Archiv des Autors: flederzombie

Die Kachel

Da ist diese eine Kachel
poliert & glänzend

in dem Haus
in dem Du wohnst

Aber einst
in der Vergangenheit

saß auf dieser Kachel
eine widerliche Spinne
vor der Du Angst & Ekel hattest

Und niemals wieder
kann diese Kachel so
poliert & glänzend sein

dass Du
diese 1 Spinne
vergisst


Der Kopfschmerz

Niemand ist gerne
erkältet

Um sich nicht zu erkälten
stellt man den Kragen hoch

Man zittert dennoch
vielleicht

Vielleicht auch ist man
einfach nur verspannt

Aber da der Kragen hochgestellt ist
kann niemand einem den Nacken massieren

& die Folge ist
der Kopfschmerz


Das Ungeschehene

Irgendwann habe ich aufgehört,
das Ungeschehene zu bereuen –
zu bereuen, dass ich etwas
(vielleicht aus Angst, vielleicht
aus Bequemlichkeit)
nicht geschehen ließ.

Denn die Fantasie kennt keine Ernüchterung;
keine Routine; keine Langeweile ….

Was geschieht, ist immer in Gefahr,
Ritual zu werden –
und die schönste Erinnerung an das Geschehene
wird blasser.

Und wenn die Erinnerungen an das Geschehene
blasser werden,
gewinnen die Erinnerungen an das Ungeschehene
an Farbe.

Die gefahrlosen Liebschaften der Fantasie
lachen über
die gefährlichen Liebschaften der Realität.

Irgendwann habe ich aufgehört,
das Ungeschehene zu bereuen.
Irgendwann sagte ich mir,
dass es so sei.

Und ich glaubte es mir.


Das hat bestimmt schon jemand geschrieben

2 Menschen, die immer in dieselbe Richtung schauen,
werden niemals sich in die Augen blicken, niemals sich
küssen können.

Sie müssen in entgegengesetzte Richtungen schauen.

[Das ist so simpel, dass es bestimmt
schon jemand geschrieben hat;
aber vielleicht auch nicht –
eben weil es so simpel ist….]


Vergessene Filme

Vor allem früher
passierte es mir des öfteren, dass ich
– über viele Jahre hinweg –
von einem älteren Film dachte:
Den muss ich unbedingt endlich mal sehen;
der muss großartig sein!

Dann sah ich ihn & stellte fest:
Ich kannte ihn bereits!

Der Wunsch & die Erinnerung an den Wunsch,
den Film zu sehen,
waren stärker gewesen als die Erinnerung an die
Erfüllung des Wunsches – –

Und jedes Mal fragte ich mich:
Lag es an dem Film
oder
lag es an mir?

Und vor allem:
passierte mir das nur
mit Filmen?


Pfützen

Als Kind springt man in jede Pfütze

Als Erwachsener befürchtet man unter jeder Pfütze
einen Abgrund

Als Kind denkt man nicht an Abgründe

Als Erwachsener kennt man sie
& sieht sie auch, wo sie nicht sind

Als Kind springt man in jede Pfütze

Als Erwachsener ist man manchmal einfach
zu blöde

vor lauter Denken


Das rote Karussell

Nur noch Bilder,
zusammenhangslos,
keine Gedanken mehr.
Keine Gefühle mehr.
Nur noch Be-Schreibungen.
Nicht mehr denken.
Nichts mehr aussagen.
Nur noch Bilder.
Und Beschreibungen.

Die Olive furzt in meinen Martini – 1 Luftblase
steigt auf.

Der Käse hat heute 2 Schimmelflecken mehr
als gestern.

Ich werfe 1 Schatten.

1 toter Nachtfalter in der Badewanne.

Staub auf Schreibmaschinen.

Kondenstropfen am Glas.

Ein zugesponnener Bücherstapel auf der Kellertreppe.

Gehen, ein Fuß wird vor den anderen gesetzt, der Kühlschrank wird geöffnet, es wird nachgeschenkt, Flüssigkeit macht ein Geräusch, vorbeigehen am Fernseher, eine Frau zieht sich auf dem Bildschirm aus, Musik erzeugt Schallwellen

Tod einer Glühlampe.

Das Fenster ist schmutzig.

Draußen ist Nebel.

Das rote Karussell dreht sich schnell – – – –

FEHLSCHLAG: Das rote Karussell erweckt Gedanken –
erweckt Gefühle —

& 1 weitere Olive
furzt in meinen Martini.


Es ist eine Frage

Es ist
eine Frage der Einstellung
eine Frage der Philosophie
eine Frage der Stimmung
eine Frage des Sehens
eine Frage der Farbenlehre
eine Frage der Fantasie
eine Frage des Gefühls

:

Grün ist die Hoffnung

oder

Grün ist der Schimmel


Das Fernrohr

In dem Haus ohne Fenster
schenkte mir der Zufall
(er nannte sich Schicksal)
ein Fernrohr.

Der Zufall war bereit,
höhnisch zu lachen.

Aber ich lächelte,
als ich das Fernrohr entgegennahm.

Endlich
konnte ich die Wände
genauer betrachten.


Wiederkehrender Traum

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus ins nächste ….
Immer wieder ziehe ich in meinen Träumen um ….
& von Mal zu Mal wird das Haus seltsamer ….
Immer größer – immer verwinkelter –
& schöner – doch auch immer stärker
verfallen – mit stetig sich verändernden Fluren ….
mit Zimmern, die ich aus der Realität kenne,
& Zimmern, die es in der Realität nicht geben kann ….
Wendeltreppen führen aufwärts in Räume ohne Dach
& abwärts in Keller voller Bücherregale ….
Wasser tropft von Decken, Ungeziefer wirft schnelle Schatten ….
& jederzeit kann man überraschend auf Menschen treffen,
Mischwesen aus der Vergangenheit, von denen man
nach dem Erwachen nicht sicher weiß, aus welchen
Wirklichkeiten sie zusammengesetzt waren ….

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus ins nächste ….
Immer wieder ….
Wieder ….
Träume : voll von abwesender Einsamkeit,
Sex & Zärtlichkeit; bevölkert von Toten in ihren
unterschiedlichen Lebensaltern – (& ich weiss, dass
sie tot waren – & es jetzt nicht mehr sind …. &
ich frage sie, wie sie zurückgefunden haben …. &
sie wissen es selber nicht – – – & manchmal
wünsche ich mir, dass sie erneut sterben mögen ….

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Haus in ein Schloss ….
Netze in allen Winkeln …. Mondlicht in Pfützen aus
Rattenpisse …. riesige Spülbecken voll von verdrecktem
Geschirr & in einem der Räume unzählige Kerzen
& eine Matratze – – die nackte Frau darauf, wer ist Sie?
Oh ja, ich weiss: Sie ist es! Vielleicht auch:

Wiederkehrender Traum ….
Von einem Schloss zum andern ….
Wer ist Sie?
Sie ist eine andere!
& wenn ich beim Kuss die Augen schließe,
verwandelt Sie sich – & wenn ich die Augen öffne,
weiss ich wieder, wer Sie ist ….

& wenn ich erwache (in dem Haus meiner Realität, das
ich kaum wiedererkenne), frage ich mich:
Wer war Sie?

& habe keine Antwort
& möchte sofort wieder einschlafen

für immer

für immer


Mein Bildungsauftrag

Die Azubine & der Azubi,
beide rund 30 Jahre jünger als ich,
stehen an der Hotelrezeption, wo ich
vor mich hin gammle ….
Sie fragt: „Wo arbeitest Du eigentlich sonst noch?“
Ich: „Sonst noch? – Nirgends.“
Er: „Aber Du bist doch nur 2 Tage hier.“
Ich: „Und? Ich brauche Freizeit.“
Er (grinsend): „Aber – wie geht das denn?
Finanziell, meine ich…“
Ich: „Zu Hause bleiben & wenig Geld ausgeben.“
Sie: „Ist das denn nicht langweilig?“
Ich: lache!
Sie: „Und was machst Du die ganze Zeit?“
Ich: „Nichts.“

Ich habe meinen Bildungsauftrag erfüllt.


Fernlicht im Nebel

Irgend etwas habe ich da im Nebel gefunden.
Im dichten Nebel.
Fast blind & nur langsam vorwärtskommend.
Einen Gedanken, glaube ich;
meine Sicht auf so Manches
im Leben –

: Man kann nicht weiter blicken, wenn man
im dichten Nebel das Fernlicht einschaltet;
man kann nicht besser erkennen, wohin man fährt.
Es ist völlig nutzlos – (wahrscheinlich) sinnlos – aber
es ist schön. Und der Nebel
ist schöner, wenn man ihn im
Schein des Fernlichts
betrachtet.


Ränder, Löcher & Rahmen

{ Das Schnapsglas hat einen Rand hinterlassen ….
Der Rand hat Form & Größe des Lochs in meiner Socke ….
[ heute noch meine rechte Socke, morgen vielleicht schon meine linke )
Ich besitze einen Bilderrahmen, der dieselbe Größe, die gleiche Form hat ….
( er liegt eingeschweisst & unbenutzt in einer leeren Schublade ]
Ich bin verwirrt …..
ergibt das einen Sinn?
Nein!
Ist es eine Verschwörung?
Vielleicht…..
Kann ich meinen Rand halten?
Nein!
Falle ich aus dem Rahmen?
Nein!
Brauche ich ein Loch?
Vielleicht…..
Ist mir alles egal?
Schon möglich…..
Ich starre auf Ränder, Löcher & Rahmen –
was sehe ich darin – – – ? – :
Nichts
( vielleicht – – – – – ]
Vielleicht auch:
meine Welt }


Ablenkung

Und immer denke ich :
von meinen besten Gedanken wurde ich
abgelenkt –

Abgelenkt
durch eine Melodie, die mir dazwischen kam

Abgelenkt
durch ein Bild, das ich plötzlich sah

Abgelenkt
durch eine Erinnerung, die erwachte

Abgelenkt
durch nackte Schenkel, die mich geil machten

Abgelenkt
durch eine Motte, die auf dem Bildschirm landete

Abgelenkt
durch Deine Worte, die ich nicht erwartet hatte

Und immer denke ich :
ich wurde abgelenkt von meinen besten Gedanken

Abgelenkt
durch etwas, das

wichtiger ist
als meine besten Gedanken


Ich habe mein Bestes verflucht

Ich habe mein Bestes verflucht
Mein Bestes warst Du

Ich habe meinen Fluch widerrufen
als ich Deinen Rücken sah

Deinen Arsch
der sich entfernte

Nachdem Du gesagt hattest:
„Du kannst mich am Arsch lecken!“

Zu spät – zu spät – zu spät –
Ich habe mein Bestes verflucht

aber vielleicht nicht
versucht


Der Gartenteich

In meinem Gartenteich schwimmen Groupies.
Oder wie heißen diese billigen Viecher nochmal, diese
lebendgebärenden Zahnkarpfen?
Egal!
Sie schwimmen unter einem grünen Teppich –
vermute ich (ich habe sie noch nie gesehen, sie
sind Fische meiner Fantasie) – sie schwimmen unter
dem Schwimmenden Teppich, denn
der Teich ist umgekippt; wie ich
so oft. In 1000 & einer Nacht.
Ich schütte Gift in den Teich
aus einer Anstaltspackung!
Der Garten ist ummauert & verwildert –
ein Märchengarten, ein Märchenteppich &

soeben bemerke ich :
ich habe gar keinen Teich!

Ich werde
meine Leichen woanders
bestatten müssen.

Und so laut lachen, dass
die Oberflächen nichtexistierender Teiche
Wellen schlagen.


Fingerabdrücke

Irgendwo sind sie noch –
nach all den Jahren, all den Jahrzehnten
des Kehrens – des Verwischens – nach
all den Versuchen der gründlichen
Reinigung & des Ausmerzens :

Die Fingerabdrücke der Toten

Manchmal findet man sie in
der eigenen Wohnung – im
neuesten Staub … oder in etwas
versehentlich Verschüttetem –

Vielleicht erkennt man sie –

aber wahrscheinlicher ist es, dass
man sie – vereinsamt –
für die eigenen hält.


Gehörlos

Ich höre viel zu gut – das
ist der Punkt.

Nirgends will ich
dazugehören

Kaum
gehöre ich mir selbst

hören
gehören

horchen
gehorchen

Ich löse mich von allem

Als Tauber möchte ich
vom Dach springen

Gefängnisse
überfliegen

Geräuschloser Applaus
aus Klapsmühlen

Aber ich höre zu gut –
ich höre

die Geräuschlosigkeit
des Bei
Falls


Weg mit dem Dreck!

Ich will Euch langweilen langweilen langweilen
so – wie Ihr mich langweilt!
All diese Gedichte –
ein einziger Dreck – & je gereimter, desto
dreckiger!
Als ob diese ganze Scheisse, die wir verzapfen,
aufgehen könnte! Nichts geht auf! Weil
wir nicht rechnen können –
weil wir uns ständig verrechnen; weil
die Welt uns über ist – weil

Ach, scheiss drauf!
Irgendwann werde ich alles löschen
& alles verbrennen …….

Und dann könnt Ihr von vorne anfangen,
mich zu langweilen –

& ich werde Euch
zu Tode langweilen!


Wer rennt

Während ich mich
an den Horror erinnere, erfinde ich
Witze

denn ich liebe es
laut zu lachen
im Vergessen

der Erinnerung


In der U-Bahn

Wir lachten in der U-Bahn &
schauten aus den Fenstern
in die Fremde

Und 3 Wochen später
schauten wir in den Fernseher
& sahen
dass Fremde gestorben waren

auf der selben Strecke
die wir belacht hatten
in unserem Glück

da wir die
Bomben der Zukunft
nicht ahnten


Selbst

Ich kann tun, was ich nicht will !
Ich kann tun, was ich will !
Kunst kommt von Du cunst mich mal!
Ich scheisse auf den kleinsten Haufen
oder auf den größten, wenn es mir beliebt –
Ich treibe Spinnen in den Wahnsinn, bis
sie mir ihre Netze schenken.
Ich schreie solange Es ist mir egal!!!, bis
es mir egal ist …….. 88
Das Blech, das ich rede, ist
meine Rüstung – ich
schmiede sie mit dem
Hexenhammer ………….
Verbrennt! Verbrennt!
Auf dem Haufen Eures Scheiterns …..
Ich huste Blut in die Glut, bis
die Flammen in den Nachthimmel züngeln –
Das All ist mir egal
denn ich kann tun
was ich will!

Selbst
wenn ich es nicht will


Da war er wieder

2 Kettensägen … Lärm … geschrieene Kommandos …
Schlaflosigkeit …
1 Baum, viele Jahrzehnte alt & alles überragend,
knarrrrzte, wankte, neigte sich – – – &
krachte zu Boden – !!!

Sie hatten ganz gut gezielt, die
Mörder; aber nicht gut genug.
Im Sterben nahm der Baum ein Stück von
meiner Gartenmauer mit.

Als die Mörder klingeln wollten,
hatte ich meine Klingel längst abgestellt.

Aber irgendwann
erwischten sie mich doch.

„Es tut uns so leid. Natürlich regeln wir
das alles über unsere Versicherung.“

Ich sah mir den Schaden an.
„Sieht eigentlich ganz interessant aus“,
sagte ich, „weniger langweilig als vorher.
Ein Denkmal für den Baum.
Belassen wir’s dabei.“

Und da war er wieder –
: Der fragende Blick, den ich so gut kannte.

Und die Frage lautete :
„Was ist denn das für ein Irrer?“


Das Taschentuch

Du bist verloren
wie das Taschentuch, das Dir aus der
zitternden Hand fiel

Ich hebe es auf
für Dich
& mache einen Knoten hinein

damit Du
Dich nicht vergisst


Es sind doch nur …..

Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.

 

(Inwendig vorgetragen:)


Lesezeichen

Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken

Dort
wo Deine Worte am schönsten sind
Dort
wo Dein Schweigen am schönsten ist
Dort
wo Du etwas vergessen hast
Dort
wo Du mich erinnerst
Dort
wo Deine Hoffnungen sind
Dort
wo Deine Angst ist
Dort
wo ich nichts mehr verstehe

Ich möchte
meine Lesezeichen in Deine Seiten stecken

Vielleicht hast Du
mehr Seiten, als ich Lesezeichen habe

Vielleicht habe ich
mehr Lesezeichen, als Du Seiten hast

Vielleicht aber
geht die Rechnung auf

& vielleicht
brauche ich keine Lesezeichen

weil ich Dich
auswendig kenne


Abblätterungen

Ich liebe es, wenn
der Lack von Türen abblättert

wenn Tore
verrosten

& Eingänge
von Unkraut überwuchert werden

Ich liebe den
Ver
Fall

Die Löcher
im Laken

durch die man
blicken kann

Ich liebe
verwelkte Blätter
im Abfluss

& ihren Geruch

Ich liebe den Staub auf dem
Kopfschnitt alter Bücher

& ihre Gedanken
die wie Staub
zerfallen


Die Würgeschlange

Der Schock raubte ihr die Stimme.
Sie wurde stumm durch den letzten Schock
in einer langen Kette von Schocks;
eine Kette, die sich wie eine
Würgeschlange um ihre Kehle wand
& langsam sich zusammenzog.

Und ich hatte ihre Stimme geliebt.

Und ich würde die Stimme immer noch lieben,
wäre sie noch immer da …..

Wörter werden auf Zettel geschrieben;
ich lese die Zettel, stumm – & ich
versuche die Worte zu hören mit der Stimme
in meiner Erinnerung. Aber
irgendwann wird auch die Erinnerung
verstummen –
& nur die Zeichen werden bleiben,

falls die Schlange überlebt.


Einflüsse

Je älter ich werde, desto
weniger Bücher lese ich;
desto weniger Filme sehe ich;
desto
weniger weniger weniger.

Weg mit den Einflüssen!
Weg mit den fremden Gedanken!

Aber es ist zu spät.
In meinem Kopf: der zähe, fremde Brei der
Vergangenheit, und was ich davon
verdrängt habe, halte ich
vielleicht sogar
am Ende,
wenn es wieder erscheint,
für mein Eigentum.

Ein Dieb, der nicht weiss,
dass er ein Dieb ist …..

Wie jämmerlich!

 

(Inwendig vorgetragen:)


Ellenbogen

Ellenbogen altern am schnellsten.
Dein Gesicht mag jugendlich scheinen;
aber deine Ellenbogen verraten dich – :
Gefuchtel der Arme …
Kämpfe …
Schläge …
Umarmungen …
Stöße im Alltag …
Überleben …
Ellenbogen altern am schnellsten.
Weil Arme sich bewegen.
Gesichter können versteinern,
jung & ausdruckslos & stumm;
aber Ellenbogen sprechen
die Wahrheit.
Man sieht ihre Sorgenfalten;
man sieht ihre Zärtlichkeit;
man sieht in ihren Falten
vergangenes Leben.


21.10.2011

Ich komme nicht mehr raus aus diesem Gebäude … Die Tür … sie ist nicht mehr da … Die Fenster … sie sind verschwunden … Es ist fast dunkel … Ein paar nackte Glühbirnen hängen verstaubt auf den Etagen … So viele Stockwerke … Wieviele? Ich habe es vergessen … Die Treppen sind schmutzig, die Stufen ausgetreten … Geländerteile fehlen … So viele Räume … Ich sitze im Erdgeschoss, in einem Zimmer, wo es nur 1 Stuhl & 1 Tisch gibt … Papier & 1 letzter Bleistiftstummel … Es ist völlig sinnlos, etwas zu schreiben – deshalb tue ich es … noch … Überall Dreck … Spinnweben, manche Fäden sind dick wie Seile … Ich weiß, was das bedeutet … Aber ich will es nicht … wahr? haben? … Ich kann mich erinnern, wie es hier früher war … Die offene Tür, die offenen Fenster, Luft, Licht, Leben, Lachen, Lust … Nichts davon ist übriggeblieben … Mir zittern die Hände … Meine Handschrift ist fast unleserlich, na und? Wer sollte sie entziffern wollen? Einer von Denen? … Denen in den oberen Stockwerken? … Manchmal höre ich ihre Geräusche, sie sind noch da … Ich könnte nachschauen, wie sie jetzt aussehen, könnte die Treppen hinaufsteigen … Vielleicht werde ich es tun … Irgendwann … Bald … Vielleicht schon nachher … Vielleicht schon gleich … Ist es Tag? Ist es Nacht? … Egal … Die Vorräte im Keller gehen zu Ende … In Kürze ist ohnehin alles vorbei … Ein paar Flaschen Schnaps sind noch da, billiger Fusel … abgefüllte Betäubung … Es wird schön sein, nicht mehr zu denken … Es wird schön sein, wenn der Bleistift am Ende ist … Wann war ich zuletzt dort oben? … Mein Zeitgefühl sagt irgendwas, aber es wird eine Lüge sein … Ich war dort oben, und wenn ich jemanden sah, habe ich ihn nicht wiedererkannt … Und dabei kannte ich sie doch irgendwann einmal alle … Diese seltsamen Wesen! … Menschen! … Menschen aus der Vergangenheit … Menschen, die wie Spinnen sind … Ich irrte dort oben durch den Staub, durch das Gespinst, und immer wieder sah ich in dem Trüben Licht ihre Hüllen am Boden liegen … Hässlich & vertrocknet & eingefallen … Aber ich erkannte immerhin einige von diesen Überbleibseln … Was aus diesen Hüllen, diesen Hülsen gekrochen war, war dann jedesmal ein wenig verändert, immer noch Mensch, aber schon ein wenig entstellt … Wie werden sie jetzt aussehen? … Nach so vielen weiteren Häutungen … Wieviele Hülsen werden dort wohl herumliegen? … Verdammte Neugier! … Die Neugier des Verdammten … Ob SIE wohl noch dort ist? … Doch, sie muss dort sein … Aber ich würde sie vermutlich nicht wiedererkennen; auch ihre Stimmen verändern sich … Aber SIE würde MICH erkennen! … & vielleicht SICH zu erkennen geben … Aber jede andere könnte das auch … könnte sich für SIE ausgeben … Zumindest am Anfang würde ich es nicht bemerken … & sie stecken doch alle unter einer Decke … Sie werden sich alle Alles erzählt haben im Laufe der Jahre … Alle kennen alle Geschichten aller anderen … (Plötzlicher Gedanke: Was, wenn ich wahnsinnig bin!?! Mir das alles nur einbilde … Aber nein, es ist wie es ist … & es ist wahr!) … „Warum liebst du mich nicht mehr?“ hat sie mal gefragt … & in der Ecke des Schlafzimmers lagen 2 ihrer Hülsen … Dieser Anblick … Ich sagte gar nichts, und sie warf mir mein Schweigen vor … Sie hätte dankbar sein sollen für mein Schweigen … Ich ging, und sie schrie mir irgendwas hinterher … Beinahe wäre ich über ihre Fäden gestolpert … Nur beinah … Egal … Es sind noch ganz andere dort oben … Vergessene sogar … vermute ich … Die würde ich nicht mal wiedererkennen, wenn sie die alten geblieben wären … Manche der Spinnfäden sind so stark – ich könnte mich an ihnen erhängen … Vielleicht sollte ich es tun … Aber nicht, bevor der Schnaps


Ich bin nicht, denn ich wurde

Ich – bin nicht frei!
Ich bin – nicht frei!
Ich bin nicht – frei!
Ich bin nicht frei -!

ICH BIN NICHT FREI!
ICH BIN NICHT FREI!
ICH BIN NICHT FREI!
ICH BIN NICHT FREI!
ICH BIN NICHT FREI!

Denn ich wurde geboren


Die Schrottpresse

Ich bin so rücksichtsvoll wie
der Innenspiegel eines verschrotteten Autos

Es hängt an einem Magneten
wird geschwenkt über einen
friedvollen Hof
voll von Autoleichen
voll von Ähnlichkeiten

Blech
immer gleich

Vergangene Formen
die in eine Presse geworfen
wurden

Sie hielten sich für
originell
diese Formen

aber

zerquetscht
von Mechaniken, die
irgend jemandem eingefallen sind

sind sie nichts als
ein Würfel

aus Metall

Masse
Dichte
Gleichförmigkeit

Gesplitterte Blicke
in die Vergangenheit

Die Vergangenheit wird
unkenntlich

& man wird rücksichtsvoll wie
der Innenspiegel eines verschrotteten Autos