Der Mann mit der Peitsche

Er fand seinen Vater auf einem Sofa aus Blut. Das Gesicht eine rote Pfütze. Der letzte Husten. Lungenkrebs. Tod. Ich war 3.
Und dann lag er selber im Bett, und ich war 12. Er rief nach mir, mit zerbrechender Stimme. Ich blieb in der Tür stehen.
„Meine Füße sind kalt … wickelst du mal die Decke drum …. aber vorsichtig.“
Es gruselte mich, ich ging zu ihm. Ganz vorsichtig, ganz behutsam bewegte ich die Bettdecke. Die Reste seines Gesichts waren nur noch Schmerz. Abgemagerter Schmerz der ganze Mann. Er stöhnte auf. Ich war so vorsichtig. Dem Krebs war das egal.
Dies war der Mann mit der Hundepeitsche. Dies war der Mann, der sich zuhause kaum im Griff hatte.

Mit der Peitsche….. nein, damals war es die Leine…. mit der dicken ledernen Leine schlug er auf meinen Bruder ein. Der blieb fast stoisch. Ich kleiner Bruder schrie & weinte. Der Anblick … ich sprang ins Bett & vergrub mein Gesicht in der Decke. Schrie in die Decke „Bitte nicht!“ Es war schlimmer als selber der Geschlagene zu sein. Die Mutter war machtlos. Sie schlug er nicht, aber sie konnte nichts ausrichten. Machte man die zarteste Geste, einen Schlag abwehren zu wollen, ging es erst richtig los. „WAS? DU WEHRST DICH?! NA WARTE!“
Einmal, bei einem friedlichen Mittagessen, kippte ich einfach vom Stuhl & kam erst auf dem Boden wieder zu mir. Und das Unfassbare geschah. Nach diesem Ereignis bekam zumindest ich keine Ohrfeigen oder Schläge an den Kopf mehr. Ich rechne es ihm hoch an, dass er das schaffte & sich nur noch meinen Arsch vornahm. Und auch der Stock kam seltener zum Einsatz.

„Danke“, stöhnte er. Er versuchte zu lächeln. Es wurde zur Fratze. Ich ging zurück in mein Zimmer. Das war der Mann, der die Bücher liebte. Der angesehene Wissenschaftler. Der Mann mit den vielen Freundinnen. Der Mann, den ich für unbesiegbar gehalten hatte. In dessen Gegenwart ich mich vor der Außenwelt beschützt fühlte. Vor dem ich Angst hatte. Der das Kinderprogramm mit mir zusammen schaute & sich königlich amüsierte dabei. Der Mann mit den zarten, schönen Händen.

Als er starb, überwog die Erleichterung den Schmerz; das Freiheitsgefühl die Trauer. Und das war das Traurigste daran.


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