Monatsarchiv: Februar 2012

Lebensgestolper statt Lebenslauf

Karriere
bekanntlich bedeutet dieses Wort auch: Galopp.
Meine Schulkarriere bewegte sich eher wie ein
Gaul, der beim Militaryreiten ernsthaft verletzt worden ist.
Nach den Grundschulen (2 Stück) kam das
Neusprachliche Gymnasium. Ein paar Jahre, und man
hielt es für besser, mich da wieder runterzunehmen
(„In Anbetracht der Umstände, Tod des Vaters etc., wären
wir bereit, die Fünfen in Vieren umzuwandeln, sofern
er die Schule verlässt.“)

Ok. Es folgte die Realschule. Und ungefähr 200
Fehlstunden. Ich schlief meist tagsüber, schon damals.
Die Erziehungsversuche meiner Mutter liefen ins Nichts.
Nach einem Jahr kam der gloriose Abgang wegen
eines weiteren Umzugs – mit dem schlechtesten Zeugnis,
das es an dieser Schule je gegeben hatte (2 Sechsen, 4
Fünfen & ein paar Vieren). Und bei Sport stand grundsätzlich
in allen Zeugnissen:
Nicht erteilt.
Nach dem Umzug hatte ich gar keine Lust mehr. Ich
unterlag aber noch 1 Jahr lang der Schulpflicht. Was tun?
Ich ging einmal pro Woche zur Berufsschule – ohne Lehre,
ohne Berufswunsch. Die übrige Zeit lag ich im Bett &
las. Oder machte Musik. Keine Ahnung, was für Ausbildungen
die anderen machten.
Ich war ohne Abschluss.
Nächster Umzug. Jobs drohten. ‚Dann doch lieber Schule’,
dachte ich.
Also, ab auf die Hauptschulen (2 Stück). Mit einer kleinen
Pause zwischen den beiden, versteht sich. Oder auch nicht so
klein; immerhin standen eines Tages, als ich von einem
nächtlichen Spaziergang zurückkam, Direktor & Hausmeister
der neuen Schule vor der Wohnungstür, um mich herzlich ein-
zuladen, am Unterricht teilzunehmen. „Und übrigens“, sagte
der Direktor zum Schluss, „Rauchen ist auf dem Schulgelände
nicht erlaubt.
“ Ich nahm noch einen Zug. Er grinste.
Diesmal gab es keine Fünfen oder Sechsen. Aber es gab ja auch
nach wie vor keinen Sport (da ich den Direktor, der mich
irgendwie mochte, davon überzeugen konnte, dass das nichts für mich sei).
Unmittelbar vor dem 4. Umzug innerhalb eines Jahres hatte ich nun
also den Hauptschulabschluss. Einen mittelprächtigen. Und noch
immer keine Lust auf einen Job. Eine weitere Schule musste her,
für den nächsten Abschluss.
Handelsschule. – Die einzige Schule, auf der ich etwas lernte, das
wirklich nützlich war: nämlich mit 10 Fingern zu tippen.
Niemals meldete ich mich, und fast niemals machte ich Haus-
aufgaben; es wurde toleriert, weil meine schriftlichen Leistungen
gut genug waren. Nebenher schrieb ich schmutzige Spottgedichte
auf die Lehrerschaft, die bei den Mitschülern sehr beliebt waren.
Schließlich hatte ich einen Abschluss. Einen Abschluss, der
dem Realschulabschluss entsprach, den ich vor Jahren ….
na egal, Schwamm drüber.
Der Direktor überreichte mir ein Buch mit persönlicher Widmung,
da ich der Jahrgangsbeste war. Sogar in Mathematik. Guter Witz.
Punkt. Absatz.
Ich liebe die Bequemlichkeit. Und das Bequemste war,
einfach weiterzumachen. Das bedeutete:
Wirtschaftsgymnasium.
Das Thema interessierte mich nicht, aber dies Gymnasium befand
sich im selben Gebäude wie die Handelsschule. Und ich liebe ja –
aber das sagte ich schon. Außerdem hielt sich die Zahl der neuen
Gesichter in Grenzen, da die Lehrer größtenteils dieselben waren.
Das bedeutete, ich musste kaum weitere Spottgedichte schreiben.
Die Zeit dümpelte so dahin.
Am Ende stand das Abi. Nicht das beste, aber ich hatte ohnehin
nichts damit vor.
Ich war 21 Jahre alt.
Danach –
kam erstmal eine Pause.
Aber das ist
ein anderes Thema.
Ich stolperte weiter.


Kein Mitleid

Ich tue so
als würde ich kein Mitleid kennen
mit denen, die sich
das Mitleid
redlich verdient haben

Denn »Mitleid« ist
vermute ich
das Letzte
was sie
wollen


Von Ende bis Anfang (& darüber hinaus)

Es sollte, wenigstens einmal, mit dem Ende beginnen,
mit den Vorwürfen, den bitteren Worten, den
Enttäuschungen, dem Hass.
Und dann sollte man sich langsam
auf den Anfang zubewegen, auf das
Verzeihen, die süßen Worte, die angenehmen
Überraschungen, das Verliebtsein.
Wie entspannend wäre das – zur Abwechslung.
Und dann ginge man über den Anfang
hinaus – & würde sich nicht kennen.
Noch nicht – oder nicht mehr; wie auch immer.
Und wie entspannend & angenehm wäre das erst!


Revision eines Textes

Im nachhinein ist man oftmals so
lächerlich!

(Oder war man es schon damals?)

Da hatte ich doch tatsächlich dieses Gedicht geschrieben:

Es sind doch nur Worte.
Worte, die mir aus der Tasche fallen,
wenn ich stolpere.
Kein Grund, mich zu mögen,
kein Grund, mich festzuhalten;
kein Grund für irgendwas.
Und wenn ich am Boden liege,
purzeln noch weitere Worte
aus meiner Tasche.
Keine Ahnung, wie sie da
hineingekommen sind.
Es ist mir auch egal.
Es sind doch nur Worte.
Kein Grund für
irgendwas.

Warum hatte ich es geschrieben?
Weil ich spürte, dass jemandem meine Worte
etwas bedeuteten …..
Weil ich befürchtete, dass jemand vielleicht
Gefühle entwickeln könnte – für mich …..
Und ich –
wollte mich dagegen wehren,
rechtzeitig ….

Flucht –
wie immer.

Ich hatte keine Ahnung, dass meine Worte
eigentlich
an mich gerichtet waren.
Vielleicht hatte ich unbewußt
Gedanken gelesen
& sie einfach
aufgeschrieben.

Ihre Gedanken.

Man ist ja oft
so lächerlich.


Wände

Sie wandte sich von mir ab
Wandte sich der Wand zu

Nun müsste sie sich nur
von der Wand abwenden

& wäre mir wieder
zugewandt

Doch ich weiß:
Wände sind faszinierend


Im Auge der Fliege

Ich möchte wohnen im
Auge der Fliege –
im
Facettenreich

Die Fliege, die
in meinem Auge landet,
hatte wahrscheinlich
andere Wünsche

In meinem Auge
gibt es keine Facetten

Wenn die Fliege Glück hat
ertrinkt sie nicht

Wenn ich Glück habe
trinke ich


Das Haar am Ohrläppchen

Oft ist man so unaufmerksam, dass man
das Haar übersieht, das aus dem
eigenen Ohrläppchen wächst.
Man sieht sich im Spiegel, wer weiß
wie oft – & sieht doch nicht
dieses eine Haar.
Und es wächst weiter & weiter,
wird länger & länger.
Und wahrscheinlich sieht es
jeder andere &
findet es
hässlich.
Und jeder andere schweigt.
Wenn ich
ein Haar an deinem Ohrläppchen sehe,
werde ich es dir sagen, sobald
ich es
sehe.
Und wenn du willst,
reisse ich es aus.


Wesenheiten

Vielleicht ist:
Das Loch im Dach abwesend
Die Ratte im Klo abwesend
Der Hunger abwesend
Der Wasserrohrbruch abwesend
Der Schmerz abwesend
Der Krebs abwesend

Bestimmt ist:
Der eigene Tod abwesend

Doch die Abwesenheit des Unerwünschten
(so gewaltig es vielleicht ist)
verschwindet hinter der Abwesenheit
des Erwünschten
(so nichtig es sein mag).
All das Schöne, das nicht da ist –
man sieht es vor Augen;
viel zu oft.
All das Schreckliche, das nicht da ist –
man hat es verdrängt;
die meiste Zeit.

Man müsste sich nur
daran erinnern.

Ab & zu.

So oft
wie möglich.

Und während man sich daran erinnert,
müsste man das Wort »noch«
verdrängen.

Aber wer
unter den anwesenden
Verwesenden
kann das schon?


Das Fingerschnippen

Die erste Nacht war die schlimmste, natürlich.
Geschlossene Psychiatrie, kurz vor meinem 16. Geburtstag,
großer Schlafsaal.
Mein Metallbett stand ganz am Ende des Saales;
der schwach beleuchtete Schreibtisch der Nachtaufsicht am
weit entfernten Eingang. Dazwischen all die anderen Betten,
mit all diesen fremden, älteren Männern.
Geräusche, Gerüche, Schatten.
Ich war verloren.
Hineingestossen in diese abgeschlossene Welt,
ohne Vertrautheit,
noch einsamer als zuvor.
Ich konnte nicht schlafen, beobachtete aus der Ferne den
Pfleger, der an dem Schreibtisch saß.
Ich war einer unter vielen.
Ein weiterer Verstörter.
Irgend jemand.
Nichts.
Ich befeuchtete mit der Zunge Daumen &
Mittelfingerkuppe – & schnippte 1 Mal, so laut ich konnte.
Der Pfleger blickte auf von seinem Buch, schaute
in die Dunkelheit, schaute in
meine Richtung.
Dann wandte er sich wieder dem Buch zu.
Minuten vergingen.
Der Druck in mir stieg an.
Ich schnippte wieder.
Der Pfleger stand auf; mit einer Taschenlampe ging er
durch die Reihen; er checkte jedes Bett. Ich
schloss die Augen, als er in meine Nähe kam; versuchte
ruhig & gleichmäßig zu atmen. Dann
hatte ich den Lichtschein im Gesicht – nur für einige
Sekunden. Der Mann mit der Taschenlampe war ebenfalls
hier eingeschlossen; aber er hatte einen Schlüssel.
Er ging wieder zu seinem Schreibtisch & setzte sich.
Ich wartete. Wartete. Bis ich
erneut schnippte.
Der Mann am Schreibtisch war nicht mehr allein, ein
weiterer Pfleger leistete ihm Gesellschaft.
Diesmal kamen sie zu zweit mit der Taschenlampe; und
sie überprüften nicht die anderen Betten, sie kamen direkt zu
mir, leuchteten in das Gesicht, das Schlaf vortäuschte.
Sie flüsterten.
„Wie ein Engel, was? Als könnte er kein Wässerchen trüben.“
„Hast du seine Akte gelesen?“
„Ja.“
Sie gingen.
Wandten ihre Aufmerksamkeit wieder etwas anderem zu.
Diesmal versuchte ich, etwas länger zu warten.
Es war schwer.
Diese Einsamkeit.
Diese Verlorenheit.
Ich schaffte es nur wenige Minuten.
Der erste Pfleger kam allein, leuchtete, flüsterte:
„Jetzt ist aber gut. Schlaf endlich.“
Ich reagierte nicht. Spielte weiterhin meine Rolle.
„Ich hoffe, wir haben uns verstanden“, flüsterte er.
Als er wieder am Schreibtisch war, tuschelten er &
sein Kollege irgendwas. Ich verstand sie nicht.
Mein Herz klopfte schneller.
Hatten sie verstanden?
Ich schnippte nicht wieder –
nicht in dieser Nacht
& auch nicht in den Nächten, die folgten.
Hineingestossen in eine abgeschlossene Welt.
Verloren in ihr.
3 ½ Jahrzehnte später –
heute ist
das Schreiben
mein Fingerschnippen.
Und zwischendurch tue ich immer noch so
als würde ich
schlafen.

(siehe auch: Die Klapsmühle)


Und für jeden Text …..

Und für jeden Text, den ich schreibe,
trete ich 985 Mal in die Scheiße,
lese ich 476 Bücher,
verliebe ich mich in 13 Frauen,
sterbe ich 7 Mal,
trinke ich 666 Flaschen Gin,
rauche ich 43 Zigarren,
esse ich 54 Bratwürste,
höre ich 374 Symphonien,
spritze ich 94 Mal ab
& bleibe 64000 Mal unbefriedigt.

(So ungefair jedenfalls)


Allein & Abgeschnitten

Das Nichts kann man sich nicht
vorstellen – man kann nur glauben, es
sich vorstellen zu können.

Aber
es gibt Nächte
(die Mondsichel erinnert an
einen abgeschnittenen Fußnagel in einem
schwarzen Abfluss)
da denkt man, es sei
leichter
sich das Nichts vorzustellen
als
das
Alleine &
Abgeschnitten
Sein
zwischen den
Menschen.


Die Leertaste

Die Leertaste auf meiner Tastatur scheint mir
abgenutzter zu sein als alle anderen Tasten …
Es muss sich um eine Täuschung handeln, rein
rechnerisch; natürlich.
Sie sieht versiffter aus als die anderen Tasten –
das könnte immerhin sein (Daumen sind breiter als
Fingerkuppen, und sie sind zu zweit).
Ergibt das einen Sinn?
Wahrscheinlich nicht.
Das ist mir egal.
Wie so vieles.
Ich taste im Leeren.
Ich rechne.
Mit nichts.
Irgendwann wird es so weit sein, dass ich
meine Memoiren schreiben werde – & ich werde dazu
ausschließlich diese versiffte Leertaste benutzen.
Entweder weil ich nicht anders kann,
nicht mehr anders kann,
oder
weil es letztendlich keinen
Unterschied macht.


Es ist schon seltsam

Es ist schon seltsam –
All diese jungen Frauen, die mir
im Laufe der Jahre in meinem Job begegnet sind,
Auszubildende, Kolleginnen – immer
kamen & kommen sie mit ihren Problemen
zu mir.
Ausgerechnet.
Zu mir, um sich auszuweinen.
Zu mir, mit ihren Geheimnissen.
Zu mir, um sich Rat zu holen.
Zu mir, der nur 2 Nächte pro Woche dort auftaucht.
Zu mir, der von Nichts eine Ahnung hat.
Wie kann man nur zu mir kommen?
Ich komme ja selber nicht zu mir.
Ich höre, was sie sagen;
ich sage etwas;
ich betrachte sie; und
ich bin weit weg …..
Zu weit weg
von allem.
Von ihrer Jugend,
von ihren Problemen,
von ihren Körpern.
Selbst in meiner Jugend war ich
zu weit weg
von allem.
Und jetzt?
Fast nicht mehr existent. –
Aber sie kommen immer wieder,
all diese jungen Frauen, die
nichts wissen von
meinen Problemen,
meinen Geheimnissen,
meiner Ratlosigkeit,
meiner Sehnsucht ….
Sie kommen wieder, als hätte ich
beim letzten Mal
etwas Richtiges
gesagt.
Es ist schon seltsam.