Gerümpel liegt auf dem Weg –
sperrig & unnütz, manchmal schön,
angesammelt in den Zeiten des
wachsenden Bewußtseins,
Zeiten des Erkennens, was
am Ende des Weges wartet …..
Der Blick auf dieses Ende
soll verstellt werden.
Die Gedanken sollen sich ver-
fangen in Nichtigkeiten, in
Tand, in Blendwerk.
Den meisten Menschen gelingt
es meistens. Manchen Menschen
gelingt es manchmal. Wenigen
Menschen gelingt es nie.
Manchmal bin ich versucht,
das Gerümpel mit reinem Alkohol
zu übergießen & meine glühende
Zigarre daran zu halten …..
Aber wozu? Was
würde es ändern?
In der Summe:
Nichts.
Jedem seine Blindheit!
Vielleicht saufe ich mich blind
mit reinem Alkohol – &
zur Sicherheit staple ich die
leeren Flaschen auf den
Weg, denn
„Darüber darfst du auf keinen Fall schreiben“, sagte sie.
„Natürlich nicht, was denkst du denn…“, sagte ich.
Natürlich schrieb ich darüber.
Ich muss über alles schreiben, was mir
den Kopf wegpustet. Und mich
als Leiche zurücklässt.
Aber ich legte es in die Schublade.
Dort liegt es, das Damoklesschwert,
das über den Köpfen der anderen
kreist. Wie das Rotorblatt
eines Hubschraubers.
Wer zwischen den Zeilen liest
liest Leere
Wer zwischen den Zeilen schreibt
schreibt nichts
Vielleicht liegt dort die
Wahrheit
Aber die Wahrheit braucht
das Geländer der Worte
um nicht in das abgründige
Nichts zu stürzen &
sich selbst zu
verschlingen
Das höre ich immer wieder: „Ja, bist du denn wahnsinnig geworden?“
Natürlich bin ich das. Bei meiner
Geburt. Ich wurde in den
Wahnsinn hinausgepresst.
Schrie ihn an & atmete ihn ein;
Sauerstoff für das kleine Gehirn.
Keine Ahnung, was die anderen
einatmeten …. Normen wahrscheinlich
… & Langeweile.
Ich habe nichts gegen den Wahnsinn,
meinen Wahnsinn. Ich kann mich
alleine niemals langweilen. In einem
leeren Zimmer mit kahlen Wänden
langweile ich mich nicht. In
finsterer Einzelhaft langweile ich
mich nicht. Nur
Menschen können mich langweilen.
Diejenigen, die vermutlich anders
gepresst wurden, in etwas
anderes hinausgepresst wurden &
sich auch später noch gerne
pressen lassen, dann allerdings hinein … Geht weg! Laßt mich
in Ruhe mit Euren Interessen;
sie langweilen mich! Bleibt drinnen! Ja, ich bin wahnsinnig geworden.
Ich bin eine Fehlpressung.
Ich habe Glück gehabt.
Sie suchte sich durch die Kamera
Suchte sich in unzähligen Fotos
ihrer Oberfläche
Suchte das klare Bewusstsein ihrer
Existenz
das ihr in der unabgebildeten
Wirklichkeit
längst abhanden gekommen war
Die Vermisstenanzeige spare ich mir;
die Suchtrupps sollen zuhause bleiben &
es sich gemütlich machen;
es gibt keine Spürhunde für das, was
mir längst nicht mehr fehlt.
Abgesoffen in einem umgekippten Tümpel;
versunken in Moor oder Treibsand;
verbuddelt in gefrorener Erde.
Entlaufen, entführt, verirrt? Egal.
Eine Suche, die nicht begonnen wird,
kann nicht eingestellt werden.
Das gefällt mir. Glück, Liebe, Erfolg, Ruhm….
Ich bin zufrieden.
Friede meiner Asche.
In allem kann ich sehen, was
eigentlich nicht da ist. Das Gesicht
in der Maserung; die Tiere am
Abendhimmel; die Augen im
Schaum.
In der Wasserflasche könnte Gin
sein. Also macht mich ihr Anblick
zufrieden.
Die Vermisstenanzeige spare ich mir.
Nichts wird eingestellt.
Nichts wird aufgegeben.
Der gefrorene Schrei an Deinem
Fenster – er stammt von mir.
Eine Eisblume des Erschreckens.
Ich stand im Schnee & blickte ins
Innere …..
Ich sah Dich von der Decke hängen;
an dem Nietengürtel, den ich Dir
geschenkt hatte.
Dein Gesicht war so dunkel; &
Du strecktest mir die Zunge raus.
Es war so kalt. So kalt.
Mein Schrei gefror. Du
konntest ihn nicht mehr sehen.
Ich verwischte meine Spuren im
Schnee &
ließ Dich hängen.
Ihm fehlten die Unterschenkel.
Er saß auf einem kleinen Kissen
vor dem Schaufenster mit
Geschenkartikeln. Die Sonne schien.
Ich las nicht, was auf der Pappe stand, die
er sich vor die Brust hielt. Ich
ging vorüber. Nur wenige Münzen
lagen in der Schachtel, die er
neben sich hatte. Ich ging weiter. Weiter.
Grübelte, wie er dort hingekommen sein mochte.
Es gab nur ihn, das Kissen, das Schild &
die Schachtel. Kein Fortbewegungsmittel.
Ich ging weiter.
Plötzlich, sehr plötzlich taten mir die
Füße weh. Meine Waden schmerzten.
Wie ein inneres Brennen, das von
unten her bis zu den Knien loderte.
Ich ging weiter.
Schwerer & schwerer wurden die
Schritte. Das Brennen heftiger.
Die Gefäße pochten. Pochten.
Pochten. Tritte von innen. Ich
blieb stehen. Bückte mich; hob
ein Hosenbein etwas an ……
Schwarz pulsierte das Fleisch;
eine stinkende Masse. Panik. Ich
schrie auf. Hob das andere Hosenbein
an …. Schwarz pulsierte das stinkende
Fleisch auch dort.
Ich schrie um Hilfe. Niemand beachtete
mich. Niemand schaute in meine Richtung.
Passanten passierten. Ich stand dort,
sekundenlang, minutenlang …..
In der kreischenden Einsamkeit. Zurück! riefen meine Gedanken. Zurück zu der Stelle, wo er ……
Schwer & langsam ging ich; setzte
einen Schmerz vor den andern. Stützte
mich an Fassaden ab. Zurück.
Zurück. Ich fühlte meine Unterschenkel
schmelzen; glaubte, kleiner zu
werden. Weiter weiter. Zurück.
Stinkende Schritte, pulsierende Panik.
Schon aus der Entfernung sah ich – dass
er fort war. Er war fort. Das Kissen
war noch da. Die Schachtel war noch
da. Die Pappe war noch da. Die Sonne
war noch da. Ich näherte mich.
So langsam. So schmelzend. So schrumpfend.
Ich verlor meine Schuhe. Achtete nicht darauf.
Weiter. Endlich kam ich an, ließ mich auf das
Kissen nieder. Streckte die Beine aus.
Der Schmerz wurde unerträglich. Ich
wußte, was passieren würde.
Noch einmal schrie ich um Hilfe.
Alle gingen vorüber. Alle gingen weiter.
Ich las, was auf der Pappe stand, die neben
mir am Boden lag. – – – -SCHULDIG IN NOT GERATEN –
Ich nahm es & hielt es mir vor die Brust.
Warum ich? – Alle waren vorüber gegangen.
Kaum jemand hatte sich um ihn gekümmert,
nur die wenigen, deren Münzen noch immer in
der Schachtel lagen. Warum ich? Warum ich?
Ich starrte auf meine Hosenbeine.
Da lag die Logik. Verwesend.
Ich wußte, ich würde viel Zeit haben,
darüber nachzudenken – – –
Und irgendwann trägt man seinen eigenen
Keller mit sich herum
Einen Keller voller Leichen
mumifizierte Gefühle
skelettierte Lieben
unkenntlich
oder längst zu fast Nichts
zerfallen
Schritte werden schwerer
klingen unterhöhlt
Man jongliert mit Knochen
würzt die Gegenwart mit Leichenstaub
& hofft auf die
Auferstehung
der
Vergangenheit
Als der alte graue Wolf sich in die
kleine schwarze Katze verliebte
ahnte er bereits, dass er sich
lächerlich machen würde
Vielleicht nicht vor der Welt
die ihm gleichgültig war
aber vor sich selbst
Er hatte sich verlaufen
hatte sie außerhalb seines
Reviers kennengelernt
in einer Umgebung die ihm
unwirklich erschien
Sie hatte Angst vor ihm
& schnurrte dennoch
strich um ihn herum &
ließ sich das Fell von ihm
lecken
Irgendwann sagte das Kätzchen: „Ich liebe Dich“
& der Wolf glaubte es
Der Wolf kannte nicht viel
außerhalb seines Reviers
aber das Kätzchen kannte
noch weniger
So selten hatte es sein
Körbchen verlassen
Sie glaubten sich gegenseitig
& sie glaubten sich selbst
In diesen Momenten
Als die Zweifel noch andere
Wege gingen
Sie veränderten sich beide
Der Wolf bekam etwas Katzenhaftes
Die Katze etwas Wölfisches
Im Innern des Wolfes schnurrte es
stumm
Im Innern der Katze heulte es
stumm
& sie fühlten sich fabelhaft
weil sie glaubten einander zu ähneln
Der Wolf vergaß wie ein Wolf aussieht
Die Katze vergaß wie eine Katze aussieht
Bis der Kater ihren Weg kreuzte
Der kleine Kater der dem Kätzchen
auf Augenhöhe begegnete
Sie beschnupperten & beschnurrten
sich gegenseitig &
die Katze wusste
es würde einfach werden
& sie sehnte sich nach Einfachheit
Sie legte das Wölfische ab
wie ein Schmuckstück das sie
plötzlich für wertlos hielt
Der Wolf behielt das Katzenhafte
Er trug es weiter in sich &
also verstand er den Kater &
konnte ihm nichts antun
Er ging zurück in sein Revier
schüttelte den Kopf über sich selbst
& fragte sich immer wieder: Wie sieht ein Wolf aus?
Wie sieht ein Wolf aus?
Ich schlief. Ich schlief gut. Ich schlief fest. Traumlos, wie man so sagt, obgleich es traumlosen Schlaf nicht gibt. Dann erwachte ich in meine selbstgebastelte Finsternis. Das Schlafzimmerfenster: mehrschichtig beklebt mit schwarzer Folie; ich muss tagsüber schlafen, ich will tagsüber schlafen, und das geringste bisschen Licht stört mich.
Ich lag also in der Lichtlosigkeit, gut erholt, und fühlte mich trotzdem seltsam. Irgend etwas war anders als sonst. Nur ein Gefühl. Eine Unstimmigkeit. Es war Abend, ich hatte frei.
Liegen bleiben. In die Schwärze starren. Schwitzen. Stille (nur hin & wieder ein Auto) Gedanken bebildern. Leichter Rückenschmerz.
¼ Stunde. ½ Stunde. Schließlich tippte ich einmal auf den Fuß der Nachttischlampe, damit sie auf der untersten Dimmstufe……..
Das Erschrecken war Blitz & Donner zugleich; der Herzschlag ein Trommelgewitter. Ein Mann saß auf dem Stuhl mir gegenüber & sah mich an. Ich richtete mich auf.
„Was soll das … Wer … Was machen Sie hier? Raus, oder ich …“
„Nur die Ruhe“, sagte er. Seine Stimme war dunkel. Er lächelte.
Ein älterer Herr, kurzgeschorene Haare, Stoppelbart, die Kleidung komplett weiss. Dass er in der Finsternis gesessen & ich plötzlich das Licht angemacht hatte, schien keinerlei Einfluss auf seine Augen gehabt zu haben; er blinzelte nicht; es war, als hätte er mich schon die ganze Zeit über beobachtet, in einem anderen, seinem eigenen Licht. Ich tippte nochmals auf die Lampe, es wurde heller.
„Wer zum Teufel sind sie“, fragte ich.
„Du verdankst mir dein Leben“, sagte er.
„Was soll der Scheiss? Wie sind Sie hier reingekommen?“
„Kein Scheiss“, sagte er. „Aber vielleicht hätte ich es besser Existenz nennen sollen. Allerdings in fetten Anführungszeichen.“
„Ah, verstehe, Sie sind der“ (& jetzt ein besonders verächtlicher Tonfall:) „Liebe Gott.“
„Blödsinn. Den gibt’s nicht. Aber mich gibt’s. Und ich bin nur ein ganz normaler Mensch.“
„Na, herzlichen Glückwunsch“, sagte ich, „jedenfalls verschwinden Sie jetzt ganz schnell, sonst rufe ich die Polizei.“
Er grinste (ebenso verächtlich). „Ach ja …. die Polizei ….. kenne ich. Das bringt nicht viel. Ich würde mich an deiner Stelle nicht zu sehr auf die verlassen.“
Ganz entspannt saß er da. Er hatte sich einfach auf meine Klamotten gesetzt, die ich immer auf diesen Stuhl warf.
„Also“, sagte ich, „was wollen Sie?“
„Nichts. Ich wollte nur mal vorbeischauen. Allerdings könntest du hier mal wieder lüften.“ Ein Wahnsinniger …. Bewaffnet? … Nichts zu sehen … Oder bin ich der Wahnsinnige? … Oder der Schlaf ist noch nicht zu Ende? …. Quatsch, sowas gibt’s nur in schlechter Literatur …
„Okay“, sagte ich, „nun haben Sie vorbeigeschaut. Auf Wiedersehen.“
„Ach weißt du, ich komme & gehe, wie es mir passt. Das ist so meine Art.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust.
T-Shirt & Shorts klebten mir am Körper.
„Wollen Sie Geld?“
Er lachte. Laut & ein wenig aufgesetzt.
„Das brauche ich am allerwenigsten“, sagte er.
„Na toll, dann können Sie ja mich finanziell unterstützen.“
„Das könnte ich; aber du brauchst das nicht. Wirklich nicht.“
„Sie meinen, das können Sie beurteilen?“
„Selbstverständlich.“ verrückt verrückt verrückt wahnsinnig
Das Gesicht …. kam es mir bekannt vor? … Es war so ein Allerweltsgesicht, eine Erinnerung an andere Gesichter … ein Gesicht in der Masse … irgendwie vertraut … & doch fremd …
„Ich geh jetzt pissen“, sagte ich.
„Nur zu“, sagte er. Er blieb ruhig sitzen, schaute sich im Zimmer um.
Ich kletterte aus dem Bett & ging über den Flur ins Bad. Ließ die Tür offen; es war mir egal. Mein Schädel war ein Labyrinth; Gedanken- & Gefühlsfäden, heillos durcheinander, führten weder ins Zentrum, noch zum Ausgang. Wenn ich zurückgehe, wird er weg sein … Zuviel Suff in letzter Zeit … ne Art Delirium wahrscheinlich … Ich will nicht eingewiesen werden! Ich will nicht wahnsinnig sein! …. Nein, ER ist wahnsinnig … falls er noch da ist ….
Die Spülung rauschte. Ich warf einen Blick in den Spiegel (ohne mir die Hände zu waschen) … Ich suchte nach dem wahnsinnigen Blick. Und fand ihn nicht. Dann ging ich rasch die Wohnungstür checken; sie war geschlossen, unbeschädigt. Die Fenster -?: ebenso. Er wird weg sein….
Ich überlegte, ob ich ein Messer aus der Küche holen sollte. Es erschien mir sinnlos.
Ganz langsam, zögerlich, ging ich über den Flur zurück. Er wird weg sein …. Er wird weg sein … Und das heißt dann, dass ICH wahnsinnig bin …
Ich näherte mich dem Türrahmen. Der Stuhl, noch sah ich ihn nicht, stand rechts um die Ecke. Ich war leise; barfuß. Das Schlafzimmer erschien im Rahmen … noch nicht der Stuhl … weiter, noch einen Schritt … noch nicht der Stuhl, noch … ich schaute um die Ecke ….
Sein Blick ruhte direkt auf meinem. Kein Zucken der Augen. Er hatte genau gewußt, wo mein Blick erscheinen würde. Meine verschwitzte Haut fror.
„Verdammt, was wollen Sie?“ sagte ich.
„Da ist ein Pissfleck in deinen Shorts.“
Seine Augen: Saugnäpfe auf meinen Augen. Natürlich war da ein Fleck.
„Soll ich deine Verwirrung auflösen? Entwirren?“
Ich ging ins Zimmer. Setzte mich aufs Bett.
„Also?“ sagte ich.
„Es ist sehr einfach“, sagte er. „Ich stelle dich mir vor.“
„Sie meinen, Sie stellen sich mir vor.“
„Nein.“
„Sie sind wahnsinnig.“
Er lächelte. Verständnisvoll.
„Es gibt dich nicht wirklich“, sagte er. „Ich stelle dich vor.“ wahnsinnig wahnsinnig wahnsinnig
„Wahrscheinlich ist es umgekehrt“, sagte ich.
„Nein, ist es nicht. Und dass du real bist, kannst du nicht beweisen.“
„Natürlich könnte ich das; Sie würden es nur nicht mehr mitbekommen. Ich könnte Sie töten, und ich wäre immer noch da.“
„Weil mein Tod nur ein vorgestellter wäre. Du bist ja gar nicht in der Lage, mich zu töten. Weil du nicht bist.“
Ich sagte: „Vielleicht stelle ich mir Sie vor, und stelle mir vor, dass Sie sich vorstellen…..“
„Schon gut, schon gut. Verstehe. 2 Spiegel, die sich gegenüber stehen. Ein Duell. Bilder, die sich gegenseitig bewerfen, abgebildete Bilder, die sich zurückwerfen.“ Ich wusste doch, dass ich so enden würde … In einer Zelle mit mir selbst …
„Du musst glauben, was ich mir vorstelle. Und das kann auch dein Unglaube sein. Alles ist meine Vorstellung.“
„Kenne ich“, sagte ich, „Solipsismus. Ist doch Blödsinn.“
„Meinst du? Ich habe ihn erfunden.“
„Sie sind einfach krank. Die Vergangenheit gibt es also nicht? Die Geschichte ist ihre Erfindung? Die Quantenphysik & schlechte Fernsehserien?“
„Ich mag deinen Humor“, sagte er; „geh kurz raus, für eine Sekunde nur, und dann komm zurück.“
Ich bekam es mit der Angst zu tun. Zögerte.
Er grinste. Beweise? Ich will keine Beweise …. & ich wüsste nicht mal, was sie beweisen würden …
„Warum nicht?“ sagte ich, als würde es nichts bedeuten.
Stand auf.
Ging raus. 21 … 22 …
Ging zurück.
Er war fort.
Ich zitterte.
Setzte mich.
Zitterte weiter.
Meine Klamotten auf dem Stuhl waren plattgesessen. Das Ende! Das ist das Ende! Das Ende meines Verstandes! Oder das Ende der Welt, die niemals war.
Es war der Anfang.
Der Anfang einer neuen Zeitrechnung. Für mich.
Sicherungen sind rausgesprungen. Entweder existiere ich nicht, oder ich bin wahnsinnig. Ich mache weiter wie bisher. Aber ich bin nicht mehr derselbe. Denkt er mich jetzt anders?
Menschen. Überall sind Menschen. Tiere. Dinge. Sind sie?
Ab & zu sehe ich ihn wieder. Aber ich spreche nicht mehr mit ihm. Er läuft weg vor mir. Und grinst dabei; höhnisch. Im Supermarkt; auf der Straße; er steht in einiger Entfernung, in seiner weissen Kleidung; die anderen Menschen sehen ihn ebenfalls; er schaut zu mir herüber, und wenn ich auf ihn zugehe, macht er kehrt; verschwindet hinter irgendeiner Ecke. Als hätte er eine Ecke nötig, um zu verschwinden.
Ich muss lernen, dies alles als Freiheit zu begreifen. Entweder Wahnsinn als Freiheit – oder Nichtexistenz als Freiheit. Letztendlich könnte es egal sein …..
Keine halbe Stunde mehr, dann
muss man wieder zur Arbeit.
Zur Arbeit, die einen abhält vom
Wahren. Vom Leben.
Vom Wesentlichen.
Aber Fressen muss man, trinken
muss man, warm muss man’s haben.
Auch das ist Wesentlich.
Keine halbe Stunde mehr ….
Was macht man in dieser kurzen
Zeit? Etwas Wichtiges lesen?
Etwas Wichtiges schreiben?
Ficken oder sich einen runterholen?
Nochmal aufs Klo gehen?
Verdammt, man überlegt, was man
mit diesem kleinen Happen Zeit
Sinnvolles tun könnte; und im
Hinterkopf klingelt eine Stechuhr.
Und man tut nichts nichts nichts ….
Und dann muss man auch schon
los.
Schon als Kind bist Du
vom Tod umgeben
Aber man verkauft ihn Dir
als Freiheit
„Dein Hamster? Er ist
entlaufen; die Wohnung war ihm
zu eng. Jetzt läuft er durch die
Welt & er freut sich.“
„Dein Fisch?
Das Aquarium war so klein….
Wir haben ihn im See
ausgesetzt. Er schwamm so
glücklich davon.“
„Dein Vogel?
Ach, sieh Dir doch den Käfig an.
Wärst Du froh, hinter Gitterstäben zu leben?
Der Piepmatz flog durch Türchen & Fenster
in den blauen Himmel.“
Ahhhh!
Alles atmet tief die Freiheit
Und dann –
Du bist immer noch Kind &
wirst es vielleicht immer bleiben –
Siehst Du das
was einst geliebter Mensch war
Du riechst die Chemie des Todes
Du siehst die Enge
die übrig bleibt
Den zugebundenen Kiefer
Das Nichts ist kein Aquarium
Das Aquarium ist ein Universum verglichen
mit dem Nichts
(hattest Du eines Morgens Blutschleier hinter dem Glas
entdeckt?)
Gitterstäbe
sind der Schmuck
den man dem Leben anlegt
solange es lebt
Wohnungen
sind so eng oder weit
wie Dein Geist ist
Wahlloser Griff in die Küchenschublade
Ich brauche ein Messer
Etwas will geschnitten werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem schneiden
Das Messer das ich erwischt habe
durch Zufallsgriff
Ist es scharf oder stumpf?
Ich werde es merken wenn ich
es benutze
Irgendein Tag
wahllos aus dem Kalender gegriffen
Etwas will verstanden werden
& wenn es nicht will oder wollen kann
werde ich es trotzdem verstehen
In welcher Verfassung ist mein Verstand
heute an diesem Zufallstag: stumpf oder scharf?
Ich werde es merken wenn ich
ihn benutze
Ich werde schneiden
Ich werde verstehen
Wie leicht oder schwer
es werden wird
ist
gleichgültig
Ich hatte eine Kindheit
& in der gab es diesen Pferdewagen
der sich in regelmäßigen Abständen durch
die Straßen bewegte
Ein betagter Gaul & ein Wagen voller Gerümpel
Auf dem Bock saß ein Mann mit Baskenmütze
Er schwang eine große Glocke &
rief immer wieder: „LUMPEN …. ALTES EISEN !!!“
Ich lief auf den Balkon & beobachtete das Gespann
Beobachtete wie Menschen aus den Häusern kamen &
Ausgemustertes auf die Ladefläche warfen
hörte das Scheppern, hörte die Hufe, die
wie ausgehölte Kokosnusshälften klangen
Manchmal ging ich auch runter &
folgte ihnen für eine Kinderweile
Da war der Geruch des Pferdes
Der Geruch von Rost & altem Stoff
Ich wohnte in einer Großstadt
aber dies war ein Stück Dörflichkeit
Heute lebe ich in einem kleinen Ort
Lebe in einer anderen Zeit
einem anderen Ich
Lebe in einem anderen Leben
Ich bin ein Lump
(manchmal)
& fast schon bin ich Altes Eisen
Ausgemustert bin ich noch nicht
aber manchmal wie ausgehölt
Da ist kein Pferdegespann
das Kindheitserinnerungen hinter sich herzieht
Niemand schwingt rufend die Glocke
& doch weiß ich
was die Stunde geschlagen hat
& ich weiß wem sie schlagen wird
endgültig
in nicht allzu ferner Zeit
Die Todesspinne setzte sich auf mein Gehirn
& begann zu weben
Gedanken verwoben sich in ihren Fäden
wurden unbeweglich & ausgesaugt
wie blauschimmernde Fliegen
Die Beine der Spinne waren 8 & schnell
Benetzt & gefangen war mein Geist
Schwarz zuckend saß sie auf grauem Grund
Ihre Gründe ergründete ich nicht
Sie grinste wie die Spinne von Redon
die über dem LeseSessel von Huysmans hing
Tief unten & Gegen den Strich
war sie mir
sympathisch wie
der kühne Schwung der
Sense
über dem gelben Feld der
Eintönigkeit
wo unter dem kalten Blick der
Raben
der Maler sich
erschoss
Jeder Tag ist mehr als der vorherige …
Ein Meer aus Alkohol …
Ein Mehr an Betäubung …
Ein Meer der Zerstörung …
Ein Meer aus Worten …
Das Mehr des Meeres …
Ein Meer aus Scheisse &
vielleicht
Liebe
Selbst im Sommer trage ich meinen Mantel;
schwer-geschultert ruht er schwarz.
Schutz gegen Kälte in der Hitze.
Die Taschen vollgestopft mit optischem Gerät:
Lupe, Mikroskop, Visier & Zielfernrohr.
Entferntes nagele ich ans Fadenkreuz.
Nahegehendes trinke ich aus dem Vergrößerungsglas.
Das Staubkorn will erlebt werden.
Das Zwinkern der Insekten kann wichtig sein.
Die Kontaktlinse hilft nicht aus der Einsamkeit,
aber das Kaleidoskop splittert bunt.
Ich exe den Klaren aus Glasaugen &
fische im Trübsinn.
Es surrt das Reale hinter meiner Waschbrettstirn,
muskulös vom Gedenken.
Träume platzen wie reife Blasen.
Im kugelsicheren Westen geht die Sonne unter
wie Seife in der besoffenen Badewanne.
Wie tief bin ich betrunken!
Eier presse ich aus wie die Früchte des Zorns.
Der Korn wächst auf leuchtenden Zusammenhängen,
besonnt vom Mond, glühend wie ein brennender Galgen.
Ich ziehe Asse aus dem Ärmel wie Zitate &
pokere mit Höchsteinsatz.
Die Lust behandelt mich unfair.
Ich weiß, ich weiß, ich weiß, ich schwarz.
Schwarz wie der Mantel
auf meinen schweren Schultern
im Sommer, wenn der Regen
splittert wie
Glas.
Die Freitagsschlange im Supermarkt.
Alte Menschen bei zähklimpernder Kleingeldsuche.
Ich schob meinen Flaschenwagen ans Laufband;
Alkoholvorrat für die nächsten Wochen.
Es gab mal wieder irgendeine lächerliche
Kundenlock-Aktion: für so&soviel Umsatz
bekam man etwas. Kleine Tütchen mit irgend
etwas Dickem, Rundem darin. Da ich
eine Menge Sprit kaufte, bekam ich 7 oder
9 von diesen Dingern & warf sie 8los in
den Wagen. Ich zahlte. Dann schob ich mich & den
Wagen in Richtung Ausgang; folgte den
kahlen Stellen auf den Köpfen der Rentner.
Flaschenklirren.
Ein kleiner bebrillter Junge auf dem Parkplatz.
Sein Roller lehnte an einem Geländer, am
Lenker eine Plastiktüte. Der Junge sprach
mich an. „Sammeln Sie Murmeln?“ „Nein.“ Ich war müde & verkatert, ging
weiter. Er mir nach. „Haben Sie welche bekommen?“
Ich hielt an. „Was meinst du?“
Ein winziger Zeigefinger deutete auf die Tütchen
zwischen meinen Flaschen. „Die da.“ Ich war
müde & verkatert & begriffsstutzig – aber
dann machte es doch noch Klick! „Ach so“, sagte ich. „Die brauch ich nicht,
kannst du haben.“
Ich klaubte die Tütchen zusammen, er
machte eine kleine Schale aus seinen Händen.
Als ich die Tütchen hineinfallen lies – es waren
fast zu viele für sein Fassungsvermögen -, kicherte
er glücklich. Er war 5 oder 6 Jahre alt &
grinste mich durch seine Brille an. „Dankeschön.“
Da wusste ich: Mein Trinken hat
eine helle Seite, die leuchten kann.
Ich fuhr nach Hause. Und
grinste dabei.
Sie saßen auf dem Sofa.
„Hör zu“, sagte er, „ich habe
bestimmte Bilder im Kopf. Und
wenn die Realität nicht zu diesen
Bildern passt, hat die Realität
schlechte Karten.“
„Du meinst, ich bin hässlich?“ sagte sie.
„Du bist nicht hässlich“, sagte er.
„Du meinst, ich bin zu alt?“ sagte sie.
„Du bist nicht alt“, sagte er.
„Nein“, sagte sie. „Nicht alt. Aber zu alt.“
Er sagte nichts.
Sie sagte: „Hast du mal in den Spiegel
geguckt?“
„An Spiegeln gehe ich seitlich vorbei“,
sagte er. „Aber du hast recht.“
Die Realität saß auf dem Sofa.
2 Köpfe saßen auf dem Sofa.
In den Köpfen wohnten 2 Fantasien.
Die Fantasien konnten einander nicht begegnen.
Die Realität hatte schlechte Karten.
Die Nacht ist Rum
Der Tag ist Wasser
Manchmal weiß ich nicht
was ich im Glas habe
Vielleicht kalten Grog
ohne Zucker
Und ich weiß nicht
wie spät
Und ich weiß nicht
ob es hell oder dunkel ist
dort draußen
Falls es das Draußen
wirklich gibt
Es ist gleich
Es ist gültig
Es ist gleichgültig
Es ist jetzt &
Es soll mir niemand sagen
wie spät es ist
Hier könnte eine Blogroll sein.
Wenn ich nicht so egozentrisch wäre.
Statistik
95.590 hits
"Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab´ niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht."
(Friedrich Nietzsche)
„Meine kleinen Gedichte
Kommen wie kleine Blumen mir vor,
Lauter winzige Wichte,
Aber zusammen doch ein Flor,
Und hervor
Aus dem Chor
Blicken Vergißmeinichte.“
(Friedrich Rückert)
Du muss angemeldet sein, um einen Kommentar zu veröffentlichen.