Die Renovierung

Das Hotel war geschlossen,
für einige Wochen.
Wegen Renovierungsarbeiten.
Doch es sollte nachts nicht unbewacht bleiben;
also wurde ich vom Nachtportier zum
Nachtwächter.
Die Arbeitszeit wurde um ein paar Stunden
verlängert; das bedeutete:
mehr Geld.
Keine Kleidungsvorschriften, kein Telefon,
keine Menschen.
Man stellte einen Fernseher, einen Kühlschrank
& eine Mikrowelle in das große Direktionsbüro;
dort machte ich es mir gemütlich.
Legte die Füße hoch, sah Filme, las Anna Karenina,
trank & aß, hörte Musik oder schaltete TV-Sender ein, die
ich zu Hause nicht bekam & wo nackte Frauen
zu sehen waren.
Es war 1999.
Diese längeren Nächte erschienen mir kurz.
Und ich mochte die Rundgänge.
Ich ging über die Etagen, durch die
halbdunklen Flure
…. herausgerissene Teppichböden ….
ausgehängte Türen …. leere Minibars auf den
Gängen … nackte Glühbirnen …. der Geruch
von Staub, Farbe & Lösungsmitteln …. freihängende
Drähte …. Bettgestelle …. Sessel …. Werkzeuge ….
Kabeltrommeln ….
Menschenleere Zimmer.
Ich kletterte über Hindernisse.
Meine Schritte klangen anders als sonst.
Ein seltenes Gefühl von Freiheit überkam mich.
Niemand außer mir war in diesem großen Gebäude.
Vielleicht ein paar Insekten & Spinnen.
Die Handwerker übernachteten woanders.
Ich stieg in dem kahlen Treppenhaus mit der Notfall-
treppe ganz nach oben & holte meinen
Schwanz heraus. Dann
pisste ich zwischen den Geländern hindurch
vom obersten Stockwerk ins Erdgeschoss.
Was für ein langer gebogener Strahl!
…. & der scheinbar lange Moment, den er brauchte,
um ganz unten anzukommen.
Ich lauschte dem fernen Geräusch,
blickte in die Tiefe, sah,
wie die Pfütze sich ausbreitete.
Bis zum Morgen würde sie getrocknet sein.
Das waren gute Wochen.
Und ich
ein guter Nachtwächter.


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