In der Stille meiner Trägheit

Ich kann
den Fleiß
der Anderen
hören ….

Er ist
laut.
So laut.

Und
noch lauter
ist er
in der Stille
meiner
Trägheit.


Gehabt

»Jetzt muss ich aber wirklich«,
sagte sie, »bevor er
aufwacht.«
»Scheiße», sagte ich.
»Ja. Scheiße«, flüsterte sie.
Es war warm
unter der Decke.
Und feucht.
Es roch.
Es roch so
gut.
Es roch
nach
Nacht.
Aber die Nacht
ging
zu Ende.
Allmählich.
Sie gab mir
noch einen Kuss.
»Gib’s zu«, sagte sie,
»Du kannst besser schlafen,
wenn
Du
alleine bist
im Bett.«
»Stimmt«, sagte ich.
Sie faßte mir
zwischen die Beine,
drückte sanft ….
»Wie bitte?«
»Stimmt nicht, wollte ich sagen.
Stimmt nicht
»Nochmal Glück gehabt«, sagte sie.
Streichelte.
Kurz.
Die Kerzenflamme
flackerte hektisch. Es war nur noch
ein kleiner Rest
von Wachs
am Docht.
Der Kerzenhalter war
vermutlich
sehr heiß
inzwischen.
»Glück«, sagte ich. –
»Gehabt«, sagte ich. –
Ja –
da war
etwas
sehr
Wahres
daran.


Der Schlagerstar

Der Schlagerstar saß
in der Hotelbar.
Es war nach seinem Konzert.
Der Barkeeper kam zu mir
an die Rezeption.
»Der gibt sich ordentlich die Kante«,
flüsterte er. »Und die Ische da neben ihm
scheint’n Groupie zu sein; sieht geil aus,
aber redet einen unglaublichen Müll zusammen.«
„Wie interessant», sagte ich, »ich glaub,
ich muss gleich
gähnen.«
Der Barkeeper grinste.
»Na ja, ich kann ihn auch nicht leiden.«
Er ging zurück in die Bar.
Wieder klapperte Eis im Shaker.
Die anderen Gäste schauten
ab & zu
verstohlen
in Richtung der Berühmtheit.
Ich tat, was man so tun muss
als Nachtportier.
Genervt von der schrecklichen Musik, die es
in jedem Hotel gibt.
Irgendwann kam die Berühmtheit
aus der Bar; ihr Blick war
verschwommen;
leicht unsicher
durchquerte sie die Lobby
& verschwand im Aufzug.
Der Aufzug fuhr nach oben.
Ein paar Minuten später
kam die Frau aus der Bar.
Der Gang ihres Minirocks war
sicher & bestimmt.
Ich blickte ihr hinterher, während sie
klack! klack! klack!
auf denselben Aufzug zuging.
Die Türen schlossen sich.
Ich schaute in die Bar,
der Kollege grinste mich an. Ich
hievte eine Augenbraue in Richtung Stirn.
Klock … Klock … Klock … machte die
altmodische Uhr hinter mir.
Ich achtete nicht auf die Zeit; aber
es dauerte nicht allzu lange, bis
die Frau wieder aus dem Aufzug trat,
mich anlächelte &
klack! klack! klack!
zurück in die Bar ging.
Sie setzte sich an die Theke, bestellte
etwas & plauderte
mit dem Barkeeper.
Ich tat, was man so tun muss
als Nachtportier.
Als die Bar sich endlich geleert hatte,
die Lichter waren aus, kam
der Kollege zu mir. Er setzte sich.
Auch die schreckliche Musik war aus.
»Mannomann«, sagte er, »die hatte
echt einen an der Waffel. Hat erzählt,
dass der die Frauen durchnummeriert …
seine ganzen Groupies, und sie fand das
richtig toll,
die Nummer so&so gewesen zu sein.«
»Hmm.«
»Der Fick selber soll aber wohl
ein bisschen unter dem Alkoholkonsum
gelitten haben.«
»Wie in…«
»Interessant, ich weiß.«
»Genau«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.

2 Nächte später.
Gegen 4 Uhr der übliche Aufprall
der Zeitungen vor dem Eingang.
Ich holte den Stapel herein, schnitt
die Bänder auf, verteilte die Zeitungen
im Ständer.
Den meisten Dreck an die Fingerkuppen
bekam man immer von der BILD-Zeitung.
Ich musste mir jedes Mal die Hände
waschen nach dem Einsortieren.
Auf der Titelseite war das Foto
einer Schauspielerin. Sie war
die Ehefrau des Schlagerstars.
An die Überschrift erinnere ich mich
nicht mehr genau (es ist sehr lange her);
es war wohl irgend etwas in der Art:
„Die Große Liebe veränderte ihr Leben“
oder
„Wie sie ihn zähmte“.
Der übliche Müll eben.
Ich überflog den Artikel.
Nun doch leicht interessiert.
Er beschrieb das noch junge Glück …
Den früher so unsoliden Lebenswandel
des Sängers … Die Frauen … Den Alkohol …
Aber jetzt …
Jetzt war ALLES ALLES anders! …
Er war treu, endlich! … Hatte
dem Alkohol entsagt, endlich!
Friede, Freude, Omelette!
Ich faltete die Zeitung wieder so, dass sie
ungelesen aussah, tat sie zu den anderen &
ging mir die Hände waschen.
Ich glaube, ich grinste dabei.
Dichtung & Wahrheit, dachte ich.

Es dauerte ein paar Jahre, bis
von der Scheidung berichtet wurde.
Wieder musste ich
mir die Hände waschen.


Der Mann im Schaufenster

Ich sah diesen Mann
im Schaufenster.
Sein Gesicht –
in meinen Augen war es
müde
alt
gezeichnet
zerstört.
Vom Leben.
Von Jahrzehnten der
Unvernunft.
Seine Haut
war schlecht &
voller Narben.
Hinter ihm standen
die Schaufensterpuppen.
Schön
& glatt
& niemals
zum Leben erwacht.
Aufgemalte Augen
starrten mich an.
Eine der Puppen war
ein Kind
aus Kunststoff.
Es lächelte
tot.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Wo war
das Kind
in ihm?
Wo
der kleine Junge, der
einst
seine Freude
in einen Fotoapparat
gestrahlt hatte ….
Reitend
auf einem Schaukelpferd.
Mit einer Lebendigkeit, die
erschütternd war. –
Geblieben
war
ein Schwarzweißfoto;
das schwarzweiße Abbild
seiner bunten Welt.
Ich betrachtete
das Gesicht des Mannes.
Es war
durchsichtig.
Durch sein Gesicht hindurch
sah ich
das Gesicht
des Kindes.
Des Kindes
aus Kunststoff.
Des Kindes
mit
dem toten Lächeln.


Die leere Hülle

Ganz oben
in der Zimmerecke
hängt
an einem Faden
der fast unsichtbar ist
die abgestreifte Haut
einer Zitterspinne …..
Ein Luftzug
kommt durch ein
undichtes Fenster …..
Die leere Hülle
bewegt sich
als wäre sie
lebendig ….
Eine
fast
perfekte
Täuschung.
Es ist derselbe Luftzug
der mich
schaudern lässt ….
Derselbe Luftzug
der mich
zittern lässt ….
Zittern.
Als wäre ich
lebendig.


Die Insekten

Durch die Finsternis des Raums,
durch die Weite meines Schädels
rast die Schlaflosigkeit
mit dem Fernlicht der Gedanken.
Wie Insekten
in der sommerlichen Abenddämmerung
flattern die Ideen darin,
bevor sie
gegen die Schutzscheibe klatschen – –
Doch
sie sterben
nicht.
Nicht alle.
Irgendwann ….
Irgendwann
nach all der
Raserei
kommt er dann doch:
Der Regen des Schlafes …..
Und auch sie kommen:
Die Scheibenwischer der Träume …..
Nach dem Erwachen
haben nur die hartnäckigsten
Ideen
ihre Spuren hinterlassen
auf der Scheibe.
Ich versuche,
sie wiederzuerkennen;
versuche,
in ihnen zu lesen,
versuche,
sie abzukratzen,
bevor ich abkratze;
ganz schwach
bewegen sie sich noch;
summen sie noch ….
Ich werde sie
auf Papier legen, sie
aufpäppeln
& versuchen,
sie
am Leben
zu erhalten.
Doch
es wird
nicht
leicht
werden.


Der letzte Strich

Es ist immer wieder
das gleiche

Man zeichnet etwas

Es erscheint einem
perfekt

Man möchte es
noch
perfekter
machen

& fügt
einen
letzten
Strich
hinzu

Und mit diesem
letzten Strich
hat man
die Zeichnung
ins Mittelmaß
gerückt

Denn der eigentliche
letzte Strich
war
der Strich davor

Es gibt
keine Steigerung
der Perfektion

In keinem Bereich

Perfektion
oder ihr Anschein
kann nur stattfinden
wenn man weiß
wann
Schluß
ist.


Karamell

Meine Philosophie
ist
sofern ich sie nicht
vergesse
sehr
einfach –

Ich
karamellisiere
Zwiebeln
mit
Zucker.


Der Kern

Ich schreibe
um mich
langsam
heranzutasten
an den
peinlichen
Kern
meines
Daseins.

Den Kern
den
jeder
kennt
aus
seinem eigenen Leben;
den Kern, den
eigentlich
niemand
kennen
oder
lesen
will.


Meine Asche

Staub tanzt
Asche tanzt
im Sonnenlicht

Solange ich lebe
tanze ich
im Mondlicht

Aber
vielleicht
wenn ich tot bin

wird dereinst
auch meine Asche
im Sonnenlicht tanzen


Schirme

Wenn die Sonne scheint
wähle ich
einen Regenschirm

Wenn es regnet
wähle ich
einen Sonnenschirm

Wenn das Wetter sich nicht entscheiden kann
wähle ich
2 Schirme

& wenn ich aus dem Flugzeug
meiner Phantasie springe
wähle ich
keinen Schirm


So !

Sind wir nicht alle
So?
: Versuchen,
unsere Worte & Sätze
cool
klingen zu lassen.

Ein bisschen
Arsch
Fotze
Schwanz
Alk
& platten Witz

kippen wir
darüber

Sind wir nicht alle so?

So

wie wir
eigentlich
im
tiefsten
Innern
nicht
sind?

Aber vielleicht
habe ich ja auch nur
zuviel
gesoffen

& nur deshalb
fiel mir das
gerade
so
ein


? : .

Wer
braucht
schon
Uhren
&
Kalender
solange
es
Spiegel
gibt
?
:
.


Aus !

Wenn ich schon mal
den Fernseher einschalte!
…. werde ich
verstört.

Sie zeigten
meine Geburtsstadt,
die Stadt, in der ich
die ersten 9 Jahre meines
komischen Lebens
verbracht hatte …

&
ich erkannte
Nichts
wieder!

41 Jahre war es her, dass ich
zuletzt dortgewesen war …

Sie zeigten Gebäude, von denen
ich sicher wusste, dass ich sie
einst betreten hatte,
und doch
erkannte ich sie nicht.

Sie zeigten
den Dom. Ich hatte eine Erinnerung
an ihn. Aber die Erinnerung
war kein Bild –

die Erinnerung war
nur
Atmosphäre,
nur
ein Tasten,
nur
ein Gefühl ….

Nichts, was man hätte
filmen können.

Vielleicht, wenn sie
die Straße gezeigt hätten, in der wir
gelebt hatten? …..

Sie hätte ich doch wohl
wiedererkannt ….

Doch womöglich wäre das
eine noch größere
Verstörung
gewesen.

Ich weiß nicht sicher, warum
ich 41 Jahre lang nicht mehr
dort gewesen war.
Trotz aller Sehnsucht.

Entweder
weil ich befürchtet hatte,
nichts mehr wiederzuerkennen –
oder
aufgrund der Angst,
dass die unsichtbaren Erinnerungen
in all der
Entfremdung
auf mich lauern & mich
überwältigen könnten …..

Was schlimmer gewesen wäre –
auch das
weiß ich nicht.

Ich schaltete
den Fernseher
aus.


Das Flüstern

Manchmal, wenn ich aufwache
(& ich wache oft auf),
flüstere ich:
»hilfe«
Denn das Erste, was mir
nach all den Träumen
ins Bewußtsein dringt, ist
die Last auf meinen Schultern
& das Wissen, dass ich sie
kaum
alleine
(er)tragen kann …..
Und dann,
im nächsten Moment
muss ich –
grinsen,
denn dieses Flüstern
ist doch
gar zu albern.


Fehlbesetzung

So viele Leben
betrachtet man
von außen

Wie Filme

Und sie
sehen schön aus
von außen

Fast könnte man
neidisch werden

(Würde man zum Neid neigen)

Und doch

Wie viele der
handelnden Personen
fühlen sich

fehlbesetzt
in diesen Filmen
die so schön aussehen

fühlen sich
fehlbesetzt

in ihrem eigenen Leben


Der Kratzer

Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….

Lange hatte ich gespart
für diesen Gegenstand.

Dann
besaß ich ihn.
Endlich.

Er war
Realität,
war
neu,
war
makellos.

Es dauerte
nur wenige Tage,
da
fiel etwas
auf diesen Gegenstand

& der Gegenstand
bekam
einen Kratzer ….

Der Kratzer
schmerzte
in meinem Innern.

Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….

Ich wollte ihn
makellos –
diesen Gegenstand.

Wollte ihn
wie neu.

Wollte ihn so,
wie es ihn
millionenfach
gab.

Doch diese Schwäche
hielt nicht lange an.

Ich betrachtete
den Kratzer

lange
lange ….

& betrachtete ihn
schließlich
als

des Gegenstandes

einzigartigen

Charakter.


Der Rasen

Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen ….
All diese Grashalme, die
sich biegen, weil sie
zu lang sind, um
aufrecht zu sein.
Gestern waren sie noch nicht
so lang. Und schon
vor 1 Woche hatte ich den Rasen
mähen wollen. Schon
vor 1 Woche hätte ich es
tun sollen.
Doch ich schaute nur
aus dem Fenster.
Vor 1 Woche.
Betrachtete den Rasen ….
& glaubte beinahe,
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen ….
Rasen
Rasen
Rasen
Er wuchs
über meinen Kopf.
Während ich ihn
betrachtete.
Von drinnen.
Von dort, wo ich
bleiben wollte.
Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen &
weiß,
wie lang die Grashalme
morgen sein werden.
Länger als jetzt.
Viel länger als vor 1 Woche.
Ich weiß, was
das bedeutet ….
Morgen
werde ich
aus dem Fenster schauen.


Ich bin

Ich bin

der alte Mann
der sich erinnert …
das kleine Mädchen
das selbstvergessen tanzt …
die Fliege
die erschlagen wird …
die Spinne
die ein Netz baut …
das Staubkorn
das durch den Sonnenstrahl fliegt …
der Zigarrenrauch
im Mund einer Frau …
die leere Flasche des Säufers
die im Container zersplittert …
die volle Flasche
die er versehentlich fallen lässt …
der klemmende Typenhebel
in der Schreibmaschine …
der laute Tropfen
der nachts im Waschbecken platzt …
das schiefe Bild
an der Wand meines Lebens …
das Salz in der Wunde …
die Wunde im Salz …
das Sandkorn
an einem vergessenen Strand …
die Katze
die sich zwischen den Beinen leckt …
die Pfütze
die das Mondlicht spiegelt …
der Todestag
Deines Lieblingsschriftstellers …
die Geburtssekunde
Deiner großen Liebe …
die letzte Kerze
die an Deinem Sarg noch leuchtet …
das erste Licht
das Dich im Kreißsaal blendete …
die Saite
die reißt …
das letzte Foto
im Familienalbum …
das Zebra
auf dem Schachbrett …
der Nagel
der krummgeschlagen wird …
das fehlende Blatt
in einem alten Buch …
das Unkraut
in einem verwilderten Garten …
der erste Kuss
auf Deinem nackten Arsch …
die aus dem Verkehr gezogene
Glühbirne …
das übersehene Haar
an einer rasierten Fotze …
der tiefste Kratzer
auf einer Schellackplatte …
die Murmel
in der Hosentasche eines kleinen Jungen …
der leere Akku
der den lebenswichtigen Anruf verhindert …
die Olive
im Martini …
das 666ste Wort
in diesem Text …
das professionelle Lächeln
des Bestatters …
das zu große Mädchen
mit dem ich das erste Mal tanzte …
der Stummfilm
der verschollen ist …
der letzte Spaziergang
mit Deiner Oma …
der abbrechende Bleistift
der ein wichtiges Wort schreiben sollte …
die Sicherung
die herausspringt …
der entzündete Zahn
des Wolfes …
der Würfel
ohne Augen …
der letzte Schlag des Vaters
bevor er starb …
das vierte Staubkorn von links
im Bücherbord …
der Schnürsenkel
der reißt …
die letze Luftblase
die aus dem Mund des Ertrinkenden dringt …
das letzte Zitat
in meinem leeren Kopf …
der Sarg
den Django durch den Schlamm zieht …
die Klingel
die jemanden aufweckt …
der Schlüssel
der von innen steckt …
die Bananenschale
vorm Eingang des Krankenhauses …
die lustige Antwort
auf eine traurige Frage …
die traurige Antwort
auf eine lustige Frage …
das zweiblättrige Kleeblatt
auf Deinem Grab …
die unbrauchbaren Finger
an Django Reinhardts linker Hand …
die Frau
die Dir als Kind die Gratiswurstscheibe reichte …
der leere Benzinkanister
im Kofferraum des benzinlosen Autos …
die richtige Farbe
im falschen Gemälde …
die falsche Farbe
im richtigen Gemälde …
der erste Zungenkuss
des Lebens …
die kranke Tonleiter der Tropfen
in einem verstopften Abfluss …
das Gefühl des Spinnenfadens auf der Stirn
beim Durchqueren einer Kellertür …
das Haarknäuel
im Abfluss …
die einzige Luftblase
unter der Klebefolie …
der Sägespan
im Hobbykeller des Großvaters …
die Kotztüte
im Auto der Kindheit …
der ungeschickte Liebesbrief
der in einer vergessenen Schublade liegt …
der letzte leere Blister
in der Aspirinschachtel …
die Lieblingslampe
meiner Kindheit …
der kürzeste Faden
am Saum der kurzgeschittenen Damenjeans …
der Kragen
an Bela Lugosis Cape …
das Denkmal
an dem Ort wo niemals gedacht wurde …
das kurze Zittern
beim Druck auf den Auslöser …
der blutende Darm
des überfahrenen Igels …
das billige Klebeband
das nicht richtig klebt …
die erste Schleife
die Du als Kind gebunden hast …
der Staublappen
in der kaputten Waschmaschine …
das Salzkristall
im Meer …
die Wespe
im Auto das über die Autobahn rast …
das JoJo
mit dem verhedderten Faden …
der längst Satz
des dümmsten Gedankens …
das Taschenlampenlicht
unter der Bettdecke Deiner Kindheit …
die Bombe
die in der vollbesetzten U-Bahn detoniert …
der Eiter
im Nagelbett …
das kleinste Bläschen
in der Lavalampe …
die Luftblase
in der lebenswichtigen Spritze …
das fremde Staubkorn
in der Urne der Geliebten …

Ich bin
der gerissene Film …

Ich bin
das offene Ende
dieses Textes …

& seine Fortsetzung
die
niemals
kommen
wird.


Der Andere

Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.

Ich
glaube
ihn zu kennen

unbewußt.

Du
glaubst
mich zu kennen

weil Du
meine Worte liest

Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.

Er
schreibt meine Worte.

Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.

Du
kennst mich nicht

denn Du siehst nur
die Worte

& nicht
den Anderen.


Ich hab Fritten !

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie.

Mein großer Bruder
war noch klein.
Ich: noch kleiner.

Es war
in den Ferien. Am Meer.

Mein Vater & ich saßen
im Freien. Am Tisch eines
Imbisses.

Die Sonne schien, wie sie es
nur
manchmal
in der Kindheit tut.

Salz
kitzelte in meiner Nase.

Mein großer Bruder
der noch klein war
kam aus dem Innenraum
des Imbisses

mit einem großen Teller
der voll war

Mein Bruder strahlte

Schon von weitem rief er:
»Ich hab Fritten!«

Der bevorstehende Genuss
ließ ihn schneller gehen

Schon konnte ich
die Fritten riechen

als mein Bruder
stolperte

Den Teller
behielt er in der Hand

Aber
er war leer

Alles lag auf dem Boden

Ich erinnere mich
nicht
ob mein Vater & ich lachten

Beim besten Willen
kann ich mich nicht
erinnern

Aber
ich vermute es
denn
es wäre menschlich gewesen
zu lachen

Zumindest
kurz

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie

»Ich hab Fritten!«

Für alle Momente
die an
diesen
einen
Moment
erinnerten

Und im nachhinein
ist es für mich
fast
ein Lebensmotto

Denn
ich hatte
oftmals
Fritten
in meinem Leben


Osram

Sie saß immer ganz vorne im Klassenraum.
Sie war hässlich.
Das war die einhellige Meinung aller.
Sie hatte sehr männliche Gesichtszüge,
eine tiefe Stimme,
kurze rostrote Haare, viele Sommersprossen,
und sie war sehr dick.
Ihre Kleidung war geschmacklos.
Auch das war die einhellige Meinung aller.
Immer saß sie allein, und wenn der Lehrer
sie aufrief, wurde sie
feuerrot in ihrem hässlichen Gesicht.
Deshalb nannten alle sie
Osram.

Ich saß immer ganz hinten.
Ich war weniger hässlich & sehr dünn,
und ich trug fast immer dieselben Klamotten;
aus Bequemlichkeit. Ich
meldete mich niemals & schaute oft
aus dem Fenster.
Es war das vorletzte Jahr vorm Abi.
Eines Tages verteilte der Lehrer Blätter, auf denen
verschiedene Themen gelistet waren.
Jeweils 2 aus diesem Kurs sollten sich
zusammentun & eines der Themen in den
kommenden Wochen bearbeiten.
Das einzige Thema auf der Liste, das mich
einigermaßen interessierte, hatte etwas mit
Psychologie zu tun. Und außer mir
interessierte sich für dieses Thema nur noch
Osram.
Na, herzlichen Glückwunsch! dachte ich.
Die anderen grinsten, während ich
nach vorne umzog & mich
zu Osram setzte.
Sie wurde rot.

Wir besprachen das Thema.
Die Röte wich aus ihrem Gesicht.
Wir schweiften ab vom Thema.
Sie lachte.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
Sie war verrückt nach Literatur.
Wir sprachen über Wilhelm Raabe.
Sie liebte Wilhelm Raabe.
Wer Wilhelm Raabe liebt, hat
zumindest
einen Teil
meines Herzens
gewonnen.

Sie lachte immer häufiger,
wir schweiften immer häufiger
vom Thema ab.
Sie hatte einen sehr makabren Humor.
Auch ich lachte immer häufiger.

Die anderen machten
dumme Bemerkungen.

Als die Arbeit fertig war,
trug Osram sie vor.
Sie saß am Lehrerpult & las.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
In ihren geschmacklosen Klamotten.
Sie hatte nicht vorlesen wollen; aber
sie tat es, weil sie wusste, dass ich
es auch nicht wollte.
Sie wurde kaum rot.
Und die Arbeit wurde gut benotet.

Einmal wurde Osram nach der Schule
von ihrer Mutter abgeholt,
ich von einer Freundin.
»Wer issn die Dicke da drüben« fragte sie.
»Eine aus meinem Deutschkurs. Wieso?«
»Sie hat gerade auf dich gezeigt & etwas zu
der Frau gesagt.«
»Ach ja? Seltsam.«
»Und gegrinst hatse.«
»Hmm.«
»Gott, ist die hässlich«, sagte die Freundin.
»Na ja«, sagte ich, »können ja nicht alle
so toll aussehen wie du.«
Sie lächelte.
»Trotzdem, was hat die über dich zu reden?«
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.


Raumpatrouille Phantasie

In der Lieblingsserie
meiner Kindheit
wurden Bügeleisen
zum Steuerungsinstrument
eines Raumschiffs …
& Aspirin +C
lieferte die Luftblasen
während das Raumschiff
vom Meeresboden, der
in einem Aquarium existierte,
aufstieg, um
in ein
gezeichnetes All
zu starten.
Alles war
schwarzweiß –
einfach & schön.
Diese Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens
finde ich
weise.
Heute.
Damals
verstand ich sie nicht.
Nicht so.
Ich liebte nur
das Ergebnis.
Und dennoch –
sie beeinflusste mich.
Und meine
Phantasie.
Und
meine Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens.
Und immer wenn ich
verkatert
ein Aspirin +C
in ein Glas Wasser werfe
oder
nüchtern
ein Bügeleisen sehe,
muss ich
daran zurückdenken
& lächeln.

Orion


Der Waschlappen

Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Für meinen Kreislauf.
Dampf stieg auf,
mein Gesicht war tiefrot.
Dahinter: Schwindel.
Wie lange hatte ich schon
in der Badewanne gelegen?
Ich wusste es nicht.
Ich hatte geträumt.
Ich richtete mich auf, nahm
den bereitgelegten Waschlappen,
drehte das kalte Wasser auf,
ließ den Waschlappen sich damit
vollsaugen ….
Dann drehte ich das Wasser wieder ab,
lehnte mich zurück
& legte den eiskalten Lappen auf mein
Gesicht.
Die Kälte tat mir gut.
Ich atmete sie ein.
Doch sie hielt nicht lange vor
auf meinem heissen Gesicht.
Der Waschlappen hatte
eine Vergangenheit.
Seine Farben
waren blass geworden;
er war
dünn geworden.
Seit damals …..
Damals als er
meine Lieblingsorte bereiste –
unter meiner Führung ….
Warme Orte.
Weiche Orte.
Zärtliche Orte.
Orte, die
es nicht mehr gibt.
Orte, die
verfault sind.
Seit damals.
Mir wurde kalt,
ganz plötzlich ….
In all dieser Hitze um mich herum.
Dampf stieg auf.
Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Und mir war kalt.


Die Bitterkeit

Und dann war die Bitterkeit
verflogen & man konnte
wieder
normal
miteinander
reden

Und das
war schön

Und doch –
die Bitterkeit war
vielleicht
dem ursprünglichen Gefühl näher
als die Normalität

So dass man sie sich
manchmal
fast
zurückwünschte

Und das ist
ein bisschen
traurig.


Der Nachtportier

Die Fahrt schien endlos.
Wie oft musste ich kotzen?
Ich weiß es nicht mehr.
Es gab genug Beutel im Handschuhfach,
genug Beutel in der Seitentasche der Tür.
In meinem geliebten
Peugeot 404.
Konnte mein Vater rechtzeitig anhalten,
kotzte ich eben
am Straßenrand.
Die Fahrt schien endlos.
Es wurde dunkel.
Das Ziel war
noch fern.
Er nahm eine Abfahrt.
Irgendwo.
Im Abseits leuchtete
ein Hotel.
Mein Vater stieg aus,
betrat das
Abseits.
Kam zurück.
»Sie haben noch etwas frei«,
sagte er.
Er parkte den Wagen.
Wir stiegen aus, nahmen
das Nötigste
mit ins Hotel.
Wie klein ich war!
Wie groß das Haus
mir erschien –
selbst wenn es ebenfalls
klein war.
Und wie fasziniert war ich
von dem großen Mann
hinter der Rezeption, der
um diese finstere Uhrzeit
noch wach war
& arbeitete, als sei
das
selbstverständlich.
Mein Vater sprach mit ihm.
Sie wurden sich einig.
Wir betraten fremde Zimmer,
mit faszinierend-fremden Nachttischlampen,
die fremd leuchteten.
Die Betten rochen fremd,
die Wasserhähne glänzten fremd,
die Türen der Kleiderschränke führten
in die Fremde.
Ich liebte es.
Diese spontane Unterbrechung der Reise –
ich liebte sie
mehr als
das Ziel der Reise.
Denn die Unterbrechung war kurz.
Kürzer als das Leben zuhause,
kürzer als der Aufenthalt am Urlaubsziel
sein würde.
Ich liebte die Kürze.
Und das Spontane.

Mein bester Freund war
Nachtportier.
Viele Jahre später.
Eines Tages sagte er zu mir:
»Wir suchen eine Aushilfe.«
Ich zögerte.
Ein Job.
Eine Abirrung vom Wesentlichen.
»Du könntest Dir Bücher kaufen«,
sagte er.
Ich zögerte.
Bücher. Wein. Musik.
»Ich kann’s mir ja mal ansehen«,
sagte ich.

Als ich das Hotel betrat,
dachte ich nicht an meine Kindheit.
Nicht an die Faszination, die ich
in jenen Nächten
empfunden hatte.

Es war nur
ein
Job.

Aber er bedeutete
Musik. Wein. Bücher.

& Magenschmerzen.

Es war alles
nur
Zufall.


Die erste Schleife

Den Moment, als man
die erste Schleife
seines Lebens
ohne fremde Hilfe
gebunden hatte …..
man vergisst ihn nie.
Die Freude,
den Stolz,
das Lächeln der anderen.

Schon die zweite Schleife
verursacht
ein bisschen weniger Freude,
ein bisschen weniger Stolz,
ein schwächeres Lächeln der anderen.

Hunderttausende von Schleifen
werden folgen …..

die nur noch
pure Funktion
sind.

Das Bewußtsein
seiner eigenen Fähigkeit
geht verloren.
Scheinbar.

Und vielleicht auch
die Freude.

Doch die Erinnerung
an diesen Moment kann
dieses Bewußtsein
wiederfinden.

Und vielleicht auch
die Freude.


Die Feuergabe

Wir saßen uns gegenüber bei irgendeiner
Hochzeitsfeier. Kannten uns
oberflächlich – seit einiger Zeit – hatten
einige Male miteinander
Tränen
gelacht.
Die Musik
war laut & schrecklich,
es roch nach Essen, Alkohol & Rauch,
Menschen tanzten
(die meisten kannte ich nicht),
das Brautpaar tanzte.
Die Braut war hübsch;
mein Gegenüber
hätten wohl die wenigsten
als hübsch bezeichnet.
Sie öffnete ihre Handtasche,
holte eine Schachtel Zigaretten heraus,
steckte sich eine zwischen die Lippen &
kramte weiter in ihrer Tasche herum ….
Sie suchte nach Feuer.
Ich schaute mich um, blickte über
meine Schulter zum Nachbartisch.
Eine fremde Frau rauchte, mit dem
Rücken zu mir. Ich
tippte ihr auf die Schulter,
sie wandte sich um, schaute mich
überrascht an. Sie war
schön –
sehr schön,
oberflächlich betrachtet.
Stumm deutete ich auf
das Feuerzeug, das vor ihr lag.
Sie lächelte &
reichte es mir.
Es war ein Einwegfeuerzeug.
Ich drehte mich wieder um, streckte
den Arm aus, drehte am Rädchen
des Feuerzeugs …..
Mein Gegenüber lächelte
überrascht, schaute mir
in die Augen –
die Flamme spiegelte sich
klein in ihren Brillengläsern ….
Und ihr überraschtes Lächeln
fand ich schöner als
die fremde Eigentümerin
des Feuerzeugs.


Wiederkehrende Frage

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
frage ich mich:

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben, wenn
ich mich
gesund fühlen würde?

Körperlich.

Ohne Schwindelanfälle ….
Ohne Benommenheit ….
Ohne Konzentrationsschwäche ….
Ohne chronische Müdigkeit ….
Ohne tanzende Flecken vor den Augen?
Ohne Kopfschmerzen ….

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben?

Große Romane?
Philosophische Werke?
Ausgefeiltes, zu Ende Gedachtes?
Alles, was
einen langen Atem erfordert?

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
stelle ich mir diese Frage.

Und wahrscheinlich
ist es gut, dass ich
die Antwort
aller Voraussicht nach
niemals
bekommen werde.


Der didaktische Traum

Es war ein Albtraum, keine Frage.
Ich befand mich in einem Raum, wo
Menschen der Job weggenommen wurde.
Man nahm mir meinen &
gab mir einen anderen.
Von einem Moment auf den nächsten
sollte ich
Lehrer sein.
Ohne Ausbildung.
Man drohte mir Gewalt an &
drückte mir 2 beschriebene Blätter in die Hand.
Das eine enthielt eine kurzen Text mit der
Überschrift »Schuld«
auf dem anderen stand:
»Diskutieren Sie diesen Text mit Ihren Schülern.
Klasse 6b.«

Ich wollte den Text nicht lesen.
Ich tat es nicht.
Und dann irrte ich durch
ein gigantisches Gebäude.
Verwinkelte Gänge … unzählige Türen …
Rolltreppen … Einsamkeit & Angst …
In einer Nische stand mein bester Freund.
»Der Job ist nichts für Dich«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte ich. »Aber vielleicht
gewöhne ich mich daran. Im Laufe der Jahre.«
Der Freund war fort, ich ging weiter.
Lief über die Rolltreppen ins oberste Stockwerk,
Regen trommelte auf das gläserne Dach.
Klasse 6b, Klasse 6b … Wo zur Hölle ist
Klasse 6b?

Es gab keine Hinweise, keine Schilder,
keine Menschen, die ich hätte Fragen können;
und hätte es sie gegeben, würde ich wohl nicht den
Mut gehabt haben, zu fragen.
Ich ging immer weiter. Weiter. Dachte darüber nach,
wie ich
unterrichten würde ….

Ich betrete den Klassenraum.
Ordentlich & aufrecht sitzen sie da.
Jungs & Mädchen.
Eine eher kleine Klasse.
Sie schauen zu mir auf, während ich
zu meinem Pult gehe.
Ich sage:
»Morgen, Ihr Freaks.«
Und setze mich.
Werfe die beiden Blätter auf den Boden.
Lege die Füße hoch.
Ich sehe das Erstaunen in den
kleinen Gesichtern.
Entgeisterung.
Sie blicken sich gegenseitig an.
Fragend.
Einige lächelnd.
»Guten Morgen«, sagen sie dann.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ihr wollt was lernen?« frage ich.
»Ja«, antworten sie.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ich kann Euch aber nichts beibringen«,
sage ich. »Ich weiß
nichts.«
Schweigen.
»Ihr solltet lieber
zu Hause sein, im Bett liegen &
Musik hören. Oder durch den Regen laufen
& in die Pfützen springen. Ihr
solltet nicht hier sein.«
Wieder lächeln einige Wenige.
Und setzen sich bequemer hin.
Und

Ich ging weiter.
Öffnete wahllos eine der Türen.
Köpfe auf Hälsen bewegten sich, wandten mir
Gesichter zu – viele kleine Menschen +
1 Lehrerin.
Alle stumm.
Schnell machte ich die Tür wieder zu.
Weiter. Weiter.
Unterm Regengetrommel.
Und dann sah ich
hinter Glasfenstern & Glastüren
ein riesiges Atrium.
Ein Atrium im obersten Stockwerk!
Überall Bänke & Tische.
An denen Menschen saßen,
offenbar Schüler & Lehrer.
Sie waren beim Essen.
Der Regen fiel auf sie herab,
verdünnte ihre Suppen, füllte ihre Gläser.
Sie mussten verrückt sein.
Alle.
Durch eine der Türen betrat ein Mann das
Innere des Gebäudes. Er trug
eine Polizeiuniform, führte einen Hund;
Hund & Mann waren nass.
Ich nahm
meinen Mut zusammen.
»Entschuldigung«, sagte ich zu der
Uniform. »Ich suche
Klasse 6b.«
Der Hund trug einen Maulkorb.
Der Mann sagte:
»Da müssen Sie ins Untergeschoss.
Und dort gehen Sie dann ….«
Er beschrieb einen Weg, den ich sofort
vergaß.
Ich bedankte mich, wandte mich ab &
suchte die Rolltreppe, die mich
nach unten bringen sollte.
Ich konnte sie nicht finden.
Mir fiel auf, dass
die beiden Blätter nicht mehr
da waren. Ich musste sie verloren haben. –
Ja, vielleicht
würde ich mich
an den Job gewöhnen –
im Laufe der Jahre.


Provinztheater

Plötzlich findet man sich wieder
in einem
Provinztheater.
Es wird gegeben:
Madame Butterfly.

Butterfly,
das zarte asiatische Pflänzchen,
wird dargestellt von
einer rothaarigen, dicken Person
mit Sommersprossen;
ihr Sopran ist nicht eben
der schönste ….
Und spielen kann sie auch nicht.

Aber da ist ja
die Musik.
Unzerstörbar.

Und da ist
die Phantasie …..

Die Phantasie hat halt
ein bisschen mehr zu tun
als sonst.

Was soll’s!

Sie ist gut trainiert.

Denn häufig ist
das Leben
ja auch nur
ein Provinztheater.


Inspiration

Sie las ein Gedicht
von mir.
Lächelte.
Sagte:
»Das gefällt mir. Ein
bisschen verrückt –
aber schön. Und
gefühlvoll.
Wie kommst Du nur immer
auf solche Sachen?«
»Ganz unterschiedlich«,
sagte ich.
»Eine Frage der
Inspiration. – Das da ist mir
zum Beispiel
eingefallen, als ich mir
gerade
den Sack rasierte.«


Ich habe keine Zeit

Die meisten Menschen haben wenig
Verständnis dafür, wenn man zu ihnen sagt:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
herumsitzen.«

Wenn man zu ihnen sagte:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
Musik hören.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
betrachten.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
schreiben.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
lesen.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
denken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
trinken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
leben.«,
hätten sie kaum
weniger wenig Verständnis.

Deshalb sage ich meist:
»Ich habe keine Zeit.« –
ohne Angabe von Gründen.