Die romantische Sau

Eigentlich
wollte ich es nicht wissen.
Wie lange war es jetzt her?
Das letzte Treffen…..

Aber
ich bin gierig –
in mancherlei Hinsicht.
Das ist mein Naturell.

Und vor allem bin ich
neugierig.

Es war so einfach.
Ich wusste, was ich in jener Nacht
geschrieben hatte. Nachdem sie
eingeschlafen war.

Nebenan.

Ich brauchte nur
den Text zu suchen…..

Das Datum erschreckte mich.
9. Oktober!
Jetzt hatten wir den
21. Dezember.

So lange
war es mir gar nicht vorgekommen.
Und es erschreckte mich,
dass es mir gar nicht so lange vorgekommen war.

Oftmals hatte ich an diese Nacht gedacht
in der Zwischenzeit. Die wie eine
Zwischenwelt war, in der wir nicht
gemeinsam existierten.

Nach dem Schreiben
hatte ich mich wieder zu ihr gelegt.
Nach dem Erwachen
las sie das Geschriebene.

Sie lächelte.
»Du hättest nicht
ins Waschbecken pinkeln müssen.
Ich wäre ohnehin nicht
aufgewacht.«

Eigentlich
war mir das klar gewesen.
Ihr Schlaf war
beneidenswert.

Meiner war eher
wie ein Gemälde
von Goya.

Egal.

Das mit dem Waschbecken
machte sich ganz gut in dem Text.
Fand ich. Und das war
die Hauptsache.

In der Zwischenzeit
wichste ich in dieses Waschbecken.
Das macht sich weniger gut
in diesem Text.
(Oder sollte ich sagen: Das
kommt weniger gut
?

Auch egal.)

9. Oktober!

So lange also
hatte ich
das Bett nicht frisch bezogen!

Was bin ich doch für eine Sau.

Man konnte es nicht riechen.
Ich jedenfalls nicht.
Und sonst war ja niemand da.

Aber sie
konnte ich auch nicht mehr riechen.
Alles verflogen…..

Hie & da
noch ein Haar.

Herausgerissen
in der Hitze des Gefechts.
Verloren
im Schlaf.

Blonde Saiten.

Ja – eine Sau.
Schlimmer – eine romantische Sau!

 

 

Der Text vom 09. Oktober


Hau mir ab mit Connie Francis!

Der Fusel verzog sein Gesicht.
Soll heißen: Der Mann verzog sein Gesicht, als
er den Fusel in sich hineinschüttete.
(Immer diese Mehrdeutigkeit
der Sprache! Immer diese Mißverständnisse.)
Eigentlich hätte ich
dieser Mann sein sollen.
Billigen Liebeskummer ersäuft man am besten
mit billigem Schnaps.
Grüner Tee ist da eher nutzlos
& uncool – aber
wäre ich dieser Mann gewesen,
hätte ich keinen Liebeskummer gehabt; dann
wäre der Grüne Tee angemessen gewesen, aber
ich hätte ihn nicht getrunken….
Ach, was weiß denn ich. Es ist kompliziert.
Ich war schon bei der zweiten Kanne; draußen
war es längst dunkel, und jedes Möbelstück in meinem Haus
sah aus, als sei es von IHR berührt worden. Wie ich.
Die leise Rieselmusik aus dem Radio barg die Gefahr in sich,
dass jederzeit das falsche Lied gespielt werden konnte; in
Phasen wie diesen ist es daher gut, wenn Unser Lied
niemals ein Hit war. Das erhöht die Chancen
davonzukommen.
Die Konversation stockte.
Ich hatte ohnehin schon genug gesagt. Eigentlich
habe ich immer das Gefühl, genug gesagt zu haben –
selbst wenn ich schweige. Und da ich
mir ständig widerspreche, sagte ich nun wieder etwas:
»Verdammt, ich möchte auch mal Glück haben. Und
ich meine nicht: im Spiel. Ich hasse Spiele!«
»Du redest wie ein Besoffener«, sagte er.
»Das ist das Gute«, sagte ich, »nach Jahrzehnten
der Sauferei braucht man keinen Alkohol mehr, um
zu denken, zu fühlen & zu reden wie ein Besoffener.
Man hat alle Zustände in sich gespeichert.«
»Na, Herzlichen Glückwunsch.«
»Danke.« Ich stellte die Tasse ab
als sei sie ein leeres Whiskyglas. Das erschien mir
lächerlich. Und daher
passend.
In dem Spiegel, der neben dem Bücherregal hing,
konnte ich nur mich sehen. Ich war allein
in seinem Bild. Und natürlich
kam mir der Gedanke:
Dieses Spiegelbild entspricht der Wahrheit mehr
als die Wirklichkeit.

Alles
eine Sache des
Blickwinkels.
Die Stimme des Mannes, der
ich hätte sein sollen, klang
unsicher.
»Und überhaupt«, sagte er, »das ist doch
alles Quatsch – Glück, Pech, Liebe, Spiel.
Dieses alberne Sprichwort. Glück & Pech kann man
zur Not ja noch auseinanderhalten, aber Liebe
& Spiel

»Du meinst Liebesspiel
»Ich meine gar nichts.«
»Jetzt redest du wie ein Besoffener.«
»Das ist korrekt«, sagte er. Und stellte das Whiskyglas ab
wie ein Whiskyglas. Daraufhin
fing er zu singen an – über das Radiogeriesel hinweg:
»Die Liiieebe ist ein sääältsames Spiieel….«
»Aufhören!«
Er sang noch: »Sie kommt…« Dann verstummte er.
»Oh verdammt«, sagte ich, »hau mir bloß ab mit Connie Francis.
Dies ist nicht der Augenblick für Schlager.«
Er grinste.
Eigentlich fand ich
es auch ganz amüsant. Und in meiner Kindheit
hatte ich dieses Lied durchaus gemocht.
Wahrscheinlich war es für manche Paare
Unser Lied gewesen. Arme Schweine. Auch sie.
»Wart’s ab«, sagte er – plötzlich ganz ernst, »sie
wird zurückkommen.«
»Na sicher.«
»Ja, Mann. Echt, Mann. Denk nur an all die Zufälle, die
keine waren. Ihr gehört zusammen…. selbst wenn ihr
nicht zusammen passt…. Da beisst kein Faden…. also, die Maus….
Ach, du weißt schon, was ich meine.«
»Na sicher.«
»Wahrscheinlich…. wahrscheinlich hat das Ganze sie
unbewusst ein bisschen erschreckt…. & deshalb isse auf
Distanz gegangen…. Wart’s nur ab.«
»Westentaschenpsychologie«, sagte ich, »sehr gut.«
»Na immerhin«, sagte er, »besser als nix. Besser als
Selbstmitleid. Besser als irgendwelche Scheißgedichte, die
alles nur schlimmer machen.«
»Du hast zuviel getrunken«, sagte ich.
»Du auch. Immer schon.«
Grün ist ihre Lieblingsfarbe – fiel mir ein.
Ich schaute in den Spiegel. Ohne mich anzusehen.
Wie oft war Sie an ihm vorübergegangen…..
Lachend. Nackt. Selbstbewusst.
Vielleicht hatte sie ihn berührt. Wie mich.
Ihr Bild hätte darin
gefangen sein sollen. Doch da war
nichts.
Womöglich hatte er recht.
Nicht der Spiegel.
(Immer diese Mehrdeutigkeit der Sprache! Immer
diese Mißverständnisse.)
Nein, nicht der Spiegel –
der Mann, der im Spiegel
nicht zu sehen war.
So wie Sie.

Connie bw


Das Klopfen

Etwas klopfte
irgendwo

gedämpft

& man wusste nicht:

leise in der Nähe

oder

laut in der Ferne

 

laut im Innern

oder

leise im Freien

 

Es klopfte
im Rhythmus des Lebens

im Rhythmus des Vergehens

im Rhythmus des Sterbens

 

Man hätte es auch
Schlagen nennen können

Es klang
wie Dein Herz

die Blutpumpe
im begehrten Körper

& es erinnerte mich

an meine Kreuzigung


Rückkehr

Ich wollte zurückkehren
in die Geliebte

Ich kehrte zurück
in die Einsamkeit

Auch sie –
eine Geliebte

Eine Art
Geliebte

Nur diese
war eifersüchtig

& somit
die einzig wahre

immerdar

immer da


Der Bogen

Etwas
zerschnitt die Luft

krach
end

Es schlug
in ein Gesicht

das anfing
zu bluten

Ein Pfeil
fiel kraftlos zu Boden

Ein Ziel
wurde nicht getroffen

Sehnen
Spannung
Riss
Verfehlung
Verletzung

Etwas
zerbrach

Krach
End


Wie eine Uhr

Ich gehe
nach

wie eine Uhr

die auf
zu
ziehen

Jemand

Vergessen

hat

 

Der Zeit

gehe ich nach

Hinterher
gehe ich
ihr

wie einer Geliebten
die flieht

vor
mir

 

Sie geht
weiter

ist immer

weiter
als ich

Ich bin

ihr

gleich
gültig


gleich zeit ich

Ich will leben
& sterben

gleich
zeit
ich

Oh, Moment –
das tue ich
ja

wie
Alles
Andere
auch

Nichts
hat eine

Wahl


Der Fußabtreter

Das abgegriffene Bild
des Herzens

ich würde es gerne
ersetzen
durch etwas Neues –

Anderes.

Andererseits:
was wäre abgegriffener
als der Gegenstand selber
für den das Herz steht?

Das Gefühl.

Immer wieder:

ergriffen
angegriffen

& oftmals:

unbegreiflich.

Also
(in platten, abgegriffenen Worten):

Ich legte Dir
mein Herz
zu Füßen.

Du hieltest es
für einen Fußabtreter.

Immerhin:
ein anderes Bild –
zur Abwechslung.

Wenn auch
kein Neues.

Egal.

Etwas liegt
am Boden.

Ein Gefühl.

Und das Herz
mag
stehen
bleiben.


Die Kontrolle

Wer die Kontrolle über sich
für immer behalten will,
sollte nicht lieben.

Wer die Kontrolle über sich
immer behält,
kann nicht lieben.

Wer die Kontrolle über alles
liebt –

sollte an mir vorübergehen.

Denn ich verliere
die Kontrolle
über mich

gar zu gern

& gar zu leicht.


Die Traurigkeit der Kassiererin

Da wartete ich nun also auf ein Taxi
an einem Herbstmorgen vor Sonnenaufgang.
Mit meinem Kuchen in der Hand –
Puddingstücke mit zentimeterdickem Schokoladenguss,
Käsequader mit Mandarinen; ein großes,
schweres Päckchen.
(Gleich neben dem Hotel, in dem ich aushilfsweise arbeitete,
gab es eine Bäckerei.)
Das Taxi kam, ich stieg ein.
»Na, Feierabend?« sagte der Fahrer.
»Endlich«, sagte ich.
»Und Sie haben mir Kuchen mitgebracht; das ist aber
nett.«
Kurzes pflichtgemäßes Lachen meinerseits.
»Das ist mein Ritual nach der Nachtschicht«, sagte ich –
»ins Bett, einen Film gucken & dabei Kuchen essen.«
»Ja«, sagte er, »solche Rituale braucht man. Ich trinke
2, 3 Bier nach der Arbeit.«
Ich sagte nichts. Dachte an mein kaputtes Auto. An die
Fleischbatzen, die ich aus dem Motorraum geklaubt hatte.
An den Gestank des Blutes. An den
erschrockenen Blick aus schwarzen, geweiteten Augen.
An das späte Rendevouz auf der Autobahn – ohne Fernlicht,
bei 140 km/h. Es würde nie erwachsen werden – dieses
Reh.
»Trinken Sie gar nicht?« fragte der Fahrer.
»Nein«, sagte ich, »nicht mehr.«
»Also – 2, 3 Bier nach der Arbeit finde ich ok«, sagte er, »oder
ein Glas Wein zum Essen.«
»Klar«, sagte ich.
»Ich hab nen Kumpel – bei dem geht unter 3 Flaschen Wodka am Tag
gar nix. Oder 2 Flaschen Bacardi
Ich fragte mich, warum er ausgerechnet mit mir über dieses Thema sprach.
Wie isser nochmal darauf gekommen? Ach ja, der Kuchen.
»Na, so viel hab ich nicht geschafft«, sagte ich, »aber zuviel war’s auf
jeden Fall; nach einem Glas Wein zum Essen kann ich nicht aufhören.«
»Ach, das kenne ich. Ihnen fehlt diese Grenze im Gehirn, die sagt: Genug!«
Diesmal verkniff ich mir das Lachen.
»Ja, so ungefähr.«
»Bei mir ist das so mit dem Essen. Deshalb bin ich so dick.«
Ich fand ihn nicht besonders dick; aber allzu genau hatte ich ihn mir auch
nicht angeschaut.
»Immerhin«, sagte er, »ich zwinge mich dazu, am Tag nicht mehr als
1 Stück Schokolade zu essen. Aber dieses 1 Stück
muss sein.«
»Und ich zwinge mich dazu, nicht mehr als 1 Tafel am Tag zu Essen, neben
all den anderen Süßigkeiten.«
Er lachte. »Sieht man Ihnen nicht an.«
Über das Rauchen sprachen wir auch noch. Er rechnete mir vor, wieviel
ihn das im Monat kostete.
»Mit dem Rauchen habe ich zur selben Zeit aufgehört wie
mit dem Trinken«, sagte ich.
»Sie werden mir langsam unheimlich«, sagte er.
»Ja«, sagte ich, »unheimlich langweilig.«
Endlich waren wir angekommen.
Ich zahlte den ausgemachten Preis. (Personalfahrt
nennt sich das, ein Abkommen zwischen dem Hotel &
dem Taxiunternehmen. Trotz des Nachlasses
lohnte es sich für mich kaum, überhaupt
zu arbeiten. Busse aber fahren um diese Uhrzeit nicht
in das Kaff, in dem ich wohne.)
»Heute Abend wieder?« fragte der Fahrer.
»Ja«, sagte ich. –
Eigentlich war ich
nach dem ersten mächtigen Puddingstück
bereits satt.
Doch ich aß all die anderen Stücke auch noch.
Genüßlich im gemütlichen Bett.
Ja – im Grunde hatte ich den Alkohol
durch Süßigkeiten ersetzt. (Und dabei
10 Kilo abgenommen.)
Als der Film zuende war,
dauerte es noch lange
bis ich einschlafen konnte.
Schwerer Magen, schwerer Kopf.

Schließlich
fand ich mich wieder
in einem geträumten Supermarkt.
Draußen war es kalt gewesen – doch hier
war es warm. Ich stand vorm Ausgang,
schaute hinaus durch das Glas
der Tür – auf einem Schild der Schriftzug:
Real
neben mir ein Einkaufswagen
voller Flaschen.
Ich hielt eine Flasche Wermut in der Hand.
Trank daraus. Erst vorsichtig. Dann
in großen Schlucken.
Bittersüß.
Irgendwann wandte ich mich um –
der Supermarkt war beinahe menschenleer; wie
kurz vor Schluss…..
Nur eine einzige Kasse war besetzt.
Die Kassiererin sah mich an – als
hätte sie mich schon die ganze Zeit über
beobachtet.
Ich fühlte mich
mit ihr allein.
Fühlte mich
allein
unter ihrem intensiven Blick.
Aus schwarzen, geweiteten Augen.
Bittersüß.
Hatte ich nicht bezahlt?`
Doch. Das hatte ich. Ob
gleich ich es nicht geträumt hatte.
Und sie sagte
über die Distanz hinweg:

»Sie wissen, warum
ich traurig bin.«

Augen
blicklich
erwachte
ich.

Verwirrt.
Mit Herzklopfen
& dem Geschmack von Wer
mut im Mund.

Ein Traum.
Ein Traum!
Nur ein Traum.

Un
fass
bare
Er
leicht
er
ung …..

Beinahe
war ich glücklich

in diesem Augenblick.

Denn – ja,
ich hatte gewusst, warum
sie
traurig gewesen
war.


Gläserne Vasen

Dieser seltsame Raum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Tag
träumen

Ein fensterloser Raum
voller Regale
denen die Rückwände fehlten

Regale
die seine innere Leere zer
teilten

kreuz & quer

in regel
lose Ab
schnitte

In den Regalen
Nichts
als Vasen aus farbigem Glas

Bunte Gefäße
ohne In
halt

Überall
Reflexion & Brechung
des Kunstlichtes

Er unterlag nicht
der Illusion
seine Träume zu beherrschen
nur weil es Tagträume waren

Gedanken
Spiele

Frauen
traumwandelten durch den Raum

spielerisch

als hätten sie
etwas ver
standen
das er nicht be
greifen konnte

Er war er
griffen
von ihrem Anblick

Tag für Tag

Maskierte Gesichter
nackte Körper

Verhüllte Körper
entblößte Gesichter

Wesen
die niemals
Etwas
sagten

Wesen
die un
auf
hör
lich
Nichts
sagten

Dieser seltsame Traum
den er Tag für Tag betrat
in seinen Räumen

Räume
deren Fenster
verhangen waren

Eines Traumtages
so glaubte er
würde eine Vase aus farblosem Glas
in einem der Regale stehen

& sein Blick
würde fallen

durch das Glas
durch die Leere
durch das Nichts

auf eine Frau
ohne Maske
unverkleidet & nackt

Ihr Anblick
leicht verzerrt
durch das gekrümmte Glas

in dem er selber
sich spiegelte

Gebrochene Augen
blicke

in künstlichem Licht

& Sie
würde Etwas sagen

von dem er nicht ahnte
dass er es
sich

erträumt hatte


Ausgeschlossen oder nicht

Ich
war nicht
ausgeschlossen.

Sonst
hätte es mich
nie gegeben.

Ich
war eine
Möglichkeit.

Deshalb
gab es
mich.

Als es mich gab
war ich

irgendwo
da draußen.

Aus
geschlossen.


Ärsche

Erst
hielt sie ihren Arsch hin.
Dann
hielt sie mich hin.
Als
wäre da kein Unterschied.
Nun
gut – geil waren wir
beide.

Ein An
blick……

Ein Zu
stand……

Sie: ein Ziel.
Ich: eine Sehnsucht.

Erst
hielt sie sich hin.
Dann
hielt sie mich hin.

Die Muse
die tropfend auf mir gesessen hatte

als wir uns kaum kannten.

Wir lernten
uns kennen…..

Kamen
uns abhanden.

Denn
Nichts lässt sich
halten

so
lange
man will.

Nichts hält
was es ver
spricht.

Irgendwann
nach dem Ver
lust
kommt das Ver
siegen.

Und dann
fällt mir

Nichts

mehr


Gedächtnislos

Gedächtnislos
möchte ich sein
in Nächten wie diesen

da nur die schönen Erinnerungen
zu existieren scheinen

Ein schmerzvoller Kontrast

Bilder
die nicht
in den hässlichen Rahmen der Gegenwart passen

Bilder
die aus dem Zeitrahmen gefallen sind

Gedächtnis
Los

Aber nein

Nichts ist verloren
in mir

Nichts ist verloren
außer mir


Noch’n Gleichnis

Das Hundehalsband hatte Stacheln.
(Falls man etwas, das abgerundet ist,
Stachel nennen darf.)
Außerdem war es konstruiert wie
eine Schlinge – zog das Tier, oder
zog der Mensch, zog es sich zusammen.

Der Unterschied – ein Unterschied
zwischen unserem Vater & uns Kindern war:

Er
legte dem Hund das Halsband an,
wie es sich gehörte.

Wir
drehten es herum – Stacheln nach außen;
und durch einen kleinen Trick
setzten wir die Würgevorrichtung außer Kraft.

Der Vater war stark.
Er hätte den Hund ohnehin halten können.

Wir Kinder waren schwach.
Wir hätten den Hund niemals halten können.

Ich spüre noch heute
den Schmerz in den Knien;
das Brennen der dreckigen Wunden….

nachdem der Hund mich mal wieder
hinter sich her geschleift hatte.

Halsband


Furchtbar banal

Wäre am Anfang so wenig wie
am Ende – wäre
Alles in Ordnung.

In welcher Ordnung auch immer.

Doch am Anfang ist
mehr.

Mehr
von
Allem

was gut ist –

& nichts von dem
was weh tut.

Vergessen wäre gut
am Ende.
Doch statt des Vergessens kommt das

Vergleichen.

Was war….
Was ist….
Was bleibt….

Ich weiß,
das ist alles
furchtbar

banal.

So
wie irgendeine x-beliebige
Liebesgeschichte.

Aber – genau
deshalb kam ich ja
darauf.

Jemand rammte ihr einen Spaten in den Zeh.
An dem Abend, bevor sie zu mir kommen wollte.
Das war auch so eine Art
Anfang.

Von
irgendeinem
Ende.

Und außerdem
eine ganz andere
x-beliebige

Geschichte.


Tropfen in der Finsternis

Etwas
tropfte auf den Boden
in der Finsternis

,,,,,,,,,,

In welcher Entfernung
konnte man nur schätzen

,,,,,,,,,

Die Richtung
glaubte man zu erkennen
durch konzentriertes Lauschen

,,,,,,,,

Was
war es?

,,,,,,,

Ein Sekret
vielleicht

Eine Flüssigkeit
auf jeden
Fall

Blut
Schweiß
Pisse
Sperma
Eiter?

,,,,,,

Zu viele
Gerüche vermischten sich
in der Finsternis

,,,,,

Verletzungen
Lust
Tod

,,,,

Eine nicht sichtbare Lache

Vielleicht nur Wasser

,,,

»Koste doch«, flüsterte eine un
vertraute Stimme – im Takt
der Tropfen

Die tickenden Tropfen
der verfließenden Zeit

,,

Die Orientierung ging
verloren

im Raum

,

Ein weiterer Ver
lust

ohne
Be
deutung

.


Nichts & Niemand

Niemand
sah ihr ähnlich

Überall
erkannte ich
nur Unterschiede

Nichts
hatte etwas mit ihr zu tun

Nirgends
hörte ich
eine Stimme wie ihre

Nie
war sie irgendwo

irgendwie nirgendwo

Und doch

Alles & Jedes
erinnerte mich

immer

an
SIE


Trockene Luft

Die orangenen Lämpchen der Radiatoren leuchteten.
Hinter ihren heißen Rippen gab es keine Frau,
die sang: »In heaven everything is fine«.
Wie in jenem Film.
2 Räume waren beheizt.
Die anderen: kalt.
Der Flur: kalt.
Temperaturunterschiede – als sei
Drinnen: Drinnen & Draußen zugleich.
Nacht.
Wie immer.
Aus der beheizten Einsamkeit des Schlafzimmers
ging ich in die kalte Einsamkeit der Küche, um
eine weitere Flasche Wasser zu holen.
Sah: die nackten Beine, die ich
vorm Tiefkühlfach fotografiert hatte……
& die nun fehlten – sah sie
in mir.
Ich brauchte keine Fotos.
Meine Kehle war so trocken
wie der Humor eines guten Bestatters.
Ich ging zurück, legte mich wieder hin, trank.
In der künstlich erzeugten Wärme –
der verwüsteten Luft.
Erinnerungsoasen schwitzten in der Einöde……

Hochsommer
Die Frau geht meine Kellertreppe hinauf
In einem Jeanskleid
Ich hinter ihr – unter ihr
»Ich bin schon wieder ganz nass«, sagt sie, »fühl mal.«
Sie bleibt stehen
Ich fasse unter das Kleid, unter dem sie
nichts trägt….
»Ja«, sage ich
»Weiter vorne«, sagt sie
»Oh ja«, sage ich
Wir lachen
»Was machst du nur mit mir?«, sagt sie
»Nichts«, sage ich

Nichts.
Luft, Lust, Trockenheit, Nässe.
Nichts bleibt.

2 Räume waren beheizt.
Ein kalter Flur dazwischen.
Orangene Lämpchen in der Nacht.
Auf dem Nachttisch: ein Bleistift.
Für den Fall, dass mir etwas einfiele.
Und ein Radiergummi.
Für den Fall, dass…..
Ein leichtes Stechen in der Brust; ein
stetiges Schlagen….
Hinter den Rippen gab es eine Frau.

Eine Frau, die
sang…..


Der rote Regenschirm

Die Nacht lag
auf dem Kopfsteinpflaster
& glänzte schwarz
in den Spuren des vergangenen Regens.
Ein Wagen fuhr durch die Gasse, wo
nur ich passierte.
Als ich an einer Laterne vorüberging,
wurde er langsamer.
Ein Seitenfenster glitt abwärts –
ein roter Regenschirm
wurde aus der dunklen Öffnung geworfen & fiel
auf den Gehsteig.
Unaufgespannt lag er da.
Der unsichtbare Fahrer gab Gas,
und ich blieb
allein
zurück.
Mit dem Schirm.
Ich hob ihn auf & drückte
seinen Knopf.
Er öffnete
sich –
weil er es musste.
Der Stoff war voller Löcher.
Löcher unterschiedlicher Form
& Größe.
Ich schloss ihn wieder.
Nahm ihn mit
nach Hause.
Dort
fragte ich mich, was
das Alles
zu bedeuten habe.
Und kam
zu keinem
Schluss.


Von der Mühe

Und jede Nacht versuchte ich
mir Wut & Traurigkeit aus dem Leib
zu wichsen.

Was die Wut betraf,
gelang es mir –
für einige Zeit.

Die Traurigkeit
blieb
& wuchs,

da sie
wo
anders war.

Die Nähe
der Muse
war in die Ferne gezogen.

Nur ein paar Worte
blieben
zurück.

Und die Einsamkeit sang
das alte Lied:

Von der Mühe, die man sich gibt, um
etwas zu bekommen –
bleibt nichts übrig, um
es zu halten.

Dabei möchte man doch
gehalten werden.

Nur nicht
für dumm.

Und schon gar nicht
für selbst
verständlich.


Der Horror des Lobes

Da war sie wieder –
die Resonanz.

Ein Lob
für etwas
Altes,
Vergangenes.

»Das ist einer deiner besten Texte.«

Ich erinnerte mich
nur dunkel.

Vermutlich
hatte ich ihn im Vollrausch geschrieben.
Wie so viele
damals.

Das Lob war
wie die Bestätigung
meiner Befürchtungen…..

Die Nüchternheit
ist nicht gut für dich & deine Schreiberei…..
Du solltest wieder anfangen
zu saufen…..
Egal
ob dir das bekommt
oder nicht….

Lob
bekommt mir nicht.

Oh, Moment –
Lob bekommt mir nicht?

Warum
sollte ich also wieder anfangen zu saufen,
nur um welches zu bekommen?

Von mir
oder
von Anderen….

Ich mag diese
absurden Widersprüche.

Und im Moment habe ich
so
wieso
keinen Durst.


Shuffle

Unterwegs.
Irgendwo.
Egal wo.

Ich höre
Musik.

Es läuft
eine Wiedergabeliste
im Shufflemodus…..

Die Liste
ist immer länger geworden,
angewachsen
über viele Jahre hinweg.

Und sie wächst weiter.
Stetig.

Mit halbem Gehirn höre ich
die Musik…..

Mit der anderen Hälfte versuche ich
das Muster des Zufalls zu erkennen.

Es muss eines geben.

Ich weiß, das es eins gibt –
denn als die Liste kürzer war,
fand ich es heraus….

immer wieder.

(Oder war es Zufall –
ein anderer Zufall, der mich glauben ließ,
es herausgefunden zu haben?)

Unterwegs.
Irgendwo.
Egal wo.
Im Leben.

Ich versuche,
das Muster zu erkennen.

Sollte ich es finden
– durch Denken oder durch Zufall -,
werde ich wissen,
was als Nächstes kommt.

Was
am Ende
kommt,
weiß ich
ohne
hin.


Traumhaft

Ich träumte
von Enttäuschungen.

Dann
erwachte ich.

Und die Wirklichkeit war

traumhaft.


Asche zu Asche

Solange
ich brenne

hast Du

Licht –

im Dunkel

Wärme –

in der Kälte

Knistern –

in der Stille.

 

Solange
ich brenne

nähre ich die Flammen

die Du

entfacht hast.

Was übrig bleibt

von mir
von Dir
von uns

ist –

immer
dasselbe.

Liebe & Tod…..

Asche zu Asche.


Die vergessene Frage

»Das wollte ich nicht«, sagte die Frau
im Traum des Mannes.

Der Mann erwachte
& fragte sich:
Was hat sie gemeint?

Etwas
das er sich erträumt hatte?

Etwas
das geschehen war
in der ungeträumten Wirklichkeit?

In der Wirklichkeit
konnte er sie nicht fragen.
Sie hätte ihn für verrückt gehalten –

sofern sie existierte.

Vielleicht hätte sie sogar geleugnet,
je in seinen Träumen gewesen zu sein.

Lange Zeit
lag er wach & grübelte;
wünschte sich –

wieder einzuschlafen.

Als es ihm endlich gelang,
musste er sie lange suchen.

Als er sie endlich fand,
hatte er die Frage vergessen

in der Wirklichkeit.


Das Albtraumhaus

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Versteckt
in einem verwilderten Garten;
umrankt von

Phantasien
Ängsten
& Faszination.

Meines lag am Ende der Straße,
das eigentlich kein Ende war – nur
eine Biegung, wo die Straße einen anderen Namen bekam.
Kaum sichtbar war es,
hinter Hecken, die hinter einem verfaulten Zaun wucherten,
hinter Bäumen, die so gigantisch waren, wie sie es nur
in der Kindheit sein können.

Wir Kinder wussten
nicht, wessen Adresse dies gewesen war.
Unsere Vorstellungen lebten darin.
In kahlen kalten Räumen voller Staub
& huschendem Getier; in der Geräuschkulisse
der raschelnden Blätter, die der Wind durch die zerbrochenen Fenster
des oberen Stockwerks ins Innere geweht hatte.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück.

Das Gartentor knarrte & quietschte wie ein antikes Klischee.
Wege waren Vergangenheit; Alles war
überwachsen.
Ein umgekippter Teich trübsalte stinkend unterm Algenteppich;
ich erzählte eine Geschichte von ruhelosen Toten, die
unter dem Garten wohnten, man müsse nur
in den Teich springen, um sie zu besuchen.
Die Anderen lachten
mit Gänsehäuten.

Einer Frau aus Stein fehlte das halbe Gesicht.
Alles wirkte wie erfunden.
Und war doch greifbar.

»Gehen wir rein?« fragte einer.
Er meinte das Haus.

Groß & grau & verwittert
schien es lebendiger
als die Natur ringsum.

Die unteren Fenster waren mit Brettern vernagelt.

»Es könnte einstürzen«, sagte ein anderer.

Eine ausladende Treppe führte einige Stufen aufwärts
zum Eingang. Niemand wollte ein Feigling sein. Das
Geländer war zerbrochen. Ein Trauerflor
aus schwarzem Schimmel hatte sich über die Ränder der Tür
gebreitet. Ein großes Netz reichte vom Türknauf aus Schmiedeeisen
bis zur Ecke des Rahmens links oben; gelb & schwarz gestreift
hing die Spinne in ihrer Vorratskammer.

»Das ist eklig«, sagte ichweißnichtwer. »Ich geh da nicht rein.«

Niemand wollte ein Feigling sein.
Und doch sagte niemand etwas
dagegen.

Und selbst wenn wir es gewollt hätten,
wären wir nicht hineingekommen –
redeten wir uns ein.

Nur ein einziges Mal
betraten wir das Grund-
stück

in der Wirklichkeit.

Wie oft
ich in meinen Träumen dort war,
kann ich nicht sagen.

Nachts blickte ich in die Innenräume,
denn nachts steckte immer ein Schlüssel im Schloss;
oder die Tür war angelehnt &
das Netz zerrissen.
Ich fühlte, die Spinne war da –
aber ich sah sie nicht.
Das Herz schlug
wie eine wahnsinnig gewordene Uhr,
und manchmal ahnte ich,
dass Bela Lugosi im Nebenzimmer auf mich wartete.

In jeder Kindheit
gibt es ein verlassenes Haus,
in dessen Nähe man wohnte.

Doch
nicht jeder weiß davon.

Nicht jeder träumt davon.

Niemals
wird das Haus, in dem ich heute lebe, so sein
wie dieses Haus meiner Kindheit.

So schön,
so verborgen,
so geheimnisvoll.

Aber es wohnen Menschen in meiner Nähe,
die es für verlassen halten.
Für unbewohnt.

Und das ist schön.

Vielleicht
träumt irgendwo
ein Kind
von meinem Haus;

träumt sich hinein
in meine Räume.

Vielleicht
ist es gerade
hier

irgendwo.

Und ich
bin die Gestalt
im Nebenzimmer.


Der Fluchtpunkt

Wenn ich wüsste, wo
der Mittelpunkt
sich befindet,

in dem
so Viele
gerne stehen,

würde ich

bewusst

mich von ihm
entfernen.

Doch
ich muss es gar nicht wissen –
denn

unbewusst

habe ich mich
schon immer
zurückgezogen

an den Rand.

 

Der Mittelpunkt
ist eng
ist klein,

der Rand
ist weit
& groß.

Der Mittelpunkt,
um den sich alles dreht,
ist wie das Loch einer Schallplatte….

ein stillstehendes Nichts.

Der Rand
ist in Bewegung.

 

„Er lebte sehr zurückgezogen“,
lautet mein Lieblingssatz in Biographien.

Und am liebsten
würde ich so zurückgezogen leben,
dass nicht einmal jemand ahnt,
wie zurückgezogen ich lebe.


Die Versetzung

Du hast mich

versetzt.

In Dich hinein.
Ich versetze Dich.
In mich.
So sind wir
Wir.
Immer
in
uns.
Zusammen.


Stille Bewegung

Sei still.

Bewege
dich
nicht

von
der Stelle.

Dann
finden dich

vielleicht

die Worte

die bewegen.


Wie ein Gedicht

Hoffnung
muss man aus
wendig
lernen.

Wie
ein Gedicht,
das einen durchs
Leben
begleitet.

Für die
dunkelsten Momente –
in denen man
sie & sich
längst aufgegeben hat

& nur noch auf
das Erinnerungs

Vermögen

Verlass ist.


Schuhe

Niemals
sah sie ihn

in Schuhen

Niemals
traf sie ihn

im Freien

Niemals
schien die Sonne

zur selben Zeit
auf sie beide

Sie
trafen sich
in Innenräumen

Träumen

unter Decken

zwischen Wänden

Mauern

im künstlichen Licht

Ungeschützte Schritte
im Schutz des Innern

Und
wenn sie sein Haus betrat
zog sie

als erstes
ihre Schuhe
aus

Und
er betrachtete sie

Und
barfuß gingen sie
gemeinsam

in
einen anderen
Raum

im Inneren
frei


Die Ratten warten auf uns

Vergiss nicht:
Wir haben noch eine Verabredung
unter der Brücke jener Stadt
die mir fremd ist
& die Du
schon kennst.

Wie wir darauf kamen?

Wir betrachteten ein Foto –
diese Brücke
bei Nacht
im Schein des Laternenlichts
romantisch & schön….

Und Du sagtest:
Da war ich schon mal….
Es gibt unheimlich viele Ratten
unter dieser Brücke.

Und ich sagte:
Ich habe nichts
gegen Ratten.

Und so
machten wir es
aus –

wir
würden dorthin
reisen

gemein
sam

uns trennen um

uns
zu treffen
unter der Brücke

uns halten
uns küssen
uns lieben

den Geräuschen der Ratten lauschen
& das Glitzern der Nacht in ihren Augen betrachten

Vergiss nicht:

Die Ratten warten

auf uns.