Tagesarchiv: 27. August 2012

Die eifersüchtige Einsamkeit

Sobald die Frau zum ersten Mal
die Zuflucht des Mannes betrat
(es könnte auch umgekehrt gewesen sein),
eilte die Einsamkeit hinaus &
warf die Tür hinter sich zu wie eine
eifersüchtige Geliebte.
Zu zweit lachten sie
sie aus,
umarmten sich, redeten, tranken &
legten sich hin.
Die Einsamkeit schlich um das Haus,
lauschte an den geschlossenen Rolläden,
bewegte sich durchs Unkraut
der vergangenen Zeit,
fühlte sich verlassen
& wurde böse.
Böse
nur für kurze Zeit.
Sie hörte
in ihrer Ausgeschlossenheit
das Atmen, das Küssen, das Stöhnen,
die Musik
im Inneren des Hauses –
& wusste
beinahe
augenblicklich,
dass sie
eine neue Verbündete
bekommen würde.
Fast hätte sie
boshaft gelacht
in dem Moment dieser Erkenntnis.
Doch sie befürchtete,
gehört zu werden.
Niemand
hätte sie gehört.
Nicht einmal der Mann, der
in der Zuflucht lebte.
Zu laut
war seine Zufriedenheit,
zu verschlossen
seine Ohren von den Schenkeln der
Leidenschaft;
zu verschlossen
von der Musik.

Als die Frau das Haus verließ,
schlüpften sie
zu zweit
hinein:

Die Einsamkeit
&
Die Sehnsucht.

Die Sehnsucht
hatte den Geist,
das Gesicht
& den Körper
der Frau,
die gegangen war.

Die Einsamkeit
flüsterte ihr ins Ohr.

Dann

lachten sie
gemeinsam

zu zweit.

Hinter verschlossenen Türen.


Sinn genug

Sie saß auf dem Boden & rauchte.
Gelehnt an meine Beine.
Ich saß in dem einzigen Sessel, den es
in diesem Raum gab.
»Irgendwann werde ich dich
hassen«, sagte sie. »Für das, was
du mit mir machst. Dafür, dass ich
die Kontrolle verliere.«
»Ich weiß«, sagte ich.
Rauch kam aus ihrem Mund.
»Nein«, sagte sie, »ich werde dich
niemals hassen.«
»Warum auch?« sagte ich, »ich
bin doch ein nettes Kerlchen.«
Meine Antworten passten nicht
zusammen.
Noch weniger als
ihre Aussagen.
Vielleicht wir?
Meine
zweite Antwort ergab
für mich
keinerlei Sinn.
Aber die Frau richtete sich auf,
um mir
einen rauchigen Kuss zu geben.
Das war
für den Moment
Sinn genug.