Tagesarchiv: 29. Mai 2012

Der Blick der Eule

So monströs groß erschien mir
das Bücherregal
im Angesicht meiner Winzigkeit

Davor stand
eine Art Ottomane
Oft wurde ich dort
hingelegt
von meiner Mutter

Ich war fasziniert von
den Bücherrücken
obwohl ich noch nicht lesen konnte

Ich kannte sie alle
in- & auswendig
die Rücken mit den seltsamen Zeichen
wusste genau
wo welches Buch stand

Einige
mochte ich lieber als
andere

Und je älter sie aussahen
desto schöner
fand ich sie

Im obersten Regalfach
ganz rechts nahe der Wand
stand
eine ausgestopfte Eule

Der Blick
aus ihren Glasaugen
ruhte auf mir

Ein bisschen
böse
& sehr
starr

Sie hatte dort schon gestanden
bevor
ich geboren wurde

Sie hatte immer schon
auf die Ottomane gestarrt

Und dann war plötzlich
ich da
& sie zeigte
keine Überraschung

Oder doch?

Vielleicht in meiner
Kleinkindphantasie

Ich fühlte mich
beobachtet

Von
so weit oben

Die Eule stand
über & neben
den Büchern

Tot
verstaubt
doch anscheinend oder scheinbar
unvergänglich

Und der Mann
der all diese Bücher gelesen
& der diese Eule
ausgestopft hatte
war

Mein Vater

Die Eule begleitet mich
durch mein Leben
doch ihr Blick
ruht jetzt
woanders


Die Kälte

Es wäre mir zu anstrengend
die Kälte
zu sein

Zu viele Gläser
hätte ich
in der Wärme
zu beschlagen

Zu viele
Eisblumen
auf Fenster zu malen

Zu viele
Drinks
zu kühlen

Zu viele
Herzen
…..


Die Wimper auf dem Brillenglas

Die Wimper auf dem Brillenglas
behinderte meine Sicht.
Jeder Blick, den ich auf
irgend etwas
warf, war von diesem Schatten
gestört. Die Störung war groß, weil
die Wimper mir so nah war –
dieser kleine Strich….
wie der krumme Teil
eines Fadenkreuzes.
Zielen konnte ich damit nicht.
Aber er war eine Erinnerung,
die alles, worauf mein Blick fiel,
zeichnete.
Behinderung
Schatten
Störung
Zeichnung
Erinnerung

Eine Erinnerung an
Sie
der die Wimper gehört hatte.
Ich hätte sie wegpusten können –
aber
ich tat es nicht. –

Irgendwann
war sie
von allein
verschwunden.


Der Pizzateller

Der Pizzateller war alt &
hatte viele Risse & Sprünge von der Hitze,
denn in all den Jahren hatte ich ihn
immer wieder
vorgewärmt auf der Herdplatte.

Seine Oberfläche
hatte der Hitze nicht standgehalten.

Die Risse & Sprünge erinnerten mich
an die Falten in meiner Visage.
Dabei war ich
nicht öfter verheizt worden
als andere.

Ich war
Ende 40
& hatte Besuch von einer Frau
die 22 war.

Wir tranken Absinth
& redeten.
Allerdings redete ich
nicht viel.

Brennender Zucker
in der Nacht.

Das Licht alter Lampen &
junger Kerzen.

Sie mochte Frauen
mehr als Männer
& erzählte mir davon.

Erzählte mir
Details.

Es war nicht so, dass sie
Männer nicht mochte.

Auch davon erzählte sie mir.

Wir saßen auf meinem alten Sofa,
sie im Schneidersitz. Wir
hatten unsere Schuhe ausgezogen.
Sie sagte: »Ich quatsche die
ganze Zeit, und Du erzählst nichts
über Dich.«

»Da gibt’s auch nichts zu erzählen«,
sagte ich.

Musik
kam aus einem anderen Zimmer.
Sie war
unser beider Geschmack.
Die Playlist trug den Spitznamen, den ich
der Frau gegeben hatte.

Sie trug schwarz,
ich trug schwarz,
meine Hose war lang,
ihre kurz.

Schließlich bekamen wir Hunger.
Ich schob eine Tiefkühlpizza in den Herd.

Den Teller wärmte ich vor
auf der Herdplatte.

Als die Pizza fertig war,
tat ich sie auf den Teller,
viertelte sie mit dem Pizzaschneider,
legte eine Pepperoni in die Mitte &
schaltete den Herd aus.

Ich wusste, wie ich den Teller
halten musste, um mich
nicht zu verbrennen.
Sie, die junge Frau, wusste es
nicht. Ich vergaß, sie zu warnen &
drückte ihr
den Teller in die Hand.

Sie schrie auf.
Kurz.

»Scheiße, ist der heiß«, sagte sie.

Sie hatte recht.
Er war heiß,
und er erinnerte an meine Visage.
Mich zumindest.

Wir setzten uns auf das alte Sofa.
Meine Hose war lang,
ihre kurz.

Beide waren schwarz, und
wir begannen
zu essen.