Die Politesse

Die Parkuhr war natürlich längst abgelaufen.
Als ich, mit meinem Buch unterm Arm, um die
Ecke bog, sah ich bereits von weitem
die Frau in der blauen Uniform. Sie stand
auf der anderen Straßenseite
bei meinem Wagen.
Die Sonne schien.
Auf die blaue Uniform.
Ich ging. Langsam.
Überquerte die Straße.
Lang. Sam.
Die Frau begann,
in ihren Block zu kritzeln.
Ich ging. Noch immer langsam.
Dann stand ich vor ihr.
»Da bin ich wohl etwas zu spät«,
sagte ich.
Sie blickte auf von ihrem Block;
ihr Blick schien mich abzuschätzen –
abzuschätzen, was sie zu erwarten hatte …
von mir.
»Ja«, sagte sie. »Etwas.«
Die Uniform stand ihr gut.
»Das Buch war zu interessant«, sagte ich.
Sie schaute kurz darauf; auf den
Kopfschnitt unter meinem Arm. »Hab dann wohl
ein paar Minuten zu lange im Park gesessen.«
Die Frau lächelte leicht.
»Jetzt hab ich’s schon aufgeschrieben«, sagte
sie. Sie zeigte mir ihren Block. »Die Seiten
sind durchnummeriert; da kann ich nichts
mehr machen.«
»Tja«, sagte ich, »dann hab ich wohl Pech gehabt.«
»Warum haben Sie nicht sofort gerufen? Wenn
Sie im Park waren, müssen Sie mich doch schon da unten
gesehen haben.«
»Es ist nicht meine Art, auf der Straße herumzubrüllen«,
sagte ich.
Sie lächelte.
»Tut mir leid«, sagte sie.
»Was soll’s.«
Sie riss das Ticket ab & drückte es mir in die Hand.
Ich öffnete die Wagentür.
»Na denn«, sagte ich, »ich wünsche Ihnen noch
einen wunderschönen Tag.«
Da war keinerlei Ironie in meiner Stimme.
Kurzes Zögern.
»Danke«, sagte sie, »ich Ihnen auch.«
Ich legte Buch & Strafzettel auf den
Beifahrersitz & startete den Wagen.
Setzte zurück, fuhr los.
Ich drehte die Musik etwas lauter.
Ich hatte Gute Laune. Es war
ein warmer Tag. Ich ließ
das Seitenfenster herunter &
stellte mir vor, dass die Frau
sich nach Feierabend noch an mich
erinnern würde. Vielleicht wie an einen
Freak. Man weiß ja, was Politessen
normalerweise zu hören kriegen.
Die Uniform hatte ihr wirklich
gut gestanden.
Und der Gesichtsausdruck, als ich ihr
einen wunderschönen Tag gewünscht hatte
– überrascht, fast ungläubig –
war das Geld
wert.


Merkwürdige Wahrnehmung

»Wahrnehmung« – was für ein
merkwürdiges Wort – –

Wann nehme ich etwas wahr, und
was bedeutet das?
Sehen? Erkenntnis?
Wann sehe & erkenne ich etwas
richtig?

Wenn ich es zum ersten Mal sehe,
beleuchtet vom Reiz des Neuen?
Wenn ich mich an seinen Anblick
gewöhnt habe?
Wenn ich mich sattgesehen habe?
Wenn ich den Anblick nicht mehr
ertragen kann?

Was ist wahr an der Wahrnehmung, wenn
man diesen Begriff in jeder dieser Phasen
anwenden kann?
Und was nehme ich, wenn ich etwas
wahrnehme?

Ich habe hier nur Fragen, keine
Antworten.

Und wenn doch, gebe ich sie nicht.
Denn sie sind nur für mich.

Sie gelten nur für mein
Sehen –
meine Erkenntis –
meine Wahrnehmung.
Sie sind wahr
nur für mich.

Relative Wahrheiten.

So
wie immer.

Das Glas, durch das ich schaue,
mag aus Fabrikfertigung stammen –
millionen- oder milliardenfach vervielfältigt …..
Und doch:

Es ist nicht dasselbe wie
all
die
anderen.
So
wie jedes dieser anderen
nicht dasselbe ist
wie jedes einzelne
aller
anderen oder
meines.

Es ist
nur
das
gleiche.

Und vielleicht ist die
»Wahrnehmung«,
merkwürdig –

nur für mich.

Und damit
komme ich zu dem Wort
»merkwürdig« …..

vielleicht
morgen


Rechtzeitiger Rückzug

Durch rechtzeitigen Rückzug kann man sich
unvergesslich machen.
Ein Objekt andauernder Begierde,
ein Objekt unendlicher Sehnsucht.

Ohne diesen Rückzug wäre man vielleicht
nach 3 Tagen vergessen gewesen.
Ein Objekt der Verachtung,
ein Objekt der Lächerlichkeit.

Aber so ist es
schließlich
immer :

Auf den Zeitpunkt
kommt es
an.


Auf dem Spielplatz

Als Kind spielt man mit Sand
Sand der später einmal ins Getriebe kommen könnte
Man spielt mit Formen
in die man den Sand füllt
Bildet sich ein der Sand wäre etwas anderes
Wäre essbar
wäre wohlschmeckend
& liebt die Form
in die man ihn gebracht hat
Man klettert nach oben & rutscht
in die Tiefe &
freut sich darüber
Man dreht sich im Kreis
Man wippt mit jemand anderem
Ist der andere unten ist man selber oben
Ist der andere oben ist man selber unten
Eng sind die Grenzen des Spielplatzes
Doch man sieht es nicht so
als Kind
Für den Augenblick ist
der Spielplatz die Welt
Und hin & wieder
scheißt ein Hund
in den
Sand


Menschen, die in Burgen tanzen

Menschen, die in Burgen tanzen,
hinter
dicken Mauern.
Ich kenne den Reim darauf,
doch ich lasse ihn weg.
Das Leben reimt sich nicht.

Menschen, die in Burgen tanzen,
sie schleppen die Mauern mit sich.
Sie behaupten, nicht
tanzen zu können – dabei
wollen sie nur nicht
erkannt werden.

In ihrem Innersten.

Menschen, die in Burgen tanzen,
vielleicht ist ihr
Taktgefühl
zu ausgeprägt.
Und sie wollen es sich nicht
anmerken lassen.

Menschen, die in Burgen tanzen,
sie fühlen sich beobachtet vom
Unbeobachtetsein.
Sie verschanzen &
verschließen sich mit
Notenschlüsseln.

Schlösser rosten ein.

Menschen, die in Burgen tanzen –
so viele Burgen, so viele Menschen.

Und in jeder Burg
ein Verließ.


Panzerglas

Immer wieder treffe ich auf Frauen, die
so zerbrechlich wirken
wie ein hauchdünnes Glas.
Wie ein Glas, das sofort
zerbricht, wenn man es
zu fest umfasst, und das
Splitter
in die zärtlichsten Hände treibt.

In Wirklichkeit
sind sie
1000 Mal
härter als ich.

Panzerglas.

Eher würden
die Knochen in meinen Händen
brechen
als
ein solches
Glas.

Aber das ist
okay.

Ich möchte nicht
härter sein.

Die Erfahrungen &
der Schmerz
sind gut für
irgend
etwas.

Man kann jammern
&
sich besaufen,
man kann sich erinnern
&
Schlüsse ziehen.

Man kann
noch traurigere Musik hören
&
starren
auf Gläser

&
raten,
was wohl

darin

sein

mag.


Mengenlehre

Kreise auf einer schwarzen Tafel.

Da ist die eine Gruppe von Menschen, die
immer an die Richtigen geraten.
Und da ist die andere Gruppe von Menschen, die
immer an die Falschen geraten.

Keine Schnittmenge.

Dann gibt es die Gruppe derer,
die mal an die Falschen, mal an die
Richtigen geraten.

Der größte Kreis auf der Tafel?

Schließlich ist da diese andere Gruppe:
Die Menge der Einsamen.
Sie werden geschnitten, und
sie schneiden.
Und sie schneiden sich
gegenseitig.
Und sie schneiden
sich selbst.
Sie schneiden Wege ab.
Manche kommen aus einer der
anderen Gruppen;
andere waren niemals
in einer Gruppe.

Allein & vereinzelt
in der Menge,
gehen sie in ihrem
Kreis.
Auf einer schwarzen Tafel.
Und sie
starren
in die

Leere.


Es

Es
ist
gleich
gültig
ob
das
was
ich
in
jemandem
oder
etwas
sehe
wirklich
existiert

Denn
wenn
ich
es
sehe
existiert
es
in
mir

Und
so
lange
ich
existiere

ist

es


Selbstbildnis

Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.
Er wollte sich sehen, wie
ein Fremder ihn sehen würde.
Um sich zu erkennen.
Vielleicht.
Der Raum hinter ihm war
beinahe dunkel;
die Lampe über dem Spiegel
schwach.
Fremd, dachte er.
Fremd.
Er suchte, die Verbindung
zu seinem Abbild zu
durchtrennen.
Glaubte,
für einen Sekundenbruchteil,
dass es ihm gelungen sei –
nur um im nächsten Augenblick
zu glauben,
dass er sich geirrt habe.
Doch er war sich nicht sicher.
Fremd wie ein neuer
Gedanke;
fremd wie ein neues
Gefühl.

Aus dem dunklen Hintergrund
löste sich eine noch dunklere
Gestalt ….
Wie ein Scherenschnitt.
Eine schlanke Silhouette, gehüllt
in Unkenntlichkeit; das
Gesicht
verborgen hinter schwarzem Stoff,
straff gespannt.
Die Figur kam ihm bekannt vor.
Lautlos wurde sie ein immer größerer
Teil des Spiegelbildes.
In der Hand
– war es die linke, war es die rechte?, er
wusste es nicht –
trug sie etwas, das er für ein chirurgisches
Instrument hielt.
Es wirkte schwer.
Er wandte sich um, schaute
in den Raum.
Der Raum war
leer.
Er hörte ein Splittern,
wandte sich wieder dem Spiegel zu.
– –
Die Gestalt war fort.
Der Sprung im Spiegel befand sich
fast in der Mitte –
eine Narbe, die wie ein
schräger Blitz
sein Spiegelbild
gezeichnet hatte.
Er starrte in den Spiegel.
Lange.
Lange.

Da war es :

Sein Selbstbildnis!

Sein Selbstbildnis,
das ihm
irgendwie

fremd war.


Falsche Gläser

Bier trinke ich am liebsten
aus einem Weinglas.

Wein trinke ich am liebsten
aus einem Wasserglas.

Schnaps trinke ich am liebsten
aus einem Bierglas.

Wasser trinke ich am liebsten
selten.

Alles schmeckt mir besser, wenn
es dort ist, wo es nicht
hingehört.

Eigentlich.

Denn das erinnert mich …..


Vampir mit Knoblauchsucht

Wäre ich ein Vampir,
so wäre ich bestimmt süchtig nach
Knoblauch.

Viel mehr gibt es
über mich eigentlich nicht
zu sagen.

Außer vielleicht:
dass ich nur ein Mensch bin.

Und Knoblauch mag.

Und suche.


Je länger der Stiel

Je länger der Stiel
des Glases, und
je weiter unten
man ihn anfasst,
desto weniger
wird
die Temperatur
des Getränks
von der
eigenen Körpertemperatur
beeinflusst.

Aber
man denkt
nicht
immer
daran.

Und
vergreift
sich
ab
&
an.


Sie oder Du

Und dann liegst Du auf Deinem
Sterbebett,
und der letzte Mensch, den Du
siehst,
siezt Dich –
& es bleibt keine Zeit,
ihm das
Du
anzubieten.


Nur Geduld

Letztlich ist es egal, ob da
ein einzelner Wassertropfen ist, oder
ein Glas Wasser, oder
eine Flasche Wasser.

Oder etwas Größeres.

Bakterien sind
irgendwann
überall.

Mikroben.

Ihre Ausbreitung hat
auch etwas mit
Zeit
zu tun.

Nur Geduld.


Kontraste

Ich liebe die Kontraste.
Zum Beispiel:
Wenn eine Frau in Hotpants
ein hochgeschlossenes Oberteil
mit langen Ärmeln
trägt.


A Muse ment

Ich verstehe es ja, wenn eine Frau
(oder ein Mann)
keine Muse sein möchte.
So lange alles gut läuft, ist es
– vielleicht –
ganz schön & amüsant.
Aber wehe, es kommt Sand
ins Getriebe der Beziehung.
(Sofern es überhaupt je eine
Beziehung war – nicht einmal das ist
nötig. Eine Illusion reicht völlig.)
Dann bekommt sie (er) etwas zu
sehen oder zu hören oder zu lesen,
was verletztend sein dürfte.
Sehr verletzend.
Narben sind vorprogrammiert.
Muse muss ein beschissener Job sein.
Und ich wünsche niemandem
einen beschissenen Job.

(Na ja – »niemandem« ist jetzt
– vielleicht –
auch wieder übertrieben.)


Nachahmung

Natürlich lernt man durch
Nachahmung.

Die Frage ist nur,
was?

Als Kind war ich fasziniert davon,
dass meine Großeltern beim Abendbrot,
wenn die belegten Scheiben vor ihnen
auf dem Brett lagen,
die Rinden des Brotes in kleinen Abständen
mit der Messerspitze einritzten. –
Ich hatte keine Ahnung, warum sie es taten;
aber ich tat es auch – eine Zeitlang.

Vor dem Spiegel spielte ich Fernsehserien nach,
die mit dem Leben nichts zu tun hatten.

Als Jugendlicher – wenn mich ein Buch
fasziniert hatte – setzte ich mich sofort hin &
schrieb irgend etwas & kopierte dabei
nahezu exakt den Stil des Autors.
Inhalt interessierte mich nicht.

All das war leicht
gewesen.

Schwierig wurde es erst, als ich
als Erwachsener
versuchen sollte, ein
normales Leben, einen
normalen Lebenslauf
nachzuahmen.

Es gelang mir nicht.
Es gelingt mir nicht.

Und genau genommen, bin ich
froh darüber.

Schließlich habe ich irgendwann begriffen,
dass meine Großeltern
Dritte Zähne hatten &
nur deshalb die Brotrinden
einritzten.

Ich hatte & habe keine
Zahnprothese,
also was soll der Scheiß?

Stil ist mir immer noch
das Wichtigste, aber
ich hoffe, dass es mittlerweile
mein eigener ist, in dem ich
schreibe.

Und den Tod kriege ich auch hin,
ohne ihn nachzuahmen.


Anleitung zum Selbstmord

Ich möchte
die Anleitung zum Selbstmord
in so
humorvolle Worte
fassen
dass man
vergisst
warum man sich eigentlich
umbringen
wollte.

(Tun kann man’s dann
ja immer noch.)


Wer will das schon?!

Wenn man die Rolleaus zu weit
nach oben zieht,
kann es passieren, dass
man sie nicht mehr
runter bekommt.

Sie hängen fest in ihrem
Kasten.

Und man wird
geblendet
von der Sonne
da draußen.

Und wer
will das schon?


Kettensägenmassaker

Wenn ich
Ketten säge,
die meinen Hals einschnüren &
mich zu ersticken drohen,
fallen
manchmal
Perlen auf den Boden.

Und auf denen
rutsche ich dann

Aus.


Die Treppe hinter der Sofalehne

Damals als
man als Kind noch hinter der Sofalehne
lächelnd eine
imaginierte Treppe hinunterstieg
& sich über das Lächeln der Zuschauer freute

Damals
hatte man vielleicht bereits
die Richtung im Blut
die das Leben einmal nehmen würde

Und vielleicht ahnte man schon
ohne es zu wissen
dass das Lächeln
irgendwann
zu einem Grinsen
werden würde


Die Antwort

N.
E.
I.
N.


Der Eintopf in der Gemeinschaftsküche

Da ist dieser Eintopf in der
Gemeinschaftsküche

Wenn man Glück hat
ist man die eine
einsame
Bohne
die den
lautesten
Furz
verursacht.


Hässliche Unterwäsche

Es gibt Menschen, die sind
schön,
sogar in hässlicher Unterwäsche.

Aber die Voraussetzung dafür ist,
dass
sie es nicht wissen.


Der Busfahrer

Immer wieder traurig, wenn
ein Busfahrer einem die Helden der
eigenen Jugend madig macht &
sie von dem Thron stößt, auf dem diese
jahrzehntelang gesessen hatten.
Besonders traurig, wenn diese Helden
den Soundtrack für die wichtigsten Momente
deines Lebens geliefert haben.
Da stand also dieser Fahrer des Tourbusses
vor mir an der Hotelrezeption & machte
mir, dem Nachtportier, gegenüber seinem
Herzen Luft.
»Der Typ ist echt ein Psychopath. Der
nervt alle. Sitzt während der ganzen Zeit
immer vorne neben mir & klugscheißt
ohne Ende. Hat natürlich immer schon
alles gelesen über die Orte, durch die wir
kommen. Und er weiß immer alles besser;
wo man langfahren muss und so. Zum
Kotzen. Und dann dieses bescheuerte
Toupet, dass der trägt. Ein einziges Mal
während der Tour hat er’s abgenommen;
da sah er zwar halbwegs vernünftig aus,
aber man konnte sehen, dass er Hautkrebs hat.
Glaub ich zumindest. Ich hab ja schon
viele Amis gefahren, aber der ist echt der
Gipfel.«
In dem Ton ging es ungefähr eine halbe Stunde.
Ich fühlte mich wirklich mies.
Ich hatte sämtliche Platten von dem Menschen zuhause.
Sämtliche Filme, in denen er mitgespielt hatte;
neben Leuten wie Jack Nicholson, Orson Welles
& Anthony Perkins.
Die Liebe meines Lebens war untrennbar mit
dieser Musik verbunden.
Es ist nicht immer ein Busfahrer, der
einem zeigt, wo auch nur mit Wasser gekocht wird.
Aber irgend jemand findet sich fast immer.
Ich versuchte, das Gerede
nicht überzubewerten.
Und doch –
ich konnte es auch nicht vergessen, als ich
im Konzertsaal saß
& applaudierte.
Aber immerhin –
ich hatte eine
Freikarte.


Zu oft

Wenn ich ein Musikstück, das ich mag,
zu oft höre,
kann es passieren, dass ich anfange,
es zu analysieren.
Und wenn ich Pech habe,
finde ich heraus,
wie dieses Stück funktioniert,
und welche kompositorischen Tricks
mein Unterbewußtsein besonders
angesprochen haben.
Und schon schwindet der Zauber;
schon wird die Gänsehaut geglättet.
Zumindest ein wenig.
Und es gibt keinen Weg zurück in
den unbewußten Zustand des Hörens.
(Allenfalls im Vollrausch.)
Tragisch, wenn es ein Lieblingslied war.
Noch tragischer, wenn es einem
mit Menschen ähnlich geht.


Vielleicht nur ein Komma

Man wird geboren als
Nacherzählung
einer uralten Geschichte.

Unzählige Male
wurde sie erzählt.

An das Original kann sich
niemand mehr
erinnern.

In diese Nacherzählung
muss man

Ein Zeichen setzen.

Vielleicht nur
ein Komma.

Nur dann ist man
vielleicht
selber
so etwas wie

ein

Original.


Summende Agonie

An manchen Tagen wäre ich gerne
der Herr der Fliegen.

Aber ich bin nur
ein Fliegenfänger.

Ein klebriges Stück Papier,
das irgendwo herumhängt.

Und irgendwann ist das Papier selber
nicht mehr zu erkennen.

Versteckt hinter schwarzen Leibern.
Belebt vom Sterben.

Ein Tonträger.
Hintergrundmusik.
Der Soundtrack des Lebens.

Eine dunkle
summende
Agonie.


Nichts ist mir originell genug

Nichts
ist mir originell genug.

Ich
bin mir nicht originell genug.

Der Serienkiller
ist mir nicht originell genug.

Der Dichter
ist mir nicht originell genug.

Alles
erinnert mich an etwas.

Alles
ist schon dagewesen.

Alles
ist Nachahmung.

Alles
hat Bezug auf Vergangenheit.

Alles
ist Nichts.

Und Nichts
ist mir originell genug.

Und der Tod
ist ein einfallsloser Langweiler.


Political Correctness

Ich esse Negerküsse, weil
sie mich an meine Kindheit erinnern.

Ich höre Zigeunermusik, weil
ich sie liebe –
Django Reinhardt
vor allem.

Ich will keine Schaumküsse der Langeweile.

Es ist immer dasselbe mit den Menschen:
Sie suchen nicht den Kern,
sie kratzen an der Schale.

Und die Mordlust kommt von
Filmen & Videospielen?

Natürlich,
Ihr Langweiler.
Was denn sonst?

Ich habe in meiner Kindheit noch mit
Ausländern gespielt.

Diskriminierung ist
meinem Denken & Fühlen so fremd,
dass ich sie in
einzelnen Worten
meist
nicht erkennen kann.

Ich sehe Splatterfilme &
fühle mich schlecht, wenn ich
versehentlich
jemandem auf den Fuß trete.

ICH SEHE MENSCHEN!
NICHT DIE WORTE,
DIE SIE ZU BESCHREIBEN VERSUCHEN!

Ich mache Witze über
Krankheiten & Tod.
Auch das tut man nicht.
Die Witze sprießen aus dem Boden
der Angst & des Entsetzens –
gedüngt mit Erfahrung.

Nehmt endlich Eure
Politische Korrektheit
– sie ist rein äußerlich,
oberflächlich wie Euer Denken
(wenn man’s »Denken« nennen mag)  –
& schiebt sie Euch in den Arsch,
auf dass Ihr sie Euch
verinnerlichen möget.

In der Zwischenzeit wische ich mir den Mund ab,
zufrieden & satt von
Negerküssen,
& rufe:
»PLAY IT AGAIN, DJANGO!
ALTER ZIGEUNER ….«


Auf Nummer sicher

Das Zimmer kostete 99,– D-Mark damals.
Ohne Frühstück. Er wollte kein Frühstück.
Er bezahlte im voraus & fuhr mit dem Aufzug in den
obersten Stock (er hatte um ein Zimmer im obersten Stock
gebeten; die Nummer habe ich vergessen).
Es war später Abend.
Er schloss die Tür hinter sich ab,
warf die Reisetasche aufs Bett &
öffnete das Fenster; weit.
Milder Sommerabend.
Die Tasche packte er nicht aus.
Er entnahm ihr lediglich
das Rasiermesser.
Ohne sich auszuziehen setzte er sich in die Badewanne;
kein Wasser darin.
Er schnitt sich die Pulsadern an beiden Handgelenken
längs auf.
Ließ das Messer in die Wanne fallen ….
Nach wenigen Sekunden kletterte er wieder aus der Wanne &
wankte – blutpumpend – zum Fenster.
Er sprang nicht; er ließ sich einfach fallen.

Es dauerte ziemlich lange, bis er bemerkt wurde.
Er war an einer Stelle aufgeschlagen, wo des öfteren
Obdachlose schliefen.
Nicht an diesem Abend.

Der Teppichboden musste ausgewechselt werden.
Und der Blutgeruch war hartnäckig.
Trotz des geöffneten Fensters;
dessen es nicht bedurft hätte,
um zu sterben.

Das Zimmermädchen kotzte in die Badewanne.


Kein zurück

Niemals gelingt es,
einen Traum fortzusetzen, wenn man einmal
aus ihm erwacht ist.
Selbst wenn man sofort
wieder einschläft, findet man nicht mehr
in ihn zurück.
Man findet sich wieder in
einem neuen Traum.

Zumindest mir
geht es so – mit jeder Art von Traum.
Egal, ob ich schlafe
oder wache.

Und jedes Mal
tut es mir leid.

Jedes Mal.

Selbst wenn es sich
um einen
Albtraum handelte.


Die Schneekugel

Als Kind wollte ich
in einer Schneekugel wohnen.
Geschlossene Räume mochte ich
schon immer.
Von geschlossenen Träumen
ganz zu schweigen.
Den Kleiderschrank in unserem Kinderzimmer –
ich räumte ihn aus;
stellte 2 Stühle & einen kleinen Tisch
hinein, auf den Tisch
meine Lieblingslampe.
Mein Bruder & ich, wir
setzten uns in diesen Schrank, und
er las mir vor.
Denn ich konnte noch nicht
lesen.
Nur träumen & mir ALLES vorstellen.
Der Kleiderschrank – es
gibt ihn noch; er steht schimmelnd
in einem feuchten Keller.
Er ist eng. Zu eng für mich
& meine Träume.
Mein Bruder – es
gibt ihn noch; er sitzt
mir nicht mehr gegenüber.
Der Kontakt ist abgebrochen.
Die Lampe wurde
weggeworfen.
Geschlossenen Räume –
ich mag sie noch immer.
Ich kann mir nicht mehr
ALLES
vorstellen.
Aber ich kann lesen.
Und der Schnee, den ich
durch geschlossene Fenster betrachte:
er erinnert mich.