Manchmal, wenn ich aufwache
(& ich wache oft auf),
flüstere ich:
»hilfe« –
Denn das Erste, was mir
nach all den Träumen
ins Bewußtsein dringt, ist
die Last auf meinen Schultern
& das Wissen, dass ich sie
kaum
alleine
(er)tragen kann …..
Und dann,
im nächsten Moment
muss ich –
grinsen,
denn dieses Flüstern
ist doch
gar zu albern.
Monatsarchiv: Juni 2012
Das Flüstern
Fehlbesetzung
So viele Leben
betrachtet man
von außen
Wie Filme
Und sie
sehen schön aus
von außen
Fast könnte man
neidisch werden
(Würde man zum Neid neigen)
Und doch
Wie viele der
handelnden Personen
fühlen sich
fehlbesetzt
in diesen Filmen
die so schön aussehen
fühlen sich
fehlbesetzt
in ihrem eigenen Leben
Der Kratzer
Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….
Lange hatte ich gespart
für diesen Gegenstand.
Dann
besaß ich ihn.
Endlich.
Er war
Realität,
war
neu,
war
makellos.
Es dauerte
nur wenige Tage,
da
fiel etwas
auf diesen Gegenstand
& der Gegenstand
bekam
einen Kratzer ….
Der Kratzer
schmerzte
in meinem Innern.
Es war eine Schwäche, die
allzumenschlich war ….
Ich wollte ihn
makellos –
diesen Gegenstand.
Wollte ihn
wie neu.
Wollte ihn so,
wie es ihn
millionenfach
gab.
Doch diese Schwäche
hielt nicht lange an.
Ich betrachtete
den Kratzer
lange
lange ….
& betrachtete ihn
schließlich
als
des Gegenstandes
einzigartigen
Charakter.
Der Rasen
Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen ….
All diese Grashalme, die
sich biegen, weil sie
zu lang sind, um
aufrecht zu sein.
Gestern waren sie noch nicht
so lang. Und schon
vor 1 Woche hatte ich den Rasen
mähen wollen. Schon
vor 1 Woche hätte ich es
tun sollen.
Doch ich schaute nur
aus dem Fenster.
Vor 1 Woche.
Betrachtete den Rasen ….
& glaubte beinahe,
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen
ihn wachsen zu sehen ….
Rasen
Rasen
Rasen
Er wuchs
über meinen Kopf.
Während ich ihn
betrachtete.
Von drinnen.
Von dort, wo ich
bleiben wollte.
Ich schaue aus dem Fenster ….
Ich betrachte den Rasen &
weiß,
wie lang die Grashalme
morgen sein werden.
Länger als jetzt.
Viel länger als vor 1 Woche.
Ich weiß, was
das bedeutet ….
Morgen
werde ich
aus dem Fenster schauen.
Ich bin
Ich bin
der alte Mann
der sich erinnert …
das kleine Mädchen
das selbstvergessen tanzt …
die Fliege
die erschlagen wird …
die Spinne
die ein Netz baut …
das Staubkorn
das durch den Sonnenstrahl fliegt …
der Zigarrenrauch
im Mund einer Frau …
die leere Flasche des Säufers
die im Container zersplittert …
die volle Flasche
die er versehentlich fallen lässt …
der klemmende Typenhebel
in der Schreibmaschine …
der laute Tropfen
der nachts im Waschbecken platzt …
das schiefe Bild
an der Wand meines Lebens …
das Salz in der Wunde …
die Wunde im Salz …
das Sandkorn
an einem vergessenen Strand …
die Katze
die sich zwischen den Beinen leckt …
die Pfütze
die das Mondlicht spiegelt …
der Todestag
Deines Lieblingsschriftstellers …
die Geburtssekunde
Deiner großen Liebe …
die letzte Kerze
die an Deinem Sarg noch leuchtet …
das erste Licht
das Dich im Kreißsaal blendete …
die Saite
die reißt …
das letzte Foto
im Familienalbum …
das Zebra
auf dem Schachbrett …
der Nagel
der krummgeschlagen wird …
das fehlende Blatt
in einem alten Buch …
das Unkraut
in einem verwilderten Garten …
der erste Kuss
auf Deinem nackten Arsch …
die aus dem Verkehr gezogene
Glühbirne …
das übersehene Haar
an einer rasierten Fotze …
der tiefste Kratzer
auf einer Schellackplatte …
die Murmel
in der Hosentasche eines kleinen Jungen …
der leere Akku
der den lebenswichtigen Anruf verhindert …
die Olive
im Martini …
das 666ste Wort
in diesem Text …
das professionelle Lächeln
des Bestatters …
das zu große Mädchen
mit dem ich das erste Mal tanzte …
der Stummfilm
der verschollen ist …
der letzte Spaziergang
mit Deiner Oma …
der abbrechende Bleistift
der ein wichtiges Wort schreiben sollte …
die Sicherung
die herausspringt …
der entzündete Zahn
des Wolfes …
der Würfel
ohne Augen …
der letzte Schlag des Vaters
bevor er starb …
das vierte Staubkorn von links
im Bücherbord …
der Schnürsenkel
der reißt …
die letze Luftblase
die aus dem Mund des Ertrinkenden dringt …
das letzte Zitat
in meinem leeren Kopf …
der Sarg
den Django durch den Schlamm zieht …
die Klingel
die jemanden aufweckt …
der Schlüssel
der von innen steckt …
die Bananenschale
vorm Eingang des Krankenhauses …
die lustige Antwort
auf eine traurige Frage …
die traurige Antwort
auf eine lustige Frage …
das zweiblättrige Kleeblatt
auf Deinem Grab …
die unbrauchbaren Finger
an Django Reinhardts linker Hand …
die Frau
die Dir als Kind die Gratiswurstscheibe reichte …
der leere Benzinkanister
im Kofferraum des benzinlosen Autos …
die richtige Farbe
im falschen Gemälde …
die falsche Farbe
im richtigen Gemälde …
der erste Zungenkuss
des Lebens …
die kranke Tonleiter der Tropfen
in einem verstopften Abfluss …
das Gefühl des Spinnenfadens auf der Stirn
beim Durchqueren einer Kellertür …
das Haarknäuel
im Abfluss …
die einzige Luftblase
unter der Klebefolie …
der Sägespan
im Hobbykeller des Großvaters …
die Kotztüte
im Auto der Kindheit …
der ungeschickte Liebesbrief
der in einer vergessenen Schublade liegt …
der letzte leere Blister
in der Aspirinschachtel …
die Lieblingslampe
meiner Kindheit …
der kürzeste Faden
am Saum der kurzgeschittenen Damenjeans …
der Kragen
an Bela Lugosis Cape …
das Denkmal
an dem Ort wo niemals gedacht wurde …
das kurze Zittern
beim Druck auf den Auslöser …
der blutende Darm
des überfahrenen Igels …
das billige Klebeband
das nicht richtig klebt …
die erste Schleife
die Du als Kind gebunden hast …
der Staublappen
in der kaputten Waschmaschine …
das Salzkristall
im Meer …
die Wespe
im Auto das über die Autobahn rast …
das JoJo
mit dem verhedderten Faden …
der längst Satz
des dümmsten Gedankens …
das Taschenlampenlicht
unter der Bettdecke Deiner Kindheit …
die Bombe
die in der vollbesetzten U-Bahn detoniert …
der Eiter
im Nagelbett …
das kleinste Bläschen
in der Lavalampe …
die Luftblase
in der lebenswichtigen Spritze …
das fremde Staubkorn
in der Urne der Geliebten …
Ich bin
der gerissene Film …
Ich bin
das offene Ende
dieses Textes …
& seine Fortsetzung
die
niemals
kommen
wird.
Der Andere
Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.
Ich
glaube
ihn zu kennen
unbewußt.
Du
glaubst
mich zu kennen
weil Du
meine Worte liest
Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.
Er
schreibt meine Worte.
Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.
Du
kennst mich nicht
denn Du siehst nur
die Worte
& nicht
den Anderen.
Ich hab Fritten !
Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie.
Mein großer Bruder
war noch klein.
Ich: noch kleiner.
Es war
in den Ferien. Am Meer.
Mein Vater & ich saßen
im Freien. Am Tisch eines
Imbisses.
Die Sonne schien, wie sie es
nur
manchmal
in der Kindheit tut.
Salz
kitzelte in meiner Nase.
Mein großer Bruder
der noch klein war
kam aus dem Innenraum
des Imbisses
mit einem großen Teller
der voll war
Mein Bruder strahlte
Schon von weitem rief er:
»Ich hab Fritten!«
Der bevorstehende Genuss
ließ ihn schneller gehen
Schon konnte ich
die Fritten riechen
als mein Bruder
stolperte
Den Teller
behielt er in der Hand
Aber
er war leer
Alles lag auf dem Boden
Ich erinnere mich
nicht
ob mein Vater & ich lachten
Beim besten Willen
kann ich mich nicht
erinnern
Aber
ich vermute es
denn
es wäre menschlich gewesen
zu lachen
Zumindest
kurz
Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie
»Ich hab Fritten!«
Für alle Momente
die an
diesen
einen
Moment
erinnerten
Und im nachhinein
ist es für mich
fast
ein Lebensmotto
Denn
ich hatte
oftmals
Fritten
in meinem Leben
Osram
Sie saß immer ganz vorne im Klassenraum.
Sie war hässlich.
Das war die einhellige Meinung aller.
Sie hatte sehr männliche Gesichtszüge,
eine tiefe Stimme,
kurze rostrote Haare, viele Sommersprossen,
und sie war sehr dick.
Ihre Kleidung war geschmacklos.
Auch das war die einhellige Meinung aller.
Immer saß sie allein, und wenn der Lehrer
sie aufrief, wurde sie
feuerrot in ihrem hässlichen Gesicht.
Deshalb nannten alle sie
Osram.
Ich saß immer ganz hinten.
Ich war weniger hässlich & sehr dünn,
und ich trug fast immer dieselben Klamotten;
aus Bequemlichkeit. Ich
meldete mich niemals & schaute oft
aus dem Fenster.
Es war das vorletzte Jahr vorm Abi.
Eines Tages verteilte der Lehrer Blätter, auf denen
verschiedene Themen gelistet waren.
Jeweils 2 aus diesem Kurs sollten sich
zusammentun & eines der Themen in den
kommenden Wochen bearbeiten.
Das einzige Thema auf der Liste, das mich
einigermaßen interessierte, hatte etwas mit
Psychologie zu tun. Und außer mir
interessierte sich für dieses Thema nur noch
Osram.
Na, herzlichen Glückwunsch! dachte ich.
Die anderen grinsten, während ich
nach vorne umzog & mich
zu Osram setzte.
Sie wurde rot.
Wir besprachen das Thema.
Die Röte wich aus ihrem Gesicht.
Wir schweiften ab vom Thema.
Sie lachte.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
Sie war verrückt nach Literatur.
Wir sprachen über Wilhelm Raabe.
Sie liebte Wilhelm Raabe.
Wer Wilhelm Raabe liebt, hat
zumindest
einen Teil
meines Herzens
gewonnen.
Sie lachte immer häufiger,
wir schweiften immer häufiger
vom Thema ab.
Sie hatte einen sehr makabren Humor.
Auch ich lachte immer häufiger.
Die anderen machten
dumme Bemerkungen.
Als die Arbeit fertig war,
trug Osram sie vor.
Sie saß am Lehrerpult & las.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
In ihren geschmacklosen Klamotten.
Sie hatte nicht vorlesen wollen; aber
sie tat es, weil sie wusste, dass ich
es auch nicht wollte.
Sie wurde kaum rot.
Und die Arbeit wurde gut benotet.
Einmal wurde Osram nach der Schule
von ihrer Mutter abgeholt,
ich von einer Freundin.
»Wer issn die Dicke da drüben« fragte sie.
»Eine aus meinem Deutschkurs. Wieso?«
»Sie hat gerade auf dich gezeigt & etwas zu
der Frau gesagt.«
»Ach ja? Seltsam.«
»Und gegrinst hatse.«
»Hmm.«
»Gott, ist die hässlich«, sagte die Freundin.
»Na ja«, sagte ich, »können ja nicht alle
so toll aussehen wie du.«
Sie lächelte.
»Trotzdem, was hat die über dich zu reden?«
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.
Raumpatrouille Phantasie
In der Lieblingsserie
meiner Kindheit
wurden Bügeleisen
zum Steuerungsinstrument
eines Raumschiffs …
& Aspirin +C
lieferte die Luftblasen
während das Raumschiff
vom Meeresboden, der
in einem Aquarium existierte,
aufstieg, um
in ein
gezeichnetes All
zu starten.
Alles war
schwarzweiß –
einfach & schön.
Diese Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens
finde ich
weise.
Heute.
Damals
verstand ich sie nicht.
Nicht so.
Ich liebte nur
das Ergebnis.
Und dennoch –
sie beeinflusste mich.
Und meine
Phantasie.
Und
meine Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens.
Und immer wenn ich
verkatert
ein Aspirin +C
in ein Glas Wasser werfe
oder
nüchtern
ein Bügeleisen sehe,
muss ich
daran zurückdenken
& lächeln.
Der Waschlappen
Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Für meinen Kreislauf.
Dampf stieg auf,
mein Gesicht war tiefrot.
Dahinter: Schwindel.
Wie lange hatte ich schon
in der Badewanne gelegen?
Ich wusste es nicht.
Ich hatte geträumt.
Ich richtete mich auf, nahm
den bereitgelegten Waschlappen,
drehte das kalte Wasser auf,
ließ den Waschlappen sich damit
vollsaugen ….
Dann drehte ich das Wasser wieder ab,
lehnte mich zurück
& legte den eiskalten Lappen auf mein
Gesicht.
Die Kälte tat mir gut.
Ich atmete sie ein.
Doch sie hielt nicht lange vor
auf meinem heissen Gesicht.
Der Waschlappen hatte
eine Vergangenheit.
Seine Farben
waren blass geworden;
er war
dünn geworden.
Seit damals …..
Damals als er
meine Lieblingsorte bereiste –
unter meiner Führung ….
Warme Orte.
Weiche Orte.
Zärtliche Orte.
Orte, die
es nicht mehr gibt.
Orte, die
verfault sind.
Seit damals.
Mir wurde kalt,
ganz plötzlich ….
In all dieser Hitze um mich herum.
Dampf stieg auf.
Das Wasser war zu heiss.
Viel zu heiss.
Und mir war kalt.
Die Bitterkeit
Und dann war die Bitterkeit
verflogen & man konnte
wieder
normal
miteinander
reden
Und das
war schön
Und doch –
die Bitterkeit war
vielleicht
dem ursprünglichen Gefühl näher
als die Normalität
So dass man sie sich
manchmal
fast
zurückwünschte
Und das ist
ein bisschen
traurig.
Der Nachtportier
Die Fahrt schien endlos.
Wie oft musste ich kotzen?
Ich weiß es nicht mehr.
Es gab genug Beutel im Handschuhfach,
genug Beutel in der Seitentasche der Tür.
In meinem geliebten
Peugeot 404.
Konnte mein Vater rechtzeitig anhalten,
kotzte ich eben
am Straßenrand.
Die Fahrt schien endlos.
Es wurde dunkel.
Das Ziel war
noch fern.
Er nahm eine Abfahrt.
Irgendwo.
Im Abseits leuchtete
ein Hotel.
Mein Vater stieg aus,
betrat das
Abseits.
Kam zurück.
»Sie haben noch etwas frei«,
sagte er.
Er parkte den Wagen.
Wir stiegen aus, nahmen
das Nötigste
mit ins Hotel.
Wie klein ich war!
Wie groß das Haus
mir erschien –
selbst wenn es ebenfalls
klein war.
Und wie fasziniert war ich
von dem großen Mann
hinter der Rezeption, der
um diese finstere Uhrzeit
noch wach war
& arbeitete, als sei
das
selbstverständlich.
Mein Vater sprach mit ihm.
Sie wurden sich einig.
Wir betraten fremde Zimmer,
mit faszinierend-fremden Nachttischlampen,
die fremd leuchteten.
Die Betten rochen fremd,
die Wasserhähne glänzten fremd,
die Türen der Kleiderschränke führten
in die Fremde.
Ich liebte es.
Diese spontane Unterbrechung der Reise –
ich liebte sie
mehr als
das Ziel der Reise.
Denn die Unterbrechung war kurz.
Kürzer als das Leben zuhause,
kürzer als der Aufenthalt am Urlaubsziel
sein würde.
Ich liebte die Kürze.
Und das Spontane.
Mein bester Freund war
Nachtportier.
Viele Jahre später.
Eines Tages sagte er zu mir:
»Wir suchen eine Aushilfe.«
Ich zögerte.
Ein Job.
Eine Abirrung vom Wesentlichen.
»Du könntest Dir Bücher kaufen«,
sagte er.
Ich zögerte.
Bücher. Wein. Musik.
»Ich kann’s mir ja mal ansehen«,
sagte ich.
Als ich das Hotel betrat,
dachte ich nicht an meine Kindheit.
Nicht an die Faszination, die ich
in jenen Nächten
empfunden hatte.
Es war nur
ein
Job.
Aber er bedeutete
Musik. Wein. Bücher.
& Magenschmerzen.
Es war alles
nur
Zufall.
Die erste Schleife
Den Moment, als man
die erste Schleife
seines Lebens
ohne fremde Hilfe
gebunden hatte …..
man vergisst ihn nie.
Die Freude,
den Stolz,
das Lächeln der anderen.
Schon die zweite Schleife
verursacht
ein bisschen weniger Freude,
ein bisschen weniger Stolz,
ein schwächeres Lächeln der anderen.
Hunderttausende von Schleifen
werden folgen …..
die nur noch
pure Funktion
sind.
Das Bewußtsein
seiner eigenen Fähigkeit
geht verloren.
Scheinbar.
Und vielleicht auch
die Freude.
Doch die Erinnerung
an diesen Moment kann
dieses Bewußtsein
wiederfinden.
Und vielleicht auch
die Freude.
Die Feuergabe
Wir saßen uns gegenüber bei irgendeiner
Hochzeitsfeier. Kannten uns
oberflächlich – seit einiger Zeit – hatten
einige Male miteinander
Tränen
gelacht.
Die Musik
war laut & schrecklich,
es roch nach Essen, Alkohol & Rauch,
Menschen tanzten
(die meisten kannte ich nicht),
das Brautpaar tanzte.
Die Braut war hübsch;
mein Gegenüber
hätten wohl die wenigsten
als hübsch bezeichnet.
Sie öffnete ihre Handtasche,
holte eine Schachtel Zigaretten heraus,
steckte sich eine zwischen die Lippen &
kramte weiter in ihrer Tasche herum ….
Sie suchte nach Feuer.
Ich schaute mich um, blickte über
meine Schulter zum Nachbartisch.
Eine fremde Frau rauchte, mit dem
Rücken zu mir. Ich
tippte ihr auf die Schulter,
sie wandte sich um, schaute mich
überrascht an. Sie war
schön –
sehr schön,
oberflächlich betrachtet.
Stumm deutete ich auf
das Feuerzeug, das vor ihr lag.
Sie lächelte &
reichte es mir.
Es war ein Einwegfeuerzeug.
Ich drehte mich wieder um, streckte
den Arm aus, drehte am Rädchen
des Feuerzeugs …..
Mein Gegenüber lächelte
überrascht, schaute mir
in die Augen –
die Flamme spiegelte sich
klein in ihren Brillengläsern ….
Und ihr überraschtes Lächeln
fand ich schöner als
die fremde Eigentümerin
des Feuerzeugs.
Wiederkehrende Frage
Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
frage ich mich:
Was würde,
was könnte
ich alles schreiben, wenn
ich mich
gesund fühlen würde?
Körperlich.
Ohne Schwindelanfälle ….
Ohne Benommenheit ….
Ohne Konzentrationsschwäche ….
Ohne chronische Müdigkeit ….
Ohne tanzende Flecken vor den Augen?
Ohne Kopfschmerzen ….
Was würde,
was könnte
ich alles schreiben?
Große Romane?
Philosophische Werke?
Ausgefeiltes, zu Ende Gedachtes?
Alles, was
einen langen Atem erfordert?
Hin & wieder ….
Nein, sehr oft
stelle ich mir diese Frage.
Und wahrscheinlich
ist es gut, dass ich
die Antwort
aller Voraussicht nach
niemals
bekommen werde.
Der didaktische Traum
Es war ein Albtraum, keine Frage.
Ich befand mich in einem Raum, wo
Menschen der Job weggenommen wurde.
Man nahm mir meinen &
gab mir einen anderen.
Von einem Moment auf den nächsten
sollte ich
Lehrer sein.
Ohne Ausbildung.
Man drohte mir Gewalt an &
drückte mir 2 beschriebene Blätter in die Hand.
Das eine enthielt eine kurzen Text mit der
Überschrift »Schuld« –
auf dem anderen stand:
»Diskutieren Sie diesen Text mit Ihren Schülern.
Klasse 6b.«
Ich wollte den Text nicht lesen.
Ich tat es nicht.
Und dann irrte ich durch
ein gigantisches Gebäude.
Verwinkelte Gänge … unzählige Türen …
Rolltreppen … Einsamkeit & Angst …
In einer Nische stand mein bester Freund.
»Der Job ist nichts für Dich«, sagte er.
»Ich weiß«, sagte ich. »Aber vielleicht
gewöhne ich mich daran. Im Laufe der Jahre.«
Der Freund war fort, ich ging weiter.
Lief über die Rolltreppen ins oberste Stockwerk,
Regen trommelte auf das gläserne Dach.
Klasse 6b, Klasse 6b … Wo zur Hölle ist
Klasse 6b?
Es gab keine Hinweise, keine Schilder,
keine Menschen, die ich hätte Fragen können;
und hätte es sie gegeben, würde ich wohl nicht den
Mut gehabt haben, zu fragen.
Ich ging immer weiter. Weiter. Dachte darüber nach,
wie ich
unterrichten würde ….
Ich betrete den Klassenraum.
Ordentlich & aufrecht sitzen sie da.
Jungs & Mädchen.
Eine eher kleine Klasse.
Sie schauen zu mir auf, während ich
zu meinem Pult gehe.
Ich sage:
»Morgen, Ihr Freaks.«
Und setze mich.
Werfe die beiden Blätter auf den Boden.
Lege die Füße hoch.
Ich sehe das Erstaunen in den
kleinen Gesichtern.
Entgeisterung.
Sie blicken sich gegenseitig an.
Fragend.
Einige lächelnd.
»Guten Morgen«, sagen sie dann.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ihr wollt was lernen?« frage ich.
»Ja«, antworten sie.
Im Einklang.
Einstudiert.
»Ich kann Euch aber nichts beibringen«,
sage ich. »Ich weiß
nichts.«
Schweigen.
»Ihr solltet lieber
zu Hause sein, im Bett liegen &
Musik hören. Oder durch den Regen laufen
& in die Pfützen springen. Ihr
solltet nicht hier sein.«
Wieder lächeln einige Wenige.
Und setzen sich bequemer hin.
Und
Ich ging weiter.
Öffnete wahllos eine der Türen.
Köpfe auf Hälsen bewegten sich, wandten mir
Gesichter zu – viele kleine Menschen +
1 Lehrerin.
Alle stumm.
Schnell machte ich die Tür wieder zu.
Weiter. Weiter.
Unterm Regengetrommel.
Und dann sah ich
hinter Glasfenstern & Glastüren
ein riesiges Atrium.
Ein Atrium im obersten Stockwerk!
Überall Bänke & Tische.
An denen Menschen saßen,
offenbar Schüler & Lehrer.
Sie waren beim Essen.
Der Regen fiel auf sie herab,
verdünnte ihre Suppen, füllte ihre Gläser.
Sie mussten verrückt sein.
Alle.
Durch eine der Türen betrat ein Mann das
Innere des Gebäudes. Er trug
eine Polizeiuniform, führte einen Hund;
Hund & Mann waren nass.
Ich nahm
meinen Mut zusammen.
»Entschuldigung«, sagte ich zu der
Uniform. »Ich suche
Klasse 6b.«
Der Hund trug einen Maulkorb.
Der Mann sagte:
»Da müssen Sie ins Untergeschoss.
Und dort gehen Sie dann ….«
Er beschrieb einen Weg, den ich sofort
vergaß.
Ich bedankte mich, wandte mich ab &
suchte die Rolltreppe, die mich
nach unten bringen sollte.
Ich konnte sie nicht finden.
Mir fiel auf, dass
die beiden Blätter nicht mehr
da waren. Ich musste sie verloren haben. –
Ja, vielleicht
würde ich mich
an den Job gewöhnen –
im Laufe der Jahre.
Provinztheater
Plötzlich findet man sich wieder
in einem
Provinztheater.
Es wird gegeben:
Madame Butterfly.
Butterfly,
das zarte asiatische Pflänzchen,
wird dargestellt von
einer rothaarigen, dicken Person
mit Sommersprossen;
ihr Sopran ist nicht eben
der schönste ….
Und spielen kann sie auch nicht.
Aber da ist ja
die Musik.
Unzerstörbar.
Und da ist
die Phantasie …..
Die Phantasie hat halt
ein bisschen mehr zu tun
als sonst.
Was soll’s!
Sie ist gut trainiert.
Denn häufig ist
das Leben
ja auch nur
ein Provinztheater.
Inspiration
Sie las ein Gedicht
von mir.
Lächelte.
Sagte:
»Das gefällt mir. Ein
bisschen verrückt –
aber schön. Und
gefühlvoll.
Wie kommst Du nur immer
auf solche Sachen?«
»Ganz unterschiedlich«,
sagte ich.
»Eine Frage der
Inspiration. – Das da ist mir
zum Beispiel
eingefallen, als ich mir
gerade
den Sack rasierte.«




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