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Gefühl?

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich erinnere mich an
irgend etwas
das an Gefühl erinnert
aber kein Gefühl mehr ist

Gefühl?
Nein, nicht ich
Ich bin cool
Ich bin kalt

Kalt wie der Gin
aus dem Gefrierfach

Kalt wie die Toten
die ich kannte

Gefühl?
Nein, nicht ich, nicht ich, nicht ich
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Ich lache
wenn andere weinen

oder ist es umgekehrt?
In der Nacht….

In welcher Nacht?

Ich kenne Nächte
inzwischen
die ich glaubte
vergessen zu haben

Aber nein!
Ich bin cool
so cool
fast schon tot

Da ist etwas
kalt wie Gin

Gin aus dem Gefrierfach

Gefühl?


Papier & Vodka

Alles was auf Lüge beruhen könnte
sollte man auf Papier schreiben
Gedichte – von der Lüge gezeugt
& von der Gutgläubigkeit empfangen
Stories – die aus dem Verstand kommen
den die Lüge gefickt hat

Fehlgeburten, nichts als Fehlgeburten

Papier Papier Papier

Papier ist real

Virtuell war der Ursprung
der Gefühle
Virtuell wie das Computerprogramm
in dem die Worte nicht greifbar sind

Papier
Ich schütte Vodka darauf
die Lieblingsmarke der Lüge
ABSOLUT
Ich zünde es an
Sehe wie Zeichen sich kräuseln
Sehe den Tod meiner Worte
die niemals das Recht hatten
geboren zu werden

Papier
die Sterbeurkunde der Hoffnung

Flammen
die sich in Rasiermessern spiegeln

Wörter sollen nicht gelöscht werden
Sie sollen verbrennen

Sie sollen schreien vor Hitze
Sie sollen verglühen

Tod Tod Tod
Tod der Worte
Kein Erbarmen

Papier & Vodka
Vodka der kein Vergessen bringt
Papier

das zu Asche wird


Fremde

An jenem Tag hatte sie Frühdienst
Sie war im 2. Ausbildungsjahr zur Hotelfachfrau
Mein Nachtdienst neigte sich dem Ende zu
Sie begrüßte mich wie immer, lächelnd, plaudernd
Sie nahm die Schlüssel für den Frühstücksraum
die Zeitungen, die Listen & ging in Richtung Umkleide

Nichts schien anders als sonst
Alle sagten das –
im Nachhinein

Am frühen Abend fand man ihr Auto
in einem abgelegenen Waldstück
Zusammen mit ihrem Freud saß sie darin
Ein Schlauch führte vom Auspuff ins Wageninnere
Der Motor lief noch
Er musste seit Stunden gelaufen sein

Es war diese verfluchte alte Shakespeare-Story
2 Elternpaare die sich nicht ausstehen konnten
die gegen die Beziehung ihrer Kinder waren
gegen die Liebe
Egoismus Dummheit Borniertheit
das volle Programm

Und nichts schien anders
an jenem Tag
Man ist sich fremd
Man sieht nichts
Man plaudert
Man lächelt

Kein Hilferuf
stattdessen funktioniert man

Man funktioniert
solange es geht

Man ist umgeben von

Fremden


Reagenzien

Sie überschüttete mich mit ihrer Pisse
die ich trinken wollte
Dann überschüttete sie mich mit ihrer Liebe
Sie überschüttete mich mit Eiswasser
das mich schaudern machte
Dann überschüttete sie mich mit Salzsäure
Meine blöde Visage zerfloss

Ich mixte mir einen Cocktail
spießte einen meiner Augäpfel auf
rührte damit in den Reagenzien

Dieses Auge war nicht so traurig
wie ihre Augen es waren

Die Augen
in die ich mich verliebt hatte

Ich glaubte
ein Zwinkern zu sehen

Dieses Zwinkern bedeutete

TOD !


Fäulnis


Anhand meiner Zähne müssten sie mich identifizieren
Ich wäre unkenntlich, ein verrottetes Schlammgebilde
………………..ohne Geschlecht……………………
Den Gestank der Fäulnis würden sie kaum ertragen
Für Fliegen & Maden hätte ich einen Sinn
Fast schon wäre ich ein Teil der Erde
Endlich … endlich … endlich !

Nicht vermisst & doch gefunden

So wäre es schon vor langer Zeit gekommen

Wenn da nicht die Worte wären …
Die Wörter die man auskotzen kann
Zeichen … die hässlich & schön zugleich sein können
Waffen mit denen man ziellos & blindwütig auf Alles
………………..schießen kann…………………..

Dieses Geratter der Tasten ….. in hilfloser Wut
….. in unerträglichem Schmerz ….
….. in Verzweiflung………..

Sollen die Worte doch stinken
nach Fäulnis …. nach Tod …. nach Auswurf ….
Sollen sich doch alle abwenden von ihnen
…….. voller Ekel & Verstörung …..
…………. Es ist gleichgültig !

Vielleicht setzt sich eine Schmeissfliege auf eines meiner Worte
……….Es wäre mir eine Ehre ……….

Ich würde ihr zuprosten ……. mit dem von mir erfundenen Cocktail

…………….. Denn der hilft auch ………


Die Kanüle

Ich saß auf der Untersuchungsliege. Freier Oberkörper. Gesicht zur Wand. Der Arzt jagte mir eine gewaltige Nadel in die Wirbelsäule. Ich hatte das Gefühl, ein riesiges urzeitliches Insekt sei mir auf den Rücken gesprungen, um mich auszusaugen. Neben mir hockte eine Krankenschwester, die mich durch Quatschen ablenken sollte. Sie redete von ihrem Hobby, der Reiterei, und von ihrem Reitunfall am Vortag.
„Na toll“, sagte ich, stockend, „das passt ja. Beim Reiten kann man sich auch ne Querschnittslähmung zuziehen; genau wie bei dieser Untersuchung.“
„Unsinn“, sagte der Arzt hinter mir, „die Risikoquote ist verschwindend gering.“
„Meine Glücksquote ist auch verschwindend gering in letzter Zeit.“
Er lachte. „Nun entspannen Sie sich mal.“
Ich versuchte mich zu entspannen mit diesem Vieh auf meinem Rücken. Vorher hatte ich zu lesen bekommen, was alles passieren könnte bei dieser Untersuchung. Besonders das Wort Lähmungserscheinungen hatte es mir angetan.

Als ich am Abend aufgewacht war, hatte mein linkes Ohr gedröhnt wie eine Tuba, die an eine Sauerstoffflasche angeschlossen ist. Meine linke Gesichtshälfte fühlte sich dick & taub an. Ich hatte nicht mehr getrunken als sonst. Es war ein Samstag, und ich musste zur Arbeit. Zur Nachtschicht. Ich hasse alles, was mit Medizin zu tun hat; trotzdem rief ich den Ärztlichen Notdienst an.
Nach kurzer Zeit hielt ein Porsche vorm Haus. Ich kannte den Arzt nicht. Er war jung & irgendwie sympathisch; für einen Arzt jedenfalls. Er fragte mich aus, machte ein paar kleine Untersuchungen. Ich musste ihm fest die Hände drücken.
Er sagte: „Ich hatte da gerade einen Fall … ein 40jähriger, bei dem ein Schlaganfall zu spät diagnostiziert wurde. Deshalb bin ich jetzt lieber übervorsichtig. Sie müssen in eine Spezialklinik, um die notwendigen Untersuchungen durchführen zu lassen. Kann ein paar Tage dauern. Haben Sie jemanden, der sie hinfahren kann?“
„Nein.“
„Ok, dann ruf ich einen Krankenwagen. Sie selber dürfen auf keinen Fall fahren.“
„So ein Aufwand für einen Hypochonder“, sagte ich.
„Sie sind kein Hypochonder.“
Fand ich irgendwie nett, dass er das sagte. Aber er kannte mich ja auch nicht.
Ich telefonierte, um Bescheid zu sagen, dass ich nicht zur Arbeit kommen könne, und packte ein paar Sachen zusammen.
Als ich hinten im Krankenwagen saß, drehte der Beifahrer sich zu mir um & fragte:
„Wieso hat der Arzt eigentlich einen Krankenwagen geordert?“
Das bedeutete wohl, dass ich verdammt gesund aussehen musste.

Im Krankenhaus machten sie ihre ganzen Spielchen mit mir. Befragten mich nach meinem Alkoholkonsum … ich untertrieb, sagte etwas von einer Flasche Wein pro Tag … es war mir klar, dass die ohnehin irgendeinen internen Multiplikator für solche Angaben haben würden … ich musste auf einem Bein stehen … „Zittern Ihre Hände manchmal?“ … „Nein.“ … Dann schoben sie mich wie ein Hähnchen in den Computertomographen. Bluttests wurden gemacht. Ein EEG wurde gemacht. Das erinnerte mich an die Kindheit, in der ich unzählige EEGs über mich hatte ergehen lassen müssen. Meine Kindheit kam mir manchmal wie eine einzige Migräne vor … Und zum Abschluss also fickte mich dieses Insekt mit der erregierten Kanüle in den Rücken, weil sie checken wollten, ob irgendwelche Viren mein Hirn angegriffen hatten. Dabei kannte ich die Viren, die in meinem Schädel saßen, schon lange.

Schließlich war der Fick vorüber.
„Sie müssen jetzt viel trinken & sich vor allem in den nächsten Stunden flach hinlegen, sonst bekommen Sie irgendwann heftige Kopfschmerzen.“
„Das wäre ja mal ganz was Neues“, sagte ich.
Ich kam in ein Zimmer mit 2 alten Männern. Noch älter, meine ich. Ich legte mich in Klamotten aufs Bett, ich hatte keine Lust, mich auszuziehen. Es war grauenvoll. Schlafen konnte ich nachts ohnehin nicht, und die beiden schnarchten dermaßen, dass ich Angst um das Gebäude bekam. Sie waren lauter als die Tuba in meinem Ohr.
Nach einer halben Stunde gab ich es auf. Ich schnappte mir meine Wasserflasche & verließ das Zimmer. Ich setzte mich in den Aufenthaltsbereich. Blätterte in irgendwelchen Zeitschriften. Stand wieder auf & lief herum.
Die Nachtschwester saß hinter ihrem Empfangstresen. Sie war hübsch.
„Sie müssen doch liegen“, sagte sie.
„Keine Chance. Bei den beiden da drin halt ich’s nicht aus. Und schlafen kann ich nachts ja sowieso nicht.“
„Nachtarbeiter?“
„Nachtportier.“
Sie überlegte kurz.
„Wir haben hier einen Langzeitpatienten, der gerade übers Wochenende zuhause ist. Der hat sein eigenes Zimmer. Da könnten sie sich hinlegen & fernsehen. Das merkt keiner.“
Sie zeigte mir das Zimmer.
„Sie müssen nur wieder raus, bevor meine Ablösung kommt; dann kann ich das Bett noch machen.“
„Das ist verdammt nett“, sagte ich.
„Kein Thema.“
Sie ließ mich allein.
So also wurden private Langzeitpatienten untergebracht. Das Zimmer war groß, mit einem breiten Bett, ein paar schönen Möbeln & einem Flachbildfernseher. Außerdem hatte es ein großes eigenes Bad. Ich stellte mir vor, dass die arme Sau, die hier ihre Zeit verbrachte, wahrscheinlich Krebs hatte und nur hin & wieder nach Hause fuhr. So kannte ich es von meinem Vater.
Ich ging erstmal pissen in dem schönen Bad.
Dann zog ich mir die Schuhe aus, legte mich aufs Bett & schaltete den Fernseher ein.
Ich zappte ein bisschen herum, fand irgendeinen blöden Film & blieb dabei.
Als der Film zuende war, hatte ich wieder keine Ruhe; ich musste aufstehen. Ich zog meine Schuhe an, strich das Bett glatt & ging mit meiner Wasserflasche auf den Flur.
Die Nachtschwester lächelte.
„Ein hoffnungsloser Fall, wie ich sehe.“
„Völlig hoffnungslos“, sagte ich. „Haben Sie irgendwas, was ich Ihnen abnehmen kann?“
Sie schaute sich um.
„Ich muss bis morgen einen ganzen Stapel Mappen mit verschiedenen Fragebögen fertig machen.“
„Na bitte“, sagte ich, „das übernehme ich.“
Ich ging hinter den Tresen, setzte mich an einen zweiten Schreibtisch, und sie erklärte mir, wie die Mappen auszusehen hatten.
„So ein Patient ist mir hier noch nicht untergekommen“, sagte sie. „Einer, der meinen Job übernimmt.“
„Dann wurde es höchste Zeit“, sagte ich.
Sie setzte sich wieder vor ihren Computer & tippte; ich machte die Mappen fertig, und nebenbei plauderten wir über unsere Jobs.
So verging die Nacht.

Als ihre Nachtschicht vorbei war, reichte sie mir die Hand.
„Dann sehen wir uns morgen Nacht“, sagte sie.
„Nein“, sagte ich. „Ich bleibe hier keine Nacht länger. Ich werde mich selbst entlassen. Ich höre mir noch an, was die Ärzte zu sagen haben, und dann mach ich mich aus dem Staub.“
Sie lächelte.
Vernunft ist wohl nicht Ihre starke Seite.“
„Habe das Wort noch nie gehört.“
„Also, dann wünsch ich Ihnen Gute Besserung. Vielleicht sieht man sich mal. Vielleicht komm ich mal im Hotel vorbei.“

Ich ging wieder zu den beiden Alten, die mittlerweile wach waren, und wartete auf die Visite. Ein bisschen quatschte ich mit ihnen, aber nicht viel. Der Fernseher lief. Ein altes Modell, kein Flachbildfernseher. Die Tuba blies.
Schließlich kamen 2 Ärzte mit meinen Unterlagen.
„Also, Schlaganfall ist es keiner, und die anderen Werte sind auch alle in Ordnung.“
„Wahrscheinlich muss ich mir nur mal ordentlich die Ohren durchpusten lassen“, sagte ich.
Beide grinsten, der eine wiederholte: „Ohren durchpusten lassen. Das ist gut.“
„Das einzige, was auffällig ist: da ist so etwas wie eine Narbe im Gehirn. Das sieht man auf dem CT. Da müssten wir noch eine Untersuchung machen. Geht aber heute am Sonntag nicht. Das wäre erst morgen möglich.“
„Nee, sorry“, sagte ich. „Daraus wird nichts. Hier ist meines Bleibens nicht länger.“
Wieder grinsten sie.
„Und was die Narbe angeht“, sagte ich, „ich habe als Kind ständig Migräne gehabt – wird wahrscheinlich daher kommen.“
Ich erwähnte nicht die vielen Schläge an den Kopf.
„Das könnte gut sein, das wäre eine Erklärung“, sagte einer der beiden. „Also schön, wenn Sie nicht bleiben wollen, müssen Sie ein Formular unterschreiben, das besagt, dass Sie aus eigenem Willem vorzeitig entlassen wurden, bevor alle notwenigen Untersuchungen durchgeführt werden konnten.“
„Kein Problem.“
„Wir geben Ihnen dann eine Überweisung zum Ohrenarzt, und der wird ihnen sicherlich Infusionen verschreiben, um den Tinnitus wegzubekommen. Vermutlich ist das Ganze nur ein Streßsymptom.“
Wir schüttelten uns die Hände, und sie gingen wieder.
Ich nahm meine Tasche, die ich nicht einmal geöffnet hatte, unterschrieb am Empfang die Erklärung, bekam meine Überweisung & verließ fluchtartig das Krankenhaus.
Die Sonne schien, und es war warm. Ich setzte mich an die Bushaltestelle & wartete.
Verfickte Krankenhäuser. Ich hatte schon zu viele gesehen. Sterbende besucht. Tote besucht.
Am nächsten Tag ging ich zum Ohrenarzt. Es war der erste Tag meiner achttägigen Kopfschmerzen. Ich bekam die Infusionen verschrieben.
Die nächste Kanüle wartete schon auf mich. Aber wenigstens war es kein Monsterinsekt, das mir auf den Rücken sprang.


Der Staubsauger

Ich hatte seit 24 Stunden nichts gegessen
hatte noch immer keinen Hunger
saß da, kippte Gin in mich rein
starrte vor mich hin
starrte auf den Staubsauger, der
mitten im Zimmer lag

Staub war überall
Mein ganzes verficktes Leben war
Staub

Ich hatte es nur
lange nicht mehr gespürt

Eine Fremde hatte kommen müssen
um es mich spüren zu lassen
Eine Fremde, die keine war
weil ich mich in ihr wiedererkannte

Sie zeigte es mir
& verschwand wieder

Noch mehr Staub
als hätte man die Urne mit
meiner Asche
ausgeschüttet

Ich starrte auf den Staubsauger
Starrte auf den Schlauch, den man
abmontieren kann, um ihn
an einen Auspuff anzuschließen

Es wäre so einfach
Ein bisschen Husten
& dann
Ohnmacht

War ich nicht längst ohnmächtig?

Ich kippte Gin in mich rein
& starrte auf den Staubsauger

Alles wiederholte sich
Ein Tod nach dem andern
Wieviele Tode noch?
Wann hat man es endgültig
überstanden?

Irgendwann stirbt die Hoffnung
nicht mehr zuletzt
Sie stirbt zuerst

Der ganze Dreck
Der ganze Staub
Die ganze Asche

Einfach alles vernichten
Ein sauberer Schnitt

Ein letzter
glänzender
Tod

Der Gin ist alle
Ich sitze da &
starre auf den Staubsauger

Alles dreht sich
ich kann nicht aufstehen

Wann werde ich wieder
aufstehen können, um
dem Staub
ein Ende zu bereiten?


Der leere Bahnhof

Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren
– – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte
springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner
Sehnsucht


So Simpel

Wie einfach es doch ist :
Alles endet mit dem Tod
Jede Story endet mit dem Tod
Das Happy End ist eine verfrühte
Ausblendung
So simpel – ein
Gemeinplatz
Etwas, das jeder weiß
Etwas, das schon Unzählige gesagt haben
Etwas, das verdrängt werden kann
Verdrängt von fast allen
in den Meisten Momenten ihres Lebens
Sie rennen allem hinterher
Allem, was ihnen helfen könnte
bei der Verdrängung
Karriere…Liebe…Bücher…Musik…
Unterhaltung…Rosenkohl…Filme…Vorbilder…
Fortpflanzung…Alkohol…Drogen…

Bloß nicht nachdenken
Bewußtsein ist die Hölle
Eine Hölle, in der die meisten
die meiste Zeit über nicht leben
Sie leben in Regionen
wo man die Zeit totschlägt
wo man sich langweilt
wenn nichts passiert
wo man sich langweilt
weil man blind ist für die kleinsten
Veränderungen
Variationen, die den Sehenden
faszinieren –
Verdrängt ruhig! Tut Alles, was
Euch das Leben erträglicher macht!

Manchmal sehe ich
Doch meistens bin auch ich blind
will ich blind sein
wie fast alle
Ich wohne in der Hölle
verbinde mir die Augen
& doch vergesse ich nie
dass meine Hölle mit mir stirbt
& eigentlich ist es schade um jede
einzelne Hölle
die einmal für irgend jemanden
ein Zuhause war


Gerüche

Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen

Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem

Atem, den man
braucht, um nicht
tot zu sein


Widmungen

Jedes Mal, wenn der alte Mann
das Hotel betrat – & er kam
regelmäßig –, hatte er ein weiteres
Buch dabei.
In jedes Buch hatte er geschrieben:
Für die netten, reizenden Damen an
der Rezeption!
(Darunter seine Unterschrift)
Er überreichte es feierlich,
quatschte ein bisschen mit ihnen
& setzte sich dann in die Bar,
immer an denselben Tisch,
um Kaffee zu trinken.

Es dauerte nie lange, und er fing an,
laut zu reden. Er schimpfte vor sich hin.
Saßen noch andere Gäste in der Bar,
machte er abfällige Bemerkungen über sie,
über ihr Äußeres, über ihre Gesprächsthemen.
Die Gäste beschwerten sich selten.
Meist belächelten sie ihn.
Er war – für sie -: Ein alter, verwirrter Mann.
Trotzdem wurde er vom Personal gebeten,
seine Äußerungen zu unterlassen.
Dann setzte er sich stumm in die Halle.
Und irgendwann ging es wieder los:
„Wie kann man nur so ein verschissen
hässliches Kleid tragen? Vor allem, wenn
man solche Dellen in den Beinen hat!“

Er wurde höflich hinauskomplimentiert.
Das Personal mochte ihn. Er sorgte für
Stimmung. Und sie hatten Mitleid.

Ich kannte ihn nur vom Hörensagen.
Er kam ausschließlich vormittags ins Hotel, wenn
meine Nachtschicht längst vorbei war.
Ich sah nur, dass immer mehr Bücher in dem
Regal im Backoffice standen.
Niemand las sie. Niemand schaute hinein.
…………… Außer mir.
Allerdings kannte ich die meisten schon,
Klassiker aus allen Epochen.
Die Bücher waren voller Anmerkungen;
Die Anmerkungen waren hochintelligent, hochgebildet.
Unter die Widmung hatte er jeweils
geschrieben, was ihn mit dem Buch oder
dem Autor verband.
Manche der modernen Autoren hatte er persönlich
gekannt. Er war mit einem Bundespräsidenten
zusammen auf der Uni gewesen. Er
hatte mehrere Doktortitel der Geisteswissenschaften.

Es stimmte alles.
Ich habe es recherchiert.

Ich stelle mir gerne vor, wie ich
eines Tages irgendwo sitze &
die Menschen beschimpfe.
Und sie belächeln mich milde.

Schließlich kamen keine neuen Bücher mehr hinzu.

Ich nahm einige mit nach Hause.
Ich behielt sie. Es hatte ohnehin sonst niemand
Interesse daran. Ab & zu las ich die
Anmerkungen nochmals.

Aber eigentlich waren mir
die Anmerkungen die liebsten,
die ich nur vom Hörensagen kannte. Irgendwie
waren auch sie Widmungen. Und er widmete sie
den richtigen Leuten. Und sie waren klar.

Für mich
war er nicht
verwirrt.


Schwimmflügel

Oft saß ich an diesem Bach
in der Morgendämmerung
Baumleichen umgaben mich
Ein paar Sträucher lebten noch
Insekten lebten noch

Für mich war es der Bach
den alles runterging
Mein Leben, meine Erinnerungen,
die Zeit

Wenn die Morgensonne sich
wie blendende Splitter auf seine
Oberfläche streute
war ich geblendet &
schaute in eine andere Richtung

Ab & zu
pisste ich in diesen Bach
setzte mich wieder &
beobachtete die Ameisen
die anders lebten als ich

Eines Morgens
als ich von den Ameisen aufblickte
stand am gegenüberliegenden Ufer
eine Frau
Sie war nackt
bis auf die Schwimmflügel
an ihren Oberarmen

Sie schaute zu mir herüber
ich sah ihren Körper
ihre langen dunklen Haare
Ihr Gesicht sah ich nur
verschwommen

Langsam
ging sie in meine Richtung
stieg sie das flache Ufer hinab

Als sie bis zum Hals
im Wasser war
begann sie zu schwimmen

Mit ihren Schwimmflügeln

Ich stand auf &
ging ans Ufer
sah wie ihr langes Haar
auf dem Wasser schwamm

Die grelle Farbe ihrer
Schwimmflügel

Ich glaubte das Wasser zu riechen
& hörte die Vögel
die ich hasste

Ich ging in das Wasser
das kalt war

Meine Schuhe
meine Hosen
alles sog sich voll

Allmählich erkannte ich
die Augen
der Schwimmerin
& zitterte vor Kälte

Bis zum Hals
stand ich im Wasser

& ging
weiter

& weiter
& weiter

Ich konnte nicht schwimmen
Niemals hatte es mich gereizt
es zu lernen
Ich wollte es nicht können

Sie konnte es auch
nicht
aber sie hatte die
Flügel

Sie blickte mich an
Sie konzentrierte sich aufs
Schwimmen
spuckte hin & wieder etwas
Wasser aus

Die Oberfläche des Bachs
den alles runterging
dicht an ihren Lippen

Das Letzte
was ich sah
im Gesplitter der Sonne
war

wie
irgend etwas
Winziges
das aus dem Nichts
zu kommen schien

ihre Schwimmflügel
zerfetzte

Eiskalt lief das Wasser
in meine Kehle


Handgranaten

Nachts wachte sie in ihrer Wohnung
im 3. Stock
Schwere Eisenfesseln an ihren Fußgelenken
an ihrem Hals
Die Ketten dieser Fesseln waren
im Nichts befestigt
Wer sie ihr angelegt hatte
wußte die junge Frau nicht

Das kleine verzweifelte verstörte
verängstigte Mädchen saß am
Schreibtisch & bastelte
Bastelte Handgranaten
Handgranaten aus Wörtern
Wunderschöne Zerstörer
wie nur dieses Mädchen sie
basteln konnte

einzigartig

Wenn das Mädchen fertig war
nahm die Frau die Handgranaten
löschte das Licht, öffnete das Fenster
& warf sie in die Nacht hinaus

Alles sollte zerstört werden
alles vernichtet zerrissen zerfetzt werden

Aber die Nacht war gleichgültig
die Granaten detonierten nicht
sie prallten ab an der Gleichgültigkeit
& blieben liegen

Schön & scheinbar nutzlos lagen sie
auf der Straße &
wenn der Morgen kam waren sie
zu Staub zerfallen. –

Ich ging durch die Straßen
es war Nacht
ein leichter Nieselregen fiel
Die Straßen waren nass
Laternenlicht schimmerte in Pfützen
Alles war still
kaum ein Fenster erleuchtet

Ich war ziellos wie immer
allein wie immer
atmete wie immer
verloren in Gedanken
wie immer

Die Luft war angenehm
Katzen waren unterwegs
Der Mond eine nehmende Sichel
(ab- oder zu- war mir egal)

In einer der Straßen war nur noch 1 Fenster
erleuchtet, ich sah es von weitem
fantasierte über eine glückliche Familie
die dort vielleicht noch zusammensaß
alle lachten & niemand fühlte sich
einsam
während ringsum alles schlief

Ich ging weiter

Der Regen wurde stärker
Das erleuchtete 4eck in der Häuserfront
wurde dunkel

Das Fenster ging auf
ich war nicht mehr weit entfernt
Etwas flog aus der finsteren Öffnung
wie der Ball eines Kindes
klein & dunkel & stumm fiel es durchs Laternenlicht
Wie ein schwerer Gegenstand blieb es
auf der Straße liegen
Der Aufprall machte kaum ein Geräusch

Sofort folgten weitere
Sie landeten überall
auf dem Bürgersteig
auf Autos
auf Müllcontainern
Sie hinterließen keine Spuren

Ich kam näher
Ich hatte keine Angst
Mir war alles egal
in dieser Nacht
wie in den meisten Nächten

Ich sah
dass die Gegenstände schön waren
Ich hätte sie nicht beschreiben können
Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen
Aber ich wußte
wie sie entstanden waren
Ich wußte
warum sie entstanden waren
Ich wußte
was sie bedeuteten
Ich wußte
was sie bezwecken sollten

Ich ging noch ein Stück weiter
& wurde getroffen

Mein Bauch wurde aufgerissen
Lärm tötete mein Gehör
In Zeitlupe flogen meine
Eingeweide durch die Luft
& klatschten auf die nassen Straßen
wie in einem Stummfilm

 

Noch stand ich
& schaute nach oben
während mein Blut den Asphalt färbte
Ich spürte keinen Schmerz
Aus dem Dunkel des 4ecks
erschien ein Gesicht im Licht der Straße
Das Gesicht einer jungen Frau
das zu dem Gesicht eines kleinen
verzweifelten verstörten verängstigen
Mädchens wurde

Erschrocken blickte es mir
in die Augen
Ich sah Leid & Mitleid &
Traurigkeit

Ich lächelte ihm zu
Nicht schlimm, signalisierte ich ihm
signalisierte ich ihr

Wer auch immer sie war
ich mochte sie sofort

Ich fiel hin
& mein Herz hörte auf
zu schlagen


Endstadium

Ich bin das Endstadium
irgendeiner Krankheit
die ich erfunden habe

Man findet sie in keinem
Lehrbuch für Medizin

Die Heilung ist
ungewiss

Die ÜberlebensChance
minimal

Hoffnung
gibt es


Bahnen

Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie sitzen in Zügen
Sie sehen denjenigen, der den
Zug führt
nicht

Jeder Zug kann der letzte sein
Das vergessen sie
oder sie verdrängen es
oder sie haben es nie begriffen

Für sie zählen nur Fahrpläne &
Pünktlichkeit
Ihr Leben verläuft in Bahnen
die andere für sie gebaut haben

Sie wollen an ein Ziel gebracht werden
dass nicht das wirkliche ist
solche Ziele halten sie für wichtig

Das Ziel ist immer der Tod

Diese Menschen wollen mir Ratschläge geben
Sie winken & möchten, dass ich zusteige
an irgendeinem Bahnhof der Lächerlichkeit

Ich tanze neben den Zügen
schlage meine eigenen Räder &
pisse auf die stählernen Nägel
die alles befestigen

Menschen, die auf Schienen durchs
Leben bewegt werden
Sie ahnen nicht, dass
selbst wenn es mir dreckig geht
es mir besser geht als ihnen

Ich kenne den Zugführer
In durchzechten Nächten habe ich
mit ihm gelacht –
gelacht über die Massen
die seine Fahrgäste sind

Sie lauschen den Durchsagen
Sie glauben was sie hören
Sie werden beschwindelt

Mein Schwindel ist der bessere

Ich sehe den Zügen nach
Mein Ziel ist dasselbe
aber mein Weg ist ein
anderer


Bagger

Zuerst hatten sie die alte Frau gegenüber
in ein Heim gesteckt, dann stand
der Container mit ihren Möbeln auf der
Straße

Jetzt werde ich von Baggern wachgehalten
die ihren Garten ausheben
Bäume wurden gefällt
Sie hatte ihren Garten geliebt
Es sind ihre Kinder, habe ich mir sagen lassen

Gut, dass ich keine habe

Zu Feiertagen hatte sie mir
Karten in den Briefkasten geworfen
& Pralinen

Ab irgendeinem Zeitpunkt stand
jeden Morgen ein Wagen der Diakonie
vor ihrem Haus, ihr
wurden die Windeln gewechselt

Jetzt höre ich die Bagger
fluche, kann nicht schlafen
& habe keine Ahnung
ob sie noch lebt


Der schlechte Gastgeber

„Komischer Vogel“, sagte er. Er meinte mich.
Vogel ist gut“, sagte ich, „ich hab nicht mal was zu vögeln.“
Es war früh morgens. Draußen noch dunkel. Meine alten Lampen düsterten vor sich hin. Er war von der Nachtschicht her vorbei gekommen. Ich hatte frei. Wie meistens. Arbeit ist mein Ausnahmezustand.
„Daran wird sich auch nichts ändern, wenn du dich hier verbarrikadierst“, sagte er. „Es wird keine an der Haustür klingeln & drum betteln.“
„Und selbst wenn“, sagte ich, „meistens geh ich ja nicht hin, wenn’s klingelt.“
Er grinste. „Du solltest mal raus. Unter Menschen.“
„Danke. Ich verzichte.“
„Ich kenne niemanden, der so lange allein war wie du.“
„Ich auch nicht“, sagte ich. „Liegt aber vielleicht daran, dass ich überhaupt kaum jemanden kenne.“
Er saß auf dem Trockenen. Ich bin so ein schlechter Gastgeber. Biete nie etwas an. Er war daran gewöhnt, und sonst kam ja niemand (sobald jemand einmal andeutete, mich eventuell besuchen zu wollen, ließ ich mir etwas einfallen, um das abzubiegen). Ich hatte meinen x-ten Absinth vor mir. Trug einen Bademantel über den Klamotten, weil ich fror. Ich musste Heizöl sparen. Mehr Arbeit hätte mehr Wärme bedeutet, aber lieber zitterte ich. Auf meinem Beifahrersitz fuhr ich Teile des Auspuffs spazieren. Das Haus sah aus, als hätte Edgar Poe es sich ausgedacht. Morgens kann ich mich meist nicht mehr daran erinnern, wie ich mir nachts etwas zu essen gemacht habe, weil ich vor dem Kochen, auf nüchtern Magen, meine Martinis trinke. Zum Essen kommt dann der Rotwein. Und später der Absinth.
Er fing an, von der Arbeit zu reden. Er machte denselben Job wie ich, allerdings woanders; und Vollzeit. Ich spielte Interesse. Hörte irgendwie zu, antwortete irgend etwas. Seltsame Welten lagen zwischen uns. Wir kannten uns seit der Schulzeit, seit über 30 Jahren. Also gab ich mir Mühe, aber ich kann gewisse Dinge einfach nicht ernst nehmen. Ich nehme nicht einmal das Nichts ernst, auf das alles hinausläuft.
Schließlich war es vorbei, und er kam wieder auf das einzige Thema zu sprechen, das mich halbwegs interessierte: Mich.
„Ich frag mich manchmal, was bei dir schiefgelaufen ist. Alle – die Lehrer, die Schüler – alle dachten, du bist der einzige, aus dem mal wirklich etwas wird, also zumindest jemand Bekanntes, ein Schriftsteller, oder Musiker.“

Der Moment, als ich starb … Als alles endete … Zusammenbrach … Ich zusammenbrach … Weinend, bittend, winselnd … Sie weinte ebenfalls … bereute ihre Entscheidung … bereute sie zu spät … kein Zurück …

„So kann man sich eben irren. Ich laufe schief. Deshalb geh ich auch nie zu Klassentreffen. Ich würde nicht hinfinden.“
Ich lachte & nahm einen grünen Schluck. Ich war gut gelaunt. Es war etwas aus mir geworden. Irgend ein Etwas. Über alte Ambitionen konnte ich lachen … ein bißchen mitleidvoll, aber doch auch wohlwollend. Ungefähr so wie ich über die lachte, die es nie begriffen.
„Du & deine Witzchen“, sagte er.
„Andere pfeifen im Wald, ich mache Witzchen.“
Ich zündete mir eine Zigarre an; die Bücherwände rochen nach kaltem Rauch. Schnee begann durch Laternenlicht zu fallen.
Ich sagte: „Weißt du, wie lange es her ist, dass ich zuletzt gekotzt habe? – – 11 Jahre! Mein Magen ist mein bester Freund, er teilt meine Vorliebe für geistige Getränke.“
„Na super“, sagte er.
„Ja, ich werde nie einen ordinären Löffel abgeben. Es wird ein Absinth-Löffel sein.“
Er mußte grinsen. Trotz allem.
Alles lief auf das Nichts hinaus.
Irgendwann ging er. Er schüttelte den Kopf ….
& mir die Hand.


too much information

Manchmal kommt alles zusammen.
Unterwegs zur Nachtschicht, kurz nach 22 Uhr. Die Strecke: 45 Kilometer. Hin & wieder hielt ich an, öffnete die Tür & kotzte auf die Straße. Dann fuhr ich weiter. Eiskalter Schweiß auf Stirn & Kopfhaut. Jede Bewegung des Lenkrades zerrte an meinen Innereien. Die Magensäureproduktion lief auf Hochtouren. Ich hatte die Nacht über bis zum frühen Nachmittag getrunken, um den Gedanken, am kommenden Abend zur Arbeit zu müssen, irgendwie ertragen zu können. Es war nur ein Teilzeitjob, 2 Tage pro Woche; für mich die Grenze des Möglichen. 5 Tage wären mein Untergang gewesen, die endgültige & absolute Abstumpfung. Ich hatte es einmal versucht & es ungefähr 1 ½ Jahre durchgehalten. Das war kein Leben, es war insektenhafter Stumpfsinn. Lieber schränkte ich mich ein, billiges Essen, billige Getränke, keine Reisen, kein Luxus – so konnte ich mit 2 Tagen Arbeit über die Runden kommen. Sein statt Tun. Gegen den Job war eigentlich nichts einzuwenden, er passte noch am ehesten zu mir. NACHTPORTIER. Da ist man die meiste Zeit allein; die Leute, die ihren Job ernst nehmen, bekommt man kaum zu sehen; die bleiben tagsüber untereinander & gehen sich gegenseitig auf die Nerven. Und die Welt, oder das, was sich dafür hält, rauscht auf engstem Raum an einem vorbei. Keine Sorte Mensch, die einem nicht begegnet. Die Drehtür schaufelt sie herein: Selbstmörder, Schlagersänger, Geschäftsleute, Arbeiter, Nutten, Minister, Betrüger, Komiker, Obdachlose, Schriftsteller, Diebe, Schauspieler, Hausfrauen, TV-Moderatoren, Versicherungsvertreter, Musiker. Manchmal auch die Helden der eigenen Kindheit. Die nur manchmal Helden bleiben. Man hört sie ficken, man sieht sie tot, man sieht sie kotzen, lachen, bluten & trinken. Also wirklich, nicht der übelste Job.
Als ich das Hotel betrat, sagte die Kollegin von der Spätschicht:
„Wie siehst du denn aus?“
„Wie eine Leiche vermutlich.“
Ich ging sofort ins Backoffice, setzte mich, verschränkte die Hände hinterm Kopf & versuchte, tief & gleichmäßig zu atmen. Stimmen & Gläserklirren aus der Hotelbar, gleich neben der Rezeption. Die Kollegin folgte mir.
„Was ist los?“
„Kreislauf“, sagte ich leise.
„Willst du dich nicht erstmal hinlegen? Nimm dir ein Zimmer.“
„Werd ich wohl müssen“, sagte ich. „Tut mir leid.“
Sie lächelte. „Kein Thema. Hau dich hin.“
Sie gab mir einen Schlüssel, und ich fuhr mit dem Aufzug nach oben. Der Aufzug war heute auch nicht der Freund meiner Eingeweide. Ich schaffte es bis ins Zimmer, bis ins Bad. Da war schon wieder neue Magensäure. Ich versuchte, die Kloschüssel zu treffen. Dann legte ich mich vorsichtig hin & wurde bewußtlos.
Nach 2 bis 3 Stunden kam ich wieder zu mir. Es ging mir kaum besser. Ich stand langsam auf, wankte ins Bad, wusch mein Gesicht mit kaltem Wasser & spülte den Mund.
Anschließen fuhr ich wieder nach unten. Die Bar war dunkel, alles still, die Kollegin allein.
„Na, wie geht’s?“ sagte sie.
Ich versuchte zu lächeln. „Nicht besonders. Aber geht schon.“
„Wirklich?“
„Ja.“ Ich setzte mich. Hauptsache sitzen; nicht bewegen.
„Hast du das öfters?“
„Nur wenn Jim Beam sehr nett zu mir war.“
„Dachte ich mir. Du solltest besser auf dich aufpassen.“
„Ab morgen“, sagte ich.
„Ich versuch’s mal zu glauben. – Also? Kann ich dich allein lassen?“
„Sicher.“
„Du mußt auch nix mehr machen“, sagte sie. „Es ist alles erledigt, Abrechnungen, Kasse, Tagesabschluss, Rundgänge. Und ich habe Tessa angerufen, sie kommt eine Stunde eher zum Frühdienst.“
„Ich wußte ja immer, dass du ein Engel bist“, sagte ich.
„Quatsch. Ich hatte eh nichts Besseres vor.“
Scheiße, alle waren immer so nett zu mir.
„Das werde ich dir heimzahlen“, sagte ich & krampfte ein Grinsen in mein blutloses Gesicht.
„Werd erstmal wieder fit.“
Als sie weg war, ging ich in die Bar & legte mich auf eine der Bänke. Ich schloß die Augen & hoffte, dass heute Nacht niemand hereinkommen würde. Oder zumindest, dass niemand mich mit irgendwelchen Bitten behelligen würde. Ich schlief nicht, aber wach war ich auch nicht. Ab & zu hörte ich die Drehtür & den Aufzug, aber niemand rief nach mir. Gegenüber am Hauptbahnhof grölten die Besoffenen.
Nach ein paar weiteren Stunden merkte ich, dass es allmählich besser wurde. Ich blieb noch liegen. Mit offenen Augen. All diese Flaschen, diese Gläser, im Licht der Straße. Schön & beruhigend.
Schließlich hörte ich erneut die Drehtür.
„Hallo? Hallo?“ Eine aufgeregte Männerstimme.
Ich richtete mich auf, so schnell ich konnte; der Schwindel war nicht allzu schlimm. Dann hatte ich meinen Auftritt als wandelnde Leiche, die aus der dunklen Hotelbar kam.
Es war einer der Obdachlosen, die in der Bahnhofsgegend unterwegs waren. Er deutete nur auf seinen Mund.
„Ich brauche Wasser. Bitte. Unbedingt. Leitungswasser, mir ist sowas Schreckliches passiert. Oh, mein Gott, wie ekelhaft.“
„Sekunde“, sagte ich.
Ich ging zurück in die Bar, nahm ein Glas, ließ das kalte Wasser ein paar Sekunden laufen, füllte das Glas randvoll & brachte es ihm.
Er trank hastig. Große, laute Schlucke. Stellte schließlich das leere Glas KLACK! auf die Rezeption.
„Verdammt verdammt verdammt“, sagte er, „wissen Sie, was mir passiert ist.“
„Was?“
„Ich hatte so einen Scheißhunger … hatte wirklich lange nichts gegessen … da hab ich ein paar Mülltonnen durchsucht … hinterm Bahnhof … mach ich sonst nicht … aber dieser Scheißhunger … und in einer war tatsächlich ein Sandwich … noch halb eingewickelt … vom Subway gegenüber … das hab ich rausgeholt & gegessen … schmeckte irgendwie komisch, aber ich hatte so’n Scheißhunger … Hinterher war ich immer noch nicht satt … wollte gucken, ob da noch mehr ist & hab die Tonne ein bißchen ins Licht gerückt … & dann hab ich gesehen, dass da Hundescheiße drin war … genau da, wo auch das Sandwich gelegen hatte. Eine Menge Hundescheiße.“
„Müssen Sie mir das erzählen?“ sagte ich.
„Das war so ekelhaft“, sagte er. „Oh Gott, war das ekelhaft. Dieser Geschmack!“
Ich wandte mich ab, ging in die Bar zurück & kotzte in die Spüle.
„Ey, tut mir leid“, rief er mir hinterher.
Ich ließ das Wasser laufen.
Ging zurück.
„Schon okay“, sagte ich.
Er grinste. „Ja, das war wirklich ekelhaft. Können Sie mir glauben.“
„Glaube ich.“
„Na, ich geh dann mal“, sagte er. „Danke für das Wasser.“
Draußen spuckte er ein paar mal auf den Gehweg. Räusperte sich laut. Und spuckte nochmal.
Mir ging es besser.


Chronistenpflicht

Ich kannte sie
die junge Frau
deren Blut sie im Fernsehen zeigten
Ich saß mit meinem Bier auf dem Sofa
schaute die Nachrichten
Ein Unfall
ein zerstörtes Auto
Sie mußten
natürlich
das Innere
zeigen
Chronistenpflicht
Scheiß auf die Menschen
die sie kannten
die mit ihr gelacht hatten
Vergesst ihre Familie
das Innere ist wichtig
das Innere des Autos
in dem sie gestorben war
»Hast du die Blutlache im Bild?«
Sie war 20 Jahre alt
gewesen
Ich kannte sie
Kannte die Frau, die
ihre letzte SMS erhalten hatte
Die letzte SMS – kurz
vor der letzten Kurve
abgesendet
Ich ging in die Küche
Bier reichte da nicht


Die unbekannte Welt

Du gehst durch die Welt
Die Welt, die du kennst

Du meinst, sie zu kennen
aber
es ist nicht dieselbe Welt

Du dachtest,
alles sei gleich,
alles dasselbe

und dann erfährst du
jemand ist gestorben
gestorben vor Jahren

Jemand, der zu deiner Welt
gehörte
(kein Kontakt seit Jahren, aber
das hatte keine Bedeutung)

Du bist gegangen
durch die Welt
die du glaubtest zu kennen
(alles schien vorhanden, im
Hintergrund, über den man
nicht nachdenkt)

Aber es war eine
andere Welt
durch die du gegangen bist
schon seit Jahren

eine unbekannte Welt
durch die du
unwissend
gegangen bist

seit Jahren


Zirkus

Seht zu, wie ich über das Seil laufe
Seht zu, wie ich auf dem Seil springe
Seht zu, wie ich auf dem Seil tanze

Das Seil ist meine Welt
Das Seil ist die Zeit
Das Seil ist das Sein

Seht zu, wie ich
abstürze &
lächelt


Selbstzerstörung

Wenn ich mich selbst zerstöre
bin ich der Welt voraus
Der Tod ist mein Sklave
er muss tun was ich will

Die Selbstzerstörung ist mein Spott & meine
Verachtung für alles
was mir anerzogen wurde

Sie ist Flucht aber
sie ist auch Verfolgung

Freiheit im Gefängnis


Betten

Du siehst durch Gitterstäbe
in die Welt
zauberhaftes Gefängnis
in dem Du träumst
Große Menschen beschützen
Dich

Gitterlos & schmal
Große Menschen kotzen Dich an
Du wichst 5 Mal am Tag oder
in der Nacht
Du träumst & träumst &
spritzt & spritzt

Weite Freiheit
voll von Gerüchen
4 Beine die auf 4 Beinen
sich winden
Flecken wie Landkarten
Feuchte Kontinente

Breite Gefangenschaft
Karussellene Langeweile
trottende Jahre
schweigend geteilte Einsamkeit
Argumente &
Ertragen

Schmale Vorbereitung auf
das Ende
weißes Metall
hochgeklappte Begrenzung
in fremder Umgebung voll von
Scheiße & Schmerz

Du siehst ins
Nichts
hölzernes Gefängnis
die letzte Enge
die ins Weite fließt
Ende & Vergessen


Die tote Katze

Die tote Katze lag auf der Landstraße.
Der Wagen vor mir nahm sie zwischen die Räder.
Ich nahm sie zwischen die Räder. Sah
keine äußeren Verletzungen. Wie im
Schlaf lag sie da. Jung gestorben. Eine
Anfängerin auf der Straße.
Ich sah sie im Rückspiegel, ich
entfernte mich. Im Rückspiegel sah
ich, wie sie aufrecht & fast durchsichtig am
Straßenrand saß. Sie blickte mir nach.
Ich hörte sie denken. Warum fahren
alle vorüber? Warum hält niemand an?
Warum legt niemand meine Leiche an
die Seite? – Im Dunkeln wird mich jemand
überfahren. Meine Eingeweide werden
über die Straße verteilt werden. Warum
fahrt ihr vorüber?
Sie blickte hinüber
zu ihrer Leiche.
Ich fuhr weiter. Schaute nicht mehr
in den Rückspiegel.
Fuhr 1 Kilometer, fuhr 1 ½ Kilometer.
Der Motor schnurrte. Ich fuhr 2 Kilometer.
Dann hielt ich an &
wendete.


In der Nachtbar

Buntgedämpftes Licht, Kerzenflämmchen
glänzende Gläser
Stimmenteppich, vereinzelt Lachen
Nutzloses Klaviergeklimper
gesichtslose Menschen an Tischen & Theke

Ich trinke Rotwein mit
Allem, was sich darin spiegelt

Am Nebentisch sitzt das Leben
wie immer
Es sitzt immer am Nebentisch
allein
Es ist eine Frau, abgewandt
sie sieht mich nicht

2 Tische weiter sitzt der Tod
allein
Der Tod ist heute eine Frau, sie
ist schön, sie
beobachtet mich
Ich proste ihr zu, lächle

Sie grinst verächtlich

An meinem Tisch sitzt die Einsamkeit
sie trägt ihre Tarnkappe, un sicht bar
Sie schweigt
Nur zuhause spricht sie mit mir
oftmals mit meiner Stimme
Dort nimmt sie manchmal die Tarnkappe ab
Manchmal ist sie schön & begehrenswert
Manchmal ist sie häßlich & abstoßend
oftmals ist sie
ich

Auf einer kleinen Bühne tanzt die Nacht
nackt unter schwarz-diaphanem Schleier
eine perfekte Silhouette von dunkler Grazie

Ich bestelle noch einen Wein
Die Bedienung hat kein Gesicht, kein
Geschlecht, kein Gefühl
Das Glas klopft auf Holz

Der Tod schaut mir gelangweilt zu
Das Leben hat einen schönen Rücken

Ich verstehe kein Wort von dem
was gesprochen wird
in einer Sprache, deren Klang ich
noch nie gehört habe

Die Einsamkeit legt mir ihre
durchsichtige Hand zwischen die Beine
während ich den Tanz der Nacht
beobachte

Ich trinke aus
Ich stehe auf
Nähere mich dem Tisch, an dem
das Leben sitzt, abgewandt
Das Leben ist eine Frau, ich
möchte nur ihr Gesicht sehen
einmal
nichts weiter
Ich gehe ein Stück am Tisch vorüber
um mich dann umzuwenden

Der Tod beobachtet mich
amüsiert

Ich drehe mich herum &
blicke in das Gesicht des
Lebens

Ich unterdrücke einen Schrei

Dann renne ich durch die Straßen
renne durch Laternenlicht
Verdunkelte Häuser spielen mit dem Klang
meiner rasenden Schritte

Die Einsamkeit folgt mir unsichtbar
folgt mir nach Hause, wo wir
uns einsperren werden
Mir fällt ein:
Ich habe nicht bezahlt, ich bin
geflohen
Niemand hat mir nachgerufen
Niemand hat’s bemerkt, oder
es war ihnen egal

Aber ich weiß:
Ich werde zurückgehen
irgendwann
& dann werde ich
bezahlen

Alles werde ich
bezahlen

 

(Inwendig vorgetragen:)


Der Mann mit der Peitsche

Er fand seinen Vater auf einem Sofa aus Blut. Das Gesicht eine rote Pfütze. Der letzte Husten. Lungenkrebs. Tod. Ich war 3.
Und dann lag er selber im Bett, und ich war 12. Er rief nach mir, mit zerbrechender Stimme. Ich blieb in der Tür stehen.
„Meine Füße sind kalt … wickelst du mal die Decke drum …. aber vorsichtig.“
Es gruselte mich, ich ging zu ihm. Ganz vorsichtig, ganz behutsam bewegte ich die Bettdecke. Die Reste seines Gesichts waren nur noch Schmerz. Abgemagerter Schmerz der ganze Mann. Er stöhnte auf. Ich war so vorsichtig. Dem Krebs war das egal.
Dies war der Mann mit der Hundepeitsche. Dies war der Mann, der sich zuhause kaum im Griff hatte.

Mit der Peitsche….. nein, damals war es die Leine…. mit der dicken ledernen Leine schlug er auf meinen Bruder ein. Der blieb fast stoisch. Ich kleiner Bruder schrie & weinte. Der Anblick … ich sprang ins Bett & vergrub mein Gesicht in der Decke. Schrie in die Decke „Bitte nicht!“ Es war schlimmer als selber der Geschlagene zu sein. Die Mutter war machtlos. Sie schlug er nicht, aber sie konnte nichts ausrichten. Machte man die zarteste Geste, einen Schlag abwehren zu wollen, ging es erst richtig los. „WAS? DU WEHRST DICH?! NA WARTE!“
Einmal, bei einem friedlichen Mittagessen, kippte ich einfach vom Stuhl & kam erst auf dem Boden wieder zu mir. Und das Unfassbare geschah. Nach diesem Ereignis bekam zumindest ich keine Ohrfeigen oder Schläge an den Kopf mehr. Ich rechne es ihm hoch an, dass er das schaffte & sich nur noch meinen Arsch vornahm. Und auch der Stock kam seltener zum Einsatz.

„Danke“, stöhnte er. Er versuchte zu lächeln. Es wurde zur Fratze. Ich ging zurück in mein Zimmer. Das war der Mann, der die Bücher liebte. Der angesehene Wissenschaftler. Der Mann mit den vielen Freundinnen. Der Mann, den ich für unbesiegbar gehalten hatte. In dessen Gegenwart ich mich vor der Außenwelt beschützt fühlte. Vor dem ich Angst hatte. Der das Kinderprogramm mit mir zusammen schaute & sich königlich amüsierte dabei. Der Mann mit den zarten, schönen Händen.

Als er starb, überwog die Erleichterung den Schmerz; das Freiheitsgefühl die Trauer. Und das war das Traurigste daran.


Fieber malt Träume

Alles was schiefgeht, taufe ich Absicht.
Alles Unglück habe ich schon irgendwo gelesen – –
Der Albtraum schönt das Erwachen.
Der Tod hat schon die meisten geholt.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Liebe.
Krankheit weckt Kräfte.
Die schönsten Tiere bevölkern die Dunkelheit.
Schläge fördern die Durchblutung.
Hass ist ein Gefühl.
Schmerz weckt auf.
Scheisse bedeutet Erleichterung.
Alleinsamkeit denkt.
Fieber malt Träume.


Vorbereitungen

Meine 1033ste Wiedergabeliste erstellt –
für jede Gelegenheit eine :

Musik für die Badewanne
Musik zur Entspannung
Musik zum Verrücktwerden
Musik für den Vertreterbesuch
Musik zum Kochen
Musik zum Saufen
Musik zum Weinen
Musik zum Schweigen
Musik zum Bügeln
Musik zum Erwachen
Musik zum Einschlafen
Musik zum Müllrausbringen
Musik für den Selbstmord
Musik zum Lachen
Musik zum Lesen (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Essen
Musik zum Staubwischen
Musik zum tonlosen Fernsehen
Musik zum Nägeleinschlagen
Musik für den Blowjob (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Musikhören
Musik zur Kontoauszuglektüre
Musik zum Mixen
Musik zum Wichsen
Musik zur Pediküre
Musik zum Kloputzen
Musik zum Haareschneiden
Musik zum Träumen

……………………………


Bandsalat

Alkohol auf die Einsamkeit geschüttet
Musik in die Stille gegossen
3 Mal gewichst, um die Sehnsucht zu killen – vergebens
die Flecken aus dem kalten Waschbecken gewischt
Zigarrennebel in die Leere geblasen

Erinnerungen

Schlaf – so lange es geht – mit Dröhnen im Schädel, Schweiß in der Matratze
Träume voller Leben, voller Zärtlichkeit

So läuft mir das Leben von der Spule…..

Bandsalat auf dem Boden
nicht mehr zu entwirren
das Gespeicherte verloren

Müll


Pschyrembel lesen…

 

….der Tod hat sich meinetwegen schon einen Knoten ins Taschentuch gemacht –

ich hoffe, nur dorthin…………..


Joshua betrat seine Wohnung

Joshua betrat seine Wohnung. Sein Mantel war klamm von verschwundenem Schnee. Leise flüsterte er:
„Mutter?“
Seine Mutter war vor einem dreiviertel Jahr gestorben. Die verwaiste Katze näherte sich ihm & strich ihre Einsamkeit an seinen Beinen ab. Er bückte sich, und die Katze streichelte mit ihrem Kopf seine Handfläche.
Mißtrauisch betrachtete Joshua den Heizkörper neben dem Kopfende seines Bettes. Hinter Staubgebilden wohnte eine Spinne, schwarz & dick & ohne Menschenscheu.
„Eines Tages wirst du sie kriegen“, sagte er zu der Katze. Nie sprach er die Katze mit ihrem Namen an, denn ihren Namen hatte sie von seiner Mutter bekommen. Fast schon hatte er den Namen vergessen.
Nie geschah etwas in seiner Wohnung, und nie langweilte er sich in ihr. Die Langeweile wohnte woanders – in anderen Wohnungen – in fremden Menschen…
… in Menschen überhaupt – nur in den Menschen, ob fremd oder nicht …
… auch in ihm wohnte sie – erkennbar aber nur für die anderen; für ihn war seine eigene Langeweile unsichtbar. Was für ein Segen!
Er behielt den Mantel an & ging zu dem Tisch mit den Flaschen. Er schaltete die rotbeschirmte Lampe ein & bewunderte das Licht in den Flüssigkeiten.


Der Spiegel im Keller – Ein Märchen

Einsam liegt das Haus am Hang.
Einsam lag sein Bewohner, Mitte 40, im Bett. Seit einer Stunde war sein Blick über die Zimmerdecke gewandert; jetzt erhob er sich mit leichtem Schwindelgefühl und stieg nackt in den Keller hinab.
In einem der Abstellräume lehnte, umgeben von einer großen Menge leerer Wein- & Schnapsflaschen, der Spiegel an der Wand. Es war der einzige Spiegel im ganzen Haus, ein messinggerahmtes Erbstück, knapp 2 Meter hoch – und auf Augenhöhe war das Glas spinnenförmig gesplittert. Der Mann trat, da er seine Brille auf dem Nachttisch gelassen hatte, nahe an den Spiegel heran und betrachtete die Bruchstücke seines Spiegelgesichtes. Er fühlte sich alt.
Schon in seiner Kindheit, als er in diesem Haus allein mit seiner Mutter lebte, hatte der Spiegel hier unten gestanden – damals noch intakt; damals noch nicht umgeben von Flaschen; damals noch nicht der einzige Spiegel im ganzen Hause. Als der Junge in die Pubertät kam, schlich er sich oftmals in diesen Raum, zog sich vor dem Spiegel aus und lebte in seiner aufgepeitschten Fantasie.
Als er 17 war, traf er auf einem Spaziergang ein Mädchen, das ein Jahr älter war als er. Er verliebte sich. Er nahm das Mädchen mit nach Hause und schließlich zog es bei ihnen ein. Auch das Mädchen verliebte sich.
Wenn seine Mutter zur Arbeit ging, begaben er und das Mädchen sich in den Keller. Sie zogen sich vor dem Spiegel aus und betrachteten sich darin. Dann spielten sie. Miteinander; aneinander; ineinander. Sie liebten sich.
Die Mutter aber wurde eifersüchtig. Sie begann das Mädchen zu hassen. Und mit der ganzen Finesse ihres neurotischen Egoismus verleidete sie dem Mädchen seine Anwesenheit in diesem Hause und damit auch alsbald die Liebe zu ihrem Sohn.
Eines Tages, die Mutter war abwesend, standen er und das Mädchen wieder nackt vor dem Spiegel. Sie sagte ihm, dass sie es nicht länger aushalte, dass sie gehen werde. Er flehte sie an zu bleiben, er sprach von ihrem Glück, von ihrer Liebe, von ihrer Zukunft. Er weinte. Da weinte auch sie; doch er konnte sie nicht umstimmen. Sie zog sich an, packte ihre Sachen zusammen und ging. Er wußte, dass sie stärker war als er. Er ging ihr nicht nach. Er lief, immer noch nackt, in den Keller. Sein Spiegelbild weinte, kaum konnte er es erkennen. Er schlug mit dem Kopf dagegen, die Glasfläche splitterte spinnenförmig; Blut lief aus einer Platzwunde.
Er wurde sehr still.
Er blieb still.
Oftmals ging er spazieren. Dort, wo er das Mädchen getroffen hatte. Er traf sie nicht wieder.
Als er einige Monate später von einem dieser Spaziergänge heimkehrte, bemerkte er aus einiger Entfernung vom Hause, dass dieses unscharf geworden war. Es war, als habe es sich von ihm zurückgezogen; Details, die er zuvor deutlich hatte erkennen können, verschwammen in seiner Wahrnehmung.
Dann bemerkte er, dass sich dieses Phänomen nicht nur auf das Haus bezog. Alles wich von ihm zurück. Alles wurde unscharf. Damals bekam er seine erste Brille.
Und so wie sich die Welt vor ihm zurückgezogen hatte, zog er sich vor der Welt zurück. Er lebte weiterhin mit seiner Mutter in dem Haus. Er sprach am Tag keine 5 Worte mit ihr.
Jahre vergingen. Jahrzehnte vergingen. Die Mutter wurde alt, sie wurde krank. Parkinson. Er sorgte für sie, lustlos, genervt, oft aufbrausend. Er rächte sich, ohne sich dessen bewusst zu sein.
Er hasste es, in die Stadt zu gehen, um einzukaufen, weil er dabei unter Menschen musste. An einem dieser Tage, es war ein grellsonniger Sommertag, stand er vor dem Schaufenster einer Buchhandlung und hatte das Gefühl, dass irgend etwas anders war als sonst – irgend etwas stimmte nicht. Er konnte es sich zunächst nicht erklären. Er schaute sich die Bücher an, ging ein Stück weiter… Da begriff er.
Er spiegelte sich nicht in dem Schaufenster. Er sah die Spiegelungen der Passanten, die hinter ihm vorbeigingen – aber er konnte sich nicht sehen.
Sein Herz begann spürbar zu pochen. Er schaute sich um. Er ging weiter – zu anderen Schaufenstern. Dasselbe! – Hastig betrat er eine Kneipe; fragte nach der Toilette. Man wies ihm den Weg. Er ging hinein, blickte in den Spiegel über dem Waschbecken. Nichts. Er konnte sich nicht sehen. Hinter ihm rauschte eine Spülung. Im Spiegel sah er, wie ein alter Mann aus einer der Kabinen trat. Ihre Blicke trafen sich im Spiegel. Der alte Mann ließ keinerlei Überraschung erkennen; offenbar konnte dieser ihn im Spiegel sehen.
Er eilte nach Hause. Er eilte ins Bad. Er blickte in den Spiegel über dem Waschbecken.
Er konnte sich nicht sehen.
Er ging in den Keller, ging in den Abstellraum. Er blickte in den spinnenförmig gesplitterten Spiegel…
Er sah sich. Nichts war anders als sonst. Sein Herz klopfte immer noch heftig. Aber er konnte sich sehen.
Irgendwann hatte er sich daran gewöhnt. Es blieb so. Der Spiegel im Keller war der einzige, in dem er sich sehen konnte. Er sagte niemandem etwas davon, er erzählte es nicht seiner Mutter. Seine Mutter siechte dahin. Es hatte keinen Sinn ihr etwas zu sagen. Sie bemerkte nicht, dass er zum Rasieren in den Keller ging. Sie bemerkte nicht, dass er heftig zu trinken begann.
Er öffnete die Schnapsflaschen als erwarte er, Gesellschaft darin zu finden; eine herausschießende Rauchsäule, die zu einem weiblichen Dschinn würde – ein Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Flasche um Flasche öffnete er so; und die leeren Flaschen sammelte er im Spiegelzimmer.
Dann starb seine Mutter.
Er trauerte – kurz & aufrichtig.
Es ging ihm besser.
Er erbte das Haus und etwas Geld. Er erbte den Spiegel.
Alle anderen Spiegel entfernte er aus dem Haus; all diese Spiegel, die alles zeigten, nur ihn nicht.
Endlich war er allein in dem Haus. Das Rollen der Gehhilfe; der trippelnde, schlurfende Gang; das Poltern der Stürze; das Scheppern fallender Gegenstände; die Hilferufe – all das war verstummt. Endlich.
Er fühlte sich befreit. Er konnte im Bett liegen bleiben, er konnte trinken, er brauchte sich nicht anzuziehen; er entfernte sämtliche Zimmertüren aus dem Haus. Nachts ging er nackt im Haus spazieren, von einem Raum zum andern; wenn er zufällig in der Küche war und pissen musste, tat er es dort – er pisste in die Spüle, ob sich Geschirr darin befand oder nicht; nichts kümmerte ihn.
Das Grab seiner Mutter besuchte er niemals.
Oft ging er in den Keller und betrachtete sich im Spiegel; die Splitterspinne in seinem Gesicht. Die leeren Flaschen erfüllten den Raum mit ihrem Glanz; wenn sie staubig & stumpf wurden, polierte er sie. Er hatte Zeit.
Er genoß das Alleinsein. Doch wenn er eine neue Flasche öffnete, dachte er an den Dschinn, der nicht kam. Der Dschinn mit dem Gesicht des Mädchens. Und er spritzte sein Sperma auf den Spiegel.
Manchmal öffnete er die Haustür, wenn jemand klingelte; meistens aber blieb er liegen und wurde wütend auf den Unsichtbaren, der es wagte, ihn derart zu belästigen. Es waren nur Fremde, die Unwichtiges wollten; Besuch bekam er nicht.
Etwas Lebendiges neben sich selbst konnte er nicht mehr ertragen. Jede Spinne, jede Maus, jede Fliege löste sogleich eine Panik in ihm aus und wurde getötet.
Eines Morgens, als er die Haustür öffnete – hatte es geklingelt?, er wußte es nicht -, stand das Mädchen vor ihm, das kein Mädchen mehr war. Er war betrunken. Er erkannte es sofort. Das Mädchen, das kein Mädchen mehr war, reichte ihm die Hand. Er drückte sie leicht.
Das Mädchen … die Frau war stark gealtert. So wie er. Sie hatte Krebs gehabt. Hatte ihn wohl überstanden. Er wollte nichts davon hören.
Irgendwann nahm sie ihn bei der Hand und führte ihn in den Keller hinab. Er wollte nicht mit ihr in den Keller, aber er war zu gleichgültig, um Widerstand zu leisten. Sie führte ihn ins Spiegelzimmer. Zu den Flaschen, aus denen nichts als Rausch gekommen war. Aber nun war sie ja da. Er nahm seine Brille ab; die Frau wurde dem Mädchen ähnlicher.
Als sie vor den Spiegel traten, konnte er sie nicht sehen. Es überraschte ihn kaum.
Sie zog ihn aus. Sie zog sich aus. Ihre Brüste waren so schlaff wie sein Bauch. Irgendwo dort zwischen ihren Beinen war der Krebs gewesen. Sie war nicht mehr dieselbe. Er blickte in den Spiegel, in die Splitterspinne – er war nicht mehr derselbe. Und es war ihm egal. Er legte sich auf den Boden, zwischen die Flaschen. Die Flaschen glänzten.
Die Frau ging zum Spiegel, und ohne sich darin zu spiegeln, löste sie einen der größeren Splitter aus der Glasfläche.
Es war angenehm, auf dem Boden zu liegen und ihr zuzuschauen. Nackt und lächelnd kam sie auf ihn zu, und sie kniete sich neben ihn mit dem Splitter in der Hand. Er konnte seine kurzsichtigen Augen darin erkennen.
Sie lächelte ihn an.
Einsam liegt das Haus.

* * *


(Geschrieben 2007)