Ich hatte seit 24 Stunden nichts gegessen
hatte noch immer keinen Hunger
saß da, kippte Gin in mich rein
starrte vor mich hin
starrte auf den Staubsauger, der
mitten im Zimmer lag
Staub war überall
Mein ganzes verficktes Leben war Staub
Ich hatte es nur
lange nicht mehr gespürt
Eine Fremde hatte kommen müssen
um es mich spüren zu lassen
Eine Fremde, die keine war
weil ich mich in ihr wiedererkannte
Sie zeigte es mir
& verschwand wieder
Noch mehr Staub
als hätte man die Urne mit
meiner Asche
ausgeschüttet
Ich starrte auf den Staubsauger
Starrte auf den Schlauch, den man
abmontieren kann, um ihn
an einen Auspuff anzuschließen
Es wäre so einfach
Ein bisschen Husten
& dann
Ohnmacht
War ich nicht längst ohnmächtig?
Ich kippte Gin in mich rein
& starrte auf den Staubsauger
Alles wiederholte sich
Ein Tod nach dem andern
Wieviele Tode noch?
Wann hat man es endgültig
überstanden?
Irgendwann stirbt die Hoffnung
nicht mehr zuletzt
Sie stirbt zuerst
Der ganze Dreck
Der ganze Staub
Die ganze Asche
Einfach alles vernichten
Ein sauberer Schnitt
Ein letzter glänzender
Tod
Der Gin ist alle
Ich sitze da &
starre auf den Staubsauger
Alles dreht sich
ich kann nicht aufstehen
Wann werde ich wieder
aufstehen können, um
dem Staub
ein Ende zu bereiten?
All diese Spiegel in dem düsteren Haus
in dem ich existiere
Was sie zeigen
interessiert mich nicht
Es fehlt das richtige Bild in ihnen
Was sie zeigen ist Leere
Sie hatte mir ein Bild geschickt
aufgenommen in einem Moment
als sie sich schön fühlte
nach all dem Selbsthass
all der Verzweiflung
all der Verstörung
Sie war umgeben von Krankheit
die sie für ihre eigene hielt
Ein Irrtum
Den Anblick ihrer Augen
konnte ich kaum ertragen
Sie blendeten mich
Ich sah meine Worte in ihnen
Ich sah dass sie mir glaubte
dass sie mir vertraute
Ihre Augen sind die Spiegel
die mir fehlen
Spiegel die mir etwas anderes zeigen als Leere
Sie fragte: „Sehe ich immer noch traurig aus?“
„Ja“, sagte ich, „irgendwo, ganz weit im Hintergrund.
Und das wird immer da sein, ich weiß es, denn
ich kenne es.“
Sie kann die Spiegel zertrümmern
Sie kann mir mit den Splittern die
Pulsadern aufschneiden
Mein Puls ist nutzlos
da mein Herz woanders ist
In ihren Augen soll sich die Farbe
meines Blutes spiegeln
Ich brauche es nicht mehr
Ich hatte immer zuviel davon
Ihr Vertrauen in mich
warf sie aus der Bahn
Sie war erschrocken
Sie war verstört wieder verstört
Sie weiß nicht
wozu sie fähig ist
Sie ahnt es nicht einmal
Ich weiß es &
vielleicht hört sie mir irgendwann
wieder zu
Der Bahnhof leer
in der Nacht
Der letzte Zug
abgefahren
Zu spät
sich auf die Gleise zu legen
Wind
irgendwie scheint auf Bahnsteigen
immer Wind zu wehen
Man könnte in den Wind schreien
die leere Flasche
auf die Schwellen schmeissen
Vielleicht kommt dann jemand
& schlägt einen zusammen
tritt einem den Schädel zu Brei
Vielleicht würde Irgend Etwas
passieren – – –
Aber nein
es passiert nichts
Starren auf die Uhr
Warten auf den nächsten Zug
der im Morgengrauen kommt
Man könnte zusteigen
einfach fort fort fort
Es könnte jemand aussteigen
auf den man wartete
ohne es zu wissen
Man könnte springen – –
Aber wahrscheinlich
geht man einfach wieder nach Hause –
zurück zu seiner Sehnsucht
Wie einfach es doch ist :
Alles endet mit dem Tod
Jede Story endet mit dem Tod
Das Happy End ist eine verfrühte
Ausblendung
So simpel – ein
Gemeinplatz
Etwas, das jeder weiß
Etwas, das schon Unzählige gesagt haben
Etwas, das verdrängt werden kann
Verdrängt von fast allen
in den Meisten Momenten ihres Lebens
Sie rennen allem hinterher
Allem, was ihnen helfen könnte
bei der Verdrängung Karriere…Liebe…Bücher…Musik…
Unterhaltung…Rosenkohl…Filme…Vorbilder…
Fortpflanzung…Alkohol…Drogen…
Bloß nicht nachdenken
Bewußtsein ist die Hölle
Eine Hölle, in der die meisten
die meiste Zeit über nicht leben
Sie leben in Regionen
wo man die Zeit totschlägt
wo man sich langweilt
wenn nichts passiert
wo man sich langweilt
weil man blind ist für die kleinsten
Veränderungen
Variationen, die den Sehenden
faszinieren – Verdrängt ruhig! Tut Alles, was
Euch das Leben erträglicher macht!
Manchmal sehe ich
Doch meistens bin auch ich blind
will ich blind sein
wie fast alle
Ich wohne in der Hölle
verbinde mir die Augen
& doch vergesse ich nie
dass meine Hölle mit mir stirbt
& eigentlich ist es schade um jede
einzelne Hölle
die einmal für irgend jemanden
ein Zuhause war
Das aufgeklappte Zippo
Nagellackentferner, der an die Kindheit erinnert
Gin, der an Nagellackentferner erinnert
Verwelkte Blumen, die an Friedhöfe erinnern
Worte, die riechen, wenn man in durchgequatschten
Nächten nebeneinander liegt,
Worte, die nach Knoblauch, Wein & Zigaretten riechen,
Worte, die nach Gemeinsamkeit riechen
Bettzeug, das nach diesen Nächten riecht
Finger, die nach der Haut des Anderen riechen
Momente, die man riechen kann
Momente der Vergangenheit & der Gegenwart &
– vielleicht – der Hoffnung auf die Zukunft
Rausch & Atem
Du musst die DIN-Norm erfüllen
wenn Du bestehen willst in der
genormten Welt
Willst Du Dich irgendwo vorstellen
musst Du in den Roboterschädel passen
der Dir gegenüber sitzt
Tu so, als interessierte es Dich
was er zu sagen hat
Tu so, als könntest Du ernst nehmen
was gefordert wird
Setz Deine Maske auf
die dümmste, die leerste, die Du
finden kannst
Vielleicht hast Du Glück damit
falls es Glück ist, einen Platz zu bekommen
in der genormten Welt …
Sollte er Dich durchschauen
erkennen, was Du wirklich denkst
wird er es nicht fassen können
nicht erfassen mit seinem Roboterschädel
Er wird Dich nach Hause schicken
Vielleicht hast Du nichts mehr zu fressen
zu Hause, aber Du hast Dir Etwas bewahrt, das viele Namen haben kann: Stolz … Stil … Selbstachtung …
dieses eine Mal wenigstens
hast Du es Dir bewahrt –
Und dieses Etwas solltest Du feiern
auch wenn Dir der Magen oder sonstwas
knurrt – feiere! Wenigstens heute …
Wenn nötig, mit Leitungswasser!
Sie packten mich & zerrten mich
zu der Zeitmaschine
die in einem dunklen Wald stand
………………..Nachts
Die Maschine leuchtete & blinkte
& verängstigte die Tiere
die flüchteten
Sie stießen mich hinein &
banden mich fest &
grinsten
Es gab einen Rückspiegel
in den ich blicken konnte
Aber nur mich konnte ich darin sehen
Sie setzten die Maschine in Gang &
traten zurück
Die Richtung hieß Vergangenheit
Der Lärm war ohrenbetäubend
Die Farben blendend
Es roch als würde die Zeit verbrannt
Erinnerungen an die Gegenwart
wurden ausgelöscht
die Zukunft wurde weiter –
beängstigend
Als die Maschine stoppte
zitterte ich
Der Wald hatte sich
kaum verändert
Ich schaute in den Rückspiegel –
Ich war nicht mehr Ich
Jedes Mal, wenn der alte Mann
das Hotel betrat – & er kam
regelmäßig –, hatte er ein weiteres
Buch dabei.
In jedes Buch hatte er geschrieben: Für die netten, reizenden Damen an
der Rezeption! (Darunter seine Unterschrift)
Er überreichte es feierlich,
quatschte ein bisschen mit ihnen
& setzte sich dann in die Bar,
immer an denselben Tisch,
um Kaffee zu trinken.
Es dauerte nie lange, und er fing an,
laut zu reden. Er schimpfte vor sich hin.
Saßen noch andere Gäste in der Bar,
machte er abfällige Bemerkungen über sie,
über ihr Äußeres, über ihre Gesprächsthemen.
Die Gäste beschwerten sich selten.
Meist belächelten sie ihn.
Er war – für sie -: Ein alter, verwirrter Mann.
Trotzdem wurde er vom Personal gebeten,
seine Äußerungen zu unterlassen.
Dann setzte er sich stumm in die Halle.
Und irgendwann ging es wieder los: „Wie kann man nur so ein verschissen
hässliches Kleid tragen? Vor allem, wenn
man solche Dellen in den Beinen hat!“
Er wurde höflich hinauskomplimentiert.
Das Personal mochte ihn. Er sorgte für
Stimmung. Und sie hatten Mitleid.
Ich kannte ihn nur vom Hörensagen.
Er kam ausschließlich vormittags ins Hotel, wenn
meine Nachtschicht längst vorbei war.
Ich sah nur, dass immer mehr Bücher in dem
Regal im Backoffice standen.
Niemand las sie. Niemand schaute hinein.
…………… Außer mir.
Allerdings kannte ich die meisten schon,
Klassiker aus allen Epochen.
Die Bücher waren voller Anmerkungen;
Die Anmerkungen waren hochintelligent, hochgebildet.
Unter die Widmung hatte er jeweils
geschrieben, was ihn mit dem Buch oder
dem Autor verband.
Manche der modernen Autoren hatte er persönlich
gekannt. Er war mit einem Bundespräsidenten
zusammen auf der Uni gewesen. Er
hatte mehrere Doktortitel der Geisteswissenschaften.
Es stimmte alles.
Ich habe es recherchiert.
Ich stelle mir gerne vor, wie ich
eines Tages irgendwo sitze &
die Menschen beschimpfe.
Und sie belächeln mich milde.
Schließlich kamen keine neuen Bücher mehr hinzu.
Ich nahm einige mit nach Hause.
Ich behielt sie. Es hatte ohnehin sonst niemand
Interesse daran. Ab & zu las ich die
Anmerkungen nochmals.
Aber eigentlich waren mir die Anmerkungen die liebsten,
die ich nur vom Hörensagen kannte. Irgendwie
waren auch sie Widmungen. Und er widmete sie
den richtigen Leuten. Und sie waren klar.
Wenn das Leben zum Refrain wird
öde Harmonien sich wiederholen
langweilige Melodien einen beleidigen
Wenn dumpfe Rhythmen, die
zum Mitklatschen reizen sollen
einen in den Wahnsinn trommeln
dann pfeife ich
ganz leise
für mich
die Dissonanzen
klopfe mit den Fingerspitzen
Synkopen
auf meinen Schläfen
& das Lachen
tief in meinem Innern
wird lauter
als jeder
Refrain
Immer wenn ich auf den Eingang des Pornokinos zuging, hatte ich das Gefühl, die Passanten beobachteten mich. Ich war jung, es war mir etwas peinlich. Einmal riefen mir 2 Typen meines Alters hinterher:
„Was willst du da? Das is für alte Männer, ey! Komm lieber mit uns!“ 2 Schwule, dachte ich, die noch einen 3. Mann suchen. Aber ich bin nicht Orson Welles.
Ich machte, dass ich die Treppe runterkam. Das Kino lag im Keller.
Tja, was wollte ich hier? Gute Frage. – Ich war der Filmvorführer. Damals wurden Pornos noch auf 35 mm gedreht & und handelten hauptsächlich von behaarten Menschen. Noch nicht einmal Video gab es; allenfalls hatten die Leute Super8-Projektoren zuhause & kurze dänische Filmchen.
Es war ein sehr großer, altmodischer Kinosaal mit uralten Klappsitzen; immer 2 zusammen, und dann kam ein Tischchen, auf dem es einen kleinen Abfalleimer & ein Päckchen Papiertaschentücher gab. Keine Platzanweiser. Es liefen immer 2 Filme im Wechsel. Zwischen den Filmen streifte sich die Frau, die ansonsten an der Kasse saß, einen Gummihandschuh über, schnappte sich eine Plastiktüte & die sogenannte Spermabürste. Ich zog das Licht ein bisschen hoch, und sie ging durch die Reihen, sammelte die vollgewichsten Tücher ein & strich, wo es nötig war, mit der Bürste über die Sitze. An der Kasse hing solange das Schild: Bitte warten! Bin gleich wieder da!
Ich fand es interessant, durch mein Fensterchen die Silhouetten der Leute zu beobachten, während neben mir der Projektor ordentlich Lärm machte. 2 alte Projektoren standen nebeneinander, man musste von Hand überblenden; aber immerhin passten hier Spulen drauf, die ca. 45 Minuten lang liefen, so dass man es während eines Films nur einmal machen musste. Ich hatte auch schon mit Projektoren gearbeitet, auf die nur 20min-Spulen passten.
Natürlich kamen hauptsächlich Männer mittleren Alters. Aber durchaus, vor allem abends, auch Pärchen. Ich sah die beiden Schattenköpfe im Gegenlicht des Films, und irgendwann verschwand dann immer der Kopf der Frau nach unten. In der letzten Reihe wurde manchmal auch gefickt, aber die konnte ich von meiner Warte aus nicht überblicken. Frauen, die alleine kamen, gab es nicht. Oder ich habe sie verpasst.
Gelegentlich machte ich mir den Spaß & setzte mich selber ins Kino. In eine Reihe, in der ein Paar saß. Dann holte ich meinen Schwanz raus, lies ihn ein bisschen in der unfrischen Luft stehen & freute mich, wenn die Frau ihn betrachtete. Ich war schon damals viel allein, wie man sieht. Den Männern, sofern sie es überhaupt mitbekamen, war das egal. Meistens holte ich mir dabei keinen runter. Des öfteren passierte es, dass sich sofort irgend ein älterer Herr neben mich setzte & anfing heftig zu wichsen. Dann packte ich schnell ein & verzog mich wieder in meinen Vorführraum. Ich war noch etwas zimperlich damals.
Man konnte solange in dem Kino bleiben, wie man wollte, und nicht wenige sahen sich die beiden Filme mehrmals an; verbrachten den halben Tag dort. Manche der Schattenköpfe waren sehr einsam….
Hin & wieder musste ich noch in 2 anderen Kinos einspringen, die demselben Eigentümer gehörten & und sich ein paar Straßen weiter befanden. Dort liefen normale Filme.
Wenn ich Pech hatte & zuviele Kollegen krank geworden waren, musste ich wie ein Sprinter zwischen den Kinos hin & her rennen, um rechtzeitig zur Überblendung am jeweils richtigen Ort zu sein. Irgendwie schaffte ich’s immer. Und meine Gebete, dass der Film im soeben vorführerlosen Kino nicht reissen möge, wurden auch erhört.
Dann hatte ich eine Idee. Wie wäre es, in einen der normalen Filme einen kleinen, passenden Pornomoment einzufügen? Nichts wäre leichter gewesen; schließlich musste man ständig an den Filmen herumschnippeln. Deshalb gab es damals so viele schlechte, holprige Kopien mit vielen Jumpcuts. Geliefert wurden die Filme immer in sogenannten Akten von 10 bis 15 Minuten; erst der Vorführer fügte sie zusammen. Wenn man allzu verkratzte Stellen herausschneiden wollte, steckte man dort einfach ein Stückchen Papier in die sich drehende Spule, um sie später wiederzufinden.
Mir schwebte zum Beispiel eine Restaurantszene in irgendeinem Beziehungsdrama vor. Das Paar sitzt am Tisch, ißt & diskutiert…. Es gab da diesen Porno (leider habe ich seinen Titel vergessen), wo ein Ober vor den Gästen auf einen Salat wichst. Das hätte man wunderbar einbauen können; zumindest den Cumshot in Großaufnahme. Dieser grandiose Film hatte auch eine Szene, wo eine Restaurantbesucherin in die Küche geht & dort in eine Rührschüssel pisst. Das hätte gut in einen Autorenfilm gepasst. Fand ich. Ich überlegte mir, wie weit ich FSK-technisch gehen könnte. Und was wohl am besten in einen Walt-Disney-Film passen würde.
Das Ganze hatte einen Haken: Ich brauchte den Job. Natürlich hätte ich auch mit dem Unterbewußtsein der Kinogänger experimentieren können. Es wäre möglich gewesen, nur wenige Frames einzufügen, so dass man sie nicht bewußt wahrgenommen hätte, wohl aber unbewußt. Ich stellte mir vor, dass der Familienvater sich morgens vielleicht wundern würde, warum er von einem spritzenden Schwanz geträumt hatte (Bin ich also doch schwul, wie Mutti immer gesagt hat?)
Ich fragte mich, wieviele Einzelbilder ich bei 24 Bildern pro Sekunde wohl würde nehmen müssen….
Was soll ich sagen, ich tat es nicht. Der Job war mir wichtiger. Ich blieb schön artig. Dort in meinem Kabuff bei den ratternden Projektoren. Ab & zu holte ich mir einen runter, und während die anderen wichsten, las ich den Ulysses.
Kurz bevor ich kündigte, hätte ich es noch tun können; aber vielleicht hätte man mir dann den Lohn gekürzt.
Und ich brauchte das Geld. Für Bücher, Essen & Alkohol.
Nachts wachte sie in ihrer Wohnung
im 3. Stock
Schwere Eisenfesseln an ihren Fußgelenken
an ihrem Hals
Die Ketten dieser Fesseln waren
im Nichts befestigt
Wer sie ihr angelegt hatte
wußte die junge Frau nicht
Das kleine verzweifelte verstörte
verängstigte Mädchen saß am
Schreibtisch & bastelte
Bastelte Handgranaten
Handgranaten aus Wörtern
Wunderschöne Zerstörer
wie nur dieses Mädchen sie
basteln konnte
einzigartig
Wenn das Mädchen fertig war
nahm die Frau die Handgranaten
löschte das Licht, öffnete das Fenster
& warf sie in die Nacht hinaus
Alles sollte zerstört werden
alles vernichtet zerrissen zerfetzt werden
Aber die Nacht war gleichgültig
die Granaten detonierten nicht
sie prallten ab an der Gleichgültigkeit
& blieben liegen
Schön & scheinbar nutzlos lagen sie
auf der Straße &
wenn der Morgen kam waren sie
zu Staub zerfallen. –
Ich ging durch die Straßen
es war Nacht
ein leichter Nieselregen fiel
Die Straßen waren nass
Laternenlicht schimmerte in Pfützen
Alles war still
kaum ein Fenster erleuchtet
Ich war ziellos wie immer
allein wie immer
atmete wie immer
verloren in Gedanken
wie immer
Die Luft war angenehm
Katzen waren unterwegs
Der Mond eine nehmende Sichel
(ab- oder zu- war mir egal)
In einer der Straßen war nur noch 1 Fenster
erleuchtet, ich sah es von weitem
fantasierte über eine glückliche Familie
die dort vielleicht noch zusammensaß
alle lachten & niemand fühlte sich
einsam
während ringsum alles schlief
Ich ging weiter
Der Regen wurde stärker
Das erleuchtete 4eck in der Häuserfront
wurde dunkel
Das Fenster ging auf
ich war nicht mehr weit entfernt
Etwas flog aus der finsteren Öffnung
wie der Ball eines Kindes
klein & dunkel & stumm fiel es durchs Laternenlicht
Wie ein schwerer Gegenstand blieb es
auf der Straße liegen
Der Aufprall machte kaum ein Geräusch
Sofort folgten weitere
Sie landeten überall
auf dem Bürgersteig
auf Autos
auf Müllcontainern
Sie hinterließen keine Spuren
Ich kam näher
Ich hatte keine Angst
Mir war alles egal
in dieser Nacht
wie in den meisten Nächten
Ich sah
dass die Gegenstände schön waren
Ich hätte sie nicht beschreiben können
Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen
Aber ich wußte
wie sie entstanden waren
Ich wußte
warum sie entstanden waren
Ich wußte
was sie bedeuteten
Ich wußte
was sie bezwecken sollten
Ich ging noch ein Stück weiter
& wurde getroffen
Mein Bauch wurde aufgerissen
Lärm tötete mein Gehör
In Zeitlupe flogen meine
Eingeweide durch die Luft
& klatschten auf die nassen Straßen
wie in einem Stummfilm
Noch stand ich
& schaute nach oben
während mein Blut den Asphalt färbte
Ich spürte keinen Schmerz
Aus dem Dunkel des 4ecks
erschien ein Gesicht im Licht der Straße
Das Gesicht einer jungen Frau
das zu dem Gesicht eines kleinen
verzweifelten verstörten verängstigen
Mädchens wurde
Erschrocken blickte es mir
in die Augen
Ich sah Leid & Mitleid &
Traurigkeit
Ich lächelte ihm zu Nicht schlimm, signalisierte ich ihm
signalisierte ich ihr
Nichts zurückhalten
Alles zugeben
Keine Imagepflege
Nichts beschönigen
Allen Dreck rauslassen
Keine Lügen
Nichts vorspiegeln
Keine Schauspielerei
Es ist unmöglich
unmöglich in dem was manche
das ‚wirkliche Leben’ nennen
Man würde verhungern Sie : würden einen ausstoßen
Es sei denn
da wäre
wenig zurückzuhalten
wenig zuzugeben
wenig zu beschönigen
wenig vorzuspiegeln
Vielleicht gibt es solche
nennen wir sie ‚Menschen’
Ich kenne sie nicht &
ich will sie auch nicht kennen
Verwelkte Schauspieler!
Vielleicht ist es nicht ganz unmöglich in der
nennen wir sie ‚Literatur’
Aber selbst da habe ich meine
Zweifel
Vielleicht weiß man nicht einmal selber
was ECHT an einem ist
Wahrscheinlich ist man Schauspieler
ohne es zu ahnen
ziemlich sicher sogar
Aber wenigstens sollte man
sich Mühe geben
mit den kleinen Splittern der
nennen wir sie’Wahrheit’
die man irgendwo in
irgendwelchen verstörenden Momenten
der Bewußtwerdung gefunden hat
wahllos um sich zu schießen
Amoklauf des Bewußtseins …..
Mögen die Splitter in den Images der glatten Langweiler
stecken bleiben!
Wir saßen in Southwark vor einem Bistro & warteten aufs Essen. Holztische; harte Bänke. Früher Abend, blauer Himmel, Wärme. Um uns englische Konversation.
„Wie alt bist du nochmal?“ fragte sie.
„49.“
Sie war 23.
„Also, mein Vater hat mit 49 nicht so ausgesehen. Jetzt isser 65.“
„Dann hat er wahrscheinlich gesund gelebt“, sagte ich. „Es gab Zeiten, da hat man mich auch 15 Jahre jünger geschätzt als ich tatsächlich war.“
„Na, die Zeiten sind vorbei.“
Ich musste lachen.
„Ich finds ok, wenn man sich im Aussehen Keith Richards annähert“, sagte ich.
Sie hatte ein Album der Stones dabei, dass sie sich ein paar Stunden zuvor auf dem Camden-Market gekauft hatte. Sie trug schwarze Shorts & ein Cradle-of-Filth-T-shirt; Springerstiefel.
„Immerhin bin ich noch da“, sagte ich. „Mit 20 hat mir mal ein Arzt gesagt, dass ich keine 30 würde, wenn ich mein Leben nicht ändere. Und damals habe ich noch vergleichsweise gesund gelebt.“
Sie trank einen Schluck Bier. Stellte das Glas auf das dunkle Holz zurück.
„Du solltest es nicht übertreiben“, sagte sie.
„Das Wort gibt es in meinem Wortschatz überhaupt nicht.“
Sie drehte sich noch eine Zigarette. Ich beobachtete sie gerne dabei. Ich mag es, wenn Frauen sich Zigaretten drehen; ich sehe so gern, wenn sie am Papier lecken. Gerade als sie damit fertig war, kam ein junger Typ an unseren Tisch & fragte sie, ob er sich auch eine drehen dürfe. Er sprach Englisch mit französischem Akzent. Sie reichte ihm Tabak & Papier. Er machte das sehr geschickt, sehr schnell. Das Lecken fand ich bei ihm weniger interessant. Schließlich zündete er die Zigarette mit ihrem Feuerzeug an, bedankte sich vielmals & ging weiter. Er war ungefähr in ihrem Alter gewesen.
Ich sagte: „Der hat bestimmt gedacht: Die sieht ihrem Vater aber gar nicht ähnlich.“
„Du meinst Großvater.“
„Arschloch.“ Lächelaugen. Wunderschön. Die Abendsonne.
„Aber sonst geht’s dir gut?“ fragte sie. „Ich meine, gesundheitlich. Im Ernst jetzt.“
„Wie einem Gänseblümchen. Wenn man älter wird, werden die Körperöffnungen, aus denen man nicht blutet, halt immer weniger.“
„Danke für die Info.“
Das Essen kam. Sie hatte einen riesigen Burger bestellt, der ihr am nächsten Morgen einen wunderbaren Durchfall bescherte. Ich bekam einen Berg von Nudeln. Sie rauchte & aß parallel.
Ich esse ungern in Gesellschaft. Was Leute am Essengehen finden, habe ich nie begriffen. In Gesellschaft esse ich extrem langsam. Ich bin immer der Letzte. Und Essensgeräusche hasse ich sowieso.
„Was machen wir nachher?“ fragte sie.
„Wir könnten nach Soho, ist ne nette Gegend; da war ich vor ein paar Jahren schon mal.“
„Und was gibt’s da?“
„Nutten, Drogendealer, Waffenhändler, Clubs, Schlägereien, Betrüger.“
Sie nahm einen Bissen von ihrem Burger. Einen großen Bissen. Was das Essen anging, machte sie keine Gefangenen. Dann wieder einen Zug aus der Zigarette.
„Klingt gut“, sagte sie. Manche dürfen in meiner Gegenwart mit vollem Mund sprechen. Sie durfte.
„Ich liebe solche Gegenden“, sagte ich. „Und im Gegensatz zur Reeperbahn stehen da nicht irgendwelche alten Kerle vor den Clubs, die einen zum Reingehen animieren wollen, sondern hübsche Frauen in kurzen Röcken.“
Sie lächelte. Sie stand auch auf Frauen. Mochte sie einen Tick lieber als Männer.
„Einmal hat mich da ein Schwarzer angesprochen & mir alles Mögliche angeboten. Alles an Drogen, Waffen, Menschenmaterial; schließlich noch Hunde, die aufs Ficken abgerichtet sind. Seh ich so aus?“
Sie betrachtete mich abschätzend.
„Na ja“, sagte sie grinsend.
„Pass auf, was du sagst.“
„Und? Was hast du dem geantwortet?“
„Not today, maybe tomorrow. Er hat sehr nett gelächelt & war sehr höflich. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, find ich’s seltsam, dass er keine Pferde im Angebot hatte. Oder Aale.“
„Der Abend ist gerettet“, sagte sie.
„Ich fürchte, deine Anwesenheit wird solche Straßenhändler abschrecken.“
„Wir werden sehen. Iss mal n bißchen schneller. Dein Teller wird ja immer voller, ich bin gleich fertig.“
Ich trank einen Schluck Rotwein & gab mir dann wieder mit dem Essen Mühe.
Ich hätte mir diese Reise selber nicht leisten können. Wir wohnten in einem 5-Sterne-Hotel. Ich hatte sie dafür bekommen, dass ich 20 Jahre lang einen Job durchgehalten hatte. Und sie war dort ein paar Jahre zuvor Azubi gewesen.
Es ging mir verdammt gut. Dies war ein perfekter Tag.
Und der späte Abend konnte sich auch sehen lassen.
Abgesehen vom Ende.
Aber das haben Enden so an sich.
Hier könnte eine Blogroll sein.
Wenn ich nicht so egozentrisch wäre.
Statistik
92.969 hits
"Ich wohne in meinem eignen Haus,
Hab´ niemandem nie nichts nachgemacht
Und - lachte noch jeden Meister aus,
Der nicht sich selber ausgelacht."
(Friedrich Nietzsche)
„Meine kleinen Gedichte
Kommen wie kleine Blumen mir vor,
Lauter winzige Wichte,
Aber zusammen doch ein Flor,
Und hervor
Aus dem Chor
Blicken Vergißmeinichte.“
(Friedrich Rückert)
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