Tagesarchiv: 3. Juli 2012

Greenbox

Das Leben
: eine schlechte TV-Sendung

Die Realität
: eine Greenbox

Darin.

Es könnte aber auch
umgekehrt
sein.


Das Stofftier

Ich räumte das Fundbüro auf
in einem der Hotels, in denen ich arbeite.
Zwischen all den
Regenschirmen,
dreckigen Unterhosen,
Ladegeräten,
Sonnenbrillen,
BHs,
Badekappen,
Reiseweckern,
Schmuckstücken,
Büchern ….
fand ich
ein Stofftier.
Abgegriffen & schmuddelig.
Zwischen all den
Nichtigkeiten
(die zum Teil
mehr Geld gekostet haben mochten)
war dies
das Einzige
von Wert.
Es war
vielleicht
die Traurigkeit eines Kindes ….
die Schlaflosigkeit eines Kindes ….
die Einsamkeit eines Kindes ….
Weil das Stofftier
hier war,
wo es nichts zu suchen hatte –
& nicht
dort war,
wo es
hingehörte &
vermisst wurde.
Abgegriffen
Schmuddelig
Vergessen
Verloren


Meine Grabinschrift

Die Welt & er
interessierten sich oft
für sehr unterschiedliche Dinge.
Trotzdem kamen sie
irgendwie
miteinander

Aus.


Der weite Weg

Der umgekippte Tisch war
die Front meines Busses

Der große Leitz-Locher
mein Gaspedal

Der kleinere Locher
die Bremse

& der Tacker
die Kupplung

Die Antenne des Kofferradios
war der Schaltknüppel

& ein Teller
mein Lenkrad

Ich hatte einen
weiten
weiten
Weg
vor mir

& glaubte
zu wissen
wo es langgeht


Das Zungenbändchen

Was gab es in jenem Moment
Besseres
zu hören als
das Rauschen des Blutes
in meinen Ohren

Was
Besseres
zu fühlen als
den weichen Druck ihrer Oberschenkel
auf meinen Ohren
meinen Wangen

Was gab es
Besseres
zu sehen als
ihre geschlossenen Augen
ihren geöffneten Mund
& wie sie sich
auf den Knöchel des gekrümmten
Zeigefingers
biss

Was gab es
Besseres
zu riechen als
sie

Dann
nachdem sie die Schenkel wieder
geöffnet hatte
wollte sie meinen Kopf von sich
wegzudrücken
Aber ich ließ es nicht zu

Ich machte weiter

Es ging ein bisschen schneller
beim zweiten Mal

Blut
Druck
Augen
Mund
Duft

Wieder wollte sie mich wegdrücken
Wieder ließ ich es nicht zu

Schließlich
begannen meine Kiefergelenke
leicht zu schmerzen

Blut
Druck
Augen
Mund
Geruch

Sie ließ mich weitermachen

Beim vierten Mal
dauerte es wieder etwas länger

Beim fünften Mal
noch länger

Dann war es
als wollte sie mir den Schädel
zerdrücken
& mir die Zähne einschlagen
mit ihrer Fotze

Ich wollte
weitermachen
weitermachen
weitermachen

Wie in einem zeitlosen Rausch

Aber sie sagte:
»Nicht.
Ich kann nicht mehr.«

Meine Finger waren aufgeweicht

»Das trifft sich gut«, flüsterte ich,
»ich kann nämlich auch nicht mehr.
Aua, mein Kiefer.«

Sie grinste

Ich rutsche hoch
Neben sie
Gab ihr einen Kuss, obwohl
sie es nicht mochte
sich zu schmecken

»Du bist verrückt«, sagte sie.
Sie zog die Decke über uns
Wir rückten etwas weiter auf die
andere Seite
weil das Laken so nass & kalt war

»Aua, meine Pfunge«, sagte ich.

Sie kicherte

Tatsächlich
fühlte sich das Zungenbändchen
am nächsten Tag
seltsam stumpf & dick & gereizt an

Ab & zu fragte sie:
»Was macht das Bändchen?«

»Es hält«, sagte ich.
»Es hält.«

Wir grinsten

Was gab es
Besseres
in jenem Moment


Die Operation

Leben

Sie lag auf dem Tisch
bedeckt von grünem Tuch
Das Tuch hatte ein Fenster
In dem Fenster:
Ihr geöffneter Brustkorb

Der Chirurg
maskiert
operierte
ihr bloßgelegtes Herz

Der Anästhesist
war ein
Sadist

& ließ sie

erwachen


Die Möwe

Sie liebte Möwen.

Also nahm ich ein Blatt Schreibmaschinenpapier,
zeichnete eine Möwe darauf,
spannte anschließend das Blatt in die alte
Triumph meines Vaters & tippte
rings um die Möwe herum
das Wort »Besessenheit«
so oft, bis
das Blatt voll war.

Dann schickte ich es ihr
per Post.

Als ich sie
das nächste Mal sah,
drang ihr Blick so tief
in mich,
dass ich es
nicht
ertragen konnte.

Und
nichts
geschah.


Witze

Manchmal
in meinen Träumen
reiße ich Witze
die ich
noch nicht kannte
als ich einschlief

Dann muss ich lachen
& erwache
von meinem Gelächter

Und das Gelächter
vergeht