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Der Fußabtreter

Das abgegriffene Bild
des Herzens

ich würde es gerne
ersetzen
durch etwas Neues –

Anderes.

Andererseits:
was wäre abgegriffener
als der Gegenstand selber
für den das Herz steht?

Das Gefühl.

Immer wieder:

ergriffen
angegriffen

& oftmals:

unbegreiflich.

Also
(in platten, abgegriffenen Worten):

Ich legte Dir
mein Herz
zu Füßen.

Du hieltest es
für einen Fußabtreter.

Immerhin:
ein anderes Bild –
zur Abwechslung.

Wenn auch
kein Neues.

Egal.

Etwas liegt
am Boden.

Ein Gefühl.

Und das Herz
mag
stehen
bleiben.


Die Kontrolle

Wer die Kontrolle über sich
für immer behalten will,
sollte nicht lieben.

Wer die Kontrolle über sich
immer behält,
kann nicht lieben.

Wer die Kontrolle über alles
liebt –

sollte an mir vorübergehen.

Denn ich verliere
die Kontrolle
über mich

gar zu gern

& gar zu leicht.


Gläserne Vasen

Dieser seltsame Raum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Tag
träumen

Ein fensterloser Raum
voller Regale
denen die Rückwände fehlten

Regale
die seine innere Leere zer
teilten

kreuz & quer

in regel
lose Ab
schnitte

In den Regalen
Nichts
als Vasen aus farbigem Glas

Bunte Gefäße
ohne In
halt

Überall
Reflexion & Brechung
des Kunstlichtes

Er unterlag nicht
der Illusion
seine Träume zu beherrschen
nur weil es Tagträume waren

Gedanken
Spiele

Frauen
traumwandelten durch den Raum

spielerisch

als hätten sie
etwas ver
standen
das er nicht be
greifen konnte

Er war er
griffen
von ihrem Anblick

Tag für Tag

Maskierte Gesichter
nackte Körper

Verhüllte Körper
entblößte Gesichter

Wesen
die niemals
Etwas
sagten

Wesen
die un
auf
hör
lich
Nichts
sagten

Dieser seltsame Traum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Räumen

Räume
deren Fenster
verhangen waren

Eines Traumtages
so glaubte er
würde eine Vase aus farblosem Glas
in einem der Regale stehen

& sein Blick
würde fallen

durch das Glas
durch die Leere
durch das Nichts

auf eine Frau
ohne Maske
unverkleidet & nackt

Ihr Anblick
leicht verzerrt
durch das gekrümmte Glas

in dem er selber
sich spiegelte

Gebrochene Augen
blicke

in künstlichem Licht

& Sie
würde Etwas sagen

von dem er nicht ahnte
dass er es
sich

erträumt hatte


Ärsche

Erst
hielt sie ihren Arsch hin.
Dann
hielt sie mich hin.
Als
wäre da kein Unterschied.
Nun
gut – geil waren wir
beide.

Ein An
blick……

Ein Zu
stand……

Sie: ein Ziel.
Ich: eine Sehnsucht.

Erst
hielt sie sich hin.
Dann
hielt sie mich hin.

Die Muse
die tropfend auf mir gesessen hatte

als wir uns kaum kannten.

Wir lernten
uns kennen…..

Kamen
uns abhanden.

Denn
Nichts lässt sich
halten

so
lange
man will.

Nichts hält
was es ver
spricht.

Irgendwann
nach dem Ver
lust
kommt das Ver
siegen.

Und dann
fällt mir

Nichts

mehr


Furchtbar banal

Wäre am Anfang so wenig wie
am Ende – wäre
Alles in Ordnung.

In welcher Ordnung auch immer.

Doch am Anfang ist
mehr.

Mehr
von
Allem

was gut ist –

& nichts von dem
was weh tut.

Vergessen wäre gut
am Ende.
Doch statt des Vergessens kommt das

Vergleichen.

Was war….
Was ist….
Was bleibt….

Ich weiß,
das ist alles
furchtbar

banal.

So
wie irgendeine x-beliebige
Liebesgeschichte.

Aber – genau
deshalb kam ich ja
darauf.

Jemand rammte ihr einen Spaten in den Zeh.
An dem Abend, bevor sie zu mir kommen wollte.
Das war auch so eine Art
Anfang.

Von
irgendeinem
Ende.

Und außerdem
eine ganz andere
x-beliebige

Geschichte.


Nichts & Niemand

Niemand
sah ihr ähnlich

Überall
erkannte ich
nur Unterschiede

Nichts
hatte etwas mit ihr zu tun

Nirgends
hörte ich
eine Stimme wie ihre

Nie
war sie irgendwo

irgendwie nirgendwo

Und doch

Alles & Jedes
erinnerte mich

immer

an
SIE


Trockene Luft

Die orangenen Lämpchen der Radiatoren leuchteten.
Hinter ihren heißen Rippen gab es keine Frau,
die sang: »In heaven everything is fine«.
Wie in jenem Film.
2 Räume waren beheizt.
Die anderen: kalt.
Der Flur: kalt.
Temperaturunterschiede – als sei
Drinnen: Drinnen & Draußen zugleich.
Nacht.
Wie immer.
Aus der beheizten Einsamkeit des Schlafzimmers
ging ich in die kalte Einsamkeit der Küche, um
eine weitere Flasche Wasser zu holen.
Sah: die nackten Beine, die ich
vorm Tiefkühlfach fotografiert hatte……
& die nun fehlten – sah sie
in mir.
Ich brauchte keine Fotos.
Meine Kehle war so trocken
wie der Humor eines guten Bestatters.
Ich ging zurück, legte mich wieder hin, trank.
In der künstlich erzeugten Wärme –
der verwüsteten Luft.
Erinnerungsoasen schwitzten in der Einöde……

Hochsommer
Die Frau geht meine Kellertreppe hinauf
In einem Jeanskleid
Ich hinter ihr – unter ihr
»Ich bin schon wieder ganz nass«, sagt sie, »fühl mal.«
Sie bleibt stehen
Ich fasse unter das Kleid, unter dem sie
nichts trägt….
»Ja«, sage ich
»Weiter vorne«, sagt sie
»Oh ja«, sage ich
Wir lachen
»Was machst du nur mit mir?«, sagt sie
»Nichts«, sage ich

Nichts.
Luft, Lust, Trockenheit, Nässe.
Nichts bleibt.

2 Räume waren beheizt.
Ein kalter Flur dazwischen.
Orangene Lämpchen in der Nacht.
Auf dem Nachttisch: ein Bleistift.
Für den Fall, dass mir etwas einfiele.
Und ein Radiergummi.
Für den Fall, dass…..
Ein leichtes Stechen in der Brust; ein
stetiges Schlagen….
Hinter den Rippen gab es eine Frau.

Eine Frau, die
sang…..


Von der Mühe

Und jede Nacht versuchte ich
mir Wut & Traurigkeit aus dem Leib
zu wichsen.

Was die Wut betraf,
gelang es mir –
für einige Zeit.

Die Traurigkeit
blieb
& wuchs,

da sie
wo
anders war.

Die Nähe
der Muse
war in die Ferne gezogen.

Nur ein paar Worte
blieben
zurück.

Und die Einsamkeit sang
das alte Lied:

Von der Mühe, die man sich gibt, um
etwas zu bekommen –
bleibt nichts übrig, um
es zu halten.

Dabei möchte man doch
gehalten werden.

Nur nicht
für dumm.

Und schon gar nicht
für selbst
verständlich.


Asche zu Asche

Solange
ich brenne

hast Du

Licht –

im Dunkel

Wärme –

in der Kälte

Knistern –

in der Stille.

 

Solange
ich brenne

nähre ich die Flammen

die Du

entfacht hast.

Was übrig bleibt

von mir
von Dir
von uns

ist –

immer
dasselbe.

Liebe & Tod…..

Asche zu Asche.


Die vergessene Frage

»Das wollte ich nicht«, sagte die Frau
im Traum des Mannes.

Der Mann erwachte
& fragte sich:
Was hat sie gemeint?

Etwas
das er sich erträumt hatte?

Etwas
das geschehen war
in der ungeträumten Wirklichkeit?

In der Wirklichkeit
konnte er sie nicht fragen.
Sie hätte ihn für verrückt gehalten –

sofern sie existierte.

Vielleicht hätte sie sogar geleugnet,
je in seinen Träumen gewesen zu sein.

Lange Zeit
lag er wach & grübelte;
wünschte sich –

wieder einzuschlafen.

Als es ihm endlich gelang,
musste er sie lange suchen.

Als er sie endlich fand,
hatte er die Frage vergessen

in der Wirklichkeit.


Die Versetzung

Du hast mich

versetzt.

In Dich hinein.
Ich versetze Dich.
In mich.
So sind wir
Wir.
Immer
in
uns.
Zusammen.


Schuhe

Niemals
sah sie ihn

in Schuhen

Niemals
traf sie ihn

im Freien

Niemals
schien die Sonne

zur selben Zeit
auf sie beide

Sie
trafen sich
in Innenräumen

Träumen

unter Decken

zwischen Wänden

Mauern

im künstlichen Licht

Ungeschützte Schritte
im Schutz des Innern

Und
wenn sie sein Haus betrat
zog sie

als erstes
ihre Schuhe
aus

Und
er betrachtete sie

Und
barfuß gingen sie
gemeinsam

in
einen anderen
Raum

im Inneren
frei


Die Ratten warten auf uns

Vergiss nicht:
Wir haben noch eine Verabredung
unter der Brücke jener Stadt
die mir fremd ist
& die Du
schon kennst.

Wie wir darauf kamen?

Wir betrachteten ein Foto –
diese Brücke
bei Nacht
im Schein des Laternenlichts
romantisch & schön….

Und Du sagtest:
Da war ich schon mal….
Es gibt unheimlich viele Ratten
unter dieser Brücke.

Und ich sagte:
Ich habe nichts
gegen Ratten.

Und so
machten wir es
aus –

wir
würden dorthin
reisen

gemein
sam

uns trennen um

uns
zu treffen
unter der Brücke

uns halten
uns küssen
uns lieben

den Geräuschen der Ratten lauschen
& das Glitzern der Nacht in ihren Augen betrachten

Vergiss nicht:

Die Ratten warten

auf uns.


Der Abgrund neben dem Bett

Der Abgrund
neben dem Bett
war tiefer als erwartet.

Und doch
konnte ich dort stehen
& herabsehen

auf das Bett
das wie eine Insel war.

Die Geliebte
lag darauf ….

& im zittrig-orangenen Licht der Kerzen
streckte sie ihre Arme aus
wie ein Kind
das aufgehoben werden möchte.

Hätte die Wirklichkeit einen Sinn
für Symbole & Poesie
wäre in jenem Moment
eine Sirene zu hören gewesen –

die Sirene eines Rettungswagens.

Allein –
es war
ganz still.

Ganz

still.

Und alles schien
verkehrt –

denn
ich war es
der aufgehoben werden wollte.

Aus dem Abgrund
ließ ich mich fallen
in die Arme….

& Alles
war
richtig.


Der unsichtbare Bruch

»Sieh mal, da
hast Du etwas
kaputt gemacht.«

»Was? Wo?
Ich sehe nichts.«

»Eben.«

Etwas Unsichtbares
ging
zu Bruch.

Splitterte
in eisiges
Schweigen

mitten
in der Nacht.

Und
da es unsichtbar war
blieb nur

die Hoffnung

alle Bruchstücke
wiederzufinden

durch
vorsichtiges
Tasten

& Fühlen.

Gewissheit
Alles
wiedergefunden zu haben

würde es
niemals
geben.

Ledig
lich
die nagende Angst

ein
(vielleicht nur winziger)
Splitter

könnte
für immer
verloren
sein.


Schwarzlicht

Es ist
manchmal
als änderte die Zeit
die Wellenlänge
des Lichtes

Das Licht der Lieblingslampen
anheimelnd
warm
& vertraut

wird zu

Schwarzlicht

Fremd
erscheint einem

Alles

& kalt

was man in
anderem Licht
kannte

Man sieht
die Flecken
die unsichtbar gewesen waren

Sieht
den Dreck
dessen Existenz man
in manchen Augenblicken
nur befürchtet hatte

Er leuchtet
hell

Doch
nichts
Wesentliches
hat sich verändert.

Nur
eine Wellenlänge

 

Man könnte
einfach
die Augen
schließen

wenn
es
einfach
wäre


Das gefangene Tier

Sprich
wörtlich ist das
Auf & Ab
Laufen
des Tieres
im Käfig

Ich lief
auf & ab
Amok
in der Nacht

Schrie & brüllte & rief
auf einen
An
ruf
beantworter
der
Nichts
beantwortete

Stumm
geschaltete
Telefone ….

Die Unerreichbarkeit
des Menschen
der behauptet
zu lieben …..

Nicht gehaltene Worte
fielen
& zerbrachen
auf dem Boden
der Tatsachen

Gebrochene Versprechungen
ausgekotzt
im Eimer

Sprich
wörtlich ist das
Auf & Ab
des Gefangenen

Die Schläge
des Herzens
im Rippenkäfig

Ein Knockout
nach
dem Anderen

Die fremde Stimme
auf einer Mail
Box

Auch
ich
bin
ein
Tier.

Ein Wolf –

Ge
trieben

in die Enge

des Herzens.

Hinter den Gittern
des Schweigens
laufe ich

hin & wieder

auf & ab.

Und
was gefangen ist
denkt an

Aus
bruch.


Hemingway aufm Klo

Ich dachte an Hemingway,
der zum Schreiben aufs Klo ging,
um Marys Schlaf nicht zu stören.
Damals
im Ritz.
In Paris.
Während des Krieges.
Und er schrieb ein Gedicht
aufs Klopapier.

Ich könnte es mir nicht leisten.
Das Ritz.

Mit oder ohne
Krieg.

Ich ging aufs Klo.
Zuhause.
Es galt
den Schlaf der Frau nicht zu stören.

Also
pisste ich ins Waschbecken.

Denn
das laufende Wasser
war leiser
als die Spülung.

Auch eine Art
der Rücksichtnahme.

Dann
schrieb ich
dies.

Nun ja.

Seine Gedichte waren
auch
nicht so
besonders.


Hitlers sexuelle Vorlieben

Als ich davon erfuhr,
wusste ich,
dass mein Gefühl eine gute Wahl getroffen hatte.

Ich stellte sie mir vor…..
Diese Frau…..
Vor langer Zeit…..
Als Schülerin…..
Im Geschichtsunterricht…..

Das große Thema war:
Das Dritte Reich.
Referate mussten gehalten werden –
zu einzelnen Aspekten dieses Themas,
die sich die Schüler & Schülerinnen selber aussuchen durften.

Und sie –
diese Frau,
diese junge Frau,
dieses Mädchen –
nannte ihr Referat:

»Hitlers sexuelle Vorlieben.«

Selbst ich,
der ich die Schule so sehr hasste,
hätte gerne in dieser Klasse gesessen,
während dieses Referat gehalten wurde –

hätte gerne gesessen
zwischen all den Langweilern, die sich
die üblichen Überschriften
für ihre öden Vorträge
ausgesucht hatten.

Ich hätte gerne die Vortragende betrachtet –
& das Gesicht des Lehrers.

Vielleicht stelle ich mir diesen Auftritt
grandioser vor als er war –
sehr wahrscheinlich sogar.
Doch das ist egal.

Als sie mir davon erzählte –
so viele Jahre danach -,
wusste ich,
dass mir die richtige Frau über den Weg gelaufen war.

Und dass ich sie gerne
schon sehr viel früher

gekannt & geliebt hätte.


Spiegel-Bilder

Wenn ich das Bild
das ich von dir habe
vor einen Spiegel halte
sehe ich dich
darin
wie du dich siehst

Seiten
verkehrt.

Wenn ich
in deine Augen schaue
die mein Bild betrachten
sehe ich mich
darin
wie ich mich im Spiegel sehe

Seiten
verkehrt.

So ist das
mit dem Äußeren.

Es sind doch
nur
Bilder
Reflexionen

was wir sehen.

Daran ist nichts
falsch.

Und
Alles
worauf es ankommt

bleibt
unverkehrt

&
richtig.


Der gebrochene Blick

Matt
wie die gebrochenen Augen eines Toten
schreckte er auf
aus ruhelosen Träumen
über den gestrigen Tag

Die Leiche des Hundes lag
im Kofferraum

getrennt
vom Leben
getrennt
von gemeinsamen Momenten
der Zukunft

gehüllt
in seine Lieblingsdecke

Der Mann erinnerte sich
an den letzten Blick des Tieres
der klar gewesen war

Abschied

Der Mann stand auf
& zog sich an

Auf seinem rechten Schuh:
….. ein Fleck …..

Eingetrocknet –
Der letzte Speichel
der aus dem Mund des sterbenden Vertrauten
geflossen war

Aus dem Mund
den der Mann
nicht
»Maul« oder »Schnauze«
zu nennen ver-
mochte

Im Tiefkühlfach
gab es noch einen letzten Rest
….. Wodka

Er trank ihn aus der beschlagenen Flasche

Es blieb
noch
Etwas
zu tun

Die letzte gemeinsame Fahrt

Und alles
was der Mann sich leisten konnte
war
der Abdecker

Grausame Bilder
hingen an den Wänden
seiner Fantasie

Eine neue Art
von Einsamkeit
war geboren

Dieser Tag war hässlich

Er war noch hässlicher
als das Geschwür
unter dem Fell
des Freundes


Der Krach

Sie saß einfach nur da
in ihrem Sommerkleid
& schaute ihn an.

Er schaute zurück.

Sonst nichts.

Es war ihr erster Krach:

Das
ohrenbetäubende
Knistern
der Erotik.


Falsches Format

Ein Kinofilm, der
im Fernsehen ausgestrahlt wurde….

Cropped.
Oder war es
Pan-Scan?

Egal.
Das Bild war nicht
vollständig.

Etwas stimmte nicht.
Wie immer man es
nennen will:

Format
Seiten-
verhältnis
Ratio.

Es war ein Horrorfilm.
Und ich erinnerte mich
an das Bild
wie es auf der Leinwand
gewesen war…..

Erinnerte mich
an den Anblick dieser Szene:

Eine Frau telefoniert.
In ihrer Wohnung.
Vor einer Wand.
Einer Wand voller
Bilderrahmen.
In den Rahmen
befinden sich Fotos.
Fotos vergangener Momente.
Am anderen Ende
der Leitung:
Der Mann, mit dem sie
zusammengelebt,
mit dem sie
vergangene Momente
geteilt hat.
Und die Wand ist
auf der Leinwand
komplett.
Und ganz links
auf der Wand,
auf der Leinwand –
sieht man
die hellen Flecken
fehlender Fotos –
abgehängter Momente.
Entfernte gemeinsame Augenblicke.
Symbole der Trennung.

Ich erinnerte mich gut
an diese Flecken.
An ihre auffallende Helligkeit, die
nicht zuletzt
daher rührte, dass
Staub & Licht
die Wand ringsum stärker hatten nachdunkeln lassen.

Ja, ich erinnerte mich

an diese Flecken,
die nun fehlten –
in dem Bildaus-
schnitt, den
der Fernsehsender übrig gelassen hatte.

Der
Bild
aus
schnitt
auf dem
Bild
schirm
war
ohne
Symbol
wert.

Man konnte sich vorstellen,
dass all diese Fotos,
all diese Rahmen
noch immer dort hingen –
außerhalb
des Bildes.

Als hätte es
nie
eine Trennung
gegeben.

Als hätte
niemand
die Erinnerungen
entfernt.

Wie gesagt –
es war
ein Horrorfilm.


Auf dem Fuß des Sonnenschirms

Er ruhte
auf dem Fuß des Sonnenschirms –
der nackte Arsch der Frau.

Er war geschlossen –
der Schirm.
Unaufgespannt

stand er
auf meiner Terrasse.

Der Schirm wurde
nie
benutzt,

da ich – der Mondsüchtige – ihn
nicht
brauchte –

ein ererbtes Mahnmal
der Sinnlosigkeit.

Sein Fuß
rostete.

Tabascorot schien
die Abendsonne

& schärfte
die Phantasien.

September.
Die letzten heißen Tage
des Jahres.

Die Frau rauchte
entspannt. In
ihrem Shirt, das
zu kurz war,
um darauf sitzen zu können.

Ihre nackten Füße ruhten
auf den wärmedurchtränkten
Steinplatten.

Nachdenklich
schaute sie auf das verbrannte Gras;
das Jahr
war trocken gewesen.

Ich betrachtete
ihr Profil.

Durch die Glasscheibe
der Terrassentür.
Sie bemerkte mich nicht;
wähnte mich im Bett.

Ich stand drinnen,
im Wohnzimmer.
Wäre ich hinausgegangen,
hätte ich dieses Bild zerstört.

Die Glasscheibe
war schmutzig;
der Anstrich des Türrahmens
blätterte ab.

Ich blieb nur kurz,
ging zurück ins Schlafzimmer.
Zu stark war das schlechte Gewissen –
die Frau ohne ihr Wissen
zu betrachten.

Und doch –
dieses Bild……

Sie legte sich
wieder zu mir.

»Ich habe einen Schreck bekommen«, sagte sie;
da war plötzlich ein Mann
im Nachbargarten –
& ich dachte, der wäre
in deinem. Gut,
dass ich etwas anhatte.
Wenn auch nicht viel.«

Ich sagte
nichts.

Ich malte es
mir
aus……

dieses Bild.

In meiner
geschärften Phantasie.

Was hatte der Mann gesehen?

Dasselbe wie ich?
Wohl kaum.

September.
Die letzten heißen Tage.
Schon bei ihrem nächsten Besuch
würde es zu kalt sein, um
fast nackt
im Freien
zu rauchen.

Wie traurig!

Es würde zu kalt sein
auf dem Fuß des Sonnenschirms –

des Sonnenschirms,
der
endlich
einen Sinn erhalten hatte.


Falsche Vorstellungen

Die Vorstellung,
die ich von mir habe,
ist
nicht

Ich

eigent
lich.

Doch
die Verzerrung
durch
Selbst
wahr
nehmung

gehört
zu
mir.

So kommt
mein Bild von mir
mir näher
als
die Wahrheit.

Die Vorstellung,
die Du von mir hast,
ist
nicht

Ich

eigent
lich.

Doch
die Verzerrung
durch
Liebe

gehört
zu
Dir.

So steht
Dein Bild von mir
mir näher
als
die Wahrheit

& mein
eigenes
verzerrtes
Bild von mir.

So
möchte
ich
sein.

Viel
leicht.

Ich
ist
ein Anderer.

Du
bist
eine Andere.

Wir
stellen uns
ein
ander
vor.

Lernen
uns
kennen.

Gegen
seit
ich.

Nehmen uns
wahr

in
einer anderen
Wahrheit.

2 fremde Wesen trafen sich.
1 sagte:
»Darf ich mich vorstellen?«

& meinte doch
eigent
lich

»Dich«.


Die trunkene Matratze

Selbst Küsse
mit Biergeschmack
konnten mich
nicht
zum Trinken verführen.
Das Verfallsdatum
auf den Flaschen im Kühlschrank
rückte unaufhaltsam näher.
Zu langsam
wurden sie dezimiert,
da die Frau, die
das Bier trank,
zu selten vorbei kam.

Sie klettert aus dem Bett
Feuchtfleckige Falten im zerwühlten Laken
Kuhlen zweier Körper in der Matratze
Lustgetrocknete Kehlen
»Willst du auch was trinken?«
»Nein« sage ich
zu ihrem Arsch
der das Zimmer verlässt
Das Geräusch nackter Füße auf dem Flur
Ich liege in Gerüchen
Höre die Kühlschranktür
Das Öffnen der Flasche
Die Frau kommt
zurück
ins Bett
Sitzt aufrecht
Wir bilden 2 Rechte Winkel
Sie ragt aus meiner Mitte
Trinkt
aus der Flasche
Ich betrachte ihren Rücken
Schluck
Schluck
Sie setzt die Flasche ab
irgendwo
»Wie praktisch« sagt sie »Kuck ma,
freihändig«
Leicht ausgestreckte Arme erscheinen
links & rechts
»Wo hast du die Flasche?« frage ich
& richte mich auf
um nachzusehen
Die Frau
wendet sich zur Seite
Etwas fällt
Etwas gluckert
Etwas rauscht kohlensäuerlich
»Oh Scheiße!« sagt sie
lachend
Bier sickert in die Matratze
Viel Bier
Viel Flüssigkeit
Eine Lache auf dem Laken
Ein herber Geruch
kalt & klamm
der sich vermischt
mit Lust
Lachen
und

Einige Handtücher & Zewas später
sagte ich:
»Wo war denn nun die Flasche? Ich dachte,
sicher zwischen deinen Beinen….«
»Zwischen meinen Brüsten«, sagte sie.
»Schade, dass ich das nicht gesehen habe, aber
du kriegst kein Bier mehr. Höchstens
in der Badewanne.«

Lachen.

Selbst Küsse
mit Biergeschmack
konnten mich
nicht
zum Trinken verführen.

Ein trockener Säufer
im feuchten Bett.

Doch der Eigengeschmack
der fremdvertrauten Zunge
berauschte mich.

Mehr &
mehr.


»Wie man’s macht« oder Ein Dilemma

»Setz dich auf mein Gesicht«, sagte ich.
»Nein«, sagte sie.
»Warum nicht? Ich weiß, dass du es möchtest.«
»Wenn ich es tue, wirst du darüber schreiben.«
»Wenn du es nicht tust, werde ich darüber schreiben,
dass du es nicht getan hast, weil du dachtest, dass ich
darüber schreiben würde, wenn du es tust.«
(Gelächter. Auf beiden Seiten.)
Sie sagte:
»Wie man’s macht……«


Die wilden Fingerbeeren

Du bist
überführt.
Die Beweis-
lage ist
er
drück
end.
Gib auf!
Stelle dich!
Du hast
getötet –
die Dunkelheit,
die Finsternis
in meinem Haus,
in meinem Leben.
Auf dem Lichtschalter
befindet sich,
kaum
wahr
nehm
bar,
dein Abdruck.
Die Linien
deiner
Fingerbeere
sind
einzig
art
ich.
Meine DNA
haftet
an dir.
Mein Schweiß,
mein Blut,
mein Sperma.
Haut-
partikel.
Vergossenes,
Verlorenes
auf & in
dir.
In den Linien
deiner Fingerbeeren
bin
ich
zu finden.
In dem Abdruck
auf dem Lichtschalter
bin
ich.
Du bist überführt.
Ich bin überführt.
Wir wurden
verführt.
Und ich habe einen
leisen
Verdacht,
wie das Urteil
lautet.


Der unstillbare Appetit

Ein
achtlos fallengelassenes
Wort

weckte
meinen
Appetit

Jemand
erwähnte
ein Gericht

das
ich
liebte

&
lange nicht
gegessen hatte

Ich
oder sonstwer
hätte es kochen können

jetzt
in diesem Moment
der Erinnerung

& des
wachsenden
Appetits

Doch
es wäre nur eine
Kopie gewesen

Eine Kopie
des
Erinnerten

& die
wesentliche Zutat
hätte gefehlt

Der Geschmack der Köchin
die längst
gestorben war

Der Tod
macht den Appetit
unstillbar

immer
wieder

& das Lieblingsgericht
verschwindet
für immer

aus
dem
Leben


Verirrung

Was tue ich hier?
Vergessen.

Die Schlagschatten der Fremden bewegen sich
wie verzerrte Scherenschnitte
über das Kopfsteinpflaster der Gasse.
Die Abendsonne: eine bittere Blutorange.
Das Geräusch schwierig-hoher Absätze prallt
gegen Fachwerkfassaden.
Verlaufen.
Ich habe mich verlaufen.
Es ging los, als ich die Wohnung verließ.
Es geht immer los, wenn ich die Wohnung verlasse.
Sobald ich einen Fuß vor die Tür setze, habe ich mich
schon verlaufen.
Verlassen. Verwirrt. Verirrt.
Irgend jemand
hat mich gerufen.
An-
gerufen.
Wollte mich
treffen.
Aber wo?
Im Zweifelsfall
dort
wo
ich
nicht
hinge-
höre.
Warum habe ich mich nur darauf
eingelassen –
die Wohnung zu
verlassen?
Es endet
doch immer
gleich.
Ähnlich.
Sofort.
Ja, warum?
Weil ich
hinhörte –
vielleicht.
Wegen
dieser Stimme –
vielleicht;
der Stimme in meinem Kopf.
Hineingetragen
in meinen Kopf
auf dem Wege der
Fern-
melde-
technik.
Eine Stimme – weiblich & fremd.
Hat sie
wirklich
mich
gemein
t?
Oder
war’s doch nur eine
Ver-
wahl.
Aber halt – sie kannte meinen Namen!
Nicht dass dieser Name einzig wäre;
oder auch nur selten – aber
wieviel Zufall würde es brauchen,
dass sie
nicht
mich
gemeint hätte?
Zu
viel
doch wohl…..

Der Mann betrachtet
die sommerlichen Frauen.
Auf dem Muster des Kopfsteinpflasters.
Steinerne Würfel ohne Augen.
Hätte das Kopfsteinpflaster Augen,
könnte es unter Röcke schauen.
Unter Kleider.
Unterröcke, Unterkleider……

Und er träumt sich in den Boden
& schaut
& schaut
aufwärts……
Eine von ihnen vielleicht?
Was wenn
ich mich gar nicht verlaufen habe?
Hier richtig bin?
Oder doch verlaufen – & zwar
so oft verlaufen vom Verlaufen, dass ich
dort angekommen bin, wo ich hin wollte?
Wenn ich mich recht ver-
irre,
könnte es
so
sein.
Und überhaupt – wenn ich
vergessen habe,
wo
ich
hin
wollte,
kann
über-
all
der
richtige
Ort
sein. –
Was tue ich hier?
Vergessen.
Ich habe nicht vergessen,
was ich hier tue,
sondern –
was ich hier tue,
ist
vergessen.
Vielleicht.

Das Licht
ändert sich.
Ich nicht.
Die bittere Blutorange geht
unter.
Ich nicht.
Die Scherenschnitte verlieren
ihre Konturen.
Ich nicht.
Die Geräusche verstummen.
Ich nicht.
Jemand
wird den Mann finden.
Irgend
jemand.
Irgend
wann.
An einem
anderen
Tag.


Dünndruck

Unscheinbar
schmal & klein
steht das Buch im Regal
inmitten vieler anderer

die größer sind
& dicker

Du ziehst es heraus
& bist
überrascht

Es wiegt
so viel schwerer
als du erwartet hattest

Du schlägst es
auf & weißt
wieso

Die Blätter
sind dünner als die
der gewöhnlichen Bücher

zart durchscheinend
& verletzlich

So viele Seiten
in einem so schmalen Buch

Mehr
als in den dicken Bänden
die so viel Platz beanspruchen
im Regal

All
diese Zeichen
in dem Buch

das so unscheinbar ist
schmal & klein

All
diese Worte
All
diese Zwischenräume

Und du weißt:
Du wirst mehr Zeit mit ihm verbringen müssen
als mit den anderen

Und es wird dich
mehr
kosten
als du dachtest


Die Reihe

Ein Mann betrachtet ein Foto, das einen Mann zeigt.
Er kennt den Mann nicht, aber er empfindet Abneigung.
Er denkt:
Was für ein gewöhnliches Gesicht!
Die feiste Visage eines Spießers.
Das debile Grinsen eines deutschen Pauschal-Urlaubers.

Sonne prallt auf den Kopf des Fotografierten;
sein Körper ist unsichtbar – vergraben im Sand
irgendeines Strandes der Vergangenheit…..
Und mit diesem niederen Wesen stehe ich
nun also
in einer Reihe?
Nur weil wir – neben dem bloßen Menschsein –
etwas gemeinsam haben, das
für mich
mehr Gewicht hat als
alles Andere….?
Die Existenz dieses Mannes im Zusammenhang mit mir
würdigt mich herab;
mit ihm etwas gemeinsam zu haben, beschmutzt
das Gemeinsame.
Ich, der ich mich allem fernhalte;
ich, der ich so Vieles verachte,
stehe
nun also
in einer Reihe.
Und wie lang ist diese Reihe?
Wieviele Wesen ähnlicher Art befinden sich noch darin?
Ich will es nicht wissen.

Der Mann betrachtet das Foto, das jenen Mann zeigt.
Er denkt an die Verbindung zwischen sich & ihm:
er denkt –
an
die Frau.
Denkt an die Zeit
als er
noch
alleine stand – außerhalb
jeder Reihe.
War es nicht gerade das, was sie angezogen hatte
an ihm? Damals –
als sie ihn fand
in den Weiten der virtuellen Welt
vergraben in Nacht & Einsamkeit…..
Sie schrieben sich, tippend, tastend.
Er: »Ich könnte hässlich sein.«
Sie: »Da kann mich nix mehr schocken.«
Die Antwort schockte ihn;
ein Stich in sein Selbstwertgefühl.
Sein Selbstwertgefühl, das er mit so viel
Alleinsein
bezahlt hatte. Mit
Alleinsein & Schmerz.
Einer anderen Art von Schmerz als jene, die er
jetzt verspürt – im Bewusstsein
der Gewöhnlichkeit, in deren Mitte er sich
so plötzlich
wiederfindet – & die
mehr & mehr
auf ihn abzufärben droht….
Es gibt kein Zurück.
Ich stehe in dieser Reihe, werde
immer
darin stehen….

Selbst wenn ich mich jetzt zurückziehe.
Der Mann schließt die Augen.
Von ihm existieren nur wenige Fotos.
Er hasst es, fotografiert zu werden.
Er versteinert vor dem mit der Kamera bewaffneten Blick,
der ihn fesseln will – für immer.
Für immer…..
Ein Mann könnte ein Foto betrachten, das mich zeigt.
Er könnte mich nicht kennen – & dennoch
Abneigung empfinden…..
Er könnte denken:

Was für ein gewöhnliches Gesicht!


Grammatik

In jenem Moment, der entscheidend war,
da es um
Vieles
wenn nicht um
Alles
ging …..

glaubte die Frau,
die Grammatik des Mannes
verbessern zu müssen.

Es war ein ernstes Gespräch gewesen –
im Tonfall unterdrückter Tränen.

Es war um
ihre Beziehung gegangen,
um ihre gemeinsame Zukunft,
um Sehnsucht
& Liebe

& plötzlich
ging es um –
Grammatik.

Der Mann verbarg seine Erschütterung
über diesen Richtungswechsel –
er sagte »Ja« zu ihrem Einwand.

Dabei wusste er:
Sie hatte unrecht;
der Fehler, den sie erkannt zu haben glaubte,
war keiner.

Die Frau war einem Irrtum unterlegen.

Was aber der Mann erkannte –
in diesem Moment, der entscheidend war -,
war ein Fehler, der
wirklich
existierte.

Ein Fehler, der
nichts
mit Grammatik zu tun hatte.

Auch der Mann war einem Irrtum unterlegen.

Und er begann
zu frieren.