Tagesarchiv: 3. Mai 2012

Rollen

Jeden Morgen wurde ich
in das Wohnzimmer gefahren, in
meinem weißen Bett auf Rollen

Ich schaute durch die hölzernen Gitterstäbe
& wunderte mich
über Alles

Das Licht der Welt

Ich konnte
noch nicht sprechen

aber leben

ein weiterer Neuling
auf diesem Planeten

ein Bewußtsein, das
sich seiner selbst nicht bewußt war

Das war
Glück

Bevor das
Selbstbewußtsein erwachte

&
die Rollen
&
die Gitterstäbe

eine andere Gestalt
annahmen

Als ich sprechen konnte
aber es nicht wollte

Zuletzt wird man mich
in ein anderes Zimmer fahren
in einem fremden Bett auf Rollen

hinein in die Finsternis

& es wird mich
nichts mehr wundern.


Die posthume Entdeckung

Wir werden alle
nach unserem Tode
entdeckt werden

Sofern
jemand rechtzeitig
eine Decke
über unsere Leichen wirft


Der Kreis

Ich wurde nachts
gegen 3 Uhr
geboren

Die meisten wachen Momente
in meinem Leben
hatte ich nachts

Die meisten Tage
habe ich
verschlafen

Ich hoffe
ich werde
nachts sterben


Die tödliche Entzündung

»Aua!« schrie das Streichholz, »Das brennt
wie Feuer!«
Und es übertrug seine Flamme auf die Kerze.
Die Kerze sagte:
»Musstest Du mich anstecken mit Deiner
Entzündung? Jetzt werden wir beide
sterben.«
Aber das Streichholz hörte sie schon nicht mehr;
es war schwarz & unförmig geworden.
Ich schaute in die Flamme ….
Warm & anheimelnd war
das Sterben der Kerze.


Beifahren

»Wer fährt?« fragte sie.
»Du«, sagte ich.
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«
»Du bist ein seltsamer Mann.«
»Wem sagst Du das.«
»Dir«, sagte sie.
»Das war eine rhetorische Frage«, sagte ich.
»Ich weiß.«
Wir lachten.
Und stiegen ein.
Der Wagen war aufgeheizt vom Sonnenlicht.
Wir öffneten die Seitenfenster.
Sie steckte den Schlüssel ins Schloss, startete
& fuhr los.
Ich habe die nie verstanden: Diese Männer, die
immer selber fahren wollen; nur nicht die
Frau fahren lassen…..
Das könnte etwas mit der Lebenseinstellung zu tun haben.
Mit diesem ständigen Tun-müssen, Selber-Tun,
Handeln statt Betrachten
Man fährt mit Tunnelblick, man reagiert, man
befolgt Regeln, man konzentriert sich, man hat
das Steuer in der Hand …. automatisierte
Bewegungsabläufe …..
Es gibt nicht vieles, was ich lieber bin als
der Beifahrer der
richtigen Frau im Sommer.
Ich rieche sie, während ich
hinausschaue in alle Richtungen & mir einen
Film konstruiere, unterlegt mit ihrer Lieblingsmusik –
unserer Lieblingsmusik.
Und ich schaue auf ihre nackten Schenkel, sehe
wie ihre Füße in den offenen Schuhen Gas geben, bremsen
& kuppeln, sehe wie die Spannung ihrer Waden sich
dabei ändert, betrachte ihre Hand
am Schaltknüppel & träume.
»Bist Du glücklich?« fragte sie.
»Ja«, sagte ich.
In dem Moment, da sie die Frage gestellt hatte & ich
antwortete, wurde ich mir dessen bewußt – & dieses
Bewußtsein schwächte das Glück schon wieder ab;
aber nicht sehr.
An jeder roten Ampel berührten sich
unsere Zungen. Die Ampelphasen waren kurz;
so kurz wie ihr weißes Sommerkleid.
Wir hatten ein Ziel.
Das Ziel war zu naheliegend.
Und zu banal.
Eigentlich wollten wir schon nicht mehr
ankommen.
Sie lächelte, als sie sagte (so nah, dass
ich die Worte auf meinen Lippen spürte):
»Vielleicht sollten wir wieder umkehren?«
»Du meinst, es gibt zu wenig rote Ampeln?» sagte ich.
Jemand hupte hinter uns.
Wir fuhren weiter.
Der Wind war warm.
»Da vorne könntest Du wenden«, sagte ich.
»Soll ich?« fragte sie.
»Ja.«
Sie grinste. »Das war eine rhetorische Frage.«
»Ich weiß.«