Keine Ahnung, wer der Typ war, der
an meinem Totenbett stand.
Grinste er, oder blickte er traurig auf mich
herab?
Keine Ahnung.
Er fragte:
»Wieviel Zeit hast Du
verschwendet?«
Ich antwortete:
»Keine Ahnung.«
Er sagte:
»Ich weiß. Und ich weiß auch:
Es war zu viel.«
Ich sagte leise, denn mein Atem wurde
knapp:
»Ich ahnte es. Ich wollte es nur nicht
zugeben.«
Er sagte:
»Anstelle der Zeit hättest Du
lieber –
Dich selbst
verschwenden sollen.«
Schlagwort-Archive: Kultur
Verschwendung
Zeit versetzt
Die wirkliche Wahrnehmung
kommt nicht selten zu
spät, wenn mich
der Augenblick, den man
Jetzt
nennt,
über-
wältigt.
Meine Wirklichkeit ist
später.
Meine Wahrnehmung
versetzt mich;
versetzt meine Wirklichkeit,
mein Leben.
Dann
schreibe ich über das
Jetzt.
Das ist mein
Leben.
Eine Art von Pfandhaus, in dem
Alles
versetzt wird, was einmal
teuer war – & man bekommt nur
wenig dafür
zurück.
Und man verliert wahrscheinlich noch
den Pfand-
schein.
Ich weiß, wie die
Psychologen das nennen – & es
ist mir egal.
Die Lichterkette
Eine Lichterkette
liegt verschlungen
über dem Leben
& fesselt es.
Menschen
Augenblicke
Phantasien
Gedanken
Träume
leuchten
bunt.
Und
nach & nach
wird
ein Lämpchen nach dem anderen
herausgedreht
oder
brennt durch.
Und am Ende herrscht
Finsternis &
die Fessel verschwindet
in ihr.
Das vergessene Gedicht
Nun ist es mir also zum ersten Mal passiert:
Nach dem Erwachen konnte ich mich
nicht mehr an das Gedicht erinnern, das ich
vor dem Einschlafen in meinem Kopf
geschrieben hatte.
Nicht einmal eine Ahnung davon,
um was es ging, ist zurück geblieben.
Ich notiere mir nie etwas.
In meiner finsteren Schlaflosigkeit fallen
mir 2 oder 3 Texte ein – dann
schlafe ich, träume ich – &
am Abend, nach dem Frühstück,
brauche ich sie nur noch von meiner
Erinnerung abzuschreiben.
So war es bisher.
Nun gut, ich hatte zu viel getrunken,
aber das habe ich meistens. Für mich
ist das keine Erklärung.
Und es war doch nur 1 einziges Gedicht;
keine 2 oder 3.
Irgend etwas Besonderes muss es
auf sich gehabt haben mit diesem Gedicht;
etwas, das eine Verdrängung
in Gang gesetzt hat.
Vielleicht war es das beste Gedicht, das
mir jemals eingefallen ist (was nicht
viel heißen will).
Vielleicht kommt es irgendwann zurück?
Vielleicht tarnt es sich dann als
neuer Einfall ….
Werde ich es wiedererkennen?
Wahrscheinlich
interpretiere ich in das alles
mal wieder
zu viel hinein.
Wahrscheinlich war es nur ein
Scheißgedicht – wie
so viele andere.
Geblendet
In meinen Gedankengängen
war es immer so
dunkel
gewesen.
Oft hatte ich mich
umherirrend
in ihnen
verlaufen.
Nun
leuchtet
Dein Licht
in ihnen.
Fast
ist es mir zu hell
hier.
Aber auch nur
fast.
Bigott
Der Lehrer fragte mich vor der
versammelten Klasse:
»Was bedeutet bigott?«
»Frömmelnd«, sagte ich.
»Richtig«, sagte er, »aber
nicht zu vergessen: Mit
einem Schuss Heuchelei.«
Ich dachte: Das ist doch in
‚frömmeln’
bereits enthalten;
sein Hinweis wäre nur korrekt
gewesen, wenn ich
‚fromm’
gesagt hätte.
Ich wurde rot, ich
schwieg.
Ich war zu schüchtern.
Und noch heute,
mehr als 3 Jahrzehnte später,
kann ich das Wort bigott
nicht hören oder lesen, ohne
ohne an diese Episode zu denken.
Eine von vielen
ähnlichen.
Mein Einwand, den ich
nicht ausgesprochen, den meine
Schüchternheit unterdrückt hatte,
nagte an mir
lange Zeit.
Das war
lächerlich.
Ich weiß.
Der Hochsprung der Frauen
Sport
interessiert mich nicht.
Eigentlich.
Doch
ich sehe gerne den
Hochsprung der Frauen.
Sie alle haben diese
besonders langen Beine &
tragen diese
knappen Höschen ……
Sie konzentrieren sich
Sie nehmen Anlauf
Sie heben ab
Sie springen rücklings
über die Latte &
landen auf der Matte ……
Manchmal streifen sie die Latte
mit ihrem Popo &
sie fällt mit ihnen …..
Auch mag ich es, wie die Frauen
nach dem Sprung
manchmal
kurz liegenbleiben
& wie sie dann
wieder
aufstehen.
When a blind man cries
Wie viele Tausende von Malen
hatte ich dieses Gitarrensolo gehört
das ich mehr liebe als
alle anderen
So gefühlvoll
dachte ich
so (scheinbar) simpel
so unaufgeregt
Dabei hatte ich gelesen
dass Mr. Blackmore diesen Song
hasste
Er war ihm zu
kitschig
Nur seinetwegen war er nicht auf
Machine Head
erschienen
Der Song landete als
B-Seite
auf der Single
deren A-Seite
Smoke on the water
war
Und dann
eines Tages
traf mich die Erkenntnis
mitten ins Herz
Wenn man ganz genau
oder eben nicht ganz genau
hinhört
kann man dieses Solo
ganz leicht
interpretieren
als
Höhnisches Gelächter!
Der kleine Moment
Ich lernte etwas Neues
kennen …..
In einem Moment
der klein war …..
Im nächsten Moment schon
fragte ich mich, wie
ich so lange hatte
leben können,
ohne
dieses Neue
zu kennen.
Der Moment war klein –
Das war seine
Größe.
Versessen
Die meiste Zeit meines Lebens habe ich
versessen.
So viele Stühle, Sofas, Sessel & sonstige
Sitzgelegenheiten.
Mein Arsch ist platt
mittlerweile,
fürchte ich.
So wie die Stühle, Sofas, Sessel & sonstigen
Sitzgelegenheiten.
Ihre Polsterungen konnten
mir
nicht standhalten.
Und mein Staub liegt
unter ihnen.
Dabei ist es nicht mein Gewicht, dass
dies bewirkte, sondern nur
meine Ausdauer.
Du hast ein
Gesicht.
Vielleicht ist das
meine nächste
Sitzgelegenheit,
auf die ich
versessen
bin.
Lebensgeschichte
Das ?-
Hätte ich
nicht
tun
sollen.
Das ?-
Hätte ich
tun
sollen.
Das ?-
Ach,
keine
Ahnung.
Umzug
Der Transporter war gemietet.
Habseligkeiten eingeladen.
Platz war nur für
3 Passagiere.
Ihr Mann saß am Steuer.
Sie daneben
Ich neben ihr.
Er trug Jeans.
Sie trug Jeans.
Ich trug Jeans.
Ihr rechtes Bein
&
mein linkes
berührten sich.
Ich atmete,
um mir nicht anmerken zu lassen,
dass diese Berührung
mir den Atem raubte.
Ich schaute hinab
auf unsere Beine, die
grenzenlos aneinander grenzten.
JA!
Es WAR
ein Umzug!
Es geht um Leben & Tod
Seit nunmehr 5 Tagen
krabbelt diese winzige Spinne
auf & ab
in meiner Badewanne
Meine Badewanne ist ihre
glatte, weiße Welt
& vielleicht langweilt sie sich dort
aber dort ist sie
sicher
Seit nunmehr 5 Tagen
frage ich mich:
Soll ich sie dort lassen
oder
nach draußen tragen?
Draußen ist es
rauh & bunt
& gefährlich
Sie ist so winzig
& verletzlich
Es ist eine
Schwere Entscheidung
Denn es geht um
Leben & Tod
& Langeweile
Messer & Gabel
39 Jahre lang hielt ich
das Messer in der linken Hand &
die Gabel in der rechten.
Immer wenn ich
auswärts
essen
musste
musste ich
das Besteck
umlegen
Nur zu Hause
lag es
richtig
falsch herum
Irgendwann begann
mich das zu
langweilen
Ich dachte:
Zeit für Veränderung!
&:
Ich gewöhnte mich
um
Ich bin ein schweigsamer Mensch.
Meine Mutter starb
als ich 44 war
Sie starb in dem Glauben
dass ich das Messer
nach wie vor
in der linken Hand hielt.
Stiel & Stil
»Und das Glas immer
am Stiel anfassen. Damit
die Temperatur des Getränks
nicht von der Körpertemperatur
beeinflusst wird.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Der Stiel ist
wichtig. Sehr wichtig sogar. Andererseits
sieht es irgendwie blöd aus. Ich mag es
mehr, wenn jemand das Glas richtig
anpackt. Das hat mehr
Stil.«
Die Haut
Es begann kurz nach dieser
Trennung, die meinen völligen
Zusammenbruch bedeutete.
Die Akne, die ich bis dahin lediglich
im Gesicht gehabt hatte,
breitete sich über meinen
ganzen Körper aus, und
ich bekam eine kahle Stelle
am Hinterkopf –
Kreisrunder Haarausfall. –
‚Wie passend, dachte ich: Eine
Autoimmunkrankheit!’
»Stress gehabt?« fragte der Hautarzt.
Ich nickte. (So wie ich beim
Augenarzt auf dieselbe Frage genickt hatte;
der war darüber verwundert gewesen, dass
meine Augen
innerhalb weniger Monate
einen Sprung von
+0,2 Dioptrien auf
-3,25 gemacht hatten.)
Der Hautarzt also jagte mir mehrmals
eine kleine Nadel in die kahle Stelle &
verschrieb mir eine Teertinktur, die
dort aufgetragen werde musste.
Tatsächlich wuchsen die Haare
irgendwann wieder nach.
Zur Behandlung der Akne hatte er
auch diverse Ideen, aber alle wären
mit Zeitaufwand verbunden gewesen.
Dazu hatte ich keine Lust; es war mir
egal.
Außerdem fand ich es interessant, dass
meine Haut davon berichtete, wie es
mir ging …..
Pickel, Narben …. Warum nicht?
Und als später der Kreisrunde Haarausfall
meine Schambehaarung befiel,
unternahm ich auch dagegen
nichts mehr. –
Diese Frau & ich – wir kamen wieder
zusammen; immer wieder mal, für
kurze Zeiten.
Sie betrachtete meine Haut,
sie streichelte die Pickel, die Narben.
»Stört es dich nicht?« fragte ich.
Auf dem Nachttisch lag
meine neue Brille.
»Du spinnst doch«, sagte die Frau.
Sie grinste. »Dreh dich mal rum.«
Und sie bedeckte meinen Rücken mit
Küssen. Sie hatte
verstanden.
Das Gleichnis
Das Gleichnis war schief
Das Gleichnis war unlogisch
Das Gleichnis war falsch
Eigentlich war es deshalb
schon kein Gleichnis mehr
Ich hatte im Vollrausch
bei dröhnender Musik
die Rolläden hinterm Schreibtisch
ein Stück weit geöffnet &
nach draußen geschaut
Dann tippte ich:
»Wenn der Sturm durch die Bäume weht
versuche ich
das EINE Blatt zu erkennen
das
ein kleines bisschen
anders
zittert
als
Alle
anderen«
Ich war nicht
SO besoffen, dass mir nicht
klar gewesen wäre, dass
keine 2 Blätter sich exakt
gleich bewegen
Natürlich nicht
Aber ich lasse mir doch
von so einer Nichtigkeit
nicht ein Gleichnis kaputt machen
das keines ist!
Schmutzige Füße
Deine Fußsohlen sind schmutzig
Der Schmutz stammt von
mir
Barfuß bist Du
durch mein Haus gegangen
Auf dem Boden lag
der Staub meiner schmutzigen Gedanken
der Staub meiner Einsamkeit
Ich lecke ihn von Deinen Füßen
& fühle mich
weniger
allein
Das rote Wildlederkostüm
Manchmal
Nein, nicht manchmal –
oft!
Oft
sehe ich sie
noch heute
vor mir
in mir
in ihrem
Roten Wildlederkostüm
Und der Rock hatte einen
schiefen
schrägen
ausgefransten
Saum
Darunter
ihre Kniee
Sie spielte Billiard
Lächelte mir zu
Zwischen all den gierigen Blicken
der fremden Männer
die sie nicht bemerkte
Und ich weiß noch,
welche Musik in diesem Moment lief –
aber ich werde sie nicht
erwähnen
ich behalte sie für mich
für mich
für mich
für mich
für
uns
Das EINE Blatt
Wenn der Sturm durch die Bäume weht
versuche ich
das EINE Blatt zu erkennen
das
ein kleines bisschen
anders
zittert
als
Alle
anderen
Klunkermus
Das Mittagessen war so oft
ein Drama
in meiner Kindheit.
So oft überkam mich
der Ekel.
Glibberige Stellen im Fleisch.
Knorpel.
Mein Vater, der
irgend etwas
aus seinem Mund holte &
an den Rand seines Tellers legte ….
Das Schmatzen meiner Brüder &
die strengen Ermahnungen deswegen ….
& so oft
war es
zu viel!
Wieder & wieder
etwas
das ich nicht schaffen konnte.
Ein Drama, das
immer wieder in Tränen &
mit Schlägen
endete.
So sinnlos.
So unsagbar sinnlos!
Doch das schlimmste Gericht,
das ich jemals durchlebt habe,
hieß:
Klunkermus.
Eine Spezialität aus Ostpreußen,
wo mein Vater herstammte.
In einem Teller voller Milchsuppe
schwammen Klumpen, die
wie weiße Scheißhaufen aussahen.
Schon bei ihrem Anblick musste ich
würgen.
Und ALLES –
die Suppe, die Klunker –
schmeckte
nach dem widerwärtigsten Nichts, das jemals
in die Form von Nahrung gebracht wurde.
Vielleicht war das nur
der Fehler meiner Mutter?
Ein Fehler im
Rezept?
Egal.
Nach 2 Bissen
rannte ich in die Küche &
spuckte alles in den Mülleimer
(der Weg zum Klo wäre mir zu weit gewesen).
Was danach geschah,
brauche ich nicht mehr zu beschreiben.
Es ist gleichgültig
geworden.
Was mir nicht gleichgültig ist:
Ich hatte Glück.
Aus all diesen Dramen mit diesem
(immerhin EINMALIGEN)
Höhepunkt, den man
Klunkermus
nennt, ist keine Essstörung entstanden.
Mehr als ich
kann man
das Essen
nicht
lieben & genießen.
Und:
Ich kotze nicht.
Nicht wegen des Essens.
Zumindest.
Die Inneren Verletzungen,
die durch das alles entstanden sind,
haben sich
zu ihrem Ausgleich
andere Wege
ge-
sucht.
Und eigentlich
ist Klunkermus
ein schönes
Wort.
Die herausgerissene Zeile
Ich
bin nur
die herausgerissene Zeile
aus
einem Gedicht
ohne Zusammenhang
dessen Sinn
ich
nicht
verstehe.
Der Arsch der Phantasie
Die Phantasie nahm Platz
neben mir
auf meinem alten Sofa
Lächelte &
duftete
Dann musste sie
pissen
Ich verstellte
ihr
den Weg
zum Klo
Drehte sie
mit dem Rücken
zu mir
Hob
ihr Kleid
an
Sie trug
keine
Unterwäsche
Denn sie war ja
Die
Phantasie
Ich biss ihr
in den
Arsch
Er war
Fest & Weich
zugleich
Ein Fest
für
die Phanta-
sie
Die unverständliche Erregung
Zuweilen befürchte ich,
ich könnte erwachen
aus einem Traum,
an den ich mich nicht
zu erinnern vermag ….
& nur die Erregung ist noch übrig –
losgelöst von ihrer Ursache;
unverständlich.& allein.
Noch ist es mir nicht passiert
(oder ich kann mich nicht mehr daran
erinnern).
Zuweilen befürchte ich,
es könnte mir
mit dem Leben
ganz ähnlich ergehen.
Langeweile ?
Wie leichtfertig
die meisten Menschen
mit dem Wort »Langeweile«
umgehen
Ich langweile mich nicht
wenn ich die Augen schließe
Ich langweile mich nicht
wenn ich an die Decke starre
Ich langweile mich nicht
wenn ich die Tapete betrachte
Ich langweile mich nicht
wenn nichts geschieht
In mir ist
keine Langeweile
Und wäre sie da
würde ich sie begrüßen
Denn mein Leben
käme mir länger vor
durch sie
Langweilen sich die
meisten Menschen
wirklich
so leicht?
Ich will es lieber
nicht wissen
Denn es könnte
tatsächlich
so
sein
Die Pfeifensammlung meines Vaters
Ich besitze sie noch
Niemand kann sie mir nehmen
Die Pfeifensammlung meines Vaters
Doch der Tabak
ist nun alle
Seinen letzten Tabak habe ich
aufgeraucht
fast 40 Jahre
nach seinem Tod
Er war trocken
Verglühte immer wieder
Ich stopfe frischen Tabak
in die alten Pfeifen
Er brennt
Ich rauche
& schaue
dem Rauch hinterher
Anschlussfehler
Meine Lieblingsepisode
meines Lieblingsepisodenfilms
dauert nur
20 Minuten
La Goccia D’Aqua
von
Mario Bava
Doch selbst in
dieser Kürze
gibt es
mindestens
1 Anschlussfehler
Eine Flasche
mit billigem Fusel
steht auf einem Tisch
Da ist
kein Korken
in der Flasche
als die Szene beginnt
Doch plötzlich
ist er da
der Korken
wie aus dem Nichts
eines verwirrten Schicksals
Und wahrscheinlich
hatte ich diese Szene
51 Mal gesehen
ohne dass
es mir
aufgefallen war
Egal
wie kurz eine Episode ist
Egal
wie oft man sie gesehen hat
Irgendwo
ist immer
mindestens
1 Anschlussfehler
& es ist einem
Egal
Mein Schlafzimmer
Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
fremden Gedanken
fremden Gefühlen
Bücher
in Regalen
Bücherstapel
auf dem Nachttisch
Büchertürme
auf dem Boden
Träume &
Phantasien
die in meiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden
Phantasien &
Träume
die
meinen Schlaf
bewohnen
Mein Schlafzimmer ist
erfüllt
von
eigenen Gedanken
eigenen Gefühlen
eigenen Träumen
eigenen Phantasien
eigenen Sehnsüchten
eigener Schlaflosigkeit
die in Deiner Vorstellung
zu etwas
Neuem
werden
könnten
Die Gemeinsamkeit
Die eine Lebensgeschichte wird
mit einem Bleistift geschrieben
Die andere mit
einer Feder
Eine weitere wird
mit einem Kugelschreiber geschrieben
Eine andere wird
getippt auf einer
mechanischen Schreibmaschine
Auch auf elektrischen Schreibmaschinen
werden Lebensgeschichten getippt
Getippt wird
mit Computerprogrammen
Lebensgeschichten
Lebens
Geschichten
Lebendige
Geschichten
Sie alle haben
Etwas
gemeinsam
Stifte
brechen ab
Federn
vertrocknen
Minen
werden leer
Farbbänder
reissen
Programme
stürzen ab
Todtraurig
Es sollte nicht so sein
& doch
ist es so
Manche Menschen sind
besonders
schön
wenn sie
todtraurig
sind
Die gestohlene Katze
Es war nur
eine Zeichnung, die ich
für den Kunstunterricht anfertigte – eine
Katze.
DIN A 3.
Jedes Haar ihres Fells
zeichnete ich
einzeln.
Im Unterricht &
zu Hause.
Ich verbrachte so viel Zeit
mit ihr.
Besessen.
Absolut besessen.
So besessen, dass ich mir wünschte,
niemals
fertig zu werden.
Doch
ich wurde fertig.
Jedes weitere Haar
hätte den Tod der Zeichnung
& der Katze
bedeutet.
Ich sprühte
Fixierspray darüber.
Und als die Zeichnung fertig war,
wollte die Kunstlehrerin
sie mir abkaufen.
Ich sagte:
»Nein. Ich habe so viele Stunden
daran gesessen – ein angemessener
Stundenlohn würde einen Preis ergeben,
den Sie niemals zahlen würden.«
Sie lächelte.
»Okay«, sagte sie, »verstehe. Aber
wir machen hier demnächst eine Ausstellung –
wie sieht’s damit aus?«
»Okay«, sagte ich.
Meine Eitelkeit kicherte. Gekitzelt.
Doch
bevor es zu der Ausstellung kam,
war die Zeichnung
gestohlen worden.
Ich verdächtigte die Lehrerin.
Aber ich mochte sie.
Egal.
Es war doch nur
Papier
&
Bleistift
&
Mühe
&
Fixierspray.
Die Idee einer Katze.
In der Bewegung
meiner Hand.
Doch manchmal
frage ich mich
noch heute,
ob diese Katze irgendwo
auf diesem Planeten
vielleicht
an einer fremden Wand hängt.
Vielleicht sogar
gerahmt.
Es wäre mir zu peinlich gewesen,
die Zeichnung mit meinem vollen Namen
zu unterzeichnen.
Ich setzte nur meine Initialen darunter
in Blockschrift.
Dahinter
die Jahreszahl.
Ich mag den Gedanken, dass
mein Name
unbekannt
oder
vergessen
ist.
Nie wieder
habe ich mir
solche
Mühe
gegeben.



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