Archiv der Kategorie: Gedichte/Texte

Die Vermisstenanzeige

Die Vermisstenanzeige spare ich mir;
die Suchtrupps sollen zuhause bleiben &
es sich gemütlich machen;
es gibt keine Spürhunde für das, was
mir längst nicht mehr fehlt.
Abgesoffen in einem umgekippten Tümpel;
versunken in Moor oder Treibsand;
verbuddelt in gefrorener Erde.
Entlaufen, entführt, verirrt? Egal.
Eine Suche, die nicht begonnen wird,
kann nicht eingestellt werden.
Das gefällt mir.
Glück, Liebe, Erfolg, Ruhm….
Ich bin zufrieden.
Friede meiner Asche.
In allem kann ich sehen, was
eigentlich nicht da ist. Das Gesicht
in der Maserung; die Tiere am
Abendhimmel; die Augen im
Schaum.
In der Wasserflasche könnte Gin
sein. Also macht mich ihr Anblick
zufrieden.
Die Vermisstenanzeige spare ich mir.
Nichts wird eingestellt.
Nichts wird aufgegeben.


Der gefrorene Schrei

Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Phantomschmerz

Ihm fehlten die Unterschenkel.
Er saß auf einem kleinen Kissen
vor dem Schaufenster mit
Geschenkartikeln. Die Sonne schien.
Ich las nicht, was auf der Pappe stand, die
er sich vor die Brust hielt. Ich
ging vorüber. Nur wenige Münzen
lagen in der Schachtel, die er
neben sich hatte. Ich ging weiter. Weiter.
Grübelte, wie er dort hingekommen sein mochte.
Es gab nur ihn, das Kissen, das Schild &
die Schachtel. Kein Fortbewegungsmittel.
Ich ging weiter.
Plötzlich, sehr plötzlich taten mir die
Füße weh. Meine Waden schmerzten.
Wie ein inneres Brennen, das von
unten her bis zu den Knien loderte.
Ich ging weiter.
Schwerer & schwerer wurden die
Schritte. Das Brennen heftiger.
Die Gefäße pochten. Pochten.
Pochten. Tritte von innen. Ich
blieb stehen. Bückte mich; hob
ein Hosenbein etwas an ……
Schwarz pulsierte das Fleisch;
eine stinkende Masse. Panik. Ich
schrie auf. Hob das andere Hosenbein
an …. Schwarz pulsierte das stinkende
Fleisch auch dort.
Ich schrie um Hilfe. Niemand beachtete
mich. Niemand schaute in meine Richtung.
Passanten passierten. Ich stand dort,
sekundenlang, minutenlang …..
In der kreischenden Einsamkeit.
Zurück! riefen meine Gedanken.
Zurück zu der Stelle, wo er ……
Schwer & langsam ging ich; setzte
einen Schmerz vor den andern. Stützte
mich an Fassaden ab. Zurück.
Zurück. Ich fühlte meine Unterschenkel
schmelzen; glaubte, kleiner zu
werden. Weiter weiter. Zurück.
Stinkende Schritte, pulsierende Panik.
Schon aus der Entfernung sah ich – dass
er fort war. Er war fort. Das Kissen
war noch da. Die Schachtel war noch
da. Die Pappe war noch da. Die Sonne
war noch da. Ich näherte mich.
So langsam. So schmelzend. So schrumpfend.
Ich verlor meine Schuhe. Achtete nicht darauf.
Weiter. Endlich kam ich an, ließ mich auf das
Kissen nieder. Streckte die Beine aus.
Der Schmerz wurde unerträglich. Ich
wußte, was passieren würde.
Noch einmal schrie ich um Hilfe.
Alle gingen vorüber. Alle gingen weiter.
Ich las, was auf der Pappe stand, die neben
mir am Boden lag. – – –
-SCHULDIG IN NOT GERATEN –
Ich nahm es & hielt es mir vor die Brust.
Warum ich? – Alle waren vorüber gegangen.
Kaum jemand hatte sich um ihn gekümmert,
nur die wenigen, deren Münzen noch immer in
der Schachtel lagen.
Warum ich? Warum ich?
Ich starrte auf meine Hosenbeine.
Da lag die Logik. Verwesend.
Ich wußte, ich würde viel Zeit haben,
darüber nachzudenken – – –


Behauchtes Glas

Du hauchst auf Glas
& schreibst Gedichte in deinen Atem

Ich puste darauf
& sie verschwinden in Luft

Ich atme sie ein
& sie überleben in
mir


Das originelle Lächeln

Da ist dieses originelle Lächeln
der schiefen Zähne

Interessant &
inspirierend

Doch dann
kommt die Zahnspange

des Konformismus

Die Zähne werden
erzogen

& das Lächeln
wird langweilig

Gerade &
genormt


Ein Reagenzglas

Manchmal bin ich nur
ein Reagenzglas

Chemie
sonst nichts

Ich re
agiere

erhitze mich &
schäume über

oder ich

erkalte &
beschlage mich

oder ich

explodiere
splitternd

Dann kann man sich
an mir schneiden


Der Leichenkeller

Und irgendwann trägt man seinen eigenen
Keller mit sich herum
Einen Keller voller Leichen
mumifizierte Gefühle
skelettierte Lieben
unkenntlich
oder längst zu fast Nichts
zerfallen
Schritte werden schwerer
klingen unterhöhlt
Man jongliert mit Knochen
würzt die Gegenwart mit Leichenstaub
& hofft auf die
Auferstehung
der
Vergangenheit

oder auf die
Geburt
der
Zukunft


Der Wolf & das Kätzchen

Als der alte graue Wolf sich in die
kleine schwarze Katze verliebte
ahnte er bereits, dass er sich
lächerlich machen würde
Vielleicht nicht vor der Welt
die ihm gleichgültig war
aber vor sich selbst
Er hatte sich verlaufen
hatte sie außerhalb seines
Reviers kennengelernt
in einer Umgebung die ihm
unwirklich erschien
Sie hatte Angst vor ihm
& schnurrte dennoch
strich um ihn herum &
ließ sich das Fell von ihm
lecken
Irgendwann sagte das Kätzchen:
„Ich liebe Dich“
& der Wolf glaubte es
Der Wolf kannte nicht viel
außerhalb seines Reviers
aber das Kätzchen kannte
noch weniger
So selten hatte es sein
Körbchen verlassen
Sie glaubten sich gegenseitig
& sie glaubten sich selbst
In diesen Momenten
Als die Zweifel noch andere
Wege gingen
Sie veränderten sich beide
Der Wolf bekam etwas Katzenhaftes
Die Katze etwas Wölfisches
Im Innern des Wolfes schnurrte es
stumm
Im Innern der Katze heulte es
stumm
& sie fühlten sich fabelhaft
weil sie glaubten einander zu ähneln
Der Wolf vergaß wie ein Wolf aussieht
Die Katze vergaß wie eine Katze aussieht

Bis der Kater ihren Weg kreuzte
Der kleine Kater der dem Kätzchen
auf Augenhöhe begegnete
Sie beschnupperten & beschnurrten
sich gegenseitig &
die Katze wusste
es würde einfach werden
& sie sehnte sich nach Einfachheit
Sie legte das Wölfische ab
wie ein Schmuckstück das sie
plötzlich für wertlos hielt

Der Wolf behielt das Katzenhafte
Er trug es weiter in sich &
also verstand er den Kater &
konnte ihm nichts antun
Er ging zurück in sein Revier
schüttelte den Kopf über sich selbst
& fragte sich immer wieder:
Wie sieht ein Wolf aus?
Wie sieht ein Wolf aus?


Höllenbeben

Zerstossene Erdensplitter
Dasein aus Unglück & Verzweiflung
zerrieben & gesiebt in den lavaspuckenden
Vulkan

ausgespuckt &
aufgefangen als
Talent

manchmal als
Genie

im Netz der
Hölle

Glut & Lava

& dann

das Höllenbeben

das alles wieder zusammenfügt
in seiner Erschütterung

zu bekannten Mustern

zu dem Ursprung
des gewöhnlichen Lebens

zu dem Ursprung
der Langeweile

zu dem Ursprung
der Talentarmut

Schade um die Toten

Schade um die Verschütteten

um die Versteinerten

Schade um die
die in Langeweile &
Glücklichsein

überleben


Die einfachsten Cocktails

& dann gehe ich an meine Hausbar
& sage : „Hey, wir Flaschen sind wieder unter uns.
Wir kennen uns, ihr schillernden Schätzchen.“

& mit den Cocktails ist es wie mit so vielem
anderen im Leben :
Das Einfachste ist oftmals das Beste

2 Tropfen Wermut
& ½ Flasche Gin

Das ist klar
Das geht klar

Weg mit den bunten
Komplikationen

Fort mit den Schnörkeln

Noch einfacher :
Vodka pur

aus Russland

klar wie die Sätze
der
russischen Literatur

Ваше здоровье!


Eine knappe halbe Stunde

Keine halbe Stunde mehr, dann
muss man wieder zur Arbeit.
Zur Arbeit, die einen abhält vom
Wahren. Vom Leben.
Vom Wesentlichen.
Aber Fressen muss man, trinken
muss man, warm muss man’s haben.
Auch das ist Wesentlich.
Keine halbe Stunde mehr ….
Was macht man in dieser kurzen
Zeit? Etwas Wichtiges lesen?
Etwas Wichtiges schreiben?
Ficken oder sich einen runterholen?
Nochmal aufs Klo gehen?
Verdammt, man überlegt, was man
mit diesem kleinen Happen Zeit
Sinnvolles tun könnte; und im
Hinterkopf klingelt eine Stechuhr.
Und man tut nichts nichts nichts ….
Und dann muss man auch schon
los.


Der verkaufte Tod

Schon als Kind bist Du
vom Tod umgeben
Aber man verkauft ihn Dir
als Freiheit

„Dein Hamster? Er ist
entlaufen; die Wohnung war ihm
zu eng. Jetzt läuft er durch die
Welt & er freut sich.“

„Dein Fisch?
Das Aquarium war so klein….
Wir haben ihn im See
ausgesetzt. Er schwamm so
glücklich davon.“

„Dein Vogel?
Ach, sieh Dir doch den Käfig an.
Wärst Du froh, hinter Gitterstäben zu leben?
Der Piepmatz flog durch Türchen & Fenster
in den blauen Himmel.“

Ahhhh!
Alles atmet tief die Freiheit

Und dann –
Du bist immer noch Kind &
wirst es vielleicht immer bleiben –
Siehst Du das
was einst geliebter Mensch war

Du riechst die Chemie des Todes
Du siehst die Enge
die übrig bleibt
Den zugebundenen Kiefer

Das Nichts ist kein Aquarium
Das Aquarium ist ein Universum verglichen
mit dem Nichts

(hattest Du eines Morgens Blutschleier hinter dem Glas
entdeckt?)

Gitterstäbe
sind der Schmuck
den man dem Leben anlegt
solange es lebt

Wohnungen
sind so eng oder weit
wie Dein Geist ist

Dein Geist

solange

er

lebt


So oder so

Wahlloser Griff in die Küchenschublade
Ich brauche ein Messer
Etwas will geschnitten werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem schneiden
Das Messer das ich erwischt habe
durch Zufallsgriff
Ist es scharf oder stumpf?
Ich werde es merken wenn ich
es benutze

Irgendein Tag
wahllos aus dem Kalender gegriffen
Etwas will verstanden werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem verstehen
In welcher Verfassung ist mein Verstand
heute an diesem Zufallstag: stumpf oder scharf?
Ich werde es merken wenn ich
ihn benutze

Ich werde schneiden
Ich werde verstehen

Wie leicht oder schwer
es werden wird
ist
gleichgültig


Lump & Altes Eisen

Ich hatte eine Kindheit
& in der gab es diesen Pferdewagen
der sich in regelmäßigen Abständen durch
die Straßen bewegte

Ein betagter Gaul & ein Wagen voller Gerümpel
Auf dem Bock saß ein Mann mit Baskenmütze
Er schwang eine große Glocke &
rief immer wieder:
„LUMPEN …. ALTES EISEN !!!“

Ich lief auf den Balkon & beobachtete das Gespann
Beobachtete wie Menschen aus den Häusern kamen &
Ausgemustertes auf die Ladefläche warfen
hörte das Scheppern, hörte die Hufe, die
wie ausgehölte Kokosnusshälften klangen

Manchmal ging ich auch runter &
folgte ihnen für eine Kinderweile
Da war der Geruch des Pferdes
Der Geruch von Rost & altem Stoff

Ich wohnte in einer Großstadt
aber dies war ein Stück Dörflichkeit

Heute lebe ich in einem kleinen Ort
Lebe in einer anderen Zeit
einem anderen Ich
Lebe in einem anderen Leben

Ich bin ein Lump
(manchmal)
& fast schon bin ich
Altes Eisen
Ausgemustert bin ich noch nicht
aber manchmal wie ausgehölt

Da ist kein Pferdegespann
das Kindheitserinnerungen hinter sich herzieht
Niemand schwingt rufend die Glocke

& doch weiß ich
was die Stunde geschlagen hat
& ich weiß
wem sie schlagen wird
endgültig
in nicht allzu ferner Zeit


Das Pochen

Ein dumpfes Pochen wie
die verzweifelten Faustschläge eines
Lebendigbegrabenen in seinem Sarg

Das Pochen lebte in meinem Schädel
Vergangenheit, die ich für tot erklärt hatte
obwohl sie es nicht war

Sie wollte wieder hinaus
diese Vergangenheit, aber
die Schrauben & Nägel saßen fest

Ich nahm eine Kopfschmerztablette
& das Pochen verstummte
Dann flutete ich den Sarg mit Whiskey


Die Todesspinne

Die Todesspinne setzte sich auf mein Gehirn
& begann zu weben
Gedanken verwoben sich in ihren Fäden
wurden unbeweglich & ausgesaugt
wie blauschimmernde Fliegen
Die Beine der Spinne waren 8 & schnell
Benetzt & gefangen war mein Geist
Schwarz zuckend saß sie auf grauem Grund
Ihre Gründe ergründete ich nicht
Sie grinste wie die Spinne von Redon
die über dem LeseSessel von Huysmans hing
Tief unten & Gegen den Strich
war sie mir
sympathisch wie
der kühne Schwung der
Sense
über dem gelben Feld der
Eintönigkeit
wo unter dem kalten Blick der
Raben
der Maler sich
erschoss


Das Mehr

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …
Ein Meer aus Alkohol …
Ein Mehr an Betäubung …
Ein Meer der Zerstörung …
Ein Meer aus Worten …
Das Mehr des Meeres …
Ein Meer aus Scheisse &
vielleicht
Liebe

Jeder Tag ist mehr als der vorherige …

Ein Meer aus Schmerz &

vielleicht

Das Tote Meer


Die Brücke

Du gehst vorüber an der Brücke, die
ich Dir gebaut hatte. Du wirst niemals
wieder jemanden kennen lernen wie
mich.

Wenn ich tot bin,
wirst Du Dich vielleicht erinnern.
Unter der Brücke stehen &
Rotwein trinken.

Zukunft.
Vielleicht auch nicht.

Die Brücke,
war sie brüchig?
Vielleicht.
Der Abgrund, über den sie führte:
zu tief?

Vielleicht.

Gründe:
hattest Du.
Waren sie gut?
Wahrscheinlich.

Geh vorüber an der Brücke,
wenn ich tot bin. Sie
ist kein Ort für
Dich.


Los

Der Druckknopf im Kopf
führt zum Knoten
an der Zwangsjacke

Löse mir
die Endlosschleifen

damit ich endlich
begreife

was
zu lösen ist

Der Druck
Der Zwang
Der Knoten
Das Ende


Herzstillstand

Still stand das Herz
am Rande der Straße
die ins Nirgendwo führte

Der Anhaltende hatte einen Namen,
der an Odysseus erinnerte :

Niemand


Der Mantel

Selbst im Sommer trage ich meinen Mantel;
schwer-geschultert ruht er schwarz.
Schutz gegen Kälte in der Hitze.
Die Taschen vollgestopft mit optischem Gerät:
Lupe, Mikroskop, Visier & Zielfernrohr.
Entferntes nagele ich ans Fadenkreuz.
Nahegehendes trinke ich aus dem Vergrößerungsglas.
Das Staubkorn will erlebt werden.
Das Zwinkern der Insekten kann wichtig sein.
Die Kontaktlinse hilft nicht aus der Einsamkeit,
aber das Kaleidoskop splittert bunt.
Ich exe den Klaren aus Glasaugen &
fische im Trübsinn.
Es surrt das Reale hinter meiner Waschbrettstirn,
muskulös vom Gedenken.
Träume platzen wie reife Blasen.
Im kugelsicheren Westen geht die Sonne unter
wie Seife in der besoffenen Badewanne.
Wie tief bin ich betrunken!
Eier presse ich aus wie die Früchte des Zorns.
Der Korn wächst auf leuchtenden Zusammenhängen,
besonnt vom Mond, glühend wie ein brennender Galgen.
Ich ziehe Asse aus dem Ärmel wie Zitate &
pokere mit Höchsteinsatz.
Die Lust behandelt mich unfair.
Ich weiß, ich weiß, ich weiß, ich schwarz.
Schwarz wie der Mantel
auf meinen schweren Schultern
im Sommer, wenn der Regen
splittert wie
Glas.


Du vom Himmel…..

Sie nannte mich:
Du vom Himmel gefallenes Stück
schwermütig glitzernde Scheisse!

Ich fand das sehr poetisch.
Poetischer als alles, was andere
zu mir gesagt hatten, selbst wenn
auch das poetisch gewesen war.

Aber die Poesie vergeht,
immer; fast immer.

Die Uhr der Poetik tickt.

Tickt. Tickt.

Worte der Poesie werden zu
Worten der:

manchmal Freundschaft
manchmal Feindschaft
manchmal Gleichgültigkeit
manchmal Langeweile

Dieses Mal wurden sie
– & das ist die grausamste Variante –

zu
Schweigen.


Murmeln

Die Freitagsschlange im Supermarkt.
Alte Menschen bei zähklimpernder Kleingeldsuche.
Ich schob meinen Flaschenwagen ans Laufband;
Alkoholvorrat für die nächsten Wochen.
Es gab mal wieder irgendeine lächerliche
Kundenlock-Aktion: für so&soviel Umsatz
bekam man etwas. Kleine Tütchen mit irgend
etwas Dickem, Rundem darin. Da ich
eine Menge Sprit kaufte, bekam ich 7 oder
9 von diesen Dingern & warf sie 8los in
den Wagen. Ich zahlte. Dann schob ich mich & den
Wagen in Richtung Ausgang; folgte den
kahlen Stellen auf den Köpfen der Rentner.
Flaschenklirren.
Ein kleiner bebrillter Junge auf dem Parkplatz.
Sein Roller lehnte an einem Geländer, am
Lenker eine Plastiktüte. Der Junge sprach
mich an. „Sammeln Sie Murmeln?“
„Nein.“ Ich war müde & verkatert, ging
weiter. Er mir nach.
„Haben Sie welche bekommen?“
Ich hielt an. „Was meinst du?“
Ein winziger Zeigefinger deutete auf die Tütchen
zwischen meinen Flaschen. „Die da.“ Ich war
müde & verkatert & begriffsstutzig – aber
dann machte es doch noch Klick!
„Ach so“, sagte ich. „Die brauch ich nicht,
kannst du haben.“

Ich klaubte die Tütchen zusammen, er
machte eine kleine Schale aus seinen Händen.
Als ich die Tütchen hineinfallen lies – es waren
fast zu viele für sein Fassungsvermögen -, kicherte
er glücklich. Er war 5 oder 6 Jahre alt &
grinste mich durch seine Brille an.
„Dankeschön.“
Da wusste ich: Mein Trinken hat
eine helle Seite, die leuchten kann.

Ich fuhr nach Hause. Und
grinste dabei.


Das Sofa

Sie saßen auf dem Sofa.
„Hör zu“, sagte er, „ich habe
bestimmte Bilder im Kopf. Und
wenn die Realität nicht zu diesen
Bildern passt, hat die Realität
schlechte Karten.“
„Du meinst, ich bin hässlich?“ sagte sie.
„Du bist nicht hässlich“, sagte er.
„Du meinst, ich bin zu alt?“ sagte sie.
„Du bist nicht alt“, sagte er.
„Nein“, sagte sie. „Nicht alt. Aber
zu alt.“
Er sagte nichts.
Sie sagte: „Hast du mal in den Spiegel
geguckt?“
„An Spiegeln gehe ich seitlich vorbei“,
sagte er. „Aber du hast recht.“
Die Realität saß auf dem Sofa.
2 Köpfe saßen auf dem Sofa.
In den Köpfen wohnten 2 Fantasien.
Die Fantasien konnten einander nicht begegnen.
Die Realität hatte schlechte Karten.


Die Nacht ist Rum

Die Nacht ist Rum
Der Tag ist Wasser
Manchmal weiß ich nicht
was ich im Glas habe
Vielleicht kalten Grog
ohne Zucker
Und ich weiß nicht
wie spät
Und ich weiß nicht
ob es hell oder dunkel ist
dort draußen
Falls es das Draußen
wirklich gibt
Es ist gleich
Es ist gültig
Es ist gleichgültig
Es ist jetzt &
Es soll mir niemand sagen
wie spät es ist


Nichts los

Mit dieser Nacht war nichts los,
oder mit mir war nichts mehr los.
Ich hasse solche Nächte, die
nach der Euphorie kommen;
hasse den tiefen Absturz nach
den Höhenflügen.
Ich fand alles scheisse, was ich
jemals geschrieben hatte, ich wollte
alles klammheimlich verschwinden
lassen, auslöschen. Ich
dachte daran, dass ich am nächsten
Morgen auf den verdammten
Handwerker warten musste, der
den Stromzähler austauschen wollte;
ich dachte daran, dass ich
einkaufen musste, dass ich
tanken musste, dass der Wagen
vielleicht nicht anspringen würde;
ich dachte daran, dass ich abends
wieder zur Arbeit fahren musste.
Haare waschen, rasieren, Männchen
machen. Alles widerte mich an.
Dazu kam all das, wozu ich mich
wieder nicht hatte aufraffen können:
Wäsche waschen, Staubsaugen,
Haare schneiden. Es war
lächerlich. Ich war lächerlich.
Diese Nacht war lächerlich.
Aber am lächerlichsten war es,
sich hinzusetzen & darüber zu
schreiben.


Würfel

Die Würfel sind
gefallene Engel

aus den Wolken
in die Hölle

gefallen

Sie gefallen mir
Sie tun mir viele
Gefallen

Ich zähle ihre Augen
Dunkle Augen des
Schicksals

Die Summe
immer gleich

Geworfen sind sie
wie wir

geworfen sind

in das Leben

oder in die Wolken
oder in die Hölle

Engel
die fallen


Ihre Jugend

Sie kannte sich nicht aus
mit dem Leben
Sie war so jung
so jung

Sie wusste nicht
dass es
nach dem Schweigen
noch Worte geben
kann

Worte ohne
Vergangenheit
Worte der veränderten
Gegenwart

Worte
der Ermutigung
Worte
ohne Angst

Sie schwieg

Sie musste schweigen
denn sie war so jung
&
sie kannte sich nicht aus


Das Gewohnte

Wohnen im Gewohnten :
Eine Beruhigung, die der letzten Ruhe ähnelt.

Eine Wohnung,
in die man gesperrt wird. Immer wieder.
Jede Flucht endet in dieser Wohnung,
die eigentlich eine Zelle ist. Eine Zelle,
in der man sein Leben verbringt;
in der das Leben verbracht wird,
bis es verbraucht ist.
Eine Zelle voll von fressenden Zerrspiegeln,
Wahrnehmung ohne Wahrheit.

Es geht einem dreckig, und
man gewöhnt sich daran.
Die Hässlichkeit, die Verzweiflung,
der Schmerz sehen erträglich aus
in der verzerrten Spiegelung. Und
man kann weitermachen, mit dem
Bisschen Existenz, das man noch hat.

Aber wehe, wenn es einem nicht
dreckig geht. Den Spiegeln ist es völlig
gleichgültig, was man ihnen vorhält.
Sie fressen alles.Sie verwandeln alles.
Bis einem das Fremde bekannt vorkommt
& uninteressant wird.

Wo ist sie hin, die Schönheit, die ich
gerade noch erkannt habe?
Nur ihr ZerrBild ist übrig geblieben,
und was ich darin erkenne, ist
etwas anderes. Es ist nicht
Erkenntnis.

Ein Anblick, so falsch wie die Gefühle,
die er hervorruft.

Sie sind unzerstörbar, diese Spiegel.
Kaum einen Kratzer kann man ihnen zufügen;
nur manchmal – vielleicht – für einen
flüchtigen Moment. Mit der Kraft der
Gedanken.

Man sieht einen winzigen Haarriss
& darin
das UnGewohnte

wie es verschwindet

 

(Inwendig vorgetragen:)


Der alte Teppich

Der alte Teppich kannte
die Zahl meiner Schritte

Der alte Teppich zählte
die Schlucke, die ich verschüttet hatte

Der alte Teppich schluckte
unsere Orgasmen

Der alte Teppich kannte
die Einsamkeit

Der alte Teppich wußte
wohin

Der alte Teppich wies
mir den Weg

Der alte Teppich war
alt

Er war wie

ich


Fingerkuppen

Ich sah ihre Fingerkuppen
Vibrato auf dem Hals des Cellos
Sah das Licht der Scheinwerfer
auf ihrem Haar

Hörte Bach

Wie schön ihre Finger waren
Wie schön ihre Fingernägel
Kurz gefeilt & glänzend

Noten
die zitterten

HarmoNie
HarmoImmer
HarmoEwig

Ich sah ihre Oberarme
im Rhythmus
der Noten

Sah ihre geschlossenen Augen

Konzentriert aufs Wesentliche

Hörte

Hörte

Ewigkeit


Schwarzes Papier

Die schwärzeste unter den Nächten
verschluckte die Mondscheibe &
fraß Laternenlicht. Schwarze
Perlenketten wurden aufgeschnitten.

Die Nacht schrieb ein Gedicht
mit schwarzer Tinte auf schwarzes
Papier; & nannte es Tod der
Erinnerung
.

Ich wankte durch Dunkelheiten &
spuckte in den Rinnstein: Schwarzes
Blut. Schwarze Tiere mit schwarzen
Zungen leckten es auf.

Das Etikett der Flasche war schwarz.
Ich trank die Nacht. In meinem Kopf war
schwarzes Papier. Ich schrieb ein Gedicht
darauf; & nannte es Egal.

Die schwärzeste unter den Nächten
konnte es entziffern; sie hatte den
schwarzen Schlüssel zur Geheimschrift
meiner Gedanken.

Ich schluckte, was sie schluckte;
ich schrieb, was sie schrieb;
Pulsadern wurden aufgeschnitten &
aus schwarzem Blut formten sich Worte.

Die schwärzeste unter den Nächten
war stumm wie eine Perle, & sie
erkannte mich; denn
sie hatte mich geboren.


Mein kostbarster Besitz

Mein Hirn: eine matschigfaule Frucht
Ein Kater schnurrte darin &
spielte mit seiner Schwanzspitze
Die Sonne tat was ich wollte: Sie ging unter

Was war passiert
letzte Nacht oder
am Morgen bevor ich
schlafenging?

Ich erinnerte mich
dunkel

Ein Gefühl war gekippt
wie billiger Wein der
zulange offen steht

Essig

Ich konnte wieder klar
sehen

Nicht dass mir an der Klarheit
viel gelegen wäre
Aber ich gehörte wieder
mir selbst

Mein kostbarster Besitz

Ich machte mir mein
abendliches Frühstück:
Eier mit Schinken auf Toast
Ketchup
1 Liter Grüner Tee &
ging damit zurück ins Bett

Schaltete das Radio ein
atmete unfrische Luft &

fühlte mich gut

Gedanken kehrten zurück
in meinen Schädel
Sie waren mein Eigentum
Gedanken wie reife
Eiterbeulen

Und diejenigen
die nicht von alleine platzten
konnte ich
ausdrücken

Die nächste Nacht
stand bevor

Mehr brauchte ich nicht

Mehr brauche ich
nie