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Astronomie

Schwarz ist das Universum
Du : ein Stern
Ich : Dein Mond

Planeten :
bewegen sich
um &
in uns

Die Sonne ist –
Dein Blick


Du sollst

Angst sollst du haben – vor mir,
damit ich dich überraschen kann
durch Freundlichkeit

Hilflos sollst du sein,
damit ich dich überraschen kann
durch Beistand

Einsam sollst du sein,
damit ich dich überraschen kann
durch Mitgefühl

Unruhig sollst du sein,
damit ich dich überraschen kann
durch Ruhe

Kalt sollst du sein,
damit ich dich überraschen kann
durch Wärme

Traurig sollst du sein,
damit ich dich überraschen kann
durch Glück

Lieblos will ich sein,
damit du mich überraschen kannst


Fremd

Schreie, die in Taubheit sinken
Gesten, erstickt in Blindheit
Berührungen sterben in der Lähmung

Warum sind wir Fremde?
Vereinzelt & hilflos

Keine Rettung –
der Fremde geht vorbei,
versunken in sich

Versunken in der Welt,
die niemand mit ihm teilt


Herrenlos

Der Mann schlug den Hund.
Der Hund heulte, der Hund schrie.
Der Junge sah den Mann, der Junge sah
den Hund. Der Junge dachte:
Geh doch endlich wieder zurück.
Zurück ins Krankenhaus.
Du Quäler
.
Der Mann lag im Sarg. Der Sarg war offen.
Der Junge betrat die Kapelle.
Der Junge sah den Mann.
Der Junge erkannte ihn nicht.
Der Junge schrie, der Junge heulte.
Er brach zusammen.
Man brachte ihn nach Hause.
Der Junge streichelte den Hund.
Der Hund war herrenlos.


Schwarze Regenschirme in Halbmondnächten

Der Wahnsinn :
ein Freund, der in alten Lampen wohnt.
So. Ist. Es. Es ist so.
So : Woche. Für. Woche :
2 Tage : Arbeit : sehe & spreche
Menschen; wenige;
5 Tage : HausArrest : gehe nicht ans
Telefon; an die Haustür nur …
wenn ich zu besoffen bin, mich daran
zu erinnern, dass ich nicht an die Haustür gehe.
Lade niemanden ein. Besuche niemanden.
Müll : bringe ich nachts raus, im
Licht der Straßenlaternen,
höre dabei, wie die Musik aus
dem Haus in den Garten schwingt.
Keine Rücksichten. Ich tue
was – Es – will – in – Mir. In
sternenklaren Halbmondnächten :
nehme ich einen von 21 schwarzen
Regenschirmen & trage mich
durch die Straßen. Sehe :
dunkle Fenster glänzen. Wann bin ich
zum letzten Mal wirklich
aufgewacht. Ich erinnere mich
nicht. Was für ein Leben – –
der Euphorie! Was – für ein Tanz!
Das Ich : ein steppender Zombie,
Gene Kelly nach der Auflösung,
ein flüssiger Fred Astaire, ins Erdreich
gesickert. Der Halbmond :
mir zu grell, ich
spanne den Schirm auf. Pfeife,
bevor der erste verdammte Vogel es tut.
Zuhause : fülle ich mir Einsamkeit in
Flaschen; streiche Trauer aufs
Brot. Saufe, beiße zu – mit Genuß.
Stolpere & falle : in das Licht
meiner alten Lampen.


Hund & Geier

Ich saß auf dem Klodeckel & schaute ihr beim Schminken zu.
„Wie spät isses?“ fragte sie. Sie trug ein weißes T-Shirt. Stand vorm Waschbecken.
„5 Minuten später als eben“, sagte ich.
„Verdammt.“
Ein T-Shirt, sonst nichts. Die Sonne schien.
„Entspann dich, du kommst schon nicht zu spät. Und selbst wenn, scheiß drauf.“
Sie hatte seit einigen Wochen einen Job als Kellnerin in einem Café.
„Du kannst dir das doch erlauben.“
„Das ist genau der Punkt“, sagte sie. „Ich will diesem verdammten Geier keine Munition liefern. Wofür auch immer.“
Ihr Chef war geil auf sie; ständig machte er anzügliche Bemerkungen oder ließ zweideutige Sprüche ab. Er kreiste um sie herum wie der Geier ums Aas, deshalb nannte sie ihn nur noch so.
„Du brauchst bloß 2 Mal mit dem Hintern zu wackeln, und schon darfst du 2 Stunden zu spät kommen.“
„Du Arsch.“ Sie grinste.
„Genau.“
Ich streichelte ihre Beine. Bei den Kniekehlen sagte sie: „Nicht. Das kann ich jetzt nicht gebrauchen.“ Die Kniekehlen waren ein ziemlich sicherer Schalter, wenn man bei ihr etwas in Gang setzen wollte.
Ich rutschte vom Deckel & hockte mich hinter sie. Streichelte ihre Oberschenkel. Hob das T-Shirt etwas an & und küsste ihren Hintern.
„Vorsicht“, sagte sie, „sonst verschmink ich mich noch.“
„Du bist schön genug“, sagte ich. Und konnte es mir nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Zumindest für den Geier.“
Sie drückte mir den Hintern ins Gesicht, eine nette Art von Ohrfeige.
„Das ist nicht komisch“, sagte sie. Aber ihre Stimme sagte etwas anderes.
Ich biß zu. Sie ließ sich nicht stören. Sie hatte ein Geburtsmal auf der linken Wange, einen roten Kreis mit ungleichmäßiger Oberfläche; den deckte sie immer so kunstvoll ab, dass er nicht einmal mehr zu erahnen war. Das nahm einige Zeit in Anspruch.
Ich streichelt weiterhin ihre Beine, ließ die Zunge wandern ….. & irgendwann hatte ich meinen Schwanz draußen & streichelt damit ihre Wade. Wir sagten beide nichts mehr. Das Streicheln wurde schneller. Und es dauerte nicht lange, da spritzte ich ihr aufs Bein.
Wortlos nahm sie ein Handtuch vom Halter & reichte es mir. Ich wischte erst ihr Bein ab, dann meinen Schwanz, packte ihn wieder ein & setzte mich zurück auf den Klodeckel.
Sie grinste mich an. „Na, geht’s dir jetzt besser?“
„Und ob“, sagte ich, „das war dringend.“
Sie tupfte immer noch an ihrer Wange herum. Sie sagte:
„Ich hab erst gar nicht gemerkt, was los war. Und als ichs dann gemerkt habe, dachte ich mir, lass ihn mal machen. Das war wirklich mal was Neues.“
„Ich bin halt ein Hund. Und Hunde ficken Beine.“
„Soll ich dich von jetzt an Lumpi nennen?“
„Nein danke, lieber nicht.“
Schließlich war sie fertig mit ihrem Kunstwerk. Fehlte nur noch der Lippenstift. Ich hasse Lippenstift. Bevor sie ihn auftrug, gab sie mir einen Kuss. Dann gingen wir ins Schlafzimmer, sie zog das T-Shirt aus & ihre Arbeitsklamotten an. Weiße Bluse, enger schwarzer Rock, dunkle Strümpfe. Da sie Strumphosen nicht mochte (und ich noch weniger), waren es selbsthaftende Strümpfe. Zum Schluß kamen die bequemen Schuhe dran.
„Also, dieses Arbeitsoutfit hat was“, sagte ich. „Kein Wunder, dass da der Geier zum Geier wird. Vor allem der Rock. Was das angeht, hat er einen guten Geschmack. Auch sonst natürlich.“
„Pass auf, was du sagst, du Hund.“ Sie lächelte & gab mir einen vorsichtigen Abschiedskuss.
„Scheiß Lippenstift“, sagte ich.
Und dann war sie auch schon weg. Ich schätzte, dass sie vielleicht 5 Minuten zu spät kommen würde.
Ich machte mir eine Kanne Tee, stellte sie neben das Bett, zog mich aus & machte es mir gemütlich. Ich las Oblomow. Das passte zu mir.
Nach ein paar Stunden, stand ich auf, schnappte mir den Staubsauger & machte mich nützlich. Anschließend setzte ich mich aufs Sofa & schaltete den Fernseher ein.
Sie kam 2 Stunden zu früh nach Hause. Schöne rote Dämmerung.
„Wassn jetzt los?“ sagte ich. Stellte den Ton ab.
„Das war’s mit dem Job. Ich hab gekündigt. Bin einfach gegangen.“ Sie zog die Schuhe aus.
„Was hat er gemacht?“
„Mir an den Hintern gepackt.“ Sie zog den Rock aus, warf ihn über einen Sessel & setzte sich neben mich aufs Sofa. Gab mir Lippenstift.
„Soll ich ihn zusammenfalten?“ sagte ich.
„Ach Quatsch. Isser nicht wert. Und so dramatisch isses ja nun auch wieder nicht. Ich hab da nur einfach keinen Bock mehr drauf. Solche Jobs gibt’s wie Sand am Meer. Dann geh ich halt woanders hin.“
„Erzähl mal.“
Sie lächelte. „Geiler Hund. Willst alles ganz genau wissen, was?“
„Rein wissenschaftliche Neugier“, sagte ich.
„Ging natürlich schon damit los, dass ich nicht ganz pünktlich war. Die üblichen dummen Bemerkungen. Was ich denn noch vorher so Wichtiges getrieben hätte. Getrieben natürlich schön betont. Und das ging dann die ganze Zeit so weiter. Und immer diese Geiervisage um mich rum. Wo der immer überall hinstarrt.“
„Lohnt sich ja auch“, sagte ich & starrte auf das Stück Oberschenkel zwischen Strumpf & Bluse.
„Sehr witzig. Jedenfalls, irgendwann saß er dann hinten in seinem Büro & hat mich gebeten, ihm ne Tasse Kaffee zu bringen. Bin ich also hin. Er sitzt am Schreibtisch, ich stell die Tasse ab, er sagt Danke & tätschelt mir den Arsch. Da hab ich ihm gesagt, dass er sich den Job in seinen Arsch schieben kann.“
„Wortwörtlich?“
„So ungefähr.“
„Und dann?“
„Wollte er natürlich beschwichtigen. Das wär doch ganz harmlos. Ihm sei die Hand ausgerutscht. Und so weiter & so weiter. Ich bin einfach gegangen & hab ihn da sitzen lassen. Wahrscheinlich dachte er nicht, dass ich sofort nach Hause fahre.“
„Isser bei den andern auch so?“
„Nee, eben nicht. Es sei denn, die hätten nicht die Wahrheit gesagt, aber das glaub ich nicht.“
„Tja“, sagte ich, „er weiß halt, was gut ist. Hat sich den richtigen Arsch ausgesucht.“
„So so“, sagte sie, ihr Gesicht ganz nah, in Haarduftnähe, „es stört dich also nicht, dass er deinen Arsch angefasst hat?“
„Es gibt Schlimmeres. Zum Beispiel Sturmfluten.“
Sie legte mir ihre Hand zwischen die Beine. „Ich scheine gut erzählt zu haben“, sagte sie.
„Ich habe es praktisch vor meinem geistigen Auge“, grinste ich.
„Dein geistiges Auge kenne ich. Ich werds mir gleich mal ansehen.“ Sie öffnete den Reißverschluß.
„Weißt du“, sagte ich, „ich stell mir gerade vor, du hättest dort in einem superkurzen Minirock arbeiten müssen, ohne Strümpfe, offene Schuhe, durchsichtiger Slip. Meine Fresse, kaum auszudenken.“
„Als ob es irgend etwas gäbe, was du dir nicht ausdenken kannst“, sagte sie & gab mir die Reste ihres Lippenstifts.


Auf dem Minigolfplatz

Sie hatte eingelocht….
bückte sich nach dem Ball….
sagte: „Hast du gesehen, wie der Typ
mich angestarrt hat?“
Ich nickte.
„Ich finds nicht ok, dass du rumläufst
wie ein Penner. Solche Typen denken
dann ‚Hey, die kann ich auch haben, wenn
der sie haben kann.’
Sie trug diese engen weißen Jeans….
„Das ist der Punkt“, sagte ich, „nobody is
perfect; ich sollte sowas nicht denken, aber
ich denke, die denken, was muss dieser
Bursche für Qualitäten haben, wenn so
eine Frau mit dem zusammen ist
.“
Sie lächelte.


Palingenese

Das ist den Frauen so egal –
Er kann ihnen wehtun
Er kann sie umformen
Er kann sie bluten lassen
Er kann sie straucheln lassen
Er braucht keine Rücksicht auf sie zu nehmen;
& wenn sie es gar nicht mehr aushalten,
tragen sie ihn in Händen &
laufen barfuß

Ich möchte
wiedergeboren werden
als unbequemer
Damenschuh.


Ich rasiere Vogelspinnen

Ich rasiere Vogelspinnen,
entferne Fischen die Schuppen,
ich enthaare Ratten,
zeige Hunden, wie man
mit dem Schwanz wedelt,
zeige Schlangen, wie man
würgt; ich erkläre
Hamstern die Langeweile,
Katzen die Gemütlichkeit, ich
lehre Elefanten die Mnemotechnik,
leiste Eintagsfliegen Sterbehilfe;
ich schminke Totenkopfäffchen,
gebe Nachtigallen Gesangsunterricht,
ich putze Haien die Zähne,
erkläre dem Chamäleon die Farbenlehre,
Aalen gebe ich Strom,
Glühwürmchen Licht;
ich kämme Löwen,
mit Kakerlaken spiele ich Verstecken,
Ameisen bringe ich den Fleiß bei,
den Tauben zeige ich, wie
man kackt,
Flöhen springe ich etwas vor,
Gottesanbeterinnen beiße ich
die Köpfe ab;
ich rasiere Vogelspinnen &
stricke ihnen einen Bikini aus
zitternenden Silberfischchen, damit sie
ihre Blöße bedecken können.

Nur
mein
eigenes
Leben
bekomme
ich
nicht
in
den
Griff.


In diesem großen leeren Haus

In diesem großen leeren Haus, in
dem ich wohne, tanze ich manchmal
nachts durch die Gänge, besoffen
von Geistern; ich schnüffele deinen
Nagellackentferner, die Straßenlaternen
leuchten durch Fenster in meine Finsternis,
spiegeln sich in Flaschen; die
Musik swingt in Erinnerungen; in
eisernen Papierkörben brannten deine Briefe,
ihre Flammen wärmten mich, nun
zittere ich; mit ihrer
Asche färbe ich mir die Haare –
vergebens


Die Seife

Die Sonne scheint auf das Waschbecken
Der Abfluss ist verstopft
Wasser steht im Waschbecken
Die Sonne scheint darauf
Ein Stück Seife schwimmt im Wasser
Das Wasser wird getrübt
Die Seife löst sich auf
kaum merklich schwindet sie
Sie schwindet in das Wasser
Die Sonne scheint darauf

Der Mann steht vor dem Waschbecken
Die Frau im Sonnenlicht
Sie schreien
Sie brüllen
Sie kreischen sich an
Die Sonne scheint auf Schläge
Die Sonne sinkt herab
kaum merklich schwindet sie
Sie schwindet in die Nacht

Die Seife löst sich auf
Sie ändert ihre Form
Weich wird das Stück Seife
zwecklos
unbrauchbar
Die Seife trübt das Wasser
in der Dämmerung

Das Waschbecken ist
ohne Sonne
Der Grund –
nicht mehr zu sehen


Die Sicherung

Mein Herz : ein Kühlschrank
Die Vergangenheit : der Strom

Dein erster Blick –
die Sicherung springt raus.


Klarstellung

Ich übernehme keine Verantwortung
für nichts & niemanden
schon gar nicht für mich

Vernunft ist ein schlechter Witz von
einem miesen Clown & –
ich hasse Clowns

Mein Verstand reicht von hier
bis zu der durchgebrannten
Glühbirne auf dem Tisch neben mir

Haß langweilt mich
Liebe ist eine Erinnerung
Selbstzerstörung ist meine Berufung


Der Schock

Was für eine merkwürdige Zeit die Vergangenheit doch ist.
Bis zu meinem 12. Lebensjahr glaubte ich, dass auch Mädchen einen Penis haben. In unserer Familie: nur Jungs. An Zeitungskiosken gab es keine Titelblätter mit nackten Frauen. Die Mädchen-sind-doof-Phase hatte ich nie. Immer schon fand ich Mädchen spannender & interessanter als Jungs. Ich spielte gerne mit ihnen & war auch nicht irritiert, wenn sie sich zwischendurch mal zum Pinkeln hinhockten. Für mich war das einfach ein Brauch: Mädchen hocken sich hin, Jungs stehen. Und mehr als einen nackten Hintern bekam ich dabei nicht zu sehen.
Unter uns Jungs waren damals Striptease-Treffen der große Renner. Man verabredete sich, meist war es eine größere Gruppe, und dann zog sich entweder einer aus, und die anderen schauten zu, oder alle zogen sich aus. Und jeder war froh, dass er nicht der einzige war, der einen Ständer bekam. Gewichst wurde nicht, aber viel gelacht.
»Achtung, der dicke Hellmann reisst sich wieder den Arsch auf!«
Eines Tages sagte ein Kumpel zu mir: »Meine kleine Schwester macht das übrigens auch. Haste Lust?«
»Dumme Frage. Wann?«
»Jetzt«, sagte er.
Wir gingen zu ihm nach Hause. Die Eltern waren nicht da. Die Schwester war in ihrem Zimmer. Sie war ein paar Jahre jünger als wir. Mein Kumpel deutete auf mich & sagte zu ihr:
»Er will auch mal was sehen. Komm, mach mal ne Show.«
Sie lachte & sprang ohne zu zögern aufs Bett. Sie fing an herumzutänzeln, wackelnd auf der weichen Matratze, sie kicherte & zog sich aus dabei. Allzu spannend fand ich das nicht. Aber es war mal etwas anderes. Schließlich drehte sie uns den Rücken zu & zog Hose & Schlüpfer runter. Soweit war noch alles gut. Ihr kleiner Hintern gefiel mir.
Dann: eine weitere Drehung……
Ein paar Jahre zuvor hatte ich einen neuen Beruf für mich entdeckt: Elektriker. Ich schraubte einen Elektrostecker auseinander, nahm den einen Metallstift in die linke, den anderen in die rechte Hand & steckte dann beide gleichzeitig in die Steckdose. Ich wurde ca. 2 Meter zurückgeschleudert & knallte gegen den Kleiderschrank an der gegenüberliegenden Wand. Es hatte eine Weile gedauert, bis mein Herz wieder zur Ruhe gekommen war.
So ungefähr erging es mir auch jetzt. Ich konnte kaum hinschauen. Ich flüsterte meinem Kumpel ins Ohr:
»War das…. immer schon so… oder war das ein Unfall?«
Er prustete los. Sagte laut:
»Weißt du etwa auch nicht, dass Frauen Brüste haben?«
»Selbstverständlich weiß ich das«, sagte ich. Empört. Das wußte ja wohl jeder.
Die Schwester lachte. Jetzt fing sie auch noch an, mit ihren Fingern die Schamlippen ein bißchen zu spreizen.
Das war’s für mich. Nichts wie weg hier, dachte ich. Ich ließ mir eine Ausrede einfallen … ich hatte etwas vergessen … ich musste schnellstens nach Hause.
Tja. Davon musste ich mich erstmal erholen.
Ich kam drüber weg. Ein Weltbild war eingestürzt. Ein anderes war entstanden. Und so schlecht war das zweite ja auch nicht.
Aber trotzdem. Manchmal fänd ich’s auch heute noch interessant, wenn Frauen Schwänze hätten. – Und sei es auch nur aus nostalgischen Gründen.
Was für eine merkwürdige Zeit die Vergangenheit doch ist.


Die Mücke

Die Pendeluhr tickt Romane
in der Nacht
eine Mücke besäuft sich an mir
Die Lampe meiner Kindheit beflackert
den RomanTisch
an dem ich sitze
In meinem Kopf ein kaputtes Puzzle
Teile fehlen
Wände in schwarzem Schattensamt
Eingestürzte Büchertürme
Zerbrochene Bleistifte
Tickende Stille während die Mücke trinkt
ihre Beine in kaltem Schweiß
Das Zittern stört sie nicht
Ich sehe ihr zu
unbeteiligt
Am Boden die Mondpfütze
Das Herz flattert im Rippenkäfig
Wenigstens der Mücke geht es gut
Ich lasse sie leben
Sie soll davon fliegen
in die Nacht hinaus
mit meinem Blut


Einsamkeit

Die Einsamkeit steht neben meinem Bett &
singt, während ich schlafen will; sie
schwingt die Hüften in ihrem kurzen Rock &
sie legt mir den Schraubstock an. Kalt
ist das Metall an meinen Schläfen; sie
dreht das Gewinde, sie dreht &
singt & schwingt ihre Hüften, ich
drehe mich, drehe mich hin, drehe mich her,
sie dreht das Gewinde, es schwingt der
Rock, es singt in mir, die Einsamkeit singt,
sie steht an meinem Bett, der
Schraubstock ist kalt, er schmerzt &
singt, das Gewinde singt, die Einsamkeit
lächelt, ich drehe mich, der
Schraubstock ist schwer, er
drückt meinen Kopf in das Kissen, die
Einsamkeit tanzt & lächelt & singt &
sie beugt sich vor & sie gibt mir
einen Kuss & –
ich bleibe wach


Tierleben

Gestern
war ich so besoffen, dass
weiße Mäuse ChaCha tanzten
Heute
werden schwarze Ratten Tango tanzen
(per Aspirin ad astra)
89 %iger Absinth, ich
swinge durch den Flur zur
Fledermaus-Overtüre, ich weiß,
morgen wird in meinem Schädel ein
Kater leben, der schwindeln kann.
Ich werde ihn streicheln, mein
kleines Kartäuser-Baby, und
er wird schnurren
wie ein kleiner Motor, der
mich durchs Leben bewegt.


Die Philosophie der Wiederholung

Ich habe einen falschen Ton gespielt
Sofort wiederhole ich ihn
Und ich denke: alle werden denken:
Was für eine coole Sau, diese
Dissonanz ist
großartig!


Liebesbeweis

Die Katze legt mir Liebesbeweise
auf den Teppich. Die
Eingeweide einer Maus.
Wäre ich so einfallsreich gewesen,
wärst Du dann noch hier?


Der beste Moment

Der große Bruder fuhr mit seinem neuen Moped davon.
Ich schaute ihm nach. Mein Vater sah mich an. Ich
war 11. „Beneidest du ihn?“ fragte er.
„Ja“, sagte ich, „schon, irgendwie.“
„Das musst du nicht. In seinem Alter hat man
viel mehr Sorgen. Du bist in einem
tollen Alter. Freu dich darüber.“ Er lächelte.
Ich verstand so ungefähr, was er mir sagen wollte;
aber das Moped war trotzdem sehr schön.
Ein Jahr später war mein Vater tot.
Als ich dann in dem Alter war,
in dem ich ein Moped hätte fahren dürfen,
landete ich in der Klapsmühle,
verzweifelt, selbstmordgefährdet, tobsüchtig.
Ich weiß nicht mehr, wann die Erinnerung
an diesen Moment mit meinem Vater wieder
auftauchte. Jetzt bin ich älter
als Er geworden ist. Mein Gedächtnis ist
manchmal ungerecht. Aber dieser Moment
ist noch da.
Und das ist gerecht.


Widerspruch

Ständig widerspreche ich mir.
Und jedesmal habe ich recht.
Das ist beängstigend.
Oder auch nicht.


Cocktailstunde

Wenn mir die Cocktailstunde schlägt,
wird mein Magen geistreich. Mit
Feuerwasser lösche ich die
Nüchternheit. Rufe Geister.
Mit meinem Gin ziehe ich in
die Wunderlampe. Wo
Oliven leben & Kirschen
zuckrig feixen. Lachend
fechten wir mit Cocktailspießen.
Lösen uns in Rauch auf. Wir werden
Wolken & regnen auf die Wüsten,
mein Gin & ich.
Die Leber eine Oase.
Hochprozentige Freudentränen.
Gegenwart schwimmt,
Vergangenheit lebt. Uhren
kriegen Schluckauf. 1000 &
1 Nacht … im Suff verbracht …
Spinnen werden zu Freunden,
Ratten shakern Märchenmix,
ein Pasch aus Eiswürfeln heißt
Glück. Weiße Mäuse streicheln
Schlangen. Der Gin,
ein zaubernder Riese, der mich
auf Händen trägt, fliegend unterm
Mond, fliegend unter Kandissternen.
Unendlichkeit, ich sehe sie in der
Flasche. Ein Kosmos – die ewige
Cocktailstunde.


5 Euro

München unter schwarzem Himmel. Neonreflexe auf meinen Brillengläsern. Seit Stunden hörte ich den Takt meiner Absätze. Einfach laufen, nicht schlafen. Ich hatte 5 Euro in der Tasche. Das Hotel hatte ich vorab bezahlt, das Ticket für die Rückfahrt lag im Koffer, alles andere war egal. Keine Ahnung, was mit meinem Gesicht los ist, aber wenn ich so unterwegs bin, werde ich ständig angesprochen. Aus einer Menschenmasse werde ich herausgepickt. Ich werde nach Wegen gefragt, ausgerechnet. Ich kenne keinen Weg. Nirgends. Namen interessieren mich nicht, schon gar nicht Straßennamen. Ein Schwarzer, der kein Deutsch sprach, wollte einen Brief verschicken; er fragte mich, wieviel Porto er darauf kleben müsse & bat mich, ihm am Marken-Automaten behilflich zu sein. Er bedankte sich herzlich. Ausgerechnet ich half also einem Menschen, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu treten; ich fand das komisch & grinste zurück.
In fremden Städten schlafe ich nie mehr als 3 Stunden. Ich laufe Tag & Nacht herum & esse fast nichts. Wenig Schlaf, wenig Geld, viele Eindrücke.
In einer der dunkleren Straßen wurde plötzlich mein Takt von einem anderen, schnelleren Takt übertönt. Das Geräusch war sexy, also drehte ich mich um. Die Absätze waren hoch & überquerten die Straße in Richtung eines Clubs, den ich gerade passiert hatte. Kurzes schwarzes Kleid, lange blonde Haare, leuchtende Schultern & Beine. Bevor sie im Eingang verschwand, warf sie mir ein Lächeln zu, das so knapp war wie ihr Kleid.
Ich ging weiter. Das fremde Lächeln, es kochte in meiner Einsamkeit. Ich ging weiter. Verdrängte den Gedanken, es könnte ein Profi-Lächeln gewesen sein. Weiter. Die Schritte langsamer, der Puls schneller. Dann blieb ich stehen. Ich kehrte um.
Mit Tunnelblick ging ich hinein. 5 Euro in der Tasche. Gleich rechts hinter dem Eingang war eine Theke, an der 5 oder 6 Frauen saßen. Alle schauten mich an, sie war nicht dabei. Ein paar muskelbepackte Aufpasser waren strategisch verteilt; Gäste sah ich 2 oder 3 an den Tischen. Hinten links gab es eine weitere Theke, wo niemand saß. Dort nahm ich Platz. Dahinter eine lächelnde Dunkelhaarige. Vor bunten Flüssigkeiten, die ich mir nicht leisten konnte.
„Was darfs sein?“
„Eine kleine Cola“, sagte ich.
Sie nahm ein Glas & holte eine Flasche, die mir winzig erschien. Schenkte ein & stellte das Glas vor mich hin.
„Das macht 5 Euro bitte.“
Ich reichte ihr den Schein.
Sie sagte: „Nicht böse sein, dass ich vorab kassiere, aber das müssen wir hier.“
„Kein Problem“, sagte ich.
Eine von den Frauen, die ich vorne gesehen hatte, setzte sich neben mich. Blond, in weißen Hotpants.
„Hallo.“ Schon das Hallo klang osteuropäisch. In dieser Nacht störte mich das aus irgendeinem Grunde.
Ein bißchen Gespräch plätscherte hin & her. Sie berührte mein Knie mit der Hand.
Sie sagte: „Wir können etwas trinken, und dann gehen wir nach hinten.“
Ich sah die Tür hinter ihr. War das schwarze Kleid dorthin verschwunden? Wenn doch sie jetzt hier wäre, dieses Lächeln jetzt hier wäre. (Und dann? Es würde dir kein Geld in der Hose wachsen.)
„Ich warte noch auf einen Kumpel“, sagte ich. „Wir haben uns hier verabredet.“
Nippte an meiner Cola. Es arbeitete hinter dem Gesicht über den weißen Hotpants. Sie taxierte mich. Zweifelte.
„Ok, solange geh ich dann mal.“ Und weg war sie.
Nach einer halben Minute saß eine Dunkelhaarige neben mir. Sie war der Konversations-Profi. Schwächerer Akzent. Touristengeplauder. Fragte mich, was ich denn schon gesehen hätte, sagte mir, was ich unbedingt noch sehen müsse, erzählte mir, was sie in den letzten Tagen in ihrer Freizeit unternommen hatte.
Und schließlich tischte ich auch ihr die Story von dem Kumpel auf.
„Ok“, sagte sie, „dann hol ich noch eine Kollegin dazu, und wir gehen zu viert nach hinten.“
Hinten hinten hinten, kreiste es durch meinen Schädel. Ich stellte mir das schwarze Kleid vor, wie es am Boden lag.
„Darf ich was trinken?“ fragte sie.
Verdammt, da hatten wir’s. Und meine Cola war auch schon alle.
„Sekunde“, sagte ich, „ich check grade mal, wo der bleibt.“
Ich holte das Handy aus der Tasche. Hielt es so, dass sie nicht darauf schauen konnte. Tastete darauf herum.
„Mist“, sagte ich. „Kein Empfang.“
Du blöder Loser, fuhr es mir durch den Kopf.
„Komisch“, sagte sie.
Ja. Komisch, um nicht zu sagen lächerlich, peinlich, armselig.
Sie wußte, was los war.
„Ich probier’s grad mal vor der Tür“, sagte ich & stand auf.
Ich wollte ihren Blick nicht sehen, aber ich sah ihren Blick. Und sie war wirklich sehr liebenswürdig gewesen.
Ich fühlte, Köpfe wandten sich mir zu, als ich mich auf den Ausgang zubewegte. Loser.
Irgend jemand sagte: „Moment.“ Eine Frau sagte es. Aber diesen Moment hatte ich nicht mehr. Ich ging hinaus.
Draußen fragte ich mich, ob mir jemand folgen würde. Blödsinn. Sowas erlebten die sicher ständig. Es gibt so viele Loser auf der Welt. Entweder ist es Angst, oder es ist kein Geld, oder es ist beides. Oder es ist irgend etwas anderes.
Null Euro in der Tasche. Der Himmel war nicht schwärzer als vorher. Der Absatztakt beruhigte sich. Das Lächeln würde mir bleiben; der Blick über die leuchtende Schulter hinweg. Baudelaire … ich dachte an mein Lieblingsgedicht … A une passante ….. Ich ging weiter. Ging vorüber. Vielleicht würde mich wieder jemand nach einem Weg fragen. Nach irgend einem Weg, den ich nicht kannte.
Irgend etwas war mit meinem Gesicht.


Talent

Eiter spritzte auf den Spiegel,
eine kleine Sonne.
Das ist mein wahres Talent,
dachte ich:
Kranke kleine Sonnen
in die verkehrte Welt schießen.


Papier

Heißes schreibe ich auf Backpapier
Glänzendes auf Stanniolpapier
Düsteres schreibe ich auf Kohlepapier
Beschissenes auf Klopapier
Zeitliches schreibe ich auf Zeitungspapier
Wertvolles aufs Wertpapier
Schmieriges schreibe ich auf Butterbrotpapier
Wechselvolles auf Lackmuspapier
Kleines schreibe ich auf Millimeterpapier
Bildliches auf Fotopapier
Gestohlenes schreibe ich auf Kopierpapier
Vielfältiges auf Krepppapier
Faßbares schreibe ich auf Büttenpapier
Schlagkräftiges auf Durchschlagpapier
Atemloses schreibe ich auf Zigarettenpapier
Erinnerungen auf Elefantenhautpapier
Ich schreibe ich auf Altpapier

Gedichte schreibe ich
Dir
auf Geschenkpapier.


21

Die Zahl.
21.
Jagte ihm Angst ein.
21 Jahre
ohne Kuss.
Ohne Zärtlichkeit.
21 Jahre
Einsamkeit.
21 Jahre
Tod
& Sehnsucht.
Die Angst,
21 Jahre
lang.
21 Jahre
Ende & Zusammenbruch.
21 Jahre
Traum & Erinnerung.
21 Jahre
Leben ohne Leben.
21 Jahre
Dunkelheit.
21 Jahre.
Wie war
SIE
die EINZIGE
doch
schön
gewesen,
mit
21 Jahren.


Die Geschriebene

Der See blendete. Die Sonne: weißgoldenes Stanniol auf seiner Oberfläche. Frische Luft hatte ich schon lange nicht mehr geatmet. Die Bank war hart, fast hätte ich mir einen fetten Arsch gewünscht. Sitzen, Atmen, Schauen, Riechen, Hören … das sollte eigentlich reichen; Geschäftigkeit ist mir ein Gräuel. Es waren nicht allzu viele Menschen unterwegs. Sie hatten zu tun. Ich hatte zu leben. Unter Bäumen. Beobachtete die Ameisen, die zwischen den Lichtsplittern über den Gehweg krabbelten. Blätter überquerten. Entfernt sah ich eine spazierende Frau. Das erste Signal: ein sehr kurzer Rock. Das zweite Signal: lange dunkle Haare. (Nicht starren jetzt … auch mal in die andere Richtung gucken) Jemand ruderte über den See, lautlos. Ein Käfer landete auf meinem Hosenbein. (So, jetzt mal wieder, wie zufällig….) Sie näherte sich langsam. Ziellos, in Gedanken. Ziellosigkeit finde ich attraktiv, Gedanken finde ich attraktiv. Und je näher sie kam, desto jünger schien sie zu werden; normalerweise war das umgekehrt. (Den Käfer beobachten, wie er auf meinem Bein spazieren geht) Allmählich waren ihre Schritte zu hören. Flache Schuhe. Auf der andern Seite steuerte ein Mann mit Rollator eine Bank an. (Flache Schuhe zu kurzen Röcken, jawohl, Krieg dem HighHeels-Wahn!) Ich näherte meinen Zeigefinger dem Käfer. Zeit verging.
„Entschuldigung, können Sie mir sagen, wie spät es ist?“
Weg war der Käfer, ich schaute zu ihr auf.
„Ich hab selber keine Uhr“, sagte ich. (Wie? Kein Handy? Keine Uhr? in dem Alter? Gibt’s doch gar… na, vielleicht ist der Akku leer)
„Ist ja auch egal“, sagte sie & lächelte. „Ist der Platz noch frei?“
Ich nickte, sie setzte sich; ihre Handtasche zwischen uns.
(Nicht starren …. nackte glatte Beine … Sonnenlicht, leichte Bräune … flache Schuhe, geschlossen … Duft: frisch gewaschene Haare…. hoffentlich stinke ich nicht … nach Schnaps & kaltem Rauch)
Wie alt & hässlich mußte ich ihr erscheinen. Selbst meinem Badezimmerspiegel erschien ich so.
Sie sagte: „Hab den Vormittag frei, da dachte ich mir, bei dem schönen Wetter, lauf ich doch mal’n bißchen rum. Wird bestimmt heiß heute.“
Ich durchwühlte die verstaubte Gedächtnistruhe nach Small-Talk; irgendwo ganz unten mußte es noch etwas geben.
Wir schauten auf den See. Wenn ich sicher war, dass sie auf den See schaute, schaute ich auf ihre Beine. Der Ruderer näherte sich dem Ufer auf der andern Seite. Für meine Verhältnisse lief das Geplauder ganz gut.
Dann sagte sie unvermittelt: „Ich weiß, dass Ihr Vorname Wolf ist.“
Ich schaute sie an. „Woher?“
Sie wandte mir ihr Gesicht zu. „Wir kennen uns. Sie wissen auch, wie ich heiße.“
Ihre Augen: bekannt. Ihre Nase: bekannt. Ihr Mund: bekannt. – Und doch … das Gesicht: ich erkannte es nicht.
„Sagen Sie mir, wie ich heiße.“
Ich starrte sie an, jetzt durfte ich wohl starren, und ich überlegte krampfhaft.
„Äh…. im Moment …. also ehrlich gesagt…“
„Sagen Sie’s einfach. Sie wissen es.“ Es lächelte aus ihr.
Ich sagte, was mir als erstes in den Sinn kam. „Jenny?“
„Sehen Sie, ich hab doch gesagt, Sie wissen es.“
Ich bekam eine Gänsehaut. Ich wünschte mir den Käfer zurück. (Sonne in ihrem Haar … Lächelaugen … weiße Zähne … duftender Atem)
– – Jenny läuft durch den Sand … der bunteste Bikini in der Einsamkeit … Das Meer spielt Meer, die Haare wehen … Swing in allem … Salz & Rausch … ich stehle ihr den Sand von den Füßen bis sie giggelt … Sie krault den Hund zwischen den Ohren – –
„Wollen wir zu Ihnen nach Hause gehen“, fragte sie.
„Und dann?“ (Was für eine blöde Frage, du Idiot)
„Dann machen wir’s uns gemütlich. Legen uns ins Bett. Lecken uns stundenlang. Und dann quatschen wir die ganze Nacht. Wir lachen, wir riechen uns, wir trinken Sekt, Wein & Natur, und vielleicht hört die Nacht gar nicht mehr auf. Im Dunkeln kichern wir unter der Decke wie Kinder.“
Ich stand auf. Wahrscheinlich zertrat ich Ameisen dabei.
„Dann lass uns gehen“, sagte ich.
Wir gingen. Der Mann mit dem Rollator saß drei Bänke weiter & sah uns. Er schien auf ihre Beine zu starren. Es war nicht weit bis zu meiner Wohnung.
Wir betraten den Hausflur.
„Ist im ersten Stock“, sagte ich, „kein Aufzug.“
Sie lächelte. „Soll ich vorgehen?“
„Bitte.“
Als sie auf der 4. Stufe war, folgte ich ihr. Ich wußte, dass sie nichts unter dem Rock trug. Jetzt durfte ich wohl starren.
Ich schloß die Wohnungstür auf. Ließ Jenny vorgehen.
Als ich die Tür zumachte, war alles wie immer. Hier gab es keine Sonne. Ich ging rüber zum Schreibtisch. Verstreute Blätter. Beschrieben & unbeschrieben. Ich überflog ein paar Zeilen.
Wahrscheinlich würde ich wieder alles zerreißen. In den Zeilen stand – immer wieder – Jenny.
Die Wohnung war menschenleer.
Und ich wußte, ich würde mich betäuben müssen.


Straßen

Ich rannte durch die Straßen
schrie:
RETTET MICH!
Fensterläden knallten

Fragende Gesichter fragten uninteressiert
Tote Augen, grinsende Zähne

Ich bettelte um das Betäubungsgewehr
Niemand schoss, niemand gab es mir

Ich rannte durch die Straßen
sah: ein Lächeln
es galt nicht mir

Sah: Langeweile
Gähnen

Ich rannte.
Ich schrie.

Die Straßen waren
gestorben.

Warum
lebte ich?


Auf- & Untergang

Erst hatte ich mir die Nacht um die Ohren gehauen, dann stand der Bluterguß am Himmel. Ich mag Sonnenaufgänge nicht besonders. Sie kündigen an, dass es in Kürze laut werden wird. Gequatsche, Rasengemähe, Autos, Hunde, Geklingel, Gehupe, Hämmern, Bohren, Sägen, „GUTEN MORGEN!!“, „GUUUTEN MOOORGÄÄN!“. Den Anfang machen immer die Amseln, die sich gegenseitig vor den Katzen warnen. Ich hasse Amseln, aber irgendwie sind sie mir ähnlich; nur mit der Kommunikation hapert’s bei mir.
Ich war einfach durch die Nacht gelaufen. Halbmond in Pfützen. Wie schmeckt die Mündung einer Schrotflinte? Das hatte ich mich gefragt. Oh ja, ich bin ein gutgelaunter Mitmensch. Beobachte all diese fluffig=lockeren Leben um mich herum. Aber nach ner halben Flasche Gin wird’s auch bei mir fluffig. Dann gehe ich auf wie die Sonne & der Mond zusammen.
Ich mußte mich setzen. Bänke gab’s genug. Schön hart & unbequem. Ich döste bis die Welt sich verdoppelte. Vorgärten. Rolleaus wurden hochgezogen. Lange saß ich dort & fror ein wenig. Augen gingen zu. Augen gingen auf.
Irgendwann schaukelte ein kleines Mädchen in einem der Gärten. Leise. So leise. Vertieft in den Morgen, in das Licht. Vertieft ins Glücklichsein. Ein kleines Pendel in der Gegenwart. Und doch außerhalb der Zeit. Mir fielen Träume ein, die ich nicht allein geträumt hatte. (Sie stand auf der Terrasse & warf die Pille ins Gras … die Sonne schien … als ich die Sonne noch mochte … ich mochte die Sonne, weil sie auf ihre Beine schien … als sie auf der Terrasse stand … & die Pille ins Gras warf) Das Mädchen schaukelte lange. Ich schaute ihm zu & fror ein wenig. Ich hörte keine Amseln. Dann sprang das kleine Pendel von der Schaukel & lief ins Haus.
Ich wartete bis die Schaukel … still … stand. Dann stand ich auf & ging nach Hause. Das Haus wurde von vielen für unbewohnt gehalten, ich hatte es durch Zufall erfahren. Der Garten war verwildert, die Rolleaus permanent unten, die Haustür verrottet, die Klingel abgestellt.
Ich ging ins Bett & wartete auf den Sonnenuntergang. Das Kopfkissen war fluffig.


Der Speicher

Er öffnete die Luke in der Decke & ließ die Leiter herab.
Er kletterte auf den Speicher & machte Licht.
Er setzte sich in den Sessel & betrachtete den Dichter,
der sich dort erhängt hatte.
Dann nahm er Die 120 Tage von Sodom zur Hand, blätterte darin.

Nach 1 Stunde stieg er wieder hinab, ging
in den Raum mit den Schaufensterpuppen.
Eine Zitterspinne wohnte in einer der Perücken; er
begrüßte sie. Buntes Lampenlicht. Stille.
Er legte sich auf den Teppich. Dorthin,
wo die Puppen ihn beobachten konnten.

Frieden.


Mond in Cointreau

Statt Aspirin +C trinke ich
Cointreau, in dem sich der Vollmond spiegelt
Sitze auf den Stufen vor der Haustür
Selbst der fremde Hund, der mich tagsüber immer wieder
weckt, ist still & schläft

Dann : Absätze.
Es ist nicht der Igel, der vor mir durch das Gras raschelt &
mir so ähnlich sieht.
Eine junge Frau durchquert den Laternenschein.
Ich schaue ihr hinterher. Sie ist
in dem Alter, das ich nicht vergessen kann.
In dem Alter, das mich vergessen hat.
Ich trinke stumm. Brennendsüßes Licht.
Sie entfernt sich. Sie ist ein Metronom.
Musik, die nur noch in meinem Kopf klingt.
So alt. Tick.
Älter als ich. Tack.
Eine Melodie, die ich
…Tick…
nicht vergessen kann.
Sie ist Damals. Tack. Sie ist –
Du.


Der Mann mit der Peitsche

Er fand seinen Vater auf einem Sofa aus Blut. Das Gesicht eine rote Pfütze. Der letzte Husten. Lungenkrebs. Tod. Ich war 3.
Und dann lag er selber im Bett, und ich war 12. Er rief nach mir, mit zerbrechender Stimme. Ich blieb in der Tür stehen.
„Meine Füße sind kalt … wickelst du mal die Decke drum …. aber vorsichtig.“
Es gruselte mich, ich ging zu ihm. Ganz vorsichtig, ganz behutsam bewegte ich die Bettdecke. Die Reste seines Gesichts waren nur noch Schmerz. Abgemagerter Schmerz der ganze Mann. Er stöhnte auf. Ich war so vorsichtig. Dem Krebs war das egal.
Dies war der Mann mit der Hundepeitsche. Dies war der Mann, der sich zuhause kaum im Griff hatte.

Mit der Peitsche….. nein, damals war es die Leine…. mit der dicken ledernen Leine schlug er auf meinen Bruder ein. Der blieb fast stoisch. Ich kleiner Bruder schrie & weinte. Der Anblick … ich sprang ins Bett & vergrub mein Gesicht in der Decke. Schrie in die Decke „Bitte nicht!“ Es war schlimmer als selber der Geschlagene zu sein. Die Mutter war machtlos. Sie schlug er nicht, aber sie konnte nichts ausrichten. Machte man die zarteste Geste, einen Schlag abwehren zu wollen, ging es erst richtig los. „WAS? DU WEHRST DICH?! NA WARTE!“
Einmal, bei einem friedlichen Mittagessen, kippte ich einfach vom Stuhl & kam erst auf dem Boden wieder zu mir. Und das Unfassbare geschah. Nach diesem Ereignis bekam zumindest ich keine Ohrfeigen oder Schläge an den Kopf mehr. Ich rechne es ihm hoch an, dass er das schaffte & sich nur noch meinen Arsch vornahm. Und auch der Stock kam seltener zum Einsatz.

„Danke“, stöhnte er. Er versuchte zu lächeln. Es wurde zur Fratze. Ich ging zurück in mein Zimmer. Das war der Mann, der die Bücher liebte. Der angesehene Wissenschaftler. Der Mann mit den vielen Freundinnen. Der Mann, den ich für unbesiegbar gehalten hatte. In dessen Gegenwart ich mich vor der Außenwelt beschützt fühlte. Vor dem ich Angst hatte. Der das Kinderprogramm mit mir zusammen schaute & sich königlich amüsierte dabei. Der Mann mit den zarten, schönen Händen.

Als er starb, überwog die Erleichterung den Schmerz; das Freiheitsgefühl die Trauer. Und das war das Traurigste daran.


Glas

Ich werfe mein Leben auf den Boden.
Es splittert. Ich hole ein Blatt Papier,
fege einige Splitter darauf; undurchsichtige,
klare, scharfe, glatte. Auf anderen kaue ich herum,
bis mir die Fresse blutet. Ich
sabbere das Blut aufs Papier.
Dann lege ich das Blatt neben die
Schreibmaschine.
Ich brauche es nur noch abzutippen.