Behäbig & feist & alt war sie,
weiß- & langhaarig; und seit ihrer Jugend
steckte das Diabologeschoss eines Luft-
gewehrs direkt neben ihrer Wirbelsäule.
Irgendein Nachbar hatte auf sie geschossen
(wie Nachbarn halt so sind).
Immer wenn sie hörte, dass die
Spritze vorbereitet wurde, beflügelte es
ihre Schritte. Schnell kam sie herbei –
bei Fuß, fast wie ein Hund. Die
Kanülen waren kurz.
Sehr rasch hatte die alte Katze gelernt,
wie gut es ihr nach einer Injektion ging.
Geradezu beschwingt bewegte sie sich
anschließend. Wie ich. Nach einigen
Gläsern Absinth. Das Insulin wirkte schnell.
Jeden Tag. Über viele viele Jahre hinweg.
Und dann kam die Wassersucht; der
hängende Bauch & das Umkippen …..
& die kurze Nadel bewirkte nichts mehr.
Ein Mann mit Ledertasche betrat die Wohnung;
in der Ledertasche eine weitere Spritze.
Die Kanüle, die er aufsteckte, war lang –
sehr sehr lang.
Und ich machte einen Fehler –
: Ich betrachtete das Gesicht der Katze,
als der Mann die lange Nadel direkt
in ihr Herz stieß …….
Für einen Sekundenbruchteil krampfte sich
das Gesicht zusammen, als würde es
nach innen & zur Mitte hin gezogen.
Dann entspannte es sich.
Der Absinth bewirkte nicht viel;
an diesem Tag.
Vielleicht liegt unter der Erde
noch immer das Diabologeschoss –
nach all den Jahren –
irgendwo – ganz einsam
& verlassen. Und
kalt
Es war schon immer mein Traum,
Dompteure auszupeitschen …
sie einzusperren in Käfige …
sie zu erniedrigen durch Zwang &
sinnlose Tätigkeiten …
Schon immer wollte ich sie anstarren lassen
von herzlosem Pöbel, von geistfernen
Unterhaltungssüchtigen …
Wollte Seiten aus der Bibel reissen,
die den Dompteuren als Rechtfertigung dienen.
Es war schon immer mein Traum,
Dompteure leiden zu sehen.
Schon als Kind konnte ich
den Zirkus nicht ertragen.
Tiere, die einen Job haben –
wie grauenvoll ist das!
Tiere, die Vorgesetzte haben –
wie grauenvoll ist das!
Es war schon immer mein Traum,
die Peitsche in die Hand zu nehmen –
in diesem Zirkus – &
auf die Hüter der Sinnlosigkeit
einzuschlagen.
Ich hasse es, wenn sich jemand
als Künstler bezeichnet; hasse vielleicht
das Wort Künstler an sich – – –
hasse das ü – den doppelten Fliegendreck
über dem u der Kunst – – das angehängte ler !
Die Pose & die Selbstbeweihräucherung ….
Die Kuchenform war symmetrisch,
sie war rechteckig.
Aus einer Schublade, angefüllt mit
Unordnung, nahm ich einen Hammer.
Mit dem Hammer schlug ich auf die
Form ein – ohne System.
So lange, bis nicht mehr viel
an das Rechteck erinnerte.
Dann rührte ich einen Teig an; aus
Zutaten, die ich verschweigen muss.
Ich füllte den Teig in die Form.
Stellte die Form in den vorgeheizten Herd.
Der fertige Kuchen, aus der unförmigen
Form befreit, sah aus wie eine
Krankheit.
Ich nahm ihn mit zu einer
Trauerfeier.
Er wurde bestaunt.
Fragen wurden gestellt –
– Wie ist denn das passiert?
– Ist das dein erster selbstgebackener Kuchen?
– Was ist da drin?
Ich log Antworten.
Er wurde probiert.
Sein Geschmack für interessant befunden.
– Aber, so wurde übereinstimmend gesagt, Backen ist nicht deine Stärke; du solltest es
vielleicht lieber lassen.
Zurück zu Hause nahm ich die Form &
hämmerte weiter auf sie ein.
Ich ahnte:
Mein nächster Kuchen würde mir noch besser
gefallen.
Geistlose Menschen fahren Runde um Runde
in geistlosen Maschinen.
Geistlose Menschen schauen ihnen dabei zu
& lauschen den Kommentaren geistloser Menschen.
Runde um Runde
Maschine um Maschine
Mensch um Mensch
Wort um Wort
Leben um Leben
Wenn
Das Sein an sich
sinnlos ist – kann dann etwas noch sinnloser
sein?
Da saß ich also wieder
wie üblich
Der Lehrer schaute sich um
wie üblich
Ein philosophischer Text war vorgelesen worden Kant oder irgendein anderer von diesen Jungs
Der Lehrer hatte die Frage gestellt:
„Wer hat den Text verstanden?“
2 oder 3 Mitschüler zeigten auf
wie üblich
Er schaute sich weiter um
Schaute mir in die Augen
als erwarte er etwas von mir
Ich schaute weg
wurde rot
wie üblich
betrachtete die Aufzeiger
Ich hatte kein Recht aufzuzeigen
Die Frage war falsch formuliert
wie üblich
Sie hätte lauten müssen:
„Wer glaubt, den Text verstanden zu haben?“
Meine Arme waren schwer
wie üblich
All das Geschreibsel
Das All meiner Erinnerungen
Der unsinnige Versuch, irgend etwas zu
bannen
Nichts als ein löchriger Teppich
von besoffenen Motten zerfressen
Eine kranke Struktur, die
kaum beweist, dass ich
existierte
Und in den Löchern
zwischen den ausgefransten Fäden
haust das Grauen –
Das verschwiegene Entsetzen, das
sich den Worten entzieht –
Das Nichtmitteilbare
Manchmal, wenn ich auf
ein Ziel zusteuere, verlaufe ich mich.
Verlaufe mich nur ein wenig –
& bin doch weit von meinem Ziel
entfernt.
Ein andermal, wenn ich auf
ein Ziel zusteuere, verlaufe ich mich
wieder. Verlaufe mich so sehr, dass
ich mich vom Verlaufen verlaufe –
& das Ziel
tatsächlich erreiche.
Der Weg durch die Verwirrung
ist lang – – aber
der Weg ist ja ohnehin das beste ….
Der hellste Kopf erlischt
sehr schnell; die
universale Bildung wird
gelöscht mit dem
Durst des Todes …. die
Leere wird in
die Erde versenkt.
Würmer fressen verstorbene
Gedanken in Finsternis,
winden sich
in vertrockneten Windungen,
tanzen
in leeren Augenhöhlen …
In Gruppen stehen die Menschen im
Sonnenlicht & schauen aufwärts – in
Richtung des wolkenlosen Himmels;
beschirmen ihre Augen mit gebräunten
Handflächen.
Vor dem gleißenden Blau: eine Gestalt;
hoch oben auf dem Dach des Gebäudes –
winzig & ohne Gesicht; von Ferne die
Sirenen der nahenden Rettungskräfte.
Und in den Gehirnen der Menschen
sind schon die Bilder des Gehirns –
wie es aus dem verwirrten Schädel platzt.
Sie schauen & sie warten ….
Und wenn der Sprung nicht erfolgt,
werden sie erleichtert sein, und die Er-
leichterung wird den bitteren Beigeschmack
der Entäuschung haben – – :
Schock & Schrecken hätten ihrem Leben
einen unvergesslichen Moment hinzugefügt
…. Intensität !
Ein perfekter Flug mit fuchtelnden Armen;
perfekt bis zum Aufprall.
Sie wären die Überlebenden gewesen im
Anblick ihrer eigenen Sterblichkeit – ihr
pulsierendes Blut, das sie für sich behalten
hätten, während fremdes Blut zu
Schmutz wird …..
Sie schauen & sie warten …….
Ich stehe in der Sonne &
schaue hinab auf die Gesichtslosen;
grau ist der Asphalt.
Sie warten & sie schauen ……….
Die Blaulichter treffen ein.
Darf man Menschen enttäuschen,
die so winzig sind?
Das Muster des Todes
in Deinem Rücken ….
Die Buckelpiste der
Schmerzen
über die der Blick
hinwegfährt
ohne Stoßdämpfer –
Tumore ohne
Humor –
& dennoch
kannst Du lächeln
wie ein Totenkopf,
über Empfindungen, die
hässlich sind –
weil Du ein Spiegel bist;
ein Spiegel, der
die Hässlichkeit
in ihr Gegenteil
verkehrt
& vielleicht
den Schmerz
in einen Schatten der
Hoffnung
Alkohol ist ein Nervengift –
eine bekannte Tatsache, die
man irgendwann spürt -:
mir brennen die Beine, mir
zucken Muskeln, von denen ich
nicht wußte, dass ich sie habe;
mir kribbeln die Fingerspitzen, die
Dieses tippen –
Meine medizinische Bibliothek sagt: Polyneuropathie – Ich sage: Fuck you! – zu mir; denn ich bin
Hypochonder…..
Weniger be- & anerkannt ist die Tatsache, dass das Leben
ein Nervengift ist –
Ein Gift,
gegen das die AllerMeisten
immun sind –
Süchtige auch sie ….
Hypochondrie ist
fehlgeleitete Fantasie –
Ich bin froh, dass ich etwas habe, das ich
fehlleiten kann.
Ich fühle etwas,
das
vielleicht
nicht da ist –
Vielleicht
fühle ich etwas
nicht,
das da ist –
Fehlgeleitet auch ich ….
Fantasie ist
ein Nervengift,
das brennen kann.
Und Brand bedeutet Durst – vielleicht :
Durst nach Gift.
Ein kleiner alter Mann sitzt im obersten Stock
des Sherlock-Holmes-Museums in London – schamlos kostümiert.
Er springt auf aus seinem versifften Ohrensessel,
wenn ein Tourist in seine Leere tritt.
Er sagt Worte, die lustig sein sollen.
Sie sind es nicht. Er trägt sie müde vor. Man lächelt, um ihm nicht Weh zu tun. Dabei wäre es ihm vermutlich egal, wenn man nicht lächelte.
Man erinnert sich an seinen eigenen
Job – – – – – Egal.
Das Zimmer, in dem er sitzt, ist so
klein –
kleiner als in den Büchern,
kleiner als in den Verfilmungen;
kleiner als in der Phantasie –
es ist winzig –
es ist deprimierend –
Und dann begann es
süßlich zu riechen in
meiner Garage ….
Ein fremder Geruch,
angenehm auf der einen
Seite – verstörend auf
der anderen ….
Eine Süße mit einem
Geheimnis – von Tag zu
Tag süßer &
geheimnisvoller ….
Und eines Tages nicht mehr
angenehm.
Ich begann zu suchen.
Und fand – unter dem Auto,
hinter der Stoßstange :
einen Vogel.
Mit einer Schaufel konnte
ich ihn befreien – – –
Eine gefiederte leichte
Hülle fiel auf den Boden,
tot & gefüllt von fremdem
Leben –
winzige Schwänzchen unzähliger
Maden wedelten vor Freude.
Ich hatte nicht bemerkt, dass
ein Vogel unter mein Auto
geflogen war; er war
klein gewesen in seinem Leben.
Aber der Tod machte ihn
bemerkbar.
Aufgaben, die ich
erledigen müsste,
erledigen mich;
sie ziehen mich
in eine Welt, die
nicht die meine ist.
Welt der Zwänge,
Welt der Ketten;
Ketten, die sich
um meinen Hals
legen; einschneidende
Glieder aus Gründen,
die mich nicht
interessieren.
Mein Leben,
angekettet in einem
finsteren Folterkeller
aus Nichtigkeiten;
Schraubzwingen
an meinen Schläfen.
Ich möchte lassen,
was ich nicht tun will;
aber ich muss tun,
was jene Welt
nicht lassen kann.
Ich weiß:
Ich bin
erledigt.
Ich erwache gezeichnet.
In Schwarzweiß. Mir selbst:
eine Karikatur. Die Karikatur
eines Mangas. Manga ohne Dialog,
Comic ohne Gedankenwolke.
Manga ⇒ mangiare ⇒ Frühstück.
Nächstes Bild: Küche –
ich habe 6 Arme, so schnell bin ich,
ich toaste Wasser, koche Toast,
schlage Eier – Fett dampft als
wortlose Sprechblase über meinem
verzeichneten Schädel.
Und schon schlinge ich im 3. Bild.
4 Arme bedeuten Gefräßigkeit. Gulp!
Besteck verschwimmt in (( Klammern )) der
Schnelligkeit.
4. Bild: Kacken. Verbissener Gesichtsaus-
druck auf der Schüssel. Aus. Druck.
Druck. Aus.
Nächstes Bild: An der Tastatur, umgeben von
Bildschirmen & Textprogrammen &
leergesoffenen Flaschen …
50-Finger-System. In einer gewaltigen
Staubwolke, aufgewirbelt aus Fantasie.
Fantasiebilder: Frame für Frame:
Tentakelnde Monster der Kindheit …
Verschlingungen …
Miniberockte Wesen mit großen GlanzAugen
& Stupsnasen -: Schenkel, Upskirts &
blitzende Höschen [die Leertaste wird mit dem
Schwanz betätigt] … grinsendschlängelnde Spermatozoen …
Dann: Schmerz spritzt Tränen aus SchlitzAugen.
Mehr & mehr Linien im SchwarzweißGesicht.
Dann: Schwarzbilder. Schwarze Frames. Fin-
sternis – & schließlich:
Der Tod als Karikatur; mit Kapuze &
glitzernder Sense – auch seine Blase ist leer,
auch er hat nichts zu sagen, auch er –
denkt nicht.
Wie wir alle – in diesem Comic.
Letztes Bild.
Hier könnte eine Blogroll sein.
Wenn ich nicht so egozentrisch wäre.
Statistik
92.966 hits
"Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab´ niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht."
(Friedrich Nietzsche)
„Meine kleinen Gedichte
Kommen wie kleine Blumen mir vor,
Lauter winzige Wichte,
Aber zusammen doch ein Flor,
Und hervor
Aus dem Chor
Blicken Vergißmeinichte.“
(Friedrich Rückert)
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