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Der schlechte Gastgeber

„Komischer Vogel“, sagte er. Er meinte mich.
Vogel ist gut“, sagte ich, „ich hab nicht mal was zu vögeln.“
Es war früh morgens. Draußen noch dunkel. Meine alten Lampen düsterten vor sich hin. Er war von der Nachtschicht her vorbei gekommen. Ich hatte frei. Wie meistens. Arbeit ist mein Ausnahmezustand.
„Daran wird sich auch nichts ändern, wenn du dich hier verbarrikadierst“, sagte er. „Es wird keine an der Haustür klingeln & drum betteln.“
„Und selbst wenn“, sagte ich, „meistens geh ich ja nicht hin, wenn’s klingelt.“
Er grinste. „Du solltest mal raus. Unter Menschen.“
„Danke. Ich verzichte.“
„Ich kenne niemanden, der so lange allein war wie du.“
„Ich auch nicht“, sagte ich. „Liegt aber vielleicht daran, dass ich überhaupt kaum jemanden kenne.“
Er saß auf dem Trockenen. Ich bin so ein schlechter Gastgeber. Biete nie etwas an. Er war daran gewöhnt, und sonst kam ja niemand (sobald jemand einmal andeutete, mich eventuell besuchen zu wollen, ließ ich mir etwas einfallen, um das abzubiegen). Ich hatte meinen x-ten Absinth vor mir. Trug einen Bademantel über den Klamotten, weil ich fror. Ich musste Heizöl sparen. Mehr Arbeit hätte mehr Wärme bedeutet, aber lieber zitterte ich. Auf meinem Beifahrersitz fuhr ich Teile des Auspuffs spazieren. Das Haus sah aus, als hätte Edgar Poe es sich ausgedacht. Morgens kann ich mich meist nicht mehr daran erinnern, wie ich mir nachts etwas zu essen gemacht habe, weil ich vor dem Kochen, auf nüchtern Magen, meine Martinis trinke. Zum Essen kommt dann der Rotwein. Und später der Absinth.
Er fing an, von der Arbeit zu reden. Er machte denselben Job wie ich, allerdings woanders; und Vollzeit. Ich spielte Interesse. Hörte irgendwie zu, antwortete irgend etwas. Seltsame Welten lagen zwischen uns. Wir kannten uns seit der Schulzeit, seit über 30 Jahren. Also gab ich mir Mühe, aber ich kann gewisse Dinge einfach nicht ernst nehmen. Ich nehme nicht einmal das Nichts ernst, auf das alles hinausläuft.
Schließlich war es vorbei, und er kam wieder auf das einzige Thema zu sprechen, das mich halbwegs interessierte: Mich.
„Ich frag mich manchmal, was bei dir schiefgelaufen ist. Alle – die Lehrer, die Schüler – alle dachten, du bist der einzige, aus dem mal wirklich etwas wird, also zumindest jemand Bekanntes, ein Schriftsteller, oder Musiker.“

Der Moment, als ich starb … Als alles endete … Zusammenbrach … Ich zusammenbrach … Weinend, bittend, winselnd … Sie weinte ebenfalls … bereute ihre Entscheidung … bereute sie zu spät … kein Zurück …

„So kann man sich eben irren. Ich laufe schief. Deshalb geh ich auch nie zu Klassentreffen. Ich würde nicht hinfinden.“
Ich lachte & nahm einen grünen Schluck. Ich war gut gelaunt. Es war etwas aus mir geworden. Irgend ein Etwas. Über alte Ambitionen konnte ich lachen … ein bißchen mitleidvoll, aber doch auch wohlwollend. Ungefähr so wie ich über die lachte, die es nie begriffen.
„Du & deine Witzchen“, sagte er.
„Andere pfeifen im Wald, ich mache Witzchen.“
Ich zündete mir eine Zigarre an; die Bücherwände rochen nach kaltem Rauch. Schnee begann durch Laternenlicht zu fallen.
Ich sagte: „Weißt du, wie lange es her ist, dass ich zuletzt gekotzt habe? – – 11 Jahre! Mein Magen ist mein bester Freund, er teilt meine Vorliebe für geistige Getränke.“
„Na super“, sagte er.
„Ja, ich werde nie einen ordinären Löffel abgeben. Es wird ein Absinth-Löffel sein.“
Er mußte grinsen. Trotz allem.
Alles lief auf das Nichts hinaus.
Irgendwann ging er. Er schüttelte den Kopf ….
& mir die Hand.