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Der hohle Baum

Nacht. Wald. Windstille. Mondlicht, das durch Baumkronen splitterte. Meine Schritte, mal knisternd, mal dumpf. In der einen Hand hielt ich eine Taschenlampe, in der anderen einen Zettel. Ich hatte diesen Zettel gestohlen, aber der, dem er gehörte, vermisste ihn wahrscheinlich gar nicht; wusste vielleicht nicht einmal etwas von dessen Existenz. Egal. Die Wegbeschreibung hatte mich fasziniert. Kritzelei. Geheimnis. Vielleicht etwas Unbekanntes, das man finden konnte. Irgendwo am Ende. Endlich etwas suchen. Das man nicht verloren hatte.
Es war noch angenehm warm. Waldluft, Geraschel von Tieren … Was hätte ich Besseres tun können, als mitten in der Nacht hier umher zu laufen? Das Taschenlicht auf den Zettel gerichtet, kam ich nur langsam voran; die Zeichnung & die dazugehörigen Worte waren alles andere als eindeutig. Mögliche Mißverständnisse schienen absichtlich eingebaut, sollten in die Irre führen. Das reizte meine Neugier nur noch mehr. Wie lange ich schon unterwegs war, keine Ahnung; ich habe nie eine Uhr bei mir. Dort, wo man manchmal wissen muss, wie spät es ist, gibt es immer jemanden, der es einem sagen kann; an allen anderen Orten muss man es nicht wissen.
Irgendwann also. Irgendwann stand ich vor dem gewaltigen Baum. Das musste er sein. Dicker als alle andern. Im Lichtfleck der Taschenlampe wirkte seine Oberfläche krank. Pilze umstanden ihn wie kleine Schachfiguren. Den Mond wehrte er ab. Man musste etwas Bestimmtes tun; es stand auf dem Zettel.
[…]
Warmes Licht strahlte blaß durch die schmale mannshohe Öffnung des Baumes. Es kam von unten. Rötlich-orange, ein Rechteck, schwach auf den Waldboden reflektiert. Fast blendend nach all der Dunkelheit. Ich trat näher. Schaute durch die Öffnung. Eine steile Treppe mit Geländer führte hinab zu einem Holzfußboden. Essensduft stieg nach oben. Wie eine Kindheitserinnerung.
Ich bin recht dünn. Zwängte mich seitlich durch den Spalt. Leicht nach hinten geneigt, Hand am Geländer, Stufe um Stufe hinab. Viele Stufen, viele Meter. Hinter mir schloss sich der Baum, knarrend. Der beengte Abstieg endete …..
….. endete in einem großen Gewölbe voll feurigem Licht; Kerzen & Kamine leuchteten. Alles war mit dunklem Holz ausgeschlagen. Möbel aus dunklem Holz. Asymetrisch angeordnet; keine rechten Winkel. Wärme, Hitze. Schatten wie Scherenschnitte. Leuchtende Schleier aus Tabakqualm. Und überall Bücher & Zettel. Papierene Welten. Bleistifte. Staub & Spinnennetze.
Die junge Frau stand mit dem Rücken zu mir an einem altertümlichen Herd. Rührte. Lange schwarze Haare. Schlank. Sie trug einen dunklen Pullover, der ihre Oberschenkel zu einem Drittel bedeckte. Sonst nichts. Barfuß. Ich blieb an der Treppe stehen.
Sie wandte ihren Kopf, blickte mich über die Schulter hinweg an. Zögerliches Lächeln.
„Hey“, sagte sie.
„Hey“, sagte ich.
„Wieder mal einer, der den Weg gefunden hat.“
Traurige Augen. Die sie dann wieder auf den Topf richtete.
„Ja, ich habe die Karte gefunden“, sagte ich.
„Gefunden?“ (Ihre Stimme!)
„Mehr oder weniger.“
„Wenn du sie gefunden hättest, wärst du nicht hier.“
Weg von der Treppe, ein paar Schritte wenigstens. Ich sah, was die Flammen mit ihren Schenkeln machten.
„Wieso?“ fragte ich ihren Hinterkopf.
„Nur wer sie stiehlt, findet hierher. Und das waren bisher nicht viele.“
„Tja, Scheisse, ich bin ein verfickter Dieb, ich gebe es zu.“
Genet“, sagte sie.
„Genau. Genet.“
„Setz dich.“
Sitzgelegenheiten noch & noch. Ich legte Lampe & Zettel auf den nächstbesten Tisch & wählte ein Sofa, zu dem ein Grammophon gepasst hätte; eine Kissen-Oase.
Sie drehte sich herum. „So, Köcheln ist angesagt.“ Es war ein Rollkragenpullover. Grobe Maschen. „Was zu trinken?“
„Alles, was die 40%-Hürde schafft, ist willkommen.“
„Absinth“, sagte sie.
„Grün wie die Hoffnung“, sagte ich.
Verdammt, da stand ja tatsächlich ein Grammophon. Vor einem Regal mit ausgestopften Vögeln; ganz oben ein starrender Uhu.
Sie tappste zu einer Kommode voller Flaschen & Gläser.. Reflexionen. Zuckerwürfel, die sie in Brand setzte; Zischen & Rühren & Löschen mit Wasser.
Dann trat sie mir nah. Beine, Pullover, Schatten unter den Augen. Sie reichte mir das Glas. Fingerspitzen, die sich berührten.
Sie setzte sich zu mir.
„Was gibt’s zu essen?“ fragte ich.
„Hackbraten mit Pilzen. Als Nachtisch Feigenkompott.“
Falscher Hase, dachte ich, Alice im Wunderland …. Wo ist der echte Hase? Wo die Uhr?
Es gab eine Standuhr, aber die zeigte eine Zeit an, die nicht stimmen konnte. Das Pendel bewegte sich; lautlos. Lautlos?
Ihre Schenkel so nah. Angewinkelt. Haut, so blass. So glatt. Duft.
Wir nippten gleichzeitig getrübten Anis.
„Verrückt“, sagte ich.
Verrückt“, sagte sie. Bei ihr klang es so anders. Ein Wort, das man streicheln musste. Ihre Nase war eine Sprungschanze, ihr Mund das Kissen für die Landung. Sommersprossen. Kerzenflämmchen tanzten in ihren Pupillen.
„Was mach ich hier eigentlich?“ sagte ich.
„Tja, was? Vielleicht – mich retten?“
„Wovor?“
„Vor all dem.“ Eine ausladende Geste.
„Ich finde es sehr schön hier.“
„Nur wenn man es zum ersten Mal sieht. Für mich ist es der Schädel eines Wahnsinnigen, in dem ich lebe.“
„Wieso lebst Du dann hier?“
Sie nahm einen großen Schluck.
„Lass uns über was anderes reden“, sagte sie.
„Wie du willst.“
Ich stellte mein Glas auf einen Tisch voller Bücher. Zwischen Joyce, Proust & Huysmans.
„Du hast ein Grammophon.“
Sie lächelte. Eine winzige Zahnlücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen.
„Ja, manchmal lege ich eine uralte Platte auf & tanze dazu. Nachts. Allein.“
„Das würde ich gerne sehen.“
„Du spinnst.“
„Nur manchmal“, sagte ich. „Bist du denn immer allein?“
„Ja, immer. Ich weiß nicht mal, wo das Essen herkommt. Oder alles andere, was man so braucht. Es ist einfach da.“
Sie kippte den milchigen Rest & stellte das Glas neben meins.
„Ich habe längst aufgehört, mir Fragen zu stellen“, sagte sie, „oder nach der Realität in all dem hier zu suchen. Logik ist mir scheissegal inzwischen. Es gibt sie nicht. Nicht hier. Die meiste Zeit bin ich ohnehin verwirrt.“
„Aber du schreibst.“
„Ja, ich schreibe. Was soll ich auch sonst tun?“
Sie rückte etwas näher. Ihr Knie berührte mich. Leicht.
(Schwere in meinem Schwanz.
Schnell, so schnell. Vielleicht. Aber auch die Zeit hatte hier etwas Seltsames, Unbekanntes. Eine Mixtur aus -Raffer & -Lupe.)
„Ich bin so einsam“, flüsterte sie.
„Ich auch“, flüsterte ich.
„Aber nicht so.“
Die Flämmchen glitzerten näher.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Das ist unwichtig“, atmete sie in mein Gesicht. „Und du?“
„Das ist noch unwichtiger.“
Sie legte ihr Bein über meine Oberschenkel. Weich.
Dann: Hände … Haut … Lippen … Zungen … Gerüche … Nässe zwischen ihren Beinen … Glitschige Finger …
Sie erhob sich vom Sofa. Durchquerte den Raum. Hinüber zu dem großen schweren Bett zwischen roten Lampenschirmen. Im Gehen zog sie den Pullover über ihren Kopf. Mein Schwanz beobachtete sie. Die schwarzen Haare, die über den hellen Rücken fielen. Ihren Arsch, wie sie ins Bett kletterte. Jede Schwingung. Ihre Fußsohlen. Feuerlicht auf ihrer Haut. Sie legte sich auf die Decke, bäuchlings, mir zugewandt. Augen. Blick. Blick. Augen. Ich ging zu ihr.

Die Zeit …. Seltsam … Unbekannt … 2 Einsamkeiten, die sich ficken … Sehnsüchte … Etwas Vergessenes, das wieder einfällt & in ein anderes Vergessen führt … Saufen, was aus Körpern dringt … Schläge in & außer Takt … Schreie … Worte … peitschende Beschimpfungen … Atem & Atemlosigkeit … schwitzende Fantasien … Schmerzen … Tränen Sperma Fotzensaft … zitternde Suche … ziellose Gier …

Schwitzend auf dem Bett. Sie drehte sich eine Zigarette; schnell, geschickt. Spitzzunge. Das Zipp-Clock! eines Zippos. Sie inhalierte tief.
„Das Essen kannste wohl wegschmeissen“, sagte ich.
„Nö, das geht schon noch, irgendwie. Ausserdem hab ich einen Mordshunger.“
Die meisten Kerzen waren erloschen. Kamingeflacker. Sie blies Rauchringe ins Licht der Nachttischlampen. Wir drückten unsere nassen Häute aneinander.
„Wie bist du hierher gekommen?“ fragte ich.
„Genauso wie du. Ich hab einen Zettel geklaut. Ist Jahre her.“
„Wieviele von diesen Zetteln mag es wohl geben? Oder ist es immer derselbe?“
„Nein“, sagte sie, „allein hier unten liegen bereits 16 Stück.“
„Hmm. – Und, lebte damals jemand hier?“
„Ja, es lebt immer jemand hier. Damals war’s ein etwas seltsamer älterer Mann. Ich glaube, die meisten Bücher hier sind von ihm. Bin mir aber nicht sicher.“
„Hast du ihn auch gefickt?“
„Ja.“
„Und er hat dich allein gelassen?“
„Auf Dauer kann immer nur einer hier leben“ sagte sie. „Das ist einfach so.“
Ich streichelte ihren Oberschenkel.
„Wieso, was passiert denn sonst?“
„Einer von beiden verändert sich. Nach einiger Zeit. Es ist wie eine Art Krankheit.“
„Krankheit?“
„Ja. Einfach widerlich. Ich will da nicht drüber reden.“
„Okay“, sagte ich, „aber warum ist dann er gegangen, und nicht du, wo du’s doch hier so grauenhaft findest?“
„Anfangs fand ich’s ja nicht grauenhaft. Außerdem war er schneller.“
„Versteh ich nicht.“
Sie lächelte. „Du musst ja auch nicht alles auf einmal verstehen. Das ist ein bisschen viel fürs erste.“
Fuck“, sagte ich.
„Ja, genau, Fuck. Ich kümmer mich mal ums Essen.“
Mit der Zigarette im Mundwinkel stand sie auf. Ging zum Herd. Po-Swing! Blaßrötliche Landkarte meiner Schläge. Um die sie gebettelt hatte.
„Tja“, sagte sie, „Pilze zerkocht, Kartoffeln püreeähnlich, und das Gehackte ist sicher furztrocken.“
„Egal“, sagte ich.
„Genau, egal, der Hunger treibts rein. Kannst schon mal den Tisch decken; da drüben ist alles.“
Vorher ging sie noch pissen. Auch das Klo stand offen; es gab einfach keine Wände. Sie saß da & plätscherte, lächelte mich an, warf den Zigarettenstummel zwischen ihre Beine; Zisch. Sie wusch sich nicht die Hände anschließend; das gefiel mir.
Dann saßen wir nackt am Tisch. Teller & Töpfe zwischen Büchern; frische Kerzen. Die die Schatten unter ihren Augen beleuchteten.
„Wußt ich’s doch, dass es trotzdem super schmeckt“, sagte ich. „Eine Zauberkünstlerin der Gewürze.“
„Ich bins gar nicht mehr gewohnt, nicht allein zu essen. Irgendwie seltsam. Aber irgendwie auch schön.“
Titten sind mir nicht besonders wichtig, aber ihre gefielen mir. So als Garnierung des Essens.
Eine Spinne huschte über den Boden, als hätte sie eilige Geschäfte.

Sie finden nicht hierher. Sie finden nicht den Zettel. Sie würden den Zettel niemals stehlen, wenn sie ihn fänden. Sie hätten kein Interesse. Menschen, die funktionieren. Menschen, die mitten im Leben stehen; in einem Leben, das als normal bezeichnet wird. Menschen wie Zahnräder in einer Uhr. Ihre Zacken greifen ineinander, treiben die Zeit voran; sinnlos, leer. Zeitvertreib folgt auf Zeitvertreib. Bis dass der Tod sie scheidet ….. Sie ist kaputt, ich bin kaputt. Vergangenheiten, die uns die Zacken abgeschlagen haben. Fremdkörper in der Uhr. Schmerz, Neugier, Selbstzerstörung. Absonderung. Selbsthass & Egozentrik. Hungrig auf Alles & doch oft unfähig zu schlucken.

Tage? Oder Wochen?
Keine Ahnung. Ich verstand die Zeit nicht mehr. Und sie konnte mir die Zeit auch nicht erklären; sie wusste noch weniger darüber als ich. Und ihre Standuhr war verrückt.
Es lohnte sich nicht, Klamotten anzuziehen. Bett, Essen, Trinken; Trinken, Essen, Bett & Badewanne. Schaumblasen, die zwischen uns platzten. Nur hin & wieder zog sie etwas an, das mir besonders gefiel; etwas, das ihre Beine betonte. Ich lernte die kleine Narbe auf ihrer Zungenspitze kennen. Gespräche & Gespräche & Gespräche. Gegen das, was sie erlebt hatte, kam mir mein Leben nahezu geschmeidig vor. Es erklärte ihre Augen; es erklärte ihre Schatten. Es erklärte ihre Ängste. Ich las vieles von dem, was sie geschrieben hatte. In all diesen unterirdischen Jahren. Wenn es Jahre gewesen waren. Worte, die einen eigenen Ton hatten, einen eigenen Geruch, einen eigenen Puls. Und sie war so jung. Ich: 30 Jahre älter.
Wir tanzten zum Grammophon. Knisternde Orchestermusik; eine unbekannte Melodie. Die Hände auf dem Arsch des andern. Ab & zu gab die aufgezogene Feder einen aufschreckenden Knall von sich; manchmal zuckten wir leicht zusammen. Gekicher. Grinsen.
„Du machst mich so glücklich“, flüsterte sie.
Schweigen.
Tanzen.
Schweigen.
„Was meinst du, wann die Veränderungen einsetzen werden“, sagte ich.
„Ich weiss es nicht. Vielleicht schon bald. Und ich weiss auch nicht, wen es treffen wird.“
„Sieht man es?“
„Oh ja, man sieht es. Aber ich vermute, es verschwindet wieder, sobald man sich trennt.“
„Du bist nicht sicher?“
„Wie kann ich das?“, sagte sie. „Man sieht sich ja nicht mehr wieder.“
Wir tanzten. Die Nadel kratzte über die Schellackplatte. Mein Schwanz klemmte zwischen unseren Bäuchen.
„Ich fühle mich wie eine Irre“, sagte sie.
„Wie die Irre, in die ich geführt werden sollte“, sagte ich.
Wie oft wir diese Platte hörten …. Und immer kamen neue Kratzer hinzu.
Leben. Zeit. Abnutzung.

Schatten werden größer.
Spinnen werden schneller.
Essen wird nicht mehr zerkocht.
Wörter wechseln die Temperatur.

Und dann kauerte sie unter dem Bett. Nackt wie ein Tier. Geduckt wie ein Tier. Umschattet. Ich zitterte. Sie zitterte. Ihre Augen: Angst, die Angst machte. Verzweiflung, die verzweifeln ließ. Schmerz der Einsamkeit. (Mordgier im Hintergrund? Möglich.) Die Pupillen so weit, dass die Iris verschwunden war. Ihre Haut war zu einer Landkarte geworden; schwarze Linien, schwarze Flecken überall. Ihr Gesicht: eingefallen bis zur Hässlichkeit. Haare waren ihr büschelweise ausgefallen. Gesprungene Lippen.
Ich saß am Tisch & beobachtete sie. Nur wenige Kerzen brannten. Ich hatte mich angezogen. Es war alles schnell gegangen. Glaube ich. Die ersten Veränderungen noch beinahe unmerklich, zunächst in ihrem Wesen, dann auf ihrer Haut. Ich wußte, was es bedeutete; sie wußte es schon nicht mehr. Anfangs fickten wir noch, aber es war anders. Etwas seltsam Verbissenes war dabei. Andere Flammen tanzten in ihrem Blick …..
Wir starrten uns an. Hielten uns in Schach. So lange. So lange. Vielleicht. Schließlich schaute ich woanders hin. Sie sollte sich beruhigen. Schau ihr nicht in die Augen; sie ist Tier, sie ist Furcht.
Irgendwann. Sie kroch unter dem Bett hervor. Leise. Zaghaft. Ich schaute nicht hin; sah es nur am Rande. Sie lief zur Treppe, dumpf das Geräusch ihrer Füße. Vor der untersten Stufe blieb sie stehen, drehte sich zu mir herum. Sie atmete schwer. Grauen in der Schwärze ihres Blicks. Nackt, so nackt … und doch, ihre Haut tätowiert vom Schrecken. Kahle Stellen auf ihrem Schädel. Ich wandte mich von ihr ab, stand ganz langsam auf & ging hinüber zu dem Stuhl, auf dem ihr Pullover lag. Ich nahm ihn, er roch nach kaltem Rauch, drehte mich, noch langsamer, in ihre Richtung, und warf ihn ihr zu. Sie fing ihn; es war nur ein Reflex.
Dann rannte sie die Treppe hinauf, den Pullover in der einen, das Geländer in der andern Hand, ich hörte das Knarren des Baumes, rannte selber zur Treppe, schaute nach oben, sie zwängte sich durch die Öffnung, ihre Titten machten es ihr schwer, sie schaffte es, war draußen, blickte noch einmal durch die Öffnung, hinunter zu mir, es war Nacht, ihr Gesicht so dunkel.
Dann ….
Schloss sich der Baum.

Schreiben & Lesen. Lesen, was sie geschrieben hat. Schreiben, was sie niemals lesen wird. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie lebt. Dort oben. Jetzt. Ich esse, trinke, existiere, schlafe, wichse, träume. Begreife nichts. Keine Verbindung zur Außenwelt. Innen. Welt. Ich langweile mich nicht, weil ich mich nicht langweilen kann. Sie lebt & erinnert sich an nichts. Vermute ich. Sie wird wieder schön sein, inzwischen. Ich hoffe es. Für sie.
Es ist merkwürdig mit dieser Treppe. Ich stehe manchmal vor der untersten Stufe, und ich kann meinen Fuß nicht darauf setzen; mein Bein bleibt unbeweglich, in dieser Richtung, wenn ich dort stehe. Fast noch merkwürdiger ist es, dass ich als junger Mensch – vielleicht so jung, wie sie es gerade ist – einmal eine Story geschrieben habe, die von einer Treppe handelte, die lediglich abwärts führte, von einer Treppe, die niemand hinaufgehen konnte. Als hätte ich es schon damals geahnt. Als hätte ich mein Leben schon im vorhinein überblickt.
Hin & wieder lasse ich das Grammophon laufen. Und wenn genug Absinth in mir ist, tanze ich dazu. Es gibt noch weitere Platten, aber ich höre immer nur die eine. Die kaum noch zu hören ist. Oftmals bleibt die Nadel hängen. Und ich tanze dennoch weiter.
Ich fühle mich nicht wie im Schädel eines Wahnsinnigen. Ich fühle mich wie in meinem eigenen Schädel. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche.
Gibt es noch weitere Zettel? Irgendwo? Gibt es noch jemanden, der sie stehlen würde? Fast ist es mir egal. Nur zum Spaß mache ich gelegentlich den Stufentest. Im Grunde habe ich dort oben nichts zu suchen. Nicht mehr.

Ich habe dort oben nichts mehr zu suchen, weil ich dort oben nichts mehr verloren habe.


Papier & Vodka

Alles was auf Lüge beruhen könnte
sollte man auf Papier schreiben
Gedichte – von der Lüge gezeugt
& von der Gutgläubigkeit empfangen
Stories – die aus dem Verstand kommen
den die Lüge gefickt hat

Fehlgeburten, nichts als Fehlgeburten

Papier Papier Papier

Papier ist real

Virtuell war der Ursprung
der Gefühle
Virtuell wie das Computerprogramm
in dem die Worte nicht greifbar sind

Papier
Ich schütte Vodka darauf
die Lieblingsmarke der Lüge
ABSOLUT
Ich zünde es an
Sehe wie Zeichen sich kräuseln
Sehe den Tod meiner Worte
die niemals das Recht hatten
geboren zu werden

Papier
die Sterbeurkunde der Hoffnung

Flammen
die sich in Rasiermessern spiegeln

Wörter sollen nicht gelöscht werden
Sie sollen verbrennen

Sie sollen schreien vor Hitze
Sie sollen verglühen

Tod Tod Tod
Tod der Worte
Kein Erbarmen

Papier & Vodka
Vodka der kein Vergessen bringt
Papier

das zu Asche wird


Presslufthämmer

Presslufthämmer weckten mich
nach 2 Stunden wirrer Träume.
Vielleicht war es auch meine eigene
Leere, die mich noch vor den
Pesslufthämmern weckte.
Ich spürte spitze Absätze auf meiner
Brust. Immerhin : Gefühle.
Totgeglaubt. Seit langem.
Ich hatte keinen Plan.
Eventuell überleben.
Sofern mir nichts Besseres einfiel.
Aber mir fiel selten Besseres ein.
Die Presslufthämmer zerlegten
Mauerwerk. Sie hätten meinen
Schädel zerlegen sollen. Oder
war der etwa zu dick?
Was soll ich heute tun?
Heute Nacht tun?
Wenn die Stille zurückkehrt.
Ich werde mein Gedächtnis zerstören;
systematisch. Ich werde mir
3 Mal einen runterholen. Ruhe.
Ruhe. Zum Schluss werde ich mir
den Schädel an einem Spiegel
einschlagen. Ich lasse Blut in meine
Augen laufen. Wie ein nächtlicher
Sonnenuntergang wird es sein.
Dann kommt die Dunkelheit.
Die Finsternis.
Und dann kehren sie zurück.
Die Presslufthämmer.


Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Der Staubsauger

Ich hatte seit 24 Stunden nichts gegessen
hatte noch immer keinen Hunger
saß da, kippte Gin in mich rein
starrte vor mich hin
starrte auf den Staubsauger, der
mitten im Zimmer lag

Staub war überall
Mein ganzes verficktes Leben war
Staub

Ich hatte es nur
lange nicht mehr gespürt

Eine Fremde hatte kommen müssen
um es mich spüren zu lassen
Eine Fremde, die keine war
weil ich mich in ihr wiedererkannte

Sie zeigte es mir
& verschwand wieder

Noch mehr Staub
als hätte man die Urne mit
meiner Asche
ausgeschüttet

Ich starrte auf den Staubsauger
Starrte auf den Schlauch, den man
abmontieren kann, um ihn
an einen Auspuff anzuschließen

Es wäre so einfach
Ein bisschen Husten
& dann
Ohnmacht

War ich nicht längst ohnmächtig?

Ich kippte Gin in mich rein
& starrte auf den Staubsauger

Alles wiederholte sich
Ein Tod nach dem andern
Wieviele Tode noch?
Wann hat man es endgültig
überstanden?

Irgendwann stirbt die Hoffnung
nicht mehr zuletzt
Sie stirbt zuerst

Der ganze Dreck
Der ganze Staub
Die ganze Asche

Einfach alles vernichten
Ein sauberer Schnitt

Ein letzter
glänzender
Tod

Der Gin ist alle
Ich sitze da &
starre auf den Staubsauger

Alles dreht sich
ich kann nicht aufstehen

Wann werde ich wieder
aufstehen können, um
dem Staub
ein Ende zu bereiten?


Der leere Bahnhof

Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren
– – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte
springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner
Sehnsucht


Die Zeitmaschine

Sie packten mich & zerrten mich
zu der Zeitmaschine
die in einem dunklen Wald stand
………………..Nachts
Die Maschine leuchtete & blinkte
& verängstigte die Tiere
die flüchteten

Sie stießen mich hinein &
banden mich fest &
grinsten

Es gab einen Rückspiegel
in den ich blicken konnte
Aber nur mich konnte ich darin sehen

Sie setzten die Maschine in Gang &
traten zurück
Die Richtung hieß
Vergangenheit

Der Lärm war ohrenbetäubend
Die Farben blendend
Es roch als würde die Zeit verbrannt

Erinnerungen an die Gegenwart
wurden ausgelöscht
die Zukunft wurde weiter –
beängstigend

Als die Maschine stoppte
zitterte ich

Der Wald hatte sich
kaum verändert

Ich schaute in den Rückspiegel –
Ich war nicht mehr Ich

Ich war Sie

& ich verliebte mich in
Mich

Aber ich blieb
gefesselt

& es kam niemand
der mich
befreite


Der Stein

Ich wollte Dich nicht wecken
Ich wusste, dass Du schläfst

Ich hoffte es zumindest ….
für Dich
& – falls Du von mir träumtest –
hoffte ich es für
mich

Ich habe Dir den Stein
vor die Tür gelegt
ganz leise

Wie es Katzen tun
mit den Eingeweiden
schwächerer Tiere

Du kennst diesen Stein –
er ist größer als die Faust
die man ballt

weicher als die Vergangenheit
die hart war

Ich habe ihn
mit einer roten Schleife versehen

Mit der sprudelnden Schleife
meiner Pulsadern

 

(Inwendig vorgetragen:)


Schwimmflügel

Oft saß ich an diesem Bach
in der Morgendämmerung
Baumleichen umgaben mich
Ein paar Sträucher lebten noch
Insekten lebten noch

Für mich war es der Bach
den alles runterging
Mein Leben, meine Erinnerungen,
die Zeit

Wenn die Morgensonne sich
wie blendende Splitter auf seine
Oberfläche streute
war ich geblendet &
schaute in eine andere Richtung

Ab & zu
pisste ich in diesen Bach
setzte mich wieder &
beobachtete die Ameisen
die anders lebten als ich

Eines Morgens
als ich von den Ameisen aufblickte
stand am gegenüberliegenden Ufer
eine Frau
Sie war nackt
bis auf die Schwimmflügel
an ihren Oberarmen

Sie schaute zu mir herüber
ich sah ihren Körper
ihre langen dunklen Haare
Ihr Gesicht sah ich nur
verschwommen

Langsam
ging sie in meine Richtung
stieg sie das flache Ufer hinab

Als sie bis zum Hals
im Wasser war
begann sie zu schwimmen

Mit ihren Schwimmflügeln

Ich stand auf &
ging ans Ufer
sah wie ihr langes Haar
auf dem Wasser schwamm

Die grelle Farbe ihrer
Schwimmflügel

Ich glaubte das Wasser zu riechen
& hörte die Vögel
die ich hasste

Ich ging in das Wasser
das kalt war

Meine Schuhe
meine Hosen
alles sog sich voll

Allmählich erkannte ich
die Augen
der Schwimmerin
& zitterte vor Kälte

Bis zum Hals
stand ich im Wasser

& ging
weiter

& weiter
& weiter

Ich konnte nicht schwimmen
Niemals hatte es mich gereizt
es zu lernen
Ich wollte es nicht können

Sie konnte es auch
nicht
aber sie hatte die
Flügel

Sie blickte mich an
Sie konzentrierte sich aufs
Schwimmen
spuckte hin & wieder etwas
Wasser aus

Die Oberfläche des Bachs
den alles runterging
dicht an ihren Lippen

Das Letzte
was ich sah
im Gesplitter der Sonne
war

wie
irgend etwas
Winziges
das aus dem Nichts
zu kommen schien

ihre Schwimmflügel
zerfetzte

Eiskalt lief das Wasser
in meine Kehle


Synkopen

Wenn das Leben zum Refrain wird
öde Harmonien sich wiederholen
langweilige Melodien einen beleidigen
Wenn dumpfe Rhythmen, die
zum Mitklatschen reizen sollen
einen in den Wahnsinn trommeln

dann pfeife ich
ganz leise
für mich
die Dissonanzen
klopfe mit den Fingerspitzen
Synkopen
auf meinen Schläfen

& das Lachen
tief in meinem Innern
wird lauter
als jeder
Refrain


Der Plastikrabe

Mein Rabe ist aus Plastik
über Ebay gekauft
Er ist stumm
Kein Nevermore kommt
aus seinem Fabrikmund

Ich höre es dennoch
: Nimmermehr

Aus weiter Ferne betrachtet
sieht er fast echt aus

Aus weiter Ferne betrachtet
sieht mein Leben
fast echt aus

Der Rabe ist aus Plastik
geschaffen um Vögel zu vertreiben
Vögel die lebendig sind &
den Morgen ankündigen

Der Rabe ist stumm
doch wer Fantasie hat
hört Plastik sprechen


In der Nachtbar

Buntgedämpftes Licht, Kerzenflämmchen
glänzende Gläser
Stimmenteppich, vereinzelt Lachen
Nutzloses Klaviergeklimper
gesichtslose Menschen an Tischen & Theke

Ich trinke Rotwein mit
Allem, was sich darin spiegelt

Am Nebentisch sitzt das Leben
wie immer
Es sitzt immer am Nebentisch
allein
Es ist eine Frau, abgewandt
sie sieht mich nicht

2 Tische weiter sitzt der Tod
allein
Der Tod ist heute eine Frau, sie
ist schön, sie
beobachtet mich
Ich proste ihr zu, lächle

Sie grinst verächtlich

An meinem Tisch sitzt die Einsamkeit
sie trägt ihre Tarnkappe, un sicht bar
Sie schweigt
Nur zuhause spricht sie mit mir
oftmals mit meiner Stimme
Dort nimmt sie manchmal die Tarnkappe ab
Manchmal ist sie schön & begehrenswert
Manchmal ist sie häßlich & abstoßend
oftmals ist sie
ich

Auf einer kleinen Bühne tanzt die Nacht
nackt unter schwarz-diaphanem Schleier
eine perfekte Silhouette von dunkler Grazie

Ich bestelle noch einen Wein
Die Bedienung hat kein Gesicht, kein
Geschlecht, kein Gefühl
Das Glas klopft auf Holz

Der Tod schaut mir gelangweilt zu
Das Leben hat einen schönen Rücken

Ich verstehe kein Wort von dem
was gesprochen wird
in einer Sprache, deren Klang ich
noch nie gehört habe

Die Einsamkeit legt mir ihre
durchsichtige Hand zwischen die Beine
während ich den Tanz der Nacht
beobachte

Ich trinke aus
Ich stehe auf
Nähere mich dem Tisch, an dem
das Leben sitzt, abgewandt
Das Leben ist eine Frau, ich
möchte nur ihr Gesicht sehen
einmal
nichts weiter
Ich gehe ein Stück am Tisch vorüber
um mich dann umzuwenden

Der Tod beobachtet mich
amüsiert

Ich drehe mich herum &
blicke in das Gesicht des
Lebens

Ich unterdrücke einen Schrei

Dann renne ich durch die Straßen
renne durch Laternenlicht
Verdunkelte Häuser spielen mit dem Klang
meiner rasenden Schritte

Die Einsamkeit folgt mir unsichtbar
folgt mir nach Hause, wo wir
uns einsperren werden
Mir fällt ein:
Ich habe nicht bezahlt, ich bin
geflohen
Niemand hat mir nachgerufen
Niemand hat’s bemerkt, oder
es war ihnen egal

Aber ich weiß:
Ich werde zurückgehen
irgendwann
& dann werde ich
bezahlen

Alles werde ich
bezahlen

 

(Inwendig vorgetragen:)


Schrecken

Als Kind
im Dunkeln wußte ich
dass hinter den Büchern im Regal
in meinem Zimmer
eine schwarze schreckliche Welt
existierte
unendlich & kleine Kinder stehlend
Ich wagte nicht aufzustehen &
ins Regal zu fassen
Ich zog die Decke über den Kopf
in dem die Unendlichkeit sich spiegelte
Ich sah Arme hinter den Büchern
Hände die nach mir greifen wollten

In andern Nächten
lag ich im Dunkeln & stellte mir
das Nichts vor
in das der Tod mich werfen würde
Es gelang mir
das Nichts zu denken
Ich war zu Tode erschrocken

Ich wurde älter
wurde weniger
Welten zogen sich zurück
von mir
Depressionen stahlen Bilder
Neurosen betäubten

Noch einmal möchte ich
zu Tode erschreckt werden
von meiner
Fantasie
aber meine Fantasie
ist fast schon
tot


Spinnen

Meine Phobie ist differenziert:

Ich habe nichts gegen ganz dünne Spinnen,
mit kleinem Körper;
sie sind behäbig, beschaulich,
langsam, sie verlassen selten ihr Netz,
erweitern es nur ab & zu; sie
überraschen einen nicht, man kann
sich auf sie verlassen. Solche Spinnen
haben bei mir eine gute Lebenserwartung;
ich gehe an ihnen vorbei, grüße sie, und
sie danken es mir mit Ruhe.

Was ich hasse, was ich fürchte, was mich
anwidert, sind die dicken großen schwarzen Spinnen;
plötzlich sind sie da, man weiß nicht, woher;
plötzlich sind sie weg, man weiß nicht, wohin;
Sie sind schnell, sie huschen, sie jagen, sie
scheinen kein festes Wohnnetz zu haben;
nirgends ist man sicher vor ihrer
rasenden Gegenwart; sie beobachten
dich, sie fliehen vor dir.
Meine Mordgier kennt keine Grenzen,
wenn es um diese Einbrecher geht.

Ich bin dünn. Ich lebe beschaulich.
Ich bin langsam. Ich verlasse selten mein
Netz.
Draußen sind die Raser, die
Huscher, die Jäger, die Störer.
Ich ruhe.

Ich spinne.


Schwarze Regenschirme in Halbmondnächten

Der Wahnsinn :
ein Freund, der in alten Lampen wohnt.
So. Ist. Es. Es ist so.
So : Woche. Für. Woche :
2 Tage : Arbeit : sehe & spreche
Menschen; wenige;
5 Tage : HausArrest : gehe nicht ans
Telefon; an die Haustür nur …
wenn ich zu besoffen bin, mich daran
zu erinnern, dass ich nicht an die Haustür gehe.
Lade niemanden ein. Besuche niemanden.
Müll : bringe ich nachts raus, im
Licht der Straßenlaternen,
höre dabei, wie die Musik aus
dem Haus in den Garten schwingt.
Keine Rücksichten. Ich tue
was – Es – will – in – Mir. In
sternenklaren Halbmondnächten :
nehme ich einen von 21 schwarzen
Regenschirmen & trage mich
durch die Straßen. Sehe :
dunkle Fenster glänzen. Wann bin ich
zum letzten Mal wirklich
aufgewacht. Ich erinnere mich
nicht. Was für ein Leben – –
der Euphorie! Was – für ein Tanz!
Das Ich : ein steppender Zombie,
Gene Kelly nach der Auflösung,
ein flüssiger Fred Astaire, ins Erdreich
gesickert. Der Halbmond :
mir zu grell, ich
spanne den Schirm auf. Pfeife,
bevor der erste verdammte Vogel es tut.
Zuhause : fülle ich mir Einsamkeit in
Flaschen; streiche Trauer aufs
Brot. Saufe, beiße zu – mit Genuß.
Stolpere & falle : in das Licht
meiner alten Lampen.


Einsamkeit

Die Einsamkeit steht neben meinem Bett &
singt, während ich schlafen will; sie
schwingt die Hüften in ihrem kurzen Rock &
sie legt mir den Schraubstock an. Kalt
ist das Metall an meinen Schläfen; sie
dreht das Gewinde, sie dreht &
singt & schwingt ihre Hüften, ich
drehe mich, drehe mich hin, drehe mich her,
sie dreht das Gewinde, es schwingt der
Rock, es singt in mir, die Einsamkeit singt,
sie steht an meinem Bett, der
Schraubstock ist kalt, er schmerzt &
singt, das Gewinde singt, die Einsamkeit
lächelt, ich drehe mich, der
Schraubstock ist schwer, er
drückt meinen Kopf in das Kissen, die
Einsamkeit tanzt & lächelt & singt &
sie beugt sich vor & sie gibt mir
einen Kuss & –
ich bleibe wach


Der beste Moment

Der große Bruder fuhr mit seinem neuen Moped davon.
Ich schaute ihm nach. Mein Vater sah mich an. Ich
war 11. „Beneidest du ihn?“ fragte er.
„Ja“, sagte ich, „schon, irgendwie.“
„Das musst du nicht. In seinem Alter hat man
viel mehr Sorgen. Du bist in einem
tollen Alter. Freu dich darüber.“ Er lächelte.
Ich verstand so ungefähr, was er mir sagen wollte;
aber das Moped war trotzdem sehr schön.
Ein Jahr später war mein Vater tot.
Als ich dann in dem Alter war,
in dem ich ein Moped hätte fahren dürfen,
landete ich in der Klapsmühle,
verzweifelt, selbstmordgefährdet, tobsüchtig.
Ich weiß nicht mehr, wann die Erinnerung
an diesen Moment mit meinem Vater wieder
auftauchte. Jetzt bin ich älter
als Er geworden ist. Mein Gedächtnis ist
manchmal ungerecht. Aber dieser Moment
ist noch da.
Und das ist gerecht.


Cocktailstunde

Wenn mir die Cocktailstunde schlägt,
wird mein Magen geistreich. Mit
Feuerwasser lösche ich die
Nüchternheit. Rufe Geister.
Mit meinem Gin ziehe ich in
die Wunderlampe. Wo
Oliven leben & Kirschen
zuckrig feixen. Lachend
fechten wir mit Cocktailspießen.
Lösen uns in Rauch auf. Wir werden
Wolken & regnen auf die Wüsten,
mein Gin & ich.
Die Leber eine Oase.
Hochprozentige Freudentränen.
Gegenwart schwimmt,
Vergangenheit lebt. Uhren
kriegen Schluckauf. 1000 &
1 Nacht … im Suff verbracht …
Spinnen werden zu Freunden,
Ratten shakern Märchenmix,
ein Pasch aus Eiswürfeln heißt
Glück. Weiße Mäuse streicheln
Schlangen. Der Gin,
ein zaubernder Riese, der mich
auf Händen trägt, fliegend unterm
Mond, fliegend unter Kandissternen.
Unendlichkeit, ich sehe sie in der
Flasche. Ein Kosmos – die ewige
Cocktailstunde.


21

Die Zahl.
21.
Jagte ihm Angst ein.
21 Jahre
ohne Kuss.
Ohne Zärtlichkeit.
21 Jahre
Einsamkeit.
21 Jahre
Tod
& Sehnsucht.
Die Angst,
21 Jahre
lang.
21 Jahre
Ende & Zusammenbruch.
21 Jahre
Traum & Erinnerung.
21 Jahre
Leben ohne Leben.
21 Jahre
Dunkelheit.
21 Jahre.
Wie war
SIE
die EINZIGE
doch
schön
gewesen,
mit
21 Jahren.


Straßen

Ich rannte durch die Straßen
schrie:
RETTET MICH!
Fensterläden knallten

Fragende Gesichter fragten uninteressiert
Tote Augen, grinsende Zähne

Ich bettelte um das Betäubungsgewehr
Niemand schoss, niemand gab es mir

Ich rannte durch die Straßen
sah: ein Lächeln
es galt nicht mir

Sah: Langeweile
Gähnen

Ich rannte.
Ich schrie.

Die Straßen waren
gestorben.

Warum
lebte ich?


Der Speicher

Er öffnete die Luke in der Decke & ließ die Leiter herab.
Er kletterte auf den Speicher & machte Licht.
Er setzte sich in den Sessel & betrachtete den Dichter,
der sich dort erhängt hatte.
Dann nahm er Die 120 Tage von Sodom zur Hand, blätterte darin.

Nach 1 Stunde stieg er wieder hinab, ging
in den Raum mit den Schaufensterpuppen.
Eine Zitterspinne wohnte in einer der Perücken; er
begrüßte sie. Buntes Lampenlicht. Stille.
Er legte sich auf den Teppich. Dorthin,
wo die Puppen ihn beobachten konnten.

Frieden.


Unerwünschter Besuch (1985)

Gestern abend: es klingelte
an der Haustür. Ich öffnete.
Ein alter Kerl mit stumpfen
Pupillen & abgebrochenen
Zähnen, krummbucklig &
fleckenhäutig, stand dort.
Er trug einen zerfledderten
Strohhut.

„Guten Morgen“, sagte er.

„Es ist Abend“, sagte ich.

„Ach ja?“

„Was wollen Sie?“

„Ich? Nichts.“ Er berührte
die Hutkrempe mit Zeigefinger &
Daumen der linken Hand.
„Originalität“, sagte er.

Ich gab ihm einen Schubs, und
er fiel rückwärts die 4 Stufen
hinunter.

Er blieb liegen.
Stöhnte.
Schmale Blutrinsale sickerten
ihm aus Ohren & Nase. Er
war ein hilfloser
alter Mann.

Ich ging ins Haus zurück,
verschloss die Tür &
setzte mich vor den Fernseher.

Ich fürchte, er
liegt immer noch dort.

* * * *

(Geschrieben 1985)


Die Hyäne

Er fühlte sich tot
Die Einsamkeit, diese Hyäne, riß
die Vergangenheit in blutigen Fetzen aus
seinem Schädel.
Die Hyäne fraß, die Hyäne lachte
Er wollte sie sich schönsaufen, die
bucklige Bestie
schönsaufen, um
sie dann in den Arsch zu ficken
Ich fick dich, du Vieh
Er brauchte Niemanden
sagte er sich
Ich brauche Niemanden
Ich fick dich
Er fühlte sich tot, aber
er kriegte ihn immer noch hoch
viel zu oft, viel zu oft
Kein Alkohol half dagegen
Komm her,
Einsamkeit, ich
fick
dich
in den Arsch, und dann
spritz ich dir in
die lachende Fresse !


Gefängnis

Einzelhaft…. Dunkelhaft….
Ich kenne die Verbrechen, die dem Gesetz egal sind.
Ich sitze.
Eingebunkert.
Ratten, die Freunde….
Spinnen, die Freunde….
Durst, der nie zu stillen ist.
Blicke, die fehlen.

Der Kuss der Schlange.
Einzelhaft…. Dunkelhaft….
Zweifelhaft….
Die Frage, die ich nicht stelle,
das Wort, das ich nicht sage….
Was habe ich getan?
Zweifel….
Was habe ich nicht getan?