In einer Stadt, die ich nicht kannte,
in einem Haus, das mir fremd war,
lag ich nackt in einem Bett, das mir nicht gehörte,
neben einer Frau, die mich liebte.
Ich weiß nicht, wer sie war – ihr Gesicht
changierte.
Nackt las sie in einem Manuskript.
Unsere Beine waren ineinander verschränkt.
»Das ist gut«, sagte sie. »Warum schickst Du
es nicht an einen Verlag?«
»Nein«, sagte ich.
»Hast Du nie davon geträumt?«
»Als Kind vielleicht. Und vielleicht als
Jugendlicher noch – aber schon nicht mehr
so richtig.«
»Schade«, sagte sie & reichte mir einen
Umschlag.
Ich saß an einem Tisch, zitternd trotz
dicker Winterkleidung, und schob das Manuskript
in den Umschlag. Ich verschloss ihn mit meiner
Spucke & schrieb eine Adresse darauf, die ich
auswendig zu kennen schien. Ich war allein.
Allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse.
Abenddämmerung.
Vor einem geschlossenen Geschäft hing der
Briefkasten. Als ich den Umschlag einwarf, sah ich
hinter einem der Fenster das Gesicht einer
alten Frau; es kam mir bekannt vor. Hinter ihr
war Dunkelheit. In die sie verschwand.
Das Haus, in dem die Gedanken kamen, war ein
anderes als das Haus, das mir fremd war. Und
das Bett war leer.
Ich habe den Begleitbrief vergessen! Verdammt! –
Obwohl …. Nein, vielleicht ist das gut …. So
wissen sie nicht, ob es ein unaufgefordert eingesandtes
Manuskript ist …. Vielleicht lesen sie es dann
wirklich ….
Längst hatte ich vergessen, um welchen Text es sich
handelte. (Hatte ich es je gewusst?)
Mir fiel auf, dass dieses Haus keine Fenster hatte.
Zumindest nicht in dem Moment, als es mir auffiel.
Und dann
: DER ABSENDER!
Habe ich den Absender auf den Umschlag…..?
Oben links. Links oben. Habe ich?- – – Ja …. Nein ….
Nein … Ja …
Mal sah ich meinen Namen & meine Adresse, mal sah ich
sie nicht – & dann wieder wußte ich nicht, wie meine Adresse
lautete ….
Je länger der Zweifel nagte, desto mehr Buchstaben
bekam die Anwort.
Was wollte ich eigentlich?
In diesem Traum …..
Der nicht aus meiner Kindheit stammte
& nicht aus meiner Jugend.
Dass ich den Absender geschrieben hatte?
Oder dass ich vergessen hatte, ihn zu schreiben?
Oder dass es ein fremder Absender war?
– – Über all diesen Fragen & Zweifeln
wachte ich auf ….
Nackt in dem Bett, das mir gehörte,
neben der Leere, die mich liebte, mit ihrem
unveränderlichen Gesicht;
unsere Beine waren ineinander verschränkt,
in dem Haus, das mir vertraut war,
in der Stadt, die ich
kannte.
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Der Traum
Die Unvollendeten
Ich höre den Tod, wenn
die Musik verstummt
Wenn die Symphonie
nur einen Satz hat
Ich lese den Tod, wenn
der Text unvermittelt abbricht
vielleicht mitten im Satz
Ich sehe den Tod, wenn
das Gemälde unvollendet ist
sehe ihn in den nackten
Flächen der Leinwand
Fragmente
die mehr über das Leben sagen
als das Vollendete
es
jemals
kön
Hinter den Büchern
Und vielleicht
gibt es im Staub hinter den Büchern,
die im Regal stehen,
seltsame Zeichen, die man
lesen könnte.
Die asymmetrischen Fußspuren lichtscheuer Wesen,
die dort im Schatten hin & her huschten ….
Die Geheimschrift eines Luftzuges, der
in einem bestimmten Moment
durch ein Fenster wehte ….
Abdrücke von Fingern, die
nach Verlorenem tasteten …..
Und die Spur eines Buches, das man
versehentlich
zu weit nach hinten geschoben hatte.
Das Traumbuch
Und dann ging ich
zum Bücherregal & suchte
nach diesem
einen Buch.
Unbedingt
wollte ich es lesen.
Jetzt.
Ich war überzeugt
es zu besitzen.
Ich schritt die Reihen ab,
hin & her,
Meter für Meter –
erst langsam, dann
schnell, dann
wieder langsam.
Die Verzweiflung wuchs.
Der Wunsch, es zu lesen
wuchs
mit der Verzweiflung.
Wo war dieses Buch?
Ich wusste, es existiert.
Ich schwitzte.
Kam außer Atem.
Hielt schließlich inne &
setzte mich auf den Boden vor dem Regal.
Und dann
irgendwann
wurde es mir klar – :
Ich hatte dieses Buch
nur
in einem Traum gekauft.
Nachts im Park
Nachts im Park
reisse ich meinen Regenmantel auf –
Ein Gedicht
hängt mir aus dem Hosenschlitz –
Und es ist mir egal
ob es jemand sieht.
Mainstream
Nirgendwo sonst
treiben so viele
tote Fische
an der Oberfläche
wie
im Mainstream.
Bücher
Filme
Musik
Gemälde
Ansichten
Klar ist das Gewässer
& einfach.
Bis auf den Grund
kann man blicken –
aber was sich dort zeigt,
ist
Langeweile
ist
Eintönigkeit
ist
der kleinste gemeinsame Nenner
im Morast.
Wer dort angelt,
(& es sind so viele)
wird nichts schmecken,
nichts riechen
als
toten Fisch.
Toten Fisch, der
niemals
lebendig war.
Fernab
liegen die kleinen, trüben
Gewässer
des Besonderen.
Still & dunkel
ist ihre Oberfläche.
Man kann ihren Geruch
nicht einordnen.
Und man weiß nicht,
was einen erwartet
& was man
zu schlucken bekommen wird,
falls man
es wagt,
in sie
hinein
zu
springen
»Guten Morgen«
Früher Morgen.
Der Junge saß am Schreibtisch seines
toten Vaters & las.
Er hatte die ganze Nacht dort
gesessen & gelesen.
Ferien.
Es war warm; die Sonne schien,
und die große gläserne Schiebetür zum Garten
war geöffnet.
Nur die Vögel waren zu hören.
Alles sonst schien zu schlafen.
Hin & wieder blickte der Junge von seinem
Buch auf, um die Augen zu entspannen.
Betrachtete eine Amsel, die auf der hohen Gartenmauer saß;
die verwaisten Gartenmöbel,
Löwenzahnsamen, der durch die Luft flog.
Er roch das Gras, das er am Vortag gemäht hatte.
Dann las er weiter.
An das Buch würde er sich später
nicht mehr erinnern können.
Irgendwann – ja,
irgendwann betrat die nackte Frau den Garten.
Sie kam durch eine Tür an der kürzeren Seite des Bungalows.
Der Bungalow war wie ein L geschnitten. So etwas erfindet man nicht.
Barfuß ging die Frau über den Rasen. Der Junge
sah sie von hinten; sah
wie sie sich, am Tisch angekommen, leicht
vorbeugte, um sich eine Zigarette
aus der Packung zu nehmen. Aus der Packung, die er
zwar bemerkt, aber für leer gehalten hatte.
Die Sonne schien hell. So hell.
Die Frau richtete sich wieder auf,
und als sie sich umdrehte, schaute der Junge
rasch in sein Buch, das auf dem Schreibtisch lag.
Ganz kurz nur. Dann
hob er es an; langsam
höher
höher.
Er blickte vorsichtig über das Buch, über seinen Rand hinweg –
nein,
sie hatte ihn nicht bemerkt.
Aber sie kam auf ihn zu. Näherte sich der
Schiebetür, genauer: sie näherte sich
der großen Öffnung, die dort war, wo sich
normalerweise die Tür befand.
Der Junge schaute.
Der Junge begriff
sie
mit seinem Blick.
Spiel der Bewegung
Spiel des Lichts
Leichtigkeit & Grazie
Swing.
Und jetzt? JETZT JETZT…. wenn sie…. falls sie….
sie SIE SIE…. kommt…. kommt näher…. was?
Er legte das Buch erneut auf den Tisch,
schaute erneut auf die Seiten,
und die Frau betrat das Zimmer.
Der Junge wartete auf ihren
Guten-Morgen-Gruß.
Herzschlägelang.
Der Gruß kam nicht, also
wagte er den Blick….
Sie hatte das Zimmer durchquert, leise, auf nackten
Füßen, so leise, so nackt – so neu, diese
Nacktheit…. Und sie öffnete
die Tür zum Flur.
Da sagte er:
»Guten Morgen.«
Ihr Erschrecken schien echt; sie
blickte sich um, blickte ihn über ihre Schulter hinweg an – &
begann
zu lachen.
»Oh«, sagte sie, »guten Morgen. Ich
hab dich gar nicht gesehen. Ich dachte,
es schlafen noch alle.«
Eine leichte Röte in ihrem Lächeln,
(vielleicht nur eine Spiegelung seiner eigenen?)
im Licht der schräg scheinenden Sonne…..
Schon im nächsten Moment war die Frau
aus dem Zimmer gegangen.
Als wäre nichts gewesen. Als wäre sie nicht gewesen.
Fort. Doch er hätte ohnehin nichts sagen können.
Die Freundin seines großen Bruders – wie weit
voraus & fern sie ihm doch erschien. Mit ihren
17 Jahren. So fern. Und doch
würde niemand ihm je so nahe kommen, je so nahe
gehen & sein in seinem künftigen Leben – wie sie.
Ihr Name begann mit einem L. So etwas erfindet man nicht.
Der Junge klappte das Buch zu,
ohne das Lesezeichen hineinzutun; und
ich fragte mich, ob sie mich
wirklich
nicht
bemerkt hatte.
Die Antwort war
unwichtig.
Später.
Als ich sie erfuhr.
Bücher wie Menschen
Mittlerweile ist es so
dass ich mich oftmals
lieber an Bücher erinnere
als sie wiederzulesen
Die Erinnerung
sitzt so tief
So tief
wie ein neuer Eindruck
niemals
gelangen kann
Und oftmals
möchte ich auch kaum noch
neue Bücher
kennenlernen
Ja,
Bücher sind
oftmals
wie
Menschen
Nicht dass der Unterschied so groß wäre
Damals,
als meine Mutter ins Zimmer kam,
während ich
schrieb.
Ich fand das
schlimmer,
als wenn sie mich
beim Wichsen erwischt hätte.
Obwohl,
eigentlich:
Kein
großer
Unterschied.
A Muse ment
Ich verstehe es ja, wenn eine Frau
(oder ein Mann)
keine Muse sein möchte.
So lange alles gut läuft, ist es
– vielleicht –
ganz schön & amüsant.
Aber wehe, es kommt Sand
ins Getriebe der Beziehung.
(Sofern es überhaupt je eine
Beziehung war – nicht einmal das ist
nötig. Eine Illusion reicht völlig.)
Dann bekommt sie (er) etwas zu
sehen oder zu hören oder zu lesen,
was verletztend sein dürfte.
Sehr verletzend.
Narben sind vorprogrammiert.
Muse muss ein beschissener Job sein.
Und ich wünsche niemandem
einen beschissenen Job.
(Na ja – »niemandem« ist jetzt
– vielleicht –
auch wieder übertrieben.)
Nachahmung
Natürlich lernt man durch
Nachahmung.
Die Frage ist nur,
was?
Als Kind war ich fasziniert davon,
dass meine Großeltern beim Abendbrot,
wenn die belegten Scheiben vor ihnen
auf dem Brett lagen,
die Rinden des Brotes in kleinen Abständen
mit der Messerspitze einritzten. –
Ich hatte keine Ahnung, warum sie es taten;
aber ich tat es auch – eine Zeitlang.
Vor dem Spiegel spielte ich Fernsehserien nach,
die mit dem Leben nichts zu tun hatten.
Als Jugendlicher – wenn mich ein Buch
fasziniert hatte – setzte ich mich sofort hin &
schrieb irgend etwas & kopierte dabei
nahezu exakt den Stil des Autors.
Inhalt interessierte mich nicht.
All das war leicht
gewesen.
Schwierig wurde es erst, als ich
als Erwachsener
versuchen sollte, ein
normales Leben, einen
normalen Lebenslauf
nachzuahmen.
Es gelang mir nicht.
Es gelingt mir nicht.
Und genau genommen, bin ich
froh darüber.
Schließlich habe ich irgendwann begriffen,
dass meine Großeltern
Dritte Zähne hatten &
nur deshalb die Brotrinden
einritzten.
Ich hatte & habe keine
Zahnprothese,
also was soll der Scheiß?
Stil ist mir immer noch
das Wichtigste, aber
ich hoffe, dass es mittlerweile
mein eigener ist, in dem ich
schreibe.
Und den Tod kriege ich auch hin,
ohne ihn nachzuahmen.
Kettensägenmassaker
Wenn ich
Ketten säge,
die meinen Hals einschnüren &
mich zu ersticken drohen,
fallen
manchmal
Perlen auf den Boden.
Und auf denen
rutsche ich dann
Aus.
Nichts ist mir originell genug
Nichts
ist mir originell genug.
Ich
bin mir nicht originell genug.
Der Serienkiller
ist mir nicht originell genug.
Der Dichter
ist mir nicht originell genug.
Alles
erinnert mich an etwas.
Alles
ist schon dagewesen.
Alles
ist Nachahmung.
Alles
hat Bezug auf Vergangenheit.
Alles
ist Nichts.
Und Nichts
ist mir originell genug.
Und der Tod
ist ein einfallsloser Langweiler.
Die Schneekugel
Als Kind wollte ich
in einer Schneekugel wohnen.
Geschlossene Räume mochte ich
schon immer.
Von geschlossenen Träumen
ganz zu schweigen.
Den Kleiderschrank in unserem Kinderzimmer –
ich räumte ihn aus;
stellte 2 Stühle & einen kleinen Tisch
hinein, auf den Tisch
meine Lieblingslampe.
Mein Bruder & ich, wir
setzten uns in diesen Schrank, und
er las mir vor.
Denn ich konnte noch nicht
lesen.
Nur träumen & mir ALLES vorstellen.
Der Kleiderschrank – es
gibt ihn noch; er steht schimmelnd
in einem feuchten Keller.
Er ist eng. Zu eng für mich
& meine Träume.
Mein Bruder – es
gibt ihn noch; er sitzt
mir nicht mehr gegenüber.
Der Kontakt ist abgebrochen.
Die Lampe wurde
weggeworfen.
Geschlossenen Räume –
ich mag sie noch immer.
Ich kann mir nicht mehr
ALLES
vorstellen.
Aber ich kann lesen.
Und der Schnee, den ich
durch geschlossene Fenster betrachte:
er erinnert mich.
Ich habe keinen Charakter
Im Übrigen habe ich
keinen Charakter.
Jedesmal wenn ich höre oder lese,
was andere über ihren Literatur-, Musik-,
Film- oder Kunstgeschmack sagen,
denke ich mir:
DAS ist Charakter.
Dezidierte Ansichten.
Ein dezidiertes Ausschluss-
verfahren.
Ich:
schätze zu
Vieles.
Zu vieles, das nicht
zueinander
passt.
Literaten, Musiker,
Filmschaffende, Künstler, die sich
untereinander
gehasst haben.
Verschiedene Begriffe,
verschiedene Ansichten.
sich widersprechende &
einander ausschließende
Weltbilder.
Richtungen ohne gemeinsames
Zentrum.
Ich:
habe keinen Charakter.
Vielleicht sollte mein Schädel
enger sein,
um Platz zu haben
für einen Charakter.
Aber wahrscheinlich
würde ich mich dann
schrecklich langweilen.
Revision eines Textes
Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!
(Oder war man es schon damals?)
Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:
Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.
Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….
Flucht –
wie immer.
Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.
Ihre Gedanken.
Man ist ja oft
so lächerlich.
Das Fingerschnippen
Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.
Und für jeden Text …..
Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.
(So ungefair jedenfalls)
Mir fehlt einfach Alles
Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein;
Alles, was man braucht, um
veröffentlicht
zu werden;
Alles, was man braucht, um
irgendwo
dazu
zu
gehören.
Formulare, die
innerhalb gewisser Fristen ausgefüllt werden
müssen,
lasse ich so lange liegen, bis
Strafen
angedroht werden;
& dann
lasse ich sie noch länger liegen;
Anrufe
nehme ich nicht entgegen.
Sprechen
tue ich ungern.
Vorlesen
tue ich nie.
Ich möchte nicht
gesehen werden,
nicht einmal in einem
Seitenweg.
Nicht einmal in
der Nacht.
Mir fehlt einfach Alles, was man braucht, um
ein Autor zu sein.
Alles, was ich habe, sind
ein paar Bleistifte,
ein paar Schreibmaschinen,
ein Computer
& Papier –
& ein paar
blöde Ideen, die
in der Schlaflosigkeit
des Besoffenseins
geboren werden.
Die Süßigkeit der Rache
„Solange du Texte wie den da schreibst“, sagte sie,
„will ich mit dir nichts mehr zu tun haben. Das
war zuviel.“
Vielleicht hatte sie recht.
Wahrscheinlich sogar.
Aber manchmal,
wenn nur noch Bitteres im Hause ist
& ich einen übermächtigen Appetit auf
Süßes habe,
gönne ich mir
die Süßigkeit der Rache.
Kein Grund, der Held zu sein
Ich habe doch nun wirklich
keinen Grund, der Held zu sein
in meinem Geschreibsel.
Ich schreibe für mich.
Zuallererst für mich.
Nur, um rauszulassen, was
raus muss; Ballast abzuwerfen,
damit ich nicht abstürze.
Und all das
Jämmerliche
Erbärmliche
Weinerliche
Lebensuntüchtige
Rachsüchtige
Sadistische
Masochistische
Stinkende
Faule
Gedankenlose
Grausame
in mir
kenne ich doch zu Genüge.
Kein Grund, etwas zu verbergen.
Kein Grund, etwas zu beschönigen.
Kein Grund, der Held sein zu wollen.
Für was denn?
Für wen denn?
Wenn es mir aber doch passiert,
hin & wieder (viel zu oft),
das Beschönigen,
das Verbergen,
das Heldseinwollen,
so ist auch das
nur ein Zeichen für
die ein oder andere
meiner Schwächen.
Noch eine tote Katze auf der Straße
So wie mein Auto mittlerweile aussah,
wurden nicht mal mehr auf dem Supermarktparkplatz
Karten von osteuropäischen Händlern drangesteckt.
Das gefiel mir.
Ich schob meinen Einkaufswagen über den Parkplatz,
packte die Lebensmittel (Gordon’s Gin, Chips, Nudeln, Wein & Bier)
in den Kofferraum, brachte den Wagen zurück &
stieg in das rostige, vollgeschissene Etwas, das mein Auto war.
Der Auspuff hatte seinen eigenen Sound, ich mochte ihn.
Auf dem Weg nach Hause hörte ich eine Dichterlesung im Radio.
Langweilige Bilder, gesuchte Gesellschaftskritik,
ausgetrocknete Sprache…..
Meine Scheiße klingt besser, wenn sie in die Schüssel klatscht,
dachte ich.
Und dann lag auch noch eine fette weiße Katze
aufgerissen mitten auf der Straße; die nassen Gedärme über
beide Fahrstreifen verteilt. Es war nicht ihr Tag gewesen.
Meiner eigentlich auch nicht.
Aber ich hatte mein altes Auto, den Gin, und ich konnte
das Radio ausschalten.
Also ging es mir vermutlich doch besser
als der Katze.
Aufschub durch Auftrieb
Nach irgendeiner diesen üblichen Höllennächte
ging ich ins Bett. Wälzte mich in der Finsternis
& schrieb im Kopf noch höllischere Finstergedichte.
Wie immer.
Dann schlief ich ein.
Träumte wild.
Schwitzte.
Wurde von Herzhämmern ans Kreuz genagelt.
Wachte wieder auf.
Wie immer.
Und ich erinnerte mich –
an die Nacht …. an die Gedichte …. an
jeden Scheißdreck ….
Wie immer.
Ich stand auf.
Ich hätte die Gedichte nur noch tippen müssen.
Doch bevor ich dazu kam, verpasste mir jemand
eine Ladung Gute Laune;
unerwartet & mitten in die Fresse.
Aus war’s mit der Finsternis. – –
Die Gedichte sind noch da; in meinem Kopf,
unauslöschlich wie Alles …..
Und wenn der nächste Tritt vom Leben kommt
– oder von wem auch immer -,
& er wird kommen –
wie immer,
kann ich diese Gedichte ja immer noch
tippen.
Cumshot
Worte sollten niemals so sein wie
ein großer Dichter, der
von einem Hollywoodstar gespielt wird
& doch sind sie oftmals so
Worte sollten niemals so sein wie
ein Hollywoodstar, der
von einem Soapsternchen
imitiert wird
& doch sind sie oftmals so
Worte sollten sein
wie der Cumshot eines
Pornodarstellers
so echt wie
ein niederer
Instinkt
kein Fake
keine Kunst
kein So tun als ob
Etwas
das raus muss
& rauskommt
so ehrlich wie möglich
Eine Motivation des Pornodarstellers
mag Geld gewesen sein
aber ohne den Instinkt & die Geilheit
wäre der Cumshot nicht möglich
deshalb ist er echt
so echt wie ein Hollywoodstar niemals
sein kann, wenn er
einen großen Dichter spielt,
einen Dichter,
der echter ist als jeder
Cumshot
so echt
wie Worte immer sein sollten
Wir Luschen
Wir Luschen
veröffentlichen Sätze, die
die Großen nicht einmal in ihren
Papierkorb geschmissen hätten.
Sie hätten sie mit
Benzin übergossen,
angezündet – &
als Asche
ins Klo gekippt.
Der Bestseller auf dem Kopf
Sie war gerade doppelt so alt wie
der Whisky, den ich trank. Ich
war 37 Jahre älter als der Whisky.
In einem Pub in London.
Nach dem Essen, nach dem Quatschen
nahm sie ein Buch aus ihrem Rucksack &
begann darin zu lesen,
neben den leergegessenen Tellern,
neben den leergetrunkenen Gläsern.
Es war ein Bestseller.
Einige Seiten las ich mit ihr;
auf dem Kopf (denn sie
saß mir gegenüber). Dann:
verlor ich das Interesse – an dem
Text. Mieser Stil. – Ich
ließ sie dort sitzen, für
1 oder 2 Stunden,
in ihren Shorts, mit ihrem
Bestseller –
& ich ging auf die Suche –
nach Antiquariaten –
& alten Büchern.
Die Schwäche
Sie widert mich an. Oftmals. Meine Schwäche. Die Schwäche, die mich dazu treibt, meine hingeschnodderten Worte – in welch kleinem Rahmen auch immer – in die Öffentlichkeit zu schubsen. Der kleinste Rahmen ist mir zu groß. Eigentlich. Das Internet: zu groß. Schon die Möglichkeit, dass die Worte gelesen werden könnten, beeinflusst mich; bewusst & noch stärker unbewusst. Und ich will nicht beeinflusst werden. Von Nichts & Niemandem. Selbstverständlich ist das unmöglich – aber es wäre mein Idealzustand.
Diese verdammte Schwäche. Gier nach Feedback. Suche nach Anerkennung. Menschlich, na sicher! Aber trotzdem zum Kotzen.
Warum nur habe ich damit angefangen? Warum habe ich nicht weitergemacht wie früher? Schreiben – & das Geschriebene sofort wegschliessen. Geradezu schamhaft. Wenn jemand das laute Tippen der alten mechanischen Schreibmaschine hörte, war mir das peinlich; es war, als hörte mir jemand beim Wichsen zu. Denn Schreiben war Sex. Schreiben ist Sex. Selbstbefriedigung. Abspritzen auf Papier. Und das nicht nur wegen der Sublimierung. – Wehe, ich wurde darauf angesprochen! Ich fing an zu stammeln, wich aus, brach das Thema ab.
Was tue ich da eigentlich? Was schreibe ich da eigentlich? Was veröffentlicht wird, wird kategorisiert. Ich will nicht kategorisieren. Ich will nichts ‚Gedicht’ nennen, ich will nichts ‚Story’ nennen. Auch das finde ich peinlich. Aber ich tue es dennoch. Wie lächerlich!
Und dann passiert der Gau -: man bekommt Feedback! Man lernt auf virtuellem Wege reale Leser kennen. Und wenn es noch so wenige sind, und wenn es nur einer wäre – wie zur Hölle soll einen das nicht beeinflussen?! Falls ich mir morgen in die Hose scheisse, könnte ich dann noch darüber schreiben? Bin ich so unabhängig? Ist mir alles so egal, wie ich es gerne möchte?
Ich lebe so verborgen, so zurückgezogen, wie es überhaupt nur geht; ich bin so allein, wie es überhaupt nur geht – meine Worte sollten genau so allein, genau so verborgen bleiben. Aber nein. Man ist ja Mensch. Man kann so einsam sein, wie man will, oder wie das Leben es wollte – man bleibt dieses schwache Herdentier.
Widersprüche Widersprüche Widersprüche. Ich kann sie genau so wenig lösen wie irgend jemand sonst. Also werde ich vielleicht einfach so weitermachen ……
Oder alles wieder löschen? Alles vernichten? Verschwinden, so plötzlich, wie ich aufgetaucht bin? – Vielleicht.
Vielleicht werde ich mir morgen in die Hose scheissen, um zu überprüfen, wozu ich noch fähig bin.
Sofern ich jemals zu etwas fähig war.
Weg mit dem Dreck!
Ich will Euch langweilen langweilen langweilen
so – wie Ihr mich langweilt!
All diese Gedichte –
ein einziger Dreck – & je gereimter, desto
dreckiger!
Als ob diese ganze Scheisse, die wir verzapfen,
aufgehen könnte! Nichts geht auf! Weil
wir nicht rechnen können –
weil wir uns ständig verrechnen; weil
die Welt uns über ist – weil
Ach, scheiss drauf!
Irgendwann werde ich alles löschen
& alles verbrennen …….
Und dann könnt Ihr von vorne anfangen,
mich zu langweilen –
& ich werde Euch
zu Tode langweilen!
Selbst
Ich kann tun, was ich nicht will !
Ich kann tun, was ich will !
Kunst kommt von Du cunst mich mal!
Ich scheisse auf den kleinsten Haufen
oder auf den größten, wenn es mir beliebt –
Ich treibe Spinnen in den Wahnsinn, bis
sie mir ihre Netze schenken.
Ich schreie solange Es ist mir egal!!!, bis
es mir egal ist …….. 88
Das Blech, das ich rede, ist
meine Rüstung – ich
schmiede sie mit dem
Hexenhammer ………….
Verbrennt! Verbrennt!
Auf dem Haufen Eures Scheiterns …..
Ich huste Blut in die Glut, bis
die Flammen in den Nachthimmel züngeln –
Das All ist mir egal
denn ich kann tun
was ich will!
Selbst
wenn ich es nicht will
Es sind doch nur …..
Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.
(Inwendig vorgetragen:)
Lesezeichen
Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken
Dort
wo Deine Worte am schönsten sind
Dort
wo Dein Schweigen am schönsten ist
Dort
wo Du etwas vergessen hast
Dort
wo Du mich erinnerst
Dort
wo Deine Hoffnungen sind
Dort
wo Deine Angst ist
Dort
wo ich nichts mehr verstehe
Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken
Vielleicht hast Du
mehr Seiten, als ich Lesezeichen habe
Vielleicht habe ich
mehr Lesezeichen, als Du Seiten hast
Vielleicht aber
geht die Rechnung auf
& vielleicht
brauche ich keine Lesezeichen
weil ich Dich
auswendig kenne



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