Die Pendeluhr tickt Romane
in der Nacht
eine Mücke besäuft sich an mir
Die Lampe meiner Kindheit beflackert
den RomanTisch
an dem ich sitze
In meinem Kopf ein kaputtes Puzzle
Teile fehlen
Wände in schwarzem Schattensamt
Eingestürzte Büchertürme
Zerbrochene Bleistifte
Tickende Stille während die Mücke trinkt
ihre Beine in kaltem Schweiß
Das Zittern stört sie nicht
Ich sehe ihr zu
unbeteiligt
Am Boden die Mondpfütze
Das Herz flattert im Rippenkäfig
Wenigstens der Mücke geht es gut
Ich lasse sie leben
Sie soll davon fliegen
in die Nacht hinaus
mit meinem Blut
Die Mücke
Einsamkeit
Die Einsamkeit steht neben meinem Bett &
singt, während ich schlafen will; sie
schwingt die Hüften in ihrem kurzen Rock &
sie legt mir den Schraubstock an. Kalt
ist das Metall an meinen Schläfen; sie
dreht das Gewinde, sie dreht &
singt & schwingt ihre Hüften, ich
drehe mich, drehe mich hin, drehe mich her,
sie dreht das Gewinde, es schwingt der
Rock, es singt in mir, die Einsamkeit singt,
sie steht an meinem Bett, der
Schraubstock ist kalt, er schmerzt &
singt, das Gewinde singt, die Einsamkeit
lächelt, ich drehe mich, der
Schraubstock ist schwer, er
drückt meinen Kopf in das Kissen, die
Einsamkeit tanzt & lächelt & singt &
sie beugt sich vor & sie gibt mir
einen Kuss & –
ich bleibe wach
Tierleben
Gestern
war ich so besoffen, dass
weiße Mäuse ChaCha tanzten
Heute
werden schwarze Ratten Tango tanzen
(per Aspirin ad astra)
89 %iger Absinth, ich
swinge durch den Flur zur
Fledermaus-Overtüre, ich weiß,
morgen wird in meinem Schädel ein
Kater leben, der schwindeln kann.
Ich werde ihn streicheln, mein
kleines Kartäuser-Baby, und
er wird schnurren
wie ein kleiner Motor, der
mich durchs Leben bewegt.
Die Philosophie der Wiederholung
Ich habe einen falschen Ton gespielt
Sofort wiederhole ich ihn
Und ich denke: alle werden denken:
Was für eine coole Sau, diese
Dissonanz ist
großartig!
Liebesbeweis
Die Katze legt mir Liebesbeweise
auf den Teppich. Die
Eingeweide einer Maus.
Wäre ich so einfallsreich gewesen,
wärst Du dann noch hier?
Der beste Moment
Der große Bruder fuhr mit seinem neuen Moped davon.
Ich schaute ihm nach. Mein Vater sah mich an. Ich
war 11. „Beneidest du ihn?“ fragte er.
„Ja“, sagte ich, „schon, irgendwie.“
„Das musst du nicht. In seinem Alter hat man
viel mehr Sorgen. Du bist in einem
tollen Alter. Freu dich darüber.“ Er lächelte.
Ich verstand so ungefähr, was er mir sagen wollte;
aber das Moped war trotzdem sehr schön.
Ein Jahr später war mein Vater tot.
Als ich dann in dem Alter war,
in dem ich ein Moped hätte fahren dürfen,
landete ich in der Klapsmühle,
verzweifelt, selbstmordgefährdet, tobsüchtig.
Ich weiß nicht mehr, wann die Erinnerung
an diesen Moment mit meinem Vater wieder
auftauchte. Jetzt bin ich älter
als Er geworden ist. Mein Gedächtnis ist
manchmal ungerecht. Aber dieser Moment
ist noch da.
Und das ist gerecht.
Widerspruch
Ständig widerspreche ich mir.
Und jedesmal habe ich recht.
Das ist beängstigend.
Oder auch nicht.
Cocktailstunde
Wenn mir die Cocktailstunde schlägt,
wird mein Magen geistreich. Mit
Feuerwasser lösche ich die
Nüchternheit. Rufe Geister.
Mit meinem Gin ziehe ich in
die Wunderlampe. Wo
Oliven leben & Kirschen
zuckrig feixen. Lachend
fechten wir mit Cocktailspießen.
Lösen uns in Rauch auf. Wir werden
Wolken & regnen auf die Wüsten,
mein Gin & ich.
Die Leber eine Oase.
Hochprozentige Freudentränen.
Gegenwart schwimmt,
Vergangenheit lebt. Uhren
kriegen Schluckauf. 1000 &
1 Nacht … im Suff verbracht …
Spinnen werden zu Freunden,
Ratten shakern Märchenmix,
ein Pasch aus Eiswürfeln heißt
Glück. Weiße Mäuse streicheln
Schlangen. Der Gin,
ein zaubernder Riese, der mich
auf Händen trägt, fliegend unterm
Mond, fliegend unter Kandissternen.
Unendlichkeit, ich sehe sie in der
Flasche. Ein Kosmos – die ewige
Cocktailstunde.
Talent
Eiter spritzte auf den Spiegel,
eine kleine Sonne.
Das ist mein wahres Talent,
dachte ich:
Kranke kleine Sonnen
in die verkehrte Welt schießen.
Papier
Heißes schreibe ich auf Backpapier
Glänzendes auf Stanniolpapier
Düsteres schreibe ich auf Kohlepapier
Beschissenes auf Klopapier
Zeitliches schreibe ich auf Zeitungspapier
Wertvolles aufs Wertpapier
Schmieriges schreibe ich auf Butterbrotpapier
Wechselvolles auf Lackmuspapier
Kleines schreibe ich auf Millimeterpapier
Bildliches auf Fotopapier
Gestohlenes schreibe ich auf Kopierpapier
Vielfältiges auf Krepppapier
Faßbares schreibe ich auf Büttenpapier
Schlagkräftiges auf Durchschlagpapier
Atemloses schreibe ich auf Zigarettenpapier
Erinnerungen auf Elefantenhautpapier
Ich schreibe ich auf Altpapier
Gedichte schreibe ich
Dir
auf Geschenkpapier.
21
Die Zahl.
21.
Jagte ihm Angst ein.
21 Jahre
ohne Kuss.
Ohne Zärtlichkeit.
21 Jahre
Einsamkeit.
21 Jahre
Tod
& Sehnsucht.
Die Angst,
21 Jahre
lang.
21 Jahre
Ende & Zusammenbruch.
21 Jahre
Traum & Erinnerung.
21 Jahre
Leben ohne Leben.
21 Jahre
Dunkelheit.
21 Jahre.
Wie war
SIE
die EINZIGE
doch
schön
gewesen,
mit
21 Jahren.
Straßen
Ich rannte durch die Straßen
schrie:
RETTET MICH!
Fensterläden knallten
Fragende Gesichter fragten uninteressiert
Tote Augen, grinsende Zähne
Ich bettelte um das Betäubungsgewehr
Niemand schoss, niemand gab es mir
Ich rannte durch die Straßen
sah: ein Lächeln
es galt nicht mir
Sah: Langeweile
Gähnen
Ich rannte.
Ich schrie.
Die Straßen waren
gestorben.
Warum
lebte ich?
Der Speicher
Er öffnete die Luke in der Decke & ließ die Leiter herab.
Er kletterte auf den Speicher & machte Licht.
Er setzte sich in den Sessel & betrachtete den Dichter,
der sich dort erhängt hatte.
Dann nahm er Die 120 Tage von Sodom zur Hand, blätterte darin.
Nach 1 Stunde stieg er wieder hinab, ging
in den Raum mit den Schaufensterpuppen.
Eine Zitterspinne wohnte in einer der Perücken; er
begrüßte sie. Buntes Lampenlicht. Stille.
Er legte sich auf den Teppich. Dorthin,
wo die Puppen ihn beobachten konnten.
Frieden.
Mond in Cointreau
Statt Aspirin +C trinke ich
Cointreau, in dem sich der Vollmond spiegelt
Sitze auf den Stufen vor der Haustür
Selbst der fremde Hund, der mich tagsüber immer wieder
weckt, ist still & schläft
Dann : Absätze.
Es ist nicht der Igel, der vor mir durch das Gras raschelt &
mir so ähnlich sieht.
Eine junge Frau durchquert den Laternenschein.
Ich schaue ihr hinterher. Sie ist
in dem Alter, das ich nicht vergessen kann.
In dem Alter, das mich vergessen hat.
Ich trinke stumm. Brennendsüßes Licht.
Sie entfernt sich. Sie ist ein Metronom.
Musik, die nur noch in meinem Kopf klingt.
So alt. Tick.
Älter als ich. Tack.
Eine Melodie, die ich
…Tick…
nicht vergessen kann.
Sie ist Damals. Tack. Sie ist –
Du.
Glas
Ich werfe mein Leben auf den Boden.
Es splittert. Ich hole ein Blatt Papier,
fege einige Splitter darauf; undurchsichtige,
klare, scharfe, glatte. Auf anderen kaue ich herum,
bis mir die Fresse blutet. Ich
sabbere das Blut aufs Papier.
Dann lege ich das Blatt neben die
Schreibmaschine.
Ich brauche es nur noch abzutippen.
Kasse
Liest die Kassiererin in meinen Einkäufen?
Ich kaufe nur 1 Zahnbürste.
1 Brot, 3 Tomaten.
4 Flaschen Schnaps, 5 Flaschen Rotwein.
Zigarren.
Was liest sie?
Wenn die Flaschen auf dem Laufband
aneinanderstoßen, ist mir das peinlich.
Immer wenn wir uns sehen, kommt
ihr diese Hausbar entgegen.
Liest sie?
Ach Quatsch! ich nehme mich zu
wichtig.
Sie hat anderes zu tun; Tausende
wie ich begegnen ihr. –
Und doch …..
manchmal, einen kurzen Blick ihrer
Augen lang, denke ich,
sie weiß.
Fieber malt Träume
Alles was schiefgeht, taufe ich Absicht.
Alles Unglück habe ich schon irgendwo gelesen – –
Der Albtraum schönt das Erwachen.
Der Tod hat schon die meisten geholt.
Der Schlaf der Vernunft gebiert Liebe.
Krankheit weckt Kräfte.
Die schönsten Tiere bevölkern die Dunkelheit.
Schläge fördern die Durchblutung.
Hass ist ein Gefühl.
Schmerz weckt auf.
Scheisse bedeutet Erleichterung.
Alleinsamkeit denkt.
Fieber malt Träume.
real ?
Und wieder verliebe ich mich in die
Unbekannte –
nie gesehen, nie gehört – nur
gelesen – – –
hoffe, dass sie Kinskis Bücher auf dem
Nachttisch hat – & den Faust im Herzen trägt
komponiere Lieder für sie,
werfe Reime auf den Müll, weil
Kunst ihr nicht gerecht wird –
zeichne sie dennoch –
mit Blut
& sage mir :
das ist die Einsamkeit –
das ist nicht die
Realität – – –
Vorbereitungen
Meine 1033ste Wiedergabeliste erstellt –
für jede Gelegenheit eine :
Musik für die Badewanne
Musik zur Entspannung
Musik zum Verrücktwerden
Musik für den Vertreterbesuch
Musik zum Kochen
Musik zum Saufen
Musik zum Weinen
Musik zum Schweigen
Musik zum Bügeln
Musik zum Erwachen
Musik zum Einschlafen
Musik zum Müllrausbringen
Musik für den Selbstmord
Musik zum Lachen
Musik zum Lesen (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Essen
Musik zum Staubwischen
Musik zum tonlosen Fernsehen
Musik zum Nägeleinschlagen
Musik für den Blowjob (nein, Quatsch, stört nur)
Musik zum Musikhören
Musik zur Kontoauszuglektüre
Musik zum Mixen
Musik zum Wichsen
Musik zur Pediküre
Musik zum Kloputzen
Musik zum Haareschneiden
Musik zum Träumen
……………………………
Unerwünschter Besuch (1985)
Gestern abend: es klingelte
an der Haustür. Ich öffnete.
Ein alter Kerl mit stumpfen
Pupillen & abgebrochenen
Zähnen, krummbucklig &
fleckenhäutig, stand dort.
Er trug einen zerfledderten
Strohhut.
„Guten Morgen“, sagte er.
„Es ist Abend“, sagte ich.
„Ach ja?“
„Was wollen Sie?“
„Ich? Nichts.“ Er berührte
die Hutkrempe mit Zeigefinger &
Daumen der linken Hand.
„Originalität“, sagte er.
Ich gab ihm einen Schubs, und
er fiel rückwärts die 4 Stufen
hinunter.
Er blieb liegen.
Stöhnte.
Schmale Blutrinsale sickerten
ihm aus Ohren & Nase. Er
war ein hilfloser
alter Mann.
Ich ging ins Haus zurück,
verschloss die Tür &
setzte mich vor den Fernseher.
Ich fürchte, er
liegt immer noch dort.
* * * *
(Geschrieben 1985)
Es ist mir peinlich, aber…..
…zensiert………………………….
………………….zensiert…..
zensiert……….., zensiert……….;
………….zensiert……..:
zensiert !
……zensiert – ……zensiert?
……….zensiert.
Ich musste das einfach mal loswerden.
Bandsalat
Alkohol auf die Einsamkeit geschüttet
Musik in die Stille gegossen
3 Mal gewichst, um die Sehnsucht zu killen – vergebens
die Flecken aus dem kalten Waschbecken gewischt
Zigarrennebel in die Leere geblasen
Erinnerungen
Schlaf – so lange es geht – mit Dröhnen im Schädel, Schweiß in der Matratze
Träume voller Leben, voller Zärtlichkeit
So läuft mir das Leben von der Spule…..
Bandsalat auf dem Boden
nicht mehr zu entwirren
das Gespeicherte verloren
Müll
Sucht!
Alles gerät mir zur Sucht
Fressen Saufen Ficken Lesen
Sucht ist alles
weil ich suche
immer suche
suche
ohne zu finden
Tag & Nacht
Kaleidoskopierende Gedanken aus Schlaflosigkeit,
Ideendonner in der Finsternis. Ich
möchte schlafen, möchte träumen, möchte –
wachbleiben. Möchte den Schlaf hinter mich bringen,
möchte aufstehen & liegenbleiben, aufschreiben ohne
mich zu bewegen. Hirngewitter. Ich drehe mich, Filme drehe ich,
fantastische Neuronenblitze, Begeisterungen,
große Opern, Bilderflüge, fliegende Teppiche aus
Daunen, Stromschnellen & Kurzschlüsse,
sprühende Metaphern in Endlosschleifen;
die Kissenfüllung aus Flügeln gemacht, Pegasus,
blutig von den Sporen dieser verdammten, dieser
geliebten Schlaflosigkeit.
Doch irgendwann wirft mir der Schlaf dann doch noch
ein paar Brocken Bewußtlosigkeit in den Bettelhut –
„Da, nimm!“
Ich schlafe.
Schlafe.
Ideen
vergehen.
Ich wache auf –
müde & blöde & leer
wie immer.
Die Hyäne
Er fühlte sich tot
Die Einsamkeit, diese Hyäne, riß
die Vergangenheit in blutigen Fetzen aus
seinem Schädel.
Die Hyäne fraß, die Hyäne lachte
Er wollte sie sich schönsaufen, die
bucklige Bestie
schönsaufen, um
sie dann in den Arsch zu ficken
Ich fick dich, du Vieh
Er brauchte Niemanden
sagte er sich
Ich brauche Niemanden
Ich fick dich
Er fühlte sich tot, aber
er kriegte ihn immer noch hoch
viel zu oft, viel zu oft
Kein Alkohol half dagegen
Komm her,
Einsamkeit, ich
fick
dich
in den Arsch, und dann
spritz ich dir in
die lachende Fresse !
Pschyrembel lesen…
….der Tod hat sich meinetwegen schon einen Knoten ins Taschentuch gemacht –
ich hoffe, nur dorthin…………..
Moralische Verpflichtung
Die wenigsten Menschen, mit denen ich telefoniere,
beenden das Gespräch ohne die Formel „…und trink nicht soviel“.
Hallo? Geht’s noch? Das Leben weißer Mäuse hängt von mir ab!
Wie kann man nur so kaltschnäuzig sein.



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