Die Beschaffenheit des Wahnsinns

Der Helle Wahnsinn!
Der Reine Wahnsinn!

Nein danke
kein Bedarf

Ich brauche den
Dunklen Wahnsinn
Den Wahnsinn
der nachts auf Friedhöfen swingt
& die Fuselflaschen auf
Grabsteinen zerschmettert

Ich brauche den
Unreinen Wahnsinn
Den Wahnsinn
der voll von schmutzigen Gedanken
aus dem Sumpf des Lebens
kriecht

Gelächter
in Dunkelheit & Dreck

Versiffte Schatten
die mit mir tanzen
zur Musik eines Komponisten
der in geistiger Umnachtung
endete

Danse Macabre!

Bilder von
abgeschnittenen Ohren

Fantasien
die hinter syphilitischen Stirnen
geboren wurden

Schwarzes Feuer
das ewig brennt

Helligkeit
Reinheit
Ich brauche Euch nicht !

Ich kenne die Gosse
in die der Dichter fiel
schwarz gekleidet

in einer Nacht
die niemals endete


Rollos

Die Rollos
(schreibt man das heutzutage so?)
runtergelassen
gegen alles
das eindringen könnte

Normalität
Worte
Liebe (falsch)
Blicke
Sonne
Stimmen
Nüchternheit

Der Schmerz
bleibt draußen

Gedanken
bleiben dunkel

Gefühle
düster

Wie schön
Das Geräusch

Wenn man
die Rollos

herunterlässt


Etwas

Sie
haben
nichts
zu sagen

Aber
sie
sagen
etwas

Und
dieses
Etwas
ist

Nichts


Nichts

Ich
habe
nichts
zu sagen

Also
sage
ich

nichts


Der Schnellzug

Und wiedermal bist Du drüber hinweggekommen
Wie der Schnellzug über den Kopf des Selbstmörders
Ein bisschen was von Dir ist auf der Strecke geblieben
Aber das ist nicht wichtig

Wichtig ist
dass Du etwas hattest, worüber Du
hinwegkommen musstest
Und dass Du es geschafft hast

Die Veränderung, die es bewirkt hat, ist gut
Der Schmerz ist gut
Die Traurigkeit ist gut
Denn das ist die Lebendigkeit in Dir

Du kannst großzügig sein
mit Dir
& mit Anderen
Keine Rechtfertigungen
Keine Vorwürfe
Es ist keine Zeit dafür

Zu schnell wird der Zug sein Ziel erreichen
Den Kopfbahnhof, wo Du aussteigen musst
Schau aus dem Fenster
solange er unterwegs ist

Sieh was auf der Strecke liegt
Es ist nicht so wichtig
Wie Du manchmal denkst


Der hohle Baum

Nacht. Wald. Windstille. Mondlicht, das durch Baumkronen splitterte. Meine Schritte, mal knisternd, mal dumpf. In der einen Hand hielt ich eine Taschenlampe, in der anderen einen Zettel. Ich hatte diesen Zettel gestohlen, aber der, dem er gehörte, vermisste ihn wahrscheinlich gar nicht; wusste vielleicht nicht einmal etwas von dessen Existenz. Egal. Die Wegbeschreibung hatte mich fasziniert. Kritzelei. Geheimnis. Vielleicht etwas Unbekanntes, das man finden konnte. Irgendwo am Ende. Endlich etwas suchen. Das man nicht verloren hatte.
Es war noch angenehm warm. Waldluft, Geraschel von Tieren … Was hätte ich Besseres tun können, als mitten in der Nacht hier umher zu laufen? Das Taschenlicht auf den Zettel gerichtet, kam ich nur langsam voran; die Zeichnung & die dazugehörigen Worte waren alles andere als eindeutig. Mögliche Mißverständnisse schienen absichtlich eingebaut, sollten in die Irre führen. Das reizte meine Neugier nur noch mehr. Wie lange ich schon unterwegs war, keine Ahnung; ich habe nie eine Uhr bei mir. Dort, wo man manchmal wissen muss, wie spät es ist, gibt es immer jemanden, der es einem sagen kann; an allen anderen Orten muss man es nicht wissen.
Irgendwann also. Irgendwann stand ich vor dem gewaltigen Baum. Das musste er sein. Dicker als alle andern. Im Lichtfleck der Taschenlampe wirkte seine Oberfläche krank. Pilze umstanden ihn wie kleine Schachfiguren. Den Mond wehrte er ab. Man musste etwas Bestimmtes tun; es stand auf dem Zettel.
[…]
Warmes Licht strahlte blaß durch die schmale mannshohe Öffnung des Baumes. Es kam von unten. Rötlich-orange, ein Rechteck, schwach auf den Waldboden reflektiert. Fast blendend nach all der Dunkelheit. Ich trat näher. Schaute durch die Öffnung. Eine steile Treppe mit Geländer führte hinab zu einem Holzfußboden. Essensduft stieg nach oben. Wie eine Kindheitserinnerung.
Ich bin recht dünn. Zwängte mich seitlich durch den Spalt. Leicht nach hinten geneigt, Hand am Geländer, Stufe um Stufe hinab. Viele Stufen, viele Meter. Hinter mir schloss sich der Baum, knarrend. Der beengte Abstieg endete …..
….. endete in einem großen Gewölbe voll feurigem Licht; Kerzen & Kamine leuchteten. Alles war mit dunklem Holz ausgeschlagen. Möbel aus dunklem Holz. Asymetrisch angeordnet; keine rechten Winkel. Wärme, Hitze. Schatten wie Scherenschnitte. Leuchtende Schleier aus Tabakqualm. Und überall Bücher & Zettel. Papierene Welten. Bleistifte. Staub & Spinnennetze.
Die junge Frau stand mit dem Rücken zu mir an einem altertümlichen Herd. Rührte. Lange schwarze Haare. Schlank. Sie trug einen dunklen Pullover, der ihre Oberschenkel zu einem Drittel bedeckte. Sonst nichts. Barfuß. Ich blieb an der Treppe stehen.
Sie wandte ihren Kopf, blickte mich über die Schulter hinweg an. Zögerliches Lächeln.
„Hey“, sagte sie.
„Hey“, sagte ich.
„Wieder mal einer, der den Weg gefunden hat.“
Traurige Augen. Die sie dann wieder auf den Topf richtete.
„Ja, ich habe die Karte gefunden“, sagte ich.
„Gefunden?“ (Ihre Stimme!)
„Mehr oder weniger.“
„Wenn du sie gefunden hättest, wärst du nicht hier.“
Weg von der Treppe, ein paar Schritte wenigstens. Ich sah, was die Flammen mit ihren Schenkeln machten.
„Wieso?“ fragte ich ihren Hinterkopf.
„Nur wer sie stiehlt, findet hierher. Und das waren bisher nicht viele.“
„Tja, Scheisse, ich bin ein verfickter Dieb, ich gebe es zu.“
Genet“, sagte sie.
„Genau. Genet.“
„Setz dich.“
Sitzgelegenheiten noch & noch. Ich legte Lampe & Zettel auf den nächstbesten Tisch & wählte ein Sofa, zu dem ein Grammophon gepasst hätte; eine Kissen-Oase.
Sie drehte sich herum. „So, Köcheln ist angesagt.“ Es war ein Rollkragenpullover. Grobe Maschen. „Was zu trinken?“
„Alles, was die 40%-Hürde schafft, ist willkommen.“
„Absinth“, sagte sie.
„Grün wie die Hoffnung“, sagte ich.
Verdammt, da stand ja tatsächlich ein Grammophon. Vor einem Regal mit ausgestopften Vögeln; ganz oben ein starrender Uhu.
Sie tappste zu einer Kommode voller Flaschen & Gläser.. Reflexionen. Zuckerwürfel, die sie in Brand setzte; Zischen & Rühren & Löschen mit Wasser.
Dann trat sie mir nah. Beine, Pullover, Schatten unter den Augen. Sie reichte mir das Glas. Fingerspitzen, die sich berührten.
Sie setzte sich zu mir.
„Was gibt’s zu essen?“ fragte ich.
„Hackbraten mit Pilzen. Als Nachtisch Feigenkompott.“
Falscher Hase, dachte ich, Alice im Wunderland …. Wo ist der echte Hase? Wo die Uhr?
Es gab eine Standuhr, aber die zeigte eine Zeit an, die nicht stimmen konnte. Das Pendel bewegte sich; lautlos. Lautlos?
Ihre Schenkel so nah. Angewinkelt. Haut, so blass. So glatt. Duft.
Wir nippten gleichzeitig getrübten Anis.
„Verrückt“, sagte ich.
Verrückt“, sagte sie. Bei ihr klang es so anders. Ein Wort, das man streicheln musste. Ihre Nase war eine Sprungschanze, ihr Mund das Kissen für die Landung. Sommersprossen. Kerzenflämmchen tanzten in ihren Pupillen.
„Was mach ich hier eigentlich?“ sagte ich.
„Tja, was? Vielleicht – mich retten?“
„Wovor?“
„Vor all dem.“ Eine ausladende Geste.
„Ich finde es sehr schön hier.“
„Nur wenn man es zum ersten Mal sieht. Für mich ist es der Schädel eines Wahnsinnigen, in dem ich lebe.“
„Wieso lebst Du dann hier?“
Sie nahm einen großen Schluck.
„Lass uns über was anderes reden“, sagte sie.
„Wie du willst.“
Ich stellte mein Glas auf einen Tisch voller Bücher. Zwischen Joyce, Proust & Huysmans.
„Du hast ein Grammophon.“
Sie lächelte. Eine winzige Zahnlücke zwischen ihren oberen Schneidezähnen.
„Ja, manchmal lege ich eine uralte Platte auf & tanze dazu. Nachts. Allein.“
„Das würde ich gerne sehen.“
„Du spinnst.“
„Nur manchmal“, sagte ich. „Bist du denn immer allein?“
„Ja, immer. Ich weiß nicht mal, wo das Essen herkommt. Oder alles andere, was man so braucht. Es ist einfach da.“
Sie kippte den milchigen Rest & stellte das Glas neben meins.
„Ich habe längst aufgehört, mir Fragen zu stellen“, sagte sie, „oder nach der Realität in all dem hier zu suchen. Logik ist mir scheissegal inzwischen. Es gibt sie nicht. Nicht hier. Die meiste Zeit bin ich ohnehin verwirrt.“
„Aber du schreibst.“
„Ja, ich schreibe. Was soll ich auch sonst tun?“
Sie rückte etwas näher. Ihr Knie berührte mich. Leicht.
(Schwere in meinem Schwanz.
Schnell, so schnell. Vielleicht. Aber auch die Zeit hatte hier etwas Seltsames, Unbekanntes. Eine Mixtur aus -Raffer & -Lupe.)
„Ich bin so einsam“, flüsterte sie.
„Ich auch“, flüsterte ich.
„Aber nicht so.“
Die Flämmchen glitzerten näher.
„Wie heißt du?“, fragte ich.
„Das ist unwichtig“, atmete sie in mein Gesicht. „Und du?“
„Das ist noch unwichtiger.“
Sie legte ihr Bein über meine Oberschenkel. Weich.
Dann: Hände … Haut … Lippen … Zungen … Gerüche … Nässe zwischen ihren Beinen … Glitschige Finger …
Sie erhob sich vom Sofa. Durchquerte den Raum. Hinüber zu dem großen schweren Bett zwischen roten Lampenschirmen. Im Gehen zog sie den Pullover über ihren Kopf. Mein Schwanz beobachtete sie. Die schwarzen Haare, die über den hellen Rücken fielen. Ihren Arsch, wie sie ins Bett kletterte. Jede Schwingung. Ihre Fußsohlen. Feuerlicht auf ihrer Haut. Sie legte sich auf die Decke, bäuchlings, mir zugewandt. Augen. Blick. Blick. Augen. Ich ging zu ihr.

Die Zeit …. Seltsam … Unbekannt … 2 Einsamkeiten, die sich ficken … Sehnsüchte … Etwas Vergessenes, das wieder einfällt & in ein anderes Vergessen führt … Saufen, was aus Körpern dringt … Schläge in & außer Takt … Schreie … Worte … peitschende Beschimpfungen … Atem & Atemlosigkeit … schwitzende Fantasien … Schmerzen … Tränen Sperma Fotzensaft … zitternde Suche … ziellose Gier …

Schwitzend auf dem Bett. Sie drehte sich eine Zigarette; schnell, geschickt. Spitzzunge. Das Zipp-Clock! eines Zippos. Sie inhalierte tief.
„Das Essen kannste wohl wegschmeissen“, sagte ich.
„Nö, das geht schon noch, irgendwie. Ausserdem hab ich einen Mordshunger.“
Die meisten Kerzen waren erloschen. Kamingeflacker. Sie blies Rauchringe ins Licht der Nachttischlampen. Wir drückten unsere nassen Häute aneinander.
„Wie bist du hierher gekommen?“ fragte ich.
„Genauso wie du. Ich hab einen Zettel geklaut. Ist Jahre her.“
„Wieviele von diesen Zetteln mag es wohl geben? Oder ist es immer derselbe?“
„Nein“, sagte sie, „allein hier unten liegen bereits 16 Stück.“
„Hmm. – Und, lebte damals jemand hier?“
„Ja, es lebt immer jemand hier. Damals war’s ein etwas seltsamer älterer Mann. Ich glaube, die meisten Bücher hier sind von ihm. Bin mir aber nicht sicher.“
„Hast du ihn auch gefickt?“
„Ja.“
„Und er hat dich allein gelassen?“
„Auf Dauer kann immer nur einer hier leben“ sagte sie. „Das ist einfach so.“
Ich streichelte ihren Oberschenkel.
„Wieso, was passiert denn sonst?“
„Einer von beiden verändert sich. Nach einiger Zeit. Es ist wie eine Art Krankheit.“
„Krankheit?“
„Ja. Einfach widerlich. Ich will da nicht drüber reden.“
„Okay“, sagte ich, „aber warum ist dann er gegangen, und nicht du, wo du’s doch hier so grauenhaft findest?“
„Anfangs fand ich’s ja nicht grauenhaft. Außerdem war er schneller.“
„Versteh ich nicht.“
Sie lächelte. „Du musst ja auch nicht alles auf einmal verstehen. Das ist ein bisschen viel fürs erste.“
Fuck“, sagte ich.
„Ja, genau, Fuck. Ich kümmer mich mal ums Essen.“
Mit der Zigarette im Mundwinkel stand sie auf. Ging zum Herd. Po-Swing! Blaßrötliche Landkarte meiner Schläge. Um die sie gebettelt hatte.
„Tja“, sagte sie, „Pilze zerkocht, Kartoffeln püreeähnlich, und das Gehackte ist sicher furztrocken.“
„Egal“, sagte ich.
„Genau, egal, der Hunger treibts rein. Kannst schon mal den Tisch decken; da drüben ist alles.“
Vorher ging sie noch pissen. Auch das Klo stand offen; es gab einfach keine Wände. Sie saß da & plätscherte, lächelte mich an, warf den Zigarettenstummel zwischen ihre Beine; Zisch. Sie wusch sich nicht die Hände anschließend; das gefiel mir.
Dann saßen wir nackt am Tisch. Teller & Töpfe zwischen Büchern; frische Kerzen. Die die Schatten unter ihren Augen beleuchteten.
„Wußt ich’s doch, dass es trotzdem super schmeckt“, sagte ich. „Eine Zauberkünstlerin der Gewürze.“
„Ich bins gar nicht mehr gewohnt, nicht allein zu essen. Irgendwie seltsam. Aber irgendwie auch schön.“
Titten sind mir nicht besonders wichtig, aber ihre gefielen mir. So als Garnierung des Essens.
Eine Spinne huschte über den Boden, als hätte sie eilige Geschäfte.

Sie finden nicht hierher. Sie finden nicht den Zettel. Sie würden den Zettel niemals stehlen, wenn sie ihn fänden. Sie hätten kein Interesse. Menschen, die funktionieren. Menschen, die mitten im Leben stehen; in einem Leben, das als normal bezeichnet wird. Menschen wie Zahnräder in einer Uhr. Ihre Zacken greifen ineinander, treiben die Zeit voran; sinnlos, leer. Zeitvertreib folgt auf Zeitvertreib. Bis dass der Tod sie scheidet ….. Sie ist kaputt, ich bin kaputt. Vergangenheiten, die uns die Zacken abgeschlagen haben. Fremdkörper in der Uhr. Schmerz, Neugier, Selbstzerstörung. Absonderung. Selbsthass & Egozentrik. Hungrig auf Alles & doch oft unfähig zu schlucken.

Tage? Oder Wochen?
Keine Ahnung. Ich verstand die Zeit nicht mehr. Und sie konnte mir die Zeit auch nicht erklären; sie wusste noch weniger darüber als ich. Und ihre Standuhr war verrückt.
Es lohnte sich nicht, Klamotten anzuziehen. Bett, Essen, Trinken; Trinken, Essen, Bett & Badewanne. Schaumblasen, die zwischen uns platzten. Nur hin & wieder zog sie etwas an, das mir besonders gefiel; etwas, das ihre Beine betonte. Ich lernte die kleine Narbe auf ihrer Zungenspitze kennen. Gespräche & Gespräche & Gespräche. Gegen das, was sie erlebt hatte, kam mir mein Leben nahezu geschmeidig vor. Es erklärte ihre Augen; es erklärte ihre Schatten. Es erklärte ihre Ängste. Ich las vieles von dem, was sie geschrieben hatte. In all diesen unterirdischen Jahren. Wenn es Jahre gewesen waren. Worte, die einen eigenen Ton hatten, einen eigenen Geruch, einen eigenen Puls. Und sie war so jung. Ich: 30 Jahre älter.
Wir tanzten zum Grammophon. Knisternde Orchestermusik; eine unbekannte Melodie. Die Hände auf dem Arsch des andern. Ab & zu gab die aufgezogene Feder einen aufschreckenden Knall von sich; manchmal zuckten wir leicht zusammen. Gekicher. Grinsen.
„Du machst mich so glücklich“, flüsterte sie.
Schweigen.
Tanzen.
Schweigen.
„Was meinst du, wann die Veränderungen einsetzen werden“, sagte ich.
„Ich weiss es nicht. Vielleicht schon bald. Und ich weiss auch nicht, wen es treffen wird.“
„Sieht man es?“
„Oh ja, man sieht es. Aber ich vermute, es verschwindet wieder, sobald man sich trennt.“
„Du bist nicht sicher?“
„Wie kann ich das?“, sagte sie. „Man sieht sich ja nicht mehr wieder.“
Wir tanzten. Die Nadel kratzte über die Schellackplatte. Mein Schwanz klemmte zwischen unseren Bäuchen.
„Ich fühle mich wie eine Irre“, sagte sie.
„Wie die Irre, in die ich geführt werden sollte“, sagte ich.
Wie oft wir diese Platte hörten …. Und immer kamen neue Kratzer hinzu.
Leben. Zeit. Abnutzung.

Schatten werden größer.
Spinnen werden schneller.
Essen wird nicht mehr zerkocht.
Wörter wechseln die Temperatur.

Und dann kauerte sie unter dem Bett. Nackt wie ein Tier. Geduckt wie ein Tier. Umschattet. Ich zitterte. Sie zitterte. Ihre Augen: Angst, die Angst machte. Verzweiflung, die verzweifeln ließ. Schmerz der Einsamkeit. (Mordgier im Hintergrund? Möglich.) Die Pupillen so weit, dass die Iris verschwunden war. Ihre Haut war zu einer Landkarte geworden; schwarze Linien, schwarze Flecken überall. Ihr Gesicht: eingefallen bis zur Hässlichkeit. Haare waren ihr büschelweise ausgefallen. Gesprungene Lippen.
Ich saß am Tisch & beobachtete sie. Nur wenige Kerzen brannten. Ich hatte mich angezogen. Es war alles schnell gegangen. Glaube ich. Die ersten Veränderungen noch beinahe unmerklich, zunächst in ihrem Wesen, dann auf ihrer Haut. Ich wußte, was es bedeutete; sie wußte es schon nicht mehr. Anfangs fickten wir noch, aber es war anders. Etwas seltsam Verbissenes war dabei. Andere Flammen tanzten in ihrem Blick …..
Wir starrten uns an. Hielten uns in Schach. So lange. So lange. Vielleicht. Schließlich schaute ich woanders hin. Sie sollte sich beruhigen. Schau ihr nicht in die Augen; sie ist Tier, sie ist Furcht.
Irgendwann. Sie kroch unter dem Bett hervor. Leise. Zaghaft. Ich schaute nicht hin; sah es nur am Rande. Sie lief zur Treppe, dumpf das Geräusch ihrer Füße. Vor der untersten Stufe blieb sie stehen, drehte sich zu mir herum. Sie atmete schwer. Grauen in der Schwärze ihres Blicks. Nackt, so nackt … und doch, ihre Haut tätowiert vom Schrecken. Kahle Stellen auf ihrem Schädel. Ich wandte mich von ihr ab, stand ganz langsam auf & ging hinüber zu dem Stuhl, auf dem ihr Pullover lag. Ich nahm ihn, er roch nach kaltem Rauch, drehte mich, noch langsamer, in ihre Richtung, und warf ihn ihr zu. Sie fing ihn; es war nur ein Reflex.
Dann rannte sie die Treppe hinauf, den Pullover in der einen, das Geländer in der andern Hand, ich hörte das Knarren des Baumes, rannte selber zur Treppe, schaute nach oben, sie zwängte sich durch die Öffnung, ihre Titten machten es ihr schwer, sie schaffte es, war draußen, blickte noch einmal durch die Öffnung, hinunter zu mir, es war Nacht, ihr Gesicht so dunkel.
Dann ….
Schloss sich der Baum.

Schreiben & Lesen. Lesen, was sie geschrieben hat. Schreiben, was sie niemals lesen wird. Ich versuche mir vorzustellen, wie sie lebt. Dort oben. Jetzt. Ich esse, trinke, existiere, schlafe, wichse, träume. Begreife nichts. Keine Verbindung zur Außenwelt. Innen. Welt. Ich langweile mich nicht, weil ich mich nicht langweilen kann. Sie lebt & erinnert sich an nichts. Vermute ich. Sie wird wieder schön sein, inzwischen. Ich hoffe es. Für sie.
Es ist merkwürdig mit dieser Treppe. Ich stehe manchmal vor der untersten Stufe, und ich kann meinen Fuß nicht darauf setzen; mein Bein bleibt unbeweglich, in dieser Richtung, wenn ich dort stehe. Fast noch merkwürdiger ist es, dass ich als junger Mensch – vielleicht so jung, wie sie es gerade ist – einmal eine Story geschrieben habe, die von einer Treppe handelte, die lediglich abwärts führte, von einer Treppe, die niemand hinaufgehen konnte. Als hätte ich es schon damals geahnt. Als hätte ich mein Leben schon im vorhinein überblickt.
Hin & wieder lasse ich das Grammophon laufen. Und wenn genug Absinth in mir ist, tanze ich dazu. Es gibt noch weitere Platten, aber ich höre immer nur die eine. Die kaum noch zu hören ist. Oftmals bleibt die Nadel hängen. Und ich tanze dennoch weiter.
Ich fühle mich nicht wie im Schädel eines Wahnsinnigen. Ich fühle mich wie in meinem eigenen Schädel. Aber vielleicht ist das ja das Gleiche.
Gibt es noch weitere Zettel? Irgendwo? Gibt es noch jemanden, der sie stehlen würde? Fast ist es mir egal. Nur zum Spaß mache ich gelegentlich den Stufentest. Im Grunde habe ich dort oben nichts zu suchen. Nicht mehr.

Ich habe dort oben nichts mehr zu suchen, weil ich dort oben nichts mehr verloren habe.


Die Schlangenfarm

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Die Schlangen haben Beine
lang & schön
Die Schlangen haben Haare
lang & schön

Die Schlangen hängen sich
an meinen Hals
Sie zischeln mir ins Ohr
bis ich grinse

Ihre Bewegungen sind geschmeidig
wie ihre Worte

Ich liebe ihre Haut
Ihre Zungen & ihre Zähne

Ich liebe ihren Biss

Ihr Gift ist
ein künstliches Paradies
Ein schmerzendes Vergessen
Ein schmerzendes Erinnern
Fantasie vielleicht
Sonst nichts

Ich lebe auf einer Schlangenfarm
Wo sonst könnte ich leben ?


Glückliche Momente

Manchmal möchte ich sie auslöschen
Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Sie haben eine Farbe, die sich
beisst mit der Grundfarbe meines Lebens
Sie sind getaucht in eine Helligkeit
die einen zu starken Kontrast bildet
Farbe & Helligkeit & Kontrast schmerzen
Sie brennen in den Augen
Sie trüben den Blick
Sie verändern die Sicht auf das Leben

Die glücklichen Momente der Gegenwart
Auch ich bin schwach
Auch ich möchte sie bewahren
Die Augen schließen &
ihre Helligkeit dennoch sehen
durch Lider, die zu dünn &
voller Blut sind

Aber Gegenwart ist nicht greifbar
Nur die Vergangenheit bleibt einem
Nur die Vergangenheit ist immer präsent
Eine stetig wachsende Fläche
mit einer bestimmten Grundfarbe

Die glücklichen Momente der Vergangenheit
Ich möchte sie auslöschen

Manchmal
Manchmal

oft


10

Ich bin die Null
Du bist die Eins

zusammen sind wir

Zehn


Die Schmeißfliege

Ich würde sie küssen
die Schmeißfliege, die
auf Deinem Scheisshaufen saß

Sie ist blau
schimmernd

Blau wie ich
der ich nicht schimmern kann

Sie kann fliegen
Sie kann summen

Fliegen kann ich nicht
Vielleicht in Träumen

Summen kann ich
Wenn wir miteinander sprechen

Aber wir sprechen nicht mehr
miteinander

Die Klatsche

Ich habe einen an der Klatsche

Die Schmeißfliege
Ich träume von ihr

Ich werde sie nicht verletzen
Ich kann ihr nicht weh tun

Sie soll fliegen

fliegen

summend

blau

schillernd

dorthin

wo Dein Duft wohnt

Vielleicht
kommt sie von meiner
Leiche
an der sie saugte

Vielleicht
lächelte sie dabei

Ihre Flügel
zittern

Ich zittere
mit ihr

Und ich
küsse sie


Gefühl?

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich erinnere mich an
irgend etwas
das an Gefühl erinnert
aber kein Gefühl mehr ist

Gefühl?
Nein, nicht ich
Ich bin cool
Ich bin kalt

Kalt wie der Gin
aus dem Gefrierfach

Kalt wie die Toten
die ich kannte

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich lache
wenn andere weinen

oder ist es umgekehrt?
In der Nacht….

In welcher Nacht?

Ich kenne Nächte
inzwischen
die ich glaubte
vergessen zu haben

Aber nein!
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Da ist etwas
kalt wie Gin

Gin aus dem Gefrierfach

Gefühl?


Papier & Vodka

Alles was auf Lüge beruhen könnte
sollte man auf Papier schreiben
Gedichte – von der Lüge gezeugt
& von der Gutgläubigkeit empfangen
Stories – die aus dem Verstand kommen
den die Lüge gefickt hat

Fehlgeburten, nichts als Fehlgeburten

Papier Papier Papier

Papier ist real

Virtuell war der Ursprung
der Gefühle
Virtuell wie das Computerprogramm
in dem die Worte nicht greifbar sind

Papier
Ich schütte Vodka darauf
die Lieblingsmarke der Lüge
ABSOLUT
Ich zünde es an
Sehe wie Zeichen sich kräuseln
Sehe den Tod meiner Worte
die niemals das Recht hatten
geboren zu werden

Papier
die Sterbeurkunde der Hoffnung

Flammen
die sich in Rasiermessern spiegeln

Wörter sollen nicht gelöscht werden
Sie sollen verbrennen

Sie sollen schreien vor Hitze
Sie sollen verglühen

Tod Tod Tod
Tod der Worte
Kein Erbarmen

Papier & Vodka
Vodka der kein Vergessen bringt
Papier

das zu Asche wird


Tagesfragen

Erwachen
& die üblichen Tagesfragen:
Lustspiel? Trauerspiel? Endspiel?
Wer hat sich zurückgezogen?
Wer kommt auf Dich zu?
Wer tritt Dir in die Kniekehle?
Wer nimmt Dich in den Arm?
Kannst Du überhaupt aufstehen?
Musst Du liegenbleiben?
Kannst Du etwas essen?
Brauchst Du einen Drink?
Wirst Du heute Geschwätz ertragen können?
Wirst Du heute den Job überstehen?
Wird der Wagen anspringen?
Willst Du sterben?
Willst Du leben?

Erwachen
& irgendwelche Antworten
meist die ewiggleichen
Manchmal Variationen
die nicht viel bedeuten

Erwachen
immerhin Erwachen

Vielleicht
Weiterträumen


Haut

Meine Haut ist eine Landkarte
des Grauens
Alle Ängste
Alle Erinnerungen
Alle Neurosen
sind auf ihr verzeichnet

Das Verlassenwerden ist rot
Die Gleichgültigkeit ist braun
Die Einsamkeit ist gelb
Die Narben sind weiss
Die Nervosität ist lila & blau
Der Alkohol ist schwarz

Meine Haut ist eine Landkarte
Flüsse, Gebirge & Meere
aus Gefühlen

Niemand findet sich darin zurecht
Niemand kennt die Wege

Gänse sind hier zu Hause
in den Spuren der Vergangenheit

Meine Haut ist eine Landkarte
die niemand berührt

Ein Verzeichnis von Orten
die ich nicht kenne

Ein Verzeichnis von Zielen
die ich nicht finde


Presslufthämmer

Presslufthämmer weckten mich
nach 2 Stunden wirrer Träume.
Vielleicht war es auch meine eigene
Leere, die mich noch vor den
Pesslufthämmern weckte.
Ich spürte spitze Absätze auf meiner
Brust. Immerhin : Gefühle.
Totgeglaubt. Seit langem.
Ich hatte keinen Plan.
Eventuell überleben.
Sofern mir nichts Besseres einfiel.
Aber mir fiel selten Besseres ein.
Die Presslufthämmer zerlegten
Mauerwerk. Sie hätten meinen
Schädel zerlegen sollen. Oder
war der etwa zu dick?
Was soll ich heute tun?
Heute Nacht tun?
Wenn die Stille zurückkehrt.
Ich werde mein Gedächtnis zerstören;
systematisch. Ich werde mir
3 Mal einen runterholen. Ruhe.
Ruhe. Zum Schluss werde ich mir
den Schädel an einem Spiegel
einschlagen. Ich lasse Blut in meine
Augen laufen. Wie ein nächtlicher
Sonnenuntergang wird es sein.
Dann kommt die Dunkelheit.
Die Finsternis.
Und dann kehren sie zurück.
Die Presslufthämmer.


Diese verdammten Gedichte

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt
Schreibt um nicht zu ersticken
Schreibt um zu überleben
Schreibt um das Überleben zu feiern

Diese verdammten Gedichte
Die Euphorie des Vortages ist vorbei
Die Verzweiflung von heute
ist morgen vielleicht schon wieder
Hoffnung

Diese verdammten Gedichte
Man möchte sie alle zerreissen
Man möchte sie auslöschen
Man möchte sie ungeschehen machen
weil einem plötzlich alles falsch erscheint
wertlos & dumm & peinlich & überholt

Und doch
Es gab den einen Augenblick in dem sie
nichts als reine Wahrheit waren
Den einen Augenblick in dem sie
zum Käfig dieser Wahrheit wurden
Die Wahrheit bleibt darin gefangen
Sie kann nicht mehr fliehen

Die Wahrheit die jeder wiedererkennt

Die Zeit kann der Wahrheit nichts anhaben
Gleichgültig was man am nächsten Morgen
darüber denken mag

Diese verdammten Gedichte
die man wegen jemandem schreibt
für jemanden schreibt

Sie haben einen Sinn
der nicht vergeht

wenn
Alles Andere
vergangen ist


Die Methode

Mein Leben ist ein Kugelhagel aus
verpassten Gelegenheiten
ausgeschlagenen Angeboten
zurückgewiesenen Händen

Erfahrungen & Ängste
sind meine Munitionsfabrik

Um mit dem Bedauern klarzukommen
habe ich eine Methode :
Ich rede mir ein
dass, hätte ich alles Realität
werden lassen, irgendwann die
Gewöhnung, die Abstumpfung, die
Abkühlung unweigerlich eingesetzt hätte
Etwas, das noch im nachhinein einen
schmutzigen Schatten auf das vorausgegangene
Schöne geworfen haben würde
Nur dadurch, dass ich es in der Fantasie
belassen habe, ist es
ewig schön

Nun ja,
die Methode überzeugt mich nicht wirklich
Nicht bis in den letzten Winkel des
Gedankenganges

Aber sie ist Alles
was ich habe


Der Ärmel

Mein Leben war ein alter vergilbter Ärmel
Sie kam & krempelte ihn um
Sie besprengte ihn mit Pisse, Blut & Tränen
Plättete ihn mit ihrer Zunge
die so gewandt war in Worten & Taten
Die Schatten unter ihren Augen
warfen ein Licht
auf den Ärmel
das den Gilb
verschwinden ließ


Fremde

An jenem Tag hatte sie Frühdienst
Sie war im 2. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau
Mein Nachtdienst neigte sich dem Ende zu
Sie begrüßte mich wie immer, lächelnd, plaudernd
Sie nahm die Schlüssel für den Frühstücksraum
die Zeitungen, die Listen & ging in Richtung Umkleide

Nichts schien anders als sonst
Alle sagten das –
im Nachhinein

Am frühen Abend fand man ihr Auto
in einem abgelegenen Waldstück
Zusammen mit ihrem Freud saß sie darin
Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere
Der Motor lief noch
Er musste seit Stunden gelaufen sein

Es war diese verfluchte alte Shakespeare-Story
2 Elternpaare die sich nicht ausstehen konnten
die gegen die Beziehung ihrer Kinder waren
gegen die Liebe
Egoismus Dummheit Borniertheit
das volle Programm

Und nichts schien anders
an jenem Tag
Man ist sich fremd
Man sieht nichts
Man plaudert
Man lächelt

Kein Hilferuf
stattdessen funktioniert man

Man funktioniert
solange es geht

Man ist umgeben von

Fremden


Mein Herd

Jedes Mal, wenn ich vor meinem Herd stehe,
höre ich in meinem Schädel Charles Bronson
Mundharmonika spielen. Ich werde vors
Fertiggericht geladen, und das Urteil lautet:
Weiterleben! Charles hat mich noch nie
abgeknallt.
Mein Herd war Mitte der 70er Jahre schon
alt. Von BBC. Mir gefällt der Schriftzug,
weil er Assoziationen weckt, die nichts mit
Essen zu tun haben. Musik! Ungefähr 20 Jahre lang
funktionierten nur noch 2 Platten; erst neulich
habe ich eine 3. wieder zum Laufen gebracht.
Ich hätte Elektriker werden sollen. Was für ein
Luxus!
Warum zur Hölle wollen alle immer das Neueste
haben? Das Raffinierteste? Das Modernste?
Mein verdammter alter Herd hat Stil &
Seele; er hat eine Menge erlebt; musste einen
Haufen Dreck über sich ergehen lassen.
Ab & zu schwächelt er ein wenig, aber wer
tut das nicht? Er säuft Strom wie ich meinen
Gin saufe. Er sieht etwas ramponiert aus; wie
ich. Manchmal kommt er nicht richtig
auf Touren, wird nicht richtig heiss & hält
mich hin wie eine abgekühlte Geliebte. Dann
dauert das Vorspiel eben etwas länger. Was
soll’s!
Ich finde wir sind ein schönes Paar.


DU

Wärst Du ein Mann, würde ich Dir den Schwanz lutschen
Wärst Du ein Hund, würde ich mit Dir Gassi gehen
Wärst Du eine Katze, würde ich Dich ins Schnurren kraulen
Wärst Du ein Baum, würde ich Dich düngen mit meiner Kacke
Wärst Du eine Spinne, würde ich Dir ein Netz basteln &
Dich schaukeln, bis Du grinst

Aber

Du bist ein kleines verängstigtes Mädchen

Also
muss ich Dich in den Arm nehmen &
Dich streicheln
bis Du

vergisst


Reagenzien

Sie überschüttete mich mit ihrer Pisse
die ich trinken wollte
Dann überschüttete sie mich mit ihrer Liebe
Sie überschüttete mich mit Eiswasser
das mich schaudern machte
Dann überschüttete sie mich mit Salzsäure
Meine blöde Visage zerfloss

Ich mixte mir einen Cocktail
spießte einen meiner Augäpfel auf
rührte damit in den Reagenzien

Dieses Auge war nicht so traurig
wie ihre Augen es waren

Die Augen
in die ich mich verliebt hatte

Ich glaubte
ein Zwinkern zu sehen

Dieses Zwinkern bedeutete

TOD !


Der Job

Ein Mann stand in einer der Telefonkabinen
& redete. Ich stand hinter der Rezeption &
zählte die Kasse. Die Bar war bereits
geschlossen. Die Drehtür setzte sich in
Bewegung & eine Frau betrat die Halle.
Mitte 30, schlank, rote Haare.
Sie kam zu mir.
„Ich hätte gern ein Zimmer“, sagte sie,
„ich bin hier am Bahnhof gestrandet &
komme nicht weiter.“
Ich nannte ihr die Preise.
Sie sagte: „Das Problem ist, ich habe
kein Geld mehr.“
„Das ist schlecht“, sagte ich.
Der Mann beendete sein Gespräch &
setzte sich in die Halle, blätterte in
Unterlagen. Die Frau senkte die Stimme
ein wenig … nur ein wenig.
„Manchmal bezahle ich auch mit Sex“,
sagte sie. „Vor allem mit Blowjobs.“
Ich sah sie mir genauer an. Ich fand sie
nicht besonders attraktiv. Andererseits
hatte ich schon seit geraumer Zeit keinen
Sex mehr gehabt. Dann begann ich zu
rechnen. Würde ich ihr das Zimmer einfach
so geben, und die Sache flog auf, wäre
ich den Job los. Und wenn ich das Zimmer
selber bezahlen würde …. dafür hätte ich
mir woanders diverse Blowjobs von
attraktiveren Frauen kaufen können.
Tja, irgendwie stimmte hier das Preis-
Leistungsverhältnis nicht. Außerdem
bin ich zu geizig für sowas.
„Sorry“, sagte ich, „daraus wird nichts.“
Sie blickte mir tief in die Augen. Ganz
kurz. Dann sagte sie: „Okay. Verstehe.“
Sie machte kehrt & war so schnell
wieder verschwunden, wie sie gekommen
war.
Der Mann legte seine Unterlagen beiseite
& kam rüber zu mir. Er grinste.
„Was war das denn“, sagte er.
„Haben Sie doch gehört“, sagte ich.
„Passiert sowas öfter?“
„Nicht sehr oft.“
„Scheint ein interessanter Job zu sein,
den Sie da haben.“
„Manchmal finde ich ihn auch ganz
unterhaltsam“, sagte ich.


Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Tütensuppen

Vielleicht sollte ich endlich anfangen
mich für Dinge zu interessieren
für die sich fast alle interessieren
Karriere Autos Fernsehserien
Klamotten Geselligkeit Bestseller
Hochzeiten fremder Menschen
Gartenarbeit Rostbeseitigung
Schuheputzen moderne Möbel
die neueste Technik

Vielleicht findet man durch das
Interesse für all das die nötige
Abstumpfung
um das unkomplizierte Leben
einer Tütensuppe führen zu können
Vielleicht bringt all das tatsächlich
Ablenkung
Nur – wo würde es mich hinlenken?
Wahrscheinlich in den großen lauwarmen
Kochtopf
in dem so viele andere bereits schwimmen
umgerührt … verrührt … ein einziges
nicht wieder zu trennendes Etwas
fad im Geschmack
von geringem Nährwert
versetzt mit Langeweile
Vielleicht …. nein, lieber nicht darüber
nachdenken
Man hat keine Wahl
Lieber die eigene Pisse im Kochtopf
als dieses leere Meer von
Tütensuppen


Das Furunkel am Arsch des Nachbarn

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
fast immer
Das DingDong ist eines der widerlichsten
Geräusche
die ich kenne
Welt begehrt Einlass
Die Welt kann mir gestohlen bleiben

Nein, sie wurde mir nicht gestohlen
Ich habe sie fortgeworfen

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
Päckchen & Pakete werden bei den
Nachbarn abgegeben – meist bei einem alten Ehepaar
Die Frau ist besorgt um das alte, einsam lebende
Arschloch auf der andern Straßenseite
„Immer so alleine“, lautet ihr Refrain, „das
ist doch nichts…..“

Ich quäle mich rüber, um meine Pakete
mit Alkohol & Büchern abzuholen
Immer noch besser als dafür in die Stadt zu fahren

Ich klingle & warte auf den Refrain
Er kommt …. unweigerlich …. er kommt immer
eingebettet in immer neuen Variationen

Sie senkt die Stimme:
„Wissen Sie, mein Mann hat da gerade so ein
Furunkel am Hintern. Sehr schmerzhaft.
Das muss jeden Tag mit einer Tinktur betupft
werden. Und jeden Tag muss ein neues Pflaster
drauf. Und da dachte ich mir neulich:’ mein
Gott, wenn er jetzt allein wäre…. wer würde
das machen?…. Da käme er selber doch gar
nicht dran….’ … Ja, also, alleinsein, das ist
doch nichts, wenn man so gar niemanden hat.

Ich grinse sie blöde an
sage irgend etwas
wie immer

Ich sage nicht, was ich gerne sagen würde:
Wenn ich mal ein Furunkel am Arsch habe
werde ich zu Ihnen kommen, und sie können
damit machen, was Sie wollen…….

Sie ist nett …. sie ist besorgt …. sie ist Welt

Die Welt soll bleiben
wo ich sie hingeworfen habe

Meine Haustürklingel bleibt abgeschaltet


Fäulnis


Anhand meiner Zähne müssten sie mich identifizieren
Ich wäre unkenntlich, ein verrottetes Schlammgebilde
………………..ohne Geschlecht……………………
Den Gestank der Fäulnis würden sie kaum ertragen
Für Fliegen & Maden hätte ich einen Sinn
Fast schon wäre ich ein Teil der Erde
Endlich … endlich … endlich !

Nicht vermisst & doch gefunden

So wäre es schon vor langer Zeit gekommen

Wenn da nicht die Worte wären …
Die Wörter die man auskotzen kann
Zeichen … die hässlich & schön zugleich sein können
Waffen mit denen man ziellos & blindwütig auf Alles
………………..schießen kann…………………..

Dieses Geratter der Tasten ….. in hilfloser Wut
….. in unerträglichem Schmerz ….
….. in Verzweiflung………..

Sollen die Worte doch stinken
nach Fäulnis …. nach Tod …. nach Auswurf ….
Sollen sich doch alle abwenden von ihnen
…….. voller Ekel & Verstörung …..
…………. Es ist gleichgültig !

Vielleicht setzt sich eine Schmeissfliege auf eines meiner Worte
……….Es wäre mir eine Ehre ……….

Ich würde ihr zuprosten ……. mit dem von mir erfundenen Cocktail

…………….. Denn der hilft auch ………


Nacht

Und wieder fängt eine an
…………eine Nacht……….
Wie ein unüberschaubares Grauen
das nicht enden wird

Die Leere
die übrig bleibt
wenn die Hoffnung zerstört wurde
Der Schmerz

Sinnlos
sich einen runterzuholen
Sinnlos
zu träumen

Nur die Betäubung hilft
vorübergehend
solange bis der Dreck
der Wirklichkeit einen wieder
aufweckt

Ich möchte nicht mehr
aufwachen
Nicht in dieser Welt der
Distanz
dieser Welt der
Sehnsucht
nicht in dieser stimmlosen Welt der
Einsamkeit

Und wenn Hunderte
auf mich einreden würden
wenn sie mich nicht alleine ließen –
die Welt bliebe stimmlos

Weil nur eine Stimme
wirklich zu mir durchdringt

Die Stimme
die nicht da ist

Die Nacht
geht weiter
Die Betäubung
setzt ein

Aber
das Grauen
wird nicht
enden


Die Landkarte

Das 3. Aspirin war wie Glenn Miller
in meinem Schädel
heruntergespült mit Bacardi
Vor mir lag die Landkarte
Mit dem Finger tippte ich auf
den Ort wo mein Leben
vielleicht
wohnte
Ich sah den Meilenstein
mit 3 Buchstaben
Ich drehte die Musik lauter
der Alkohol machte sie leiser
Der Qualm der Zigarillos brannte
in meinen Augen
Sie tränten
Die Karte erinnerte mich an
meine alte Visage
Baustellen überall
Flickwerk
Aber ich tippte weiter
auf diesen Ort
im Takt der Musik
die niemals
laut genug sein konnte


Das Gedicht

Sie hatte mir ein Gedicht geschrieben
Sie schrieb es auf Papier
In einer dieser Nächte

Sie nahm das Blatt
& streichelte damit
ihren nackten Hintern

Sie steckte es in einen Umschlag
& schickte es mir

Ich zitterte
mit dem Brieföffner in der Hand


Hässlichkeit

Ich will hässlicher werden
noch viel hässlicher
& noch hässlicher

Ich saufe mich hässlich
Ich rauche mich hässlich

Ich saufe & rauche mich alt

Ich will nur noch Menschen treffen
die sehen
was hinter all dieser Hässlichkeit
verborgen ist

Menschen
die in der Lage sind
zu
erkennen


Der Käfer

Ich saß auf dem Klo
Beim Scheissen blättere ich in alten
Pornomagazinen – keine Ahnung
warum die für meine Peristaltik gut sind
Aber sie sind es
Manchmal boxe ich mir in den Bauch
Auch das hilft

Ein Käfer lief auf mich zu
ganz langsam
näherte er sich

Ich legte das Magazin beiseite
beobachtete ihn

Ich pustete in seine Richtung
Verdutzt blieb er stehen

„Sorry, Kleiner“, sagte ich, „ich
hatte gestern viel Knoblauch.“

Dann marschierte er weiter
ganz langsam

Ich pustete ihn wieder an
Er blieb wieder stehen

Ich konnte ihn denken hören:
What the Fuck !

Er wechselte die Richtung
Ich war zuviel für ihn

Als ich mit allem fertig war
nahm ich Klopapier &
ließ ihn darauf spazieren

Dann entließ ich ihn
in den Garten

Ich hörte ihn denken:
Endlich frische Luft !

Und ich hörte ihn
aufatmen…..


Die Kanüle

Ich saß auf der Untersuchungsliege. Freier Oberkörper. Gesicht zur Wand. Der Arzt jagte mir eine gewaltige Nadel in die Wirbelsäule. Ich hatte das Gefühl, ein riesiges urzeitliches Insekt sei mir auf den Rücken gesprungen, um mich auszusaugen. Neben mir hockte eine Krankenschwester, die mich durch Quatschen ablenken sollte. Sie redete von ihrem Hobby, der Reiterei, und von ihrem Reitunfall am Vortag.
„Na toll“, sagte ich, stockend, „das passt ja. Beim Reiten kann man sich auch ne Querschnittslähmung zuziehen; genau wie bei dieser Untersuchung.“
„Unsinn“, sagte der Arzt hinter mir, „die Risikoquote ist verschwindend gering.“
„Meine Glücksquote ist auch verschwindend gering in letzter Zeit.“
Er lachte. „Nun entspannen Sie sich mal.“
Ich versuchte mich zu entspannen mit diesem Vieh auf meinem Rücken. Vorher hatte ich zu lesen bekommen, was alles passieren könnte bei dieser Untersuchung. Besonders das Wort Lähmungserscheinungen hatte es mir angetan.

Als ich am Abend aufgewacht war, hatte mein linkes Ohr gedröhnt wie eine Tuba, die an eine Sauerstoffflasche angeschlossen ist. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich dick & taub an. Ich hatte nicht mehr getrunken als sonst. Es war ein Samstag, und ich musste zur Arbeit. Zur Nachtschicht. Ich hasse alles, was mit Medizin zu tun hat; trotzdem rief ich den Ärztlichen Notdienst an.
Nach kurzer Zeit hielt ein Porsche vorm Haus. Ich kannte den Arzt nicht. Er war jung & irgendwie sympathisch; für einen Arzt jedenfalls. Er fragte mich aus, machte ein paar kleine Untersuchungen. Ich musste ihm fest die Hände drücken.
Er sagte: „Ich hatte da gerade einen Fall … ein 40jähriger, bei dem ein Schlaganfall zu spät diagnostiziert wurde. Deshalb bin ich jetzt lieber übervorsichtig. Sie müssen in eine Spezialklinik, um die notwendigen Untersuchungen durchführen zu lassen. Kann ein paar Tage dauern. Haben Sie jemanden, der sie hinfahren kann?“
„Nein.“
„Ok, dann ruf ich einen Krankenwagen. Sie selber dürfen auf keinen Fall fahren.“
„So ein Aufwand für einen Hypochonder“, sagte ich.
„Sie sind kein Hypochonder.“
Fand ich irgendwie nett, dass er das sagte. Aber er kannte mich ja auch nicht.
Ich telefonierte, um Bescheid zu sagen, dass ich nicht zur Arbeit kommen könne, und packte ein paar Sachen zusammen.
Als ich hinten im Krankenwagen saß, drehte der Beifahrer sich zu mir um & fragte:
„Wieso hat der Arzt eigentlich einen Krankenwagen geordert?“
Das bedeutete wohl, dass ich verdammt gesund aussehen musste.

Im Krankenhaus machten sie ihre ganzen Spielchen mit mir. Befragten mich nach meinem Alkoholkonsum … ich untertrieb, sagte etwas von einer Flasche Wein pro Tag … es war mir klar, dass die ohnehin irgendeinen internen Multiplikator für solche Angaben haben würden … ich musste auf einem Bein stehen … „Zittern Ihre Hände manchmal?“ … „Nein.“ … Dann schoben sie mich wie ein Hähnchen in den Computertomographen. Bluttests wurden gemacht. Ein EEG wurde gemacht. Das erinnerte mich an die Kindheit, in der ich unzählige EEGs über mich hatte ergehen lassen müssen. Meine Kindheit kam mir manchmal wie eine einzige Migräne vor … Und zum Abschluss also fickte mich dieses Insekt mit der erregierten Kanüle in den Rücken, weil sie checken wollten, ob irgendwelche Viren mein Hirn angegriffen hatten. Dabei kannte ich die Viren, die in meinem Schädel saßen, schon lange.

Schließlich war der Fick vorüber.
„Sie müssen jetzt viel trinken & sich vor allem in den nächsten Stunden flach hinlegen, sonst bekommen Sie irgendwann heftige Kopfschmerzen.“
„Das wäre ja mal ganz was Neues“, sagte ich.
Ich kam in ein Zimmer mit 2 alten Männern. Noch älter, meine ich. Ich legte mich in Klamotten aufs Bett, ich hatte keine Lust, mich auszuziehen. Es war grauenvoll. Schlafen konnte ich nachts ohnehin nicht, und die beiden schnarchten dermaßen, dass ich Angst um das Gebäude bekam. Sie waren lauter als die Tuba in meinem Ohr.
Nach einer halben Stunde gab ich es auf. Ich schnappte mir meine Wasserflasche & verließ das Zimmer. Ich setzte mich in den Aufenthaltsbereich. Blätterte in irgendwelchen Zeitschriften. Stand wieder auf & lief herum.
Die Nachtschwester saß hinter ihrem Empfangstresen. Sie war hübsch.
„Sie müssen doch liegen“, sagte sie.
„Keine Chance. Bei den beiden da drin halt ich’s nicht aus. Und schlafen kann ich nachts ja sowieso nicht.“
„Nachtarbeiter?“
„Nachtportier.“
Sie überlegte kurz.
„Wir haben hier einen Langzeitpatienten, der gerade übers Wochenende zuhause ist. Der hat sein eigenes Zimmer. Da könnten sie sich hinlegen & fernsehen. Das merkt keiner.“
Sie zeigte mir das Zimmer.
„Sie müssen nur wieder raus, bevor meine Ablösung kommt; dann kann ich das Bett noch machen.“
„Das ist verdammt nett“, sagte ich.
„Kein Thema.“
Sie ließ mich allein.
So also wurden private Langzeitpatienten untergebracht. Das Zimmer war groß, mit einem breiten Bett, ein paar schönen Möbeln & einem Flachbildfernseher. Außerdem hatte es ein großes eigenes Bad. Ich stellte mir vor, dass die arme Sau, die hier ihre Zeit verbrachte, wahrscheinlich Krebs hatte und nur hin & wieder nach Hause fuhr. So kannte ich es von meinem Vater.
Ich ging erstmal pissen in dem schönen Bad.
Dann zog ich mir die Schuhe aus, legte mich aufs Bett & schaltete den Fernseher ein.
Ich zappte ein bisschen herum, fand irgendeinen blöden Film & blieb dabei.
Als der Film zuende war, hatte ich wieder keine Ruhe; ich musste aufstehen. Ich zog meine Schuhe an, strich das Bett glatt & ging mit meiner Wasserflasche auf den Flur.
Die Nachtschwester lächelte.
„Ein hoffnungsloser Fall, wie ich sehe.“
„Völlig hoffnungslos“, sagte ich. „Haben Sie irgendwas, was ich Ihnen abnehmen kann?“
Sie schaute sich um.
„Ich muss bis morgen einen ganzen Stapel Mappen mit verschiedenen Fragebögen fertig machen.“
„Na bitte“, sagte ich, „das übernehme ich.“
Ich ging hinter den Tresen, setzte mich an einen zweiten Schreibtisch, und sie erklärte mir, wie die Mappen auszusehen hatten.
„So ein Patient ist mir hier noch nicht untergekommen“, sagte sie. „Einer, der meinen Job übernimmt.“
„Dann wurde es höchste Zeit“, sagte ich.
Sie setzte sich wieder vor ihren Computer & tippte; ich machte die Mappen fertig, und nebenbei plauderten wir über unsere Jobs.
So verging die Nacht.

Als ihre Nachtschicht vorbei war, reichte sie mir die Hand.
„Dann sehen wir uns morgen Nacht“, sagte sie.
„Nein“, sagte ich. „Ich bleibe hier keine Nacht länger. Ich werde mich selbst entlassen. Ich höre mir noch an, was die Ärzte zu sagen haben, und dann mach ich mich aus dem Staub.“
Sie lächelte.
Vernunft ist wohl nicht Ihre starke Seite.“
„Habe das Wort noch nie gehört.“
„Also, dann wünsch ich Ihnen Gute Besserung. Vielleicht sieht man sich mal. Vielleicht komm ich mal im Hotel vorbei.“

Ich ging wieder zu den beiden Alten, die mittlerweile wach waren, und wartete auf die Visite. Ein bisschen quatschte ich mit ihnen, aber nicht viel. Der Fernseher lief. Ein altes Modell, kein Flachbildfernseher. Die Tuba blies.
Schließlich kamen 2 Ärzte mit meinen Unterlagen.
„Also, Schlaganfall ist es keiner, und die anderen Werte sind auch alle in Ordnung.“
„Wahrscheinlich muss ich mir nur mal ordentlich die Ohren durchpusten lassen“, sagte ich.
Beide grinsten, der eine wiederholte: „Ohren durchpusten lassen. Das ist gut.“
„Das einzige, was auffällig ist: da ist so etwas wie eine Narbe im Gehirn. Das sieht man auf dem CT. Da müssten wir noch eine Untersuchung machen. Geht aber heute am Sonntag nicht. Das wäre erst morgen möglich.“
„Nee, sorry“, sagte ich. „Daraus wird nichts. Hier ist meines Bleibens nicht länger.“
Wieder grinsten sie.
„Und was die Narbe angeht“, sagte ich, „ich habe als Kind ständig Migräne gehabt – wird wahrscheinlich daher kommen.“
Ich erwähnte nicht die vielen Schläge an den Kopf.
„Das könnte gut sein, das wäre eine Erklärung“, sagte einer der beiden. „Also schön, wenn Sie nicht bleiben wollen, müssen Sie ein Formular unterschreiben, das besagt, dass Sie aus eigenem Willem vorzeitig entlassen wurden, bevor alle notwenigen Untersuchungen durchgeführt werden konnten.“
„Kein Problem.“
„Wir geben Ihnen dann eine Überweisung zum Ohrenarzt, und der wird ihnen sicherlich Infusionen verschreiben, um den Tinnitus wegzubekommen. Vermutlich ist das Ganze nur ein Streßsymptom.“
Wir schüttelten uns die Hände, und sie gingen wieder.
Ich nahm meine Tasche, die ich nicht einmal geöffnet hatte, unterschrieb am Empfang die Erklärung, bekam meine Überweisung & verließ fluchtartig das Krankenhaus.
Die Sonne schien, und es war warm. Ich setzte mich an die Bushaltestelle & wartete.
Verfickte Krankenhäuser. Ich hatte schon zu viele gesehen. Sterbende besucht. Tote besucht.
Am nächsten Tag ging ich zum Ohrenarzt. Es war der erste Tag meiner achttägigen Kopfschmerzen. Ich bekam die Infusionen verschrieben.
Die nächste Kanüle wartete schon auf mich. Aber wenigstens war es kein Monsterinsekt, das mir auf den Rücken sprang.