Schlagwort-Archive: Philosophie

Der Kern

Ich schreibe
um mich
langsam
heranzutasten
an den
peinlichen
Kern
meines
Daseins.

Den Kern
den
jeder
kennt
aus
seinem eigenen Leben;
den Kern, den
eigentlich
niemand
kennen
oder
lesen
will.


Meine Asche

Staub tanzt
Asche tanzt
im Sonnenlicht

Solange ich lebe
tanze ich
im Mondlicht

Aber
vielleicht
wenn ich tot bin

wird dereinst
auch meine Asche
im Sonnenlicht tanzen


Schirme

Wenn die Sonne scheint
wähle ich
einen Regenschirm

Wenn es regnet
wähle ich
einen Sonnenschirm

Wenn das Wetter sich nicht entscheiden kann
wähle ich
2 Schirme

& wenn ich aus dem Flugzeug
meiner Phantasie springe
wähle ich
keinen Schirm


So !

Sind wir nicht alle
So?
: Versuchen,
unsere Worte & Sätze
cool
klingen zu lassen.

Ein bisschen
Arsch
Fotze
Schwanz
Alk
& platten Witz

kippen wir
darüber

Sind wir nicht alle so?

So

wie wir
eigentlich
im
tiefsten
Innern
nicht
sind?

Aber vielleicht
habe ich ja auch nur
zuviel
gesoffen

& nur deshalb
fiel mir das
gerade
so
ein


? : .

Wer
braucht
schon
Uhren
&
Kalender
solange
es
Spiegel
gibt
?
:
.


Aus !

Wenn ich schon mal
den Fernseher einschalte!
…. werde ich
verstört.

Sie zeigten
meine Geburtsstadt,
die Stadt, in der ich
die ersten 9 Jahre meines
komischen Lebens
verbracht hatte …

&
ich erkannte
Nichts
wieder!

41 Jahre war es her, dass ich
zuletzt dortgewesen war …

Sie zeigten Gebäude, von denen
ich sicher wusste, dass ich sie
einst betreten hatte,
und doch
erkannte ich sie nicht.

Sie zeigten
den Dom. Ich hatte eine Erinnerung
an ihn. Aber die Erinnerung
war kein Bild –

die Erinnerung war
nur
Atmosphäre,
nur
ein Tasten,
nur
ein Gefühl ….

Nichts, was man hätte
filmen können.

Vielleicht, wenn sie
die Straße gezeigt hätten, in der wir
gelebt hatten? …..

Sie hätte ich doch wohl
wiedererkannt ….

Doch womöglich wäre das
eine noch größere
Verstörung
gewesen.

Ich weiß nicht sicher, warum
ich 41 Jahre lang nicht mehr
dort gewesen war.
Trotz aller Sehnsucht.

Entweder
weil ich befürchtet hatte,
nichts mehr wiederzuerkennen –
oder
aufgrund der Angst,
dass die unsichtbaren Erinnerungen
in all der
Entfremdung
auf mich lauern & mich
überwältigen könnten …..

Was schlimmer gewesen wäre –
auch das
weiß ich nicht.

Ich schaltete
den Fernseher
aus.


Fehlbesetzung

So viele Leben
betrachtet man
von außen

Wie Filme

Und sie
sehen schön aus
von außen

Fast könnte man
neidisch werden

(Würde man zum Neid neigen)

Und doch

Wie viele der
handelnden Personen
fühlen sich

fehlbesetzt
in diesen Filmen
die so schön aussehen

fühlen sich
fehlbesetzt

in ihrem eigenen Leben


Der Kratzer

Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….

Lange hatte ich gespart
für diesen Gegenstand.

Dann
besaß ich ihn.
Endlich.

Er war
Realität,
war
neu,
war
makellos.

Es dauerte
nur wenige Tage,
da
fiel etwas
auf diesen Gegenstand

& der Gegenstand
bekam
einen Kratzer ….

Der Kratzer
schmerzte
in meinem Innern.

Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….

Ich wollte ihn
makellos –
diesen Gegenstand.

Wollte ihn
wie neu.

Wollte ihn so,
wie es ihn
millionenfach
gab.

Doch diese Schwäche
hielt nicht lange an.

Ich betrachtete
den Kratzer

lange
lange ….

& betrachtete ihn
schließlich
als

des Gegenstandes

einzigartigen

Charakter.


Der Rasen

Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen ….
All diese Grashalme, die
sich biegen, weil sie
zu lang sind, um
aufrecht zu sein.
Gestern waren sie noch nicht
so lang. Und schon
vor 1 Woche hatte ich den Rasen
mähen wollen. Schon
vor 1 Woche hätte ich es
tun sollen.
Doch ich schaute nur
aus dem Fenster.
Vor 1 Woche.
Betrachtete den Rasen ….
& glaubte beinahe,
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen ….
Rasen
Rasen
Rasen
Er wuchs
über meinen Kopf.
Während ich ihn
betrachtete.
Von drinnen.
Von dort, wo ich
bleiben wollte.
Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen &
weiß,
wie lang die Grashalme
morgen sein werden.
Länger als jetzt.
Viel länger als vor 1 Woche.
Ich weiß, was
das bedeutet ….
Morgen
werde ich
aus dem Fenster schauen.


Der Andere

Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.

Ich
glaube
ihn zu kennen

unbewußt.

Du
glaubst
mich zu kennen

weil Du
meine Worte liest

Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.

Er
schreibt meine Worte.

Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.

Du
kennst mich nicht

denn Du siehst nur
die Worte

& nicht
den Anderen.


Ich hab Fritten !

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie.

Mein großer Bruder
war noch klein.
Ich: noch kleiner.

Es war
in den Ferien. Am Meer.

Mein Vater & ich saßen
im Freien. Am Tisch eines
Imbisses.

Die Sonne schien, wie sie es
nur
manchmal
in der Kindheit tut.

Salz
kitzelte in meiner Nase.

Mein großer Bruder
der noch klein war
kam aus dem Innenraum
des Imbisses

mit einem großen Teller
der voll war

Mein Bruder strahlte

Schon von weitem rief er:
»Ich hab Fritten!«

Der bevorstehende Genuss
ließ ihn schneller gehen

Schon konnte ich
die Fritten riechen

als mein Bruder
stolperte

Den Teller
behielt er in der Hand

Aber
er war leer

Alles lag auf dem Boden

Ich erinnere mich
nicht
ob mein Vater & ich lachten

Beim besten Willen
kann ich mich nicht
erinnern

Aber
ich vermute es
denn
es wäre menschlich gewesen
zu lachen

Zumindest
kurz

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie

»Ich hab Fritten!«

Für alle Momente
die an
diesen
einen
Moment
erinnerten

Und im nachhinein
ist es für mich
fast
ein Lebensmotto

Denn
ich hatte
oftmals
Fritten
in meinem Leben


Raumpatrouille Phantasie

In der Lieblingsserie
meiner Kindheit
wurden Bügeleisen
zum Steuerungsinstrument
eines Raumschiffs …
& Aspirin +C
lieferte die Luftblasen
während das Raumschiff
vom Meeresboden, der
in einem Aquarium existierte,
aufstieg, um
in ein
gezeichnetes All
zu starten.
Alles war
schwarzweiß –
einfach & schön.
Diese Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens
finde ich
weise.
Heute.
Damals
verstand ich sie nicht.
Nicht so.
Ich liebte nur
das Ergebnis.
Und dennoch –
sie beeinflusste mich.
Und meine
Phantasie.
Und
meine Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens.
Und immer wenn ich
verkatert
ein Aspirin +C
in ein Glas Wasser werfe
oder
nüchtern
ein Bügeleisen sehe,
muss ich
daran zurückdenken
& lächeln.

Orion


Die erste Schleife

Den Moment, als man
die erste Schleife
seines Lebens
ohne fremde Hilfe
gebunden hatte …..
man vergisst ihn nie.
Die Freude,
den Stolz,
das Lächeln der anderen.

Schon die zweite Schleife
verursacht
ein bisschen weniger Freude,
ein bisschen weniger Stolz,
ein schwächeres Lächeln der anderen.

Hunderttausende von Schleifen
werden folgen …..

die nur noch
pure Funktion
sind.

Das Bewußtsein
seiner eigenen Fähigkeit
geht verloren.
Scheinbar.

Und vielleicht auch
die Freude.

Doch die Erinnerung
an diesen Moment kann
dieses Bewußtsein
wiederfinden.

Und vielleicht auch
die Freude.


Wiederkehrende Frage

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
frage ich mich:

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben, wenn
ich mich
gesund fühlen würde?

Körperlich.

Ohne Schwindelanfälle ….
Ohne Benommenheit ….
Ohne Konzentrationsschwäche ….
Ohne chronische Müdigkeit ….
Ohne tanzende Flecken vor den Augen?
Ohne Kopfschmerzen ….

Was würde,
was könnte
ich alles schreiben?

Große Romane?
Philosophische Werke?
Ausgefeiltes, zu Ende Gedachtes?
Alles, was
einen langen Atem erfordert?

Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
stelle ich mir diese Frage.

Und wahrscheinlich
ist es gut, dass ich
die Antwort
aller Voraussicht nach
niemals
bekommen werde.


Der didaktische Traum

Es war ein Albtraum, keine Frage.
Ich befand mich in einem Raum, wo
Menschen der Job weggenommen wurde.
Man nahm mir meinen &
gab mir einen anderen.
Von einem Moment auf den nächsten
sollte ich
Lehrer sein.
Ohne Ausbildung.
Man drohte mir Gewalt an &
drückte mir 2 beschriebene Blätter in die Hand.
Das eine enthielt eine kurzen Text mit der
Überschrift »Schuld«
auf dem anderen stand:
»Diskutieren Sie diesen Text mit Ihren Schülern.
Klasse 6b.«

Ich wollte den Text nicht lesen.
Ich tat es nicht.
Und dann irrte ich durch
ein gigantisches Gebäude.
Verwinkelte Gänge … unzählige Türen …
Rolltreppen … Einsamkeit & Angst …
In einer Nische stand mein bester Freund.
»Der Job ist nichts für Dich«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte ich. »Aber vielleicht
gewöhne ich mich daran. Im Laufe der Jahre.«
Der Freund war fort, ich ging weiter.
Lief über die Rolltreppen ins oberste Stockwerk,
Regen trommelte auf das gläserne Dach.
Klasse 6b, Klasse 6b … Wo zur Hölle ist
Klasse 6b?

Es gab keine Hinweise, keine Schilder,
keine Menschen, die ich hätte Fragen können;
und hätte es sie gegeben, würde ich wohl nicht den
Mut gehabt haben, zu fragen.
Ich ging immer weiter. Weiter. Dachte darüber nach,
wie ich
unterrichten würde ….

Ich betrete den Klassenraum.
Ordentlich & aufrecht sitzen sie da.
Jungs & Mädchen.
Eine eher kleine Klasse.
Sie schauen zu mir auf, während ich
zu meinem Pult gehe.
Ich sage:
»Morgen, Ihr Freaks.«
Und setze mich.
Werfe die beiden Blätter auf den Boden.
Lege die Füße hoch.
Ich sehe das Erstaunen in den
kleinen Gesichtern.
Entgeisterung.
Sie blicken sich gegenseitig an.
Fragend.
Einige lächelnd.
»Guten Morgen«, sagen sie dann.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ihr wollt was lernen?« frage ich.
»Ja«, antworten sie.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ich kann Euch aber nichts beibringen«,
sage ich. »Ich weiß
nichts.«
Schweigen.
»Ihr solltet lieber
zu Hause sein, im Bett liegen &
Musik hören. Oder durch den Regen laufen
& in die Pfützen springen. Ihr
solltet nicht hier sein.«
Wieder lächeln einige Wenige.
Und setzen sich bequemer hin.
Und

Ich ging weiter.
Öffnete wahllos eine der Türen.
Köpfe auf Hälsen bewegten sich, wandten mir
Gesichter zu – viele kleine Menschen +
1 Lehrerin.
Alle stumm.
Schnell machte ich die Tür wieder zu.
Weiter. Weiter.
Unterm Regengetrommel.
Und dann sah ich
hinter Glasfenstern & Glastüren
ein riesiges Atrium.
Ein Atrium im obersten Stockwerk!
Überall Bänke & Tische.
An denen Menschen saßen,
offenbar Schüler & Lehrer.
Sie waren beim Essen.
Der Regen fiel auf sie herab,
verdünnte ihre Suppen, füllte ihre Gläser.
Sie mussten verrückt sein.
Alle.
Durch eine der Türen betrat ein Mann das
Innere des Gebäudes. Er trug
eine Polizeiuniform, führte einen Hund;
Hund & Mann waren nass.
Ich nahm
meinen Mut zusammen.
»Entschuldigung«, sagte ich zu der
Uniform. »Ich suche
Klasse 6b.«
Der Hund trug einen Maulkorb.
Der Mann sagte:
»Da müssen Sie ins Untergeschoss.
Und dort gehen Sie dann ….«
Er beschrieb einen Weg, den ich sofort
vergaß.
Ich bedankte mich, wandte mich ab &
suchte die Rolltreppe, die mich
nach unten bringen sollte.
Ich konnte sie nicht finden.
Mir fiel auf, dass
die beiden Blätter nicht mehr
da waren. Ich musste sie verloren haben. –
Ja, vielleicht
würde ich mich
an den Job gewöhnen –
im Laufe der Jahre.


Provinztheater

Plötzlich findet man sich wieder
in einem
Provinztheater.
Es wird gegeben:
Madame Butterfly.

Butterfly,
das zarte asiatische Pflänzchen,
wird dargestellt von
einer rothaarigen, dicken Person
mit Sommersprossen;
ihr Sopran ist nicht eben
der schönste ….
Und spielen kann sie auch nicht.

Aber da ist ja
die Musik.
Unzerstörbar.

Und da ist
die Phantasie …..

Die Phantasie hat halt
ein bisschen mehr zu tun
als sonst.

Was soll’s!

Sie ist gut trainiert.

Denn häufig ist
das Leben
ja auch nur
ein Provinztheater.


Ich habe keine Zeit

Die meisten Menschen haben wenig
Verständnis dafür, wenn man zu ihnen sagt:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
herumsitzen.«

Wenn man zu ihnen sagte:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
Musik hören.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
betrachten.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
schreiben.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
lesen.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
denken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
trinken.«
oder:
»Ich habe keine Zeit. Ich muss
leben.«,
hätten sie kaum
weniger wenig Verständnis.

Deshalb sage ich meist:
»Ich habe keine Zeit.« –
ohne Angabe von Gründen.


Wirklichkeit & Täuschung

In meinem Kopf lebt
meine Wirklichkeit
Ich existiere
als Vorstellung in fremden Wirklichkeiten
die in fremden Köpfen leben
Die Wirklichkeit
in der ich wirklich bin
kann ich nicht wahrnehmen
wie sie wirklich ist
So wenig wie die Anderen es können

Wir
treffen uns
nirgends
wirklich

Es gibt nur
die Einsamkeit
& die Täuschung
nicht einsam zu sein


Mario Bava

Die Räume der Realität, in denen er filmte
waren oftmals
fast leer.

Auf Glas malte er
ihre phantastischen Einrichtungen.

Positionierte die Gläser
vor der Kamera, und
die Illusion war perfekt.

Manchmal fuhr die Kamera
in einem Kinderwagen
durch die fast leeren Räume,
um Geld zu sparen …..

Kamerafahrten
eines Genies.

Wenige verstanden
die Wirkung des
Lichtes
wie er.

Niemand sonst verstand
Farben
wie er.

Wenige verstanden
Schwarzweiß
wie er.

Und den wahren Horror
der Einsamkeit.

Alles war Symbol.

Er war der Erste
in Vielem.

Er hatte einen Hang
zur Perversion,
begründete ein Genre &
aß Spaghetti.

Man ahmte ihn nach.

Und er machte sich
über sich selber
lustig,

als würde er
seine Kunst nicht
ernst nehmen.

Man
bedauerte oftmals, dass
die Qualität der Drehbücher
hinter dem Stil
zurückblieb ….

Man
: Das sind Diejenigen, die
nicht verstanden haben,
worauf
es ankommt.

Ich verneige mich &
erhebe
das Glas meiner Phantasie
in einem Raum der
Realität.

 

 

011


Die Leine

Der Hund spazierte ein paar Schritte vor
dem Menschen, der sich sein Herrchen nannte.
Er war nicht angeleint,
der Hund.
Er trug die Spule mit der aufgerollten Leine
in seinem Mund. Wedelte mit dem Schwanz.
Der Mensch, der sich sein Herrchen nannte,
trug nichts in seinem Maul, nichts
in seinen Pfoten.
Es sei denn
etwas
Unsichtbares.


Das ist die Frage

Die Spinne sagt sich niemals:
»Wie ging das nochmal? Scheiße, ich
hab den Faden verloren.«

Aber ich, der ich
mir das schon so oft gesagt habe
& dabei verzweifelte,
könnte die Spinne
zertreten.

Ich frage mich:
Wer ist stärker –
sie
oder
ich?


Der krumme Zeh

Diese unfassbar peinlichen & lächerlichen Momente,
die zum Menschsein gehören – & die man
mit ins Grab nehmen möchte ….
verschwiegen;
von Mit- & Nachwelt unbemerkt.

Ich stand barfuß vorm Fernseher &
holte mir einen runter.
Vielleicht zu einem Porno, vielleicht
zu einem Musikvideo – ich weiß es nicht mehr.
Es ist lange her.

Im Moment des Abspritzens
machte ich einen unkontrollierten Schritt vorwärts
&
brach mir dabei den 2. Zeh
des linken Fußes.

Er wurde schwarz.
Er wurde dick.
Er wurde krumm.

Stechender
Schmerz.

Ich ging nicht zum Arzt.
Wie üblich.

Ich tat gar nichts.

Außer zu humpeln.
Und mir eine Erklärung für das Humpeln
auszudenken.
Für die Menschen, die mich danach fragten –
& die doch wohl
ähnlich peinliche & lächerliche Momente
in ihrem Leben hatten, die sie
verschweigen & mit ins Grab nehmen wollten.

Der Schmerz stach weiter.
Und während ein halbes Jahr verging,
kam er immer wieder,
obwohl die Schwellung & die Schwärze
längst verschwunden waren.

Der Zeh,
er blieb krumm.
Er passt nicht mehr
in die Reihe.
Ist nicht mehr
genormt.

Ein kleines Denk- & Mahnmal;
eine schiefe Erinnerung,
die mich immer wieder
grinsen lässt

& nachdenken
über
die Peinlichkeit
des Menschseins.


Kein Neid

Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen
bereiten ihnen keinerlei Probleme; sie
denken nicht einmal darüber nach,
sie erledigen vieles
beinahe automatisch.
Es kostet sie
keine Überwindung,
Anforderungen gerecht zu werden.
Sie nehmen vieles
wichtig & ernst.
Der Job – kein Problem.
Termine – kein Problem.
Telefonate – kein Problem.
Kontakte – kein Problem.
Sie funktionieren.
Sie funktionieren gut.

Ich
funktioniere schlecht.
Die kleinen, alltäglichen Erledigungen,
die Wiederholungen kleiner, lächerlicher
Tätigkeiten, die einem die Lebenszeit
wegfressen – ich kann sie
schwer ertragen.
Der Job – eine Freiheitsberaubung.
Jeder Termin – eine Schlinge am Hals.
Jedes Telefonat – ein Drama der Selbstüberwindung.
Jeder Kontakt – eine Störung der inneren Ruhe.
Ich funktioniere schlecht.
Weniges nehme ich
wichtig & ernst.
Weniges erledige ich automatisch;
überall sind
Gedanken, die dazwischenkommen.
Anforderungen überfordern mich.

… & doch …

Ich empfinde keinen Neid.
Ich möchte nicht sein
wie sie.
Nicht funktionieren wie sie.
Ich möchte nicht tauschen.

Denn ich weiß:
Ich werde entschädigt; es gibt
einen Ausgleich für meine Defizite.
Es gibt einen Ausgleich
in allen Bereichen, die mir
wirklich
wichtig sind.
In allen Bereichen, die
meine relative Freiheit ausmachen.

Nein.
Kein Neid!

Niemals!


Wenn mich die Romantik überkommt

Wenn mich die Romantik überkommt,
zünde ich Kerzen an,
lege ruhige Musik auf,
öffne ein paar Flaschen Wein &
lese im Schein der flackernden Flammen
Beipackzettel.
Je schlimmer die Nebenwirkungen,
desto wohliger die Schauer;
die Kontraindikationen lerne ich auswendig,
um sie
gezielt zu mißachten, und
über die Dosierungshinweise lache ich laut.
Wechselwirkung – ein Begriff, den schon
Schopenhauer verachtete.
Zuguterletzt halte ich
die Zettel in die Flammen &
erfreue mich am
Brandgeruch.


Die richtige Art zu sterben

Wie kümmerlich
& unspektakulär
ist doch
der Tod der politisch korrekten Energiesparlampe ….
Vielleicht ein bisschen nerviges Geflacker,
ein leises Geräusch – dann das
Erlöschen.

Die altmodische Glühbirne –
sie knallt,
sie blitzt
(ein Blitz, der heller scheint als
das Licht, das sie während ihres
ganzen kurzen Lebens
ausstrahlte).
Vielleicht zerspringt ihr Glas dabei,
und der gerissene Draht
zittert & raucht sichtbar.
Sie erschreckt einen ….
& manchmal schafft sie es sogar,
dass eine Sicherung rausspringt –
& alles um sie herum wird
finster & still.

Das
ist die richtige Art
zu sterben.


Der Lehrer

Sogar ich Schulhasser hatte mal
einen Lehrer, den ich
wirklich mochte.
Ich besuchte ihn zu Hause, und
wir sprachen über Bücher & Musik & Filme.
Und dann, im Gespräch, wurde mir klar,
weshalb ich ihn mögen musste
(& was ich wohl gespürt hatte):
Er hatte die Lust an seinem Job
verloren.
Deshalb
war er
der beste Lehrer.


Die vergebliche Suche

Es ist die
vergebliche Suche nach
dem Gedanken
den noch niemand
gedacht hat
der das Denken
voran treibt.


Der Traum

In einer Stadt, die ich nicht kannte,
in einem Haus, das mir fremd war,
lag ich nackt in einem Bett, das mir nicht gehörte,
neben einer Frau, die mich liebte.
Ich weiß nicht, wer sie war – ihr Gesicht
changierte.
Nackt las sie in einem Manuskript.
Unsere Beine waren ineinander verschränkt.
»Das ist gut«, sagte sie. »Warum schickst Du
es nicht an einen Verlag?«
»Nein«, sagte ich.
»Hast Du nie davon geträumt?«
»Als Kind vielleicht. Und vielleicht als
Jugendlicher noch – aber schon nicht mehr
so richtig.«
»Schade«, sagte sie & reichte mir einen
Umschlag.
Ich saß an einem Tisch, zitternd trotz
dicker Winterkleidung, und schob das Manuskript
in den Umschlag. Ich verschloss ihn mit meiner
Spucke & schrieb eine Adresse darauf, die ich
auswendig zu kennen schien. Ich war allein.
Allein in einer kopfsteingepflasterten Gasse.
Abenddämmerung.
Vor einem geschlossenen Geschäft hing der
Briefkasten. Als ich den Umschlag einwarf, sah ich
hinter einem der Fenster das Gesicht einer
alten Frau; es kam mir bekannt vor. Hinter ihr
war Dunkelheit. In die sie verschwand.
Das Haus, in dem die Gedanken kamen, war ein
anderes als das Haus, das mir fremd war. Und
das Bett war leer.
Ich habe den Begleitbrief vergessen! Verdammt! –
Obwohl …. Nein, vielleicht ist das gut …. So
wissen sie nicht, ob es ein unaufgefordert eingesandtes
Manuskript ist …. Vielleicht lesen sie es dann
wirklich ….

Längst hatte ich vergessen, um welchen Text es sich
handelte. (Hatte ich es je gewusst?)
Mir fiel auf, dass dieses Haus keine Fenster hatte.
Zumindest nicht in dem Moment, als es mir auffiel.
Und dann
: DER ABSENDER!
Habe ich den Absender auf den Umschlag…..?
Oben links. Links oben. Habe ich?- – – Ja …. Nein ….
Nein … Ja …

Mal sah ich meinen Namen & meine Adresse, mal sah ich
sie nicht – & dann wieder wußte ich nicht, wie meine Adresse
lautete ….
Je länger der Zweifel nagte, desto mehr Buchstaben
bekam die Anwort.
Was wollte ich eigentlich?
In diesem Traum …..
Der nicht aus meiner Kindheit stammte
& nicht aus meiner Jugend.
Dass ich den Absender geschrieben hatte?
Oder dass ich vergessen hatte, ihn zu schreiben?
Oder dass es ein fremder Absender war?
– – Über all diesen Fragen & Zweifeln
wachte ich auf ….
Nackt in dem Bett, das mir gehörte,
neben der Leere, die mich liebte, mit ihrem
unveränderlichen Gesicht;
unsere Beine waren ineinander verschränkt,
in dem Haus, das mir vertraut war,
in der Stadt, die ich
kannte.


Timex®

Die erste Armbanduhr, die ich
geschenkt bekam
als kleines Kind, war eine
Timex, die
noch kleiner war als ich.
Ein winziges Ührchen mit weißem Zifferblatt
& schwarzem Armband.
(War es eine Damenuhr? Ich weiß es nicht.)
Ich lernte es, mir diese Fessel selber anzulegen,
bewunderte die Schnalle
& liebte das Ticken.
»Wie spät ist es«, fragten mich
die Erwachsenen. Lächelnd.
Und ich antwortete, denn ich hatte es gelernt,
die Zeiger & Striche
miteinander in Verbindung zu bringen &
zu lesen.
Ich war stolz.
Bewahrte das sargähnliche Etui auf
in meinem Nachttisch.
Und jeden Tag drehte ich an dem Rädchen, um
die Uhr aufzuziehen.
Die Zeit hatte mich.
Ich sah & hörte sie
vergehen.
Und als ich
als Erwachsener
alle meine Armbanduhren
wegwarf
war es
zu spät.


5 … 4 … 3 … 2 … 1 …

Vor
5
4
3
2
1
Sekunden
hatte man sich
noch
gut/schlecht
gefühlt

das war
das Leben
gewesen

dann
kam
das Leben

& das
ist
das Leben

JETZT

Für
1
2
3
4
5
Sekunden


Die mittelprächtige Oper

Das Leben
: eine mittelprächtige Oper

Die Ouvertüre
verspricht so Manches
Musik ohne Worte

Doch dann
kommt das Gesinge

Worte
die ohne die Musik
überhaupt nicht zu ertragen wären.

Eine alberne Handlung
Lächerliche Verwicklungen
Unechte Gefühle

Komponist & Librettist
halten ihre Grenzen für Kunst.

Und das
anspruchslose Gehör
mag ihnen zustimmen

der anspruchslose Geist
das anspruchslose Herz

Während die Enttäuschten
den Saal
vor dem Ende verlassen

& die Tür
hinter sich zuknallen.


Der Traum des Wahnsinnigen

Ein Wahnsinniger träumte
mich in die Welt

Schreiend wälzte er sich auf dem Boden
& konnte nicht erwachen

Wo war er hergekommen?
Niemand wußte es.

Wo würde ich enden?
Ich wollte es nicht wissen.

Rückwärts entfernte ich mich von ihm
behielt ihn im Blick – dann

drehte ich mich um
& rannte

Ich rannte in die Welt
in die wir nicht gehörten

Ich
der Traum des Wahnsinnigen

Und ich höre seine Schreie
überall & jederzeit


Der Schulhof

Der Schulhof ist
die Welt & die menschliche Existenz
unter der Lupe
des Realisten.

Der Neid schlägt

Die Phantasie fürchtet sich

Der Durchschnitt lacht

Der Geist bleibt stumm

Mehrheit & Minderheit
belauern sich

Blutige Kniee
& Lärm

Alles
nur ein Spiel

beobachtet von
inkompetenten
Autoritäten.