es war ihm peinlich.
Ich ging in die Bar.
Öffnete die Tür zu dem Kabuff……
Die Schwester der Barfrau knöpfte ihre Bluse zu.
Auch sie arbeitete hier. Im Restaurant.
Sie hatte Feierabend.
Hatte sich umgezogen in dem winzigen Raum
neben Kühlschrank, Mikrowelle & Leergut.
»Mist«, sagte ich, »ich bin 1 Minute zu spät.«
Sie lächelte. Es war ihr nicht peinlich.
»Ja«, sagte sie.
Sie wusste, weshalb ich hier war. Sie hatte das
Klirren gehört.
»Scherben bringen Glück«, sagte sie.
»Die einen sagen so, die anderen so«, erwiderte ich.
Ich nahm den Handfeger, das Kehrblech
& einen Plastikeimer.
Ging zurück, fegte die Scherben auf, schüttete sie
in den Eimer.

Ich mochte die Schwester der Barfrau.
Eine Türkin. Schlank. Mit großer Nase.
Manchmal kam sie mit einem blauen Auge zur Arbeit,
das sie versucht hatte zu überschminken.
Ihre Brüder mochten es nicht, wenn sie
mit jemandem flirtete.

Eines Tages sagte sie zu mir:
»Ich kann Handlesen. Soll ich?«
Ich glaubte an nichts, außer an
Berührungen.
Ich gab ihr meine Rechte.
»Nein«, sagte sie, »die Linke.«
Ich gab ihr meine Linke.
Sie hielt sie in ihrer schmalen Hand.
Betrachtete die Linien.
»Und?« sagte ich.
Sie sagte: »Du wirst 90. Mindestens.«
Ich grinste
»Und in welchem Zustand?«
»Das kann ich nicht sehen.«
»Nee danke», sagte ich, »dann lieber nicht.«
Ihre Augen lächelten.

Von den weiteren 60 Jahren,
die dies damals bedeutete,
sind 20 vergangen.
20 Jahre Gegenwart.
20 Jahre Raubbau.
Und plötzlich sind da 20 weitere Jahre
Vergangenheit.
Ich habe keine Ahnung, wo
die Handleserin heute ist. Ob sie
überhaupt noch lebt; so wie ich noch lebe,
der ich schon immer älter war als sie.
Wahrscheinlich tut sie das.
Davongekommen
mit einem blauen Auge.
Ich sitze im selben Hotel, hinter derselben Rezeption,
die nur ein paar Kratzer mehr hat als damals.
Die Zahlen bleiben erschreckend.
Und unwahrscheinlich.
Ich glaube noch immer an nichts –
außer an Berührungen.
An das, was ich anfassen kann
oder wegfegen –
wie (zum Beispiel)
Scherben.


Kaputte Uhren

Traditionen
Gewohnheiten
Zerstreuungen

hängen an den Wänden
an den Mauern
des Lebens

wie kaputte Uhren

die
zu langsam
gehen

Wer sie nicht herunter
reißt

wird
die Zeit
nicht begreifen

& nie verstehen
warum das Leben
so
schnell
vergangen
ist


In einer Uhr

Sie lebte
in einer Uhr.
Sie lud ihn
zu sich nach Hause ein.
Er klopfte,
sie öffnete.
Da bemerkten sie
beide,
dass die Uhr
zu klein war.
Er konnte nicht eintreten,
sie wollte nicht
ihr Haus verlassen.
Er stand noch
eine Weile
vor der Uhr.
Dann ging er.
Auch die Uhr ging.
Und die Zeit,
die sie zeigte,
war
immer
»Zu spät«.


Bis später

»Bis später«, sagte
das Leben.
Doch
sein »später«
war
der Tod.

Der wahre Treffpunkt
für das Leben
wurde
zur Vergangenheit.

Die Gegenwart
war blind gewesen
für
die Zukunft.

Die Zukunft
war
später.

Das Leben
vorüber.


Wer es nicht begreift

Wer nicht begreift
was Zeitverschwendung ist
Wer nicht begreift
dass ich
so wie wir alle
keine Zeit
zu verlieren habe
ohne
Alles
zu verlieren
sollte besser gar nicht erst
anfangen
mich
aus der Ferne
zu
lieben.


Zeit versetzt

Die wirkliche Wahrnehmung
kommt nicht selten zu
spät, wenn mich
der Augenblick, den man
Jetzt
nennt,
über-
wältigt.
Meine Wirklichkeit ist
später.
Meine Wahrnehmung
versetzt mich;
versetzt meine Wirklichkeit,
mein Leben.
Dann
schreibe ich über das
Jetzt.
Das ist mein
Leben.
Eine Art von Pfandhaus, in dem
Alles
versetzt wird, was einmal
teuer war – & man bekommt nur
wenig dafür
zurück.
Und man verliert wahrscheinlich noch
den Pfand-
schein.
Ich weiß, wie die
Psychologen das nennen – & es
ist mir egal.


Im allerletzten Moment

»Ist das wirklich schon so lange her?«

»Jetzt ist das Jahr auch schon wieder halb rum.«

»Damals.«

»Warum dauert das so lange.«

»Es war viel zu schnell vorbei.«

»Kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen.«

Ob wir
die Zeit
wenigstens
im allerletzten Moment
unseres Lebens
begreifen?

Dann
wenn es
zu spät ist?


? : .

Wer
braucht
schon
Uhren
&
Kalender
solange
es
Spiegel
gibt
?
:
.


Ich habe keine Zeit

Die meisten Menschen haben wenig
Verständnis dafür, wenn man zu ihnen sagt:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
herumsitzen.«

Wenn man zu ihnen sagte:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
Musik hören.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
betrachten.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
schreiben.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
lesen.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
denken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
trinken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
leben.«,
hätten sie kaum
weniger wenig Verständnis.

Deshalb sage ich meist:
»Ich habe keine Zeit.« –
ohne Angabe von Gründen.


Kolbenfresser

Die subjektive Zeit :
ein festgefressener Kolben in einer toten Maschine.
Eine Maschine mit einem Zähler, der
stehengeblieben ist –
Zahlen, die sich nicht mehr verändern ….
Daten, die
für immer bleiben.
Man verrottet immer weiter, aber
das Gefühl
bleibt an diesem einen Punkt stehen –
an diesem einen Zeitpunkt,
als der Kolben sich festfraß &
das Leben ins Stocken geriet ….
Und alles, was man sucht,
sind nur noch diese Zahlen & ihre
Entsprechungen.
Längst passen sie nicht mehr
zu einem,
längst hat man sie
sterbend überholt, aber
obwohl man sie überholt hat,
sieht man sie
vor sich – &
man wird sie vor sich sehen
bis
zum
Ende.


Eine lange Weile

Vertreibung & Totschlag
der Zeit – – –
ein kapitales Verbrechen.

Spiele
Gameshows
Zerstreuung
Job

Das einzige was zählt
die Voraussetzung für alles
ist Zeit

Was die meisten Menschen langweilt
ist für mich
die Erfahrung der Zeit

Das Fühlen der Zeit
Das Begreifen der Zeit

Unausgefüllt

Sie soll hierbleiben
Ich will sie nicht vertreiben

Sie soll leben
Ich will sie nicht totschlagen

Sie soll lang sein

Eine lange lange
lange Weile


Markierungen

Die Jahre messe ich mittlerweile in Toden.
Hat SIE das noch miterlebt?
War ER schon tot, als dies geschah?
Nackte Zahlen begreife ich nicht wirklich;
die Zeiträume, die sie umschreiben,
erfasse ich nicht.
Aber die Tode machen mir die Zeit
begreifbar.
Markierungen aus Leichen.
Grabsteine.

Und dann
endlich
werde auch ich
– für ganz Wenige nur –
eine Markierung
in der Zeit.


Uhren

Die Armbanduhr :
eine Fessel
Getragen im Kerker der
Zeit

Die Uhr im GlockenTurm :
betäubt die Ohren
mit Schlägen der
Vergehens

Die Taschenuhr :
ist die Hoffnung,
die Zeit
in die Tasche stecken zu können

Der Regulator :
bemüht sich
vergebens
Regeln in mein Leben zu bringen

Die Spieluhr :
spielt Melodien, die
ich nicht kenne – oder die
mein Leben vergessen hat …..

Die Eieruhr :
ist der dahinrieselnde
Trieb

Die Sanduhr :
ist meine Wüste –
ist
mein Durst – –

Die Standuhr :
ruht – wie die Realität ….

Und hat doch eine Unruhe
wie alle Uhren …..

Wie der Grabstein
über meiner Leiche.


Kurzatmigkeit

Den langen Atem – ich
habe ihn nicht; suche
nicht nach der Zeit, die
ich verloren habe.

Vielleicht finde ich
manchmal – ohne zu suchen –
einen kleinen Moment der
Gegenwart.

Einen Augenblick, der sich
als Gewinn herausstellt,
sobald ich ihn mir bis ins
Letzte bewusst machen kann.

Den langen Atem – ich
habe ihn nicht; kurz ist
mein Atem. Aber
auch damit kann man
leben.

Die verlorene Zeit
hat nichts mehr zu
bedeuten.

Sollte sie mich
wiederfinden & sich mir
in den Weg stellen,
werde ich
die Straßenseite wechseln
& nicht
zurückblicken.