Reagenzien

Sie überschüttete mich mit ihrer Pisse
die ich trinken wollte
Dann überschüttete sie mich mit ihrer Liebe
Sie überschüttete mich mit Eiswasser
das mich schaudern machte
Dann überschüttete sie mich mit Salzsäure
Meine blöde Visage zerfloss

Ich mixte mir einen Cocktail
spießte einen meiner Augäpfel auf
rührte damit in den Reagenzien

Dieses Auge war nicht so traurig
wie ihre Augen es waren

Die Augen
in die ich mich verliebt hatte

Ich glaubte
ein Zwinkern zu sehen

Dieses Zwinkern bedeutete

TOD !


Der Job

Ein Mann stand in einer der Telefonkabinen
& redete. Ich stand hinter der Rezeption &
zählte die Kasse. Die Bar war bereits
geschlossen. Die Drehtür setzte sich in
Bewegung & eine Frau betrat die Halle.
Mitte 30, schlank, rote Haare.
Sie kam zu mir.
„Ich hätte gern ein Zimmer“, sagte sie,
„ich bin hier am Bahnhof gestrandet &
komme nicht weiter.“
Ich nannte ihr die Preise.
Sie sagte: „Das Problem ist, ich habe
kein Geld mehr.“
„Das ist schlecht“, sagte ich.
Der Mann beendete sein Gespräch &
setzte sich in die Halle, blätterte in
Unterlagen. Die Frau senkte die Stimme
ein wenig … nur ein wenig.
„Manchmal bezahle ich auch mit Sex“,
sagte sie. „Vor allem mit Blowjobs.“
Ich sah sie mir genauer an. Ich fand sie
nicht besonders attraktiv. Andererseits
hatte ich schon seit geraumer Zeit keinen
Sex mehr gehabt. Dann begann ich zu
rechnen. Würde ich ihr das Zimmer einfach
so geben, und die Sache flog auf, wäre
ich den Job los. Und wenn ich das Zimmer
selber bezahlen würde …. dafür hätte ich
mir woanders diverse Blowjobs von
attraktiveren Frauen kaufen können.
Tja, irgendwie stimmte hier das Preis-
Leistungsverhältnis nicht. Außerdem
bin ich zu geizig für sowas.
„Sorry“, sagte ich, „daraus wird nichts.“
Sie blickte mir tief in die Augen. Ganz
kurz. Dann sagte sie: „Okay. Verstehe.“
Sie machte kehrt & war so schnell
wieder verschwunden, wie sie gekommen
war.
Der Mann legte seine Unterlagen beiseite
& kam rüber zu mir. Er grinste.
„Was war das denn“, sagte er.
„Haben Sie doch gehört“, sagte ich.
„Passiert sowas öfter?“
„Nicht sehr oft.“
„Scheint ein interessanter Job zu sein,
den Sie da haben.“
„Manchmal finde ich ihn auch ganz
unterhaltsam“, sagte ich.


Cut up

Du hast mich zum Cut-Up-Text gemacht
hast mich zerschnitten mit der Schere Deines Herzens &
mich neu zusammengesetzt
aus Schnipseln
die ohne Dich keinen Sinn ergeben würden
Alles scheint so wirr
& doch
es fügt sich zusammen
NEU
so NEU !

Worte
Sätze
Absätze
Seiten
Bücher

Die vielleicht nur WIR
verstehen

Hackbraten
flackerndes LynchLicht
Pullover am Herd
Bananensafthose
Lesbenpornos
Tabak in der Kotze
Schwarze Perle
Klospülung
Gehirnsäure in Handgranaten
So finster die Nacht
Metallbett
pulsierende Steine
Auslaufmodell
Gespräche mit Katzen
Spinnenplage
Pornoschnulze
Matratzensaft
Kellertreppe
Züge & Winde & Sonnenbrillen
Nuttenstiefel in der Wand
Handgelenkshubbelkuss
16. Juni
oooohhhh gooottt oooohhh gooottt
1853 DM
Schaufensterpuppen
17stündige Sonntage
LachenLachenLachen
sterbende Trommelfelle
3 Meter lange Fußnägel
Der Koch der nach dem Kommen kam
Hey
Ziegenkäse
Plätschern & Spülen
die Kühltruhe im Keller
Absolut
MUT
geheime Fenster
Au Rebours
Regen
& Schnee mit weißen Katzen

Fick das Verständnis der Anderen !
Was nur wir verstehen, ist ein Stück
Allgemeingültigkeit !

Ich lese mich
NEU

VERDAMMT !

Ein unbekanntes Buch……..

Die Autorin

bist

DU !


Tütensuppen

Vielleicht sollte ich endlich anfangen
mich für Dinge zu interessieren
für die sich fast alle interessieren
Karriere Autos Fernsehserien
Klamotten Geselligkeit Bestseller
Hochzeiten fremder Menschen
Gartenarbeit Rostbeseitigung
Schuheputzen moderne Möbel
die neueste Technik

Vielleicht findet man durch das
Interesse für all das die nötige
Abstumpfung
um das unkomplizierte Leben
einer Tütensuppe führen zu können
Vielleicht bringt all das tatsächlich
Ablenkung
Nur – wo würde es mich hinlenken?
Wahrscheinlich in den großen lauwarmen
Kochtopf
in dem so viele andere bereits schwimmen
umgerührt … verrührt … ein einziges
nicht wieder zu trennendes Etwas
fad im Geschmack
von geringem Nährwert
versetzt mit Langeweile
Vielleicht …. nein, lieber nicht darüber
nachdenken
Man hat keine Wahl
Lieber die eigene Pisse im Kochtopf
als dieses leere Meer von
Tütensuppen


Das Furunkel am Arsch des Nachbarn

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
fast immer
Das DingDong ist eines der widerlichsten
Geräusche
die ich kenne
Welt begehrt Einlass
Die Welt kann mir gestohlen bleiben

Nein, sie wurde mir nicht gestohlen
Ich habe sie fortgeworfen

Die Haustürklingel ist abgeschaltet
Päckchen & Pakete werden bei den
Nachbarn abgegeben – meist bei einem alten Ehepaar
Die Frau ist besorgt um das alte, einsam lebende
Arschloch auf der andern Straßenseite
„Immer so alleine“, lautet ihr Refrain, „das
ist doch nichts…..“

Ich quäle mich rüber, um meine Pakete
mit Alkohol & Büchern abzuholen
Immer noch besser als dafür in die Stadt zu fahren

Ich klingle & warte auf den Refrain
Er kommt …. unweigerlich …. er kommt immer
eingebettet in immer neuen Variationen

Sie senkt die Stimme:
„Wissen Sie, mein Mann hat da gerade so ein
Furunkel am Hintern. Sehr schmerzhaft.
Das muss jeden Tag mit einer Tinktur betupft
werden. Und jeden Tag muss ein neues Pflaster
drauf. Und da dachte ich mir neulich:’ mein
Gott, wenn er jetzt allein wäre…. wer würde
das machen?…. Da käme er selber doch gar
nicht dran….’ … Ja, also, alleinsein, das ist
doch nichts, wenn man so gar niemanden hat.

Ich grinse sie blöde an
sage irgend etwas
wie immer

Ich sage nicht, was ich gerne sagen würde:
Wenn ich mal ein Furunkel am Arsch habe
werde ich zu Ihnen kommen, und sie können
damit machen, was Sie wollen…….

Sie ist nett …. sie ist besorgt …. sie ist Welt

Die Welt soll bleiben
wo ich sie hingeworfen habe

Meine Haustürklingel bleibt abgeschaltet


Fäulnis


Anhand meiner Zähne müssten sie mich identifizieren
Ich wäre unkenntlich, ein verrottetes Schlammgebilde
………………..ohne Geschlecht……………………
Den Gestank der Fäulnis würden sie kaum ertragen
Für Fliegen & Maden hätte ich einen Sinn
Fast schon wäre ich ein Teil der Erde
Endlich … endlich … endlich !

Nicht vermisst & doch gefunden

So wäre es schon vor langer Zeit gekommen

Wenn da nicht die Worte wären …
Die Wörter die man auskotzen kann
Zeichen … die hässlich & schön zugleich sein können
Waffen mit denen man ziellos & blindwütig auf Alles
………………..schießen kann…………………..

Dieses Geratter der Tasten ….. in hilfloser Wut
….. in unerträglichem Schmerz ….
….. in Verzweiflung………..

Sollen die Worte doch stinken
nach Fäulnis …. nach Tod …. nach Auswurf ….
Sollen sich doch alle abwenden von ihnen
…….. voller Ekel & Verstörung …..
…………. Es ist gleichgültig !

Vielleicht setzt sich eine Schmeissfliege auf eines meiner Worte
……….Es wäre mir eine Ehre ……….

Ich würde ihr zuprosten ……. mit dem von mir erfundenen Cocktail

…………….. Denn der hilft auch ………


Nacht

Und wieder fängt eine an
…………eine Nacht……….
Wie ein unüberschaubares Grauen
das nicht enden wird

Die Leere
die übrig bleibt
wenn die Hoffnung zerstört wurde
Der Schmerz

Sinnlos
sich einen runterzuholen
Sinnlos
zu träumen

Nur die Betäubung hilft
vorübergehend
solange bis der Dreck
der Wirklichkeit einen wieder
aufweckt

Ich möchte nicht mehr
aufwachen
Nicht in dieser Welt der
Distanz
dieser Welt der
Sehnsucht
nicht in dieser stimmlosen Welt der
Einsamkeit

Und wenn Hunderte
auf mich einreden würden
wenn sie mich nicht alleine ließen –
die Welt bliebe stimmlos

Weil nur eine Stimme
wirklich zu mir durchdringt

Die Stimme
die nicht da ist

Die Nacht
geht weiter
Die Betäubung
setzt ein

Aber
das Grauen
wird nicht
enden


Die Landkarte

Das 3. Aspirin war wie Glenn Miller
in meinem Schädel
heruntergespült mit Bacardi
Vor mir lag die Landkarte
Mit dem Finger tippte ich auf
den Ort wo mein Leben
vielleicht
wohnte
Ich sah den Meilenstein
mit 3 Buchstaben
Ich drehte die Musik lauter
der Alkohol machte sie leiser
Der Qualm der Zigarillos brannte
in meinen Augen
Sie tränten
Die Karte erinnerte mich an
meine alte Visage
Baustellen überall
Flickwerk
Aber ich tippte weiter
auf diesen Ort
im Takt der Musik
die niemals
laut genug sein konnte


Das Gedicht

Sie hatte mir ein Gedicht geschrieben
Sie schrieb es auf Papier
In einer dieser Nächte

Sie nahm das Blatt
& streichelte damit
ihren nackten Hintern

Sie steckte es in einen Umschlag
& schickte es mir

Ich zitterte
mit dem Brieföffner in der Hand


Hässlichkeit

Ich will hässlicher werden
noch viel hässlicher
& noch hässlicher

Ich saufe mich hässlich
Ich rauche mich hässlich

Ich saufe & rauche mich alt

Ich will nur noch Menschen treffen
die sehen
was hinter all dieser Hässlichkeit
verborgen ist

Menschen
die in der Lage sind
zu
erkennen


Der Käfer

Ich saß auf dem Klo
Beim Scheissen blättere ich in alten
Pornomagazinen – keine Ahnung
warum die für meine Peristaltik gut sind
Aber sie sind es
Manchmal boxe ich mir in den Bauch
Auch das hilft

Ein Käfer lief auf mich zu
ganz langsam
näherte er sich

Ich legte das Magazin beiseite
beobachtete ihn

Ich pustete in seine Richtung
Verdutzt blieb er stehen

„Sorry, Kleiner“, sagte ich, „ich
hatte gestern viel Knoblauch.“

Dann marschierte er weiter
ganz langsam

Ich pustete ihn wieder an
Er blieb wieder stehen

Ich konnte ihn denken hören:
What the Fuck !

Er wechselte die Richtung
Ich war zuviel für ihn

Als ich mit allem fertig war
nahm ich Klopapier &
ließ ihn darauf spazieren

Dann entließ ich ihn
in den Garten

Ich hörte ihn denken:
Endlich frische Luft !

Und ich hörte ihn
aufatmen…..


Die Kanüle

Ich saß auf der Untersuchungsliege. Freier Oberkörper. Gesicht zur Wand. Der Arzt jagte mir eine gewaltige Nadel in die Wirbelsäule. Ich hatte das Gefühl, ein riesiges urzeitliches Insekt sei mir auf den Rücken gesprungen, um mich auszusaugen. Neben mir hockte eine Krankenschwester, die mich durch Quatschen ablenken sollte. Sie redete von ihrem Hobby, der Reiterei, und von ihrem Reitunfall am Vortag.
„Na toll“, sagte ich, stockend, „das passt ja. Beim Reiten kann man sich auch ne Querschnittslähmung zuziehen; genau wie bei dieser Untersuchung.“
„Unsinn“, sagte der Arzt hinter mir, „die Risikoquote ist verschwindend gering.“
„Meine Glücksquote ist auch verschwindend gering in letzter Zeit.“
Er lachte. „Nun entspannen Sie sich mal.“
Ich versuchte mich zu entspannen mit diesem Vieh auf meinem Rücken. Vorher hatte ich zu lesen bekommen, was alles passieren könnte bei dieser Untersuchung. Besonders das Wort Lähmungserscheinungen hatte es mir angetan.

Als ich am Abend aufgewacht war, hatte mein linkes Ohr gedröhnt wie eine Tuba, die an eine Sauerstoffflasche angeschlossen ist. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich dick & taub an. Ich hatte nicht mehr getrunken als sonst. Es war ein Samstag, und ich musste zur Arbeit. Zur Nachtschicht. Ich hasse alles, was mit Medizin zu tun hat; trotzdem rief ich den Ärztlichen Notdienst an.
Nach kurzer Zeit hielt ein Porsche vorm Haus. Ich kannte den Arzt nicht. Er war jung & irgendwie sympathisch; für einen Arzt jedenfalls. Er fragte mich aus, machte ein paar kleine Untersuchungen. Ich musste ihm fest die Hände drücken.
Er sagte: „Ich hatte da gerade einen Fall … ein 40jähriger, bei dem ein Schlaganfall zu spät diagnostiziert wurde. Deshalb bin ich jetzt lieber übervorsichtig. Sie müssen in eine Spezialklinik, um die notwendigen Untersuchungen durchführen zu lassen. Kann ein paar Tage dauern. Haben Sie jemanden, der sie hinfahren kann?“
„Nein.“
„Ok, dann ruf ich einen Krankenwagen. Sie selber dürfen auf keinen Fall fahren.“
„So ein Aufwand für einen Hypochonder“, sagte ich.
„Sie sind kein Hypochonder.“
Fand ich irgendwie nett, dass er das sagte. Aber er kannte mich ja auch nicht.
Ich telefonierte, um Bescheid zu sagen, dass ich nicht zur Arbeit kommen könne, und packte ein paar Sachen zusammen.
Als ich hinten im Krankenwagen saß, drehte der Beifahrer sich zu mir um & fragte:
„Wieso hat der Arzt eigentlich einen Krankenwagen geordert?“
Das bedeutete wohl, dass ich verdammt gesund aussehen musste.

Im Krankenhaus machten sie ihre ganzen Spielchen mit mir. Befragten mich nach meinem Alkoholkonsum … ich untertrieb, sagte etwas von einer Flasche Wein pro Tag … es war mir klar, dass die ohnehin irgendeinen internen Multiplikator für solche Angaben haben würden … ich musste auf einem Bein stehen … „Zittern Ihre Hände manchmal?“ … „Nein.“ … Dann schoben sie mich wie ein Hähnchen in den Computertomographen. Bluttests wurden gemacht. Ein EEG wurde gemacht. Das erinnerte mich an die Kindheit, in der ich unzählige EEGs über mich hatte ergehen lassen müssen. Meine Kindheit kam mir manchmal wie eine einzige Migräne vor … Und zum Abschluss also fickte mich dieses Insekt mit der erregierten Kanüle in den Rücken, weil sie checken wollten, ob irgendwelche Viren mein Hirn angegriffen hatten. Dabei kannte ich die Viren, die in meinem Schädel saßen, schon lange.

Schließlich war der Fick vorüber.
„Sie müssen jetzt viel trinken & sich vor allem in den nächsten Stunden flach hinlegen, sonst bekommen Sie irgendwann heftige Kopfschmerzen.“
„Das wäre ja mal ganz was Neues“, sagte ich.
Ich kam in ein Zimmer mit 2 alten Männern. Noch älter, meine ich. Ich legte mich in Klamotten aufs Bett, ich hatte keine Lust, mich auszuziehen. Es war grauenvoll. Schlafen konnte ich nachts ohnehin nicht, und die beiden schnarchten dermaßen, dass ich Angst um das Gebäude bekam. Sie waren lauter als die Tuba in meinem Ohr.
Nach einer halben Stunde gab ich es auf. Ich schnappte mir meine Wasserflasche & verließ das Zimmer. Ich setzte mich in den Aufenthaltsbereich. Blätterte in irgendwelchen Zeitschriften. Stand wieder auf & lief herum.
Die Nachtschwester saß hinter ihrem Empfangstresen. Sie war hübsch.
„Sie müssen doch liegen“, sagte sie.
„Keine Chance. Bei den beiden da drin halt ich’s nicht aus. Und schlafen kann ich nachts ja sowieso nicht.“
„Nachtarbeiter?“
„Nachtportier.“
Sie überlegte kurz.
„Wir haben hier einen Langzeitpatienten, der gerade übers Wochenende zuhause ist. Der hat sein eigenes Zimmer. Da könnten sie sich hinlegen & fernsehen. Das merkt keiner.“
Sie zeigte mir das Zimmer.
„Sie müssen nur wieder raus, bevor meine Ablösung kommt; dann kann ich das Bett noch machen.“
„Das ist verdammt nett“, sagte ich.
„Kein Thema.“
Sie ließ mich allein.
So also wurden private Langzeitpatienten untergebracht. Das Zimmer war groß, mit einem breiten Bett, ein paar schönen Möbeln & einem Flachbildfernseher. Außerdem hatte es ein großes eigenes Bad. Ich stellte mir vor, dass die arme Sau, die hier ihre Zeit verbrachte, wahrscheinlich Krebs hatte und nur hin & wieder nach Hause fuhr. So kannte ich es von meinem Vater.
Ich ging erstmal pissen in dem schönen Bad.
Dann zog ich mir die Schuhe aus, legte mich aufs Bett & schaltete den Fernseher ein.
Ich zappte ein bisschen herum, fand irgendeinen blöden Film & blieb dabei.
Als der Film zuende war, hatte ich wieder keine Ruhe; ich musste aufstehen. Ich zog meine Schuhe an, strich das Bett glatt & ging mit meiner Wasserflasche auf den Flur.
Die Nachtschwester lächelte.
„Ein hoffnungsloser Fall, wie ich sehe.“
„Völlig hoffnungslos“, sagte ich. „Haben Sie irgendwas, was ich Ihnen abnehmen kann?“
Sie schaute sich um.
„Ich muss bis morgen einen ganzen Stapel Mappen mit verschiedenen Fragebögen fertig machen.“
„Na bitte“, sagte ich, „das übernehme ich.“
Ich ging hinter den Tresen, setzte mich an einen zweiten Schreibtisch, und sie erklärte mir, wie die Mappen auszusehen hatten.
„So ein Patient ist mir hier noch nicht untergekommen“, sagte sie. „Einer, der meinen Job übernimmt.“
„Dann wurde es höchste Zeit“, sagte ich.
Sie setzte sich wieder vor ihren Computer & tippte; ich machte die Mappen fertig, und nebenbei plauderten wir über unsere Jobs.
So verging die Nacht.

Als ihre Nachtschicht vorbei war, reichte sie mir die Hand.
„Dann sehen wir uns morgen Nacht“, sagte sie.
„Nein“, sagte ich. „Ich bleibe hier keine Nacht länger. Ich werde mich selbst entlassen. Ich höre mir noch an, was die Ärzte zu sagen haben, und dann mach ich mich aus dem Staub.“
Sie lächelte.
Vernunft ist wohl nicht Ihre starke Seite.“
„Habe das Wort noch nie gehört.“
„Also, dann wünsch ich Ihnen Gute Besserung. Vielleicht sieht man sich mal. Vielleicht komm ich mal im Hotel vorbei.“

Ich ging wieder zu den beiden Alten, die mittlerweile wach waren, und wartete auf die Visite. Ein bisschen quatschte ich mit ihnen, aber nicht viel. Der Fernseher lief. Ein altes Modell, kein Flachbildfernseher. Die Tuba blies.
Schließlich kamen 2 Ärzte mit meinen Unterlagen.
„Also, Schlaganfall ist es keiner, und die anderen Werte sind auch alle in Ordnung.“
„Wahrscheinlich muss ich mir nur mal ordentlich die Ohren durchpusten lassen“, sagte ich.
Beide grinsten, der eine wiederholte: „Ohren durchpusten lassen. Das ist gut.“
„Das einzige, was auffällig ist: da ist so etwas wie eine Narbe im Gehirn. Das sieht man auf dem CT. Da müssten wir noch eine Untersuchung machen. Geht aber heute am Sonntag nicht. Das wäre erst morgen möglich.“
„Nee, sorry“, sagte ich. „Daraus wird nichts. Hier ist meines Bleibens nicht länger.“
Wieder grinsten sie.
„Und was die Narbe angeht“, sagte ich, „ich habe als Kind ständig Migräne gehabt – wird wahrscheinlich daher kommen.“
Ich erwähnte nicht die vielen Schläge an den Kopf.
„Das könnte gut sein, das wäre eine Erklärung“, sagte einer der beiden. „Also schön, wenn Sie nicht bleiben wollen, müssen Sie ein Formular unterschreiben, das besagt, dass Sie aus eigenem Willem vorzeitig entlassen wurden, bevor alle notwenigen Untersuchungen durchgeführt werden konnten.“
„Kein Problem.“
„Wir geben Ihnen dann eine Überweisung zum Ohrenarzt, und der wird ihnen sicherlich Infusionen verschreiben, um den Tinnitus wegzubekommen. Vermutlich ist das Ganze nur ein Streßsymptom.“
Wir schüttelten uns die Hände, und sie gingen wieder.
Ich nahm meine Tasche, die ich nicht einmal geöffnet hatte, unterschrieb am Empfang die Erklärung, bekam meine Überweisung & verließ fluchtartig das Krankenhaus.
Die Sonne schien, und es war warm. Ich setzte mich an die Bushaltestelle & wartete.
Verfickte Krankenhäuser. Ich hatte schon zu viele gesehen. Sterbende besucht. Tote besucht.
Am nächsten Tag ging ich zum Ohrenarzt. Es war der erste Tag meiner achttägigen Kopfschmerzen. Ich bekam die Infusionen verschrieben.
Die nächste Kanüle wartete schon auf mich. Aber wenigstens war es kein Monsterinsekt, das mir auf den Rücken sprang.


Einzig Art

Sie flüsterte: ohgottohgott ohgottohgott
Sie flüsterte: fuck
Sie flüsterte: verrückt

Diese Worte……
Nie zuvor hatte ich sie so
gehört

Sie waren mir völlig
neu

Ich musste lächeln
bekam das Grinsen kaum noch
aus meiner Fresse

Nuancen der Aussprache
Nuancen der Betonung
zu denen sonst niemand
fähig war

Einzigartigkeit

Man braucht mehr als
Ohren
um sie zu wahrzunehmen

Ihr verrückt
liebte ich am meisten

Aber das ist ja auch kein
Wunder !


Der Staubsauger

Ich hatte seit 24 Stunden nichts gegessen
hatte noch immer keinen Hunger
saß da, kippte Gin in mich rein
starrte vor mich hin
starrte auf den Staubsauger, der
mitten im Zimmer lag

Staub war überall
Mein ganzes verficktes Leben war
Staub

Ich hatte es nur
lange nicht mehr gespürt

Eine Fremde hatte kommen müssen
um es mich spüren zu lassen
Eine Fremde, die keine war
weil ich mich in ihr wiedererkannte

Sie zeigte es mir
& verschwand wieder

Noch mehr Staub
als hätte man die Urne mit
meiner Asche
ausgeschüttet

Ich starrte auf den Staubsauger
Starrte auf den Schlauch, den man
abmontieren kann, um ihn
an einen Auspuff anzuschließen

Es wäre so einfach
Ein bisschen Husten
& dann
Ohnmacht

War ich nicht längst ohnmächtig?

Ich kippte Gin in mich rein
& starrte auf den Staubsauger

Alles wiederholte sich
Ein Tod nach dem andern
Wieviele Tode noch?
Wann hat man es endgültig
überstanden?

Irgendwann stirbt die Hoffnung
nicht mehr zuletzt
Sie stirbt zuerst

Der ganze Dreck
Der ganze Staub
Die ganze Asche

Einfach alles vernichten
Ein sauberer Schnitt

Ein letzter
glänzender
Tod

Der Gin ist alle
Ich sitze da &
starre auf den Staubsauger

Alles dreht sich
ich kann nicht aufstehen

Wann werde ich wieder
aufstehen können, um
dem Staub
ein Ende zu bereiten?


Spiegel

All diese Spiegel in dem düsteren Haus
in dem ich existiere
Was sie zeigen
interessiert mich nicht
Es fehlt das richtige Bild in ihnen
Was sie zeigen ist
Leere

Sie hatte mir ein Bild geschickt
aufgenommen in einem Moment
als sie sich schön fühlte
nach all dem Selbsthass
all der Verzweiflung
all der Verstörung

Sie war umgeben von Krankheit
die sie für ihre eigene hielt

Ein Irrtum

Den Anblick ihrer Augen
konnte ich kaum ertragen
Sie blendeten mich
Ich sah meine Worte in ihnen
Ich sah dass sie mir glaubte
dass sie mir vertraute

Ihre Augen sind die Spiegel
die mir fehlen
Spiegel die mir etwas anderes zeigen als
Leere

Sie fragte: „Sehe ich immer noch traurig aus?“
„Ja“
, sagte ich, „irgendwo, ganz weit im Hintergrund.
Und das wird immer da sein, ich weiß es, denn
ich kenne es.“

Sie kann die Spiegel zertrümmern
Sie kann mir mit den Splittern die
Pulsadern aufschneiden
Mein Puls ist nutzlos
da mein Herz woanders ist

In ihren Augen soll sich die Farbe
meines Blutes spiegeln
Ich brauche es nicht mehr
Ich hatte immer zuviel davon

Ihr Vertrauen in mich
warf sie aus der Bahn
Sie war erschrocken
Sie war verstört
wieder verstört

Sie weiß nicht
wozu sie fähig ist
Sie ahnt es nicht einmal
Ich weiß es &
vielleicht hört sie mir irgendwann
wieder zu

Ihr Schweigen wiegt mehr
als meine Worte

Vielleicht
vertraut sie mir wieder
irgendwann

& wenn sie mir wieder glaubt
wer weiß

Vielleicht
glaubt sie dann auch
an SICH


Griffe

Ich habe Dich begriffen
Ich begreife Dich
Ich werde Dich begreifen

& Du sollst stöhnen
unter meinen
Griffen


Das Herz

„Ich reiss Dir das Herz raus &
stecke es in Deine Fotze!“

„Ja“, stöhnte sie, „bitte,
BITTE.“

Die Nacht
nur noch die Nacht
Nichts ist wie es war
Nichts bleibt wie es war
Kein Stein bleibt auf dem anderen
Nichts sonst zählt mehr

nur noch

dieses Herz


Zukunft vs. Gegenwart

Dieses große dunkle Monster Zukunft
es existiert nicht
& doch wirft es seinen
mächtigen Schatten
auf Alles

Die Gegenwart verfinstert sich
Wir vergessen zu leben
zu erleben

Zukunftsängste
Verlustängste
Existenzängste

Dieses große dunkle Monster
Wir sehen
was gar nicht da ist

Tiere kennen dieses Monster nicht
Sie leben
leben leben leben leben
in der Gegenwart

MACH MICH ZUM TIER !


Schweigen

Gedichte für Dich
für Dich
für Dich

Jetzt:
SCHWEIGEN

Denn:
ich muss Dich
ATMEN hören


Der leere Bahnhof

Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren
– – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte
springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner
Sehnsucht


So Simpel

Wie einfach es doch ist :
Alles endet mit dem Tod
Jede Story endet mit dem Tod
Das Happy End ist eine verfrühte
Ausblendung
So simpel – ein
Gemeinplatz
Etwas, das jeder weiß
Etwas, das schon Unzählige gesagt haben
Etwas, das verdrängt werden kann
Verdrängt von fast allen
in den Meisten Momenten ihres Lebens
Sie rennen allem hinterher
Allem, was ihnen helfen könnte
bei der Verdrängung
Karriere…Liebe…Bücher…Musik…
Unterhaltung…Rosenkohl…Filme…Vorbilder…
Fortpflanzung…Alkohol…Drogen…

Bloß nicht nachdenken
Bewußtsein ist die Hölle
Eine Hölle, in der die meisten
die meiste Zeit über nicht leben
Sie leben in Regionen
wo man die Zeit totschlägt
wo man sich langweilt
wenn nichts passiert
wo man sich langweilt
weil man blind ist für die kleinsten
Veränderungen
Variationen, die den Sehenden
faszinieren –
Verdrängt ruhig! Tut Alles, was
Euch das Leben erträglicher macht!

Manchmal sehe ich
Doch meistens bin auch ich blind
will ich blind sein
wie fast alle
Ich wohne in der Hölle
verbinde mir die Augen
& doch vergesse ich nie
dass meine Hölle mit mir stirbt
& eigentlich ist es schade um jede
einzelne Hölle
die einmal für irgend jemanden
ein Zuhause war


Gerüche

Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen

Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem

Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein


Der Steckbrief

Ein Steckbrief an einem abgestorbenen Baum:
Gesucht: Tot oder lebendig: SCHMERZ !

Ich hatte diesen Schmerz gesehen
Ich wußte, wo er wohnte

Die Belohnung reizte
Ich hätte ihn anzeigen können

auf ihn deuten
mit dem Zeigefinger der Herzlosigkeit

Aber ich nahm den Steckbrief
mit nach Hause

um mir damit
den Arsch abzuwischen


DIN

Du musst die DIN-Norm erfüllen
wenn Du bestehen willst in der
genormten Welt
Willst Du Dich irgendwo vorstellen
musst Du in den Roboterschädel passen
der Dir gegenüber sitzt
Tu so, als interessierte es Dich
was er zu sagen hat
Tu so, als könntest Du ernst nehmen
was gefordert wird
Setz Deine Maske auf
die dümmste, die leerste, die Du
finden kannst
Vielleicht hast Du Glück damit
falls es Glück ist, einen Platz zu bekommen
in der genormten Welt …
Sollte er Dich durchschauen
erkennen, was Du wirklich denkst
wird er es nicht fassen können
nicht erfassen mit seinem Roboterschädel
Er wird Dich nach Hause schicken
Vielleicht hast Du nichts mehr zu fressen
zu Hause, aber Du hast Dir
Etwas bewahrt, das viele Namen haben kann:
Stolz … Stil … Selbstachtung …
dieses eine Mal wenigstens
hast Du es Dir bewahrt –
Und dieses Etwas solltest Du feiern
auch wenn Dir der Magen oder sonstwas
knurrt – feiere! Wenigstens heute …
Wenn nötig, mit Leitungswasser!


Die Zeitmaschine

Sie packten mich & zerrten mich
zu der Zeitmaschine
die in einem dunklen Wald stand
………………..Nachts
Die Maschine leuchtete & blinkte
& verängstigte die Tiere
die flüchteten

Sie stießen mich hinein &
banden mich fest &
grinsten

Es gab einen Rückspiegel
in den ich blicken konnte
Aber nur mich konnte ich darin sehen

Sie setzten die Maschine in Gang &
traten zurück
Die Richtung hieß
Vergangenheit

Der Lärm war ohrenbetäubend
Die Farben blendend
Es roch als würde die Zeit verbrannt

Erinnerungen an die Gegenwart
wurden ausgelöscht
die Zukunft wurde weiter –
beängstigend

Als die Maschine stoppte
zitterte ich

Der Wald hatte sich
kaum verändert

Ich schaute in den Rückspiegel –
Ich war nicht mehr Ich

Ich war Sie

& ich verliebte mich in
Mich

Aber ich blieb
gefesselt

& es kam niemand
der mich
befreite


Traumwandel

Der Traum ist ein Künstler

Aus dem Hämmern des Nachbarn machte er
das Klack Klack Klack von High Heels

Wahrscheinlich nagelte der Typ nebenan
gerade seine Alte ans Kreuz, um sie
besser ausweiden zu können

Aber ich spazierte im Traum hinter dieser
jungen Frau im kurzen Sommerkleid &
betrachtete ihre
Beine Beine Beine Beine Beine

Schließlich fing der Nachbar an
zu sägen – damit
konnte mein Traum nichts anfangen
Ich wachte auf

Der Traum ist ein Künstler

Aber er hat
– wie Alles –
seine Grenzen


Der Stein

Ich wollte Dich nicht wecken
Ich wusste, dass Du schläfst

Ich hoffte es zumindest ….
für Dich
& – falls Du von mir träumtest –
hoffte ich es für
mich

Ich habe Dir den Stein
vor die Tür gelegt
ganz leise

Wie es Katzen tun
mit den Eingeweiden
schwächerer Tiere

Du kennst diesen Stein –
er ist größer als die Faust
die man ballt

weicher als die Vergangenheit
die hart war

Ich habe ihn
mit einer roten Schleife versehen

Mit der sprudelnden Schleife
meiner Pulsadern

 

(Inwendig vorgetragen:)


Widmungen

Jedes Mal, wenn der alte Mann
das Hotel betrat – & er kam
regelmäßig –, hatte er ein weiteres
Buch dabei.
In jedes Buch hatte er geschrieben:
Für die netten, reizenden Damen an
der Rezeption!
(Darunter seine Unterschrift)
Er überreichte es feierlich,
quatschte ein bisschen mit ihnen
& setzte sich dann in die Bar,
immer an denselben Tisch,
um Kaffee zu trinken.

Es dauerte nie lange, und er fing an,
laut zu reden. Er schimpfte vor sich hin.
Saßen noch andere Gäste in der Bar,
machte er abfällige Bemerkungen über sie,
über ihr Äußeres, über ihre Gesprächsthemen.
Die Gäste beschwerten sich selten.
Meist belächelten sie ihn.
Er war – für sie -: Ein alter, verwirrter Mann.
Trotzdem wurde er vom Personal gebeten,
seine Äußerungen zu unterlassen.
Dann setzte er sich stumm in die Halle.
Und irgendwann ging es wieder los:
„Wie kann man nur so ein verschissen
hässliches Kleid tragen? Vor allem, wenn
man solche Dellen in den Beinen hat!“

Er wurde höflich hinauskomplimentiert.
Das Personal mochte ihn. Er sorgte für
Stimmung. Und sie hatten Mitleid.

Ich kannte ihn nur vom Hörensagen.
Er kam ausschließlich vormittags ins Hotel, wenn
meine Nachtschicht längst vorbei war.
Ich sah nur, dass immer mehr Bücher in dem
Regal im Backoffice standen.
Niemand las sie. Niemand schaute hinein.
…………… Außer mir.
Allerdings kannte ich die meisten schon,
Klassiker aus allen Epochen.
Die Bücher waren voller Anmerkungen;
Die Anmerkungen waren hochintelligent, hochgebildet.
Unter die Widmung hatte er jeweils
geschrieben, was ihn mit dem Buch oder
dem Autor verband.
Manche der modernen Autoren hatte er persönlich
gekannt. Er war mit einem Bundespräsidenten
zusammen auf der Uni gewesen. Er
hatte mehrere Doktortitel der Geisteswissenschaften.

Es stimmte alles.
Ich habe es recherchiert.

Ich stelle mir gerne vor, wie ich
eines Tages irgendwo sitze &
die Menschen beschimpfe.
Und sie belächeln mich milde.

Schließlich kamen keine neuen Bücher mehr hinzu.

Ich nahm einige mit nach Hause.
Ich behielt sie. Es hatte ohnehin sonst niemand
Interesse daran. Ab & zu las ich die
Anmerkungen nochmals.

Aber eigentlich waren mir
die Anmerkungen die liebsten,
die ich nur vom Hörensagen kannte. Irgendwie
waren auch sie Widmungen. Und er widmete sie
den richtigen Leuten. Und sie waren klar.

Für mich
war er nicht
verwirrt.


Schwimmflügel

Oft saß ich an diesem Bach
in der Morgendämmerung
Baumleichen umgaben mich
Ein paar Sträucher lebten noch
Insekten lebten noch

Für mich war es der Bach
den alles runterging
Mein Leben, meine Erinnerungen,
die Zeit

Wenn die Morgensonne sich
wie blendende Splitter auf seine
Oberfläche streute
war ich geblendet &
schaute in eine andere Richtung

Ab & zu
pisste ich in diesen Bach
setzte mich wieder &
beobachtete die Ameisen
die anders lebten als ich

Eines Morgens
als ich von den Ameisen aufblickte
stand am gegenüberliegenden Ufer
eine Frau
Sie war nackt
bis auf die Schwimmflügel
an ihren Oberarmen

Sie schaute zu mir herüber
ich sah ihren Körper
ihre langen dunklen Haare
Ihr Gesicht sah ich nur
verschwommen

Langsam
ging sie in meine Richtung
stieg sie das flache Ufer hinab

Als sie bis zum Hals
im Wasser war
begann sie zu schwimmen

Mit ihren Schwimmflügeln

Ich stand auf &
ging ans Ufer
sah wie ihr langes Haar
auf dem Wasser schwamm

Die grelle Farbe ihrer
Schwimmflügel

Ich glaubte das Wasser zu riechen
& hörte die Vögel
die ich hasste

Ich ging in das Wasser
das kalt war

Meine Schuhe
meine Hosen
alles sog sich voll

Allmählich erkannte ich
die Augen
der Schwimmerin
& zitterte vor Kälte

Bis zum Hals
stand ich im Wasser

& ging
weiter

& weiter
& weiter

Ich konnte nicht schwimmen
Niemals hatte es mich gereizt
es zu lernen
Ich wollte es nicht können

Sie konnte es auch
nicht
aber sie hatte die
Flügel

Sie blickte mich an
Sie konzentrierte sich aufs
Schwimmen
spuckte hin & wieder etwas
Wasser aus

Die Oberfläche des Bachs
den alles runterging
dicht an ihren Lippen

Das Letzte
was ich sah
im Gesplitter der Sonne
war

wie
irgend etwas
Winziges
das aus dem Nichts
zu kommen schien

ihre Schwimmflügel
zerfetzte

Eiskalt lief das Wasser
in meine Kehle


Synkopen

Wenn das Leben zum Refrain wird
öde Harmonien sich wiederholen
langweilige Melodien einen beleidigen
Wenn dumpfe Rhythmen, die
zum Mitklatschen reizen sollen
einen in den Wahnsinn trommeln

dann pfeife ich
ganz leise
für mich
die Dissonanzen
klopfe mit den Fingerspitzen
Synkopen
auf meinen Schläfen

& das Lachen
tief in meinem Innern
wird lauter
als jeder
Refrain


Pornoschnipsel

Immer wenn ich auf den Eingang des Pornokinos zuging, hatte ich das Gefühl, die Passanten beobachteten mich. Ich war jung, es war mir etwas peinlich. Einmal riefen mir 2 Typen meines Alters hinterher:
„Was willst du da? Das is für alte Männer, ey! Komm lieber mit uns!“
2 Schwule, dachte ich, die noch einen 3. Mann suchen. Aber ich bin nicht Orson Welles.
Ich machte, dass ich die Treppe runterkam. Das Kino lag im Keller.
Tja, was wollte ich hier? Gute Frage. – Ich war der Filmvorführer. Damals wurden Pornos noch auf 35 mm gedreht & und handelten hauptsächlich von behaarten Menschen. Noch nicht einmal Video gab es; allenfalls hatten die Leute Super8-Projektoren zuhause & kurze dänische Filmchen.
Es war ein sehr großer, altmodischer Kinosaal mit uralten Klappsitzen; immer 2 zusammen, und dann kam ein Tischchen, auf dem es einen kleinen Abfalleimer & ein Päckchen Papiertaschentücher gab. Keine Platzanweiser. Es liefen immer 2 Filme im Wechsel. Zwischen den Filmen streifte sich die Frau, die ansonsten an der Kasse saß, einen Gummihandschuh über, schnappte sich eine Plastiktüte & die sogenannte Spermabürste. Ich zog das Licht ein bisschen hoch, und sie ging durch die Reihen, sammelte die vollgewichsten Tücher ein & strich, wo es nötig war, mit der Bürste über die Sitze. An der Kasse hing solange das Schild: Bitte warten! Bin gleich wieder da!
Ich fand es interessant, durch mein Fensterchen die Silhouetten der Leute zu beobachten, während neben mir der Projektor ordentlich Lärm machte. 2 alte Projektoren standen nebeneinander, man musste von Hand überblenden; aber immerhin passten hier Spulen drauf, die ca. 45 Minuten lang liefen, so dass man es während eines Films nur einmal machen musste. Ich hatte auch schon mit Projektoren gearbeitet, auf die nur 20min-Spulen passten.
Natürlich kamen hauptsächlich Männer mittleren Alters. Aber durchaus, vor allem abends, auch Pärchen. Ich sah die beiden Schattenköpfe im Gegenlicht des Films, und irgendwann verschwand dann immer der Kopf der Frau nach unten. In der letzten Reihe wurde manchmal auch gefickt, aber die konnte ich von meiner Warte aus nicht überblicken. Frauen, die alleine kamen, gab es nicht. Oder ich habe sie verpasst.
Gelegentlich machte ich mir den Spaß & setzte mich selber ins Kino. In eine Reihe, in der ein Paar saß. Dann holte ich meinen Schwanz raus, lies ihn ein bisschen in der unfrischen Luft stehen & freute mich, wenn die Frau ihn betrachtete. Ich war schon damals viel allein, wie man sieht. Den Männern, sofern sie es überhaupt mitbekamen, war das egal. Meistens holte ich mir dabei keinen runter. Des öfteren passierte es, dass sich sofort irgend ein älterer Herr neben mich setzte & anfing heftig zu wichsen. Dann packte ich schnell ein & verzog mich wieder in meinen Vorführraum. Ich war noch etwas zimperlich damals.
Man konnte solange in dem Kino bleiben, wie man wollte, und nicht wenige sahen sich die beiden Filme mehrmals an; verbrachten den halben Tag dort. Manche der Schattenköpfe waren sehr einsam….
Hin & wieder musste ich noch in 2 anderen Kinos einspringen, die demselben Eigentümer gehörten & und sich ein paar Straßen weiter befanden. Dort liefen normale Filme.
Wenn ich Pech hatte & zuviele Kollegen krank geworden waren, musste ich wie ein Sprinter zwischen den Kinos hin & her rennen, um rechtzeitig zur Überblendung am jeweils richtigen Ort zu sein. Irgendwie schaffte ich’s immer. Und meine Gebete, dass der Film im soeben vorführerlosen Kino nicht reissen möge, wurden auch erhört.
Dann hatte ich eine Idee. Wie wäre es, in einen der normalen Filme einen kleinen, passenden Pornomoment einzufügen? Nichts wäre leichter gewesen; schließlich musste man ständig an den Filmen herumschnippeln. Deshalb gab es damals so viele schlechte, holprige Kopien mit vielen Jumpcuts. Geliefert wurden die Filme immer in sogenannten Akten von 10 bis 15 Minuten; erst der Vorführer fügte sie zusammen. Wenn man allzu verkratzte Stellen herausschneiden wollte, steckte man dort einfach ein Stückchen Papier in die sich drehende Spule, um sie später wiederzufinden.
Mir schwebte zum Beispiel eine Restaurantszene in irgendeinem Beziehungsdrama vor. Das Paar sitzt am Tisch, ißt & diskutiert…. Es gab da diesen Porno (leider habe ich seinen Titel vergessen), wo ein Ober vor den Gästen auf einen Salat wichst. Das hätte man wunderbar einbauen können; zumindest den Cumshot in Großaufnahme. Dieser grandiose Film hatte auch eine Szene, wo eine Restaurantbesucherin in die Küche geht & dort in eine Rührschüssel pisst. Das hätte gut in einen Autorenfilm gepasst. Fand ich. Ich überlegte mir, wie weit ich FSK-technisch gehen könnte. Und was wohl am besten in einen Walt-Disney-Film passen würde.
Das Ganze hatte einen Haken: Ich brauchte den Job. Natürlich hätte ich auch mit dem Unterbewußtsein der Kinogänger experimentieren können. Es wäre möglich gewesen, nur wenige Frames einzufügen, so dass man sie nicht bewußt wahrgenommen hätte, wohl aber unbewußt. Ich stellte mir vor, dass der Familienvater sich morgens vielleicht wundern würde, warum er von einem spritzenden Schwanz geträumt hatte (Bin ich also doch schwul, wie Mutti immer gesagt hat?)
Ich fragte mich, wieviele Einzelbilder ich bei 24 Bildern pro Sekunde wohl würde nehmen müssen….
Was soll ich sagen, ich tat es nicht. Der Job war mir wichtiger. Ich blieb schön artig. Dort in meinem Kabuff bei den ratternden Projektoren. Ab & zu holte ich mir einen runter, und während die anderen wichsten, las ich den Ulysses.
Kurz bevor ich kündigte, hätte ich es noch tun können; aber vielleicht hätte man mir dann den Lohn gekürzt.
Und ich brauchte das Geld. Für Bücher, Essen & Alkohol.


Mein kleiner klarer Cocktail (für E.)

Ich nenne Dich
– nur für mich –
Mein kleiner klarer Cocktail
weil Du mich inspirierst

Weil ich mir einbilden kann
meine Einsamkeit
sei ein klein wenig
unbedeutender geworden

Du hälst
Mut
zwischen Deinen Fingern
obwohl Du ihn selber
nicht hast

ein Schwarzweiss-Foto
bearbeitet
um aus Realität
Schönheit zu machen

obgleich diese Realität
schön ist

Wir kennen uns nicht
& müssen uns auch nicht kennen

um uns
vielleicht
zu verstehen


Handgranaten

Nachts wachte sie in ihrer Wohnung
im 3. Stock
Schwere Eisenfesseln an ihren Fußgelenken
an ihrem Hals
Die Ketten dieser Fesseln waren
im Nichts befestigt
Wer sie ihr angelegt hatte
wußte die junge Frau nicht

Das kleine verzweifelte verstörte
verängstigte Mädchen saß am
Schreibtisch & bastelte
Bastelte Handgranaten
Handgranaten aus Wörtern
Wunderschöne Zerstörer
wie nur dieses Mädchen sie
basteln konnte

einzigartig

Wenn das Mädchen fertig war
nahm die Frau die Handgranaten
löschte das Licht, öffnete das Fenster
& warf sie in die Nacht hinaus

Alles sollte zerstört werden
alles vernichtet zerrissen zerfetzt werden

Aber die Nacht war gleichgültig
die Granaten detonierten nicht
sie prallten ab an der Gleichgültigkeit
& blieben liegen

Schön & scheinbar nutzlos lagen sie
auf der Straße &
wenn der Morgen kam waren sie
zu Staub zerfallen. –

Ich ging durch die Straßen
es war Nacht
ein leichter Nieselregen fiel
Die Straßen waren nass
Laternenlicht schimmerte in Pfützen
Alles war still
kaum ein Fenster erleuchtet

Ich war ziellos wie immer
allein wie immer
atmete wie immer
verloren in Gedanken
wie immer

Die Luft war angenehm
Katzen waren unterwegs
Der Mond eine nehmende Sichel
(ab- oder zu- war mir egal)

In einer der Straßen war nur noch 1 Fenster
erleuchtet, ich sah es von weitem
fantasierte über eine glückliche Familie
die dort vielleicht noch zusammensaß
alle lachten & niemand fühlte sich
einsam
während ringsum alles schlief

Ich ging weiter

Der Regen wurde stärker
Das erleuchtete 4eck in der Häuserfront
wurde dunkel

Das Fenster ging auf
ich war nicht mehr weit entfernt
Etwas flog aus der finsteren Öffnung
wie der Ball eines Kindes
klein & dunkel & stumm fiel es durchs Laternenlicht
Wie ein schwerer Gegenstand blieb es
auf der Straße liegen
Der Aufprall machte kaum ein Geräusch

Sofort folgten weitere
Sie landeten überall
auf dem Bürgersteig
auf Autos
auf Müllcontainern
Sie hinterließen keine Spuren

Ich kam näher
Ich hatte keine Angst
Mir war alles egal
in dieser Nacht
wie in den meisten Nächten

Ich sah
dass die Gegenstände schön waren
Ich hätte sie nicht beschreiben können
Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen
Aber ich wußte
wie sie entstanden waren
Ich wußte
warum sie entstanden waren
Ich wußte
was sie bedeuteten
Ich wußte
was sie bezwecken sollten

Ich ging noch ein Stück weiter
& wurde getroffen

Mein Bauch wurde aufgerissen
Lärm tötete mein Gehör
In Zeitlupe flogen meine
Eingeweide durch die Luft
& klatschten auf die nassen Straßen
wie in einem Stummfilm

 

Noch stand ich
& schaute nach oben
während mein Blut den Asphalt färbte
Ich spürte keinen Schmerz
Aus dem Dunkel des 4ecks
erschien ein Gesicht im Licht der Straße
Das Gesicht einer jungen Frau
das zu dem Gesicht eines kleinen
verzweifelten verstörten verängstigen
Mädchens wurde

Erschrocken blickte es mir
in die Augen
Ich sah Leid & Mitleid &
Traurigkeit

Ich lächelte ihm zu
Nicht schlimm, signalisierte ich ihm
signalisierte ich ihr

Wer auch immer sie war
ich mochte sie sofort

Ich fiel hin
& mein Herz hörte auf
zu schlagen