Das alte Kino

Schon schwindet die Erinnerung.
In den Hörsturz. In das Ohrensausen. Bevor ich den Rest auch noch vergesse, versuche ich aufzuschreiben, was ich noch weiss. (Oder habe ich es gar nicht vergessen, sondern niemals gewusst ?)
Dunkelheit & später Abend. Einsame Straßen. Ein kleiner Ort. Ziellosigkeit, oder? Wie war ich hierher gekommen? Und warum? Vergessen. Ich ging an der Hauptstraße entlang, kleine Läden mit dunklen Schaufenstern. Wenige Laternen. Sommerliche Wärme.
Ein schmaler abschüssiger Weg führte vom Bürgersteig hinab zu einem Kino. Man bemerkte es kaum als solches. Keine Leuchtreklame; der Schaukasten war ebenfalls dunkel, ich erinnere mich nicht mehr an die Plakate, nicht mehr an die Aushangfotos. Aber es gab welche. Im Inneren des großen, alten Gebäudes brannte schwaches Licht; es war Zeit für die Spätvorstellung. Dachte ich, schätzte ich. Endlich irgendwo hinsetzen; ich ging hinein.
Alles sah nach den 50er oder frühen 60er Jahren aus; nichts schien jemals renoviert worden zu sein. Es roch alt. Und nach Staub. Und man sah niemanden. Die Kasse war unbesetzt. Auch hörte man nichts. Die Beleuchtung war ungemütlich. Der linke Flügel der Tür zum Kinosaal stand offen. Gleichmäßiges Flackern in der Öffnung; kein Ton. Ich bewegte mich darauf zu …
Der Saal (riesig – & hoch) war völlig leer – zumindest so weit ich ihn überschauen konnte, in dem schwachen Geflacker, das von der Leinwand & aus dem Vorführraum kam. Es lief: ein Countdown. Weisse Zahlen in einem weissen Kreis vor schwarzem Hintergrund. 983 …. 982 …. Nicht einmal eine Notbeleuchtung gab es.
(War das wirklich alles so – oder erinnere ich mich nur falsch? -)
Ich ließ die Tür hinter mir zufallen; sie machte keinerlei Geräusch. Ich ging ein paar Schritte den Mittelgang hinunter, suchte mir einen zentralen Platz. Unbequeme, cordbezogene Klappstühle aus dunklem Holz. Ich setzte mich. 874 …. 873 …. Ganz leise hörte ich nun doch das Surren des Projektors. Drehte mich um, schaute auf das kleine Fenster, durch das der Countdown geworfen wurde. Der Vorführraum war völlig abgedunkelt – so als gäbe es keinen Vorführer.
Und ich schaute wieder auf die Leinwand. 849 …. 848 ….
Was zur Hölle mache ich hier? All diese hochgeklappten Sitzflächen …. Die dunklen Ecken …. Ist dort vielleicht doch jemand? Und beobachtet mich? …. Aber ich spüre keinen Blick auf mir …. Habe ich sie noch in der Jackentasche? – Ja …. sie ist noch da …. & sie ist schwer …. & beruhigend ….
Die Zahlen hatten etwas Hypnotisches.
Bei 662 erschien eine Gestalt rechts in meinem Blickfeld. Zierlich. Lautlos. Soweit erkennbar, in Grau gekleidet; den Kopf in einer Kapuze verborgen, schritt sie den Seitengang hinab. Setzte sich mehrere Reihen unterhalb der meinen in den nächsten Sitzblock. Kopf in Richtung Leinwand.
Auch ich folgte weiter dem Heruntergezähle. Was, wenn der Countdown der eigentliche Film ist? Auf den nichts weiter folgt?…. Nichts als Dunkelheit…..
556 …. 555 ….
Zuhause wartete die Leere auf mich. Verhangene Fenster, Bücher, Filme, Musik. Wie weit war dieses Zuhause entfernt? Vergessen.
445 …. … …. … …. 442 ….
444 & 443 fehlten, stattdessen: 2 Sekunden absolute Finsternis. Und -: Die Gestalt saß woanders! – Zwar noch im selben Block, aber jetzt auf der gleichen Höhe wie ich. Wie kann sie in diesen 2 Sekunden der Finsternis…… Eine junge Frau, die auf die Leinwand blickte. Sie musste bemerken, dass ich sie beobachtete, aber sie schaute nicht zu mir herüber. Ein zartes Gesicht im Geflacker der Zahlen.
Ich wandte mich wieder dem Countdown zu. Ob sie jetzt zu mir herüber….? Habe nicht das Gefühl …. obwohl …. Würde ich es spüren?
Ich war hellwach. Merkwürdigerweise. Der einschläfernden Atmosphäre zum Trotz. SurrenSurrenSurrenSurren. Real. Reell. Reel. Surreal. 220 …. 219 …. SurrenSurrenSurren.
Blick nach oben: ein gewaltiger Kronleuchter. Erloschen.
14 & 13 fehlten.
Bei 12 saß sie direkt vor mir. Die Kapuze ragte in den Countdown. Ich erschrak nicht. Ich wunderte mich nicht. Ich neigte mich etwas vor, um sie vielleicht riechen zu können……
Die Null kam. Das hohle Ei im Kreis.
Dann:
Finsternis.
Lange. Lange.
Dann:
-13 ….
Sie saß links neben mir. Schaute mich an. Verletzliche Augen. Verletzte Augen. Geschichten. Gedichte. Ein vorsichtiges Lächeln. Flackern. Schüchternheit.
Plötzlich wurde es heller.
Wir schauten zur Leinwand. Der Film begann. Ohne Vorspann. Schwarzweiss.

Close up. Ein Mann (verwirrend ähnlich sah er mir) sitzt in einer Bar. (Nein, es war nicht ‚Casablanca’, aber es erinnerte daran…) Vor sich eine halbleervolle Flasche Whiskey, das gefüllte, auf dem Tisch stehende Glas mit beiden Händen umfassend. Er blickt in die Kamera. Blickt auf uns. Lange. Schweigend. Dann nimmt er einen Schluck. Klopft mit dem Glas 3 Mal auf die Tischplatte. Starrt weiter in den Kinosaal. Nichts ist zu hören. Die Bar scheint leer zu sein. Dann: zündet er sich eine Zigarre an, Ministreichholzexplosion, sein Gesicht hinterm Rauchvorhang. Er schüttelt das Flämmchen aus. Eine Stimme beginnt zu sprechen. Es muss seine sein, auch wenn er die Lippen nicht bewegt. –
„All diese Jahre. Oder waren es Jahrzehnte? Die Einsamkeit. Die unfassbare Einsamkeit. Die Selbstzerstörung. Die Betäubung. Die Taubheit.“
– – – Ein weiterer Schluck, ein weiterer Zug. – – –
„Und ich wette. Ich wette, ich wette, ich wette – sobald das Glück, oder wie immer man das nennen soll – an meiner Tür geklingelt hat, werde ich am Krebs verrecken. Oder an sonstwas. Ich werde verrecken an all dem, was die Einsamkeit mich tun lies.“ –
Er grinst in die Kamera.
Und eine Frauenstimme aus dem Off ruft: „Cut!“

Kurze Finsternis.
Dann:
-66 …. -67 ….
Wir schauten uns in die Augen. Stumm. Ängstlich. Lächelnd.
Nur kurz – & der Film begann von vorne.
„All diese Jahre …..“ – – – –
„Cut!“

Danach: keine Pause mehr. Der Film lief als Endlosschleife. Wir schauten nicht mehr hin.
Wie oft hörten wir die Sätze? Vergessen. Wir taten nichts außer uns anzusehen. Und Geschichten zu lesen.
Schließlich griff ich in meine Jackentasche. Schwer & beruhigend; der Revolver war ein Erbstück. Er hatte meinem Vater gehört. Ich wandte mich um, fixierte den linken Ellenbogen auf der harten Rückenlehne, spannte den Hahn, unterstützte mit der linken Hand die rechte, die den Revolver hielt. Sie schob ihre Hände in die Kapuze, um sich die Ohren zuzuhalten. Ich zielte. Auf das Fensterchen. Auf die Linse dahinter, aus welcher der Lichtkegel fiel. Staub tanzte im Geflacker.
Ich drückte ab.
Der Rückstoß, ich spürte ihn im Handgelenk. Der Knall, er schmerzte in meinen Ohren. Der Geruch des Schusses. Das Splittern des Glases. Die augenblickliche Finsternis. Der Projektor surrte weiter, aber ich hörte ihn nur noch dumpf – obwohl er nicht mehr durch die Glasscheibe gedämpft wurde. Pfeifen in meinen Ohren. Meine Stimme klang seltsam, als ich fragte:
„Alles ok?“
Keine Antwort.
Ich tastete in die Dunkelheit…… Nichts. Sie saß nicht mehr dort.
„Bist du noch da?!“ Ich sagte es laut. Vielleicht rief ich es sogar.
Keine Antwort.
Ich lehnte mich wieder an. Steckte den Revolver zurück in die Jackentasche. Spürte seine Wärme.
„Bist du noch da?“ Ich sagte es noch einige Male, während die Zeit ungezählt in der Finsternis verging.

Das ist es, was ich noch weiss. Es ist wenig. Der Revolver liegt neben mir auf dem Tisch. Zwischen der Whiskeyflasche & dem Aschenbecher. Meine Ohren pfeifen ohne Pause. Alle Musik klingt dumpf. Wenn jemand an der Tür klingeln würde – – würde ich es hören? Sicherlich.
Aber es klingelt ja niemand.
Und wenn, hätte ich wahrscheinlich Krebs.
Cut.


Die Uhr

Sei nicht der Schmerz, der vorübergeht –
Sei nicht das Glück, das vorübergeht –
Sei nicht das Lächeln, das vorübergeht –

Sie die Uhr, die
stehen bleibt!

Lautlos
in meiner Nähe.

Damit ich die Zeit
vergesse.


Denn man weiss ja

Noch bevor die Einsamkeit in
Zweisamkeit endet,
versuche ich,
mich an die Einsamkeit zu gewöhnen,
die nach der Zweisamkeit kommen wird.

Denn man weiss ja
nicht
nie.


Unsinn

Ich hoffe, Dein Schweigen
bedeutet Schlaf –
bedeutet, dass Du Dich über die Entfernung
hinwegträumst

Ich wünschte, auch ich könnte
schlafen –
schlafen & träumen & schweigen –

Da ich es aber nicht kann, laufe ich
durch die Räume & suche etwas, das ich
verloren habe –

Ich weiß, dass ich es hier nicht
werde finden können, aber
irgend etwas Unsinniges muss ich jetzt tun

Wärst Du hier, könntest Du
mir suchen helfen –
das wäre noch unsinniger; da Du
weißt, wo es ist –

Du weißt es – –
& Du sollst es
behalten

egal ob Du schläfst
träumst
schweigst

oder
wach bist


Markierungen

Die Jahre messe ich mittlerweile in Toden.
Hat SIE das noch miterlebt?
War ER schon tot, als dies geschah?
Nackte Zahlen begreife ich nicht wirklich;
die Zeiträume, die sie umschreiben,
erfasse ich nicht.
Aber die Tode machen mir die Zeit
begreifbar.
Markierungen aus Leichen.
Grabsteine.

Und dann
endlich
werde auch ich
– für ganz Wenige nur –
eine Markierung
in der Zeit.


Mir doch egal

Mir doch egal, wieviele Cocktails ich hatte –
Mir doch egal, wie besoffen ich bin –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –
Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –

Mir ist doch alles egal –
fast – – –

Sie hasst Regenschirme …
Ich liebe Regenschirme …

Sie liebt frische Luft …
Ich hasse frische Luft …

Sie mag keine Pferde, mag lieber Esel ….
Ich bin ein Esel, mag aber Pferde ….

Sie verschläft meinen Absturz,
dabei ist sie mein Fallschirm ….

Vielleicht bin ich ihr
zweites Kissen, das sie im Arm hält,
während sie schläft …..

So weit weg
von mir –

Mir doch egal, wenn ich mich lächerlich mache –
Mir doch egal, dass mir der Schmalz aus dem Hirn sickert –

Mir ist doch alles egal –

FAST.


Die Schwäche

Sie widert mich an. Oftmals. Meine Schwäche. Die Schwäche, die mich dazu treibt, meine hingeschnodderten Worte – in welch kleinem Rahmen auch immer – in die Öffentlichkeit zu schubsen. Der kleinste Rahmen ist mir zu groß. Eigentlich. Das Internet: zu groß. Schon die Möglichkeit, dass die Worte gelesen werden könnten, beeinflusst mich; bewusst & noch stärker unbewusst. Und ich will nicht beeinflusst werden. Von Nichts & Niemandem. Selbstverständlich ist das unmöglich – aber es wäre mein Idealzustand.
Diese verdammte Schwäche. Gier nach Feedback. Suche nach Anerkennung. Menschlich, na sicher! Aber trotzdem zum Kotzen.
Warum nur habe ich damit angefangen? Warum habe ich nicht weitergemacht wie früher? Schreiben – & das Geschriebene sofort wegschliessen. Geradezu schamhaft. Wenn jemand das laute Tippen der alten mechanischen Schreibmaschine hörte, war mir das peinlich; es war, als hörte mir jemand beim Wichsen zu. Denn Schreiben war Sex. Schreiben ist Sex. Selbstbefriedigung. Abspritzen auf Papier. Und das nicht nur wegen der Sublimierung. – Wehe, ich wurde darauf angesprochen! Ich fing an zu stammeln, wich aus, brach das Thema ab.
Was tue ich da eigentlich? Was schreibe ich da eigentlich? Was veröffentlicht wird, wird kategorisiert. Ich will nicht kategorisieren. Ich will nichts ‚Gedicht’ nennen, ich will nichts ‚Story’ nennen. Auch das finde ich peinlich. Aber ich tue es dennoch. Wie lächerlich!
Und dann passiert der Gau -: man bekommt Feedback! Man lernt auf virtuellem Wege reale Leser kennen. Und wenn es noch so wenige sind, und wenn es nur einer wäre – wie zur Hölle soll einen das nicht beeinflussen?! Falls ich mir morgen in die Hose scheisse, könnte ich dann noch darüber schreiben? Bin ich so unabhängig? Ist mir alles so egal, wie ich es gerne möchte?
Ich lebe so verborgen, so zurückgezogen, wie es überhaupt nur geht; ich bin so allein, wie es überhaupt nur geht – meine Worte sollten genau so allein, genau so verborgen bleiben. Aber nein. Man ist ja Mensch. Man kann so einsam sein, wie man will, oder wie das Leben es wollte – man bleibt dieses schwache Herdentier.
Widersprüche Widersprüche Widersprüche. Ich kann sie genau so wenig lösen wie irgend jemand sonst. Also werde ich vielleicht einfach so weitermachen ……
Oder alles wieder löschen? Alles vernichten? Verschwinden, so plötzlich, wie ich aufgetaucht bin? – Vielleicht.
Vielleicht werde ich mir morgen in die Hose scheissen, um zu überprüfen, wozu ich noch fähig bin.
Sofern ich jemals zu etwas fähig war.


Hier ist

Hier ist der
.

Über den hinaus
es
Nichts
mehr
zu sagen gibt.


Leberwurst vs. Käse

Da hatte man sich viele Stunden lang
mental auf Käse vorbereitet –
so sehr & so lange, dass man nur noch an
Käse denken konnte …..
Dann geht man an den Kühlschrank, und
der Käse ist ein pelziger Smaragd!

Aber die Leberwurst sieht noch ganz gut aus.
Auf den Käse hätte man Senf & Zwiebeln getan.
Also tut man Senf & Zwiebeln auf die Leberwurst –
in doppelter Menge.

Fast schmeckt man nur noch Senf & Zwiebeln.

Man vergisst den Käse, und der Appetit
wird befriedigt
von einer Sinnestäuschung.


Die Bratpfanne

Wahrscheinlich ist sie krebserregend –
die alte Bratpfanne in meiner Küche.
Wenn ja, habe ich sie dazu gemacht,
weil ich sie benutzt; weil ich
auf ihrer Beschichtung herumgekratzt habe.
Viele Verletzungen hat ihre Beschichtung,
sie ist aufgeraut & narbig.
Der Boden der Pfanne ist nicht mehr eben;
die Pfanne wackelt unsicher, wenn ich sie
auf die Herdplatte stelle.
Sollte ich sie deshalb wegschmeissen &
mir eine neue kaufen?
Eine neue kaufen, wie die meisten es wohl
schon vor Jahren getan hätten …..

Menschen können krebserregend sein –
was sie tun, was sie sagen …. es schlägt
einem auf den Magen – & vielleicht
bekommt man Magenkrebs davon – – –
Und wer hat die Menschen
krebserregend gemacht?
Kratzer …. Narben ….
Einerlei!
Man schmeisst sie nicht weg!

Die alte Pfanne ist heiss …..
Was auch immer ich gleich in sie hineintun werde,
es wird mir schmecken.

Ich werde die Gefahren verdrängen.

Denn ich habe Hunger.


Über dieses Thema

Über dieses Thema
gibt es nichts zu sagen &
nichts zu schreiben.

Es ist langweilig,
es ist belanglos.

Banal.

Über dieses Thema
gibt es nichts zu sagen &
nichts zu schreiben.


Das Alte Luder

Ich habe immer ein bisschen Angst, dass jemand
mir meine Einsamkeit verleiden könnte –
denn eigentlich mag ich die Einsamkeit, dies
Alte Luder, ganz gern.
Ich habe mich an sie gewöhnt, und
allzu hässlich ist sie auch nicht –
sie bedeutet mir Ruhe, Verlässlichkeit,
Gleichförmigkeit (die ich schätze) &
Freiheit.
Ich kann mir das Alte Luder schöndenken,
schönreden, schönschreiben, schönsaufen.
Oftmals.
Ich behaupte es zumindest. Mir gegenüber.
Und ich glaube mir.
Oftmals.
Ich habe auch schon Anderes zu dem Thema
geschrieben – & in 10 Minuten werde ich vielleicht
wieder etwas Anderes darüber schreiben.
Denn vielleicht
wird Diejenige, die mir die Einsamkeit verleiden könnte,
in 5 Minuten aufwachen -; vielleicht aber
will ich dann in 10 Minuten gar nicht mehr schreiben.
Und davor habe ich auch ein bisschen Angst.


Fehler

„Das ist mir völlig egal“, sagte sie.
„Stört Dich wirklich nicht?“ sagte ich.
„Doofi“, sagte sie &
küsste die Pickel auf meinem Rücken; und
in meinem Gesicht ….
„Überzeugt?“ fragte sie dann.
Ich grinste. Vermutlich ziemlich blöde.
Ich sagte: „Nur dumm, dass Du
keine Fehler hast, die ich küssen könnte.“
Sie grinste. Überhaupt nicht blöde.
Sie sagte: „Ich finde, mein Hintern ist zu dick.“
„Stimmt“, sagte ich, „eindeutig ein Fehler.“
Schwein gehabt!


Blinker

Wenn man allein auf der Straße fährt,
ist es völlig sinnlos, den Blinker zu setzen.

Niemand will wissen,
wohin man fährt.

Aber die Gewohnheit sitzt tief –
& man blinkt trotzdem.


Die Arktis

Je kälter die Atmosphäre, desto
schöner
ist der Rauch, der aus dem
Schornstein
wölkt ……

Früh morgens,
wenn es kaum hell ist…..

Ich bin nicht so kalt,
wie Du schön bist

Dein Rauch sieht aus,
als hätte ich -20 Grad….

Der Rauch, der
aus Deinem Mund kommt

Es sind Worte, die
schön sind

Vielleicht bin ich doch
die Arktis


5 Minuten früher

Das Leben ist so einfach zu verstehen:

Immer wenn man sich einen runtergeholt hat,
kommt die geilste Sau um die Ecke – &

man wünscht sich,
es wäre 5 Minuten früher.


Feuerlöscher vs. Flammenwerfer

Wo Du einen Feuerlöscher hast,
habe ich einen Flammenwerfer.

Wo Du einen Flammenwerfer hast,
habe ich einen Feuerlöscher.

Passen wir zusammen?

Oder löschen wir uns gegenseitig
aus?


Die Kachel

Da ist diese eine Kachel
poliert & glänzend

in dem Haus
in dem Du wohnst

Aber einst
in der Vergangenheit

saß auf dieser Kachel
eine widerliche Spinne
vor der Du Angst & Ekel hattest

Und niemals wieder
kann diese Kachel so
poliert & glänzend sein

dass Du
diese 1 Spinne
vergisst


Der Kopfschmerz

Niemand ist gerne
erkältet

Um sich nicht zu erkälten
stellt man den Kragen hoch

Man zittert dennoch
vielleicht

Vielleicht auch ist man
einfach nur verspannt

Aber da der Kragen hochgestellt ist
kann niemand einem den Nacken massieren

& die Folge ist
der Kopfschmerz


Das Ungeschehene

Irgendwann habe ich aufgehört,
das Ungeschehene zu bereuen –
zu bereuen, dass ich etwas
(vielleicht aus Angst, vielleicht
aus Bequemlichkeit)
nicht geschehen ließ.

Denn die Fantasie kennt keine Ernüchterung;
keine Routine; keine Langeweile ….

Was geschieht, ist immer in Gefahr,
Ritual zu werden –
und die schönste Erinnerung an das Geschehene
wird blasser.

Und wenn die Erinnerungen an das Geschehene
blasser werden,
gewinnen die Erinnerungen an das Ungeschehene
an Farbe.

Die gefahrlosen Liebschaften der Fantasie
lachen über
die gefährlichen Liebschaften der Realität.

Irgendwann habe ich aufgehört,
das Ungeschehene zu bereuen.
Irgendwann sagte ich mir,
dass es so sei.

Und ich glaubte es mir.


Das hat bestimmt schon jemand geschrieben

2 Menschen, die immer in dieselbe Richtung schauen,
werden niemals sich in die Augen blicken, niemals sich
küssen können.

Sie müssen in entgegengesetzte Richtungen schauen.

[Das ist so simpel, dass es bestimmt
schon jemand geschrieben hat;
aber vielleicht auch nicht –
eben weil es so simpel ist….]


Vergessene Filme

Vor allem früher
passierte es mir des öfteren, dass ich
– über viele Jahre hinweg –
von einem älteren Film dachte:
Den muss ich unbedingt endlich mal sehen;
der muss großartig sein!

Dann sah ich ihn & stellte fest:
Ich kannte ihn bereits!

Der Wunsch & die Erinnerung an den Wunsch,
den Film zu sehen,
waren stärker gewesen als die Erinnerung an die
Erfüllung des Wunsches – –

Und jedes Mal fragte ich mich:
Lag es an dem Film
oder
lag es an mir?

Und vor allem:
passierte mir das nur
mit Filmen?


Pfützen

Als Kind springt man in jede Pfütze

Als Erwachsener befürchtet man unter jeder Pfütze
einen Abgrund

Als Kind denkt man nicht an Abgründe

Als Erwachsener kennt man sie
& sieht sie auch, wo sie nicht sind

Als Kind springt man in jede Pfütze

Als Erwachsener ist man manchmal einfach
zu blöde

vor lauter Denken


Das rote Karussell

Nur noch Bilder,
zusammenhangslos,
keine Gedanken mehr.
Keine Gefühle mehr.
Nur noch Be-Schreibungen.
Nicht mehr denken.
Nichts mehr aussagen.
Nur noch Bilder.
Und Beschreibungen.

Die Olive furzt in meinen Martini – 1 Luftblase
steigt auf.

Der Käse hat heute 2 Schimmelflecken mehr
als gestern.

Ich werfe 1 Schatten.

1 toter Nachtfalter in der Badewanne.

Staub auf Schreibmaschinen.

Kondenstropfen am Glas.

Ein zugesponnener Bücherstapel auf der Kellertreppe.

Gehen, ein Fuß wird vor den anderen gesetzt, der Kühlschrank wird geöffnet, es wird nachgeschenkt, Flüssigkeit macht ein Geräusch, vorbeigehen am Fernseher, eine Frau zieht sich auf dem Bildschirm aus, Musik erzeugt Schallwellen

Tod einer Glühlampe.

Das Fenster ist schmutzig.

Draußen ist Nebel.

Das rote Karussell dreht sich schnell – – – –

FEHLSCHLAG: Das rote Karussell erweckt Gedanken –
erweckt Gefühle —

& 1 weitere Olive
furzt in meinen Martini.


Es ist eine Frage

Es ist
eine Frage der Einstellung
eine Frage der Philosophie
eine Frage der Stimmung
eine Frage des Sehens
eine Frage der Farbenlehre
eine Frage der Fantasie
eine Frage des Gefühls

:

Grün ist die Hoffnung

oder

Grün ist der Schimmel


Das Fernrohr

In dem Haus ohne Fenster
schenkte mir der Zufall
(er nannte sich Schicksal)
ein Fernrohr.

Der Zufall war bereit,
höhnisch zu lachen.

Aber ich lächelte,
als ich das Fernrohr entgegennahm.

Endlich
konnte ich die Wände
genauer betrachten.


Wiederkehrender Traum

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus ins nächste ….
Immer wieder ziehe ich in meinen Träumen um ….
& von Mal zu Mal wird das Haus seltsamer ….
Immer größer – immer verwinkelter –
& schöner – doch auch immer stärker
verfallen – mit stetig sich verändernden Fluren ….
mit Zimmern, die ich aus der Realität kenne,
& Zimmern, die es in der Realität nicht geben kann ….
Wendeltreppen führen aufwärts in Räume ohne Dach
& abwärts in Keller voller Bücherregale ….
Wasser tropft von Decken, Ungeziefer wirft schnelle Schatten ….
& jederzeit kann man überraschend auf Menschen treffen,
Mischwesen aus der Vergangenheit, von denen man
nach dem Erwachen nicht sicher weiß, aus welchen
Wirklichkeiten sie zusammengesetzt waren ….

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus ins nächste ….
Immer wieder ….
Wieder ….
Träume : voll von abwesender Einsamkeit,
Sex & Zärtlichkeit; bevölkert von Toten in ihren
unterschiedlichen Lebensaltern – (& ich weiss, dass
sie tot waren – & es jetzt nicht mehr sind …. &
ich frage sie, wie sie zurückgefunden haben …. &
sie wissen es selber nicht – – – & manchmal
wünsche ich mir, dass sie erneut sterben mögen ….

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus in ein Schloss ….
Netze in allen Winkeln …. Mondlicht in Pfützen aus
Rattenpisse …. riesige Spülbecken voll von verdrecktem
Geschirr & in einem der Räume unzählige Kerzen
& eine Matratze – – die nackte Frau darauf, wer ist Sie?
Oh ja, ich weiss: Sie ist es! Vielleicht auch:

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Schloss zum andern ….
Wer ist Sie?
Sie ist eine andere!
& wenn ich beim Kuss die Augen schließe,
verwandelt Sie sich – & wenn ich die Augen öffne,
weiss ich wieder, wer Sie ist ….

& wenn ich erwache (in dem Haus meiner Realität, das
ich kaum wiedererkenne), frage ich mich:
Wer war Sie?

& habe keine Antwort
& möchte sofort wieder einschlafen

für immer

für immer


Mein Bildungsauftrag

Die Azubine & der Azubi,
beide rund 30 Jahre jünger als ich,
stehen an der Hotelrezeption, wo ich
vor mich hin gammle ….
Sie fragt: „Wo arbeitest Du eigentlich sonst noch?“
Ich: „Sonst noch? – Nirgends.“
Er: „Aber Du bist doch nur 2 Tage hier.“
Ich: „Und? Ich brauche Freizeit.“
Er (grinsend): „Aber – wie geht das denn?
Finanziell, meine ich…“
Ich: „Zu Hause bleiben & wenig Geld ausgeben.“
Sie: „Ist das denn nicht langweilig?“
Ich: lache!
Sie: „Und was machst Du die ganze Zeit?“
Ich: „Nichts.“

Ich habe meinen Bildungsauftrag erfüllt.


Fernlicht im Nebel

Irgend etwas habe ich da im Nebel gefunden.
Im dichten Nebel.
Fast blind & nur langsam vorwärtskommend.
Einen Gedanken, glaube ich;
meine Sicht auf so Manches
im Leben –

: Man kann nicht weiter blicken, wenn man
im dichten Nebel das Fernlicht einschaltet;
man kann nicht besser erkennen, wohin man fährt.
Es ist völlig nutzlos – (wahrscheinlich) sinnlos – aber
es ist schön. Und der Nebel
ist schöner, wenn man ihn im
Schein des Fernlichts
betrachtet.


Ränder, Löcher & Rahmen

{ Das Schnapsglas hat einen Rand hinterlassen ….
Der Rand hat Form & Größe des Lochs in meiner Socke ….
[ heute noch meine rechte Socke, morgen vielleicht schon meine linke )
Ich besitze einen Bilderrahmen, der dieselbe Größe, die gleiche Form hat ….
( er liegt eingeschweisst & unbenutzt in einer leeren Schublade ]
Ich bin verwirrt …..
ergibt das einen Sinn?
Nein!
Ist es eine Verschwörung?
Vielleicht…..
Kann ich meinen Rand halten?
Nein!
Falle ich aus dem Rahmen?
Nein!
Brauche ich ein Loch?
Vielleicht…..
Ist mir alles egal?
Schon möglich…..
Ich starre auf Ränder, Löcher & Rahmen –
was sehe ich darin – – – ? – :
Nichts
( vielleicht – – – – – ]
Vielleicht auch:
meine Welt }


Ablenkung

Und immer denke ich :
von meinen besten Gedanken wurde ich
abgelenkt –

Abgelenkt
durch eine Melodie, die mir dazwischen kam

Abgelenkt
durch ein Bild, das ich plötzlich sah

Abgelenkt
durch eine Erinnerung, die erwachte

Abgelenkt
durch nackte Schenkel, die mich geil machten

Abgelenkt
durch eine Motte, die auf dem Bildschirm landete

Abgelenkt
durch Deine Worte, die ich nicht erwartet hatte

Und immer denke ich :
ich wurde abgelenkt von meinen besten Gedanken

Abgelenkt
durch etwas, das

wichtiger ist
als meine besten Gedanken


Ich habe mein Bestes verflucht

Ich habe mein Bestes verflucht
Mein Bestes warst Du

Ich habe meinen Fluch widerrufen
als ich Deinen Rücken sah

Deinen Arsch
der sich entfernte

Nachdem Du gesagt hattest:
„Du kannst mich am Arsch lecken!“

Zu spät – zu spät – zu spät –
Ich habe mein Bestes verflucht

aber vielleicht nicht
versucht


Der Gartenteich

In meinem Gartenteich schwimmen Groupies.
Oder wie heißen diese billigen Viecher nochmal, diese
lebendgebärenden Zahnkarpfen?
Egal!
Sie schwimmen unter einem grünen Teppich –
vermute ich (ich habe sie noch nie gesehen, sie
sind Fische meiner Fantasie) – sie schwimmen unter
dem Schwimmenden Teppich, denn
der Teich ist umgekippt; wie ich
so oft. In 1000 & einer Nacht.
Ich schütte Gift in den Teich
aus einer Anstaltspackung!
Der Garten ist ummauert & verwildert –
ein Märchengarten, ein Märchenteppich &

soeben bemerke ich :
ich habe gar keinen Teich!

Ich werde
meine Leichen woanders
bestatten müssen.

Und so laut lachen, dass
die Oberflächen nichtexistierender Teiche
Wellen schlagen.