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Fahndungsfotos & Steckbriefe

All diese Fahndungsfotos & Steckbriefe,
die an den Wänden meiner Träume hängen….
Und dann wache ich auf, und
die Wände sind leer.
Ich bin wach & gehe durch die Straßen ….
In meiner Erinnerung:
die Fahndungsfotos,
die Steckbriefe ….
Doch niemand in der Realität
sieht diesen Fotos ähnlich,
auf niemanden
passen die Beschreibungen der
Steckbriefe.
Gesucht –
Nicht tot, sondern lebendig.


Merkwürdige Wahrnehmung

»Wahrnehmung« – was für ein
merkwürdiges Wort – –

Wann nehme ich etwas wahr, und
was bedeutet das?
Sehen? Erkenntnis?
Wann sehe & erkenne ich etwas
richtig?

Wenn ich es zum ersten Mal sehe,
beleuchtet vom Reiz des Neuen?
Wenn ich mich an seinen Anblick
gewöhnt habe?
Wenn ich mich sattgesehen habe?
Wenn ich den Anblick nicht mehr
ertragen kann?

Was ist wahr an der Wahrnehmung, wenn
man diesen Begriff in jeder dieser Phasen
anwenden kann?
Und was nehme ich, wenn ich etwas
wahrnehme?

Ich habe hier nur Fragen, keine
Antworten.

Und wenn doch, gebe ich sie nicht.
Denn sie sind nur für mich.

Sie gelten nur für mein
Sehen –
meine Erkenntis –
meine Wahrnehmung.
Sie sind wahr
nur für mich.

Relative Wahrheiten.

So
wie immer.

Das Glas, durch das ich schaue,
mag aus Fabrikfertigung stammen –
millionen- oder milliardenfach vervielfältigt …..
Und doch:

Es ist nicht dasselbe wie
all
die
anderen.
So
wie jedes dieser anderen
nicht dasselbe ist
wie jedes einzelne
aller
anderen oder
meines.

Es ist
nur
das
gleiche.

Und vielleicht ist die
»Wahrnehmung«,
merkwürdig –

nur für mich.

Und damit
komme ich zu dem Wort
»merkwürdig« …..

vielleicht
morgen


Rechtzeitiger Rückzug

Durch rechtzeitigen Rückzug kann man sich
unvergesslich machen.
Ein Objekt andauernder Begierde,
ein Objekt unendlicher Sehnsucht.

Ohne diesen Rückzug wäre man vielleicht
nach 3 Tagen vergessen gewesen.
Ein Objekt der Verachtung,
ein Objekt der Lächerlichkeit.

Aber so ist es
schließlich
immer :

Auf den Zeitpunkt
kommt es
an.


Panzerglas

Immer wieder treffe ich auf Frauen, die
so zerbrechlich wirken
wie ein hauchdünnes Glas.
Wie ein Glas, das sofort
zerbricht, wenn man es
zu fest umfasst, und das
Splitter
in die zärtlichsten Hände treibt.

In Wirklichkeit
sind sie
1000 Mal
härter als ich.

Panzerglas.

Eher würden
die Knochen in meinen Händen
brechen
als
ein solches
Glas.

Aber das ist
okay.

Ich möchte nicht
härter sein.

Die Erfahrungen &
der Schmerz
sind gut für
irgend
etwas.

Man kann jammern
&
sich besaufen,
man kann sich erinnern
&
Schlüsse ziehen.

Man kann
noch traurigere Musik hören
&
starren
auf Gläser

&
raten,
was wohl

darin

sein

mag.


Mengenlehre

Kreise auf einer schwarzen Tafel.

Da ist die eine Gruppe von Menschen, die
immer an die Richtigen geraten.
Und da ist die andere Gruppe von Menschen, die
immer an die Falschen geraten.

Keine Schnittmenge.

Dann gibt es die Gruppe derer,
die mal an die Falschen, mal an die
Richtigen geraten.

Der größte Kreis auf der Tafel?

Schließlich ist da diese andere Gruppe:
Die Menge der Einsamen.
Sie werden geschnitten, und
sie schneiden.
Und sie schneiden sich
gegenseitig.
Und sie schneiden
sich selbst.
Sie schneiden Wege ab.
Manche kommen aus einer der
anderen Gruppen;
andere waren niemals
in einer Gruppe.

Allein & vereinzelt
in der Menge,
gehen sie in ihrem
Kreis.
Auf einer schwarzen Tafel.
Und sie
starren
in die

Leere.


Es

Es
ist
gleich
gültig
ob
das
was
ich
in
jemandem
oder
etwas
sehe
wirklich
existiert

Denn
wenn
ich
es
sehe
existiert
es
in
mir

Und
so
lange
ich
existiere

ist

es


Je länger der Stiel

Je länger der Stiel
des Glases, und
je weiter unten
man ihn anfasst,
desto weniger
wird
die Temperatur
des Getränks
von der
eigenen Körpertemperatur
beeinflusst.

Aber
man denkt
nicht
immer
daran.

Und
vergreift
sich
ab
&
an.


A Muse ment

Ich verstehe es ja, wenn eine Frau
(oder ein Mann)
keine Muse sein möchte.
So lange alles gut läuft, ist es
– vielleicht –
ganz schön & amüsant.
Aber wehe, es kommt Sand
ins Getriebe der Beziehung.
(Sofern es überhaupt je eine
Beziehung war – nicht einmal das ist
nötig. Eine Illusion reicht völlig.)
Dann bekommt sie (er) etwas zu
sehen oder zu hören oder zu lesen,
was verletztend sein dürfte.
Sehr verletzend.
Narben sind vorprogrammiert.
Muse muss ein beschissener Job sein.
Und ich wünsche niemandem
einen beschissenen Job.

(Na ja – »niemandem« ist jetzt
– vielleicht –
auch wieder übertrieben.)


Zu oft

Wenn ich ein Musikstück, das ich mag,
zu oft höre,
kann es passieren, dass ich anfange,
es zu analysieren.
Und wenn ich Pech habe,
finde ich heraus,
wie dieses Stück funktioniert,
und welche kompositorischen Tricks
mein Unterbewußtsein besonders
angesprochen haben.
Und schon schwindet der Zauber;
schon wird die Gänsehaut geglättet.
Zumindest ein wenig.
Und es gibt keinen Weg zurück in
den unbewußten Zustand des Hörens.
(Allenfalls im Vollrausch.)
Tragisch, wenn es ein Lieblingslied war.
Noch tragischer, wenn es einem
mit Menschen ähnlich geht.


Kein zurück

Niemals gelingt es,
einen Traum fortzusetzen, wenn man einmal
aus ihm erwacht ist.
Selbst wenn man sofort
wieder einschläft, findet man nicht mehr
in ihn zurück.
Man findet sich wieder in
einem neuen Traum.

Zumindest mir
geht es so – mit jeder Art von Traum.
Egal, ob ich schlafe
oder wache.

Und jedes Mal
tut es mir leid.

Jedes Mal.

Selbst wenn es sich
um einen
Albtraum handelte.


Die Schneekugel

Als Kind wollte ich
in einer Schneekugel wohnen.
Geschlossene Räume mochte ich
schon immer.
Von geschlossenen Träumen
ganz zu schweigen.
Den Kleiderschrank in unserem Kinderzimmer –
ich räumte ihn aus;
stellte 2 Stühle & einen kleinen Tisch
hinein, auf den Tisch
meine Lieblingslampe.
Mein Bruder & ich, wir
setzten uns in diesen Schrank, und
er las mir vor.
Denn ich konnte noch nicht
lesen.
Nur träumen & mir ALLES vorstellen.
Der Kleiderschrank – es
gibt ihn noch; er steht schimmelnd
in einem feuchten Keller.
Er ist eng. Zu eng für mich
& meine Träume.
Mein Bruder – es
gibt ihn noch; er sitzt
mir nicht mehr gegenüber.
Der Kontakt ist abgebrochen.
Die Lampe wurde
weggeworfen.
Geschlossenen Räume –
ich mag sie noch immer.
Ich kann mir nicht mehr
ALLES
vorstellen.
Aber ich kann lesen.
Und der Schnee, den ich
durch geschlossene Fenster betrachte:
er erinnert mich.


Der Kontrabass

Und dann verlangt jemand von dir, dass du
einen Kontrabass wie eine Geige unter dein Kinn klemmst
& seine Melodie spielst.

Dabei kannst du nicht mal Geige spielen,
und die Melodie kennst du nicht.

Und überhaupt sind deine Arme zu kurz,
um das Instrument zu stimmen.

Es stimmt einfach nichts.

Und vielleicht ist dieser Jemand
einfach
das Leben.


Manchmal, wenn es ganz still ist

Manchmal, wenn es ganz still ist,
hört man einen Ton, der von einer Gitarre kommt, die
seit Jahren nicht bespielt wurde.

Vielleicht war nur
ein Temperaturwechsel daran schuld.

Dieser Ton klingt nicht wie
gewollt;
nicht sauber.

Nur ein
Pling!

Es hat etwas mit
Spannung zu tun.

Vielleicht auch mit
der Langeweile
einer bestimmten Saite.

Wenn man zufällig vorübergeht
an dieser Gitarre,
könnte diese Saite einem
ins Gesicht springen.

Eine Wunde schlagen.
Eine Narbe hinterlassen.

Manchmal, wenn es ganz still ist,
fühle ich mich
wie eine Gitarre, die
zu lange nicht bespielt wurde.


Die Sängerin in der Bar

Es war Zufall.
Da saß diese schwarze Sängerin
aus Chicago in der Hotelbar;
an der Theke. In diesem
deutschen Kaff.
Trank. Und trank.
Im Saal nebenan: eine Betriebsfeier.
Langweilige Menschen.
Live-Musik.
Schrecklich Musik. Wie ich fand.
Die Sängerin nahm ihr Glas &
ging in den Saal, betrat
die geschlossene Gesellschaft.
Ich machte meinen Job,
oder das, was ich
& andere dafür hielten; an
der Rezeption.
Hin & wieder kamen Kollegen, die im
Saal bedienten, bei mir vorbei.
„Die ist komisch“, sagte einer. „Und
die macht eine der Backroundsängerinnen an.
Fällt allmählich auf.“
Ich sagte nichts.
Sie kam wieder zurück.
Setzte sich wieder an die Theke.
Trank weiter.
Redete mit dem Barkeeper.
Ich hörte ihre tiefe Stimme,
die Stimme, für die sie berühmt war.
Hin & wieder sprach sie auch
mit sich selbst.
Sie ging wieder in den Saal.
Kam wieder zurück.
Trank.
Irgendwann
kam sie zu mir.
Lächelte.
Sagte mir ihre Zimmernummer.
(Als ob ich die nicht gewusst hätte.)
Sagte: “If the girl from the band asks
for me, give her my room-number, please.

Sie lächelte. Ihre Augen ….
ein wenig glasig, ein wenig traurig.
Oder nein – sehr glasig, sehr traurig.
Ich lächelte zurück. Und das nicht, weil es
mein Job war, oder das, was ich & andere
dafür hielten.
Sie kam noch einige Male zu mir, um
sich zu vergewissern, dass ich ihre Bitte
nicht vergessen hatte.
Dann betrat sie den Aufzug. Die Türen
schlossen sich.
Irgendwann verstummte die schreckliche
Musik im Saal.
Die Gäste gingen.
Die Band baute das Equipment ab.
Schaffte es Stück für Stück, an der Rezeption
vorbei, nach draußen.
Ich hörte die Backroundsängerinnen, wie
sie sich unterhielten; mit ihren Durchschnitts-
stimmen. Die nicht immer den Ton getroffen hatten.
Sie machten sich lustig.
Lustig über die kleine Schwäche der
Betrunkenen.
Es war nicht mal Boshaftigkeit, was aus ihnen
sprach. Es war
etwas Schlimmeres.
Es war die Leere in ihnen; das,
was sie von der anderen
unterschied.
Ich stellte mir vor, wie sie da oben in
ihrem Zimmer saß
& wartete.
Aber vielleicht war sie ja auch schon
eingeschlafen.
Betrunken & einsam.
Das ist Jahre her; und es ist
immer noch seltsam, ihre Stimme zu hören,
oder sie im Fernsehen zu sehen – &
sich vorzustellen, dass diese
Backroundsängerin
sie vielleicht auch hört & sieht.
Und noch immer nichts
begriffen hat.


Von Ende bis Anfang (& darüber hinaus)

Es sollte, wenigstens einmal, mit dem Ende beginnen,
mit den Vorwürfen, den bitteren Worten, den
Enttäuschungen, dem Hass.
Und dann sollte man sich langsam
auf den Anfang zubewegen, auf das
Verzeihen, die süßen Worte, die angenehmen
Überraschungen, das Verliebtsein.
Wie entspannend wäre das – zur Abwechslung.
Und dann ginge man über den Anfang
hinaus – & würde sich nicht kennen.
Noch nicht – oder nicht mehr; wie auch immer.
Und wie entspannend & angenehm wäre das erst!


Revision eines Textes

Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!

(Oder war man es schon damals?)

Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:

Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.

Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….

Flucht –
wie immer.

Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.

Ihre Gedanken.

Man ist ja oft
so lächerlich.


Wände

Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu

Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden

& wäre mir wieder
zugewandt

Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend


Im Auge der Fliege

Ich möchte wohnen im
Auge der Fliege –
im
Facettenreich

Die Fliege, die
in meinem Auge landet,
hatte wahrscheinlich
andere Wünsche

In meinem Auge
gibt es keine Facetten

Wenn die Fliege Glück hat
ertrinkt sie nicht

Wenn ich Glück habe
trinke ich


Das Haar am Ohrläppchen

Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.


Allein & Abgeschnitten

Das Nichts kann man sich nicht
vorstellen – man kann nur glauben, es
sich vorstellen zu können.

Aber
es gibt Nächte
(die Mondsichel erinnert an
einen abgeschnittenen Fußnagel in einem
schwarzen Abfluss)
da denkt man, es sei
leichter
sich das Nichts vorzustellen
als
das
Alleine &
Abgeschnitten
Sein
zwischen den
Menschen.


Es ist schon seltsam

Es ist schon seltsam –
All diese jungen Frauen, die mir
im Laufe der Jahre in meinem Job begegnet sind,
Auszubildende, Kolleginnen – immer
kamen & kommen sie mit ihren Problemen
zu mir.
Ausgerechnet.
Zu mir, um sich auszuweinen.
Zu mir, mit ihren Geheimnissen.
Zu mir, um sich Rat zu holen.
Zu mir, der nur 2 Nächte pro Woche dort auftaucht.
Zu mir, der von Nichts eine Ahnung hat.
Wie kann man nur zu mir kommen?
Ich komme ja selber nicht zu mir.
Ich höre, was sie sagen;
ich sage etwas;
ich betrachte sie; und
ich bin weit weg …..
Zu weit weg
von allem.
Von ihrer Jugend,
von ihren Problemen,
von ihren Körpern.
Selbst in meiner Jugend war ich
zu weit weg
von allem.
Und jetzt?
Fast nicht mehr existent. –
Aber sie kommen immer wieder,
all diese jungen Frauen, die
nichts wissen von
meinen Problemen,
meinen Geheimnissen,
meiner Ratlosigkeit,
meiner Sehnsucht ….
Sie kommen wieder, als hätte ich
beim letzten Mal
etwas Richtiges
gesagt.
Es ist schon seltsam.


Die Süßigkeit der Rache

„Solange du Texte wie den da schreibst“, sagte sie,
„will ich mit dir nichts mehr zu tun haben. Das
war zuviel.“

Vielleicht hatte sie recht.
Wahrscheinlich sogar.

Aber manchmal,
wenn nur noch Bitteres im Hause ist
& ich einen übermächtigen Appetit auf
Süßes habe,
gönne ich mir

die Süßigkeit der Rache.


In die Ecke geschmissen

Und dann schmeisst man seinen alten Seneca in die Ecke
& Epiktet hinterher, hämmert mit der Stirn seinen Schmerz
in die Wände um einen herum – & fühlt wieder irgend etwas
sterben.
Der Stoizismus ist mal wieder beim Teufel gelandet, und
der Teufel sieht jedes Mal anders aus.
All das, was man in
in Ruhe
gelesen hat,
bedeutet nichts, wenn
die Ruhe fort ist.
Man hatte das alles schon selber gewusst, noch bevor
man es las.
Und man wusste, dass es einem
nicht helfen würde, wenn es mal wieder so weit war.
Immer &
immer
wieder
ist es
dasselbe!
Ohne Dazulernen.
Gefühle –
Hormone –
chemische Abläufe –
was auch immer.
Mächte, die noch stärker sind als
die Worte;
noch stärker als
die Gedanken, die
klug sein sollen.
Die Bücher landen in der Ecke
wie ungezogene Kinder, die nicht getan haben,
was sie hätten tun sollen.
Man straft sie mit Mißachtung.
Besorgt sich eine Flasche Gin &
trinkt in Gegenwart der Bücher, die
versagt haben, als wollte man ihnen stumm zu verstehen geben:
‚Schaut her, darauf ist Verlass. Hey Seneca, hey Epiktet,
schaut her – Mr. Alexander Gordon hatte mehr drauf als Ihr!
Zum Teufel mit Euch!’

Aber natürlich –
irgendwann
irgendwann
geht man wieder in diese Ecke;
hebt die Bücher auf,
pustet den Staub von ihnen
& bettet sie dort, wo sie sich
geborgen fühlen.
Wieder ist etwas gestorben in einem.
Wieder sind frische Blutflecken an den Wänden um einen herum.
An den Wänden, die
Ecken bilden.
Aber man lässt die Kinder nicht
für immer
in der Ecke.


Kolbenfresser

Die subjektive Zeit :
ein festgefressener Kolben in einer toten Maschine.
Eine Maschine mit einem Zähler, der
stehengeblieben ist –
Zahlen, die sich nicht mehr verändern ….
Daten, die
für immer bleiben.
Man verrottet immer weiter, aber
das Gefühl
bleibt an diesem einen Punkt stehen –
an diesem einen Zeitpunkt,
als der Kolben sich festfraß &
das Leben ins Stocken geriet ….
Und alles, was man sucht,
sind nur noch diese Zahlen & ihre
Entsprechungen.
Längst passen sie nicht mehr
zu einem,
längst hat man sie
sterbend überholt, aber
obwohl man sie überholt hat,
sieht man sie
vor sich – &
man wird sie vor sich sehen
bis
zum
Ende.


Der Finger

Er trank einen Scotch nach dem andern,
ich trank nur Kaffee – der nicht schmeckte.
Die Kneipe war ungemütlich & nicht besonders
sauber. Aber sie war die erste, an der wir vorbeigekommen
waren. Und sie war leer.
„Ich werde mir einen Finger abschneiden“, sagte er, „ich
weiß nur noch nicht, welchen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
„Nein. Wirklich. Ich werd’s tun.“
„Was soll der Scheiß?“
„Erst wollte ich mich ja umbringen“, sagte er, „aber
dann hätte ich ja nicht mehr mitbekommen, wie sie sich
Vorwürfe macht. Und ich will das mitbekommen.“
„Du spinnst“, sagte ich.
Er schwitzte, und seine Augen glänzten.
„Du wirst es ja sehen. Ich glaub, der Kleine Finger der
linken Hand wäre ok, meinst du nicht?“
„Warum so halbherzig?“ sagte ich. „Wenn sie sich richtig
Vorwürfe machen soll, muss da schon ein bisschen mehr kommen.
Beziehungsweise gehen.
Ein Mittelfinger zum Beispiel, oder ein Daumen.“
„Mach dich nur lustig“, sagte er. „Das wird dir schon noch
vergehen.“
Er trank das Glas leer; bestellte das nächste.
Die weibliche Bedienung lächelte nett, als sie es vor ihn
hinstellte & das leere mitnahm. Wahrscheinlich hörte sie zu.
„Ich bin so blöd“, sagte er. „So blöd. – Eigentlich hat sie doch
von Anfang an die Wahrheit gesagt. Ich hab’s nur nicht geglaubt.
Sie hat gesagt, dass sie scheiße ist, und ich hab gesagt „Aber nein,
das bist du nicht“; wenn ich gesagt hab „Ach, wie süß“, hat sie
gesagt „Ich bin nicht süß“; sie hat gesagt, dass sie aus gutem Grund
keine Freunde hat; dass sie immer alles kaputt macht; dass sie
mich nicht so gern hat, wie ich sie, und und und …. Und das war
mir alles scheißegal, und ich hab’s nicht geglaubt. Ich bin so blöd.“
„Tja“, sagte ich. „Mag sein.“
„Und dabei hatten wir praktisch keine Gemeinsamkeiten; die meisten
Sachen, über die sie redete, interessierten mich gar nicht; alles so
Kleinmädchenkram, das muss man sich mal vorstellen.“
Er kippte den Scotch.
„Scheißgefühle. Verdammte Scheißgefühle. Allein ihr Anblick, ihre
Stimme…. Oh verdammt, ich will, dass sie leidet …. Ich werde mir
den Finger abschneiden.“
„Wie wär’s mit dem Schwanz?“ sagte ich.
„Und du bist auch ein Arschloch“, sagte er.
„Wenn sie so ist, wie du sagst, ist es ihr vielleich sogar egal, was du
dir abschneidest.“
„Nein“, sagte er. „Das glaube ich nicht. So ist sie nun auch
wieder nicht.“
„Auf jeden Fall wirst du länger etwas davon haben als sie. Nur gut,
dass du kein Instrument spielst.“
„Arschloch“, sagte er. Aber
grinsen musste er doch; auch wenn es
etwas verkniffen rüberkam.
„Weißt du, diese verdammte Einsamkeit“, sagte er. „Ich
meine, ich war ja vorher auch einsam, aber jetzt ist es halt
schlimmer. Noch schlimmer.“
„Das ist doch immer so“, sagte ich. „Das gibt sich auch wieder.“
„Ich weiß, aber vielleicht will ich das ja gar nicht.“
„Oh Mann, geht’s noch komplizierter?“
Er bestellte & bekam noch einen Scotch; einen 3fachen.
„Es ist einfach alles beschissen“, sagte er. „Ich
hol mir jetzt noch öfter einen runter als vor der ganzen Sache,
aber … das Dumme ist, dass sie dabei jedesmal in meiner
Fantasie auftaucht … als verdammter Überraschungsgast.“
Die Bedienung hinter dem Tresen tat zumindest so, als
würde sie nicht zuhören.
„Ich sag doch: du solltest dir den Schwanz abschneiden.“
„Ja“, sagte er, „sollte ich. Das sollten überhaupt alle. Wenn’s
nur so einfach wär.“
„Allzu einfach wird das mit dem Finger auch nicht“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte er.
„Und? Willst du ihn ihr dann per Post zuschicken?“
Er grinste. „Daran hab ich noch gar nicht gedacht.“
„Dafür bin ich ja da“, sagte ich, „für die guten Einfälle.“
Seine Rechnung war hoch.
Das Trinkgeld, das er gab, war übertrieben.
Der Kaffee war kalt.
Ich hatte noch mehr gute Einfälle, aber darüber schwieg ich.
Als wir nach Hause gingen, schwankte er ein wenig.
Ich ging zu mir nach Hause, er zu sich nach Hause.
Ich hatte keine Bedenken, ihn
allein zu lassen.


….. dann tut es mir weh

Tust Du etwas – dann tut es mir weh.
Tust Du nichts – dann tut es mir weh.
Sagst Du etwas – dann tut es mir weh.
Schweigst Du – dann tut es mir weh.
Bist Du da – dann tut es mir weh.
Bist Du fort – dann tut es mir weh.
Weinst Du – dann tut es mir weh.
Lachst Du – dann tut es mir weh.

Du kannst tun & lassen, was Du willst …..
Es tut mir weh.

Und es tut mir weh,
dass niemand
die Schuld daran trägt.


Der Deckel der Sardinenbüchse

Jemand schneidet sich am Deckel einer Sardinenbüchse,
schreit Aua!, schreit Scheiße! & blutet ….
Das ist nicht originell, aber ich verstehe es, weil es
verständlich ist.
Aber warum,
zur Hölle,
ist das menschliche Handeln
immer
so vorhersehbar –
warum ist es
immer
so unoriginell ?
Warum habe ich es
alles
schon erlebt?
Wo
bleiben die Überraschungen?
Wo
ist die Originalität?
Liebe
Trennung
Gleichgültigkeit
Hass
Ignoranz
Immer & immer wieder
das
Gleiche ….
Einige wenige Facetten mehr als
im Tierreich –
vielleicht ….
Aber nicht allzu viele.
Wo
zur Hölle
ist das Lachen über die Wunden,
wo ist die Gleichgültigkeit gegenüber
dem Blut, das aus den Schnitten fließt?
Wo ist die Originalität?
Wo ist das Besondere
in dem Augenblick, wenn
der Deckel der Sardinenbüchse
in das Fleisch
schneidet?


Manchmal ist es ja so:

Da spricht der Serienkiller zu der Leiche:
„Hey, du Arschloch, ich habe dir bloß
die Kehle durchgeschnitten.
Und was machst du?
Du stirbst einfach.
Ich find das
GANZ
SCHÖN
UNFAIR
VON
DIR !


Vorhängeschlösser

….. als würde einem kurz nach der Geburt
eine große, schwergliedrige Kette um den Körper gelegt …..
….. man gewöhnt sich schnell an sie; sie
behindert einen kaum; man vergißt sie oft …..
….. & dann kommen die schlechten Erfahrungen,
eine nach der anderen; jede einzelne von ihnen:
1 Vorhängeschloss; ein Schloss das 2 der Glieder miteinander verbindet …..
….. & irgendwann sind es so viele Schlösser, dass die
Kette zur Fessel wird; kaum noch kann man sich bewegen …..
….. jeder Mensch fügt anderen Menschen diese Schlösser zu …..
….. & jeder wartet auf die Befreiung ….. auf die
Befreiung durch einen Menschen, der mit einem Dietrich oder
einer Haarklammer die Vorhängeschlösser öffnet …..
….. aber die Befreiung kommt nur für wenige …..
….. & die Schlösser sind überall …..


Kreislauf

Man ist über den Berg
Hat ihn überwunden
Schmerz
Sehnsucht
Erinnerungen
liegen hinter einem

Man geht weiter

Doch man bewegt sich
……. im Kreis ……
& plötzlich steht man wieder
vor demselben Berg
Der alte Schmerz
Die alte Sehnsucht
Die alten Erinnerungen
liegen vor einem

Und irgendwann ist man
zu müde
Einfach zu müde
um den Berg noch einmal zu
bezwingen


Alte Story in Kurzform

Die Augen geworfen
Ins Herz getroffen
Das Hirn ausgeschaltet
Den Kopf verloren
Über die Leber gelaufen
Auf die Nerven gefallen
Den Mund verbrannt
An die Nieren gegangen
Auf den Magen geschlagen
In die Eier getreten
In den Rücken gestochen
In den Arsch gefickt


Lächel doch

„Lächel doch“, sagte sie.
„Lächeln?“ sagte er. „Was ist das?“

Er starb.
Sein Gesicht verfaulte.
Seine Lippen verwesten.

Seine Zähne
wurden entblößt.
Fast war es

wie ein Lächeln.


Aus dem Kopf

Schlag mir dein Lachen
aus dem Kopf
Schlag mir das Muttermal an deiner Titte
aus dem Kopf
Schlag mir deine Worte
aus dem Kopf
Schlag mir das Geräusch deiner nassen Fotze
aus dem Kopf
Schlag mir deinen Arsch
aus dem Kopf
Schlag mir dein Weinen
aus dem Kopf
Schlag mir deine Augen
aus dem Kopf
Schlag mir dein Lächeln
aus dem Kopf
Schlag mir deine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir meine Gedanken
aus dem Kopf
Schlag mir
den Kopf ab
damit er
voll von Erinnerungen
vor deine Füsse rollt
Vor deine Füsse
an die ich mich
erinnere