Tagesarchiv: 24. Mai 2012

Der krumme Zeh

Diese unfassbar peinlichen & lächerlichen Momente,
die zum Menschsein gehören – & die man
mit ins Grab nehmen möchte ….
verschwiegen;
von Mit- & Nachwelt unbemerkt.

Ich stand barfuß vorm Fernseher &
holte mir einen runter.
Vielleicht zu einem Porno, vielleicht
zu einem Musikvideo – ich weiß es nicht mehr.
Es ist lange her.

Im Moment des Abspritzens
machte ich einen unkontrollierten Schritt vorwärts
&
brach mir dabei den 2. Zeh
des linken Fußes.

Er wurde schwarz.
Er wurde dick.
Er wurde krumm.

Stechender
Schmerz.

Ich ging nicht zum Arzt.
Wie üblich.

Ich tat gar nichts.

Außer zu humpeln.
Und mir eine Erklärung für das Humpeln
auszudenken.
Für die Menschen, die mich danach fragten –
& die doch wohl
ähnlich peinliche & lächerliche Momente
in ihrem Leben hatten, die sie
verschweigen & mit ins Grab nehmen wollten.

Der Schmerz stach weiter.
Und während ein halbes Jahr verging,
kam er immer wieder,
obwohl die Schwellung & die Schwärze
längst verschwunden waren.

Der Zeh,
er blieb krumm.
Er passt nicht mehr
in die Reihe.
Ist nicht mehr
genormt.

Ein kleines Denk- & Mahnmal;
eine schiefe Erinnerung,
die mich immer wieder
grinsen lässt

& nachdenken
über
die Peinlichkeit
des Menschseins.


Kein Neid

Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen
bereiten ihnen keinerlei Probleme; sie
denken nicht einmal darüber nach,
sie erledigen vieles
beinahe automatisch.
Es kostet sie
keine Überwindung,
Anforderungen gerecht zu werden.
Sie nehmen vieles
wichtig & ernst.
Der Job – kein Problem.
Termine – kein Problem.
Telefonate – kein Problem.
Kontakte – kein Problem.
Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.

Ich
funktioniere schlecht.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen,
die Wiederholungen kleiner, lächerlicher
Tätigkeiten, die einem die Lebenszeit
wegfressen – ich kann sie
schwer ertragen.
Der Job – eine Freiheitsberaubung.
Jeder Termin – eine Schlinge am Hals.
Jedes Telefonat – ein Drama der Selbstüberwindung.
Jeder Kontakt – eine Störung der inneren Ruhe.
Ich funktioniere schlecht.
Weniges nehme ich
wichtig & ernst.
Weniges erledige ich automatisch;
überall sind
Gedanken, die dazwischenkommen.
Anforderungen überfordern mich.

… & doch …

Ich empfinde keinen Neid.
Ich möchte nicht sein
wie sie.
Nicht funktionieren wie sie.
Ich möchte nicht tauschen.

Denn ich weiß:
Ich werde entschädigt; es gibt
einen Ausgleich für meine Defizite.
Es gibt einen Ausgleich
in allen Bereichen, die mir
wirklich
wichtig sind.
In allen Bereichen, die
meine relative Freiheit ausmachen.

Nein.
Kein Neid!

Niemals!


Nun ja, so war das damals

Mit 17 schrieb ich eine Story
über jemanden, der vergaß,
das Fernlicht abzublenden & dadurch
den Tod eines Entgegenkommenden
verursachte.
Denn ich war begeistert von der Tatsache,
dass die Meisten es nicht vergaßen –
& beängstigt von der Möglichkeit,
es könnte jemand vergessen.

Nun ja,
so war das

damals.


Die Schere in meinem Kopf

Manchen Frauen möchte ich immer
eine Schere reichen.

Denn immer sind ihre
Röcke, Kleider & Hosen
zu lang.

Aber
falls sie die Schere nicht annehmen möchten,
ist da ja immer noch

die Schere
in meinem Kopf.