Tagesarchiv: 6. Juni 2012

Der Andere

Hinter den Worten
die ich schreibe
ist
ein Anderer.

Ich
glaube
ihn zu kennen

unbewußt.

Du
glaubst
mich zu kennen

weil Du
meine Worte liest

Doch hinter den Worten
ist der Andere –
mit seinen Eitelkeiten
seinen Sehnsüchten
seinen Trieben
seinen Prägungen
seinem Unterbewußtsein.

Er
schreibt meine Worte.

Er ist nicht
das Ich
das sich in den Worten spiegelt.

Du
kennst mich nicht

denn Du siehst nur
die Worte

& nicht
den Anderen.


Ich hab Fritten !

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie.

Mein großer Bruder
war noch klein.
Ich: noch kleiner.

Es war
in den Ferien. Am Meer.

Mein Vater & ich saßen
im Freien. Am Tisch eines
Imbisses.

Die Sonne schien, wie sie es
nur
manchmal
in der Kindheit tut.

Salz
kitzelte in meiner Nase.

Mein großer Bruder
der noch klein war
kam aus dem Innenraum
des Imbisses

mit einem großen Teller
der voll war

Mein Bruder strahlte

Schon von weitem rief er:
»Ich hab Fritten!«

Der bevorstehende Genuss
ließ ihn schneller gehen

Schon konnte ich
die Fritten riechen

als mein Bruder
stolperte

Den Teller
behielt er in der Hand

Aber
er war leer

Alles lag auf dem Boden

Ich erinnere mich
nicht
ob mein Vater & ich lachten

Beim besten Willen
kann ich mich nicht
erinnern

Aber
ich vermute es
denn
es wäre menschlich gewesen
zu lachen

Zumindest
kurz

Es wurde zum
Geflügelten Wort
in unserer Familie

»Ich hab Fritten!«

Für alle Momente
die an
diesen
einen
Moment
erinnerten

Und im nachhinein
ist es für mich
fast
ein Lebensmotto

Denn
ich hatte
oftmals
Fritten
in meinem Leben


Osram

Sie saß immer ganz vorne im Klassenraum.
Sie war hässlich.
Das war die einhellige Meinung aller.
Sie hatte sehr männliche Gesichtszüge,
eine tiefe Stimme,
kurze rostrote Haare, viele Sommersprossen,
und sie war sehr dick.
Ihre Kleidung war geschmacklos.
Auch das war die einhellige Meinung aller.
Immer saß sie allein, und wenn der Lehrer
sie aufrief, wurde sie
feuerrot in ihrem hässlichen Gesicht.
Deshalb nannten alle sie
Osram.

Ich saß immer ganz hinten.
Ich war weniger hässlich & sehr dünn,
und ich trug fast immer dieselben Klamotten;
aus Bequemlichkeit. Ich
meldete mich niemals & schaute oft
aus dem Fenster.
Es war das vorletzte Jahr vorm Abi.
Eines Tages verteilte der Lehrer Blätter, auf denen
verschiedene Themen gelistet waren.
Jeweils 2 aus diesem Kurs sollten sich
zusammentun & eines der Themen in den
kommenden Wochen bearbeiten.
Das einzige Thema auf der Liste, das mich
einigermaßen interessierte, hatte etwas mit
Psychologie zu tun. Und außer mir
interessierte sich für dieses Thema nur noch
Osram.
Na, herzlichen Glückwunsch! dachte ich.
Die anderen grinsten, während ich
nach vorne umzog & mich
zu Osram setzte.
Sie wurde rot.

Wir besprachen das Thema.
Die Röte wich aus ihrem Gesicht.
Wir schweiften ab vom Thema.
Sie lachte.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
Sie war verrückt nach Literatur.
Wir sprachen über Wilhelm Raabe.
Sie liebte Wilhelm Raabe.
Wer Wilhelm Raabe liebt, hat
zumindest
einen Teil
meines Herzens
gewonnen.

Sie lachte immer häufiger,
wir schweiften immer häufiger
vom Thema ab.
Sie hatte einen sehr makabren Humor.
Auch ich lachte immer häufiger.

Die anderen machten
dumme Bemerkungen.

Als die Arbeit fertig war,
trug Osram sie vor.
Sie saß am Lehrerpult & las.
Mit ihrer tiefen, fast männlichen Stimme.
In ihren geschmacklosen Klamotten.
Sie hatte nicht vorlesen wollen; aber
sie tat es, weil sie wusste, dass ich
es auch nicht wollte.
Sie wurde kaum rot.
Und die Arbeit wurde gut benotet.

Einmal wurde Osram nach der Schule
von ihrer Mutter abgeholt,
ich von einer Freundin.
»Wer issn die Dicke da drüben« fragte sie.
»Eine aus meinem Deutschkurs. Wieso?«
»Sie hat gerade auf dich gezeigt & etwas zu
der Frau gesagt.«
»Ach ja? Seltsam.«
»Und gegrinst hatse.«
»Hmm.«
»Gott, ist die hässlich«, sagte die Freundin.
»Na ja«, sagte ich, »können ja nicht alle
so toll aussehen wie du.«
Sie lächelte.
»Trotzdem, was hat die über dich zu reden?«
»Keine Ahnung«, sagte ich.
Dann wechselten wir das Thema.


Raumpatrouille Phantasie

In der Lieblingsserie
meiner Kindheit
wurden Bügeleisen
zum Steuerungsinstrument
eines Raumschiffs …
& Aspirin +C
lieferte die Luftblasen
während das Raumschiff
vom Meeresboden, der
in einem Aquarium existierte,
aufstieg, um
in ein
gezeichnetes All
zu starten.
Alles war
schwarzweiß –
einfach & schön.
Diese Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens
finde ich
weise.
Heute.
Damals
verstand ich sie nicht.
Nicht so.
Ich liebte nur
das Ergebnis.
Und dennoch –
sie beeinflusste mich.
Und meine
Phantasie.
Und
meine Herangehensweise
an die Gegebenheiten
des Lebens.
Und immer wenn ich
verkatert
ein Aspirin +C
in ein Glas Wasser werfe
oder
nüchtern
ein Bügeleisen sehe,
muss ich
daran zurückdenken
& lächeln.

Orion