Das Hotel war geschlossen,
für einige Wochen.
Wegen Renovierungsarbeiten.
Doch es sollte nachts nicht unbewacht bleiben;
also wurde ich vom Nachtportier zum
Nachtwächter.
Die Arbeitszeit wurde um ein paar Stunden
verlängert; das bedeutete:
mehr Geld.
Keine Kleidungsvorschriften, kein Telefon,
keine Menschen.
Man stellte einen Fernseher, einen Kühlschrank
& eine Mikrowelle in das große Direktionsbüro;
dort machte ich es mir gemütlich.
Legte die Füße hoch, sah Filme, las Anna Karenina,
trank & aß, hörte Musik oder schaltete TV-Sender ein, die
ich zu Hause nicht bekam & wo nackte Frauen
zu sehen waren.
Es war 1999.
Diese längeren Nächte erschienen mir kurz.
Und ich mochte die Rundgänge.
Ich ging über die Etagen, durch die
halbdunklen Flure
…. herausgerissene Teppichböden ….
ausgehängte Türen …. leere Minibars auf den
Gängen … nackte Glühbirnen …. der Geruch
von Staub, Farbe & Lösungsmitteln …. freihängende
Drähte …. Bettgestelle …. Sessel …. Werkzeuge ….
Kabeltrommeln ….
Menschenleere Zimmer.
Ich kletterte über Hindernisse.
Meine Schritte klangen anders als sonst.
Ein seltenes Gefühl von Freiheit überkam mich.
Niemand außer mir war in diesem großen Gebäude.
Vielleicht ein paar Insekten & Spinnen.
Die Handwerker übernachteten woanders.
Ich stieg in dem kahlen Treppenhaus mit der Notfall-
treppe ganz nach oben & holte meinen
Schwanz heraus. Dann
pisste ich zwischen den Geländern hindurch
vom obersten Stockwerk ins Erdgeschoss.
Was für ein langer gebogener Strahl!
…. & der scheinbar lange Moment, den er brauchte,
um ganz unten anzukommen.
Ich lauschte dem fernen Geräusch,
blickte in die Tiefe, sah,
wie die Pfütze sich ausbreitete.
Bis zum Morgen würde sie getrocknet sein.
Das waren gute Wochen.
Und ich
ein guter Nachtwächter.
Schlagwort-Archive: Kultur
Die Renovierung
Die Leine
Der Hund spazierte ein paar Schritte vor
dem Menschen, der sich sein Herrchen nannte.
Er war nicht angeleint,
der Hund.
Er trug die Spule mit der aufgerollten Leine
in seinem Mund. Wedelte mit dem Schwanz.
Der Mensch, der sich sein Herrchen nannte,
trug nichts in seinem Maul, nichts
in seinen Pfoten.
Es sei denn
etwas
Unsichtbares.
Das ist die Frage
Die Spinne sagt sich niemals:
»Wie ging das nochmal? Scheiße, ich
hab den Faden verloren.«
Aber ich, der ich
mir das schon so oft gesagt habe
& dabei verzweifelte,
könnte die Spinne
zertreten.
Ich frage mich:
Wer ist stärker –
sie
oder
ich?
Der krumme Zeh
Diese unfassbar peinlichen & lächerlichen Momente,
die zum Menschsein gehören – & die man
mit ins Grab nehmen möchte ….
verschwiegen;
von Mit- & Nachwelt unbemerkt.
Ich stand barfuß vorm Fernseher &
holte mir einen runter.
Vielleicht zu einem Porno, vielleicht
zu einem Musikvideo – ich weiß es nicht mehr.
Es ist lange her.
Im Moment des Abspritzens
machte ich einen unkontrollierten Schritt vorwärts
&
brach mir dabei den 2. Zeh
des linken Fußes.
Er wurde schwarz.
Er wurde dick.
Er wurde krumm.
Stechender
Schmerz.
Ich ging nicht zum Arzt.
Wie üblich.
Ich tat gar nichts.
Außer zu humpeln.
Und mir eine Erklärung für das Humpeln
auszudenken.
Für die Menschen, die mich danach fragten –
& die doch wohl
ähnlich peinliche & lächerliche Momente
in ihrem Leben hatten, die sie
verschweigen & mit ins Grab nehmen wollten.
Der Schmerz stach weiter.
Und während ein halbes Jahr verging,
kam er immer wieder,
obwohl die Schwellung & die Schwärze
längst verschwunden waren.
Der Zeh,
er blieb krumm.
Er passt nicht mehr
in die Reihe.
Ist nicht mehr
genormt.
Ein kleines Denk- & Mahnmal;
eine schiefe Erinnerung,
die mich immer wieder
grinsen lässt
& nachdenken
über
die Peinlichkeit
des Menschseins.
Kein Neid
Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen
bereiten ihnen keinerlei Probleme; sie
denken nicht einmal darüber nach,
sie erledigen vieles
beinahe automatisch.
Es kostet sie
keine Überwindung,
Anforderungen gerecht zu werden.
Sie nehmen vieles
wichtig & ernst.
Der Job – kein Problem.
Termine – kein Problem.
Telefonate – kein Problem.
Kontakte – kein Problem.
Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.
Ich
funktioniere schlecht.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen,
die Wiederholungen kleiner, lächerlicher
Tätigkeiten, die einem die Lebenszeit
wegfressen – ich kann sie
schwer ertragen.
Der Job – eine Freiheitsberaubung.
Jeder Termin – eine Schlinge am Hals.
Jedes Telefonat – ein Drama der Selbstüberwindung.
Jeder Kontakt – eine Störung der inneren Ruhe.
Ich funktioniere schlecht.
Weniges nehme ich
wichtig & ernst.
Weniges erledige ich automatisch;
überall sind
Gedanken, die dazwischenkommen.
Anforderungen überfordern mich.
… & doch …
Ich empfinde keinen Neid.
Ich möchte nicht sein
wie sie.
Nicht funktionieren wie sie.
Ich möchte nicht tauschen.
Denn ich weiß:
Ich werde entschädigt; es gibt
einen Ausgleich für meine Defizite.
Es gibt einen Ausgleich
in allen Bereichen, die mir
wirklich
wichtig sind.
In allen Bereichen, die
meine relative Freiheit ausmachen.
Nein.
Kein Neid!
Niemals!
Nun ja, so war das damals
Mit 17 schrieb ich eine Story
über jemanden, der vergaß,
das Fernlicht abzublenden & dadurch
den Tod eines Entgegenkommenden
verursachte.
Denn ich war begeistert von der Tatsache,
dass die Meisten es nicht vergaßen –
& beängstigt von der Möglichkeit,
es könnte jemand vergessen.
Nun ja,
so war das
damals.
Die Schere in meinem Kopf
Manchen Frauen möchte ich immer
eine Schere reichen.
Denn immer sind ihre
Röcke, Kleider & Hosen
zu lang.
Aber
falls sie die Schere nicht annehmen möchten,
ist da ja immer noch
die Schere
in meinem Kopf.
Auf Krücken
Die Blutlache breitete sich aus
auf dem Teppichboden …
Sie war groß wie ein Tortenboden …
Eine Tür hatte sich geschlossen …
im Streit … Und ich hatte gedacht, sie
sei nur angelehnt gewesen …
Ich hatte die Tür nur aufstoßen wollen
mit dem Fuß … trat gegen
die Glasscheibe in der Tür …
Die Scheibe splitterte …
Die Splitter drangen durch den Schuh …
Der Streit war vergessen.
Ich stützte mich auf IHRE Schulter …
hüpfte … SIE
fuhr mich ins Krankenhaus …
Eine Spritze wurde mir
in den Fuß gejagt, um ihn
zu betäuben …
Der Arzt schnitt ihn auf, um
die Splitter herauszuholen …
Einen nach dem anderen …
Die Splitter des Streits …
Ich bekam einen Verband &
Krücken …
Es war lächerlich – also
lachten wir …
SIE war
unverletzt –
ICH
auf Krücken.
Auf dem Stöpsel
Natürlich war ich es mal wieder,
der mit halber Arschbacke
auf dem Stöpsel saß & die
Mischbatterie im Rücken hatte.
Natürlich war es mal wieder
die Frau, die sich
gemütlich angelehnt mir gegenüber
im Wasser rekelte; die Haare
hochgesteckt, das Licht der Kerzen
auf feuchtglitzernder Haut.
Schaum & Wasserdampf.
»Magst Du mich noch?« fragte sie.
Es war Nacht.
»Klar«, sagte ich.
»Gut«, sagte sie.
Kurze Pause.
»Aber ich mag ja auch
Schweine – & trotzdem
esse ich Schnitzel.«
Sie grinste.
»Du Arsch.«
Sie streckte ihr rechtes Bein
mit lautem Geplätscher halb
aus dem Wasser & schob mir
ihren Großen Zeh
in den Mund.
Vorsichtig senkte ich meine Zähne
hinein, schmeckte den zergehenden
Schaum auf der Zunge.
Tropfen fielen von ihrer Wade,
Dampf stieg von ihr auf.
In ihren Augen las ich die
leicht ängstliche
Erwartung, ich könnte vielleicht
fester zubeissen.
Die Versuchung war groß.
Dieser Versuchung konnte ich
widerstehen.
Wasserdampf & Schaum.
Die Augen der Frau glitzerten, und
ihre Anspannung ließ nach,
als mein Großer Zeh
die richtige Stelle
zwischen ihren Beinen
fand.
Die falschen Schritte
Lauter
immer LAUTER
werden
Deine Schritte
in
Deinem Kopf
wenn Du
Dich
von
Dir selbst
entfernst
Die tiefe Stimme des fremden Hundes
Mehrmals am Tag weckt mich die
tiefe Stimme des fremden Hundes.
Einige Häuser weiter hält er
Wache im Garten,
rund um die Uhr;
und immer
wenn dort jemand vorübergeht,
fängt er an zu kläffen.
Ich wache auf, und oftmals kann ich
stundenlang nicht wieder einschlafen.
Ich hasse es.
Den Hund – hasse ich nicht.
Vielleicht – die Besitzer.
Menschen, die sich Wachhunde halten,
lächerliche Figuren, die nichts
verstanden haben.
Arme Hunde, die für solche Idioten
bei jedem Wetter
als Gartenutensilien & Alarmanlagen
herhalten müssen.
Nachts aber, wenn draußen alles still ist,
und ich vor der Tastatur sitze, finde ich es
schön, wenn er plötzlich
anfängt zu bellen.
Hey, denke ich, er ist wach, ich bin wach.
Es ist, als wäre da
eine Verbindung
zwischen uns.
In der Dunkelheit.
Ein unsichtbares Band, das
keine Leine ist.
Und vielleicht weckt sie ja
endlich einmal
jemand anderen auf –
die tiefe Stimme des fremden Hundes.
Wenn mich die Romantik überkommt
Wenn mich die Romantik überkommt,
zünde ich Kerzen an,
lege ruhige Musik auf,
öffne ein paar Flaschen Wein &
lese im Schein der flackernden Flammen
Beipackzettel.
Je schlimmer die Nebenwirkungen,
desto wohliger die Schauer;
die Kontraindikationen lerne ich auswendig,
um sie
gezielt zu mißachten, und
über die Dosierungshinweise lache ich laut.
Wechselwirkung – ein Begriff, den schon
Schopenhauer verachtete.
Zuguterletzt halte ich
die Zettel in die Flammen &
erfreue mich am
Brandgeruch.
Ein Fall von Relativität
Keiner der Gäste bemerkte, dass
das Hotel seit einem Vierteljahr
ohne Direktor war.
(Die Nachfolge hatte sich verzögert.)
Doch als 1 schlecht bezahlte Mitarbeiterin
der Housekeeping-Abteilung
1 Woche lang
wegen Krankheit ausfiel,
häuften sich die Beschwerden
der Gäste.
Durchbrochene Einsamkeit
Der Rückenschmerz weckte mich.
Ich lag verkehrt.
Langsam, ganz langsam
drehte ich mich im Bett; dann
ließ der Schmerz nach.
Der Wecker gönnte mir noch 2 Stunden.
Der Traum war abgebrochen.
Nach all diesen Jahren
war Sie wieder da
gewesen –
in einem unbekannten Haus;
sie roch & schmeckte wie früher;
unsere Vertrautheit schien niemals
unterbrochen worden zu sein.
Gegenwärtige Vergangenheit ….
vergangene Gegenwart.
Sie schenkte mir
Nacktfotos von sich; ich tat sie
in eine geträumte Tasche.
Dann folgte:
Vergessen. – –
Wovon war ich noch gleich
aufgewacht?
Ach ja, vom Schmerz.
Ich hatte verkehrt
gelegen.
Ich wollte nur weiterschlafen –
jetzt! Sofort!
Aber ich wusste, es würde mir
nicht gelingen.
Wo war die Tasche?
Ach ja, ich hatte sie
im Traum liegen gelassen.
Langsam drehte ich mich
im Bett auf eine Seite,
die nicht schmerzte –
& ich dachte:
Bitte, noch so einen Traum von
durchbrochener Einsamkeit!
Die richtige Art zu sterben
Wie kümmerlich
& unspektakulär
ist doch
der Tod der politisch korrekten Energiesparlampe ….
Vielleicht ein bisschen nerviges Geflacker,
ein leises Geräusch – dann das
Erlöschen.
Die altmodische Glühbirne –
sie knallt,
sie blitzt
(ein Blitz, der heller scheint als
das Licht, das sie während ihres
ganzen kurzen Lebens
ausstrahlte).
Vielleicht zerspringt ihr Glas dabei,
und der gerissene Draht
zittert & raucht sichtbar.
Sie erschreckt einen ….
& manchmal schafft sie es sogar,
dass eine Sicherung rausspringt –
& alles um sie herum wird
finster & still.
Das
ist die richtige Art
zu sterben.
Einfachverglasung
Alle meine Fenster
sind einfach
verglast.
Die Geräusche der Außenwelt
dringen hindurch.
Die Kälte der Außenwelt
dringt hindurch.
Die Hitze der Außenwelt
dringt hindurch.
Heruntergelassene Rouleaus
machen kaum
einen Unterschied.
Ich mag meine Fenster.
Sie
passen zu mir.
Nach dem Überholvorgang
Wenn ich mich
in Gedanken
überholt habe,
schaue ich
in den Rückspiegel
& zwinkere mir zu.
Und ich sehe
die wütende Faust,
die ich mir hinterherschwinge ….
Und ich
muss lächeln.
Der Lehrer
Sogar ich Schulhasser hatte mal
einen Lehrer, den ich
wirklich mochte.
Ich besuchte ihn zu Hause, und
wir sprachen über Bücher & Musik & Filme.
Und dann, im Gespräch, wurde mir klar,
weshalb ich ihn mögen musste
(& was ich wohl gespürt hatte):
Er hatte die Lust an seinem Job
verloren.
Deshalb
war er
der beste Lehrer.
Peinliche Momente
Dieses Gesicht – – –
ich grübelte, während ich
die Fertiggerichte & die Flaschen
auf das schwarze Laufband legte.
Woher kannte ich es?
Ich war leicht betrunken,
meine Erinnerung unsicher.
Dann fiel es mir ein.
Das Laufband –
es bewegte sich ruckartig, so dass
meine Flaschen
laut aneinander klirrten.
Sie scannte die Einkäufe des
Kunden vor mir;
kassierte ihn ab, wünschte ihm
einen schönen Tag.
Der Kunde vor mir ging;
sie sagte:
»Guten Morgen« zu mir, ohne
mir ins Gesicht zu sehen.
»Morgen«, sagte ich
(ich schaute auf ihr Namensschild –
ja, sie war’s).
»Kennst Du mich noch?«
Sie blickte auf.
Ihr Gesicht
hatte den schüchternen Ausdruck
von früher. Ich las keinerlei
Überraschung darin.
»Natürlich«, sagte sie.
Sie scannte meine Einkäufe.
Die Fertiggerichte,
die Flaschen.
Es war mir peinlich.
Es war ihr peinlich.
Mir waren meine Einkäufe peinlich.
Ihr war es peinlich,
meine Einkäufe zu scannen –
& hinter der Kasse zu sitzen.
Wir flüchteten uns
in Smalltalk.
Der Job,
die Vergangenheit.
Kurz nur.
Ganz kurz.
Dann wünschte sie mir
einen schönen Tag;
wie jedem Kunden.
Und ich wünschte ihr
einen schönen Tag;
wie jeder Kassiererin.
Und die Flaschen klirrten
in meinem Einkaufswagen
noch lauter als sonst,
denn ich bewegte ihn
noch schneller als sonst
zum Ausgang.
Die vergebliche Suche
Es ist die
vergebliche Suche nach
dem Gedanken
den noch niemand
gedacht hat
der das Denken
voran treibt.
Kollision
Wenn zwei
SelbstZerstörer
sich
aufeinander zu
bewegen
ist
auch von der
Liebe
keine
Rettung
zu erwarten.
Die letzten Worte
Ich lag am Boden,
umringt
von den nebelhaften Fratzen
der Schaulustigen.
Und die letzten Worte,
die ich wie aus der Ferne hörte,
bevor ich starb,
lauteten:
»Lassen Sie mich
bloß nicht durch; ich
bin Arzt!«
Der Showmaster
Keine Fluchtmöglichkeit.
Kein Entkommen
vor dem Bild des Toten
in meinem Kopf.
Durch meine Augen wurde es
nach außen projiziert; ich
sah es
überall
vervielfacht –
wie ein Tapetenmuster auf den Wänden,
wie ein Teppichmuster auf dem Boden –
& ich sah es
in den Gesichtern aller Menschen.
Ich war dem Bestatter &
meiner Mutter in die winzige Kapelle gefolgt ….
Draußen war es längst dunkel.
Der offene Sarg stand zwischen hohen
Kerzenleuchtern.
Auf den ersten Blick
fing ich an zu
zittern.
Ein Gemisch aus Rotz & Tränen
tropfte auf den Boden.
Ich blieb nahe bei der Tür stehen,
keinen weiteren Schritt hätte ich
in Richtung Sarg machen können.
Die Augen des Toten schienen mir
nicht ganz geschlossen zu sein; sie
beobachteten mich.
Der Mund war nicht ganz geschlossen;
das Gebiss wirkte monströs
zwischen den zurückgezogenen Lippen.
Schmerz war der alte Meister, der die
vergilbte Haut gezeichnet hatte.
Die Frisur des Toten war
irgendwie seltsam – ähnlich wie er sie
im Leben getragen hatte, aber eben doch
nicht exakt so …. Der Bestatter hatte
die kaum ergrauten Haare gekämmt.
Als die Mutter an den Sarg herantrat &
das Gesicht berührte, das vom Krebs
leergefressen worden war, wurde
das Grauen für mich
unerträglich.
Und sie schaute zu mir herüber & fragte:
»Willst Du nicht näher kommen & Dich
verabschieden?«
Als ich den Kopf schüttelte, tropften noch mehr
Tränen & Rotz auf den Boden.
»Wir müssen gehen«, sagte meine Mutter
zu dem Bestatter. Der Bestatter war
der Vater eines Schulfreundes.
Sie nahmen mich zwischen sich, hielten mich
unter den Armen, da ich
kaum laufen konnte.
Und sie brachten mich zum Auto.
»Das war ein Fehler gewesen«, sagte sie.
Zuhause
ging ich in mein Zimmer.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Das Bild des Toten.
Überall.
Ich schaltete den kleinen Schwarzweiß-
fernseher ein, den der Tote mir
knapp 1 Jahr zuvor
zu Weihnachten geschenkt hatte.
Es lief eine Spielshow, die
ich immer gerne sah.
Alle Beteiligten hatten
das Gesicht des Toten ….
Aber der Showmaster hatte auch
die Statur des Toten. Und
seine Frisur sah exakt so aus wie
die Frisur, die ich kurz zuvor gesehen hatte;
sie war
wie von einem Bestatter kreiert ….
Der Showmaster war
das Erschreckendste von all diesen
kleinen, schwarzweißen Wesen.
Und ich verstand nicht,
was sie sagten.
Und ich begriff nicht,
was sie taten.
Und die Träume, die folgten, waren
widerwärtig.
Und die Zeit, die folgte, ließ
das Bild des Toten
verblassen.
13 Jahre später
erhielt der Showmaster
einen Preis.
Er hielt eine Dankesrede.
Sein Gesicht
war leergefressen vom Krebs,
der Hemdkragen zu weit
für seinen Hals.
Schmerz war der alte Meister, der
unter der Schminke
sein Gesicht gezeichnet hatte.
Sein kaum ergrautes Haar
(im Farbfernseher)
schien mir ein wenig anders als sonst
gekämmt worden zu sein – –
aber ich mochte mich irren.
Kurz darauf
war der Showmaster tot.
Ich
schaute immer weniger
Fernsehen.
Der Bestatter hatte
meinen Vater fotografiert;
es war der Wunsch meiner Mutter gewesen.
Die Fotos tat sie in einen
altertümlichen Stahlsafe im Keller, den
mein Vater noch selber gekauft hatte.
Niemals wurden diese Fotos
betrachtet …..
Der Stahlsafe –
es gibt ihn noch.
Er steht noch immer in einem Keller.
Immer noch liegen die Fotos darin.
Noch immer
unbetrachtet ….
Manchmal
in durchzechten Nächten, wenn
die Musik
sehr laut ist,
zieht es mich in den Keller
wie an den Rand eines Abgrundes.
Schon als Kind glaubte ich oft,
in die Tiefe springen zu müssen ….
Doch etwas anderes in mir
hielt mich jedes Mal
zurück.
Und auch jetzt noch
ist es so.
Der Safe bleibt verschlossen;
die Fotos unbetrachtet
bis
(vielleicht)
kurz vor
dem
end-
gültigen
Sprung.
Die zerkratzte Rückenlehne
Irgendwann ist dann nur noch
die Rückenlehne
zerkratzt
Die Rückenlehne
des Sessels
auf dem man
fast bewegungslos
sitzt
Katzen
die längst verstorben sind
haben
ihre Krallen daran
geschärft
Und man
erinnert sich
Es gab mal eine Zeit
da war
der eigene Rücken
zerkratzt
Zerkratzt
von
Leidenschaft
die scharf war
Zerkratzt
von der
Leidenschaft
verschwundener
oder
verstorbener Frauen
Die Lieblingsbücher meiner Jugend
Ich widerstehe
dem Drang,
die Lieblingsbücher meiner Jugend
wiederzulesen.
Denn ich kenne
meine Erinnerung &
ihre Kraft.
Und ich weiß,
was die Zeit
anrichtet.
Ich möchte sterben
mit Illusionen,
die nicht
zerstört wurden.
Die neue Wand
Am Ende des Kellerflurs gab es
eine Tür.
Eine alte verwitterte Holztür mit einem
kleinen Fenster
in der oberen Hälfte.
Hinter der Tür gab es eine Treppe, die
in den Garten hinauf führte.
Das Schloss der Tür war altmodisch –
jedes Kind
hätte es öffnen können.
Wenn es regnete,
lief das Wasser unter der Tür hindurch
in den Flur.
Schließlich
ließ ich die Tür herausreissen
&
die Wunde zumauern.
Die Treppe blieb bestehen, aber
sie hatte keinen Sinn mehr.
Niemand
konnte jetzt mehr von außen
durch das Glas
in den Keller blicken;
niemand
konnte auf diesem Wege
mehr einbrechen –
oder den Keller verlassen.
An diese neue Wand
hängte ich ein Bild.
Das Motiv war …..
(vergessen)
Es dauerte nicht lange, und
die Wand begann
zu schimmeln.
Schwarze Flecken
entstanden dort, wo früher
das Wasser hereingelaufen war.
Und irgendwann
breiteten die Flecken sich aus
& erfassten
die anderen Wände.
Jene Wände,
die schon vorher dagewesen waren.
Und der Keller
wurde
noch dunkler.
Der Schneestrand
Eigentlich hätte da
Sand & Sonne sein müssen, aber
es lag Schnee am Strand, und
der Himmel war schwer & dunkel.
Das Meer fast schwarz,
regelmäßig gemustert von sanften Wellen.
Wir liefen barfuß durch die weiße Kälte.
Ich wusste nicht, wer sie war, aber
sie schien mich zu kennen.
Schön war sie
&
jung
&
einsam.
Ich war
einsam
&
alt
&
hässlich.
Wir lachten, bis uns warm wurde.
Das Meer war ein Rausch
im Hintergrund.
Es war eine
verkehrte Welt,
durch die wir liefen.
Aber für uns war es
die
einzig
wahre.
Der Traum
In einer Stadt, die ich nicht kannte,
in einem Haus, das mir fremd war,
lag ich nackt in einem Bett, das mir nicht gehörte,
neben einer Frau, die mich liebte.
Ich weiß nicht, wer sie war – ihr Gesicht
changierte.
Nackt las sie in einem Manuskript.
Unsere Beine waren ineinander verschränkt.
»Das ist gut«, sagte sie. »Warum schickst Du
es nicht an einen Verlag?«
»Nein«, sagte ich.
»Hast Du nie davon geträumt?«
»Als Kind vielleicht. Und vielleicht als
Jugendlicher noch – aber schon nicht mehr
so richtig.«
»Schade«, sagte sie & reichte mir einen
Umschlag.
Ich saß an einem Tisch, zitternd trotz
dicker Winterkleidung, und schob das Manuskript
in den Umschlag. Ich verschloss ihn mit meiner
Spucke & schrieb eine Adresse darauf, die ich
auswendig zu kennen schien. Ich war allein.
Allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse.
Abenddämmerung.
Vor einem geschlossenen Geschäft hing der
Briefkasten. Als ich den Umschlag einwarf, sah ich
hinter einem der Fenster das Gesicht einer
alten Frau; es kam mir bekannt vor. Hinter ihr
war Dunkelheit. In die sie verschwand.
Das Haus, in dem die Gedanken kamen, war ein
anderes als das Haus, das mir fremd war. Und
das Bett war leer.
Ich habe den Begleitbrief vergessen! Verdammt! –
Obwohl …. Nein, vielleicht ist das gut …. So
wissen sie nicht, ob es ein unaufgefordert eingesandtes
Manuskript ist …. Vielleicht lesen sie es dann
wirklich ….
Längst hatte ich vergessen, um welchen Text es sich
handelte. (Hatte ich es je gewusst?)
Mir fiel auf, dass dieses Haus keine Fenster hatte.
Zumindest nicht in dem Moment, als es mir auffiel.
Und dann
: DER ABSENDER!
Habe ich den Absender auf den Umschlag…..?
Oben links. Links oben. Habe ich?- – – Ja …. Nein ….
Nein … Ja …
Mal sah ich meinen Namen & meine Adresse, mal sah ich
sie nicht – & dann wieder wußte ich nicht, wie meine Adresse
lautete ….
Je länger der Zweifel nagte, desto mehr Buchstaben
bekam die Anwort.
Was wollte ich eigentlich?
In diesem Traum …..
Der nicht aus meiner Kindheit stammte
& nicht aus meiner Jugend.
Dass ich den Absender geschrieben hatte?
Oder dass ich vergessen hatte, ihn zu schreiben?
Oder dass es ein fremder Absender war?
– – Über all diesen Fragen & Zweifeln
wachte ich auf ….
Nackt in dem Bett, das mir gehörte,
neben der Leere, die mich liebte, mit ihrem
unveränderlichen Gesicht;
unsere Beine waren ineinander verschränkt,
in dem Haus, das mir vertraut war,
in der Stadt, die ich
kannte.
Der Müllsack am Straßenrand
Immer wenn ich
an einem Müllsack vorbeifahre
der irgendwo hingeworfen wurde
wo er nicht hingehört
bin ich
mir sicher
dass wirklich nur
Müll
darin ist
Obwohl ich
an
Leichenteile
denke
Denn
Aufregendes
passiert
immer nur
im Leben
der
Anderen.
Timex®
Die erste Armbanduhr, die ich
geschenkt bekam
als kleines Kind, war eine
Timex, die
noch kleiner war als ich.
Ein winziges Ührchen mit weißem Zifferblatt
& schwarzem Armband.
(War es eine Damenuhr? Ich weiß es nicht.)
Ich lernte es, mir diese Fessel selber anzulegen,
bewunderte die Schnalle
& liebte das Ticken.
»Wie spät ist es«, fragten mich
die Erwachsenen. Lächelnd.
Und ich antwortete, denn ich hatte es gelernt,
die Zeiger & Striche
miteinander in Verbindung zu bringen &
zu lesen.
Ich war stolz.
Bewahrte das sargähnliche Etui auf
in meinem Nachttisch.
Und jeden Tag drehte ich an dem Rädchen, um
die Uhr aufzuziehen.
Die Zeit hatte mich.
Ich sah & hörte sie
vergehen.
Und als ich
als Erwachsener
alle meine Armbanduhren
wegwarf
war es
zu spät.
Der Friedhof der Hände
Als ich ein Kind war, erzählte man mir:
Wenn ein Toter begraben wird, der in seiner
Kindheit böse war – vor allem zu seinen Eltern -,
dann wächst nach einiger Zeit
eine seiner Hände
aus dem Grab heraus …..
Als Mahnmal
für alle Nachkommenden.
Und in der Finsternis meines Zimmers,
in meinem Bett liegend,
stellte ich mir vor, wie ich
in einer Mondnacht
über einen Friedhof ging ….
Und aus fast allen Gräbern
ragten diese Hände –
in unterschiedlichen Stadien der
Verwesung.
Faulig glitzernd im fahlen Licht.
Viele
viele
Hände
Und es war nicht so sehr Furcht,
was ich fühlte. Denn
ich wusste, ich
gehörte zu ihnen.
Und ich wusste, dass sie es wussten.
Auch meine Hand würde
aus dem Grab wachsen;
auch ich würde
bewegungslos winken.
Und es hatte etwas
Beruhigendes,
nicht allein zu sein.
Es hatte etwas Beruhigendes,
zu den Bösen zu gehören.
Sie konnte nicht lesen
Im Supermarkt.
Es klirrt in meinem Einkaufswagen.
Die Frau mit dem faszinierenden Arsch
dreht sich kurz um &
schaut auf meine Flaschen.
Blickt mir flüchtig in die Augen –
& wendet sich ab.
Die Unvollendeten
Ich höre den Tod, wenn
die Musik verstummt
Wenn die Symphonie
nur einen Satz hat
Ich lese den Tod, wenn
der Text unvermittelt abbricht
vielleicht mitten im Satz
Ich sehe den Tod, wenn
das Gemälde unvollendet ist
sehe ihn in den nackten
Flächen der Leinwand
Fragmente
die mehr über das Leben sagen
als das Vollendete
es
jemals
kön



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