Wo eigentlich die 3
hätte sein sollen, gab es
ein Quadrat….
Ein kleines Fenster
der wechselnden Zahlen;
jeden Tag eine andere.
Und das Glas über diesem Fenster
war konvex – weil die Zahlen
so winzig waren.
Die Ziffern, mit denen die
Stunden, Minuten & Sekunden
benannt wurden, waren dennoch größer als die
Zahlen im Fenster.
Man konnte etwas lernen daraus.
Und wenn man vergesslich war,
hatte der Februar 31 Tage.
Archiv der Kategorie: Gedichte/Texte
Der 31. Februar
Mich hat eine Leere gezogen
Ich war so dumm zu glauben
dass das Vermissen das
Schmerzlichste & Schlimmste sei
bis ich
nicht mehr vermisste
Was ich vermisst hatte
war greifbar
fassbar
wirklich
Was blieb
war unbegreiflich
nicht zu fassen
& irreal
Eine einzige Leere
die schlimmer war
als Schmerz
Das Plakat
»Eigentlich seltsam«, sagte sie
(sie saß auf ihren Fersen, auf der Matratze,
nackt, den Blick gerichtet
auf das Plakat, das an der Wand hinter mir hing,
überm Kopfteil des Bettes).
»Was?« sagte ich.
»Dass du da ein Russ-Meyer-Plakat hängen hast;
du stehst doch gar nicht auf Brüste.«
Ich musste lächeln.
Das muss ich öfter
als ich denken mag.
»Erstens«, sagte ich: »ist das nicht wahr.
Die Tatsache, dass ich Beine & Hintern bevorzuge,
heisst doch nicht, dass ich nicht auf Titten stehe. Und
zweitens: sind diese Filme
unverwechselbar. Rein
formal gesehen.
Da hatte jemand Stil.
Und hat dem Alles Andere untergeordnet.
Das gefällt mir. So
muss man’s machen.«
Faster Pussycat, Kill! … Kill!
»So gesehen….«, sagte sie.
»Außerdem«, sagte ich,
»habe ich dir schon bei unserem ersten Treffen mitgeteilt,
dass mir deine gefallen.«
Jetzt lächelte sie.
Das musste sie öfter
als sie sich erinnern mag.
Woanders
Was ich
hier
gefunden habe
habe ich
hier
verloren
& ich werde es
hier
niemals
wieder
finden.
Die Whist-Wut des Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Ja ja, ich weiß:
Sein Leben war tragisch,
sagt man.
Aber ich bin noch nicht am Ende
seines Tagebuchs.
Ich liege im Bett; bin
am Anfang. Und
ich muss lachen –
immer wieder.
16. April – Whist zu dritt mit Flegont. Hatte unglaubliches Pech.
17. April – Whist zu viert mit mit Roman Jefimowitsch und Flegont.
Hatte sehr großes Pech.
18. April – Whist.
19. April – Whist gespielt. Ärgerte mich über mein Pech.
20. April – Whist zu zweit mit Flegont. Glück gehabt, aber trotzdem langweilig.
21. April – Abends Whist zu viert.
22. April – Abends Whist zu fünft. Hatte Pech und war schrecklich wütend.
23. April – Whist in zwei Partien.
24. April – Lese nichts, weiß nichts. Nur für Whist vergeude ich eine Unmasse
wertvoller Zeit.
25. April – Whist. War gereizt, aber weniger als gestern.
26. April – Whist zu dritt. Ach, ist das ein Leben!
28. April – Dieser Whist zu dritt geht mir derart auf die Nerven, daß ich
zu fürchten beginne, dies könnte sich auf meine Gesundheit auswirken.
Habe mich wieder bis zur Raserei geärgert und in Haß hineingesteigert.
Aber nicht mitzuspielen – dazu fehlt mir die Kraft. […] Nach dem Abendessen
Whist, der mich sehr erzürnte.
30. April – Wozu spiele ich bloß Whist? Außer Verstimmung und Wut
bringt das doch nichts.
1. Mai – Nach dem Abendessen Whist mit Roman Jefimowitsch. Habe
mich sehr geärgert, wurde aber sehr nervös. Haben bis 1 Uhr nachts
Whist gespielt.
6. Mai – Whist gab’s überhaupt nicht. Ehrlich gesagt, Whist ist für mich fast
eine Notwendigkeit – eigentlich peinlich.
So geht es weiter. Immer weiter.
Manchmal gewann er auch.
Ich hasse Spiele. Aber
das erwähnte ich schon.
Auf meinem Plattenspieler dreht sich
eine Schallplatte meiner Mutter.
1. Klavierkonzert in b-Moll op. 23
Eine Erinnerung aus früher Kindheit.
Meiner Kindheit.
Sie ist sehr
verkratzt.
Ja. Sein Leben
war tragisch.
Poesie & Erotikchat
Rilke im Licht eines Monitors
Ein geöffnetes Buch im Schein geöffneter Fenster
Virtueller Fenster
Poesie & Erotikchat – irgend Etwas sucht man ja immer
Die Einsamen suchen – aber nicht nur die
Hi, darf man stören? Was suchst du?
Ja, was eigentlich?
Ein rasches Ende.
Ende der Leere Ende der Sehnsucht Ende des Drucks Ende
der Geilheit Ende der Suche Ende der Eintönigkeit Ende des
Immergleichen Ende Ende Ende
Wo wohnst du? – Oh, Mist, zu weit, cu ….
Es hätte gepasst – vielleicht
Eine weitere Illusion, die man sich machen kann
Doch wahrscheinlich war die Frau ein Mann
der die Fantasien des Mannes am besten kennt
Überall Fakes (& Anglizismen, Fuck, Rilke hätte die nicht benutzt!)
Lügen – um sich begehrt zu fühlen
Wie alt bist du? Irgendwelche Tabus?
„Die Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen….“
Wer will meine Frau ficken?
Wer will zusehen?
Wer will mich?
Überall Wille – überall Wollen – vorhanden oder gesucht
schmerzlich vermisst oder fast schon tot
– & über Allem: Fragen
Was hast du an?
Wie wär’s mit einem Rollenspiel?
Alles nur Schein – Schwein – & alleine Sein
Dominant & devot – treffen wir uns
bei einem Gläschen Natursekt
„Regnet hernieder in den Zwitterstunden
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen….“
Was suchst du?
Ja, was eigentlich? Und wo?
Einen romantischen Sonnenuntergang
zum Rein
wichsen
Schalt die Cam ein
Ich steh auf Dirty Talk
Rainer Maria, hilf!
Tipp Tipp Tipp Tast
aturen
Warum suchst du? Warum suchen wir? Warum immer?
mbi44 besuchbar sucht
Tina im T-shirt (zu schön, um wahr zu sein) sucht
Paar aus Raum31 sucht
Zu wenig zu wenig zu wenig
Wer Nichts hat, sucht
Wer Etwas hat, sucht
In Büchern, in geöffneten Fenstern, die sich schließen
oder einfach verschwinden
Abkürzungen suchen Abkürzungen
„und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig voneinander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen :
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen…“
Rilke
im Licht
eines Monitors
Kurz bevor
der Strom ausfiel
Das gefallene Licht
Das Licht
fällt auf die Straße
geworfen
vom Mond
der es gestohlen hat
Düster strahlendes Plagiat
Nächtliche Variation des Tages
Reflexion
Schöner als das Original
der unsichtbaren Sonne
die woanders sein soll
Es fällt
Und die Straße ist voller Schatten
Risse & Krater
Mir gefällt
das Gefallene
das in die Nacht geworfen wurde
wie ich
in das Leben
mitten in der Nacht
In der Zwischenzeit
Nichts brauche ich
zu suchen. Alles
ist da. Nur
sehen muss ich
es.
Bilder
Metaphern
Symbole
Sie liegen
auf meinem Weg.
Wie Sperrmüll.
Den man als Kunst verkaufen könnte.
Eine Binsenweisheit.
An jedem Tag.
In jeder Nacht.
An den ödesten Orten
liegen sie – bereit
gesehen zu werden.
Sogar am Arbeitsplatz –
dem Reich von Zwang & Fremd
bestimmung.
Auf meinem Rundgang durch die Nacht
(ich werde bezahlt dafür, dass ich Rundgänge durch die Nacht mache;
Nachtwache an Orten, wo Andere schlafen)…..
Auf einem meiner Rundgänge durch die Nacht also
war mir der Weg verstellt.
Auf dem Gang standen:
ein Kinderwagen & ein Rollator.
So dicht nebeneinander, dass
ich nicht dazwischen
passte. Dichter
neben
einander
hätten sie nicht stehen können. Platter
hätte es nicht erfunden werden können.
In meinem Kopf grinste es
während ich einen anderen Weg nahm. Um
an mein bedeutungsloses Ziel zu gelangen. Mir fehlte
ein Sarg. In dem Bild. Doch den
konnte ich mir denken. Ich bilde mir
ein, dass die Zeit
ein klein wenig weniger
vergeudet ist – wenn ich mit diesem
Blick
meiner Wege gehe…..
Durch Zwang & Fremdbestimmung.
Durch den Sperrmüll
meiner Tage. Tage, die
Nächte sind.
Durch die kurze Zeit da
zwischen.
Der Traum vom 07.03.2014
Ich war unterwegs
in einem Zug.
Ein Zug war unterwegs
mit mir
als Passagier. Wenige
Andere waren unterwegs mit mir
& schienen nicht zu zählen.
Hinter den Fenstern
im Draußen herrschte
Dunkelheit (ein sanftes Regiment, in dem
Alles unterging).
Ich stellte – ver
stellte eine Weiche; ich
weiß nicht, wie….. Es geschah
von meinem Platz aus.
Dann spürte ich die Kurve,
die der Zug nicht hätte nehmen sollen.
Es war meine Schuld.
Der Zug hielt.
Es war eine Endstation.
Alle stiegen aus – & hatten unvermittelt
alte Gesichter; trübe Augen
hatten die Orientierung verloren.
Wankende Gestalten.
Der Bahnhof war ein Kopf
bahnhof. Er war verlassen &
hatte einen Namen, den ich vergessen habe.
Ich wollte nur
nach Hause.
Und wusste nicht, wo es lag –
von hier aus, von dort
aus. Ich
wusste nur, dass dort
Niemand war.
Also ging ich in eine Telefonzelle, wie
es sie nicht mehr gibt – & wählte
meine Nummer. Ohne
Münzen eingeworfen zu haben.
Jemand antwortete.
Ein bekannte Stimme der
Vergangenheit. Eine Frau, die
längst tot war.
Ihre Stimme klang älter
als sie je geworden war; brüchig
heiser & verwirrt.
Ich wollte abgeholt werden.
Doch die Frau lag
bewegungsunfähig
in meinem Haus, von dem ich nicht wusste,
wo es lag.
Dann geschah,
was geschehen musste – & zu oft geschieht,
in schlechten Filmen:
ich erwachte.
Die Träume machen es sich immer zu einfach.
Ihr Ende ist keine Lösung.
Manchmal: eine Erlösung. Wenigstens das.
Ich bin zu Hause. Wach. Irgendwo
liegt dieser Bahnhof. Ich
weiß nicht wo. Von hier
aus. Noch immer
wanken die Gestalten orientierungslos
über den Bahnsteig. Ich
habe die Weiche gestellt. Verstellt.
Es ist meine Schuld, wenn sie
nicht nach Hause finden.
Doch die Schuld
ist auch
nur ein Traum. Ein Traum
vom Freien Willen.
Die Narbe im Gehirn
Ich liebe den Gedanken
eine Narbe im Gehirn zu haben.
Ich musste lächeln
als der Arzt es mir sagte.
Sie bietet so viel Raum für
Assoziationen
Vorstellungen
Überlegungen
Fragen…..
Woher kommt sie?
Von den Schlägen meines Vaters?
Der Migräne meiner Kindheit?
Oder doch nur von den Träumereien & Gedankenblitzen,
von den wunderbar-schmutzigen Fantasien,
dem Aberwitz & dem Irrationalen?
Sie könnte
die Form eines diabolischen Grinsens haben
oder das Zackenmuster einer Krone.
Wo liegt sie?
In welcher Hälfte, in welchem
Zentrum?
Ich vergaß
zu fragen.
Und vielleicht
liegt das Vergessene
in ihr.
Jede Narbe war einmal
eine Wunde
& hat einen Anfang
& ein Ende.
Wie würde ich denken
ohne sie?
Ohne den Augenblick der Verwundung.
Verwunderung.
Sie ist wie ein Sprung.
Ein Sprung in der Schüssel.
Das Sprunghafte meines Denkens
mag von ihr kommen.
(Es ist unwahrscheinlich, aber
was kümmert mich die Wahrscheinlichkeit!)
Sie ist wie ein Riss.
Ein Riss in einer Mauer.
Sie ist wie ein Spalt.
Ein Spalt, durch den man schaut,
um etwas Verborgenes zu sehen.
Ich musste lächeln
als der Arzt es mir sagte.
Aber der Arzt schien
irritiert.
Unterm gelben Zeigefinger
Was oben scheint
ist erneut der Mond.
Der Mond scheint
gelb, getarnt als Sonne.
Als Sonne der Nacht,
gelb wie der Zeigefinger eines nikotinsüchtigen Serienkillers;
er deutet
hinunter auf den Wald……
Knisterschritte in stiller Umgebung.
Was unten scheint
ist erneut die Frau. Getarnt
als Traum.
Traum, Baum, Saum eines Nacht
hemdes…. kurz & durchschimmernd ….
in Stummfilmblau.
Bloße Schenkel in Bewegung,
Nadelgeruch & das Ende der Stille.
Das Heulen des Tieres schneidet
ein Muster in die Dunkelheit & hinterlässt
eine Tonspur.
Ein Wolf träumt in der Ferne,
und seine Sehnsucht reisst die Frau
zu Boden…… fällt
über sie her,
leckt sie ab
mit schweigender Zunge &
zitterndem Schwanz.
Speichel tropft unterm Märchenmond.
Und Licht bricht in den Schweißperlen der Frau.
Rot ist die Lust
wie eine unter
gehende
Sonne….
& ihr Blut sickert
in den Boden
der Nacht.
Wenn die Wörter ausgehen
Wenn die Wörter ausgehen,
amüsieren sie sich
bloß woanders
& das Schweigen
bleibt zu Hause
zurück.
Und feiert allein.
Das Stichwort
Unauffällig & un
bemerkt von Anderen
verblutete er
Auf
Grund innerer Verletzungen
Schweigend in der Stille –
mit einem fremden Stich
Wort im Herzen.
Schwarzes Konfetti
Wie Ruß fliegt es durch die Luft
Ein Gruß vergangener Lust
Schwarze Punkte, die am Ende stehen –
Konfetti!
Die Party ist vorbei
Es gab Wenig zu bejubeln
Es beginnt
die Totenfeier
Die Punkte sind von Pappe
Kleine Neumonde, die in Löcher passen
Exakt – & ohne Zwischenraum –
Konfetti!
Und irgendwo am Boden liegt
was übrig blieb
vom Scherenschnitt
Von dem Scherenschnitt
der unser Schatten war
Die tropfende Zukunft
Kerzenwachs im Badewasser ist wie Blei
gießen – genauso sinnlos, bloß
ohne Blei.
Irgend etwas erkennt man ja immer
in den Formen – da ist es gut,
wenn man an
Nichts glaubt.
Auch nicht an die Zukunft.
Man liegt im Wasser,
träumt so für sich hin;
es ist Nacht,
es ist gemütlich & warm,
ein schwacher Luftzug bewegt die Flamme,
und die Kerze beginnt zu tropfen.
Das Wachs rinnt
vom Rand der Wanne & wird hart
im Wasser.
Seine Form hat nichts mit der Zukunft zu tun;
immerhin: hart könnte sie werden.
Ein belustigender Gedanke.
Wilde Assoziationen im Schaum.
Zukunft:
Vielleicht schlafe ich ein,
rutsche wie Blei unter die Oberfläche &…..
Doch
vor dem Ertrinken
erwacht man – so
fern man
nüchtern ist.
Das ist wie in der
Liebe.
Die Styropordecke
„In niedrigen Räumen werden auch
die Gedanken niedrig.“
behauptet Dostojewski.
Der Kellerraum, in dem ich
den Großteil meiner Jugend verbrachte, war
sehr niedrig.
Die Decke war
mit Styroporplatten verkleidet.
Dennoch
war mir Alles zu laut.
Ich selber:
ebenfalls zu laut.
Für die Anderen
& für mich.
Es pfiff in meinen Ohren –
noch Stunden nachdem ich
den Verstärker ausgeschaltet hatte.
100 Watt
in einem kleinen Raum voller Bücher.
Die Styropordecke war mein Kerbholz.
Man sah die Schmisse, die die Gitarren hinterließen,
wenn ich sie mir, ohne aufzupassen, umhängte.
Nach der Decke strecken konnte man sich nicht
in diesem Raum. Allenfalls
im Sitzen. Stand man
aufrecht, mussten die Arme nach oben hin
angewinkelt bleiben (zwischen den kantigen Spuren der Instrumente sah man
die weichrunden Vertiefungen meiner Fingerkuppen…..)
Ursprünglich waren die Platten
weiß gewesen. Später waren sie
gebräunt vom Tabaksqualm.
Über Allem:
Schritte & Klopfen.
Meine Gedanken waren
niedrig, wenn sie niedrig sein wollten;
hoch, wenn sie hoch sein wollten.
Die Träume schienen unendlich,
wann immer ich es wollte.
Die Erwartungen waren
Ungeheuer;
die Enttäuschungen
gigantisch.
Es passte Alles
in diesen kleinen, niedrigen Raum –
in dem ich meist
allein war.
Wie ein Scharfschütze
Wenn Du
Dich sicher fühlst &
am wenigsten damit rechnest –
liebe ich Dich
aus dem Hinterhalt
wie ein Scharf-
schütze.
Ein Glücksfall?
Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann….
Nach dem Auftritt saßen die 3
in der Hotelbar. Wie üblich
war ich nicht im Konzert gewesen; ich
musste arbeiten. Neben der Bar. An
der Rezeption.
(So ist es ja fast immer: man könnte
Freikarten bekommen, aber der Grund,
weshalb man sie bekommen würde, ist
derselbe, weshalb man sie nicht nutzen könnte.
Wie tiefsinnig!)
Mangelsdorff ging aufs Klo.
Volker Kriegel & Wolfgang Dauner saßen an der Theke.
Dauner fing an über Zettel’s Traum zu reden.
Irgend etwas Oberflächliches.
Eigentlich mag ich es nicht, wenn Andere
über meine Schätze reden. Es ist
eine Art von Eifersucht.
Andererseits empfand ich es als
bemerkenswerten Zufall, dass sie ausgerechnet
in einem Hotel gelandet waren, wo der
Nachtportier dieses Buch gelesen hatte.
Außerdem hatte ich in meiner Jugend keine
von Dauners TV-Sendungen über den Jazz verpasst.
Kriegel war schwer zu verstehen.
Er hatte Kehlkopfkrebs.
Sein Gitarrenstil hatte mich nie vom Hocker gehauen,
aber ich mochte seine Zeichnungen.
Ich erledigte also meine öden kleinen Aufgaben,
hörte zu, und
Mangelsdorff kam zurück vom Klo.
Das war’s auch schon.
Sie wussten kaum, dass ich da war.
Sie wussten nicht, was ich wusste,
Sie wussten nicht, dass ich zuhörte.
Als ich von Kriegels Tod erfuhr, dachte ich:
Scheißkrebs! – Wie immer.
Erst lange Zeit später las ich, dass er
einem Herzinfarkt erlegen war.
Da leidet jemand viele Jahre lang
an Krebs, und dann DAS!
Eigentlich
ein Glücksfall.
Vermute ich.
Mangelsdorff starb ein paar Jahre später.
An Leukämie.
Dauner lebt noch.
Glaube ich.
Ich lebe noch.
Glaube ich.
Tram-Depot
Ich hielt & wartete
vor rotem Licht
Eine Unterbrechung
meiner nächtlichen Fahrt
ohne Ziel
Eine Straßenbahn transportierte
ihre Leere
vor mir vorbei
Sie leuchtete von innen
wo niemand saß
Das Geräusch von
Rädern auf Schienen
zog vorüber
metallisch
Die Anzeige des Bestimmungsortes
entfernte sich
von mir
Der Ort erinnerte mich
an einen Hafen
in meiner Vorstellung
Kein Passagier fährt dorthin
Tram-Depot
(Fehlte da etwa ein Buchstabe?)
Am Ende
Gab es grünes Licht
für meine Ziellosigkeit
Eine gesunde Basis
Er stellte eine Frage. Im Sitzen.
»Und, warum hat’s denn nun nicht geklappt?«
Ich stand auf. Und gab eine Antwort:
»Moment, ich mach mal noch’n Tee.«
In der Küche erinnerte mich vieles
an sie…..
Meine Lieblingstasse, aus der sie Kaffee getrunken,
das Feuerzeug, mit dem sie Bierflaschen geöffnet hatte,
jedes Linoleumquadrat am Boden, das ihre Füße berührt….
Schließlich zog der Tee. Im Wohnzimmer. Zwischen
ihm & mir.
»Also?«
»Also – ich versteh’s eigentlich auch nicht. Es hatte Alles
eine gesunde Basis….. Wir haben nie etwas
zusammen unternommen; haben uns praktisch nur
im Bett getroffen, meistens lag ich schon drin, wenn sie
mich besuchte; ich kannte ihre Adresse nicht, wir hatten wenig
gemeinsam, und im Schlafzimmer brannte immer
eine bunte Lampe, so dass wir nie in der Dunkelheit
nebeneinander einschliefen.«
Er grinste, und die Teekanne war weiß. Wie immer.
»Ich beliebe nicht
zu scherzen«, glaubte ich hinzufügen zu müssen. »Mir
gefiel das wirklich.«
»Muss ich nicht verstehen«, sagte er.
»Nein. Natürlich nicht.«
»Und – wer hat denn nun Schluss gemacht?«
Ich bewegte die Beutel. Im Wasser.
»Niemand.«
»Wie – niemand?«
»Man macht doch nicht Schluss, wenn es
so läuft.«
»Ja, was denn nu?« Es klang, als würde er
die Geduld verlieren.
»Nichts«, sagte ich.
Und Grünen Tee lasse ich nie länger als
3 Minuten ziehen. Und das Wasser darf nicht
kochen – sonst wird er
bitter.
Die rollenden Köpfe
Der Mann träumte das Grauen.
Von oben herab schaute er
auf namenloses Elend:
das Viertel eines unbekannten Ortes, das
hoch auf einem Plateau lag
in irgendeiner Welt; gewaltige
steinerne Treppen führten dort hinauf – nur
dass Niemand dort hinauf stieg….
in dieser Welt.
Verfallene Hütten aus schimmelndem Material,
eingefallene Dächer – Dreck & Gestank.
Alles war gräulich, und das Wetter
konnte aus keinem Himmel kommen.
Apathische Menschen lagen am Boden
überall. Und allüberall
waren Kinder.
Körperlose Kinder.
Kleine Köpfe bewegten sich über den Unter
grund – teils schwebten sie wie auf einem Luftkissen, teils
rollten sie über das rissige Grau.
Und der Blick des Mannes, der ebenso körperlos über
Allem schwebte, sah –
wie die Köpfe
immer wieder
auf die Treppen zu
rollten…..
auf die Stufen, die in einen unsichtbaren Ab
grund führten.
Schief & verrottet waren die Stufen – schmerzhaft
pochte die Hilflosigkeit des träumenden Beobachters….
des beobachtenden Träumers. Und dann
fielen
die
Köpfe
die Treppen hinab.
Prallten auf ihre Gesichter, die anfingen
zu bluten; und
das Geschrei, das aus ihren nichtvorhandenen Kehlen drang,
hätte Jeden geweckt –
nur den Träumer nicht.
Die Eltern der stürzenden Köpfe
sahen zu. Taten
nichts.
Lagen herum. Mit bloßen
Füßen, gezeichnet von Blut
ergüssen. Nichts
interessierte sie
mehr. Nichts
konnte sie bewegen.
Die Lethargie machte ihre Augen stumpf
wie die gebrochenen Augen von Toten.
Schreie! Schreie! Schreie!
Kleine weinende Köpfe mit gebrochenen Nasen
rollten & hüpften die Stufen hinunter, der Tiefe entgegen….
wie Spielbälle sinnlosen Leidens …. Kanonenkugeln
aus berstendem Fleisch.
Des Träumers Blick schwebte
über Allem
in einem Himmel
aus dem kein Wetter kam.
Nicht die Schreie, nicht das Weinen, nicht das Wimmern
konnten ihn dem Schlaf entreissen. Und doch
erwachte er.
Aus
einem Grund, den er
nie erfahren würde ….
Aus
einem Ab
grund, den er
nur zu gut kannte…..
Heftig atmend kam er zu sich
in meinem Kopf. Kam er zu mir
in meinem Kopf, der
auf einem Kissen lag.
Sein Herz schlug wild
in meinem Schädel.
Träume stürzten treppab in mir.
Jetzt
musste nur noch
Ich
er
wachen.
Erwachen.
Und
zu mir kommen.
Aus
diesem Traum.
Nicht strafbar, denke ich
Was sie mir raubte, gehörte ihr
in gewisser Weise.
Es war nicht
strafbar.
Denke ich.
Sie beraubte mich
der Illusionen –
die ich mir
ohne sie
niemals
hätte machen können.
Die Fototapete
Sie saß mit dem Rücken zur Wand.
In einem fremden Zimmer.
In einer Stadt, in der sie sich
nicht aus
kannte.
An der Wand: eine Fototapete.
Sie zeigte einen Ort,
wo die Frau noch nie gewesen war
in einer Zeit vor ihrer Geburt.
Sie saß am Boden.
Unter dem Boden
hätte Vieles
sein können; aber nicht
Nichts.
Vielleicht war nur ein weiterer
Boden darunter. Der
Alles
hielt.
Sie war sich
unsicher –
& All
em/en Anderen
auch.
Wie 1 Schlechtes + 1 Schlechtes ein Gutes ergibt
Ein Pickel an der Oberlippe
ist besonders
schmerzhaft.
Aber dann
ist es ein Glück
einsam zu sein.
So hat
Alles
sein Gutes.
Ganz Ohr
Eine Zungenspitze
am Eingang zum Gehör
feucht & warm
Altbekannte Worte
in schwerem Atem
scharf & weich
zugleich
kitzelnder Flüsterhauch
Irgend
was
von Liebe & Begehren
Man muss es glauben.
Daran glauben.
Ich bin
Ganz Ohr
Stankstellen
Am liebsten spielte ich
drinnen – immer schon.
Und noch weiter
drinnen – in meinem Kopf
mit Wörtern & Worten.
Ein kleiner Junge
der am liebsten
im Bett lag.
Es war gar nicht so lange her
dass ich die Wörter gelernt hatte
– & doch:
halb bewusst, halb unbewusst
erschienen sie mir oft
unzureichend – schon damals.
Eigentlich mochte ich den Benzingeruch
der Tankstellen. Als man noch nicht
selber tanken musste & der Liter
ein paar Groschen kostete –
in meinem Kopf aber
wurden Tankstellen zu Stankstellen,
und in dem Tante-Emma-Laden an der Ecke
hieß auch Alles anders, als ich es für richtig hielt.
Meine Eltern hörten irgendwann auf
mich zu verbessern
& lachten schließlich.
Dann
kam die Schule
mit ihren Regeln…..
Die Schule war
draußen.
ICH
HASSTE
SIE.
Eine Illusion von vielen
Nie wieder
wirst du jemanden kennenlernen
wie mich.
Nimmermehr
werde ich jemanden kennenlernen
wie dich.
Denn die Vorstellung
jemand Anderes könnte
Uns
ähnlich
sein
im Innersten
ist nur eine Illusion
von vielen.
Eine Illusion
wie die Liebe –
falls Die eine ist.
Pazuzu
In dem Haus, in dem ich wohne,
lebe ich sogar. Es ist
nicht das stabilste. Bloß
ein Fertighaus.
Wenn der Wind
ungünstig steht
& er besonders heftig weht,
knackt es über
all.
An einer rotgestrichenen Wand
hängt ein kleiner Spiegel.
Bei Sturm zittert er.
Und mit ihm
mein Spiegelbild.
Das Glitzern der Bruchstücke
Die Bruchstücke, die hinter mir liegen –
sind nicht ich. Ergeben
zusammen
gelegt
nicht
mich. Ich bin
nicht
zerbrochen
an dem, was
zerbrach.
Was
in Teile zersprang
war nur ein kleiner
Teil von mir
der ein Anderer war
als es geschah.
Bruch
Stücke
Ich schaue zurück,
und sie
glitzern
wie Splitter
in buntem Licht.
Manchmal
überrascht es mich, dass ich
stärker bin als ich
mich fühle.
Der Ausgangspunkt
Die Zeile,
die der eigentliche Anlass gewesen war
für das Gedicht, kam
am Ende
gar nicht vor
in ihm.
Wie schade!
Alles war so schön
geplant
gewesen.
Und dann das!
Das Gedicht
wollte die Zeile nicht;
es hatte
seinen eigenen Willen.
Es war unverschämt.
Die arme Zeile!
Ungenutzt. Und nutz
los. Aber nicht
ohne Sinn.
War sie doch
ein Ausgangs
punkt.
Eine Frage der Augenblicke
Dieser Moment
im 17. Jahrhundert
als Gryphius über den Augenblick schrieb
Betrachtung der Zeit
Was hatte er im Auge?
Die Ewigkeit.
So weit
wird’s nicht reichen –
aber immer
hin: ich
lese seine Zeilen
mehr als 300
Jahre später
& weiß
was er meint.
Ich suche
dasselbe.
Jeden Moment.
Alles eine Frage
der Augen
Blicke.
So funktioniert’s – oder auch nicht
Ein Mädchen spielt
Saxophon
irgend
wo
wann
wie
Ich kann es sehen & hören
obwohl mir
Hören & Sehen
längst vergangen sind
& ich das Mädchen nicht kenne
Ein Kater namens Leo
den ich Adolf nenne
öffnet eine Kühlschranktür
& hört das Spiel
Nicht jeder muss das verstehen.
Ich weiß, es gibt
mindestens 1 Menschen,
der es könnte.
Vielleicht niemand sonst.
Doch das ist bedeutungslos.
Selbst
wenn dieser 1 Mensch
Es niemals lesen sollte –
Es steht
geschrieben
& nur das
zählt
1
2
3
Der Sinn liegt
wo
anders.
Der Unsinn
löffelt
Ihn
So funktioniert
Poe
Sie.








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