Tagesarchiv: 9. Februar 2012

Die Sängerin in der Bar

Es war Zufall.
Da saß diese schwarze Sängerin
aus Chicago in der Hotelbar;
an der Theke. In diesem
deutschen Kaff.
Trank. Und trank.
Im Saal nebenan: eine Betriebsfeier.
Langweilige Menschen.
Live-Musik.
Schrecklich Musik. Wie ich fand.
Die Sängerin nahm ihr Glas &
ging in den Saal, betrat
die geschlossene Gesellschaft.
Ich machte meinen Job,
oder das, was ich
& andere dafür hielten; an
der Rezeption.
Hin & wieder kamen Kollegen, die im
Saal bedienten, bei mir vorbei.
„Die ist komisch“, sagte einer. „Und
die macht eine der Backroundsängerinnen an.
Fällt allmählich auf.“
Ich sagte nichts.
Sie kam wieder zurück.
Setzte sich wieder an die Theke.
Trank weiter.
Redete mit dem Barkeeper.
Ich hörte ihre tiefe Stimme,
die Stimme, für die sie berühmt war.
Hin & wieder sprach sie auch
mit sich selbst.
Sie ging wieder in den Saal.
Kam wieder zurück.
Trank.
Irgendwann
kam sie zu mir.
Lächelte.
Sagte mir ihre Zimmernummer.
(Als ob ich die nicht gewusst hätte.)
Sagte: “If the girl from the band asks
for me, give her my room-number, please.

Sie lächelte. Ihre Augen ….
ein wenig glasig, ein wenig traurig.
Oder nein – sehr glasig, sehr traurig.
Ich lächelte zurück. Und das nicht, weil es
mein Job war, oder das, was ich & andere
dafür hielten.
Sie kam noch einige Male zu mir, um
sich zu vergewissern, dass ich ihre Bitte
nicht vergessen hatte.
Dann betrat sie den Aufzug. Die Türen
schlossen sich.
Irgendwann verstummte die schreckliche
Musik im Saal.
Die Gäste gingen.
Die Band baute das Equipment ab.
Schaffte es Stück für Stück, an der Rezeption
vorbei, nach draußen.
Ich hörte die Backroundsängerinnen, wie
sie sich unterhielten; mit ihren Durchschnitts-
stimmen. Die nicht immer den Ton getroffen hatten.
Sie machten sich lustig.
Lustig über die kleine Schwäche der
Betrunkenen.
Es war nicht mal Boshaftigkeit, was aus ihnen
sprach. Es war
etwas Schlimmeres.
Es war die Leere in ihnen; das,
was sie von der anderen
unterschied.
Ich stellte mir vor, wie sie da oben in
ihrem Zimmer saß
& wartete.
Aber vielleicht war sie ja auch schon
eingeschlafen.
Betrunken & einsam.
Das ist Jahre her; und es ist
immer noch seltsam, ihre Stimme zu hören,
oder sie im Fernsehen zu sehen – &
sich vorzustellen, dass diese
Backroundsängerin
sie vielleicht auch hört & sieht.
Und noch immer nichts
begriffen hat.


Ich habe keinen Charakter

Im Übrigen habe ich
keinen Charakter.

Jedesmal wenn ich höre oder lese,
was andere über ihren Literatur-, Musik-,
Film- oder Kunstgeschmack sagen,
denke ich mir:
DAS ist Charakter.

Dezidierte Ansichten.
Ein dezidiertes Ausschluss-
verfahren.

Ich:
schätze zu
Vieles.

Zu vieles, das nicht
zueinander
passt.

Literaten, Musiker,
Filmschaffende, Künstler, die sich
untereinander
gehasst haben.

Verschiedene Begriffe,
verschiedene Ansichten.
sich widersprechende &
einander ausschließende
Weltbilder.

Richtungen ohne gemeinsames
Zentrum.

Ich:
habe keinen Charakter.

Vielleicht sollte mein Schädel
enger sein,
um Platz zu haben

für einen Charakter.

Aber wahrscheinlich
würde ich mich dann
schrecklich langweilen.


Das wunderbare Chaos

Wann hörte ich eigentlich auf,
unordentlich & chaotisch zu sein in
allem Äußeren?

Wenn ich genau darüber nachdenke,
war es – als
meine innere Ordnung zusammenbrach &
das Chaos in mir zu wohnen begann.

Das wunderbare Chaos.

Fortan wurde ich so
ordentlich, dass ich jeden Gegenstand,
den ein Besucher in meiner Abwesenheit
in die Hand genommen & ein wenig anders
wieder zurückgelegt (verrückt) hatte, sofort
bei Betreten des Raums
bemerkte – erfühlte.

Eine Art von Austausch
zwischen Innen & Außen
hatte stattgefunden.

Ein Ausgleich, der
ein Gleichgewicht herstellen sollte.

Ab & an
wünsche ich mir die äußere Unordnung zurück,
als könnte diese mein (verrücktes) Inneres wieder
ordnen ….
Dann beginne ich, wie ein Set-Designer
eine Unordnung herzustellen ….

Aber sie ist künstlich –
vielleicht sogar kunstvoll,
eine Kulisse für meinen inneren Film.

Ich belächle meine Versuche,
denn letztlich ist dieser Film doch nur
eine Komödie,

& das innere Chaos
bleibt
wunderbar.


Lebensgestolper statt Lebenslauf

Karriere
bekanntlich bedeutet dieses Wort auch: Galopp.
Meine Schulkarriere bewegte sich eher wie ein
Gaul, der beim Militaryreiten ernsthaft verletzt worden ist.
Nach den Grundschulen (2 Stück) kam das
Neusprachliche Gymnasium. Ein paar Jahre, und man
hielt es für besser, mich da wieder runterzunehmen
(„In Anbetracht der Umstände, Tod des Vaters etc., wären
wir bereit, die Fünfen in Vieren umzuwandeln, sofern
er die Schule verlässt.“)

Ok. Es folgte die Realschule. Und ungefähr 200
Fehlstunden. Ich schlief meist tagsüber, schon damals.
Die Erziehungsversuche meiner Mutter liefen ins Nichts.
Nach einem Jahr kam der gloriose Abgang wegen
eines weiteren Umzugs – mit dem schlechtesten Zeugnis,
das es an dieser Schule je gegeben hatte (2 Sechsen, 4
Fünfen & ein paar Vieren). Und bei Sport stand grundsätzlich
in allen Zeugnissen:
Nicht erteilt.
Nach dem Umzug hatte ich gar keine Lust mehr. Ich
unterlag aber noch 1 Jahr lang der Schulpflicht. Was tun?
Ich ging einmal pro Woche zur Berufsschule – ohne Lehre,
ohne Berufswunsch. Die übrige Zeit lag ich im Bett &
las. Oder machte Musik. Keine Ahnung, was für Ausbildungen
die anderen machten.
Ich war ohne Abschluss.
Nächster Umzug. Jobs drohten. ‚Dann doch lieber Schule’,
dachte ich.
Also, ab auf die Hauptschulen (2 Stück). Mit einer kleinen
Pause zwischen den beiden, versteht sich. Oder auch nicht so
klein; immerhin standen eines Tages, als ich von einem
nächtlichen Spaziergang zurückkam, Direktor & Hausmeister
der neuen Schule vor der Wohnungstür, um mich herzlich ein-
zuladen, am Unterricht teilzunehmen. „Und übrigens“, sagte
der Direktor zum Schluss, „Rauchen ist auf dem Schulgelände
nicht erlaubt.
“ Ich nahm noch einen Zug. Er grinste.
Diesmal gab es keine Fünfen oder Sechsen. Aber es gab ja auch
nach wie vor keinen Sport (da ich den Direktor, der mich
irgendwie mochte, davon überzeugen konnte, dass das nichts für mich sei).
Unmittelbar vor dem 4. Umzug innerhalb eines Jahres hatte ich nun
also den Hauptschulabschluss. Einen mittelprächtigen. Und noch
immer keine Lust auf einen Job. Eine weitere Schule musste her,
für den nächsten Abschluss.
Handelsschule. – Die einzige Schule, auf der ich etwas lernte, das
wirklich nützlich war: nämlich mit 10 Fingern zu tippen.
Niemals meldete ich mich, und fast niemals machte ich Haus-
aufgaben; es wurde toleriert, weil meine schriftlichen Leistungen
gut genug waren. Nebenher schrieb ich schmutzige Spottgedichte
auf die Lehrerschaft, die bei den Mitschülern sehr beliebt waren.
Schließlich hatte ich einen Abschluss. Einen Abschluss, der
dem Realschulabschluss entsprach, den ich vor Jahren ….
na egal, Schwamm drüber.
Der Direktor überreichte mir ein Buch mit persönlicher Widmung,
da ich der Jahrgangsbeste war. Sogar in Mathematik. Guter Witz.
Punkt. Absatz.
Ich liebe die Bequemlichkeit. Und das Bequemste war,
einfach weiterzumachen. Das bedeutete:
Wirtschaftsgymnasium.
Das Thema interessierte mich nicht, aber dies Gymnasium befand
sich im selben Gebäude wie die Handelsschule. Und ich liebe ja –
aber das sagte ich schon. Außerdem hielt sich die Zahl der neuen
Gesichter in Grenzen, da die Lehrer größtenteils dieselben waren.
Das bedeutete, ich musste kaum weitere Spottgedichte schreiben.
Die Zeit dümpelte so dahin.
Am Ende stand das Abi. Nicht das beste, aber ich hatte ohnehin
nichts damit vor.
Ich war 21 Jahre alt.
Danach –
kam erstmal eine Pause.
Aber das ist
ein anderes Thema.
Ich stolperte weiter.