Leben eben

Die Ebene war nicht
plan – Planlos stand ich
an ihrem Rand

Rannte dann
über ihre Uneben
heiten

Was eben gewesen war
war nicht immer glatt
vorbei gegangen

& doch
Vergangen
heit

Die Mitte lag immer
im Un
Er
Reich
Baren

Ich fiel
vielmals
Stand auf

einmal mehr

Irgendwann
wird es
das letzte Mal

der Fall
gewesen
sein

Es war einmal

Verwesen
Sein

Eben noch Leben
planlos
platt

& vorbei


Mohnkörner in der Kimme

220 Gramm auf Ex
& ich dachte:
Ein guter Titel für meine Memoiren wäre
»Bekenntnisse eines deutschen Mohnkuchenessers«.

So treffend
in seinem Mangel an
Coolness. (Wofür mir gerade kein
deutsches Wort einfällt.)

Doch nach dem Ende
des Verdauungs
Prozesses dachte ich:
Noch treffender wäre
»Mohnkörner in der Kimme«.

Und mit solchen Titeln
würde man vermutlich auch
mehr verkaufen.

Dann fiel mir ein, dass ich
Nichts zu verkaufen habe.

Scheiße! Das finde ich
beruhigend.

 

 

de Quincey


Stumpfe Bleistifte

Sätze, die mir etwas bedeuten,
unterstreiche ich
mit Bleistift.
Der Bleistift muss stumpf sein.
So stechen die Sätze besser
hervor.
Ein stumpfer Bleistift hält
länger als ein angespitzter.
Und zwar: aus
mehreren Gründen.


Zu blöd

Ich wäre gerne originell
bis zur Unmenschlichkeit.

Aber daraus wird
wohl nichts werden.


Der schwere Weg ins Nirgendwo


»Ich habe dich geliebt
aber jetzt – hasse ich dich
beinahe.«

Die getrennten Wege
führen in eine seltsame Welt,
wo das Licht der Gegenwart
auf die Vergangenheit fällt.

Beinahe ist es
als wäre die Vergangenheit
keine Realität gewesen.

Eine Realität
im eigenen Licht.

Man wird verletzt,
und der Selbstschutz setzt ein…..

Man konzentriert sich auf Alles,
über das man hinweggesehen hatte:
Die Kleinigkeiten, die einen schon trennten,
als man noch zusammen war.
Die kurzen eisigen Momente, die
in der Hitze des Gefechts so schnell
dahinschmolzen….

Sie kehren zurück
von dort wo
hin man nicht mehr zurück
kehren kann

auf diesem Wege.

Dem einfachsten

Aller
Getrennten

Wege.

Der Weg, der einem verspricht
am leichtesten über
Alles hin
weg
zu
führen

(…. zu kommen
…. zu gehen).

 

Ich
mache es mir
lieber schwer

& liebe

einfach

weiter.

Versuche es zumindest. Ver
Suche es

auf meinem Weg, der
nirgendwo
hin
führt.

Denn
dort gehöre ich
hin.


Das Glück meines Lebens

Die Erwachsenen um mich herum
nahm ich kaum wahr.
Dennoch hörte ich, wie jemand sagte:
»Er kann sich so gut mit sich selbst beschäftigen.
Man kann ihn gut alleine lassen.«
Ich war etwa 6 Jahre alt.
Ich saß auf dem Fußboden
mit einem Müllwagen aus Plastik
& ahnte nicht, dass
Dies
das Glück meines Lebens war.


Der Oldtimer

Ein Oldtimer fährt durch die Nacht.
Ich fahre hinter ihm her.
Als der Oldtimer modern war
– damals in meiner Kindheit -,
war er mir zu modern.
Ich fand ihn hässlich. Damals.
Heute – finde ich ihn schön.
Im Vergleich.
Und überhaupt.
Das ist die Schuld
der Zeit.


Ohne Dich

Ich träume
lieber von der Hölle
als von Dir.

Denn wenn ich von Dir träume
ist das Erwachen
die Hölle.


Ein Wunderliches Buch

Alle
Anstreichungen
aus
Allen
Büchern
Aller
Zeiten
die von
Allen
Lesern
Aller
Zeiten
Jemals

gemacht wurden
gemacht werden
gemacht worden

Sein

Werden

ergäben

Ein Wunderliches Buch.

Ein Buch

das der Welt
& dem All
& dem Nichts

beinahe
ähnlich wäre.

Und
Niemand
könnte es lesen.


Die Mütze der Stripperin

Durch einen dieser berüchtigten Zufälle landete ich
in einem Nachtclub. Obwohl es spätabends war, war ich
jung. Kannte die Stadt nicht, kannte die Menschen nicht.
Wusste nicht, was mich erwarten würde. Nirgends. Und
auch in diesem Club nicht, der sich Nachtclub nannte;
sogar am späten Abend.
Artistik, versprach der Schaukasten.
5 oder 6 Kekse hatte ich an dem Tag gegessen, um
Geld zu sparen.
Ich saß direkt an der Bühne, konnte meinen Ellenbogen darauf
stützen. Stützte meinen Ellenbogen darauf. Trank Rotwein.
Ohne andere Grundlage als die Kekse. 5 oder 6.
Leichter Schwindel. Artistik
wurde geboten. Man jonglierte
mit Langeweile. Zauberte.
Im Licht des Weines beinahe unterhaltsam.
Gerade wollte ich gehen, da kam
die erste Frau. Auf die Bühne neben meinen
Ellenbogen. Und zog sich aus
in einem anderen Licht.
Ich blieb.
1 Frau lang. 2 Frauen lang.
Hübsch, doch keine Schönheiten.
Weitere folgten.
Ich war so jung, dass es einfach für sie war,
älter zu sein als ich. Hübscher zu sein
war noch einfacher
für sie. Ich
war froh, hier zu sein. Dankte dem Zufall,
dem berüchtigten.
Die Schönheit kam zuletzt.
In blauem Jeansstoff. Hotpants, Weste & Mütze.
Schwarze Stiefel.
Die Artisten gerieten
in Vergessenheit;
was auf sie gefolgt war, geriet
in Vergessenheit.
In mein Vergessen.
Und der einzig wahre Zaubertrick des Abends
geschah – als sie die Mütze abnahm……
Wie konnte all
dies Haar
darunter versteckt gewesen sein?
Rotgetönte dunkle Wellen.
Und sie kam zu mir (ich konnte sie
riechen) & setzte
mir ihre Mütze auf. Lächelnd.
Ich rückte sie zurecht. Die Mütze. Am Schirm.
Es blieben nur 2
Teile, die es auszuziehen galt.
Die Weste & die Hotpants (nichts
darunter, und die Stiefel
behielt sie an)…..
Eine aufblasbare Champagnerflasche
stand auf der Bühne, vielleicht 1 Meter hoch.
Die Schönheit tanzte um sie herum, berührte
mit ihren Fingern das, was bei einer echten Flasche
der Korken gewesen wäre, lächelte
in Richtung des jüngsten Zuschauers,
der ihre Mütze trug, und die Lautsprecher
vibrierten von: Sailors: ‚A Glass of Champagne’…..
Die Mütze passte mir. Wärmte die Träume.
Erhitzte die Fantasien. Gebar Erwartungen.
Dann lag die Flasche am Boden, und
die Schönheit ritt nackt & gestiefelt auf ihr.
Im Rhythmus gesungener Worte.
Getönt wogende Wellen, weiches Fleisch – & über
all Haut Haut Haut.
You’ve got the figure full of delights
Sie ritt & tanzte, tanzte & ritt – & ich
konnte mir vorstellen, mir ausmalen, mir
erträumen – the two of us over a glass of Champagne…..
Fieberwahn des bemützten Schädels. Roter
Wein ohne Grundlage. Leichter Schwindel….. Mein Ellenbogen
hatte längst die Bühne verlassen. Schließlich
ging auch sie. Die Schönheit.
Ein kurzer Augenblitz in meine Richtung, dann
wandte sie sich um & verschwand (dieser Arsch dieser
Arsch dieser Arsch
) hinter dem Vorhang,
dessen Farbe ich vergessen habe.
Hände applaudierten. Irgendein Typ, der vermutlich
ein Gesicht hatte, kam hervor, sammelte
die 2 Teile vom Boden auf
& nahm mir die Mütze.
Wie ein Dieb.
Fort. Alles
fort.
Mein Kopf
wurde nicht kühler dadurch. Doch
ich ging. Verschwand
wie sie.
Die Frau, die ich damals liebte, hatte
die gleichen Hotpants, die gleiche Weste, eine
ähnliche Mütze. Auch sie
war älter als ich. Sie arbeitete in einer Bar &
lief gerne nackt & gestiefelt durch die Wohnung,
in der ich zu Gast war.
Berüchtigte Zufälle.
Ich kannte die Menschen nicht, kannte die Stadt nicht.
Die Stadt dieses Nachtclubs.
Ich war dort –
nur wegen Joyce.
Und Thomas Mann.
Ich stand an einem Grab
in der Nähe eines Zoos, und
die Sonne schien
auf meinen ungeschützten Schädel.
Ich konnte die Elefanten hören,
und jemand hatte eine Rose
auf ein Denkmal gelegt.
Ich dachte an die Schönheit
& an die Nacht, die
ein später Abend gewesen war.


Der 31. Februar

Wo eigentlich die 3
hätte sein sollen, gab es
ein Quadrat….
Ein kleines Fenster
der wechselnden Zahlen;
jeden Tag eine andere.
Und das Glas über diesem Fenster
war konvex – weil die Zahlen
so winzig waren.
Die Ziffern, mit denen die
Stunden, Minuten & Sekunden
benannt wurden, waren dennoch größer als die
Zahlen im Fenster.
Man konnte etwas lernen daraus.
Und wenn man vergesslich war,
hatte der Februar 31 Tage.


Mich hat eine Leere gezogen

Ich war so dumm zu glauben
dass das Vermissen das
Schmerzlichste & Schlimmste sei

bis ich
nicht mehr vermisste

Was ich vermisst hatte
war greifbar
fassbar
wirklich

Was blieb
war unbegreiflich
nicht zu fassen
& irreal

Eine einzige Leere

die schlimmer war
als Schmerz


Das Plakat

»Eigentlich seltsam«, sagte sie
(sie saß auf ihren Fersen, auf der Matratze,
nackt, den Blick gerichtet
auf das Plakat, das an der Wand hinter mir hing,
überm Kopfteil des Bettes).
»Was?« sagte ich.
»Dass du da ein Russ-Meyer-Plakat hängen hast;
du stehst doch gar nicht auf Brüste.«
Ich musste lächeln.
Das muss ich öfter
als ich denken mag.
»Erstens«, sagte ich: »ist das nicht wahr.
Die Tatsache, dass ich Beine & Hintern bevorzuge,
heisst doch nicht, dass ich nicht auf Titten stehe. Und
zweitens: sind diese Filme
unverwechselbar. Rein
formal gesehen.
Da hatte jemand Stil.
Und hat dem Alles Andere untergeordnet.
Das gefällt mir. So
muss man’s machen.«
Faster Pussycat, Kill! … Kill!
»So gesehen….«, sagte sie.
»Außerdem«, sagte ich,
»habe ich dir schon bei unserem ersten Treffen mitgeteilt,
dass mir deine gefallen.«
Jetzt lächelte sie.
Das musste sie öfter
als sie sich erinnern mag.

 

 

Plakat bw


Woanders

Was ich
hier
gefunden habe

habe ich
hier
verloren

& ich werde es
hier
niemals

wieder
finden.


Die Whist-Wut des Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Ja ja, ich weiß:
Sein Leben war tragisch,
sagt man.
Aber ich bin noch nicht am Ende
seines Tagebuchs.
Ich liege im Bett; bin
am Anfang. Und
ich muss lachen –
immer wieder.

16. April – Whist zu dritt mit Flegont. Hatte unglaubliches Pech.

17. April – Whist zu viert mit mit Roman Jefimowitsch und Flegont.
Hatte sehr großes Pech.

18. April – Whist.

19. April – Whist gespielt. Ärgerte mich über mein Pech.

20. April – Whist zu zweit mit Flegont. Glück gehabt, aber trotzdem langweilig.

21. April – Abends Whist zu viert.

22. April – Abends Whist zu fünft. Hatte Pech und war schrecklich wütend.

23. April – Whist in zwei Partien.

24. April – Lese nichts, weiß nichts. Nur für Whist vergeude ich eine Unmasse
wertvoller Zeit.

25. April – Whist. War gereizt, aber weniger als gestern.

26. April – Whist zu dritt. Ach, ist das ein Leben!

28. April – Dieser Whist zu dritt geht mir derart auf die Nerven, daß ich
zu fürchten beginne, dies könnte sich auf meine Gesundheit auswirken.
Habe mich wieder bis zur Raserei geärgert und in Haß hineingesteigert.
Aber nicht mitzuspielen – dazu fehlt mir die Kraft. […] Nach dem Abendessen
Whist, der mich sehr erzürnte.

30. April – Wozu spiele ich bloß Whist? Außer Verstimmung und Wut
bringt das doch nichts.

1. Mai – Nach dem Abendessen Whist mit Roman Jefimowitsch. Habe
mich sehr geärgert, wurde aber sehr nervös. Haben bis 1 Uhr nachts
Whist gespielt.

6. Mai – Whist gab’s überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, Whist ist für mich fast
eine Notwendigkeit – eigentlich peinlich.

So geht es weiter. Immer weiter.
Manchmal gewann er auch.
Ich hasse Spiele. Aber
das erwähnte ich schon.

Auf meinem Plattenspieler dreht sich
eine Schallplatte meiner Mutter.
1. Klavierkonzert in b-Moll op. 23
Eine Erinnerung aus früher Kindheit.
Meiner Kindheit.

Sie ist sehr
verkratzt.

Ja. Sein Leben
war tragisch.

 

 

Tschaikowski bw


Poesie & Erotikchat

Rilke im Licht eines Monitors
Ein geöffnetes Buch im Schein geöffneter Fenster
Virtueller Fenster
Poesie & Erotikchat – irgend Etwas sucht man ja immer
Die Einsamen suchen – aber nicht nur die
Hi, darf man stören? Was suchst du?
Ja, was eigentlich?
Ein rasches Ende.
Ende der Leere Ende der Sehnsucht Ende des Drucks Ende
der Geilheit Ende der Suche Ende der Eintönigkeit Ende des
Immergleichen Ende Ende Ende
Wo wohnst du? – Oh, Mist, zu weit, cu ….
Es hätte gepasst – vielleicht
Eine weitere Illusion, die man sich machen kann
Doch wahrscheinlich war die Frau ein Mann
der die Fantasien des Mannes am besten kennt
Überall Fakes (& Anglizismen, Fuck, Rilke hätte die nicht benutzt!)
Lügen – um sich begehrt zu fühlen
Wie alt bist du? Irgendwelche Tabus?
„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen….“
Wer will meine Frau ficken?
Wer will zusehen?
Wer will mich?

Überall Wille – überall Wollen – vorhanden oder gesucht
schmerzlich vermisst oder fast schon tot
– & über Allem: Fragen
Was hast du an?
Wie wär’s mit einem Rollenspiel?

Alles nur Schein – Schwein – & alleine Sein
Dominant & devot – treffen wir uns
bei einem Gläschen Natursekt
„Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen….“
Was suchst du?
Ja, was eigentlich? Und wo?
Einen romantischen Sonnenuntergang
zum Rein
wichsen
Schalt die Cam ein
Ich steh auf Dirty Talk

Rainer Maria, hilf!
Tipp Tipp Tipp Tast
aturen

Warum suchst du? Warum suchen wir? Warum immer?
mbi44 besuchbar sucht
Tina im T-shirt
(zu schön, um wahr zu sein) sucht
Paar aus Raum31 sucht

Zu wenig zu wenig zu wenig
Wer Nichts hat, sucht
Wer Etwas hat, sucht
In Büchern, in geöffneten Fenstern, die sich schließen
oder einfach verschwinden
Abkürzungen suchen Abkürzungen
„und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig voneinander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen :

dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…“

Rilke
im Licht
eines Monitors

Kurz bevor
der Strom ausfiel

 

APC_Collage - 2020.05.13 19.06 - 001


Das gefallene Licht

Das Licht
fällt auf die Straße
geworfen
vom Mond
der es gestohlen hat

Düster strahlendes Plagiat
Nächtliche Variation des Tages

Reflexion

Schöner als das Original
der unsichtbaren Sonne
die woanders sein soll

Es fällt

Und die Straße ist voller Schatten
Risse & Krater

Mir gefällt
das Gefallene
das in die Nacht geworfen wurde

wie ich

in das Leben

mitten in der Nacht


In der Zwischenzeit

Nichts brauche ich
zu suchen. Alles
ist da. Nur
sehen muss ich
es.

Bilder
Metaphern
Symbole

Sie liegen
auf meinem Weg.
Wie Sperrmüll.
Den man als Kunst verkaufen könnte.

Eine Binsenweisheit.

An jedem Tag.
In jeder Nacht.
An den ödesten Orten
liegen sie – bereit
gesehen zu werden.
Sogar am Arbeitsplatz –
dem Reich von Zwang & Fremd
bestimmung.

Auf meinem Rundgang durch die Nacht
(ich werde bezahlt dafür, dass ich Rundgänge durch die Nacht mache;
Nachtwache an Orten, wo Andere schlafen)…..
Auf einem meiner Rundgänge durch die Nacht also
war mir der Weg verstellt.
Auf dem Gang standen:
ein Kinderwagen & ein Rollator.
So dicht nebeneinander, dass
ich nicht dazwischen
passte. Dichter
neben
einander
hätten sie nicht stehen können. Platter
hätte es nicht erfunden werden können.
In meinem Kopf grinste es
während ich einen anderen Weg nahm. Um
an mein bedeutungsloses Ziel zu gelangen. Mir fehlte
ein Sarg. In dem Bild. Doch den
konnte ich mir denken. Ich bilde mir
ein, dass die Zeit
ein klein wenig weniger
vergeudet ist – wenn ich mit diesem
Blick
meiner Wege gehe…..
Durch Zwang & Fremdbestimmung.
Durch den Sperrmüll
meiner Tage. Tage, die
Nächte sind.
Durch die kurze Zeit da
zwischen.


Der Traum vom 07.03.2014

Ich war unterwegs
in einem Zug.
Ein Zug war unterwegs
mit mir
als Passagier. Wenige
Andere waren unterwegs mit mir
& schienen nicht zu zählen.
Hinter den Fenstern
im Draußen herrschte
Dunkelheit (ein sanftes Regiment, in dem
Alles unterging).
Ich stellte – ver
stellte eine Weiche; ich
weiß nicht, wie….. Es geschah
von meinem Platz aus.
Dann spürte ich die Kurve,
die der Zug nicht hätte nehmen sollen.
Es war meine Schuld.
Der Zug hielt.
Es war eine Endstation.
Alle stiegen aus – & hatten unvermittelt
alte Gesichter; trübe Augen
hatten die Orientierung verloren.
Wankende Gestalten.
Der Bahnhof war ein Kopf
bahnhof. Er war verlassen &
hatte einen Namen, den ich vergessen habe.
Ich wollte nur
nach Hause.
Und wusste nicht, wo es lag –
von hier aus, von dort
aus. Ich
wusste nur, dass dort
Niemand war.
Also ging ich in eine Telefonzelle, wie
es sie nicht mehr gibt – & wählte
meine Nummer. Ohne
Münzen eingeworfen zu haben.
Jemand antwortete.
Ein bekannte Stimme der
Vergangenheit. Eine Frau, die
längst tot war.
Ihre Stimme klang älter
als sie je geworden war; brüchig
heiser & verwirrt.
Ich wollte abgeholt werden.
Doch die Frau lag
bewegungsunfähig
in meinem Haus, von dem ich nicht wusste,
wo es lag.
Dann geschah,
was geschehen musste – & zu oft geschieht,
in schlechten Filmen:
ich erwachte.
Die Träume machen es sich immer zu einfach.
Ihr Ende ist keine Lösung.
Manchmal: eine Erlösung. Wenigstens das.
Ich bin zu Hause. Wach. Irgendwo
liegt dieser Bahnhof. Ich
weiß nicht wo. Von hier
aus. Noch immer
wanken die Gestalten orientierungslos
über den Bahnsteig. Ich
habe die Weiche gestellt. Verstellt.
Es ist meine Schuld, wenn sie
nicht nach Hause finden.
Doch die Schuld
ist auch
nur ein Traum. Ein Traum
vom Freien Willen.


Die Narbe im Gehirn

Ich liebe den Gedanken
eine Narbe im Gehirn zu haben.
Ich musste lächeln
als der Arzt es mir sagte.

Sie bietet so viel Raum für
Assoziationen
Vorstellungen
Überlegungen
Fragen…..

Woher kommt sie?

Von den Schlägen meines Vaters?
Der Migräne meiner Kindheit?
Oder doch nur von den Träumereien & Gedankenblitzen,
von den wunderbar-schmutzigen Fantasien,
dem Aberwitz & dem Irrationalen?

Sie könnte
die Form eines diabolischen Grinsens haben
oder das Zackenmuster einer Krone.

Wo liegt sie?
In welcher Hälfte, in welchem
Zentrum?

Ich vergaß
zu fragen.

Und vielleicht
liegt das Vergessene
in ihr.

Jede Narbe war einmal
eine Wunde
& hat einen Anfang
& ein Ende.

Wie würde ich denken
ohne sie?

Ohne den Augenblick der Verwundung.

Verwunderung.

Sie ist wie ein Sprung.
Ein Sprung in der Schüssel.
Das Sprunghafte meines Denkens
mag von ihr kommen.
(Es ist unwahrscheinlich, aber
was kümmert mich die Wahrscheinlichkeit!)

Sie ist wie ein Riss.
Ein Riss in einer Mauer.

Sie ist wie ein Spalt.
Ein Spalt, durch den man schaut,
um etwas Verborgenes zu sehen.

Ich musste lächeln
als der Arzt es mir sagte.
Aber der Arzt schien
irritiert.

 

 

Gehirn


Unterm gelben Zeigefinger

Was oben scheint
ist erneut der Mond.
Der Mond scheint
gelb, getarnt als Sonne.
Als Sonne der Nacht,
gelb wie der Zeigefinger eines nikotinsüchtigen Serienkillers;
er deutet
hinunter auf den Wald……
Knisterschritte in stiller Umgebung.
Was unten scheint
ist erneut die Frau. Getarnt
als Traum.
Traum, Baum, Saum eines Nacht
hemdes…. kurz & durchschimmernd ….
in Stummfilmblau.
Bloße Schenkel in Bewegung,
Nadelgeruch & das Ende der Stille.
Das Heulen des Tieres schneidet
ein Muster in die Dunkelheit & hinterlässt
eine Tonspur.
Ein Wolf träumt in der Ferne,
und seine Sehnsucht reisst die Frau
zu Boden…… fällt
über sie her,
leckt sie ab
mit schweigender Zunge &
zitterndem Schwanz.
Speichel tropft unterm Märchenmond.
Und Licht bricht in den Schweißperlen der Frau.
Rot ist die Lust
wie eine unter
gehende
Sonne….
& ihr Blut sickert
in den Boden
der Nacht.


Wenn die Wörter ausgehen

Wenn die Wörter ausgehen,
amüsieren sie sich
bloß woanders

& das Schweigen
bleibt zu Hause

zurück.

Und feiert allein.


Das Stichwort

Unauffällig & un
bemerkt von Anderen
verblutete er

Auf
Grund innerer Verletzungen

Schweigend in der Stille –
mit einem fremden Stich
Wort im Herzen.


Schwarzes Konfetti

Wie Ruß fliegt es durch die Luft
Ein Gruß vergangener Lust
Schwarze Punkte, die am Ende stehen –
Konfetti!

Die Party ist vorbei
Es gab Wenig zu bejubeln
Es beginnt
die Totenfeier

Die Punkte sind von Pappe
Kleine Neumonde, die in Löcher passen
Exakt – & ohne Zwischenraum –
Konfetti!

Und irgendwo am Boden liegt
was übrig blieb
vom Scherenschnitt

Von dem Scherenschnitt
der unser Schatten war


Die tropfende Zukunft

Kerzenwachs im Badewasser ist wie Blei
gießen – genauso sinnlos, bloß
ohne Blei.
Irgend etwas erkennt man ja immer
in den Formen – da ist es gut,
wenn man an
Nichts glaubt.
Auch nicht an die Zukunft.
Man liegt im Wasser,
träumt so für sich hin;
es ist Nacht,
es ist gemütlich & warm,
ein schwacher Luftzug bewegt die Flamme,
und die Kerze beginnt zu tropfen.
Das Wachs rinnt
vom Rand der Wanne & wird hart
im Wasser.
Seine Form hat nichts mit der Zukunft zu tun;
immerhin: hart könnte sie werden.
Ein belustigender Gedanke.
Wilde Assoziationen im Schaum.
Zukunft:
Vielleicht schlafe ich ein,
rutsche wie Blei unter die Oberfläche &…..

Doch
vor dem Ertrinken
erwacht man – so
fern man
nüchtern ist.

Das ist wie in der
Liebe.


Die Styropordecke

„In niedrigen Räumen werden auch
die Gedanken niedrig.“

behauptet Dostojewski.

Der Kellerraum, in dem ich
den Großteil meiner Jugend verbrachte, war
sehr niedrig.
Die Decke war
mit Styroporplatten verkleidet.
Dennoch
war mir Alles zu laut.
Ich selber:
ebenfalls zu laut.
Für die Anderen
& für mich.
Es pfiff in meinen Ohren –
noch Stunden nachdem ich
den Verstärker ausgeschaltet hatte.
100 Watt
in einem kleinen Raum voller Bücher.
Die Styropordecke war mein Kerbholz.
Man sah die Schmisse, die die Gitarren hinterließen,
wenn ich sie mir, ohne aufzupassen, umhängte.
Nach der Decke strecken konnte man sich nicht
in diesem Raum. Allenfalls
im Sitzen. Stand man
aufrecht, mussten die Arme nach oben hin
angewinkelt bleiben (zwischen den kantigen Spuren der Instrumente sah man
die weichrunden Vertiefungen meiner Fingerkuppen…..)

Ursprünglich waren die Platten
weiß gewesen. Später waren sie
gebräunt vom Tabaksqualm.

Über Allem:
Schritte & Klopfen.

Meine Gedanken waren
niedrig, wenn sie niedrig sein wollten;
hoch, wenn sie hoch sein wollten.
Die Träume schienen unendlich,
wann immer ich es wollte.

Die Erwartungen waren
Ungeheuer;
die Enttäuschungen
gigantisch.

Es passte Alles
in diesen kleinen, niedrigen Raum –
in dem ich meist
allein war.


Wie ein Scharfschütze

Wenn Du
Dich sicher fühlst &
am wenigsten damit rechnest –

liebe ich Dich

aus dem Hinterhalt

wie ein Scharf-
schütze.


Ein Glücksfall?

Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann….

Nach dem Auftritt saßen die 3
in der Hotelbar. Wie üblich
war ich nicht im Konzert gewesen; ich
musste arbeiten. Neben der Bar. An
der Rezeption.

(So ist es ja fast immer: man könnte
Freikarten bekommen, aber der Grund,
weshalb man sie bekommen würde, ist
derselbe, weshalb man sie nicht nutzen könnte.
Wie tiefsinnig!)

Mangelsdorff ging aufs Klo.
Volker Kriegel & Wolfgang Dauner saßen an der Theke.
Dauner fing an über Zettel’s Traum zu reden.
Irgend etwas Oberflächliches.
Eigentlich mag ich es nicht, wenn Andere
über meine Schätze reden. Es ist
eine Art von Eifersucht.
Andererseits empfand ich es als
bemerkenswerten Zufall, dass sie ausgerechnet
in einem Hotel gelandet waren, wo der
Nachtportier dieses Buch gelesen hatte.
Außerdem hatte ich in meiner Jugend keine
von Dauners TV-Sendungen über den Jazz verpasst.

Kriegel war schwer zu verstehen.
Er hatte Kehlkopfkrebs.
Sein Gitarrenstil hatte mich nie vom Hocker gehauen,
aber ich mochte seine Zeichnungen.

Ich erledigte also meine öden kleinen Aufgaben,
hörte zu, und
Mangelsdorff kam zurück vom Klo.

Das war’s auch schon.

Sie wussten kaum, dass ich da war.
Sie wussten nicht, was ich wusste,
Sie wussten nicht, dass ich zuhörte.

Als ich von Kriegels Tod erfuhr, dachte ich:
Scheißkrebs! – Wie immer.

Erst lange Zeit später las ich, dass er
einem Herzinfarkt erlegen war.

Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann DAS!

Eigentlich
ein Glücksfall.
Vermute ich.

Mangelsdorff starb ein paar Jahre später.
An Leukämie.

Dauner lebt noch.
Glaube ich.

Ich lebe noch.
Glaube ich.


Glaube & Berg

Man glaubt
man sei über den Berg

bis man
sich umdreht.


Tram-Depot

Ich hielt & wartete
vor rotem Licht

Eine Unterbrechung
meiner nächtlichen Fahrt
ohne Ziel

Eine Straßenbahn transportierte
ihre Leere
vor mir vorbei

Sie leuchtete von innen
wo niemand saß

Das Geräusch von
Rädern auf Schienen
zog vorüber

metallisch

Die Anzeige des Bestimmungsortes
entfernte sich
von mir

Der Ort erinnerte mich
an einen Hafen
in meiner Vorstellung

Kein Passagier fährt dorthin

Tram-Depot
(Fehlte da etwa ein Buchstabe?)

Am Ende

Gab es grünes Licht
für meine Ziellosigkeit


Eine gesunde Basis

Er stellte eine Frage. Im Sitzen.
»Und, warum hat’s denn nun nicht geklappt?«
Ich stand auf. Und gab eine Antwort:
»Moment, ich mach mal noch’n Tee.«
In der Küche erinnerte mich vieles
an sie…..
Meine Lieblingstasse, aus der sie Kaffee getrunken,
das Feuerzeug, mit dem sie Bierflaschen geöffnet hatte,
jedes Linoleumquadrat am Boden, das ihre Füße berührt….

Schließlich zog der Tee. Im Wohnzimmer. Zwischen
ihm & mir.
»Also?«
»Also – ich versteh’s eigentlich auch nicht. Es hatte Alles
eine gesunde Basis….. Wir haben nie etwas
zusammen unternommen; haben uns praktisch nur
im Bett getroffen, meistens lag ich schon drin, wenn sie
mich besuchte; ich kannte ihre Adresse nicht, wir hatten wenig
gemeinsam, und im Schlafzimmer brannte immer
eine bunte Lampe, so dass wir nie in der Dunkelheit
nebeneinander einschliefen.«
Er grinste, und die Teekanne war weiß. Wie immer.
»Ich beliebe nicht
zu scherzen«, glaubte ich hinzufügen zu müssen. »Mir
gefiel das wirklich.«
»Muss ich nicht verstehen«, sagte er.
»Nein. Natürlich nicht.«
»Und – wer hat denn nun Schluss gemacht?«
Ich bewegte die Beutel. Im Wasser.
»Niemand.«
»Wie – niemand?«
»Man macht doch nicht Schluss, wenn es
so läuft.«
»Ja, was denn nu?« Es klang, als würde er
die Geduld verlieren.
»Nichts«, sagte ich.
Und Grünen Tee lasse ich nie länger als
3 Minuten ziehen. Und das Wasser darf nicht
kochen – sonst wird er
bitter.


Die rollenden Köpfe

Der Mann träumte das Grauen.
Von oben herab schaute er
auf namenloses Elend:
das Viertel eines unbekannten Ortes, das
hoch auf einem Plateau lag
in irgendeiner Welt; gewaltige
steinerne Treppen führten dort hinauf – nur
dass Niemand dort hinauf stieg….
in dieser Welt.
Verfallene Hütten aus schimmelndem Material,
eingefallene Dächer – Dreck & Gestank.
Alles war gräulich, und das Wetter
konnte aus keinem Himmel kommen.
Apathische Menschen lagen am Boden
überall. Und allüberall
waren Kinder.
Körperlose Kinder.
Kleine Köpfe bewegten sich über den Unter
grund – teils schwebten sie wie auf einem Luftkissen, teils
rollten sie über das rissige Grau.
Und der Blick des Mannes, der ebenso körperlos über
Allem schwebte, sah –
wie die Köpfe
immer wieder
auf die Treppen zu
rollten…..
auf die Stufen, die in einen unsichtbaren Ab
grund führten.
Schief & verrottet waren die Stufen – schmerzhaft
pochte die Hilflosigkeit des träumenden Beobachters….
des beobachtenden Träumers. Und dann
fielen
die
Köpfe
die Treppen hinab.
Prallten auf ihre Gesichter, die anfingen
zu bluten; und
das Geschrei, das aus ihren nichtvorhandenen Kehlen drang,
hätte Jeden geweckt –
nur den Träumer nicht.
Die Eltern der stürzenden Köpfe
sahen zu. Taten
nichts.
Lagen herum. Mit bloßen
Füßen, gezeichnet von Blut
ergüssen. Nichts
interessierte sie
mehr. Nichts
konnte sie bewegen.
Die Lethargie machte ihre Augen stumpf
wie die gebrochenen Augen von Toten.
Schreie! Schreie! Schreie!
Kleine weinende Köpfe mit gebrochenen Nasen
rollten & hüpften die Stufen hinunter, der Tiefe entgegen….
wie Spielbälle sinnlosen Leidens …. Kanonenkugeln
aus berstendem Fleisch.
Des Träumers Blick schwebte
über Allem
in einem Himmel
aus dem kein Wetter kam.
Nicht die Schreie, nicht das Weinen, nicht das Wimmern
konnten ihn dem Schlaf entreissen. Und doch
erwachte er.
Aus
einem Grund, den er
nie erfahren würde ….
Aus
einem Ab
grund, den er
nur zu gut kannte…..

Heftig atmend kam er zu sich
in meinem Kopf. Kam er zu mir
in meinem Kopf, der
auf einem Kissen lag.
Sein Herz schlug wild
in meinem Schädel.
Träume stürzten treppab in mir.
Jetzt

musste nur noch

Ich

er
wachen.

Erwachen.

Und
zu mir kommen.

Aus

diesem Traum.


Nicht strafbar, denke ich

Was sie mir raubte, gehörte ihr
in gewisser Weise.

Es war nicht
strafbar.

Denke ich.

Sie beraubte mich
der Illusionen –

die ich mir
ohne sie

niemals
hätte machen können.