Der Schneestrand

Eigentlich hätte da
Sand & Sonne sein müssen, aber
es lag Schnee am Strand, und
der Himmel war schwer & dunkel.
Das Meer fast schwarz,
regelmäßig gemustert von sanften Wellen.
Wir liefen barfuß durch die weiße Kälte.
Ich wusste nicht, wer sie war, aber
sie schien mich zu kennen.
Schön war sie
&
jung
&
einsam.
Ich war
einsam
&
alt
&
hässlich.
Wir lachten, bis uns warm wurde.
Das Meer war ein Rausch
im Hintergrund.
Es war eine
verkehrte Welt,
durch die wir liefen.
Aber für uns war es
die
einzig
wahre.


Der Traum

In einer Stadt, die ich nicht kannte,
in einem Haus, das mir fremd war,
lag ich nackt in einem Bett, das mir nicht gehörte,
neben einer Frau, die mich liebte.
Ich weiß nicht, wer sie war – ihr Gesicht
changierte.
Nackt las sie in einem Manuskript.
Unsere Beine waren ineinander verschränkt.
»Das ist gut«, sagte sie. »Warum schickst Du
es nicht an einen Verlag?«
»Nein«, sagte ich.
»Hast Du nie davon geträumt?«
»Als Kind vielleicht. Und vielleicht als
Jugendlicher noch – aber schon nicht mehr
so richtig.«
»Schade«, sagte sie & reichte mir einen
Umschlag.
Ich saß an einem Tisch, zitternd trotz
dicker Winterkleidung, und schob das Manuskript
in den Umschlag. Ich verschloss ihn mit meiner
Spucke & schrieb eine Adresse darauf, die ich
auswendig zu kennen schien. Ich war allein.
Allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse.
Abenddämmerung.
Vor einem geschlossenen Geschäft hing der
Briefkasten. Als ich den Umschlag einwarf, sah ich
hinter einem der Fenster das Gesicht einer
alten Frau; es kam mir bekannt vor. Hinter ihr
war Dunkelheit. In die sie verschwand.
Das Haus, in dem die Gedanken kamen, war ein
anderes als das Haus, das mir fremd war. Und
das Bett war leer.
Ich habe den Begleitbrief vergessen! Verdammt! –
Obwohl …. Nein, vielleicht ist das gut …. So
wissen sie nicht, ob es ein unaufgefordert eingesandtes
Manuskript ist …. Vielleicht lesen sie es dann
wirklich ….

Längst hatte ich vergessen, um welchen Text es sich
handelte. (Hatte ich es je gewusst?)
Mir fiel auf, dass dieses Haus keine Fenster hatte.
Zumindest nicht in dem Moment, als es mir auffiel.
Und dann
: DER ABSENDER!
Habe ich den Absender auf den Umschlag…..?
Oben links. Links oben. Habe ich?- – – Ja …. Nein ….
Nein … Ja …

Mal sah ich meinen Namen & meine Adresse, mal sah ich
sie nicht – & dann wieder wußte ich nicht, wie meine Adresse
lautete ….
Je länger der Zweifel nagte, desto mehr Buchstaben
bekam die Anwort.
Was wollte ich eigentlich?
In diesem Traum …..
Der nicht aus meiner Kindheit stammte
& nicht aus meiner Jugend.
Dass ich den Absender geschrieben hatte?
Oder dass ich vergessen hatte, ihn zu schreiben?
Oder dass es ein fremder Absender war?
– – Über all diesen Fragen & Zweifeln
wachte ich auf ….
Nackt in dem Bett, das mir gehörte,
neben der Leere, die mich liebte, mit ihrem
unveränderlichen Gesicht;
unsere Beine waren ineinander verschränkt,
in dem Haus, das mir vertraut war,
in der Stadt, die ich
kannte.


Der Müllsack am Straßenrand

Immer wenn ich
an einem Müllsack vorbeifahre
der irgendwo hingeworfen wurde
wo er nicht hingehört
bin ich
mir sicher
dass wirklich nur
Müll
darin ist

Obwohl ich
an
Leichenteile
denke

Denn
Aufregendes
passiert
immer nur
im Leben
der
Anderen.


Timex®

Die erste Armbanduhr, die ich
geschenkt bekam
als kleines Kind, war eine
Timex, die
noch kleiner war als ich.
Ein winziges Ührchen mit weißem Zifferblatt
& schwarzem Armband.
(War es eine Damenuhr? Ich weiß es nicht.)
Ich lernte es, mir diese Fessel selber anzulegen,
bewunderte die Schnalle
& liebte das Ticken.
»Wie spät ist es«, fragten mich
die Erwachsenen. Lächelnd.
Und ich antwortete, denn ich hatte es gelernt,
die Zeiger & Striche
miteinander in Verbindung zu bringen &
zu lesen.
Ich war stolz.
Bewahrte das sargähnliche Etui auf
in meinem Nachttisch.
Und jeden Tag drehte ich an dem Rädchen, um
die Uhr aufzuziehen.
Die Zeit hatte mich.
Ich sah & hörte sie
vergehen.
Und als ich
als Erwachsener
alle meine Armbanduhren
wegwarf
war es
zu spät.


Der Friedhof der Hände

Als ich ein Kind war, erzählte man mir:
Wenn ein Toter begraben wird, der in seiner
Kindheit böse war – vor allem zu seinen Eltern -,
dann wächst nach einiger Zeit
eine seiner Hände
aus dem Grab heraus …..

Als Mahnmal
für alle Nachkommenden.

Und in der Finsternis meines Zimmers,
in meinem Bett liegend,
stellte ich mir vor, wie ich
in einer Mondnacht
über einen Friedhof ging ….
Und aus fast allen Gräbern
ragten diese Hände –
in unterschiedlichen Stadien der
Verwesung.
Faulig glitzernd im fahlen Licht.

Viele
viele
Hände

Und es war nicht so sehr Furcht,
was ich fühlte. Denn
ich wusste, ich
gehörte zu ihnen.
Und ich wusste, dass sie es wussten.
Auch meine Hand würde
aus dem Grab wachsen;
auch ich würde
bewegungslos winken.
Und es hatte etwas
Beruhigendes,
nicht allein zu sein.

Es hatte etwas Beruhigendes,
zu den Bösen zu gehören.


Sie konnte nicht lesen

Im Supermarkt.
Es klirrt in meinem Einkaufswagen.
Die Frau mit dem faszinierenden Arsch
dreht sich kurz um &
schaut auf meine Flaschen.
Blickt mir flüchtig in die Augen –
& wendet sich ab.


Die Unvollendeten

Ich höre den Tod, wenn
die Musik verstummt

Wenn die Symphonie
nur einen Satz hat

Ich lese den Tod, wenn
der Text unvermittelt abbricht

vielleicht mitten im Satz

Ich sehe den Tod, wenn
das Gemälde unvollendet ist

sehe ihn in den nackten
Flächen der Leinwand

Fragmente
die mehr über das Leben sagen
als das Vollendete

es
jemals
kön


Rollen

Jeden Morgen wurde ich
in das Wohnzimmer gefahren, in
meinem weißen Bett auf Rollen

Ich schaute durch die hölzernen Gitterstäbe
& wunderte mich
über Alles

Das Licht der Welt

Ich konnte
noch nicht sprechen

aber leben

ein weiterer Neuling
auf diesem Planeten

ein Bewußtsein, das
sich seiner selbst nicht bewußt war

Das war
Glück

Bevor das
Selbstbewußtsein erwachte

&
die Rollen
&
die Gitterstäbe

eine andere Gestalt
annahmen

Als ich sprechen konnte
aber es nicht wollte

Zuletzt wird man mich
in ein anderes Zimmer fahren
in einem fremden Bett auf Rollen

hinein in die Finsternis

& es wird mich
nichts mehr wundern.


Die posthume Entdeckung

Wir werden alle
nach unserem Tode
entdeckt werden

Sofern
jemand rechtzeitig
eine Decke
über unsere Leichen wirft


Der Kreis

Ich wurde nachts
gegen 3 Uhr
geboren

Die meisten wachen Momente
in meinem Leben
hatte ich nachts

Die meisten Tage
habe ich
verschlafen

Ich hoffe
ich werde
nachts sterben


Die tödliche Entzündung

»Aua!« schrie das Streichholz, »Das brennt
wie Feuer!«
Und es übertrug seine Flamme auf die Kerze.
Die Kerze sagte:
»Musstest Du mich anstecken mit Deiner
Entzündung? Jetzt werden wir beide
sterben.«
Aber das Streichholz hörte sie schon nicht mehr;
es war schwarz & unförmig geworden.
Ich schaute in die Flamme ….
Warm & anheimelnd war
das Sterben der Kerze.


Beifahren

»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun,
Handeln statt Betrachten
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik –
unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«


5 … 4 … 3 … 2 … 1 …

Vor
5
4
3
2
1
Sekunden
hatte man sich
noch
gut/schlecht
gefühlt

das war
das Leben
gewesen

dann
kam
das Leben

& das
ist
das Leben

JETZT

Für
1
2
3
4
5
Sekunden


Hinter den Büchern

Und vielleicht
gibt es im Staub hinter den Büchern,
die im Regal stehen,
seltsame Zeichen, die man
lesen könnte.
Die asymmetrischen Fußspuren lichtscheuer Wesen,
die dort im Schatten hin & her huschten ….
Die Geheimschrift eines Luftzuges, der
in einem bestimmten Moment
durch ein Fenster wehte ….
Abdrücke von Fingern, die
nach Verlorenem tasteten …..
Und die Spur eines Buches, das man
versehentlich
zu weit nach hinten geschoben hatte.


Der Geschmack der Selbstzerstörung

Nichts schmeckt so lecker
wie die Selbstzerstörung
in einer Nacht voll von Musik.
Nichts leuchtet so hell
wie die düstere Fantasie.
Doch der Nachgeschmack ist bitter,
und der Tinnitus pfeift
einen Trauermarsch.
Bevor die Finsternis
hereinbricht.


Geliebte Albträume

Wie langweilig wäre mein Schlaf
ohne die
geliebten Albträume ! –

Die Toten meines Lebens schicken mir
verstörende Briefe,
bevor sie
plötzlich wieder da sind
& mit fremden Gesichtern
meine Ruhe stören

Blutige Unfälle passieren
in meiner Nähe,
bevor
die Kugel des Psychopathen
in meine Schläfe dringt

Flugzeuge stürzen ab
Schiffe versinken

Flammen züngeln nach mir

In düsteren, verwinkelten Kellergängen
werde ich verfolgt
von meiner Vergangenheit
in Gestalt von
riesigen, untoten Spinnen

Zähne fallen mir aus
& meine Umgebung ist mir fremd

Ärzte schütteln den Kopf
über meiner Leiche

Auf schmutzigem, grauem Kopfsteinpflaster
liegt sterbend
die Geliebte
unter meinem Messer

Wüsten bestehen aus Treibsand
Gärten aus Morast

Der Schweiß
sickert in meine Matratze, während
das Fluchtauto
nicht anspringt

…. nicht anspringt, sobald
die geträumte Wirklichkeit
mir auf den Fersen ist –


Die mittelprächtige Oper

Das Leben
: eine mittelprächtige Oper

Die Ouvertüre
verspricht so Manches
Musik ohne Worte

Doch dann
kommt das Gesinge

Worte
die ohne die Musik
überhaupt nicht zu ertragen wären.

Eine alberne Handlung
Lächerliche Verwicklungen
Unechte Gefühle

Komponist & Librettist
halten ihre Grenzen für Kunst.

Und das
anspruchslose Gehör
mag ihnen zustimmen

der anspruchslose Geist
das anspruchslose Herz

Während die Enttäuschten
den Saal
vor dem Ende verlassen

& die Tür
hinter sich zuknallen.


Der Gipskopf

Der Gipskopf –
Er steht
heute
auf meinem Schreibtisch

Er zeigt mich
im Alter von 5 Jahren

Beinahe
sieht er mir ähnlich

Ich erinnere mich
wie er geschaffen wurde

Ich mußte stillhalten
& der Liebhaber meiner Mutter
arbeitete an dem weichen Material
während mein Vater
bei der Arbeit war

Und dann gab es diese Pausen
in denen meine Mutter mit dem
Hobbybildhauer
verschwand

Er wohnte im Nachbarhaus

Ich glaube
mich zu erinnern
durch ein Schlüsselloch
geschaut zu haben

Aber heute
weiß ich nicht mehr
ob ich es wirklich tat

Der Kopf aus Gips
Er ist Realität –
Eine geschaffene
Erinnerung

Habe ich durch das Schlüsselloch geschaut?
Habe ich gesehen, was ich
heute
glaube, gesehen zu haben?

Hat es mich beeinflußt?

Oder bilde ich es mir nur ein?

Phantasie
oder
Verdrängung?

All diese Figuren & Gipsköpfe
in Freuds Arbeitszimmer …..
Sein Schreibtisch …..

Ich weiß nichts
So wie mein Vater nichts wußte

Doch er fand es heraus
eines Tages

Und ich?

Ich bin nur
das gealterte Abbild eines
Gipskopfes
aus meiner Kindheit.


Das Traumbuch

Und dann ging ich
zum Bücherregal & suchte
nach diesem
einen Buch.

Unbedingt
wollte ich es lesen.
Jetzt.

Ich war überzeugt
es zu besitzen.

Ich schritt die Reihen ab,
hin & her,
Meter für Meter –
erst langsam, dann
schnell, dann
wieder langsam.

Die Verzweiflung wuchs.
Der Wunsch, es zu lesen
wuchs
mit der Verzweiflung.

Wo war dieses Buch?
Ich wusste, es existiert.

Ich schwitzte.
Kam außer Atem.

Hielt schließlich inne &
setzte mich auf den Boden vor dem Regal.

Und dann
irgendwann
wurde es mir klar – :

Ich hatte dieses Buch
nur
in einem Traum gekauft.


Das 4564. Mal

Das Bild, das ich
4563 Mal
für jeweils 1 Stunde
betrachtet hatte,
offenbarte mir beim
4564. Mal
1 Kleinigkeit, die mir
nie zuvor
aufgefallen war.

Auch
Du
bist
eine Art von
Bild.


Der Traum des Wahnsinnigen

Ein Wahnsinniger träumte
mich in die Welt

Schreiend wälzte er sich auf dem Boden
& konnte nicht erwachen

Wo war er hergekommen?
Niemand wußte es.

Wo würde ich enden?
Ich wollte es nicht wissen.

Rückwärts entfernte ich mich von ihm
behielt ihn im Blick – dann

drehte ich mich um
& rannte

Ich rannte in die Welt
in die wir nicht gehörten

Ich
der Traum des Wahnsinnigen

Und ich höre seine Schreie
überall & jederzeit


Der Schulhof

Der Schulhof ist
die Welt & die menschliche Existenz
unter der Lupe
des Realisten.

Der Neid schlägt

Die Phantasie fürchtet sich

Der Durchschnitt lacht

Der Geist bleibt stumm

Mehrheit & Minderheit
belauern sich

Blutige Kniee
& Lärm

Alles
nur ein Spiel

beobachtet von
inkompetenten
Autoritäten.


Nachts im Park

Nachts im Park
reisse ich meinen Regenmantel auf –

Ein Gedicht
hängt mir aus dem Hosenschlitz –

Und es ist mir egal
ob es jemand sieht.


Schatten

Ich träumte, ich sei
der Schatten auf dem glitzernden
Kopfsteinpflaster
in einer verregneten Sommernacht.
Ich war der Schatten einer jungen Frau
in einem kurzen Kleid.
Das Licht der Laternen hatte mich geboren,
und ich glitt über den Boden,
so schnell sie es wollte.
Ich hörte den Rhythmus der Schritte,
die mich berührten.
Der Himmel war schwarz,
der Mond war neu,
und die Frau war hell.
Und ich blickte hinauf
über nackte Schenkel
auf das
feuchte
Höschen, das
sich im Schatten bewegte.
Die Frau war allein,
und sie träumte
in ihrer Einsamkeit
von dem
Schatten,
der
ich
war.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Unter Beobachtung

»Sie sind nur zur Beobachtung hier«,
sagte der Mann ohne Gesicht.
Der Raum war leer &
so düster, dass ich
nicht einmal sah, wo das Licht herkam;
auch seine Wände konnte ich nicht erkennen.
Der Raum hätte endlos sein können.
Unbegrenzt.
In meiner Vorstellung war er es.
Aber ich hatte auch eine Vorstellung der
Realität
&
ihrer Grenzen.
»Es wird nicht lange dauern»,
sagte der Mann. »Wir
wollen uns nur
Klarheit verschaffen.«
»Klarheit worüber?« fragte ich.
Ȇber Ihren Zustand. Und
Ihre Eignung.«
»Ich eigne mich für gar nichts«, sagte ich.
»Auch das
ist eine Eignung«, sagte er.
»Aber kein Zustand«, sagte ich.
Vielleicht hätte er gelächelt, wenn er
ein Gesicht gehabt hätte.
Ich stellte es mir zumindest vor.
Ich wollte nicht beobachtet werden;
nur unbeobachtet hatte ich eine Chance,
mich nicht unwohl zu fühlen.
»Ich möchte lieber gehen«, sagte ich.
»Keine Chance«, sagte er. »Niemand geht,
bevor die Beobachtung zuende ist.«
Er
ging.
Dorthin, wo
eine Wand sein mochte.
Oder auch nicht.
Ich
blieb.
Und
fühle mich
be
ob
acht
et
cetera


Das letzte Winken

Es sah aus als würde sie winken.
Winken aus dem Maul der Katze.
Die Katze kaute.
Es sah aus als wäre
die Spinne ein Kaugummi.
Die Spinne war groß.
Die Katze spuckte sie aus.
Die Spinne bewegte sich sehr langsam.
Sie schien sich nicht gut zu fühlen.
Auf ihren verbliebenen 6 Beinen.
Beobachtet von der Katze.
Die Katze richtete ihre Ohren auf die Spinne.
Als würde die Spinne Geräusche machen.
Die Katze tätschelte die Spinne mit der Pfote.
Die Spinne konnte diesem Körperkontakt
nichts abgewinnen.
Mühsam schleppte sie sich vorwärts.
Nur um wieder im Maul der Katze zu landen.
Der Gesichtsausdruck der Katze war komisch.
Ein Auge leicht verkniffen beim zähen Kauen.
Popeye.
Sie schluckte die Spinne.
Irgendwann.
Von der Spinne blieb 1 Bein zurück.
Auf dem Fußboden.
Die Katze beachtete es nicht.

Ich wäre nicht gerne
die Spinne gewesen.

Aber
die Katze auch nicht.

Aber was weiß ich schon.
Vielleicht wären beide
auch nicht gerne
ich gewesen.


Die Post auf der Fußmatte

Ich besitze keinen Briefkasten;
nur einen Briefschlitz
in der Haustür.
Alles
landet auf der Fußmatte.
Rechnungen, Todesnachrichten,
Liebesbriefe, Bücher.

Ich kann nur hoffen, dass
der Dreck an meinen Schuhsohlen
passt
zu der Post.


Stirnfalten

Was Andere
Stirnfalten nennen
nenne ich
bei manchen Menschen
Lesezeichen.


Kurz

Am liebsten
sind mir
oftmals
die
kürzesten
Gedichte


Hollywood?

1977, nachmittags.
Ich saß in einem fast leeren Kino
& sah zum ersten Mal
„Einer flog über das Kuckucksnest“.
Und unter all den Gedanken, die mir
dabei durch den Kopf gingen,
war auch der Gedanke:
Wie sauber dort alles ist … wie
ordentlich ….

Die Klapse in der ich ca. ½ Jahr zuvor
gesessen hatte,
hatte nicht so ausgesehen.
Ich sah
einen Hollywood-Film; einen
sehr guten, aber eben
Hollywood ….
Ich & die armen Schweine damals
hatten das
wahre Leben gesehen.
Keine Ahnung,
wer das
gedreht hatte.


Sonnenfinsternis

Die alte Frau lag auf dem Sofa,
die wassergeschwollenen Füße
auf der Armlehne ….
Der Fernseher lief. Werbung. Laut,
denn die Frau hörte schlecht.
Die Sonne schob einen Lichtbalken
durchs Südfenster, Staub flitterte darin.
Es war der Frau zu sommerheiß; sie
zitterte, als sie mühsam das Wasserglas
mit dem Strohhalm vom Tisch nahm, um
einen Schluck zu trinken.
Sie zitterte, als sie das Glas zurückstellte,
doch sie verschüttete nichts.
Manchmal blendete sie ein Lichtreflex, der
ihr, vom Metall des Rollators ausgehend,
direkt ins Auge stach.
Eine junge Frau in Unterwäsche saß auf dem Rand
einer Badewanne & rasierte sich die Beine.
Die alte Frau beobachtete sie dabei. Sie
betrachtete die glatte Haut durch die
dünne Staubschicht, die auf der Bildröhre lag.
Die Helligkeit im Zimmer ließ das Bild verblassen.
Eine Fliege verließ die Wohung durch die
geöffnete Balkontür, und als die Werbung
zu Ende war, begann die
Direktübertragung.
Die gefilmte Sonne …. Menschen, die sich
dunkle Filter vor die Augen hielten ….
Langsam näherte sich der Mond ….
Die Frau war sich sicher,
Finsternisse schon erlebt zu haben, aber
sie konnte sich nicht erinnern,
wann ….
Die Frau war sich sicher,
dass dies die letzte Finsternis ihres Lebens
sein würde.
Die letzte Finsternis, die nichts mit ihrem
Dasein zu tun hatte.
Durch das Fenster konnte sie die Sonne nicht sehen;
die Sonne stand zu hoch.
Sie schaute auf das Abbild im Fernsehen ….
Angespannt & maskenhaft war das
Gesicht der Frau; sie atmete
durch den geöffneten Mund.
Der Mond schien die Sonne zu berühren ….
Die Frau griff nach der Fernbedienung, die neben ihr
auf dem Sofa lag, und schaltete
den Ton aus – zu viel wurde
geredet – zu viel
kommentiert.
Sie verspürte nicht den Drang,
aufzustehen.
Langsam wie der Mond hätte sie sich
dem Balkon & der Sonne nähern können ….
– – Doch wozu?
Auf dem Bildschirm würde die Finsternis
total sein – hier, wo die Frau wohnte,
nur partiell.
Und während sich hinter der dünnen Staubsicht
der dunkle Kreis vor den hellen schob,
erloschen in dem Zimmer die Reflexe des Metalls,
und der fliegende Staub wurde unsichtbar ….
Ein scheinbar düsterer Tag lag jenseits des Südfensters,
und das Abbild im stummgeschalteten Fernsehen
wurde kräftiger ………….
Das Abbild
ihrer
letzten
Finsternis.


Einfach nur

Einfach nur
den Zigarrenrauch betrachten,
wie er über der Kerzenflamme
nach oben steigt.
Die Heizung rauscht
durch die Nacht.
Kein Wort.
Kein Gedanke.
Keine Musik.
Doch auch nicht
Nichts.
Einfach nur
Betrachtung.


Ein Moment ohne Zufall

Ich öffnete die Tür.

Die Frau
lag auf dem Bett.

Bäuchlings,
blätternd in einer Zeitschrift.
Die Füße in Richtung
der Tür;
sie trug nur
ein T-Shirt,
wie zufällig ruhte sein Saum
oberhalb
ihres nackten Arsches.

Warmes Lampenlicht
auf ihrer Haut.

Sie wußte, dass
ich in der letzten Zeit
manchmal
gelangweit gewesen war.

Ich wußte, dass
sie sich
nach etwas
sehnte.

Meine Gedanken waren
manchmal
woanders
gewesen.

Ich wußte, dass in diesem Moment
nichts
ein Zufall war.

Denn sie hatte ihm
nichts
überlassen.

Ich legte mich neben sie,
überflog den Artikel,
den sie gerade las –
beziehungsweise
den zu lesen
sie vorgab;
und ich legte meine
rechte Hand
auf ihre linke Arschbacke,
und sie hörte auf,
etwas vorzugeben,
und ich hörte auf,
mich
zu langweilen.

Für einige weitere
Momente

ohne
Zufall.