Tagesarchiv: 5. August 2012

Messer & Gabel

39 Jahre lang hielt ich
das Messer in der linken Hand &
die Gabel in der rechten.

Immer wenn ich
auswärts
essen
musste

musste ich
das Besteck
umlegen

Nur zu Hause
lag es
richtig
falsch herum

Irgendwann begann
mich das zu
langweilen

Ich dachte:
Zeit für Veränderung!

&:

Ich gewöhnte mich
um

Ich bin ein schweigsamer Mensch.

Meine Mutter starb
als ich 44 war

Sie starb in dem Glauben
dass ich das Messer
nach wie vor
in der linken Hand hielt.


Stiel & Stil

»Und das Glas immer
am Stiel anfassen. Damit
die Temperatur des Getränks
nicht von der Körpertemperatur
beeinflusst wird.«
»Ich weiß«, sagte ich. »Der Stiel ist
wichtig. Sehr wichtig sogar. Andererseits
sieht es irgendwie blöd aus. Ich mag es
mehr, wenn jemand das Glas richtig
anpackt. Das hat mehr
Stil.«


Die Haut

Es begann kurz nach dieser
Trennung, die meinen völligen
Zusammenbruch bedeutete.
Die Akne, die ich bis dahin lediglich
im Gesicht gehabt hatte,
breitete sich über meinen
ganzen Körper aus, und
ich bekam eine kahle Stelle
am Hinterkopf –
Kreisrunder Haarausfall. –
‚Wie passend, dachte ich: Eine
Autoimmunkrankheit!’

»Stress gehabt?« fragte der Hautarzt.
Ich nickte. (So wie ich beim
Augenarzt auf dieselbe Frage genickt hatte;
der war darüber verwundert gewesen, dass
meine Augen
innerhalb weniger Monate
einen Sprung von
+0,2 Dioptrien auf
-3,25 gemacht hatten.)
Der Hautarzt also jagte mir mehrmals
eine kleine Nadel in die kahle Stelle &
verschrieb mir eine Teertinktur, die
dort aufgetragen werde musste.
Tatsächlich wuchsen die Haare
irgendwann wieder nach.
Zur Behandlung der Akne hatte er
auch diverse Ideen, aber alle wären
mit Zeitaufwand verbunden gewesen.
Dazu hatte ich keine Lust; es war mir
egal.
Außerdem fand ich es interessant, dass
meine Haut davon berichtete, wie es
mir ging …..
Pickel, Narben …. Warum nicht?
Und als später der Kreisrunde Haarausfall
meine Schambehaarung befiel,
unternahm ich auch dagegen
nichts mehr. –
Diese Frau & ich – wir kamen wieder
zusammen; immer wieder mal, für
kurze Zeiten.
Sie betrachtete meine Haut,
sie streichelte die Pickel, die Narben.
»Stört es dich nicht?« fragte ich.
Auf dem Nachttisch lag
meine neue Brille.
»Du spinnst doch«, sagte die Frau.
Sie grinste. »Dreh dich mal rum.«
Und sie bedeckte meinen Rücken mit
Küssen. Sie hatte
verstanden.


Das Gleichnis

Das Gleichnis war schief
Das Gleichnis war unlogisch
Das Gleichnis war falsch

Eigentlich war es deshalb
schon kein Gleichnis mehr

Ich hatte im Vollrausch
bei dröhnender Musik
die Rolläden hinterm Schreibtisch
ein Stück weit geöffnet &
nach draußen geschaut

Dann tippte ich:

»Wenn der Sturm durch die Bäume weht
versuche ich
das EINE Blatt zu erkennen

das
ein kleines bisschen
anders
zittert

als
Alle

anderen«

Ich war nicht
SO besoffen, dass mir nicht
klar gewesen wäre, dass
keine 2 Blätter sich exakt
gleich bewegen

Natürlich nicht

Aber ich lasse mir doch
von so einer Nichtigkeit
nicht ein Gleichnis kaputt machen
das keines ist!


Schmutzige Füße

Deine Fußsohlen sind schmutzig
Der Schmutz stammt von
mir

Barfuß bist Du
durch mein Haus gegangen

Auf dem Boden lag
der Staub meiner schmutzigen Gedanken
der Staub meiner Einsamkeit

Ich lecke ihn von Deinen Füßen

& fühle mich
weniger
allein


Das rote Wildlederkostüm

Manchmal
Nein, nicht manchmal –
oft!

Oft
sehe ich sie
noch heute
vor mir
in mir
in ihrem
Roten Wildlederkostüm

Und der Rock hatte einen
schiefen
schrägen
ausgefransten
Saum

Darunter
ihre Kniee

Sie spielte Billiard
Lächelte mir zu

Zwischen all den gierigen Blicken
der fremden Männer
die sie nicht bemerkte

Und ich weiß noch,
welche Musik in diesem Moment lief –

aber ich werde sie nicht
erwähnen

ich behalte sie für mich

für mich
für mich
für mich

für
uns


Das EINE Blatt

Wenn der Sturm durch die Bäume weht
versuche ich
das EINE Blatt zu erkennen

das
ein kleines bisschen
anders
zittert

als
Alle

anderen


Klunkermus

Das Mittagessen war so oft
ein Drama
in meiner Kindheit.

So oft überkam mich
der Ekel.
Glibberige Stellen im Fleisch.
Knorpel.
Mein Vater, der
irgend etwas
aus seinem Mund holte &
an den Rand seines Tellers legte ….

Das Schmatzen meiner Brüder &
die strengen Ermahnungen deswegen ….

& so oft
war es
zu viel!

Wieder & wieder
etwas
das ich nicht schaffen konnte.

Ein Drama, das
immer wieder in Tränen &
mit Schlägen
endete.

So sinnlos.
So unsagbar sinnlos!

Doch das schlimmste Gericht,
das ich jemals durchlebt habe,
hieß:

Klunkermus.

Eine Spezialität aus Ostpreußen,
wo mein Vater herstammte.

In einem Teller voller Milchsuppe
schwammen Klumpen, die
wie weiße Scheißhaufen aussahen.

Schon bei ihrem Anblick musste ich
würgen.
Und ALLES –
die Suppe, die Klunker –
schmeckte
nach dem widerwärtigsten Nichts, das jemals
in die Form von Nahrung gebracht wurde.

Vielleicht war das nur
der Fehler meiner Mutter?
Ein Fehler im
Rezept?

Egal.

Nach 2 Bissen
rannte ich in die Küche &
spuckte alles in den Mülleimer
(der Weg zum Klo wäre mir zu weit gewesen).

Was danach geschah,
brauche ich nicht mehr zu beschreiben.

Es ist gleichgültig
geworden.

Was mir nicht gleichgültig ist:
Ich hatte Glück.
Aus all diesen Dramen mit diesem
(immerhin EINMALIGEN)
Höhepunkt, den man
Klunkermus
nennt, ist keine Essstörung entstanden.

Mehr als ich
kann man
das Essen
nicht
lieben & genießen.

Und:
Ich kotze nicht.
Nicht wegen des Essens.
Zumindest.

Die Inneren Verletzungen,
die durch das alles entstanden sind,
haben sich
zu ihrem Ausgleich
andere Wege
ge-
sucht.

Und eigentlich
ist Klunkermus
ein schönes
Wort.